Spuren finden

„Meine neue Wohnung hat idealerweise zweieinhalb bis dreieinhalb Zimmer, kostet weniger als vierzehnhundert Franken* (brutto) und ist in einem älteren, gemütlichen, aber renovierten Haus. Das heißt: es ist keine moderne Neuüberbauung mit sterilen Rasen drum rum. In der Nähe sind Aare und Natur. Ein bisschen alternativ-wild ist es ebenfalls. Am liebsten ist mir ein von vier bis zehn Mietparteien bewohntes Mehrfamilienhaus, denn ein bisschen Anonymität ist mir nach dem aktuellen Landleben ganz recht. Innendrin ist die Wohnung möglichst hell, Parkett, Linoleum, Stein oder Laminat (keine Teppiche), gerne Badewanne, gerne Balkon.“
Ich klicke auf „senden“ und hoffe, dass meine gute alte Freundin T. eine Idee hat, wie sie mir dabei helfen kann, meine neue Wohnung zu finden. Sie wohnt seit vielen Jahren in einem Ort, der mit anderen Ortschaften auf meiner Favoritenliste steht. Auf meiner angepassten Liste. Am Wochenende war ich in der Schweiz und habe meine vermeintliche zukünftige Wohnung angeschaut. Die Wohnung war total schön. Ein bisschen klein die Küche, zugegeben, doch sonst sehr schön. Der Balkon nach Westen. Doch was mir ganz und gar nicht gefiel: Die Lage. Eine Blockwohnung habe ich noch nie bewohnt. Die Umgebung ist so steril gewesen, dass sich meine Eingeweide verkrampft haben. Kurzgeschnittener Rasen. Da und dort ein einsamer Sandhaufen. Eine Rutsche. Nachbarblocks rundum. Nein, das mag ich nicht. Nicht mal dieser Ort, den ich aus Kompromissgründen als neue Heimat fokussiert hatte. Nein, keine halben Sachen. Diese Region hatte ich deshalb angepeilt, weil sie zwischen zwei meiner Freundesknäuel liegt. Heißt, damit ich zu Freundin L. ungefähr gleich lang habe wie zu Freundin M..
Wie ich nach der Besichtigung zu L. fahre – über Land, um die Gedanken zu sammeln und zu spüren, was ich wirklich will – quere ich meine alte Heimat. Die Gegend, wo ich aufgewachsen bin. Die Aare. Mein Herz klopft laut. Die Aare. Auch in Bern wohnte ich an der Aare. Sie verbindet die beiden, von mir am längsten bewohnten Gegenden. Ich will an der Aare wohnen, weiß ich auf einmal glasklar. Möglichst nahe jedenfalls. Bei L. angelangt, habe ich meine neue Wunschliste bereits im Kopf.
Wie wir gestern Nachmittag bergwärts – von der Geissflue aus, fast tausend Meter über Meer – in die Weite schauen, in der Ferne die Alpenkette genießen, begreife ich, dass ich zwar überall Natur, Wälder und Berge finde (ja, die gibt es auch in Deutschland), doch wo anders als hier kenne sogar ich ein paar Berge mit Namen?
Da, da hinten! Eiger, Mönch und Jungfrau, seht nur!, sage ich zu L. und H.. Ich bin begeistert wie ein kleines Kind, als sich die fernen Bergspitzen allmählich orangerosa färben und ein wunderbares Alpenglühen – wenn auch weit-weit weg, es dünkt mich gar es sei eigens für mich – veranstalten. Und hätte ich nicht mein iPhone-Ladekabel zuhause vergessen, hätte ich jetzt zum Beweis ein paar Bilder eingefügt. Oder ich hätte gestern, von unterwegs, gebloggt.
J. meinte heute, als ich im Internet nach der idealen Wohnung suchte, dass ich vermutlich die ultimative Eierlegendewollmilchsau-Wohnung finden wolle. Stimmt. Das Ideal, ich will es finden und weiß doch: Selbst wenn du die schönste Wohnung der Welt hast, können die Nachbarn Terror machen und die tollste Wohnung ist für d‘Füchs. Wie wir in der Schweiz sagen. Neulich bei Freunden haben wir genau das erfahren.
Das Perfekte darf wohl Ziel und Leitplanke sein, das Ideale mag uns als Wegweiser helfen, doch ich lerne allmählich, mich damit abzufinden und zu versöhnen, dass auch das Unperfekte, das Unideale genügt. Mut zum Unperfekten befreit von Druck auf den Schultern.
Nichtsdestotrotz formuliere ich meine Wohnungsideale und wünsche mir dazu den Mut und das Talent, jederzeit das, was ist und das, was kommt, in mein Leben integrieren zu können.
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* für deutsche Leserinnen und Leser: Ich weiß, das klingt für euch nach sauviel, ist aber in der Schweiz der Preis einer eher günstigen Zwei- bis Dreizimmer-Wohnung. In der Schweiz sind die Löhne aber auch um einiges höher und fairer als in Deutschland.

