Woher kommt diese Bitterkeit bloß?

Ob es in der Schweiz ähnlich schlimm in Sachen Hasskommetare zu und her geht wie in Deutschland, weiß ich nicht wirklich. Ich lese ja kaum je Kommentare und meide weitestgehend solche Debatten – aus Zeitgründen und weil ich gemerkt habe, dass es mir nicht gut tut. Nicht, dass ich mir nicht Gedanken über die hässlich kommentierten Themen mache, aber meine Energie und meine Lebenszeit für Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten dieser oft schon primitiven Art aufzuwenden, ist mir einfach zu schade. Darum habe ich erst vor wenigen Tagen dank Twitter von diesen ganzen Flüchtlingshasskommentaren erfahren.

Heute Morgen, auf Twitter, habe ich mit andern Twitternden über die Gründe und die Wirkung solcher Kommentare diskutiert, über die Motivation dahinter. Unter anderem schrieb ich den Satz: Woher kommt diese Bitterkeit bloß?

Man kann diese Schreiberlinge natürlich nicht über einen Kamm scheren, doch würden wir die sozialen Umfelder der HasskommentatorInnen anschauen, würden wir sicher einen Großteil im unteren Bereich der sozialen und der Bildungsleiter ausmachen. Viele davon schon von Geburt an vom Leben benachteiligt, die Eltern Working-Poors vielleicht oder Langzeit-Arbeitslose. Möglicherweise ist da und dort (viel) Alkohol im Spiel. Das sind so die Bilder, die ich von Menschen, die zu Hasskommentaren neigen, habe. Das sind so meine Vorurteile.

Frau Meike sagt dazu:
„Fremdenfeindlichkeit ist nicht länger ein Nischenproblem ostdeutscher Dörfer mit hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Intelligenz und vielleicht war sie das auch nie. Die sozialen Medien haben offenbart, dass Fremdenfeindlichkeit und Menschenhass mitten unter uns sind, dass sie zwar auch etwas mit der mangelnden Bildung ostdeutscher Neonazi-Gruppierungen zu tun haben, aber eben nicht nur. Die Facebook-Posts, über die sich das Netz in lustigen Tumblr-Blogs moralisch erhebt, wimmeln zwar oft von Rechtschreibfehlern, doch ebenso oft sind die Schreiber ganz normal scheinende Menschen“
Quelle: Frau Meike sagt

Wie auch immer: Ich nenne sie verbitterte Menschen. Menschen, die mit ihrem Leben hadern. Unzufriedene Menschen. Menschen, die allen Grund haben, das wenige, das sie haben, mit Hand und Fuß, mit Wort und Tastatur, zu verteidigen, also? Wie krank, wie leer, wie hoffnungslos muss man wohl sein, um sich zu Äußerungen wie … XXX … (nein, ich mag hier nichts zitieren) verführen zu lassen. Verführen lassen? Ist es das? Wie viel Manipulation steckt dahinter? Denn nicht nur ich muss häufig in diesen Tagen an die Macht der Suggestion und Manipulation durch das Wort im Vorfeld des zweiten Weltkrieges denken. Wenn genug Menschen sich gegenseitig an ihrer vermeintlich beschissenenen Lage aufgeilen, ist das wie ein Haufen dürres Holz, der nur noch ein brennendes Streichholz braucht um zu brennen.

Vermeintlich beschissen? Nun ja, ich weiß natürlich viel zu wenig über Menschen, die wirklich ganz ganz unten sind. Oder jedenfalls nicht aus eigener Erfahrung. Zwar lebe ich auch mehr oder weniger am Existenzminimum, vermutlich sogar darunter, doch ich fühle mich dennoch reich.

