Ewige Pilgerschaft

Ein Pilger ist einer, der eine Haltung sucht zu Ranken
und anderen Fesseln, doch welche? Soll ich sie
mit meinem scharfen Pilgermesser abhacken, so
schnell sie wachsen? Oder sie hegen und pflegen und
jeden Tropfen, egal welchen Wassers, auffange, um sie
in ihrem Ringen zu stärken? Liebe ist das
Geheimnis im Innern dieses Gehens. Wie
ein Hund läuft sie uns voraus aus dem Bild.*

Was willst du festhalten, Frau?
Worum sorgst du dich?
Was pflegst du?
Und was lässt du los?

Wofür gehst du?
Wofür brennst du?
Was ist das Holz,
was das Öl deines Lebensfeuers?

Und womit löschst du den Brand?
Womit deinen Durst?

Was schneidest du ab und wozu?
Was lässt du wachsen und wohin?

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* Den ersten Abschnitt zitiere ich aus Anne Carsons Die Anthropologie des Wassers; Aus Burgos, 3. Juli.

Reizwörter #1 – Schuld und Scham

Ich beginne heute mit einer unregelmäßigen Serie mit Texten zu Reizwörtern.
Wörter, die reizen, haben wir alle.
Wörter, die uns auf der Zunge liegen, oft viel zu oft;
Wörter, die uns schmerzen,
Wörter, die wir meiden.
Dazu werde ich frei assoziieren und danach möglichst wenig verändern – allenfalls Tippfehler entfernen. Es werden deshalb ziemlich rohe Texte sein, art brut littéraire sozusagen. Ihr könnt mir gerne Wörter nennen, die ihr vom mir „bearbeiten lassen“ möchtet. Und wenn ihr Lust habt, könnt ihr diese Reizwörter-Idee bei euch in den Blogs gerne weiterspinnen.

 
*****

Scham und Schuld

Etwas müssen wir uns doch von unserer ständigen Scham erhoffen, etwas müssen wir uns doch von unseren steten Bitten um Verzeihung versprechen? Würden wir uns ständig schämen, würden wir uns immerfort schuldig fühlen, wenn wir davon nichts hätten? Und das Fremdschämen erst, was erwarten wir uns davon?

Ich schüttle das Sieb, die Fragen darauf sind hartnäckig. Sie passen nicht durch die Löcher, verkleben sie nur, bleiben hängen, lassen mich ohne Antworten zurück.
Im Becken darunter die Leere.
Leere.
Leer.
Mein Becken.

Schuld? Ent-schuld-igung heißt doch Nimm die Schuld von mir, die ich mir aufgeladen habe.
Die ich glaube, mir aufgeladen zu haben.
(Wieso lasse ich mir etwas aufladen? Bin ich es gar selbst, die auflädt und wieso? Und wieso fühle ich mich dir gegenüber schuldig?)

All diese Dinge, für die ich mich schäme.
Weil ich nicht gut genug bin.
Weil ich eine falsche Entscheidung getroffen habe.
Weil ich etwas nicht weiß.
Weil ich etwas nicht kann.
Weil ich etwas kann.
Weil ich mehr weiß und mehr kann, als andere.
Weil ich etwas getan habe. Etwas gutes vielleicht sogar.
Weil ich die bin, die ich bin.
Weil ich bin.
Weil ich.

Und dafür die Scham.
Die Schuldgefühle.
Dafür.
Deswegen.

Ich baue Schuldtürme aus Dingen. Aus Definitionen. Bald werde ich einen Kran brauchen.
Ich bin zu klein um die neuen Steine oben drauf zu legen.
Ich bin zu klein für meine Schuld.
Ich schäme mich dafür, dass ich so klein bin.
(Obwohl ich groß wäre, innendrin, aber niemand als ich weiß es.)
Ich schäme mich dafür. Darum ziehe ich schon wieder den Kopf ein. Wie immer.
Ich habe mich an die Scham gewöhnt.
Ich habe mich daran gewöhnt, an allem Schuld zu sein.
Ich lade mir die Schuld der Welt auf die Schultern. Immer mehr.
Ich breche zusammen.
Ich kann nicht mehr.
Endlich.
Ende der Schuld.
Scham stirb.

