Dabei hatte der Tag so gut angefangen! Neben dem Liebsten erwachen, Yoga üben, danach Ingwertee trinkend mit Freundin T. in der Schweiz telefonieren, die mir bei der Wohnungs- und Arbeitssuche helfen mag. Obwohl wir uns so lange nicht gesehen haben, waren wir uns sofort wieder ganz nahe. Vertrauen und Freundschaft sind noch immer da. Was für ein Geschenk!
Ich gehe in die Stadt, später, sag ich zu J., muss in die Bibliothek, Bücher zurückbringen. Dies und das besorgen. Er meint, dass er doch zur Abwechslung mal wieder einkaufen könne, was ich dankend ablehne. Muss mal wieder raus hier, sage ich. Doch Stunden später denke ich: Hätte ich doch bloß ja gesagt. Am besten geh ich nieee wieder aus dem Haus!
Schon beim Rückwärtsfahren aus der schmalen Garage hapert’s. Mit nur einer Hand steuernd, weil ich mit der anderen am noch eingeschalteten Scheibenwischer rum fingere, habe ich Rechtsdrall. Der Bauch sagt: Du bist ganz schön weit am Rand, pass auf! Der rechte Fuß bleibt sachte aber stur auf dem Gas. Und schon höre ich es knirschen. Der rechte Rückspiegel hat neuestens ein paar Sprünge. Mist! Sieht zwar hübsch aus, ganz ehrlich, aber es hätte nicht sein müssen, nein, wirklich nicht. Ich bewege ihn behelfsmäßig, was aber nicht sehr viel bringt. Erst später, wieder zu Hause, kann ich ihn zufriedenstellend justieren. Ein neuer wird aber sicher gelegentlich fällig werden.
Nach ersten Einkäufen im Zentrum fahre ich zur Bibliothek und stelle mich bei einer frei werdenden Parklücke in Warteposition. Dazu blinke ich schon mal freundlich, damit klar ist, dass ich da rein will. Der Fahrer des roten Autos in der Lücke lässt sich jedoch Zeit.
Mann, hast du mich denn nicht gesehen?, murmle ich. Eben da rollt ein weißer Merz von der anderen Spur auf den Parkplatz zu. Er stellt sich ebenfalls in Position und blinkt, wie ich, in Richtung frei werdendem Parkplatz.
Mann, hast du mich denn nicht gesehen?, denke ich zum zweiten Mal. Er kann mich doch nicht nicht gesehen haben, grummle ich. Männer beide, älter beide. Und beide mit teuren Autos. Es kämpft in mir zwischen Das ist doch mein Parkplatz! Ich war zuerst da! und der Erkenntnis, dass mir dieses kindische Machtspiel zu blöd ist (aber sollen Frauen einfach immer, da einsichtiger als Männer, aufgeben?) als in eben diesem Moment Fahrer Nr. 1 aus der Lücke raus fährt und mir nicht nur den Weg versperrt, mich sogar zum Rückwärtsfahren zwingt. Sogleich schlüpft die weiße Luxuskarre in die Lücke. Deppen!
Ich fahre weiter im Kreis, nachdem ich dem ollen Merzfahrer den Stinkefinger gezeigt habe, und hoffe auf einen neuen freien Parkplatz. Da. Ein ganz schmaler! Ich drehe bei, merke aber sofort, dass der Platz so schmal ist, dass ich nicht aussteigen könnte, weshalb ich wieder rückwärtsfahre und auf die nächste Lücke zusteuere, die auch schon bald in Sicht ist.
Aaah, ab- und eintauchen in die Welt der Bücher – ich liebe es! Schließt mich hier ein!, denke ich – nicht das erste Mal. Hier, in der Bibliothek, vergesse ich beinahe, dass ich mich eben mal wieder über doofe (alte) Männer genervt habe. Arxxxlöcher!
Wie ich glücklich, nichts Böses ahnend und mit fünf neuen Büchern zu meinem Sternchen gehe, sehe ich einen mittelalten Polizisten, eine ältere Frau und eine junge Polizistin neben meinem Auto stehen. Offenbar habe ich, wie ich erfahre, das Nachbarauto in der superschmalen Parklücke seitlich gestreift. Etwa fünf Zentimeter rote Farbe zieren die bis dahin langweilig-dunkelgraue Zierleiste des hellgrauen Autos, die nun ihrem Namen endlich Ehre macht. Die Polizei, so erfahre ich weiter, sei von Arbeitern, die meine Fahrerflucht beobachtet hätten, gerufen worden. Big Brother is watching you? Hallo, wo sind wir denn hier? Und wo, bitte, ist die versteckte Kamera?