Vermeintlich beschissen sind die Umstände vielleicht wirklich? Aber … nein … ich bin wohl nicht befugt, ein ABER anzufügen. Was weiß ich schon? Aber, sage ich dennoch, aber wir vergessen manchmal, wir Menschen, wie viel wir mit unserem Denken, mit unserem Handeln, mit unserer Haltung in der Hand haben. Wie viel wir beeinflussen können, könnten, wenn …

Auch im umgekehrten Sinn! Wir können mit Hasstiraden die Welt noch hässlicher machen als sie schon ist, aber wir können auch mit einem anderen Denken, mit einer anderen Haltung, die Welt zu einem lebenswerteren Ort machen Denn die Welt ist auch schön. Wenn man genau hinsieht. Mag sein, dass das moralisch klingt. Ist es vielleicht auch. Mir egal. Ich habe es am eigenen Leib erlebt, dass man sein Schicksal bis zu einem gewissen Grad wenden kann.

Auch meine Arbeitsstelle vor Jahren in einem Flüchtlingszentrum hat mich diesbezüglich vieles gelehrt. Obwohl ich abends oft nicht einschlafen konnte vor Sorge um all die Leute, für die wir eine Lösung finden wollten. Für ihr neues Leben fern von daheim. Oder wenn ihre Gesuche zum zigsten Mal abgelehnt worden waren und die Ausweisung bevorstand. Wenn ihr Asylantragsgrund „Armut“ zu wenig gewichtig war zum Beispiel oder wenn sie zu wenig oder nicht akut genug in Lebensgefahr waren. Wenn ich an den jungen Mann aus dem Iran denke, der als Achtzehnjähriger desertiert ist, nach vier Jahren Krieg als Kindersoldat. Wenn ich …

Niemand ist freiwillig auf der Flucht. Niemand verlässt freiwillig sein im Kriegszustand oder in Armut befindliches Heimatland.

Ich gestehe dennoch, ich weiß noch immer viel zu wenig. Doch ich weiß, dass wir die Wahl haben über die Art unserer Gedanken. Immer.

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Mehr zum Thema:

Aus persönlicher und gesellschaftpolitischer Sicht empfehle ich herzlich folgende Blogartikel:
Frau Meike sagt: Die Sonne der eigenen Anständigkeit
Stefunnys Weblog: Flüchtlinge, Krieg und was das mit mir zu tun hat
Sophieleben: „Geh doch nach Hause!“ – Wo soll das sein?

Anja Reschke, Journalistin und Moderatorin der Tagesschau, veröffentlichte neulich einen Kommentar zu den Tagesthemen. Mutig und klar forderte sie dazu auf, Stellung gegenüber Fremdenhass zu beziehen. Das Video mit ihrer Stellungsnahme gibt es hier.

Weil ich ein Mensch bin

Es ist diese ewige, seltsame, unfassbare Ambivalenz. Zerrissenheit sogar. Oder Hin- und Hergerissenheit. Das Leben auf der Wippe. Es ist dieses Mal so-mal so, das uns vermutlich ganz besonders von den Tieren unterscheidet.

Wie ich immer tiefer in die Schichten von Knausgårds Buch Lieben einsinke und dabei erschrocken feststelle, dass auch andere, außer mir, solche beinahe abstrakten Sinneswahrnehmungen haben, wie er sie beschreibt, werde ich mir bewusst, dass ich vermutlich bisher von Lieben erst einen kleinen Vorgeschmack erhalten habe. Ich liebe weder mich noch andere so vollumfänglich, dass ich einfach jederzeit in der Liebe sein kann. Immer ist mein Lieben verknüpft mit subjektiven Ereignissen, mit Erfahrungen, mit Bedingungen, mit Zusammenhängen. Es ist kein Lieben-an-sich. Kein Lieben um der Liebe willen. Mag sein, dass das furchtbar negativ klingt, furchtbar depressiv sogar. Ist aber nicht so gemeint. Ich bin mir einfach nur, einmal mehr, meiner Beschränktheit, meiner Grenzen bewusst. Und dass ich vermutlich gar nicht anders sein kann als so. Weil ich als Mensch so bin.

