„Was mich immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, dass Begriffe, von denen wir meinen, sie sind absolut gesetzt, in bestimmten Zusammenhängen ihre Eindeutigkeit verlieren.“
Einer dieser Sätze, die mir auf der Zunge zergehen. Mützenfalterin schrieb ihn im Kommentarstrang ihres Artikels über den Künstler Aaron Siskind (> mehr …)
Ja, richtig, auch Wörter sind relativ. Genau das habe ich gemeint, als ich neulich schrieb, dass viele Wertmaßstäbe von der Definition der jeweiligen Gesellschaft abhängen.
Nimm mal, nur so als Beispiel, das Wort „Gewissen“. Was fällt dir dazu ein? Und dir? Und jetzt denkst du kurz an das, was deine Eltern darunter verstanden haben. Eben.
„ich schreibe aus visionen heraus, die sprache ist zwar wichtig, aber in erster linie transportmittel. ich wähle die worte, aber einen kult mach ich jetzt auch nicht aus ihnen“, schrieb Luisa Francia gestern in ihr Webtagebuch.
Und ich? Ja, ich schreibe auch vor allem, weil ich eine Vision, eine Idee, eine Absicht habe. Berühren, anrühren will ich. Etwas auslösen. Die Welt ein bisschen lebenswerter machen, weil Lesen gut tun kann. Ich will ein Lächeln in ein Gesicht zaubern oder das Herz unter diesem Gesicht zum Nachdenken bringen.
Doch es gibt noch etwas dazwischen: Worte sind Transportmittel, ja, auch für mich, doch sie sind mir mehr als dies. Und ja, ich mach gerne zuweilen einen kleinen Kult aus ihnen. Denn ich liebe es, nicht nur das gute Wort zu finden, sondern das bestmögliche. So gut ich kann. Und genau da sind wir wieder bei der Eindeutigkeit. Das Beste? Was für mich eindeutig das beste Wort ist, mag dich möglicherweise nicht erreichen. Doch ich schreibe weiter.
Dreimal doch in einem Absatz? Den kleinen Widerspruch dieses Wortes mag ich. Brauche ich – habe ich zuerst geschrieben. Nein, brauchen tu ich ihn nicht, aber er tut mir gut. Was so ein einziges kleines Wort mit vier Buchstaben für dich, für dich oder für dich bedeuten mag, ist ganz und gar nicht unbedeutend.
Doch und Aber tut echt gut.
Das ist ein sehr schöner Eintrag. Bei mir tut sich nämlich ein Neuronenfeuer auf, wenn ich das lese. Ich habe zwei Gefühle zum Schreiben (zu Wörtern generell). Das eine ist, ich weiß genau, Wörter haben nicht genug Fassungsvermögen, um die Vielseitigkeit, Fülle und Größe unserer Emotionen wirklich 1:1 zu transportieren. Aber für dieses Manko haben wir Metaphern, die Fähigkeit, das Schreiben zu kultivieren. Das andere ist aber: Wir haben überhaupt keine anderen Mittel als eben diese diese Wörter, so unzureichend sie auch sind (abgesehen jetzt von nonverbaler Kommunikation, die meines Erachtens je nach Empfänger auch sehr eingeschränkt sein kann), um einander zu berühren und einander mitzuteilen.
Kommen nun Menschen, die viel Wissen haben, eine große Spur Idealismus und zudem noch die Fähigkeit, andere mitzureißen durch die Art, wie sie schreiben, dann kommt nach meinem Empfinden fast eine kleine Last hinzu. Die Fähigkeit, die man hat, birgt eine Verantwortung in sich (aber nur nach meinem Maßstab für mich, nach meinem Empfinden). D.h., das Schreibenkönnen bewirkt, dass ich mich dazu verpflichtet fühle, Dinge anzusprechen, die Leute anzustubsen, sie im Diskurs zueinander zu halten, sei es auch damit, indem ich einfach nur kritisiert werde.
Und dann kommt noch ein schöner Effekt des Schreibens: Das Andocken aneinander. Wir finden einander, indem wir lesen. Und da das nur „abstrakte Symbole“ sind, können wir noch mehr Nähe hineinprojizieren, als wir uns in real – voreinander – vielleicht trauen würden. Viele nennen das „unecht“, „virtuell“, „nicht realistisch“. Aber ich sage, es ist sehr wohl realistisch, und erst Recht echt. Nur tauen wir uns hier, im geschützten Raum, mehr aus uns rauszukommen.
Ich kenne Menschen, die genau das kritisieren. Sie sagen, das Bloggen, Diskussionen im Forum, etc. lassen Distanz aufkommen. Ja, tut es, sobald man vergisst, dass unser Gegenüber ein Mensch ist und keine virtuelle Maschine. Aber wenn man sich bewusst macht, dass hinter der Mattscheibe eine Frau oder ein Mann mit einem echten Leben, mit echter Haut, echten Augen, echten Haaren sitzt, dann können gute Schreiber (so wie du eine bist), ein schönes, warmherziges Netz um sich spannen. Und ich fühle dann immer wieder: „Das hier ist ein Lagerfeuer. Ich möchte hier mit diesen Menschen zusammen sitzen und über Gott und die Welt reden.“
Ich habe so bescheuert ausgeholt, sorry. Passiert manchmal, wenn ich nicht nachdenke.
liebe sherry
toll, was du – und dazu ganz ohne nachzudenken 🙂 – da mit mir und den andern lesenden geteilt hast. ja, genau, das ist genau meine sicht zur virtuellen schreibbewegung.
notabene hab ich meinen liebsten durch blog und kommentarstrang kennengelernt. und live ist er sogar noch besser als virtuell 🙂
es lebe das bloggen!
herzlich, d.
Siehst du mal, kein Wunder, dass wir das so sehen. Ich habe meinen Mann auch in einem iranischen Forum kennen- und lieben gelernt. Tja, was soll ich sagen? Wir sind seit sieben Jahren zusammen und seit drei Jahren verheiratet. *lach*
Ach, danke, D.
gratuliere 🙂
und auf wiederles und weiterschreib!