Vermutlich hätte die Frau nicht mal etwas von dem Malheur gemerkt und ihr Mann hätte die Farbe meines unbemerkten Autokusses bei der nächsten Wäsche mit dem Schwamm abgerieben, wenn die Arbeiterdeppen sich nicht in fremde Angelegenheiten eingemischt hätten! Männer! Deutsche Männer! *grmpf*
So aber beschäftigen wir in den nächsten Tagen eine Autowerkstatt und eine Versicherung. Die müssen ja auch von was leben. Ach, und die Polizei, deine Freundin und Helferin bekommt ebenfalls was zu tun. Ich verkneife mir böse Bemerkungen über die Relativitätstheorie, denn ich will mir keine Anzeige wegen Fahrerflucht einhandeln – zumal ich echt nichts mitbekommen habe von der Streifung.
Hätte ich es merken müssen?, frage ich mich. Wäre es ebenfalls passiert, wenn ich mich nicht wegen des Mercedesfahrers aufgeregt hätte?
Die alte Dame und ich tauschen Adressen und gut ist. Keine Anzeige.
Doch eigentlich logisch, dass das noch nicht alles sein konnte, was sich Freund Feind Murphy heute für mich ausgedacht hat. Beim Einkaufen, kurz darauf, stehen auf einmal zwei zerbrochene Joghurtbecher auf dem Band, die ich netterweise durch intakte ersetzen darf. Beim Wäschewaschen muss ich ein Taschentuch in einer Tasche (wo sonst?) übersehen haben und schließlich bleibt auch der Zettel mit der Adresse der Dame spurlos verschwunden, obwohl ich mein ganzes Auto und alle Taschen gefilzt habe. So muss ich bei der Polizei anrufen und die Adresse verlangen – so was von peinlich!
Echt wahr, Murphy ist ein Monster. *flüstermodusein* Gratis abzugeben! *flüstermodusaus*
Kategorie: Augenblicke
grenzwertig
Wo genau verlaufen meine Grenzen?
Einzig zum Zweck, meine neue App namens PhotoWizard besser kennenzulernen, habe ich heute einen gestern Abend aufgenommenen Schnappschuss aus dem Dachfenster auf zig Weisen bearbeitet. Das Ergebnis ist so schräg und so kitschig, dass es geradezu schmerzt. J. meinte, dass ich damit in der IPA-Community möglicherweise Erfolg hätte. Es ist uns in letzter Zeit aufgefallen, dass es oft eher die nichtssagenden Bilder sind, die dort besonders gelobt werden. Das Niveau ist gesunken. Oder haben einfach Mainstreambilder, die nicht weh tun, mehr Erfolg?
Na ja, meins tut allerdings schon bisschen weh. Dürfen Naturbilder überhaupt weh tun? Darf ich die Natur verAPPen? Grenzwertiges Thema. Und nein, dieses Bild hier muss nicht schön sein.

Seit J. gestern Abend sein neues iPhone 4S ausgepackt hat, komme ich kaum mehr an meinen Laptop, da mein Liebster auf seinem Rechner mit Linux arbeitet und in Sachen iPhone damit nicht weiterkommt. Deshalb turnt er auf meinem Rechner rum. iTunes heißt das Gebot der Stunde. Possessives Programm. Synchronisieren ist angesagt, das alte zuerst und dann das neue. Ärger mit der Software, die nicht wirklich reibungslos läuft …
Nein, ich will euch nicht mit Homestories und Technikkram nerven … Lange Rede, kurzer Sinn: Jetzt ist das neue Zeitfresserchen endlich konfiguriert und mein Laptop wieder mein.
Vorhin haben wir uns schiefgelacht, als J. seine Siri zu zähmen versuchte. Siri, müsst ihr wissen, ist das Stimmerkennungsprogramm, das akustische Aufträge entgegen nimmt und ausführt. Ausführen sollte, meine ich. Mich anrufen zum Beispiel. Schon als neulich Journalist F. uns seine Siri vorstellte, haben wir uns vor Lachen fast in die Hose gemacht. Diese Dame hat ihren ganz eigenen Sinn für Humor.
Wie J. seine Siri vorhin fragte, wieso sie ihn so einfach duze, sagte sie, dass sie jetzt wirklich ein Problem habe. Zum Glück habe ich meinen Tee noch rechtzeitig runterschlucken können, bevor ich losgeprustet habe.
Siri erinnert mich an die guten alten Tamagotchi. Nicht auszudenken, wenn das Siri-Ding plötzlich damit anfängt, ihre Probleme vor uns auszubreiten und gar Bedürfnis anmeldet. Streichle mich, wäre da wohl noch das einfachste. Vielleicht besser, ich schenke meinem Liebsten nächsten Donnerstag die Tamagotchi-App zum Geburstag. Die kann er dann, im Gegensatz zu Siri, einfach wieder deinstallieren. (((Bitte nicht weitersagen!)))