 

(Assoziatives Nachdenken über die Reizwortthemen Schuld und Scham)

Ein neuer Atem

Heute stelle ich euch ein neues Buch vor. Ausnahmsweise mal keinen Roman und ausnahmsweise eins, das ich noch nicht gelesen habe. Ich kenne allerdings den Verlag und ich habe schon einiges über Frau Spirig gelesen. Auch ihre Antworten aus dem Interview, aus dem ich nachfolgend zitiere, sprechen mich an. Am liebsten würde ich mich mal mit ihr zusammensetzen und über Trauererfahrungen sprechen. Und ja, ich bin fast sicher, dass ich das Buch demnächst lesen werde.

Trauma-CoverErfahrung mit dem Thema hat Janine Spirig. Sie ist Mutter von drei Kindern und seit 1999 verwitwet. Ihr Mann ist erschossen worden. Der Lehrermord erschütterte St. Gallen. «Wie sehr, habe ich erst viel später realisiert», sagt sie. […]

Das Perfekte im Unperfekten

«Wir haben hohe Erwartungen an das Leben, dass es stets rundläuft und ohne Leid. Wir lernen in unserer Gesellschaft nicht, mit Leid umzugehen», sagt Janine Spirig. «Wir verdrängen es. Es ist unangenehm.» Ein Trauma zwinge einen umzudenken, sich mit den eigenen Abgründen auseinanderzusetzen – und dabei das Tragende im Untragbaren, das Verbindende im Trennenden zu finden. Sie habe gelernt, das Leid – neben der Freude – «leben zu lassen» und zu akzeptieren, dass «das unperfekte Leben das perfekte sein kann; das gibt eine neue Leichtigkeit».

«Unverdaubare Ereignisse»

Ist ein Trauma nie vollständig therapierbar? Sie muss nicht lange überlegen, schüttelt den Kopf. «Es gibt unverdaubare Ereignisse.» Nach einer Pause: «Das Trauma hat etwas Zerstörerisches. Wenn es gelingt, mit dem Erlebten im Alltag umzugehen, verliert es mit der Zeit seine zerstörerische Macht.»

Weg sei es auch dann nie. «Es ist im Körper gespeichert.» Und es werde immer mal wieder «wachgerüttelt». Durch eine Begegnung, ein Wort, eine Erinnerung. Planlos, unberechenbar. Für einen selber wie für die Umgebung.

Regula Weik im Tagblatt über das neue Buch von Janine Spirig, «Trauma, und ein neuer Atem», Edition Spuren, Winterthur, 2014

Quelle: www.tagblatt.ch/ostschweiz

Ziemlich aufgeblasen

Stellt euch einen Schweizer Kindergarten* vor. Früher. Vor neunundzwanzig Jahren. Wir sitzen im Kreis. Ich bin die Azubi-Kindergärtnerin und erzähle ein tolles Bilderbuch. Wie es geheißen hat, weiß ich heute leider nicht mehr, nur dass ich es gewählt habe, weil wir das Thema Angst durchnahmen. Ausgelöst hat diese Diskussion ein Gespräch, das meine Ausbildnerin mit der Mutter eines Kindes geführt hatte. Eines der Kinder, ein Bub, wurde zuweilen von den andern gemobbt. Er war zwar der Größte und Stärkste und verhielt sich oft sehr grob, doch wenn ein paar Kinder zusammen auf ihn los gingen, weinte er schnell. Kurz und gut: er hatte Angst, was seinem Gruppenverhalten nicht unbedingt zuträglich war. Im Gegenteil. Er wurde noch unzugänglicher und er träumte schlecht. So etwas gab es auch schon vor neunundzwanzig Jahren. Wir befinden uns übrigens in einem kleinen Dorf mit fast null Prozent Ausländeranteil.

Alle oder jedenfalls viele gegen einen also.

Im Buch, das ich erzählte, ging es um ein Monster, das den kleinen Protagonisten verfolgt. Oder war es eine Protagonistin? Das weiß ich nicht mehr. Stell dir einfach dich vor. Dich in groß oder dich als Kind.

Die Illustrationen zeigen, wie die Hauptfigur davonrennt. Mitten hinein in eine dunkle, tunnelartige Häuserschlucht. Hinter ihr her rennt das Monster, als dunkler Schatten, als riesige Fratze an die schwach erleuchteten Hausmauern geworfen. Auf jeder Buchseite, die ich umblättere, kommt es näher, und wir, die Kinder und ich, überlegen, was es wohl ist, wer es sein könnte, was es von uns will und warum. Ich meine mich zu erinnern, dass es ganz tolle Gespräche gab.

