Followerpower

Diesmal habe ich eine technische Frage an euch und hoffe, dass jemand, der oder die hier mitliest, die Antwort kennt.

Klickcounter/Blogstatistik ist das Stichwort. Als WordPresserin kann ich ja auf unzählige Plugins für die Widgetleiste zugreifen, die es manchmal ähnlich auch für selbstgehostete Blogs gibt. Leider nicht immer. Oder doch?

Ich habe neulich testweise auf diesem Blog in meiner Seiten-/Widgetleiste den Klickcounter, der bei WordPress schlicht und einfach Blogstatistik heißt, eingefügt. Geht ja ganz einfach.

Genau das möchte ich nun im selbstgehosteten Blog einer Kundin auch tun. Nach vielen Recherchen und noch mehr Herumfragen haben wir nicht wirklich eine befriedigende Lösung gefunden. Es gibt zwar diverse Counter für einzelne Artikelklicks oder Seitenklicks und das mächtige Statistik-Tool Piwik, das aber für unseren Bedarf übers Ziel hinausschießt.

Kennt jemand von euch ein leicht zu installierendes Plugin, das quasi dem WP-Widget Blogstatistik entspricht? Und ja, es sollte auch die bereits erfolgten Klicks (also von Anfang an) mitzählen, also irgendwie Jetpack-kompatibel sein.

Als Finderlohn werden wir – Irgendlink, die Kundin und ich – uns etwas ausdenken. 🙂

Bitte meldet euch direkt per Mail bei mir: Kontakt.

Danke!!!

Das zweite Stöckchen

liebster-awardLiebe Fürhilde, endlich, besser spät als nie, löse ich mein Versprechen ein, dir deine Stöckchenfragen zu beantworten. Ich danke dir für deine Wertschätzung und dein Interesse am Austausch von Gedanken rum um das Schreibhandwerk.

1.) Wie viel Platz hat das Bloggen in deinem Alltag?
Die Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Bloggen ist für mich nicht nur das Schreiben eines Artikels, sondern eben auch die dem Schreiben vorausgehende Auseinandersetzung mit einem Gedanken, mit einem Thema, mit einem Problem. Ich denke ständig und viel, doch nicht aus jedem dieser Gedanken wird ein Blogartikel. Manche Gedankenflüsse verlaufen im Sand, andere werden verdichtet zu einer kleinen Lyrik im Tagebuch, noch andere werden ins Blogartikelformat gebracht. Zu meiner Auseinandersetzung mit der Welt gehört das Blogschreiben längst dazu und auch der Austausch mit anderen Bloggerinnen und Bloggern ist mir in diesem Kontext längst unverzichtbar geworden.

2.) Wie viele deiner Verwandten, Bekannten und Freunde setzen sich mit deinem Schreiben auseinander?
Noch so eine schwer beantwortbare Frage! Das Blog zeigt bei mir ja nur ein Teil meines Schreibens. Da ich auch immer mal wieder Geschichten und Artikel veröffentliche, wird die Beantwortung unübersichtlich. Zumal auch ehemals unbekannte Bloglesende zu Bekannten und FreundInnen geworden sind. Verwandte sind es eher wenig, die mein Blog oder meine Texte lesen. Sie wissen zwar, dass ich schreibe, aber selten was. 🙂 Und das ist auch ganz okay so. Der Austausch mit Bekannten und FreundInnen ist mir in diesem Lebensbereich wichtiger.

3.) Wohin gehst du, wenn du traurig bist?
Das hängt davon ab, wo ich gerade bin, wenn die Traurigkeit zu Besuch kommt. Meistens gehe ich in die Natur, an einen Fluss oder in den Wald. Manchmal allein, manchmal mit Lieblingsmenschen. Oder ich schlafe eine Runde. Das hilft auch oft.