Wären da bloß nicht diese unerreichbar hohen Ansprüche an mich. Diese perfekte, losgelöste, den andern ganz und gar meinende, objektive, umfassende Liebe gibt es sie vielleicht unter uns Menschen gar nicht – außer in unseren romantischen Vorstellungen? Selbst als die Mutter eines kleinen Buben, die ich ja mal war, muss meine Liebe mit Bedingungen verknüpft gewesen sein wie, dass mein Sohn wunderbar, herzig, schlau … ist

Mag sein, dass unser Geschmack – alles was uns gefällt – äußerlich von den Umständen neu tariert wird, wenn uns jemand sympathisch ist, den wir im ersten Moment mit unseren bisherigen, inneren Wertmaßstäben nicht attraktiv fanden. Dass wir jemanden auf einmal schön finden, einfach darum, weil er uns sympathisch ist. Und dass sich sodann der Inhalt unseres Schön-Begriffes verändert. Doch sind äußerliche Aspekte denn nicht nicht immer irgendwie trügerisch? Ohne blinden Menschen da mit Vorurteilen meinerseits zu nahe treten zu wollen, doch zuweilen frage ich mich ja schon, ob es vielleicht einfacher ist, Menschen zu mögen, wenn man sie nicht sieht? Ist dafür nicht sogar die Welt der sozialen Medien ein Beweis?

Möglich, dass auf Grund von Stimmen, Texten, Berührungen, die Wahrnehmung eine reinere ist, eine wahrere, eine unabgelenktere, doch ist nicht selbst dann Lieben von subjektiven Faktoren abhängig? [Oh, ich merke schon … das, was ich da schreibe, kann ein anderer Mensch wohl nur schwer verstehen.] Ach. Und Liebe als etwas Universelles zu verstehen ist ja vielleicht gar nicht Sinn eines kleinen Lebens wie meinem. Universelle Liebe ist ja vielleicht nur das Innenfutter für unsere Illusion vom Liebengott?

http://waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgWenn ich Knausgård lese, der noch ziemlich am Anfang des Buches über einen Kindergeburtstag-Nachmittag schreibt, über die Menschen dort und über die Begegnungen und wie er diese hinterher auch gleich wieder aus seinem inneren Speicher löscht und die keine Spuren bei ihm hinterlassen haben, und wie er emotional losgelöst ist von all den Menschen, die er im Grunde liebt, frage ich mich, zuerst entsetzt, dann begreifend, wie das sein kann. Denn ich merke, dass auch ich, wenn ich allein bin und an andere denke, manchmal nichts fühle, wo doch ganz viel Liebe sein sollte. Nicht nichts, aber nicht Wow-Liebe, sondern einfach: Ich bin da. Du dort. Und nun lasst mich doch bitte alle in Ruhe! Diese Verbundenheit, die ich unter allem und von allen zu allem und mit allem ahne, weiß, diese Verbundenheit fühle ich nämlich nicht immer.

Denke ich an Irgendlink, ist da immer, auch nach all den Jahren, dieser kleine Herzhüpfer, dieses kleine Aus-dem-Takt-kommen meines Herzschlages. Immer. Ich halte das für Liebe. Ich halte es für Verbundenheit. Die größtmögliche, die geht. Dieses Das-Beste-für-ihn-wollen ist immer da. Aber zugleich ist da auch mein Wollen. Es soll ihm möglichst gut gehen, doch er soll bitteschön täglich bloggen, möglichst schnell vorankommen (und bitte möglichst ohne Regen und Stress), möglichst viele schöne Pausen haben. Und am liebsten wäre mir, er wäre immer hier bei mir, mit mir.

Aber das alles geht nicht. Nicht alles. Nicht gleichzeitig. Alles, was lebendig ist, ist immer in Bewegung, im Prozess, in der Veränderung, in der Wandlung. Hin und Her. Wieder die Schaukel, siehe oben. Den Nullpunkt gibt es immer nur einen Bruchteil einer Sekunde lang im Vorbeischwingen. Die totale Stille ist immer nur im Jetzt. Nichts kann ich aufhalten. Alles schwingt. Alles fließt. Alles pumpt sich, wie es Irgendlink heute (hier) gebloggt hat, von A nach B und so weiter.

