Es ist höchste Zeit, meine Integrationsarbeit fortzusetzen, denn die Integration der nach Deutschland ausgewanderten Schweizerin – ihres Zeichen Autorin dieses Blogs – ist noch längst nicht vollendet ist.
Heute behandeln wir zum zweiten Mal das Thema „gesund und krank“ und wenden uns dem Schwerpunkt Krankschreibung zu. Was macht eine Arbeitsnehmerin, die in Deutschland erkrankt? Halt, ich frage besser andersrum, denn hier soll es ja auch – ein bisschen zumindest – um Völkerverständnis und –verständigung gehen: Was macht eine Schweizer Arbeitsnehmerin, die krank ist?
Fall a.) Ist sie so krank, dass absehbar ist, dass sie sich länger als drei Tage nicht am Arbeitsplatz zeigen kann, geht sie baldmöglichst zu ihrer Ärztin und lässt sich behandeln. Die Ärztin rät ihr nach reiflicher Untersuchung der Arbeitsstelle so und so lange fernzubleiben und sich bestmöglich zu erholen. Vielleicht verschreibt sie ihr zusätzlich das eine oder andere Medikament. Mit einem seriösen, selbst verfassten Zeugnis bescheinigt sie, dass die Patientin von dann bis dann krank ist und nicht arbeiten kann.
Fall b.) Ist die Patientin schlicht und einfach erkältet und es ist absehbar, dass sie am vierten Tag wieder arbeiten gehen kann, bleibt sie zuhause und pflegt sich gesund. Drei Tage ohne Zeugnis, während denen sie ihre Scheffin über den Heilungsprozess telefonisch auf dem Laufenden hält.
Deutsche reagieren, wenn ich das erzähle, empört. Da kann ja jeder einfach mal drei Tage krank feiern!, sagen sie. Hat was, jedenfalls ohne nähere Kenntnisse der Schweizer Gepflogenheiten. Ihr müsst wissen, dass ein Arztbesuch in der Schweiz kostet. Mindestens zehn Prozent zahlt die Patientin selbst, neunzig Prozent übernimmt die Krankenkasse – je nach Vertrag auch weniger oder (bis eine vorher definierte Höhe erreicht ist) auch gar nichts. Darum rennen Schweizerinnen nicht wegen jedem Schnupfen zur Ärztin. Positiv daran: die Ärztinnen haben so den Rücken frei für jene Patientinnen, die mehr als nur erkältet sind. Mit der Drei-Tage-krank-sein-ohne-Zeugnis-Regelung werden aber auch die Kassen geschont und die Patientinnen zu Eigenverantwortung erzogen. Diese wird – jedenfalls in meinen vertrauten Arbeitsumgebungen – ernst genommen und in der Regel gehen die Arbeitsnehmerinnen am zweiten oder dritten Tag wieder arbeiten. Pflichtbewusstsein und so. Ihr wisst schon.
Da kann ja jeder schnell mal eine Woche krank feiern!, sage ich zu meinen Liebsten, nachdem er mir erklärt hat, wie es in Deutschland läuft. Du gehst zwar bereits am ersten Tag (oder wie ich letzten Donnerstag am dritten, da ich die Regel nicht kannte) zur Ärztin, doch die Untersuchung – in meinem Fall dauerte diese ganze zwei Minuten (nach einer Dreiviertelstunde Wartezeit) – war so rudimentär, dass meine Ärztin nicht mal gemerkt hätte, wenn ich an Pest erkrankt wäre. Immerhin hat sie das von mir für die Arbeitsgeberin notwendige Vordruckformular – allerdings noch im Leerzustand – unterschrieben (wie lange soll ich Sie denn krankschreiben?) während sie der Praxisassistentin am PC etwas von viralem Infekt und die auszufüllenden Daten mitteilte.
Mit dem auf dem PC ausgefüllten Vordruck in der Tasche verlasse ich irritiert die Praxis. Ich fühle mich wie ein Stück Fleisch, am Fließband untersucht und für krank befunden. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung heißt das Stück Papier, das ich erhalten habe. Na ja, irgendwie muss es ja heißen. Irritiert bin ich weniger vom Namen als vom Verfahren, das nicht wirklich vertrauenswürdig zu sein scheint, und ich bereue ein klein bisschen, dass ich mich nicht gleich eine Woche länger habe arbeitsunfähig bescheinigen lassen. Aber nur ein bisschen. Pflichtbewusstsein und so. Ihr wisst schon.
Kann ich einer Ärztin trauen, die tut, was ich will? Kann eine Arbeitsgeberin, die ja weiß, wie das bei den Weißkitteln läuft, überhaupt a.) ihren Arbeitsnehmerinnen und b.) den Ärztinnen trauen? Kann ich … na ja. Irgendwie muss es ja funktionieren … Pflichtbewusstsein und so. Ihr wisst schon.
Merke: Und die Erde dreht sich doch. Ob aus Pflichtbewusstsein oder nicht hat sie mir jedoch nicht verraten.
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Anmerkung: Mit der weiblichen Form sind selbstverständlich auch alle Männer mit gemeint. Der Einfachheit halber habe ich ausschließlich die weibliche Form verwendet.
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Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 3: Der Ausweis
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank? Teil 1
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 5: auswärts essen
Kategorie: Augenblicke
Wespen und so
Wie hat Inox Kapell uns auf seinen beiden äußerst inspirierenden Insektenführungen samstags und sonntags erzählt? Wespen ließen sich mit Kupfer vertreiben.