4.) Wann ist die beste Zeit zum Schreiben?
Sehr unterschiedlich. Meistens habe ich am meisten Schreiblust in der ersten Stunde nach dem Erwachen. Ich schnappe mir dann mein iPhone und die externe Tastatur und schreibe drauf los. Oft ist es aber auch am späten Nachmittag oder am Abend, wenn die Ideen purzeln. Am wenigsten kreativ bin ich wohl so um den Mittag herum und am frühen Nachmittag. Die beste Schreibzeit ist dann, wenn ich voller Gedanken und Ideen bin.

5.) Wann hast du angefangen zu schreiben?
Mit drei. Ohne Witz. Ich habe mit drei die Buchstaben gelernt und angefangen comicartige Bildergeschichten zu kritzeln. Inklusive Sprechblasen. Später ging es mit Aufsätzen als Lieblingsschulfach, Tagebuchschreiben und Kurzgeschichten weiter. Erste Veröffentlichungen dann so ab 2005.

6.) Welche ist deine Lieblingsjahreszeit?
Frühling-Sommer-Frühherbst. Hauptsache nicht zu kalt.

7.) Wirst du irgendwann aufhören zu schreiben?
Ziemlich sicher nicht, es sei denn, ich könnte nicht mehr …

8.) In welcher Stadt fühlst du dich am wohlsten?
Wenn Stadt, dann Bern. Aber eigentlich bin ich inzwischen fast lieber in kleinen Orten unterwegs. Oder ganz auf dem Land.

9.) Was liefert dir die Rohstoffe aus denen am Ende ein Text entsteht?
Das Leben selbst: Erfahrungen. Beobachtungen. Gespräche. Menschen. IT-Technik als Metapher für das Leben. Alles, worüber ich nachdenken mag.

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Das Stöckchen mit dem Liebster-Award drumrum fange diesmal bitte auf, wer immer Lust hat. Ich werde ausnahmsweise niemanden nominieren. Wer aber Lust hat, Fürhildes neun Fragen ebenfalls zu beantworten, darf das bei sich auf dem Blog gerne tun. Also los, Stöckchen, fliege weit und lande weise …

3 – 2- 1 – werf … Juhuuuu …

Eigentlich und einfach

Über Berührung zu schreiben, ist mindestens so unmöglich wie über Liebe. Vielleicht noch unmöglicher, wenn es diese Steigerung denn gäbe.
Was berührt und warum und wie und wohin Berührungen führen und warum sie für mich so wichtig sind? Was für ein komplextes Thema, das sich vorgestern auf einmal in meine Fahrgedanken geschoben hatte!

Kaum von zu Hause aufgebrochen, nordwärts fahrend, tat sich auf einmal Raum in mir auf. Die Tage davor waren emotional sehr herausfordernd gewesen, alte Narben spürten den Wetterwechsel und juckten wie verrückt. Seelennarben, selbst gut gepflegte und verheilt aussehende, werden nie verschwinden. Vielleicht wird die Seelenhaut eines Tages fast wieder so glatt wie einst sein und vielleicht werden Außenstehende von der Narbe nichts mehr sehen, sie nicht bemerken. Nicht auf den ersten Blick.

Aber. Jedoch.

Wir sind eine Summe. Die Summe und noch viel mehr all dessen, was uns je berührt hat. Wir sind Gewordene. Geformte. Wie das Stück Holz, der Baumstamm, den ich vor einigen Tagen auf der Bildergalerie Pixartix gezeigt habe. Wir sind die Summe auch all jener Berührungen, die wir entbehrt haben. Nach denen wir uns gesehnt haben. Die wir womöglich noch nicht einmal vermisst haben, weil wir sie als unmöglich betrachtet hätten, als unverdient sogar, hätten wir darüber nachgedacht. Doch selten denkt ein Kind darüber nach, was sein könnte. Oder nicht so, nicht auf diese Weise. Differenzen. Diskrepanzen. Löcher. Lecks. Berührungslecks. Auch sie lassen uns Gewordene, Geformte sein.