Getriebensein? Ist es das? Ist das die große Verwechslung? Dass wir eigentlich zu sein und zu lieben meinen, es aber mit diesem ewigen Strom verwechseln?

„Denn Sinn ist nichts, was wir bekommen, sondern etwas, das wir geben.
Der Tod macht das Leben sinnlos, weil alles, wonach wir jemals gestrebt haben, mit ihm aufhört, und er macht das Leben sinnvoll, weil seine Gegenwart das wenige, was wir davon haben, unverzichtbar, jeden Augenblick kostbar macht.
Aber in meiner Zeit war der Tod entfernt worden, er existierte nur noch als fester Bestandteil in Zeitungen, Fernsehnachrichten und Filmen, wo er nicht den Abschluss eines Verlaufs markiere, die Diskontinuität, sondern angesichts der täglichen Wiederholung im Gegenteil eine Veränderung des Verlaufs, eine Kontinuität bedeutete, und so seltsamerweise zu unserer Sicherheit und zu unserem Halt geworden war.“

Zitat aus Lieben von Karl Ove Knausgård

Die Erkenntnis, dass ich im Grunde immer wieder bei Null, das es so also gar nicht wirklich gibt, anfange, macht mich demütig. Nichts wirklich zu verstehen, nichts wirklich Wesentliches – nur solange ich darüber nachdenke, ist das Ding wesentlich, für mich – zu leben. Aber vielleicht geht es genau darum? Wegzukommen von diesen großen hehren Zielen. Nicht, dass ich nicht noch immer die ganze große weite Welt retten wollen würde … Aber weiß ich denn wirklich, was sie braucht, um gerettet zu werden? Wovor und wohin?

Ist es da vielleicht für mich nicht besser, mich treiben zu lassen? Mich hinzugeben? Dem Schreiben zum Beispiel. Den Worten. Und zu verstehen, dass Liebe immer subjektiv ist.

Wieder da … oder doch noch nicht ganz?

Als ich  am Montagmittag durchs Dorf Richtung Arbeitsplatz radelte, ertappte ich mich dabei, wie ich die Leute auf der Straße ganz selbstverständlich mit Hej-hej grüßen wollte. Auf dem Weg zur Arbeit, kurz vor dem Büro, ein Anruf meines Chefs. Wann wir uns wo sehen zur Lagebesprechung und so, wollte er wissen. Morgen, elf Uhr?, frage ich. Wie immer? Erst als ich aufgelegt hatte, merkte ich, dass das meine ersten schweizerdeutschen Worte seit Wochen gewesen waren.

Alles wie immer?

Nein, wie immer ist es noch nicht. Wird es auch hoffentlich nicht so bald. Was dieses ‚wie immer‘ auch immer sein soll.

Und heute, im Büro, wie ich mit meiner Arbeitskollegin unser neues Büro fertig einrichte – den Tisch so? Oder doch besser so? Meinen Rechner da? Oder nein, so ist es besser! – spreche ich nach einer kleinen Pause auf einmal hochdeutsch mit ihr. Ganz automatisch. Immerhin nicht englisch.

Bin ich also wirklich schon da?

Schweden 4_Falun_54Genau heute vor einer Woche, um diese Zeit, saß ich mit dem Liebsten am See. Es war ein wunderbarer Abend, einer der schönsten unserer acht Tage in Falun-Udstiggen. Wehmut vor dem bevorstehenden Abschied wollte sich ein klein bisschen vor den Augenblick des Genießens schieben. Am Nachmittag hatten wir ein Interview geführt. Ich wollte ein paar Dinge über die Reise erfahren, die – so dachte ich mir – vielleicht auch andere interessieren.
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Wir hatten nach dem Abendessen einen Spaziergang in der nächsten Umgebung unternommen, im Quartier, am See, am Wald, der immer länger und länger wurde und einmal mehr merkte ich, was ich so sehr mag an Schweden, an Skandinavien. Und was ich eben manchmal in der Schweiz vermisse: Weite.