Montagmorgen auf der Südterrasse. Liveexperiment. Wir sitzen beim Frühstück. T. fotografiert und dokumentiert, wie die Wespe sich ohne zu zögern auf das Marmeladenbrot neben den Kupfermünzen setzt. Entgegen Inox‘ Aussage.
Du glaubst bloß zu wenig daran, sage ich augenzwinkernd aus der wespenfreien Zone, wo zwei kleine Kupferröhrchen vor unseren Frühstückstellern liegen.
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Addition
Wespe hasst Kupfer.
Wespe liebt Marmelade.
Wespe zögert, kurz, Kupfer plus Marmelade zu mögen.
Wespe setzt sich auf Kupfer plus Marmelade und lässt es sich dort gut gehen.
Nein, das ist keine Fabel, sie hat keine Moral. Ebensowenig wie die Wespe.
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 5: auswärts essen
Ich begrüße euch herzlich zur Lektion fünf des Integrationskurses „Alltag in Deutschland“ und mache euch darauf aufmerksam, dass alle bisherigen, aktuellen und zukünftigen Kursinhalte dieser Reihe ohne jegliche Gewähr vermittelt wurden und werden. Sie beruhen auf persönlichen Erfahrungswerten. Augenzwinkern und Ironiemodus inklusive. Jegliche Risiken gehen zu Lasten der Teilnehmenden.
Eine grundsätzliche Feststellung sei mir erlaubt: Integration, so weiß ich jetzt, ist Schwerarbeit. Selbst ich, die ich von bilateralen Freizügigkeitsabkommen mit meinem „neuen“ Land profitiere und aus einem Deutschland doch recht ähnlichen Land komme, selbst ich, die ich nicht wirklich eine neue Sprache lernen muss – abgesehen vielleicht vom ß, dass es in der Schweiz nicht gibt –, stelle fest, dass das Kennenlernen einer neuen Kultur, einer neuen Geografie, geringfügig oder deutlich anderer Umgangsformen, unausgesprochenen Regeln und Verhaltenskodexen eine große Herausforderung ist. Das gesunde Maß an Anpassung muss individuell gefunden werden. Mich verlieren und mir eine fremde Haut überziehen geht nicht. Will ich auch nicht. Wie viel schwerer muss es einem Menschen fallen, in der Fremde Wurzeln zu schlagen, der unter anderen als erfreulichen Umständen hier – oder in der Schweiz – gestrandet ist?!
Kommen wir – nichtsdestotrotz – zum heutigen Thema: „Essen in deutschen Restaurants“. Okay, ich gestehe, dass ich in Wirtschaftskunde noch nicht sattelfest bin und es wohl auch nie sein werde. Das war auch in der Schweiz nicht anders, denn ich bin nicht wirklich die Auswärtsesserin. Lieber koche oder grille ich mit meinem Liebsten oder mit lieben Leuten zusammen etwas, wo ich dann auch sicher weiß, dass keine Tiere – und keine tierischen Nebenprodukte wie Gelatine – drin sind.
Während es in der Schweiz kaum mehr ein Restaurant gibt, dass nicht mindestens ein Vegimenü auf der Karte hat – auch wenn es irgendwas phantasieloses mit Käse ist, da die meisten keine Ahnung von abwechslungsreicher, genußvoller Vegikost haben –, wird hierzulande schon mal mit gerunzelter Stirn zur Kenntnis genommen, dass ich Vegi bin. Dass es Vegis gibt. So was exotisches aber auch! Immerhin nicht in unserem nahen Umfeld. Zum Glück! Dennoch musste ich mich hier schon fragen lassen, was ich denn sonst esse. Sonst? Hallo?
Willst du als Vegi in Deutschland auswärts essen, findet sich beim Italiener immer eine Vegi-Option. Das gilt weltweit. Auch indisch essen kann ich überall vegetarisch. Aber was, wenn weit und breit kein Italiener und keine Inderin kochen? Wie steht es denn mit der gutbürgerlichen Küche wie jener in der Dorfkneipe, in die Irgendlink und ich neulich nach einer Wanderung eingekehrt sind?
Schon vor dem Eintreten hatte ich beschlossen, einfach zu nehmen, was es gibt. Salat und irgendeine Beilage. Spaghetti vielleicht. Die Karte vor dem Restaurant hatte nämlich nur Fleischmenüs gelistet.
Kaum saßen wir an unserem Platz, wurden wir auch schon von der Wirtin aufs Freundlichste begrüßt und nach unseren Wünschen gefragt. Mein Liebster erkundigte sich sogleich, was sie Vegis zu bieten habe.
Was halten Sie von Schupfnudeln mit Gemüsepfanne? Steht zwar nicht auf der Karte, aber ich hätte alles im Vorrat, sagte die Dame.
Ich nicke, sage Ja, gerne! und freue mich auf ein feines Essen. J. bestellt die auf der Wanderung visualisierten Pommes und Fleisch. Und Salat.
Wir müssen nicht lange mit knurrendem Magen warten, als die Dame uns auch schon letzteren serviert. Ohne Brot, was mich befremdet.
Das ist in Deutschland so üblich, sagte J. Egal. Hauptsache es schmeckt.
Auch der Hauptgang ist sehr fein, mit Pilzen und meinen Lieblingsgemüsen. Liebevoll angerichtet sogar. Als die Rechnung kommt, schlucke ich leer. Positiv überrascht.
Für den Preis hätte in der Schweiz nur eine Person gegessen, nicht gleich zwei!, sagte ich zu J..
Merke: Ungewohntes muss nicht schlechter sein.