Seite für Seite wird der Schatten gespenstischer und kommt näher.

Schließlich gelangt die Hauptfigur in eine Sackgasse. Sie kann nicht mehr weiter, kann nur eins: Sich umdrehen, sich dem Monster stellen. Und das tut sie.

Hinter ihr entdecken wir nun einen kleinen Hund, der wedelnd und glücklich endlich den Stock auf den Boden legen kann und um ein Lob oder Goodie bettelt.

In echt ist das Monster zwar meist nicht so harmlos, doch oft weniger bedrohlich als wir denken, solange wir vor ihm davon laufen.

Im zweiten Teil meiner Angst-Lektion vor neunundzwanzig Jahren verteilte ich Papiertüten, die ich zuvor beim Dorfbäcker gekauft oder geschnorrt hatte. Leere Brottüten. Die Kinder setzen sich an die Tische und malen auf das Brotpapier ihr ganz persönliches Monster. Später, zurück im Kreis, blasen wir alle gleichzeitig unsere Monstertüten auf und … ja, wir machen sie … kaaa-putt.

Die Gesichter hättet ihr sehen sollen.

Brottüten gibt’s zum Glück auch heute noch. 🙂

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Danke Ulli! Ausgelöst von einem Kommentar an dich zum letzten Artikel ist mir diese kleine Geschichte wieder eingefallen.

* In der Schweiz sind die Kinder damals in der Regel als Fünf- und Sechsjährige in den Kindergarten gegangen. Es ging dabei vor allem um die Förderung sozialer Kompetenzen und anderer Softskills. Heute ist es ein bisschen anders, ich bin nicht auf dem neuesten Stand.

Mehr als Rädchen sein

Ohne Erwartungen leben – geht das? Wie reif und erleuchtet man dazu sein muss, weiß ich allerdings nicht. Nur dass ich das nicht bringe. Und, so sehr ich es nicht mag, wenn andere von mir etwas erwarten, ich tue es auch – ich habe Erwartungen. An mich und an andere. Und an das Leben. Oft völlig unreflektiert, meistens sogar.

Andererseits bin ich immer wieder abgehauen, wenn die Erwartungen anderer an mich zu groß geworden sind. An Arbeitsstellen oder in Beziehungen. Wenn ich festgestellt habe, dass ich andern in erster Linie als Projektionsfläche diene und nicht als die Person, die ich bin, als die Frau, der Mensch, gesehen werde, sondern als funktionierendes Rädchen im Getriebe einer Beziehung, eines Arbeitsverhältnises. Man kann mich, wegen meiner Fluchten, feig nennen, und vielleicht bin ich es auch, doch das spielt hier keine Rolle, denn hier und heute will ich mal wieder schreibenderweise über das Leben sofasophieren. Über die Gesellschaft auch. Und wenn wir schon dabei sind auch gleich über die Politik. Alles im gleichen Aufwisch. Achtung: Triggerwarnung. Auch der Tod kommt in diesem Artikel vor. Denn wenn wir schon über das eine, das Leben, reden, kann das andere nicht weit sein.

Wer weiterliest, ist selbst schuld. 🙂

Das blaue Boot hat angelegt. An meinem Steg. Anders als letztes Jahr, wo es mich sozusagen entführt und auf der blauen Insel eine Weile lahmgelegt hat, hat es sich diesmal angekündigt. Diesmal spielt mein blaues Monster, das Kapitänum des blauen Bootes, mit offenen Karten. Wir beide wissen Bescheid, denn seit ich mein Medikament nehme, sehe ich die Welt anders. Nicht netter, aber klarer. Das Medikament ist meine Brille, die den ewigen Lebensgraufilter von meinen Augen genommen hat. Ohne diesen Graufilter konnte ich in den letzten Monaten vieles aufräumen. Ich bin in meine Kellerräume gestiegen und habe die hintersten und ältesten Kisten geöffnet. Viel Dreck. Viel Mist. Viel Schmerz. Mäusekot. Schwere Kost. Nein, ich habe mich nicht geschont. Ich habe hingeschaut. Und dann habe ich ein Feuer gemacht, im Garten, und vieles verbrannt. Ich bin durch. Mittendurch. Ich habe keine Angst mehr von dem, was noch in mir drin zum Vorschein kommen könnte. Diese Ängste sind gebannt. (Denke ich jetzt und heute. Und ich hoffe, dass dem so ist.) Doch ob ich mit meiner neuen Werkzeugkiste dem blauen Monsterboot diesmal trotzen kann, werde ich sehen. Ich bin zuversichtlich. Obwohl ich mich auch ein wenig fürchte.