Weit mehr als Haut auf Haut ist Berührung, viel mehr als Küsschen hier und Küsschen da und auch mehr als die Umarmung einer liebe Freundin oder des Geliebten. Berührung ist Erschütterung. Berührung ist Unterhaut auf Unterhaut, ist Seele auf Seele, ist Herz auf Herz. Doch hier höre ich mit meiner Definition auf, denn sonst wird es hier unerträglich sentimental. Wie ich halt auch bin. Und nicht mal ungerne.

Ja, es gibt Dinge, die kitschig aussehen, klingen, wirken, wenn man nur ihr Abbild, ihren Ausdruck sieht, eine Postkarte, ein Bild, Worte in einer Geschichte, in einem Blogartikel. Doch genau diese Dinge sind im echtem Leben so essentiell, dass wir ohne sie nicht leben sondern darben, wie eine ungegossene Pflanze eingehen, schrumpfen. Okay, ohne Sonnenauf- und -untergänge kann man vielleicht leben, aber ohne liebevolle Berührungen nur schwer, verdammt schwer.

Ja, Berührung war es, die ich am meisten vermisst habe, damals. Meine Nase konnte nicht mehr am Haar meines kleinen Sohnes schnüffeln, wenn wir zusammen Bücher anschauten und er mir dabei mit einem staunenden Kichern seine Welt erklärte.
Aber Mama, das ist doch der Goldnackenara nicht der Gelbbrustara, das sieht man doch.

Bei Missgeschicken meinerseits war er mir sofort mit gutem Rat zur Seite:
Aber Mama, das muess doch eigentlich eifach so sii.

Wie recht er hatte, mein kleiner Prophet, erkenne ich erst nach und nach. Verstehen tu ich vieles nicht, was das Leben mit mir macht, aber akzeptieren, dass Dinge manchmal und eigentlich einfach so sein müssen. Weil wir sie nicht ändern können.

Über den Gartenzaun

Aus dem Fenster nannte Sherry ihren Blogartikel, in welchem sie einige ihrer sehr dichten Gedanken über unsere Menschheit schreibt. Ich zitiere:

Mir fehlen die Autoren und Autorinnen, die es noch schafften, über sich zu schreiben, ohne den Radius ihrer Beschreibungen so eng an sich zu pressen, dass man beim Lesen unwillkürlich das Gefühl bekommen muss, sich um die Autorin oder den Autor zu drehen.

Die meisten Texte hören sich an wie bunt gestellte Bilder aus dem hauseigenen Facebookalbum. Als ich Dostojewski las, fühlte ich, dass sein Kämmerlein dunkel war und sein Mantel verstaubt, auch wenn das vielleicht nicht so war. Mir fehlt der Schmerz und der Dreck beim Schreiben. Das Kerzenlicht, der vergilbte Teppich und die Erschöpfung. Heute müssen Texte gut aussehen, wie ein Instagram Foto. Ich glaube, Autoren sind weniger anfällig für diese Art des Schreibens. (Ich lasse mich hier gerne eines Besseren belehren). […]

Es ist überall das Selbe, völlig gleich, welche Religion und Kultur man hat. Der individuelle Unterschied besteht nur darin, wie viel man sehen, erleiden, und aushalten kann, bevor man selbst zum Raubtier wird.[¹]

Seit Tagen liegt ein Zettel auf meinem Schreibtisch, auf dem das Wort Menschheit? steht. Ja, dahinter steht ein Fragezeichen. Was genau ich dachte, als ich den Zettel geschrieben habe, weiß ich nicht mehr. Was noch drauf steht? Machen gesättigte Menschen andere Kunst als hungrige? Eine mögliche Antwort darauf hat Sherry mir oben gegeben, wenn wir für einmal jeden schriftlichen Selbstausdruck Kunst nennen.