(verfasst am 11. Juli 11)
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Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank ? Teil 1
instant sterben
Ein bisschen wie Quicklunch ist es, das heutige Leben. Gieß heißes Wasser darüber, lass es kurz stehen, rühre ein bisschen und genieße es. Sterben geht ähnlich. Und tut kaum mehr weh bei so viel Chemie, habe ich mir sagen lassen.
Apropos sterben: Da bekam ich doch gestern eine Mail von einer meiner vielen Schwestern. Tante L., sei gestorben, schreibt sie, und dass ich auf der Website xyz Todesanzeige und eine Link zum Kondolenzbuch fände.
Ich klicke auf die blaue Zeile und finde tatsächlich, was V. angekündigt hat. Der Tod im Netz. Mit Bild. Voll krass, denke ich noch, bevor ich sofort ein paar mitfühlende Zeilen eintippe. Auf dem iPhone natürlich. Dekadent! Wo führt das hin?
Das schlechte Gewissen lässt sich innert Minuten wegtippen und immerhin werde ich, da ich in Deutschland lebe, nicht zur heutigen Abdankung erwartet. Zumal ich Tante L. kaum wirklich kannte. Siebenundachtzig Jahre hatte sie auf dem Buckel, die Gute.
Die Generation meiner Eltern ist in meiner Verwandtschaft auf beiden Seiten – bis auf eine letzte Tante, die zwar sterben will, aber nicht kann – ausgestorben. Wir rücken in die erste Reihe vor, meine Geschwister, Cousinen und Cousins. Wir sind die Nächsten. Die Nächsten, die den Löffel abgeben werden. Vielleicht nicht heute, aber Punkt-Punkt-Punkt. Sogar mit Internetanzeige und allem Pipapo. Falls wir das wollen.
Während J. heute Morgen seine Lunchbrote schmiert, übertrumpfen wir uns mit Geschichten über unsere jeweiligen buckligen Verwandten. Über deren Ticks, Verrücktheiten und Vorlieben. In einer Ecke meiner Phantasie höre ich gleichzeitig meinen Nichten und Neffen zu, wie sie später einmal ihren Kindern und Kindeskindern von der seligen Tante Sofasophia erzählen, die sich dazumal als Künstlerin versucht hatte. Je nachdem, was ich noch vor mir habe, kann die Geschichte nun so oder so weitergehen. Eine Geschichte, die erst noch fertig geschrieben werden muss. Den Schreibstift, sprich die Tastatur, habe ich noch in der Hand. Den Löffel ebenfalls. Ich brauche ihn schließlich, um umzurühren! Heißes Wasser bitte!
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank? Teil 1
Über das deutsche Gesundheitswesen gäbe es viel zu erzählen. Besonders für die SchweizerInnen, die mein Blog besuchen, mag ein erster Blick hinter die Kulissen interessant sein. Doch ich warne alle Nichtdeutschen schon mal vor: Dieses Gebilde ist erstens gewöhnungsbedürftig und zweitens – jedenfalls am Anfang – scheinbar kompliziert und drittens funktioniert es meiner Erfahrung gemäß – hm, na ja, wie soll ich sagen? – nicht wirklich überzeugend.
Punkt 1: Die Praxisgebühr: Fängt ein neues Quartal an, ist beim ersten Besuch in einer Fachärztin-Praxis (gilt auch für Fachärzte, erwähne ich nun aber nicht mehr speziell) eine Gebühr fällig. Zehn Euro Praxisgebühr, die aber nicht den Halbgöttinnen in Weiß zu Gute kommt, sondern den Krankenkassen. Sie soll davor schützen, dass die Leute wegen Bagatellen in die Praxen rennen. Denn alle ärztlichen Behandlungen sind – GUTE NACHRICHT! – (ohne die in der Schweiz üblichen Selbstbehalte) kostenlos, will heißen, sie werden vollständig von den Kassen übernommen.
Darum die zehn Euro. Die sollen ein bisschen wehtun. Zehn Euro sind nämlich nicht einfach zwölf Franken, weil hier ja die Löhne nicht einfach einskommazweimal tiefer sind als in der Schweiz, sondern unvergleichlich tiefer. Die Mieten auch. Und die Lebensmittel sowieso. Aber das ist ein anderes Kursthema, das wir vielleicht in einer Nachfolgelektion behandeln werden. Back to the topic. Ich zücke also meine Krankenkassenkarte und zahle zehn Euro. Das kann nun bei der Orthopädin oder bei der Hausärztin sein. Egal. Beim ersten Besuch pro Quartal wird bezahlt und somit ist das hier für mich für dieses Quartal der Ort, wo ich für alle weiteren Besuche bei anderen Fachärztinnen eine Überweisung hole. Womit wir beim nächsten Punkt wären.
Punkt 2: Die Überweisung. Was Schweizerinnen, die das Hausarztmodell bevorzugen, praktizieren, ist hier in Deutschland der Normalfall. Für nicht Hausarztmodellvertraute wie mich, ist es schon ziemlich befremdlich (ich habe nicht wirklich den Sinn der Sache begriffen) dass ich, wenn ich zu einer anderen Fachärztin will – bleiben wir doch gleich bei der Orthopädin – wieder zu meiner erstbehandelnden Ärztin rennen muss, um dort einen von ihr unterschrieben Zettel zu erhalten, der mich legimitiert, zu ebendieser Orthopädin zu gehen. Puh.