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
Wir Schlampen
Nein, keine Rechtfertigung, wir Schlampen können nicht anders, wir sind so. Die meisten meiner Freundinnen und Freunde sind auf die eine oder andere Art Schlampen. Mich eingeschlossen. Jawohl. Das musste einfach mal gesagt werden. Rechtfertigung nein, wie gesagt, Definition ja gerne – einfach um Missverständnissen vorzubeugen (könnte mir eigentlich konsequenterweise egal sein).
Den Begriff Schlampe, wie wir ihn anwenden, haben Freundin C.(2) und ich bei der Schweizer Bestsellerautorin Milena Moser und ihren Büchern Schlampenbuch, Schlampenyoga und anderen geklaut. Denn, wie gesagt, da gibt es viele andere Verwendungsmöglichkeiten. Wenn ich im Internet surfe, drehen sich alle herkömmlichen Definitionen um das Leben in der Horizontale.
Doch Schlampen gemäß Moser et altri sind kurz gesagt Frauen, denen es am A… vorbei geht, was die netten NachbarInnen denken. Zugegeben, das sind dann schon die höhere Weihen – sprich: schwarzer Schlampengurt – und so weit bin ich leider noch nicht. So fasse ich es allgemeiner: Wir Schlampen tun und lassen, was wir nötig finden. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Dafür tun wir gerne, was Spaß macht, wir Schlampen, frei nach dem Motto Übermut ist immer gut. Um dahin zu kommen ist allerdings der dornige Weg der inneren Zensur durch äußere Instanzen zu überwinden. Nicht einfach, das kann ich laut sagen.
Schlampen sind übrigens nicht etwa, um da ein paar gängige Klischees und Vorurteile aus dem Weg zu räumen, per se schlampig, denn jene Dinge, die ihnen wirklich am Herzen liegen, machen sie mit vollem Einsatz, leidenschaftlich und mit Herzblut. Dafür sehen sie das Unkraut Beikraut in den Ritzen zwischen den Platten nicht, es sei denn, um es fotografisch zu ehren. Schlampig sind sie nur in den Augen der anderen, weil sie beispielsweise ausgedienten Dingen neues Leben einhauchen statt es dem Sperrmüll zu übergeben. Das Ignorieren von Sprüchen wie Das macht man nicht!, Du enttäuschst mich aber!, Ich habe von dir mehr erwartet! und anderer Bockmist vom selben Kaliber sind gute Übungen auf dem Weg zur Initiation in die Schlampenzunft. Und zugleich dienen sie der Selbstkontrolle. Bringen solche Aussagen eine Schlampe in Ausbildung aus dem Stand, gibt es noch viel zu tun. Gib aber bloß nicht auf. Das Ziel lohnt sich!
Schlampen im Alltag? Während Nicht-Schlampen die Waschmaschine genau eine Minute nach dem sie fertig geschleudert hat, leeren und die Wäschen aufhängen, trinken Schlampen in aller Ruhe den Kaffee, Tee, Wein oder Likör aus, lesen dazu mitten am Tag ein paar Seiten im Krimi, bloggen und schreiben, statt vor der eigenen Türe zu kehren, und holen die Wäsche später. Trocken wird sie nämlich früher oder später sowieso. Schlampen stehen auch nicht sofort vom Tisch auf, kaum dass der oder die Letzte in der Runde den letzten Bissen in den Mund geschoben hat. Oder gar vorher. Sie bleiben sitzen, denn sie lieben gemütliches Zusammensein. Das Geschirr kann warten. Dies noch: Schlampen mögen Worte wie später, irgendwann und mañana nicht nur des schönen Klanges wegen, dennoch leben sie jetzt.
Eine Schlampe ist niemals Sklavin, sondern Gebieterin ihrer Dinge, ihrer Uhr und der Außenwelt. Ob Haushalt, Büro, Atelier, Garten oder was auch immer, ist dabei einerlei. Eine Schlampe ist eigenmächtig und selbstbestimmt. Ob dies wohl der Grund ist, warum wir Schlampen noch immer diskriminiert, verleumdet, verfolgt und nicht verstanden werden?
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Anmerkungen:
Selbstverständlich gibt es auch männliche Schlampen und Nicht-Schlampen. Alle weiblichen Formen gelten auch für sie.
Halbschlampen gibt es allerdings nicht.
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Freundin C.(2) gewidmet, die bald zum zweiten Mal Mama wird. Es lebe das Schlampentum!