Ich erinnere mich, wie wir eines Sommerabends mit Freundin S. am Feuer saßen und über Kunst und Kunst redeten. Wie so oft. Und worin sich Kunst von Kunst unterscheidet.
Sie sind alle so verdammt satt!, sagte S. über einige Künstlerinnen. Und das sieht man ihren Bildern auch an.

Diesen Satz kaue ich oft. Bin auch ich zu satt, bin auch ich eine dieser Autorinnen und Autoren, über die Sherry im Zitat oben schrieb? Ich will hier nicht ihr Ja oder ihr Nein, sondern meine Antwort, meine ganz persönliche, aufrichtige. Und ich will auch nicht, dass wir alle hungern müssen.
Ich wollte schon immer so schreiben, dass dein Blick beim Lesen meiner Zeile in die Weite fliegt. Dass du merkst, dass ich über das Leben aller schreibe, ausgehend zwar von meinem, aber dass ich auch dich meine. Selbst wenn ich in erster Linie für mich schreibe.

Früher habe ich vor allem geschrieben, wenn mein Herz hungrig war nach Lebensmitteln, die mich wieder mitten und mein Leben stärken würden. Heute schreibe ich, weil ich das Schreiben als Lebensmittel begreife. Weil ich glaube, dass es mein Ding ist. Und weil ich Worte habe. Etwas zu sagen zuweilen auch. Weil ich schreibend mein Menschsein zu begreifen versuche, und vielleicht sogar die Menschheit als ganzes ein bisschen mehr. Obwohl. Die Menschheit als ganzes – das ist schon mal eine komische Sache …

Aber an diesem ersten Tag im Bordell saß ich in einem Kreis von Kolleginnen und sagte: „Ich habe das Gefühl, ich habe nie etwas anderes gemacht.“ […] Was ich aber eigentlich gemeint hatte, als ich diesen Satz zu der Kollegin gesagt habe, war: Die Qualitäten, die ich in der Erziehung zur Tochter aus gutem Hause gelernt habe, sind die Qualitäten, dank derer ich mich im Bordell heimisch gefühlt habe. Weil ich genau wusste: Du bedienst das, was die Welt von außen an Erwartungen an dich stellt. Und die Welt ist im Patriarchat erst mal eine männliche. Was wir an Hörigkeit den Erwartungen der Welt gegenüber lernen, als Kinder in diesem Schulsystem und später in der Welt aus Studium und Ausbildung, bereitet dich perfekt auf den Puff vor. [²]

Die einen Menschen sind selbstzerstörerisch, andere zerstören fremdes Eigentum, fremdes Leben. Wieder andere kreieren ständig neue Dinge, erfinden Sachen, die einem kleinen Teil der Menschheit den Alltag, die Arbeit, die Freizeit, ein bisschen leichter macht, während der andere Teil der Menschheit dafür schuftet und dafür nicht mehr als einen Hungerlohn bekommt. Noch andere sind ganz und gar für andere da, sie kämpfen für bessere Lebensbedingungen. Für eine bessere Welt. So viele Kontraste! Mehr Farbnuancen hat die Gesamtmenschheit als mein Laptop erzeugen kann. Und dann soll es je dieses Licht im Kosmos geben, so lernte ich neulich, das wir mit unseren Augen nicht sehen können, weil uns dafür die entsprechenden Sinnesorgane fehlen (oder so ähnlich) – die notwendigen Apps oder Programme um diese Lichtsensationen zu öffnen … Diese Menschheit also?

Und ich als Teil davon. Du auch. Und du ebenfalls. Untrennbar mit ihr verbunden. Und mit allem andern, was lebt. Menschheit …

Manchmal bin ich so verdammt satt, ja, vom Leben. Lebenssatt. Ich weiß, das kann man nun so oder so verstehen. Und ja, das ist Absicht. Nein, das hätte ich jetzt nicht erklären müssen, ich weiß, ihr habt es alle selbst gemerkt. Ich habe eben schlaue Leserinnen und Leser. *stolzbin*.