Vorgestern hatte ich gleich zwei Termine nacheinander. Was nicht einfach zu bewerkstelligen ist, weil du eben nie weißt, wie lange du in den Wartezimmern verbringt. Womit wir bei den Wartezeiten wären (siehe Punkt 3) … Doch ich habe zum Glück auch den zweiten Termin pünktlich geschafft. Nachdem ich in der ersten Praxis anderthalb Stunden gewartet hatte, wartete ich in der zweiten exakt eine Stunde und wurde deshalb in der Mittagspause der Ärztin behandelt. Dass sich weder die erste noch die zweite Ärztin für meine lange Warterei entschuldigt hat, muss ich wohl nicht extra erwähnen? Und dass bei der Hausärztin, die meine Schilddrüsen checkte, schon jemand oben ohne auf der Behandlungsliege lag, als ich mich hinlegen wollte, verschweige ich hier wohl besser.
Punkt 3: Die Wartezeiten: In den Praxen, die ich bisher gesehen habe, gibt es vielmehr Sitzgelegenheiten als in den Schweizer Praxen, die ich kenne. Der Grund ist einfach. Sie sind fast immer besetzt. Ich verstehe das deutsche Buchungssystem nicht. Und ich gestehe, dass ich Deutschlands Gesundheitssystem, dass auf mich mindestens so krank wirkt, wie das schweizerische, ebenfalls nicht nachvollziehen kann. Es kann doch nicht funktionieren, wenn acht Leute in eine einzige Stunde gebucht werden und die Ärztinnen im Sieben Minuten-Takt (hab ich mal aufgeschnappt), Menschen heilen oder ihnen zumindest helfen sollen.
Punkt 4: Die Behandlung: Wie gesagt, sie ist sehr kurz. Ob das mit den sieben Minuten stimmt, weiß ich nicht. In der Schweiz – bei meiner goldigen Berner Hausärztin ist es jedenfalls so – dauert eine Behandlung entweder eine Viertel- oder eine halbe Stunde. Warten tust du höchstens fünf Minuten. Sind es doch einmal zehn, entschuldigt sie sich herzlich. Und dann setzest du dich hin und redest. Dann guckt sie dich an. Schaut, was du brauchst, meine Ärztin. In der Schweiz.
Und hier? Na ja, Wie geht’s?, fragt sie schon und nett ist sie auch, aber die Antwort verdampft ungehört, denn dann geht’s ruck zuck. Und schon stehst du wieder draußen und hast all deine vorher zurecht gelegten Fragen zu stellen vergessen. Wann auch? Doch wer kann es ihr verargen? Sie hat ja gar keine Zeit!
Okay, niemand will mehr Geld für die Behandlungen zahlen, logisch. Es ist ja kaum welches da im Billiglöhneland Deutschland.
Im Vergleich: Das Schweizer System mit dem Mindest-Restselbstbehalt von zehn Prozent der Kosten pro Behandlung verfolgt im Grunde den Ansatz der Selbstverantwortung. Doch in der Schweiz liegt der Hase bei der Höhe der Prämien im Pfeffer. Diese erreichen astronomische Höhen und sind nicht einfach einskommazweimal höher als jene in Deutschland. Darum sagen sich die Leute: Wenn ich schon so viel zahlen muss, will ich auch zum Arzt, pardon, zur Ärztin! Und schon geht der Schuss nach hinten los. Nein, auch nicht wirklich viel besser. Und nein, ich habe auch keine besseren Vorschläge.
Merke:
Manches ist hier einfach anders als dort, wo du herkommst. Gib dem neuen eine Chance, vor allem wenn du keine besseren Ideen hast.
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Fast geschafft! Schon bald habe ich das begehrte Papier. Die Bewilligung. Den Ausweis. Meine dreimonatige Touristin-Zeit geht zu Ende und ich erhalte demnächst meine für fünf Jahre gültige Aufenthaltsbewilligung. Oder heißt das Teil AusländerInnenausweis? Ein Passbild muss ich bloß noch mailen, doch dann ist gut.
Da habe ich also heute Vormittag, extra mehr als eine Stunde vor Schalterschließung um Stress zu vermeiden, das AusländerInnenamt besucht. Zum zweiten Mal. (Stammleserinnen erinnern sich womöglich noch an meinen ersten Besuch? – hier klicken). Diesmal erschien ich, wie vorgeschrieben, mit dem Vorvertrag von der neuen Arbeitsstelle und meinem Krankenversicherungsnachweis. Warten musste ich diesmal nicht. Ich stellte mich mit dem Satz vor, dass ich die Schweizerin sei, die sie das letzte Mal ausgelacht hätten. Der nette Herr meinte, da sei er leider nicht dabei gewesen und schon war das Eis gebrochen. Das erforderliche Formular war schnell ausgefüllt und schon war ich wieder draußen. Cool.
Auch auf dem Bürgerbüro – wie das Einwohnermeldeamt hierzulande heißt und wie ich inzwischen gelernt habe –, wo ich für meine neue Arbeitsstelle ein Formular bestellen musste, ging es lustig zu und her. Frau D. war richtig gut drauf und witzelte mit mir herum. Und ich mit ihr. Die Warteschlange, die mich zu Anfang abgeschreckt hatte, war, da alle anderen in Pärchenformation oder als Familiengruppe in die Büros gingen, schließlich halb so wild.
Kurz und gut: Erstaunlich positive Amtserfahrung, die ich da heute machen durfte. Gäbe es einen „Gefällt Ihnen das?“-Button für diese beiden Beamten, müsste ich diesen direkt anklicken.
Merke:
Manches ist besser als sein Ruf!