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 7: Sozialstaat Deutschland oder vom deutschen Kind und seinem Bade oder a piece and a kiss of bliss
Wie ich gestern in der letzten Yogastunde des laufenden Kurszyklus so auf meiner Matte liege, begreife ich auf einmal, dass der Lebenssinn wohl weniger in einer bestimmten Aufgabe, die es erstens zu finden, zweitens zu definieren und drittens zu lösen gilt, liegt, als darin, dass ich in mir drin begreife, dass ich Mensch werden soll. Menschlich. Keine Maschine, die bloß tut, was man ihr sagt. Menschlich, mitfühlend, denkend, verstehend, verwoben und vernetzt mit allem, was da ist, Anteil nehmend, authentisch und ja, auch reif, klar, weise, belastbar und bei sich. In Kontakt mit sich selbst. Verbunden in Liebe zu sich selbst. Dies als Ziel, als Lebenssinn zu betrachten, hat, wie ich da in der Stellung des Kindes – Garbhasana genannt – am Boden knie, auf einmal den Geschmack von Erleuchtung. Und auf einmal war mir egal, was jener Mensch neulich zu mir gesagt hat.
Kein wirklich Nahestehender, zum Glück, aber einer, um den ich nicht wirklich drum rum komme, leider. Er meinte unter anderem, ich solle halt mal von meinem hohen Ross runterkommen und halt irgendeine, die erstbeste Arbeit annehmen. Statt dem Staat auf dem Sack zu hocken. Zum einen fragte ich mich hinterher natürlich, warum er so gemein zu mir sein musste, wo er doch nicht die ganze Geschichte kennt, nur einen kleinen Ausschnitt, und selbst diesen nur als Übersetzung. Von meiner Herzsprache in seine. Einer ganz anderen übrigens, die mit meiner kaum Berührungspunkte hat und zu der es keine Wörterbücher gibt. Zum zweiten überlegte ich, ob er möglicherweise mit dieser einen Aussage recht hat. Ob ich auf dem hohen Ross sitze. Ob ich den Bodenkontakt verloren habe, sozusagen. Ob ich überheblich geworden bin, weil ich für mich selbst kämpfe. Doch muss frau tatsächlich ihre Träume und Visionen, ihr Lebenskonzept, ihr Soseinwiesieist den Ansprüchen und Anforderungen der Außenwelt – sprich Arbeitsamt, Gesellschaft, Wirtschaft – bis zum letzten Blutstropfen opfern nur um zu überleben? Ist meine Arbeitslosigkeit ein Grund zur Scham?
Diese unerträgliche Flüchtigkeit des Zuhause-Gefühls. Eine kurze Zeit in diesem Land, an diesem Ort hat es mich besucht. Unerträglich flüchtig. Unfassbar. Verduftet ist es – im doppelten Sinn. Dieser Tage ganz und gar verdunstet. Da ist nur noch pures Heimweh, blankgescheuert wie ein Handschmeichler von da, wo deine Wurzeln sind. Die Momente der gestrigen Erleuchtung – auch sie waren sehr flüchtig.
Wer den Himmel offen gesehen hat, kann hier schwer Wurzeln schlagen, habe ich vor Jahren mal aufgeschrieben. Ein Satz wie ein Kehrreim. Ein Echo, das mich aus dem Hinterhalt einholt. Immer wieder. Unvorbereitet. Den Himmel gesehen. Es wäre leichter, vermute ich, ich hätte ihn nie gesehen, nicht offen. Einfacher wäre es, das Leben hier. Hier in Deutschland. Hier auf der Erde.
Da war ich heute also auf dem Arbeitsamt. Endlich das erste Beratungsgespräch. Netter junger Mann. Pünktlich öffnet er die Türe. Er vertritt bei mir seine Kollegin, die neulich krank war, als ich meinen ersten Termin gehabt hätte. Sie seien alle am Limit. Zu viel Arbeit, zu wenig Leute. Und es würden noch mehr Stellen gestrichen, neue keine mehr bewilligt. Vielleicht schließe sogar diese Amtsstelle hier. Auch die Zentrale in P. werde geschlossen und in das Amt von K. involviert. Soundsoviele Stellen würden gestrichen.
Dann werden Sie vielleicht bald auf diesem Stuhl hier sitzen, sage ich bitter grinsend und deute auf meinen Stuhl. Ein moderner bequemer Stuhl, der so tut als ob. Als ob wir Recht auf artgerechte Haltung hätten.
Wir verstehen uns, Herr H. und ich. Er ist freundlich. Sagt, dass die Mappe mit meinen Unterlagen verschwunden sei. Sagt mehr, als er wohl dürfte. Wie die Dame neulich auf dem Arbeitsamt in P.. Da wäre alles drin gewesen, in der Mappe, mein Lebenslauf und der ganze Karsumpel. Formulare.
Das pure Chaos!, seufzt er. Wir füllen gemeinsam meine Daten in die Maske auf dem Bildschirm seines Rechners, nachdem ich ihm meinen Lebenslauf mündlich in aller Kürze erläutert habe. Er nimmt mich als Mensch wahr und das ist gut.