Angst habe ich eher vor der Welt da draußen, der ich auch angehöre. Im vorletzten Artikel habe ich darüber geschrieben, wie anstrengend es oft für mich ist, dass ich hinter jedem Wort, das ich lese und höre immer auch den Menschen spüre, der es gesagt oder geschrieben hat. Und dann natürlich zu wollen, dass es ihm oder ihr gut geht. Und natürlich ist es größenwahnsinnig, zu glauben, dass ich die Welt allen Menschen so machen kann, dass sich alle sicher und geliebt fühlen. Dennoch ist es eine ewige Hoffnung in mir, dass wir alle zusammen uns gemeinsam in diese Richtung bewegen. Doch weil es noch nicht so ist und weil wir noch alle (oder zumindest die meisten) zuallererst daran denken, den eigenen Bauch zu füllen, gibt es eben dieses Ungleichgewicht, die Krankheit der Gesellschaft. Neulich las ich bei Irgendlink über diese geniale anarchistische Idee, alles Gut (und Schlecht?) auf einen Haufen zu legen und neu zu verteilen. Das erinnerte mich an das neulich hier im Blog beschriebene Experiment, bei welchem sich Menschen aus einer Schüssel so viel Geld nehmen durften wie sie brauchten. Und wie das mit Selbstwert zusammenhängt. Mit unserem Denken über uns selbst. Über die Selbstwertschätzung und die Wertschätzung aller andern uns gegenüber.

Heute Morgen habe ich auf einmal verstanden, dass es nicht die Selbstliebe ist, die mir für mich und meine Zufriedenheit fehlt, sondern eine Art Bumerang- oder Spiegelakzeptanz der Menschen da draußen. Denn mir selbst und meinen geliebten Menschen geht es gut mit mir. Wenn ich aber unterwegs im öffentlichen Raum bin, auf Ämtern, im Zug, im Garten, im Laden möchte ich nichts anderes als alle andern einfach zu respektieren und von ihnen respektiert zu werden. Nicht denken: Was denkt der oder die von mir, wenn ich so und so? (Denn damit bewerte ich ja sowohl mein Verhalten als seltsam und traue den andern andererseits nicht zu, mich nicht zu bewerten.) Im Grunde kann es mir ja völlig egal sein, was unbekannte (und bekannte) Menschen von mir denken. Ein bisschen anders ist es in Umgebungen, wo man entweder als Bittstellerin oder Kundin auftritt. Da möchte ich als Mensch gesehen werden, als der Mensch, der ich bin. Mit meiner Geschichte. Nicht als Nummer. Nicht als Fall. Da möchte ich einfach nur akzeptiert werden. Und ernstgenommen. Wahrgenommen und respektiert nicht einfach nur geduldet. Ja, ich habe Erwartungen, wie gesagt.

Und nun stell dir bitte mal eine Wippe vor. Oder eine Waage. Eine Schaukel. Ein Pendel. So ist unsere Gesellschaft. Nie ausgeglichen, immer rauf und runter. Immer hin und her. Immer in Unruhe. Vielleicht ist ab und zu eine Gruppe ruhig, ausgeglichen. Oder sogar mehrere. Aber nie alle. Muss ich das als Fakt akzeptieren und kann ich mir dennoch wünschen, dass es anders wird? Keine statische Ausgeglichenheit, denn das wäre Stillstand, Tod, nein, auch die Extreme haben wohl ihren Sinn. Sie gehören zum Menschsein dazu, das wir alle darstellen, und zur Lebenserfahrung, die wir sammeln. Und so haben wir Menschen also ausgetestet, wie sich Kapitalismus anfühlt. Viele haben auch den Kommunismus erlebt. Zumindest eine Form davon oder mehrere. Weder mit dem Kapitalismus noch mit dem Kommunismus wurde die Menschheit langfristig zufriedener (Muss sie das? Und wer sagt das? Wäre sie dann noch so manipulierbar, wie sie es ist?).

Da sind so viele Lecks. In mir, in uns. Und so versuchen es die einen mit Selbsterfahrungen bis zum Exzess und andere geben sich dem Leben in einer Gruppe hin, ebenfalls exzessiv. Alle auf der Suche nach ihrem Glück und ihrem Lebenssinn. Und ich frage mich, ob das wirklich funktionieren kann.