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EDIT: Nachtrag: Der Ausweis ist für SchweizerInnen unbefristet gültig, was mich sehr positiv überrascht hat. Heute, am 4. Juli, habe ich ihn erhalten. Ein irgendwie tolles Gefühl, obwohl es doch nur ein Stück Papier ist …
Jeansmützen und andere Klischees
Diesmal mach ich es schlauer als gestern! Dachte ich jedenfalls, als ich mich heute Mittag an den Laptop setzte. Froh, dass es draußen feucht ist. Froh, dass es endlich geregnet hat. Froh, dass ich ohne schlechtes Gewissen drinnen sein kann. Zuerst das Kreative erledigen, sprich Bloggen, war mein Vorhaben, und dann alles andere. Nicht erst bloggen, wenn ich schon zu müde für einen klaren Gedanken sein würde. Auf dem Zettel neben mir warteten ein paar Stichwörter zu diesem Text hier. Ideen. Doch natürlich ließ ich mich ablenken. Las und schrieb Mails, guckte in unserer Webcommunity vorbei und schrieb da und dort ein paar Kommentare zu tollen Bildern. Immerhin erledigte ich die Einzahlungen. Und da meine geliebte Jeans-Schirmmütze, die mich schon vor zig Sonnenstichen bewahrt hat, unauffindbar ist – wie die Stange aus dem Kleiderschrank übrigens, obwohl ich beides doch wirklich schon überall gesucht habe – habe ich heute im weltweiten Netz nach einer neuen gefischt. Gesucht. Gefunden. Bestellt.
Ach, und ein neues Bildbearbeitungsprogramm für mein iPhone habe ich heute auch aus dem Netz gefischt. Für kurze Zeit kostenlos. Fusioncam heißt die neue App. Zuerst nimmst du ein Bild auf. Du kannst es nun entweder schlicht abspeichern und fertig ist … oder aber, und das ist der Clou, du tippst den Schalter für die Doppelbildfunktion an. Das erste Bild wird nun halb transparent und du kannst dahinter – oder davor? – ein zweites Bild legen. Dieser Doppelbildeffekt hat echt was. Schon hast du vielschichtige Bilder sozusagen. Um ein Klischee zu bedienen. Oder gleich ein paar.
Womit wir bei den Klischees wären. Das größte Antikompliment, das du einer Autorin oder einer sonst wie künstlerisch tätigen Person machen kannst, ist es, dass sie Klischees bedient. Klischees sind, soweit ich mich erinnere, irgendwelche Vorlagen in der Druckkunst gewesen. Was sagt Wiki? Das hier:
„Ein Klischee ist eine überkommene Vorstellung oder ein eingefahrenes Denkschema, eine abgedroschene Redensart oder vorgeprägte Ausdrucksweise, ein überbeanspruchtes Bild (Stilmittel), das sich auf eine entweder regelhaft wiedererkennbare oder äquivalent dazu häufig zugeschriebene gemeinsame Eigenschaft einer Menge von Personen, Objekten etc. (…) bezieht und auf welche das Klischee demnach angewendet werden kann. Das Klischee existiert als etwas geistig bzw. sprachlich Schablonenhaftes. Es ist dabei charakteristisch, dass die Eigenschaft, welche das Klischee bedeutet, nicht eine der Eigenschaften ist, welche die gleichartigen Einzelelemente zu einer benennbaren Klasse werden lässt, sondern vielmehr eine zusätzliche, davon unabhängige Eigenschaft ist.
Das Wort Klischee stammt vom französischen cliché, welches ursprünglich „Abklatsch“ bedeutete und später auch für „billige Nachahmung“, „überbeanspruchte Redensart“ stand. Das deutsche und auch das französische Wort bezeichneten ursprünglich die gleichnamige Druckform, den sogenannten Abklatsch, einen Probeabzug im Druckwesen.“
Quelle: Wiki
Sagst du einem kreativen Menschen also, dass er mit Klischees um sich wirft, heißt das nicht anderes, als dass der Mensch wenig originell unterwegs ist.
Gestern vor dem Einschlafen meinte ich, dass wir versuchsweise jedes Wort pro Tag nur einmal verwenden sollten. Oder wenigstens nur ein einziges Mal schreiben. Um Wiederholungen und Klischees zu vermeiden. Worauf J. meinte, dass wir am besten jeden Buchstaben – um noch mehr Wiederholungen zu vermeiden – nur einmal brauchen sollten. Die Sprache sei eh langweilig: immer die gleichen Buchstaben!
Mit den immer gleichen Buchstaben immer wieder originelle Dinge zu formulieren, ist in der Tat eine Herausforderung. Formulierungen für unsere Gedanken zu finden, die so, auf diese Weise, noch nicht zigmal gelesen worden sind, ist besonders im Internetzeitalter gar nicht so einfach. Ich habe früher einmal, weil ich nicht wusste, ob ich eine bestimmte Geschichte bereits ins Netz gehängt hatte oder doch nicht, einen einzigen Satz aus ihr gegooglet. Ich bekam keine Übereinstimmungsmeldung. Wie schön, zu wissen, dass genau dieser Satz noch von keinem anderen Menschen genau so formuliert worden ist! Gibst du aber Wendungen wie „bleierne Müdigkeit“ ins Suchfeld ein – sie war nämlich gestern Nacht der Auslöser für die Klischee-Diskussion gewesen – zeigt Ecosia, die grüne Suchmaschine, über fünftausend Ergebnisse an.