Später surft er nach Teilzeitstellen für mich. Ich rede von Zeitarbeit, weil ich mich mit dem Gedanken anfreunde, nächstes Jahr in die Schweiz zurückzuwandern. Was ich nicht sage, obwohl es ein Gedanke ist, der, wenn ich ehrlich bin, nie im Bereich des Unmöglichen lag. Und je mehr ich ihn denke, desto lieber wird er mir. Zumal mein Liebster mit dem Gedanken ebenfalls flirtet.
Deutschland – ein Sozialstaat? Ich muss das wohl geträumt haben. Kann mir bitte jemand die Logik dieser Rechenaufgabe hier erklären? Ich müsse, so meinte Herr H., im Härtefall (was er nicht hoffe und worauf er keineswegs dränge, aber das Recht schreibe es eben so vor), eine Stelle zwingend annehmen, selbst wenn ich bis dreißig Prozent weniger Gehalt, als ich Geld von der Arbeitslosenkasse erhalte, bekommen sollte. Wie bitte? Hohes Ross hin oder her – das kann doch nun wirklich nicht sein! Und vor allem kann es nicht funktionieren. Nein, ich nenne hier keine Zahlen. Über Geld redet man nicht. *hüstel-da-mit-klischee-sätzen-auf-kriegsfuß-stehend*
Aaaaber … da müsste ich ja Hartz IV beantragen!, sage ich. Wo bitte ist da die Logik? Wie bitte, dieses Land hat keine gesetzlich vorgegebenen existenzsichernden Minimallöhne in den einzelnen Branchen? Stattdessen zahlt es Sozialgelder in Milliardenhöhe, die nur über menschenunwürdige Wege beantragt werden können. Entschuldigung, ich bin neu hier und noch unbedarft. Das verstehe ich nun wirklich nicht! Da MUSS ja der Staat die Lecks der ach so armen Arbeitsgebenden auffangen! Auf Kosten der Steuerzahlenden.
Und das nennt sich dann sozial? Ähm hallo, wo ist hier bitte der Notausgang?
((Falls ich einen Denkfehler gemacht oder nicht alles wirklich verstanden habe oder mir jemand die irgendwie innewohnende Logik nachvollziehbar und logisch erklären kann, bitte gerne. Es hänge, sagte Herr H., immer davon ab, wer grad das Sagen habe, welche Partei grad obenauf schwimme. Er hüstelte verlegen. Wie erkläre ich einer Schweizerin unser unlogisches System? Ich sehe, wie er sich windet und mir kommt der Verdacht, dass er gewisse Dinge tatsächlich zum ersten Mal überlegt.))
Das deutsche Kind im Bade – ich bin versucht es auszuschütten. Kurzen Prozess mit ihm zu machen. Koffer packen. Fluchtgene.
Aber halt, da sind ja all die tollen Menschen, die ich im Laufe meines Lebens und der letzten neun Monate in diesem Land kennengelernt habe. So viele Menschen, die so ganz anders sind, als diese kleinbürgerlichen Gutbürgerinnen und -bürger, die mir in der letzten Zeit das Leben verdammt ungemütlich machen.
Merke: Es reicht vorerst, nur die Badewanne auszuschütten. Neues Badewasser könnte sicher nicht schaden. Und Kofferpacken reicht auch noch übermorgen.
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Weiterführende Artikel:
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 1: Einkaufen
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 3: Der Ausweis
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank? Teil 1
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 5: auswärts essen
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 6: gesund oder krank? Teil 2
G***gle is watching you!
Noch ganz wirr von den seltsamen Träumen schlurfte ich heute Morgen in die Küche. Wie froh ich war, dass mich J. durch seine Aufstehgeräusche geweckt hatte.
Auf dem Tisch dieser Gutschein von irgendwo. Wenn Sie ein Fotobuch kaufen, schenken wir Ihnen fünf Euro, steht da. Gutscheine sind wie Hyperlinks, murmle ich in die dampfende Teetasse. Denke wieder an den Alptraum. Endlich war ich den Werbeversprechen von F***book erlegen und hatte mir einen Account zugelegt. Kaum dabei kam die erste Mail. Von einer Freundin, die nach Mexico ausgewandert ist. Die Freundin gibt’s wirklich und Mexico auch, so viel ich weiß. Ob sie noch da lebt?
Cool!, dachte ich im Traum, und innert Minuten standen alle, die mich früher angebettelt hatten, doch auch bei F***book mitzumachen, in der Warteschlange der möglichen FreundInnen. Verzaubert war ich, im Traum, und beglückt, endlich dazuzugehören. Eine trügerische, beinahe kitschige Verzücktheit erfüllte mich. Doch noch im Traum waren auf einmal die Zweifel da. Zuerst solche wie: wann soll ich all diese Mails beantworten, wo ich doch schon mit den ganzen normalen Mails im Rückstand bin? Dann solche: Ich brauche das nicht! Ich will das nicht!