Müssen wir nicht erst einmal zu Grunde gehen? Uns unserer Dunkelheit stellen?
Dahin, wo es am dunkelsten ist.
Dann uns abstoßen, vom Grund, auftauchen, die Lungen füllen.
Und endlich authentisch leben.

Denn ich ahne, dass wir unterwegs etwas wesentliches verloren und vergessen haben, unterwegs durch die schnelle Zeit.

Das hier:

Um beruflichen Erfolg zu erlangen und in der Männerwelt ernst genommen zu werden, haben viele Frauen angefangen, ihre weibliche Seite zu unterdrücken. Nun haben manche zu ihrer Weiblichkeit und gar ihrem Körper eine ablehnende Haltung entwickelt.
Die Frau repräsentiert das Leben, das Sanfte, (weibliche) Intuition, Mitgefühl. Sie steht für das Fließende. Nicht nur ihr Blut fließt alle vier Wochen, auch das Fließen der Gefühle und der Liebe ist gemeint.
Es ist für unser aller Wohl, nicht nur für das der Frau selbst, dass wir unsere weibliche Seite wieder entdecken und ausleben. Männer sind nicht besser als Frauen, und Frauen nicht besser als Männer – wir sind einfach anders. Und wir sollten aufhören etwas anderes sein zu wollen, als was wir sind.

Quelle. http://www.awakeningwomen.de/2014/11/18/ganz-frau-sein/

Wir alle sind alles. Ich habe männliche und weibliche Anteile. Du auch, er und sie ebenfalls.

Ich plädiere für Ausgewogenheit. Für den Weg in unsere Mitte. Für ein wahrhaftiges Hinspüren. Ja, auch ihr, Männer, seid gemeint. Warum nur haben wir so Angst vor unseren Gefühlen? Weil wir dabei etwas in uns entdecken könnten, von dem wir verlernt haben, wie man damit umgeht? Oder es gar nie gelernt haben?

Seit ich in meiner Zwischenwelt, in meinem neuen Leben lebe, will heißen, seit ich nicht mehr angestellt bin, stelle ich fest, dass ich wieder viel mehr fühlen kann. Dass ich mich viel weniger nach außen hin abschotte, dass ich wieder viel mehr hinschaue, bei mir, bei andern. Und ja, das tut manchmal verdammt weh. Und vielleicht habe ich ja darum so Angst vor der Welt da draußen? Weil da noch viel mehr Schmerz ist, verdichtet in jedem einzelnen Menschen. Und meistens nur deshalb, weil sie ihn nicht zulassen, den Schmerz, und seine Auflösung auch nicht.

Ich behaupte, dass die meisten Handlungen motiviert von unseren Wunden sind. Wäre es da nicht sinnvoll, sich mal um die Heilung derselben zu kümmern, um so die Grundlage für andere, weisere Handlungsansätze zu schaffen?

Die Natur holt sich ja doch immer, was sie braucht. Auch unsere innere Natur. Pendel. Vielleicht ist das sogar der Schlüssel zu den Erwartungen? Aktion – Reaktion. Instantkarma. Nein, ich nenne es nicht Schuld und ich spreche nicht von Busse und Sühne. Mit diesem Weltbild wurde schon zu viel kaputt gemacht. Aber ich glaube an Naturgesetze, an das Gesetz der Anziehung auch und an das Echo der Bergwand. Und ja, ich glaube an die Liebe.

„Zu“ ist doof.

Seit ich bei Twitter bin, habe ich einen neuen Weg entdeckt, Dinge auf die lange Bank zu schieben. Ich lese Twitter, wie ich einen Roman lese. Ich lese in den Gedanken der Menschen, in den geschönten, in den ungeschönten. Oft in traurigen, verzweifelten, manchmal sehr komisches, dann wieder zynisches, groteskes; Philosophisches und Wortspielereien auch. Ich mag es. Aber es ist anstrengend, denn mein Problem ist, dass ich hinter jedem Wort den Menschen spüre, der es geschrieben hat. Und dann will ich natürlich, dass es ihm oder ihr gut geht. Dann will ich aber auch wissen, wie es mit ihr oder ihm weitergeht. Ich mische mich lesend in viele Leben ein, nicht aktiv zwar, aber als Voyeurin.