Da war auch noch dieses Bild eines Mitkünstlers unserer Community. Das Bild von einem Fuß, der mit einer Wort-im-Bild-App so bearbeitet worden war, dass im ganzen Bild unzählige Male das einzige Wort Foot zu lesen ist. Groß und klein und in verschiedenen Schrifttypen. Immer wieder: Foot. Selbsterklärend. Oops, letztes Wort hätte es nicht gebraucht. Ist ja wirklich selbsterklärend – auch so ein abgelutschtes Wort!
Wohl verläuft dort der Grat zwischen Kunst und Nicht-Kunst: Löst die kunstschaffende Person mit ihren Ausdrucksmitteln bei den Betrachtenden oder Lesenden ein Gefühl oder einen Gedanken aus? Bilder wie der Foot-Fuß werden dagegen einfach weggeklickt.
Ja, natürlich kann ich hin und wieder der Versuchung nicht widerstehen, Klischees auszureizen und abgenutzte Formulierungen zu verwenden. So wie wir ja auch nicht jeden Tag neue Kleider oder Teller kaufen. Satzbauweisen und Stilmittel, die bekannt sind, zu verwenden, ist durchaus sinnvoll, denn wir alle haben dieses Bedürfnis nach Vertrautem, nach Wiedererkennen. Das Rad muss ich ja nicht neu erfinden. Und mit Klischees spielen macht schon irgendwie Spaß, wie letzter Satz beweist.
Ich denke beim Formulieren dieses Textes an die Überblendungsfunktion bei Fusioncam. Das eine Bild wäre die Idee. Das neue. Auf den Notizzettel gebannter zündender Funke (ja, auch das eine bekannte Redewendung und wenn du sie bei Ecosia eingibst, kommst du vielleicht sogar auf mein Blog). Das zweite ist womöglich ein Bild, das etwas Bekanntes widergibt. Worte, Sätze, ein Stil, der vertraut ist. Die Wiederholung. Die Vorlage. Übereinandergelegt entsteht so ein neues, so noch nie kombiniertes Bild. Begegnung zwischen Zufall und Absicht.
Selbst der Plot einer Bestsellerautorin hat bekannte Elemente. Oder vielleicht gerade ein Bestseller?, denke ich ein bisschen böse und erinnere mich an das, was ich über Creative Writing-Kurse gehört habe. Die Tipps für das Schreiben eines Bestsellers lesen sich, wurde mir erzählt, wie ein Kochbuch: Spätestens auf Seite fünf muss den Lesenden die Protagonistin sympathisch sein. Andernfalls legen sie das Buch zur Seite. Idealerweise müssen sie sich mit ihr identifizieren können. Die Hauptperson muss etwas nettes tun. Einer alten Frau über die Straße helfen. Eine Katze vom Baum holen. Okay, dazu müssen allerdings nicht zwingend stereotype Stories bemüht werden. Oops, bemühen habe ich heute schon mindestens zweimal bemüht. Danke für den Hinweis, aber ich habe es sogar selbst gemerkt.
Was ich sagen will? Ach, denk es selbst …
Sie schlummern immer. Irgendwo.
Beim Frühstück stehen sie Schlange. Ich komme nicht nach, sie alle zu begrüßen. Wir sind übernächtigt, doch J. muss heute früh los. Mit Kollege T. am Feuer war es einfach zu gemütlich und die Nacht sommerlich lau. Der Müdigkeit zum Trotz sprudeln sie, die Ideen. Sie hüpfen wie Gummibälle durch die Wohnküche. Draußen regnet es. Endlich mal wieder.
Während die Spiegeleier brutzeln, tüfteln und spinnen wir und erzählen uns Geschichten, die sich als Romanvorlagen eignen. So wir denn die Muße hätten, sie zu bannen, in Worte zu fassen und zu Papier zu bringen. Später, während ich am Laptop sitze und an einer Bewerbung bastle, um mir eine weitere Tür aufzutun, sind sie weg. Alle Ideen. Alle weg. Auch Bilder auf dem iPhone kann ich heute keine bauen. Ich bin seltsam leer und unkreativ.
Irgendwann fange ich dennoch einfach zu schreiben an. Und siehe da, sie tauchen wieder auf. Ganz leise. Um sie nicht zu erschrecken und womöglich erneut in die Flucht zu schlagen – sie kommen mir vor wie Asseln, die unter dem Stein hockten, den ich soeben hochgehoben habe – lege ich den Stein vorsichtig zurück und schreibe einfach weiter. Tue, als ob ich sie nicht gesehen hätte. Meine Gedanken fließen direkt in die Finger und die kennen den Weg zu den Tasten blind. Sie tippen einfach vor sich hin, was ihnen das Herz zuflüstert. Diese Sätze hier.
Eine Bildhauerin, deren Skulpturen mich in der neulich besuchten Ausstellung sehr angesprochen haben, hätte ich gegooglet, hatte ich J. erzählt, heute Morgen beim Frühstück. Den Satz, dass sie beim Steinbearbeiten nur bloßlege, was eh schon da ist, kennt jede, die sich schon mal mit der Bildhauerei auseinandergesetzt hat. Ob ihn alle wirklich verstehen, weiß ich nicht, doch auch besagte Bildhauerin hat ebendieses Bild bemüht. So oft ich den Satz höre, spüre ich genau, was gemeint ist, und finde kein neues, besseres Bild für dieses Phänomen. Mir geht es ja beim Specksteinbearbeiten auch so. Und beim Fotobearbeiten sogar zuweilen. Die Idee, sie schlummert zuweilen, schläft vielleicht gar. Doch sie ist immer da. Irgendwo. Immer. Ihr gutes Recht.