Wie in einem Netz steckte ich auf einmal in diesem Traum fest. Netz? Internet! Ich war bei Freundinnen und Freunden in Bern und wir diskutierten Vor- und Nachteile desselben. Gute Sache, sich zu vernetzen, keine Frage! Virtualität ist ein Segen, auch das ist mir sonnenklar. Doch brauche ich, brauchen wir diese Socialnetworks wirklich? Wenn ja, wozu?
Gutscheine sind wie Hyperlinks, murmle ich wieder. Wir folgen einem Versprechen, weil wir ja den Gewinn, der uns in Aussicht gestellt wird, nicht ablehnen, nicht verlieren wollen. Aussicht auf Gewinn! Schon blinken Dollarzeichen in den Augen und wir klicken eine Seite an. Überraschung! Und von dort folgen wir der nächsten Spur.
Da und dort hüpfen wir herum. Da und dort konsumieren wir. Da und dort werden uns Dinge versprochen (und oft genug nicht gehalten). Und vor allem werden wir da und dort subtil weichgekocht und auf Konsumtauglichkeit getrimmt, bis wir uns eines Tages nicht mehr wirklich frei bewegen können. Ein Klick genügt und schon weiß Ama***on, was ich zuletzt angeschaut habe. Ama***on vergisst nie etwas. And G***gle is watching you.
Wie gut, dass ich rechtzeitig erwacht bin. Wer weiß, was ich sonst noch alles angestellt hätte in dieser anderen Welt!
später mal
Wie Irgendlink und ich heute Nachmittag über die Felder und durch die Wälder wandern, diskutieren wir über Sinn und Unsinn der kostenlosen Updates*, die wir uns meistens nach deren Erscheinen auf unsere iPhones laden. Doch sind diese Ergänzungen wirklich notwendige Verbesserungen? Machen sie uns nicht viel mehr abhängig von Betriebssystem-Aktualisierungen? Habe ich nicht die neueste Betriebssystemversion auf dem Kleinstcomputer – oder das neueste iPhone in der Hand –, laufen die Programme auf einmal unzuverlässig, stürzen häufig ab, speichern die Bilder nicht mehr. Ich muss also im vorgegebenen Takt mitlaufen, damit nicht eines Tages meine Apps überhaupt nicht mehr funktionieren.
Die ewige Glühbirne!, sagt J. plötzlich. Ursprünglich wurde die Glühbirne, erzählt er, für die Ewigkeit gebaut. Eine dieser Prototypen brennt, seit er erfunden und gebaut worden ist. Angeblich. Schon immer. Für immer. Doch was wäre eine Industrie wert, wenn sie ewig haltbare Produkte herstellen würde? Schnelllebig wie der aktuelle Zeitgeist sind auch ihre Produkte. Ein drei Jahre alter Rechner? Vergiss es! Veraltet! Kauf dir einen neuen. Der ist eh besser. Größerer Speicher. Schnellerer Prozessor. Vorwärts. Mehr. Zuckerbrot und Peitsche digital.

Bild 1: iDogma – Unterwegs. Fotografiert und bearbeitet mit Pro HDR, Update vom 11.11.

Bild 2: iDogma – Irgendlink in Action (The Making Of A Dandelion Pic oder Wie fotografiere ich im November Löwenzahn?) – Fotografiert und bearbeitet mit Pro HDR, Update vom 11.11.
*****
Beim Abendessen ist auf einmal der Frosch auf dem Tisch. Der Frosch? Ihr wisst schon, jener Frosch, der sitzenbleibt, während das zu Beginn kühle Wasser, das ihn umgibt, allmählich heißer wird. Tödlich heiß schließlich. Doch er bleibt sitzen, im Gegensatz zu jenem Frosch, der sofort davon springt, wenn wir ihn in eine Schüssel mit bereits tödlich heißem Wasser setzen wollen. Diese viel zitierte Metapher, die für uns Menschen steht, die wir nicht merken, dass uns das Wasser längst bis zum Hals steht – auf einmal war sie da. Würde ich sagen, ich hätte das Froschexperiment leibhaftig ausprobiert oder zumindest beobachtet, wären alle schockiert. Der arme Frosch!, würden sie sagen. Dennoch greifen wir alle auf dieses Bild zurück, als wären wir dabei gewesen.
Wer kann bestätigen, dass der erste der beiden Frösche aus dem Experiment wirklich im heißer werdenden Wasser sitzengeblieben ist?, fragt J. Hat dieses Experiment wirklich je stattgefunden? Wir glauben Dinge, weil sie glaubwürdig klingen. Ob an ewige Glühbirnen oder an dumme Frösche ist dabei egal. Und wenn ich solche Begebenheiten erzähle, wird mir geglaubt, weil ich glaubwürdig bin.