Voyeurin | pic by 1.000.000 pictures
Voyeurin | pic by 1.000.000 pictures

Will ich das wirklich und ist das womöglich eine Flucht aus oder zumindest eine Ablenkung vor dem eigenen Leben? Mein nächstes Problem ist, dass ich (fast) alles und (fast) alle ernst nehme. Dass ich nicht „nicht betroffen“ sein kann, wenn ich etwas lese. Dass ich nicht „keine Meinung“ haben kann. Und dann dieser Traum heute Nacht.

Meine neue Arbeitsstelle. Eine Art Flüchtlingszentrum. Ein Mix aus Europa und Afrika. Wir Angestellten hatten ein Großraumbüro in einer alten zugigen Lagerhalle. Unsere Schreibtische standen zu einem Labyrinth aufgestellt und wirkten allesamt improvisiert, ziemlich versifft und waren staubig. Auf einer Seite der Halle war eine Fensterfront, der Raum war ansonsten eher dunkel und mit Neonlicht erleuchtet. Eine Art Tresen im Bereich der Türe war die Rezeption, ansonsten alles offen. Keine Schutzräume, keine Türen außer der Eingangstüre.

Unser Team bestand aus einer extrem enthusiastischen Chefin (die ich in echt nicht kannte) und aus ein paar ArbeitskollegInnen von früheren Arbeitsstellen. Wir fingen alle zusammen an, eröffneten das Zentrum. Ich saß am Schreibtisch vor meinem Laptop und wusste nicht so genau, was ich sollte. Woraus meine Arbeit bestand. Im Team waren L. und R., meine unliebste und meine liebste Arbeitskollegin bei meiner letzten Stelle. Sozialarbeiterinnen. Sie waren dort wegrationalisiert worden und hier gelandet.

In der nächsten Szene gingen wir durch Slums, die von der Architektur definitiv in der Schweiz waren (ich tippe mal auf Bern), wir waren umgeben von schwarz- und braunhäutigen Kindern, die noch kaum Schweizerdeutsch konnten. Wir redeten mit ihnen, sie mit uns. Keine Ahnung, was der Sinn dieser Gespräche war. Es war berührend und beklemmend zugleich.

Zurück im Büro. Die Chefin ist tot. Ich weiß nicht mehr genau, ob wir sie gefunden haben oder jemand anders. Auch war es offenbar nicht der erste Mord in unserm Umfeld. Was tun? Wir müssen uns neu organisieren, damit der Betrieb weiterlaufen kann, sagte L.. R. schlug vor, dass L. vorläufig den Laden leiten könnte. Seltsamerweise war L. in diesem Umfeld viel freundlicher als ich sie an meiner letzten Arbeitsstelle erlebt hatte. Sie war echter und ohne dieses giftige Misstrauen, das sie mir gegenüber immer an den Tag gelegt hatte.

Alle waren einverstanden. Ich weiß noch, dass ich dachte und wahrnahm, dass ich mich an diesem Ort wohlfühle. Weil wir alle zusammen neu angefangen haben.

Zugleich empfand ich ständig einen leichten Ekel über die ganze Schmuddeligkeit der Welt, des Büros, der Slums, den ich zum einen rational wegzufühlen versuchte und zum andern hätte ich am liebsten mal alles richtig geputzt, am liebsten die ganze Welt in Ordnung gebracht. Dieses Gefühl war sehr stark, dass ich die Welt retten musste. Im Beiboot die Hilflosigkeit, meine Lebensgefährtin seit immer.

Der Tod der Chefin löste bei niemandem von uns ein Drama aus. Es gehörte wohl einfach dazu, wenn man so lebte wie wir. Wir alle lebten gefährlich, jeder und jede von uns konnte der oder die nächste sein.

Ich arbeitete gerne dort und fühlte mich wohl, doch daneben hatte ich auch mein anderes Leben. Das dort war nur meine Arbeitsstelle. Nicht das, wonach ich hungerte: Das tun, was mir am meisten entspricht. Danach suche ich noch immer. Im Traum ebenso wie im echten Leben. Und eigentlich habe ich es gefunden, mein Leben. Nur kann ich davon nicht leben. Paradox.

Ob es damit zusammenhängt, dass ich alles zu ernst nehme?
Dass ich mich zu viel einlasse auf die Leben der andern?
Dass ich zu viel …

„Zu“ ist doof. Vergleichen auch. Eigenschaften zu Problemen umbenennen auch. Und überhaupt: Das Leben ist nicht ideal.