Wem gehört sie eigentlich, die Idee?, fragte Irgendlink beim Brote schmieren. Vielleicht ist es ja der Idee völlig egal, wer sie zur Welt bringt. Hauptsache jemand nimmt sich ihrer an.
Hm, ja … Ideen sind frei, sage ich mit vollem Mund.
Open Source-Software entspricht genau diesem Ideal, sagt J.. Die Macher stellen einfach ihr Wissen zur freien Verfügung. Sie haben keinen finanziellen Nutzen. Dieses ganze Brimborium mit Urheberrechten müsste gar nicht sein.
Wie wäre es mit einem virtuellen Raum, wo alle, die wollen, ihre Ideen einfach einstellen könnten?, überlege ich. Ich denke an Romanideen, Plots, unfertige Bilder zum Weiterbearbeiten, alles, was sich irgendwie in Pixels umbauen lässt … Fast so wie ein Heim für verlorengegangene Tiere.
Später, während ich die Wäsche aufhänge, denke ich über ein Museum der Ideen nach. Statt das Ganze im Internet zu inszenieren, sollte es ein richtiges, ein lebendiges Museum geben. Menschen kommen und gehen und alle bringen etwas hin oder nehmen etwas mit. Ein Ideenumschlagplatz.
Ooops, das sollte ich jetzt vielleicht nicht alles öffentlich hier schreiben. Womöglich klaut mir sonst noch jemand die Idee! 🙂
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn
Ich habe echt gemeint, solche Menschen seien ausgestorben!, sagte ich zu meinem Liebsten. Gestern Abend. Ich hatte mir tagsüber eine von zwei möglichen Arbeitsstellen angeschaut, die mir meine zukünftige Arbeitsgeberin, eine Stiftung im Bereich Jugendförderung, vorschlägt. Im August soll ich dort anfangen. Naiver Gedanke, das mit dem Aussterben dieser Spezies, dennoch hatte ich ihn gedacht, vielmehr gehofft, dass dem so sei.
Aussterben tun die nicht. Leider. Die wachsen nach. Wie Löwenzahn!, sagte J. pragmatisch. Nur dass Löwenzahn wenigstens schön ist.
Die Gruppe, die ich allenfalls ab August jeweils ab mittags mit betreuen soll, besteht aus neunundzwanzig Kindern zwischen acht und fünfzehn Jahren mit eher bildungsfernem und teilweisem Migrationshintergrund. In der Regelschule kamen sie nicht mit und besuchen darum entsprechende Förderklassen. Kleinklassen heißt das in der Schweiz, hieß es jedenfalls früher. Den Betreuungsteams obliegt die Nachmittagsgestaltung inklusive Aufgabenhilfe. Nicht grad mein Traumjob, doch immerhin ein Anfang.
So weit, so gut.
Wenn da nicht die Frau Generalin wäre, die der Gruppe vorsteht. Also eigentlich sind es ja zwei Frauen, wobei ich der anwesenden Kollegin nicht mal vorgestellt worden bin und von dieser nur ungefähr zwei oder drei Sätze gehört habe. Jeder Versuch, mit ihr Kontakt aufzunehmen, wurde „zufällig verunmöglicht“. Frau Generalin, um die fünfundfünfzig oder sechzig Jahre alt und ledig, wie die ringlose Hand zeigt, Frau Generalin also treibt dort nach allen Regeln der unpädagogischen Kunst ungebremst ihr Unwesen, ihre Machtspiele, und schwingt mit dem Zuckerbrot in der Hand die Peitsche mit der andern. Strubbelt den Kindern ungefragt über den Kopf oder packt sie hart am Arm um ihren Aufträgen Befehlen Nachdruck zu verleihen. Grundsatz 1: Misstrauen. Grundsatz 2: Feindbild Kind. Darum hat sie nie, aber auch wirklich nie!, einen normalen Gesprächston drauf, wenn sie mit den Kindern redet, sondern klingt immer latent fordernd, anklagend, beschimpfend, kritisierend. Schon am Telefon, als sie mir den Weg erklärte, war dieser Ton da. Dieser Ich-weiß-es-besser-Ton, den ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Pausenlos redete sie über die Wichtigkeit von guter Kommunikation und Harmonie im Team, widersprach sich aber laufend selbst, indem sie sagte, dass jemand den Karren schließlich schmeißen müsse.
Die meisten Kids kamen um dreizehn Uhr. Zum Essen. Verteilt auf Tische mit je vier Kindern wurde das Essen ausgegeben. Erst als alle ganz still waren, war Frau Generalin zufrieden. Dann musste eins der Kinder beten – *würg-argh* – und schließlich ging die Fütterung los. Wobei die kleineren Kinder im größeren Raum nicht reden dürfen, die größeren im kleineren Raum zwar schon, doch nur leise. KZ-Stimmung, sorry, liebe Leute, aber das habe ich gedacht. Nichts von Sinnlichkeit, Lebenslust und Lachen.
Kaum wechselte Frau Generalin den Raum, ging das Geknuffe, Gekicher, Geflüster und das Augenverdrehen los. Dampf muss abgelassen werden. Muss. Physik. Sonst knallt es. Je restriktiver Erziehung ist, desto mehr staut sich ungelöstes an. Hinter der Fassade. Zugegeben, die Fassade ist nett. Auswechselbar. Unpersönlich. Lieblos.
Beim Essen nahmen ein paar Kinder Blickkontakt mit mir auf. Ich las in ihren Augen Resignation und Frustration. Sehnsucht. Leid. Mit meinen Augen, ich durfte ja nicht reden, versuchte ich Mut zu geben. Keine Ahnung, ob er angekommen ist.