Wir glauben alle so gerne, weil wir glauben wollen. Weil es im Internet steht. Weil es uns erzählt wird. Selbst wenn es hier wie oft nur um die Metapher geht. Das Ei und das Huhn sind gleich alt und gleich jung, denn die Zeit ist eine Spirale und Eva isst noch immer Äpfel, die gar keine sind. So ist Zukunft nichts anderes als noch nicht gelebte Gegenwart. Und Vergangenheit gelebte.
Wir sammeln und heben auf, was immer wir finden können und horten es. Für später, sagen wir. Für die Zukunft. Und wir laden Updates aufs iPhone – für später.
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* mehr zur iPhoneographie unter iDogma
Geschiebe #1
Meine Nerven! Siebzehn nach Mitternacht hab ich endlich das Postfach ausgefegt und alle überflüssigen Altlasten entfernt. Alle Mails sind feinsäuberlich in Ordner abgelegt. Ich habe Übersicht geschaffen. Puh. Das Kissen ruft. Doch noch lauter schreit mein Blog: Schreibe! Natürlich gehorche ich ihm. Mein Blog weiß schließlich, was sich gehört.
Gestern hat mein drei Jahre alter Laptop, der mich bis jetzt noch nie im Stich gelassen hat, genau dies getan: mich im Stich gelassen nämlich. Auf einmal, es war kurz vor Mittag, fraß das Teil keinen Strom mehr übers Kabel. Es ignorierte, dass es mit dem Stromnetz verbunden ist. Warum mir das irgendwie bekannt vorkommt, kann ich mir nicht wirklich erklären. Was ich auch versuchte – Aus- und Einstöpseln aller Kabel sowie Neustart –, nix half: Mein Laptop verweigerte die Nahrung. Zum Glück war sein Akku randvoll. Vollgefressen streckte mir also mein Zweitliebster die Zunge raus und auch mein Allerliebster wusste sich keinen Rat. Er meinte, dass es wohl eher nicht am Ladedingsbums liege, sondern im Teil drin etwas nicht mehr richtig ticke.
Okay, doch was tun? Logisch: Daten sichern, solange es noch vollgefressen ist, das Tierchen, und sich Infos rauskitzeln lässt. Backups wollte und sollte ich eh längst machen. All die Texte, Artikel, Bilder und Tagebucheinträge! Gerade als ich die letzten Bilder auf die extraterrestrische Platte geschoben, geschubst und gezerrt hatte, stirbt das Teil. Auf dass es bald wieder belebt werde …Ein Winterschlaf, wer weiß das schon?
Nun mühe ich mich auf meinem alten Teil ab, das diesen Frühling – dank D. – seine Wiedergeburt feiern durfte. Abmühen tu ich mich primär mit Aktualisierungen aller Art, allen voran mit meinen beiden Mailprogrammen, die meine drei Mailkonten verwalten und die in der Zwischenzeit neue Zugangswege bekommen haben. Siehe da: Viertel nach Mitternacht kommt die letzte Testmail rein. Sie sagt: Alles geht, alles fließt.
Sage nun bloß keiner und keine, dass die virtuelle Welt nicht ihrer ganz eigenen Magie gehorcht!
Reiseerkenntnisse
Irgendwie wäre es richtig toll, wenn ich immer einen Rechtschreibe-Duden dabei hätte, sagte ich letzten Montag auf der Fahrt in die Schweiz. Irgendlink saß am Steuer und konzentrierte sich auf die Straße. Ich hätte immer etwas zu lesen, weißt du, erklärte ich. Alles da. Jedes Wort.
Alle Bücher deutscher Sprache bestehen einzig aus seinem gewichtigen Inhalt, sagte J.
Weißt du was? Ich könnte eigentlich mithilfe des Rechtschreibe-Dudens meine nächste Geschichte schreiben.
Du hast etwas vergessen, sagte J.. Da gibt es nämlich ein Problem, ein großes sogar: das Copyright! Du weißt doch, dass Abschreiben verboten ist!
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Was meinst du, fragte ich später, sind meine orthopädische Einlagen wohl eher Brillen oder eher Zahnspange für meine Füße?
Keine Ahnung, sagte J., der auf seinem iPhone Bilder bearbeitete, während ich uns durch die Landschaft Richtung Winterthur lenkte.
Wenn ich es mir so überlege … eigentlich ist jeder Mensch irgendwie Brille oder Zahnspange für seine Mitmenschen, sofasophierte ich weiter.
Oder eine Dialyse, meinte mein Liebster.
Wie wäre es mit einem Herzschrittmacher?, sagte ich.
Noch besser: ein Nierentransplantat!, sagte er.
Wir sitzen eben alle im gleichen Boot, pardon, im gleichen Auto … 🙂
Bitte Backup erstellen
Wie gerne würde ich zwischendurch ein Backup meiner Innereien erstellen. Per Mausklick würden alle Gedanken – die ich mir wie die Bilder an der Wand unserer Ausstellungsraumes vorstelle – gescannt und abgespeichert. Ich könnte sie nach Bedarf einfach abrufen. Gerade jetzt, wo so viele lose Fäden in meinem Kopf herumwirbeln. Sie einfach per Datenspeicherung auf meine biologischen Festplatte bannen zu können, wäre wirklich genial.