Und jetzt? Sherry, darf ich dich nochmals zitieren? Zum Abschluss und weil es so wahr ist, was du schreibst.  … und damit wir es nie vergessen!

Die Tage sind nach oben und unten hin wild.

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Quellen

[¹]  http://iranique.wordpress.com/2014/11/05/aus-dem-fenster/
[²]  https://krautreporter.de/71–wir-verschiessen-standig-potenzial (Simone hat in Berlin mehrere Jahre lang in einem Bordell gearbeitet. Hier erzählt die 32-Jährige, was sie in dieser Zeit gelernt hat: Über den Puff als Lebensschule, warum Reden aufregender als Sex sein kann und über die archetypische Sehnsucht des Mannes, Frauen glücklich zu machen.)

Unerwünschte Erweiterungen

Der gestrige Polizeiruf 110 ist ja echt etwas vom heftigsten, was ich je gesehen habe. Wahnsinn auch fand ich diese Verknüpfung des zu lösenden Falls mit Bukows Privatleben.

Zur Geschichte:

Katrin König und Alexander Bukow geraten mitten in ein Familiendrama. Arne Kreuz, ein bisher unbescholtener Familienvater, befindet sich nach Trennung und Jobverlust im freien Fall. Er hat seine Frau sowie seinen jüngsten Sohn getötet. Jetzt ist er flüchtig – und auch von seinen Kindern Nicole und Jonas fehlt jede Spur. Unter Hochdruck versuchen Bukow, König und ihr Team, das tragische Verbrechen zu begreifen, den Amok laufenden Mann zu finden und Nicole und Jonas zu retten. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit – und die Kommissare können nur erahnen, welches Ziel sich Arne gesetzt hat.

(Quelle: ARD mediathek, Link: siehe unten)

Nein, ich werde nun nicht das Drehbuch loben, obwohl es wirklich saugut war. Die schauspielerische Leistung ebenfalls. Und auch die Story werden ich nicht besprechen.

Nein. Ich schreibe, weil ich mich outen will. Ich will nicht euer Mitleid, bitte nicht, und nein, ich habe keine Ahnung, wie sich die Diskussion, die ich womöglich lostrete, entwickeln wird, doch es ist mir ein Bedürfnis, hier und jetzt einmal zu sagen, dass ich …

Hm. Wie schreibt man so was? Dass ich auch das Opfer (die Hinterbliebene, die Betroffene?) eines sogenannten Erweiterten Suizides war bin war. Ich hasse die Wörter Opfer und Erweiterter Suizid. Erstes impliziert eine passive Haltung, die ich – dank intensiver Arbeit an mir – allmählich ablegen durfte. Wie schreibe ich es denn nun, dass es richtig rüberkommt? Und was ist richtig? Gibt es das in solchen Fällen überhaupt? Vielleicht so: Ich hatte einen Partner, der so ähnlich wie Arne tickte. So ähnlich und doch anders. Zwar hatte ich nicht drei Kinder wie Jeanette und Arne, ich hatte „nur“ eins. Ich hatte einen wunderbaren, goldigen, lebensfrohen Sohn, der an seinem dritten Geburtstag mit seinem Vater zusammen gestorben ist.

Erweiterter Suizid – auch das: ein falscher Begriff. Er impliziert, dass die Person/en, die mit dem Menschen, der den Suizid begeht, einverstanden sind. Mag sogar sein, dass in solchen letzten Momenten so etwas wie Einverständnis besteht. Ein Kind versteht längst nicht alles, was ein sterbewilliger Elternteil sagt. Beschlossen hat. Will. Und dieser wohl auch selbst nicht. Dennoch: Einverständnis ist eins, freie Wahl etwas total anderes.