Mag sein, dass anderes das viel weniger brauchen als ich, doch für mich bedeutet Weite definitiv Lebensqualität.

Enge – im Denken ebenso wie in der konkreten Wirklichkeit des Raumes (wie wirklich diese auch immer ist) – bekommt mir schlecht.

Heute, im Büro, als wir kurzzeitig zu viert hin und her sprachen, Dinge klärten, hätte ich am liebsten gerufen: Seid doch alle mal still. Obwohl … da musste ich eben einfach durch.

Später hat meine Kollegin aus Versehen den Alarm ausgelöst, als sie die Nottüre entriegelt hatte. Was für ein schriller Ton, der doch glatt meinen Tinnitus übertönt hat. Gut, dass Kollege R. den Trick kannte und uns erlöste.

Wenn es so etwas wie Schreiasphalt gibt, über den Irgendlink heute getwittert hat, muss es wohl auch so etwas wie Kreischräume geben?

Schulhausflure zum Beispiel. Ich mag es, dass die Schule diese Woche noch fast leer ist. Nur wir zwei Verwalterinnen und die beiden Schulleiter waren am Morgen da, dazu ein paar Lehrpersonen, die im Laufe des Tages kamen und gingen. In einer Woche schon werden die Flure wieder Kreischflure sein. Nicht, dass ich mich nicht auf die Kids freue …
… aber Stille, Weite, Leerheit sind Qualitäten, die ich nie mehr missen möchte.

Apropos Schweden: Ich habe mit dem zweiten Buch der Knausgård-Biografie angefangen, Lieben,  das in Malmö, Schweden, geschieht. Nach einem zähen Einstieg bin ich nun wieder in diese wunderbar-bildreiche, berührende Sprache voll mit Knausgårds ehrlichen, selbstkritischen Beobachtungen eingetaucht. Und seiner Auseinandersetzung mit dem schwedischen Lebensstil, den er, als Norweger, seltsam findet.

Fremd und vertraut ist mir diese Welt hier. Die dort ebenfalls. Und manchmal frage ich mich, ob man wirklich je irgendwo, geografisch gesprochen, daheim sein kann. Oder ob das nicht eine der größten Illusionen überhaupt ist.

Schweden im Rückspiegel #1 | Hinreise, Örebro & Uskavi

Hier zeigen ich euch ein paar Bilder von Schweden. Unter uns gesagt: Ich mache das in erster Linie für mich. Zur Erinnerung. Für den Alltag. Zum Innehalten.

Hinreise & die ersten zwei Tage in Örebro

 

Reise nach Uskavigården & die Tage am Uskavi-See

(Groß/Galerieansicht durch Draufklick)

Nach Hause

Kurz nach halb zwei zeigt das Handy an, das ich für einmal nicht aus-, sondern auf Flugmodus umgeschaltet habe. Es soll mich schließlich am Morgen um Viertel nach sechs Uhr wecken.

Türenknallen. Laute Stimmen. Erneutes, wiederholtes Türenknallen. Schritte im Flur. Stimmen. Als wäre es Tag. Keine geflüsterten Zimmerlautstärke-Dialoge. Ich gucke kurz aus dem Fenster, da ist nichts zu sehen. Die Stimmen kommen wohl aus dem Nachbarszimmer. Ich bin hellwach, poltere mit der Faust an die dünne Wand. Erneuere die Taschentuch-Ohropaxe und versuche wieder einzuschlafen. Eine Stunde und dreimal An-die-Wand-Poltern* später bin ich wohl doch wieder eingeschlafen (*jedes Mal mit Herzklopfen, weil ich mich ja a.) nicht ärgern will, da ich mit Ärger im Blut erst recht nicht schlafen kann und auch b.), weil ich nicht weiß, was mein Poltern womöglich provoziert).