So aber muss ich mit Notizzetteln vorlieb nehmen oder zwischendurch ein paar Stichworte ins iPhone tippen. Stichworte, die mir später kaum mehr etwas sagen. Oder die ich nicht mehr entziffern kann. Kaum fange ich zu notieren an, lösen sich die inneren Notizen auch gleich schon auf und der Zettel bleibt nach den ersten Sätzen einfach leer.
Bin ich wirklich und wenn ja, wer?, grübelte ich neulich, ausgelöst durch einen Blogcomment von Irgendlink bei AxeAge. Einer der besten Blogkommentare übrigens, den ich je gelesen habe. Bin ich gar mehrere, wie Pessoa* schreibt, oder bin ich nur dann, wenn ich von anderen gesehen und bestätigt werde? Und die anderen – sind sie nur durch mich? Wie viel Narzissmus, wie viel Selbstdarstellung braucht ein Mensch? Und wie viel Selbstachtung und Selbstliebe?
Schnitt.
Neulich habe ich mich im Gespräch mit J. über eine Kollegin zu folgendem Satz verstiegen:
*ironiemodusein* Ich glaube, ich werde sie in eine meiner Geschichten einbauen. Dann hat sie wenigstens nicht umsonst gelebt. *ironiemodusaus*(ja, so böse bin ich manchmal auch …)
Schnitt.
Gestern am Hochzeitsfest von B. und J. mit anderen Gästen über die Möglichkeiten der iPhonekunst diskutiert. Auf einmal steht ganz groß die Frage im Raum: Kann man heute einem Foto überhaupt noch trauen? Heute ist ja alles manipulierbar. Das Echte – die Sehnsucht nach ihr wird wiederkommen, sagt Gast M.. (Notiz an mich: Ist ein bearbeitetes/verfremdetes Bild tatsächlich weniger echt? Was ist überhaupt echt?)
Schnitt.
Ich entscheide mich, einer Person des öffentlichen Lebens zu glauben. Ich will die Aussagen, die diese Person gemacht hat, nicht anzweifeln, auch nicht dem Wahrheitsgehalt des Dokumentarfilmes, den sie gedreht hat. Will glauben, dass es so war, wie sie es darstellt. Warum? Weil ich den Sinn nicht einsähe, so etwas zu fälschen. Wozu auch. Okay, Manipulation ist überall. Leichtgläubigkeit ebenfalls. Ist deshalb glauben und vertrauen zu wollen grundsätzlich naiv? Nochmals: Was ist wirklich? Und nochmals: Bin ich wirklich und wenn ja wer?
Bin ich gar eine Romanfigur und lebe nur um dieser einen, ganz bestimmten Geschichte willen?
Besser als gar nichts. Das würde mir jedenfalls erklären, warum sich meine eigenen Romanfiguren zuweilen selbständig machen.
*Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.
(aus: Fernando Pessoa, “Livro do Desassossego”, Aufzeichnung vom 20.12.1932)
ver-rückt irgendwie
Ich schaue mir selbst zu, wie ich schneller und schneller mein Alltagshamsterrad trete, wie ich temporeich von A nach C hüpfe – in Gedanken ebenso wie im reallen Leben – und wie ich kaum Pausen einlege …
Stopp, SoSo, das kann es nicht sein!
Selbst wenn es mir, wie jetzt, dabei gut geht und ich gerne lebe – sogar die Arbeit macht zuweilen Spaß! -, darf diese Tempo einfach nicht der Normalfall sein. Mit meinem Liebsten und mit Freundinnen habe ich dieser Tage verschiedentlich über das Übel der Teilzeitarbeit sofasophiert: Arbeitest du „nur“ in Teilpensen, sagte ich, klebt der Makel der Unvollständigkeit an dir und du suchst, wie ein Pilger die Absolution, nach einem Weg zur Vollständigkeit. Im meinem Fall sieht das so aus, dass ich, kaum zuhause, in einer beliebigen Ecke meines Lebens weiterarbeite. Haushalt oder Kunst ist dabei – zur Illustration meines Dilemmas – sogar einerlei. Der Motor kommt nie, außer Nachts, zum Stillstand. Schlafen tu ich gut. Immerhin. Intensiv träumend durchschreite ich meine Nächte.
Selbst jetzt, wo ich es mir am Ofen bequem gemacht habe, mit einem Buch auf dem Schoß, lese ich nicht, sondern blogge.
Blogito, ergo sum!, um J. zu zitieren, ich blogge, also bin ich.
Darum mach ich jetzt Feierabend. Wie wär’s denn mit einem guten Film, Liebster?