Andreas Schmidt spielt den psychisch kaputten Vater Arne mit einer so überzeugenden Ambivalenz, dass ich nicht anders kann als ein klein bisschen besser zu verstehen. Nicht gutheißen, keine Sekunde, aber verstehen. Wie ich das auch den Vater meines Sohnes konnte. Und kann. Eine kranke Art von Liebe, sage ich mal wenig differenziert und vereinfacht. Krass wird dieses Dilemma im Film vor allem am Schluss, am Strand, wo es um das Leben von Sohn Jonas geht.

Ebenfalls krass finde ich, dass Bukows Privatleben eine ähnliche Krise erfährt, die auch Arne wenige Wochen zuvor erlebt hat. Seine Frau hat sich entschieden, ohne ihn weiterzuleben. Was das mit einem Menschen macht, wie es ihn durcheinanderbringen kann, erfährt Sascha Bukow wortwörtlich am eigenen Leib. Sein Glück ist, dass er Teil eines Teams, eines funktionierenden sozialen Netzes ist und die Gabe hat, zu reflektieren.

Arne hatte das nicht mehr. Oder nie. Was dann, wenn nicht …?

Müsste man sich mehr einmischen in die Beziehungen anderer?, fragte mich nach meinem Drama eine Freundin.
Ich weiß es nicht.

Über Ursachen kann immer nur spekuliert werden. Und sie variieren von Situation zu Situation.

Wie kann man das Leben seiner Mitmenschen, die Welt, so mitgestalten, dass solche Situationen gar nicht erst entstehen müssen?
Ich weiß auch das nicht.

Am Ende sind immer mehr Fragen als Antworten. Und das gilt es zu akzeptieren. Vielleicht.

Ich habe gelernt, dass Verzeihen etwas ist, dass man im Grunde vor allem um seinetwillen tut. Um sich zu versöhnen mit seiner Geschichte. Ohne Verzeihen gibt es nur schwer „ein Leben danach“.

Etwas anderes, was ich im Kontext mit Suizid noch loswerden möchte: Suizid kann man selten oder nie als eine isolierte Handlung anschauen. Sie ist eine Folge gesellschaftlicher Prägungen und unzähliger Erlebnisse, Erfahrungen, Verletzungen. Ich spreche niemandem das Recht ab, seinen Tod selbst zu bestimmen. Aber bitte allein.

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ARD-Mediathek
www.ardmediathek.de/tv/Polizeiruf-110/Familiensache-Video-tgl-ab-20-Uhr/
www.ardmediathek.de/tv/Günther-Jauch/Familiendrama-wenn-Eltern

Verlieren und wieder finden

Meine letzten Monate waren intensiv, äußerlich und innerlich. Randvoll fühle ich mich, fast übersättigt. Voll mit Wörtern, mit Bildern. Heute ist fasten, verdauen und ausscheiden angesagt. Selbst Worte finden. Allenfalls ein Buch lesen. Allenfalls ein Buch besprechen. Spazieren gehen vielleicht. Ansonsten: selbst schreiben. Selbst kreieren. Selbst denken. Und dieser leisen Irritation in meinem Leben zuhören, die mich da fragt, was wirklich ist, wahr war und echt wird. In diesem Augenblicken möchte ich mein Netz sehen, alle meine Spuren, die ich bis hierher gegangen bin. Alle Verbindungen, Vernetzungen, Verstrickungen, Beziehungen, Verwandtes und Verwandte, Relations. Denn relativ ist alles. In Bewegung auch. Ein Ziehen und ein Lassen. Dichte Netze, in denen ich hänge. Dichte Schichten, gedichte Schichten. Geschichten. Gedanken, Spiele, Worte. So viele, dass mir nur schreiben bleibt. Ausscheiden.