Wieso fallen mir in letzter Zeit keine guten Schlusssätze ein? Mist.

Hashtags, Depressionen und wie sie wirken

Man kann sagen, was man will über die neuen Medien, doch was ich an ihnen schätze ist, dass sie sozusagen basisdemokratische Auswirkungen haben. Etwa im Fall der Aktion „Nicht einfach nur traurig“, die seit ein paar Tagen durch die Medien streift und das Thema Depression aus der Tabuzone sozusagen in die Wohlfühlzone bringt. Mit der Hoffnung auf Entstigmatisierung und mehr Verständnis.

Es ist ein Schritt der Enttabuisierung: Mit dem Hashtag #NotJustSad hat eine Berlinerin eine Diskussion über Depression angestossen. Dabei zeigt sich: Solange wir an einer Gesellschaft feilen, in der scharf getrennt wird zwischen Versagern und Gewinnern, tragen wir Mitschuld an dem Leid der anderen.

[…]

Seitdem die Berliner Internet-Nutzerin «Jenna Shotgung» auf dem Online-Netzwerk Twitter mit dem Hashtag #NotJustSad ihre Depression thematisiert hat, schildern immer mehr Menschen in 140 Zeichen, was es heisst, eine Depression zu haben. Die Inneneinsichten sind bald poetisch, bald traurig und zumeist tief verstörend. Sie geben einen Eindruck davon, mit welchen Ängsten, aber auch gesellschaftlichen Stigmatisierungen die Betroffenen umgehen müssen. Obwohl Depressionen zu den häufigsten Krankheiten gehören, fühlen sich viele Erkrankte nicht richtig ernst genommen.

[…]

Solange wir an einer Gesellschaft feilen, in der scharf getrennt wird zwischen Versagern und Gewinnern, zwischen Reichen und Armen, zwischen Privilegierten und Schmarotzer, Hübschen und Hässlichen, Inländern und Ausländern und diese Klüfte sich auch noch ausweiten lassen, tragen wir Mitschuld am Leid der anderen. Depressionen sind psychische Krankheiten, die nicht nur auf biologischen Prädispositionen, sondern auch auf Ausgrenzungsmechanismen basieren, die in den westlichen Gesellschaften dramatisch zugenommen haben. Noch nie gab es so viele Menschen in Europa und den USA, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Sie alle blicken in eine trübe, ungewisse Zukunft.

Hinzu kommt noch ein sozialer Aspekt: Der Distinktionsdruck ist gewachsen. Es war noch nie so schwer, ein verletzlicher Mensch zu sein. Die Pop-Kultur besteht mehr denn je aus Inszenierungsspielen, die keinen Platz lassen für ehrliche Traurigkeit und tief verwurzelten Ernst. Geschickt inszenierte Selfies, unvermittelte Bewertungen von Aussehen und Rang sind das Gemisch, aus dem Ausgrenzungen entspringen. Diese Mechanismen züchten das Begehren heran, ein einzigartiges Individuum zu sein, anstatt sich als Teil einer grossen Gemeinschaft zu fühlen.

Liebe verkommt zu einem Streben nach dem narzisstischen Selbst statt nach einem Ich, das man nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Schwächen liebt. An einen positiven Liebesbegriff erinnert Walter Benjamin: «Wer liebt, der hängt nicht nur an ‹Fehlern› der Geliebten, nicht nur an Ticks und Schwächen, ihn binden Runzeln im Gesicht und Leberflecken, vernutzte Kleider und ein schiefer Gang viel dauernder und unerbittlicher als alle Schönheit.» Kompromissloses Verständnis – das ist es, wonach Depressive suchen. «Wir wünschen uns nur jemanden, der uns an die Hand nimmt, ohne Fragen zu stellen», schreibt der Twitter-Nutzer Caine.

Das Nichtverstehen begreifen

Das Leid kann nur dann gelindert werden, wenn wir uns alle dazu bereit erklären, den individuellen Druck auf die Betroffenen zu verringern. Das fängt bei gesundheitspolitischen Aspekten wie der Bereitstellung von Therapieplätzen an und hört bei der Sensibilität am Arbeitsplatz und in der Familie nicht auf. Bei der Frage auf Twitter, was gegen Depressionen hilft, antworten die meisten Betroffenen mit ähnlichen Vorschlägen: Ruhe, Geduld, Verständnis und Zuneigung. Das Schlimme dabei ist, dass sich Depressionen nicht verstehen lassen. Als Beobachter muss man lernen, ein Verständnis für das Nicht-verstehen-Können zu bekommen. «Wenn du merkst, dass die Tränen in die Augen schiessen, und du weisst einfach nicht, warum.» So schildert die Nutzerin «who?» ihre Depression.