0 Kommentare zu „Spuren finden“

  1. ein klares bild von ort und stil einer wohnung zu haben, kann nur förderlich sein. immer wieder lese ich, dass die klare visualisation unterstützend ist… ja, ein bild z.B. davon zeichnen/malen und an die wand hängen… du kennst solch übungen, gäll…
    ja, ich schwinge mit dir und doch lässt mich dein letzter satz stolpern:
    „und wünsche mir dazu den Mut und das Talent, jederzeit das, was ist und das, was kommt, in mein Leben integrieren zu können“
    ist es nicht genau das, was dich jetzt weiterziehen lässt? dass du nicht das, was kam, in dein leben integrieren konntest?
    nein, kein vorwurf, nur ein gedanke…
    herzliebe grüße u.

  2. aber ja, ich werde, das was jetzt ist, integrieren, auch wenn ich weiterziehe. das heisst nämlich nicht, dass ich still leidend dinge ertragen muss, die mich langfristig überfordern. so ist mein letzter satz ja nicht gemeint.
    ich soll, will, kann, darf ändern, was ich ändern kann, aber auch akzeptieren, was ich nicht ändern kann. integrieren jedoch immer, heißt für mich: den dingen ihren platz geben.
    gut, dass du nachgefragt hast!
    liebgrüß, d.

  3. ooookay… so stellte ich es mir zwar vor, aber wissen konnte ich es nach diesem satz nicht. ja, den dingen und geschehnissen, den begnungen ihren platz geben… das hast du schön gesagt! und weischt was, manches gehört echt auf den recyclinghof ;o)
    liebe grüße u.

  4. Das ist ganz seltsam, aber ich brauche die Nähe zum Rhein auch. Mich macht’s einwenig nervös, nicht in seiner Nähe zu sein. Der Rhein verhindert, dass ich den ganzen Tag nervös darüber bin, dass ich nicht in Teheran bin.
    Ich wünsche mir, dass du findest, was du suchst. ❤

  5. Du schreibst: „Das Perfekte darf wohl Ziel und Leitplanke sein, das Ideale mag uns als Wegweiser helfen, doch ich lerne allmählich, mich damit abzufinden und zu versöhnen, dass auch das Unperfekte, das Unideale genügt. Mut zum Unperfekten befreit von Druck auf den Schultern.“
    Hm…tja, manchmal ist es gar nicht so leicht, sich damit abzufinden, dass die Dinge nicht immer perfekt sein können. Sich auch mal mit einer Alternative zufriedegeben, ohne dabei zu sehr von dem abzuweichen, was man möchte…das fiel mir lange Zeit schwer – und manchmal tut es das heute noch.
    Ein schöner Artikel.
    Viele Grüße… 😉

    1. ja, meike, das ist immer wieder eine herausforderung für mich. nicht alles und nicht immer, aber oft genug noch bin ich von äußeren umständen sehr abhängig … ich arbeite da auch dran.
      liebgrüß, d.

  6. Oh, wie gut ich dich verstehe, habe grad fast die gleiche Situation. Und ich setze meine Wünsche auch auf die Bestellliste und hoffe, dass ich diese Wohnungmit eben den Kriterien finde (ich wünsche uns beiden viel Erfolg dabei).
    Den Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau habe ich auch als sehr sehr schön in Erinnerung!!
    ..grüßt dich Monika herzlich

    1. ich drück dir die daumen, liebe monika!
      zu meinem obigen wunschzettel noch dies zur klärung: ich reite überhaupt nicht auf der welle von „bestellungen ans universum“ oder „the secret“, das ist mir zu linear und zu konsumorientiert, das ist nicht mein ansatz, aber ich glaube ich daran, dass es wichtig ist, dass wir wissen, was wir wollen. und von da aus dann eben auch die flexibiltät üben können, uns mit dem was ist, mit dem unperfekten, anzufreunden.
      wünsche weise, es könnte sich erfüllen, hat luisa francia uns in ihren kursen jeweils gesagt. recht hat sie.

      1. Hast Recht, liebe D., auch ich sehe das nicht geknüpft an die Welle, die sich durch ein paar Bücher ausbreitete. Wenn ich nicht weiß was ich eigentlich suche, kann ich es auch nicht finden. Also schreibe ich es mir auf, oder hinter die Ohren und kann es dann besser erkennen, wenn es da ist. 😉
        ..winkt Monika

  7. Deine Landschaftsbeschreibungen lassen meinen Geist ganz weit weg schweifen.
    Echt schön. Und ärger dich nicht, daß dein iPhone nicht geladen war, so konnte dich das wenigstens nicht ablenken. Und deine Landschaftsmalerei mit Worten macht jedes Foto wett.
    Machst du das mit dem Wohnung suchen eigentlich auf allen Kanälen? Damit mein ich, bei bekannten rumfragen aber auch in entsprechenden Anzeigen suchen? In der Schweiz wird es doch sicher auch sowas wie Immonet geben, oder? Je mehr man da durchforstet, desto größer die Auswahl. Ist so meine Erfahrung.

  8. hihi, das tut mir gut, wie du das siehst, … mit worten malen. jaaa. das möcht ich können.
    ja, in der schweiz gibts auch so sammelseiten wie immonet. da bin ich am suchen und auch auf den kleineren websites, die insidertipps zeigen.
    ich habe natürlich auch mein beziehungsnetz aktiviert 🙂
    danke fürs mitgefühl!

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