Über das Verlieren nachdenken und was man finden kann, wenn man loslässt. Selbst wenn man es nicht bewusst getan hat. Die vielen Menschen, die meinen Weg kreuzen. Gekreuzt haben. Noch kreuzen werden. Manche sind eine Zeitlang fast parallel zu mir unterwegs, ganz nah tangieren oder kreuzen sie meine Umlaufbahn sehr oft und sehr intensiv. Irgendwann verändern sich unsere Lebenskurven und man sieht sich seltener, hört sich weniger und auf einmal ist ein Mensch weit weg. Obwohl er im Herz geblieben ist. Solche Menschen auf einmal wiederzusehen, ist für mich immer wieder wie Briefkasten öffnen am Geburtstag. Danke, liebe R., für diesen wunderbaren Nachmittag und Abend gestern. Den Einblick in dein Leben. Und in das deines kleinen-großen Sohnes. Ich fühle mich beschenkt.

Umlaufbahnen. Wege, die wir gehen. Ich möchte, wie gesagt, meine Wegkarte manchmal sehen, von oben am liebsten, wie einen von meiner Track-App aufgezeichneten roten Weg auf meiner Lebenskarte. Aber nicht nur die Wege von gestern, von letztem Monat, von letztem Jahr. Ganz von Anfang an! Würde ich so womöglich meine Lieblingsorte herausfinden, jene Orte, die mich am meisten nähren? Wären dies jene Orte, wo ich am häufigsten bin? Oder hat Häufigkeit keine Bedeutung, weil sie im Grunde nichts über die Qualität eines Ortes aussagt? Lieblingsorte – was müssen sie erfüllen, um diesen Namen zu verdienen?

Was Bern für mich ist, versuche ich noch immer zu verstehen. Immer wieder. Gestern war ich mal wieder dort und in der Umgebung unterwegs. Zuerst auf dem Friedhof. Ihn zu meinen Lieblingsorten zu zählen, wirkt auf den ersten Moment zynisch. Vor allem, wenn man nicht weiß, dass ich schon früher Friedhöfe gemocht habe. Vor allem, weil sie oft genau das sind, was ihr Name bedeutet; für mich jedenfalls. Die Gegenwart sichtbarer Endlichkeit erlebe ich nirgends so sehr wie auf Friedhöfen. Mir ist das Trost, meine Endlichkeit tröstet mich; jegliche Endlichkeit tröstet mich. Im Wissen darum, dass sich das Universum stetig ausdehnt und Endlichkeit letztendlich ja doch nur eine Illusion ist. [Und mittendrin die Frage, ob man elf Jahren danach wieder normal sein sollte. Normal?] Vermutlich. Keine Antworten finden und haben zu müssen, ja, auch das finde ich auf Friedhöfen. Und ganz viele Paradoxien. Am meisten aber finde ich hier Liebe. Liebe? Ja. Sie liegt unter der Erde, schwebt über den Gräbern, steht auf den Grabsteinen, vor allem aber ist sie Teil der Luft, die ich atme. Verlust. Trauer. Tränen. Ja, auch sie, am stärksten aber ist die Liebe.

Mein rotes Straßennetz also. Wo wären meine häufigsten Kreuzungen? Vielleicht dort, wo es am wenigsten Wege gibt. Und schon gar keine Schnellstraßen. In Wäldern vermutlich. Auf Hügeln. An Flüssen. In der Natur jedenfalls.

Gestern also. Um Bern herum. Vom Friedhof nach M.see, an die Fotoausstellung von Freundin R., die ich fast vier lange Jahre nicht mehr gesehen habe. Sporadische Mails zuerst noch. Irgendwann nichts mehr. Nicht absichtlich. Die Zeit, die Zeit. Das schnelle Leben. Auf fb haben wir uns schließlich vor ein paar Monaten wiedergefunden.

Am Anschluss an ihre Ausstellung lädt sie mich zu sich ein. Mit Sohnemann und ohne Autositz in meiner Karre will sie aber mit öffentlichem Verkehr nach Hause fahren, derweil ich mich durch den frühen Samstagabendverkehr fuhrwerke. Über Land mache ich kurz Halt und genieße die Weitsicht. Die Alpen. Den diesigen Nebel, der sich nun langsam, wo es Abend wird, wieder vor die sinkende Sonne schiebt, die alles gegeben hatte, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Weite. Schneebergspitzen.