Ich war vor dem Eintreffen der meisten Kinder da gewesen, hatte mir ein paar einführende Worte von Frau Generalin angehört, stehend, ohne dass sie mir etwas zu trinken angeboten hätte, und hatte ihr anschließend ein paar Fragen zu Umfeld und Netzwerk, zur Zusammenarbeit mit der Schule gestellt, weil ich dieses Betreuungssystem von der Schweiz her nicht kenne. Sie meinte nur, in jenem ähnlichen Ton übrigens, den sie auch den Kindern gegenüber drauf hatte:
Das müssen Sie gar nicht wissen. Das braucht Sie nicht zu beschäftigen. Da müssen Sie nicht drüber nachdenken. Das geht Sie nichts an. Das betrifft Sie nicht.
Weil sie mich nicht irgendwie mit einer Aufgabe betraute oder sonst wie beschäftigte, war ich durch die Räume spaziert. Ich hatte die Bilder und Basteleien – stereotype Kreativität nach Vorlage – angeschaut, denn da alle schon anwesenden Kinder gut miteinander gespielt hatten, wollte ich mich nicht aufdrängen. Möglich, dass das keinen guten Eindruck machte. Mir egal, denn ich würde eh nie mehr hierher kommen. Lieber arbeitslos als hier zu arbeiten. Jedenfalls nicht mit Frau Generalin zusammen. Bloß weg hier!
Auf dem Klo, noch vor dem Essen war das, smste ich J. mein Dilemma. Worauf er sofort. anrief.
Dann muss ich also früher hier losfahren!, sagte ich laut ins iPhone, als die Frau Generalin auf dem Hof, auf den ich zum Telefonieren ausgewichen war, an mir vorbeiging. Später, wieder drin, sagte ich zu ihr, dass mein Freund, dessen Auto ich mir heute ausgeliehen hätte, weil meins in der Reparatur sei (was wahr ist), wegen eines Notfalls das Auto brauche (Notlüge, dafür muss ich hoffentlich nicht nach Santiago pilgern :-)).
Um zwei Uhr machte ich mich vom Acker. Im Auto hätte ich heulen können. Die armen Kinder!, dachte ich ständig, was wird nur aus ihnen!? Wenn nur ich schon, nach zweieinhalb Stunden, vom Zusammensein mit dieser Frau traumatisiert bin und nachts (das wusste ich allerdings damals noch nicht) Alpträume hatte, wie viel mehr muss dieser Umgang den Kindern das Leben erschweren? Dieses dauernden Bloßgestellt- und Angemotzt-Werden? Zum K… Und doch ist das hier gewiss kein Einzelfall.
Was wäre die Welt ohne Kinderlachen und Blumen, sagte ich zu J., am Abend, als ich unseren Blumen und Tomaten beim Wachsen zuschaute. Das Schlimmste, was ein Mensch tun kann, ist Kinderlachen kaputtzumachen.
Merke:
1.) In Deutschland gibt es nicht nur nette Menschen …
2.) … aber auch!!!
Integrationskurs "Alltag in Deutschland" – Lektion 1: Einkaufen
Szene 1: Sofasophia schiebt ihren Einkaufswagen Richtung Kasse. Ort des Geschehens: Eine städtischen Filiale des Großverteilers mit dem A. am Anfang. Soeben verkündet die smarte Damenstimme aus dem Lautsprecher:
„Geschätzte Kunden, wir öffnen Kasse drei für Sie!“ Super!, denkt sie, schaut sich um, sieht aber nicht einen einzigen Kunden im ganzen Laden, der sich für Kasse drei interessieren könnte und reiht sich deshalb brav hinter der Kundin vor ihr ein. Denn Kundinnen hat es zuhauf. Es ist kurz nach eins. Weit und breit kein Mann. Nicht einmal ein Arbeiter ist zu sehen, der sich schnell ein Sandwich holt.
Szene 2: Sofasophia hat vor dem Getränkemarkt geparkt und sich einen Einkaufswagen geschnappt. Einen wie es sie in der Schweiz nur im Baumarkt gibt, einen mit tief gelegter Ladefläche. Einen für Bier. Gleichzeitig wie ein älterer Mann betritt sie den Laden und ist einmal mehr ob der gebotenen Fülle dieser Ladenkette überfordert. Wohin sie schaut: Bierkiste auf Bierkiste. Wasser. Süssgetränke. Fruchtsäfte. Flüssiges in jeglicher Form. Und Männer. Überall Männer. Nur Männer. Außer an der Kasse. Da sitzt eine Frau. Natürlich. Ein junger muskulöser Mann mit Tattoos an den Oberarmen – wenn wir schon Klischees bedienen, dann richtig! – geht herum, ist beim Aufladen der (Bier-)Kisten behilflich und zeigt ihr, wo das alkoholfreie Bier steht. Mit drei Kisten (öhm, ja alles Bier) fährt sie schlussendlich zur Kasse, bezahlt und geht zum Auto. Der ältere Mann, der mit ihr den Laden verlassen hat, hievt ihr die dritte Kiste in den Kofferraum. Sie ist so perplex, dass sie nicht mal sagen kann, dass sie es eigentlich selbst schafft.
Wir fassen Lektion 1 wie folgt zusammen.
Merke:
1.) In Deutschland kaufen die Frauen das Futter …
2.) … und die Männer die Getränke.
3.) In Deutschland sind Kundinnen automatisch männlich.
Wer kauft denn jetzt bei uns das Futter ein, Liebling, du oder ich?