Quelle: nzz.ch

Mehr Infos:
Spiegel online

Timeline auf Twitter

screenie-notjustsad

 

To do or not to do

Da heute ja angeblich Tag der schlechten Wortspiele ist, darf der Titel so. Ich habe nämlich keine Zeit, nach einem besseren zu suchen. Meine Liste ist lang, die Zu-tun-Liste, sie wächst täglich nach, schneller als weiße Haare, Zehennägel und Unkraut zusammen.

Was darauf schmerzlich fehlt, ist eine Nische für Kreatives, Unvorhergesehenes, für Surfen, für Lesen, für Kür. Und wohl darum fühle ich mich oft am Ende eines Arbeitstages ein bisschen unzufrieden mit meiner Leistung. Ich sehe manchmal nur, was ich alles nicht getan habe. Weil ich stattdessen vieles, was nicht auf der Liste steht, getan habe. Gesurft, geschrieben, gebloggt. Ich habe Zeit vertrödelt statt für Buisness, Geschäftsaufbau, Bewerbungen, Kohle scheffeln eingesetzt.

Wäre das auch ein Talent, dieses Andere-Dinge-tun, wäre ich sehr talentiert. Was mich an ein Gespräch denken lässt, das ich neulich mit Freundin R. geführt habe. Man muss wissen, dass R. viel liest und sich für vieles interessiert. Als Mutter und aus persönlichem Interesse hat sie viel über das Menschsein und -werden nachgedacht. Eben auch über Dinge wie Talente und dergleichen. Die Gehirnforschung hätte keinen Hinweis und keinen Beweise für das physische Vorhandensein von Talent gefunden, sagte sie. Man gehe heute eher davon aus, dass das, was wir als Talent wahrnehmen, eine Folge von Trainig oder Konditionierung sei. Ich werfe ein, dass mir in diesem Fall – sollte das stimmen – unklar sei, warum wir uns dann für gewisse Dinge und Themen interessieren, während uns andere überhaupt nicht ansprechen. In meinem Fall Sprache und Kunst. Ob denn gewisse Affinitäten nicht in unseren Genen seien oder sonst wo. Wieder zitiert sie, dass diese Dinge nicht nachweisbar seien. Gut, nachweisbar beweist für mich nicht wirklich ein Nichtvorhandensein. Was vor hundert Jahren nicht nachweisbar war, muss es heute nicht noch immer nicht sein. Oder in hundert Jahren. Darum wird ja geforscht.

Wir überlegen gemeinsam, warum ein Mensch zum Beispiel für Geschichten, für Texte, für Sprachen, für Bücher, für Kunst Affinitäten entwickelt, wie bei uns beiden. Die Kinder, die wir waren und noch immer sind, mochten und mögen Geschichten. Sie ließen und lassen uns aus dem nicht immer so tollen Alltag entfliehen. Ich habe ja schon als Dreivierfünfjährige Bildergeschichten, Comics mit und ohne Worte, gezeichnet. Und immer ist da die perfekte Familie drauf, meine Traumfamilie. Später dann Bilder und Geschichten von Traumfreundinnen. So, wie ich sie mir wünschte, nicht so, wie ich sie im echten Leben hatte. Da ich in diesen Ausdruckprozessen von meinem Umfeld bestärkt wurde – du zeichnest aber schön! du kannst aber schöne Geschichten schreiben! du hast aber viel Phantasie! –, habe ich eben weitergemalt, -gezeichnet, -geschrieben, gerne sogar und immer lieber. Talent? Training, sagt R. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Nein, ich werde nicht heute weiter über Autodidaktik versus Diplome nachgrübeln. Dazu ist meine Zu tun-Liste zu lang. Dazu fehlt mir die Zeit.

Obwohl. Wenn es Häute regnet, geht alles. Aber nur Häute. Morgan nicht. Und ab sofort gibts auf meiner Liste auch den Punkt Wie es mir gefällt. Wenn ich schon mit Shakes Bier angeben will.