Eine ältere Dame sitzt in der Nähe, kommt auf einen Schwatz auf mich zu, später kommt ihre Schwester zurück, die mit dem Hund unterwegs war. Wir reden über die Berge, das Land, das Leben, den Weg von hier nach K., wo Freundin R. wohnt. Autobahn oder über Land, geht beides. Nein, hier lang gelangt man zwar nicht nach K., aber der Schlenker hat sich gelohnt. Die Aussicht. Die zwei Frauen. So will ich mal sein, so ähnlich, wenn ich so alt sein werde. Falls ich so alt werde. Offen. Interessiert.

Bevor ich nach K. fahre, zieht es mich, wenn ich schon in der Nähe bin, nach Ausserholligen, meinem früheren Wohnquartier. Sechs Jahre mein Zuhause. Und ja, wirklich ein Zuhause. Es ist auch jetzt noch, nach dreieinhalb Jahren, wie heimkommen. Erinnerungen überschwemmen mich. An die erste Zeit hier vor allem und an die Zeit, als ich Irgendlink schon kannte. Wie wir dieses Quartier gemeinsam erforschten. Ich betrachte die neuen Häuser, die Schule, die ich als Baustelle verlassen hatte. Ich sehe die neuen Läden im Quartier und frage mich, wie lange sie sich halten werden. Ich höre das stetige Straßenrauschen meiner Lieblingsstadt. Das Quietschen der Straßenbahn. Ich liebe diese Stadt, auch wenn ich ein Landei bin. La nostalgia. Nach K. fährt es sich fast wie von allein, ist ja mein früherer Arbeitsweg.

Monster
Tausendfüssler

Bei R. erzählen, lachen, staunen, fein essen, mit Sohn B. (6) über die Ausdehnung des Universums fachsimpeln und rumalbern. Sich wiederfinden, ohne sich je ganz verloren gehabt zu haben.

Lebenswege. Roter Faden. Heimweg.

Ich fädle mich in den Zubringer und schließlich in die Autobahn ein. Wie oft bin ich früher hier eingespurt? Richtung Süden am Anfang, später eher Richtung Norden, Basel, Strasbourg, Pfalz.

Das Leben. Meine Wege.

Über das Leben und alles unterwegs verlorene, verloren geglaubte, denke ich nach. Und was ich alles wieder zurückbekommen habe. Denn was ich losgelassen habe, ist nicht wirklich verloren. Aber ich muss nicht alles, was war, wiederhaben, nein. Weil es ja gar nicht weg ist. Habe ich die Musik, die Bücher, die Geschichten, die Menschen, die ich früher in meinem Leben hatte, verloren? Bin ich womöglich eine Ewig-Gestrige, weil ich noch immer einiges so habe wie früher? Und wenn schon. Schubladen sind mir egal. Ziemlich jedenfalls.

Nichts geht verloren, wandelt sich aber. Auch du und ich – wir alle verändern uns. Ich habe vieles beerdigt, und tue es noch. Immer mal wieder ist Beerdigung angesagt. Auf meinem ganz persönlichen Friedhof. Friede meinen Erlebnissen. Friede meinen Erfahrungen. Friede meinen Erinnerungen. Rest all in Peace. Restmüll ist es dennoch nicht. Alles biologisch abbaubar. Verwandlung, wie gesagt. Und auf einmal wird altes neu, wächst aus der Erde dem Licht entgegen.

Ausgekotzt – so fühle ich mich nun, Befindlichkeitsbloggerin ich. Leer.

Gut so. Platz für neues. Austausch ständiger. Raus. Rein. Essen. Trinken. Verdauen. Vergessen.

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