Über Twitter habe ich gestern erfahren, dass Wandererheime hin und wieder auch als Asylunterkünfte benutzt werden. Das passt zu meinen Beobachtungen im Solna Hotel. Nein, ich habe überhaubt nichts gegen Asylsuchende, ich mag einfach gerne ruhige Nächte. Ob ich schon um vier aufstehen und zum ersten Bus gehen soll?. überlege ich mir. Falls ich nicht mehr einschlafen kann?

Trotz allem habe ich Verständnis, denn wer zigtausend Kilometer abenteuerliche Reise mit Schleppern und unter Gefahren überlebt hat, sage ich mir, kann über das Bedürfnis nach Nachtruhe, das ich dringend habe, nur lächeln – so er das noch kann. Dennoch: Wäre es nicht irgendwie integrationsfördernd, sich an die Gepflogenheiten des Gastlandes anzupassen? Könnte ich das? Wie wäre es für mich, in einem ganz und gar fremden Land klarzukommen?

Mit diesen versöhnlich-nachdenklichen Gedanken schlief ich doch wieder ein und wurde vom Wecker aus einem intensiven Traum geholt, in welchem ich bei Freunden, bei einem Besuch, beschlossen hatte, alles hinter mir zu lassen und nur noch zu wandern und zu reisen. Mit dem Rucksack. Ein ziemlich schräger Traum war das gewesen.

Eine kurze Dusche, ein Mini-Frühstück, Fertigpacken. Schließlich wanderte ich bereits um kurz nach sieben los – nach Järv Krog, von wo der Flughafenbus allviertelstündlich nach Arlanda fährt.

Ich war sogar schon rechtzeitig für den 7:45-Bus da, der aber erst um 7:59 eintraf. Kartenzahlung war kein Problem. (Hätte ich doch dem Bettler gestern … Hätte-hätte-Fahrradkette, sagt Irgendlink gerne.)

Ich verlasse in Unkenntnis des richtigen Terminals einfach mal bei Terminal 2 & 3 den Bus, muss daher den ganzen Weg zum Terminal 5, meinem Terminal, zu Fuß zurückgehen. Hier hat es keine Rollspuren wie an andern Flughäfen, und ich wandere gefühlt kilometerweit durch menschenleere Gänge. Darum bin ich froh, als ich endlich einen Gepäckwagen entern kann.

An „meinem“ Schalter wartet niemand, die meisten Mitreisenden sind offenbar schon drin. Ich kann schnell einchecken, doch beim Handgepäck-Durchgang pfeife ich. Alarm! Bei mir! Es sind offenbar die Schuhe, die das Pfeifen ausgelöst haben, aber mit denen ist dann doch alles in Ordnung.

Das Handyladegerät piepst auch, auf dem Band, die Kontrolliererin packt deshalb mein Stoffrucksäcklein aus. Ooops, das Ladegerät! Das hatte ich ganz vergessen.

Der Flug startet eine Viertelstunde zu spät und kommt zehn Minuten zu spät in Düsseldorf an.

Hier warte ich nun, dass ich um 14:20 endlich einborden kann. Es ist schon okay, dieses Hin- und Herreisen, aber ich bin immer wieder froh, wenn ich jeweils wieder „draußen“ sein kann. Flughafengebäude sind surreal-künstliche Welten, die für mich nicht wirklich attraktiv sind; nur Mittel-zum-Zweck, mehr nicht.

Nach drei Wochen Hochdeutsch und Englisch bin ich gespannt, wie mir das Schweizerdeutsch bekommt.

Apropos Schweiz: Die hat ja heute Geburtstag. Ich hoffe, dass ich deswegen unbehelligt heimreisen kann. Ich mag die Schweiz, wirklich, aber so Feuerwerkfestivitäten wie es der 1. August inzwischen geworden ist, brauche ich nicht wirklich.

Dennoch kommt langsam Heimkehr-Freude auf. Mein Bett, mein Bad, mein Gärtchen. Und mein Laptop. Ans kaputte Auto denke ich lieber nicht.