Étagère

Das wird eine Étagère, sagt die Frau vor mir. Sie deutet auf einen großen, einen mittelgroßen und einen kleinen Teller, aufeinandergeschichtet auf dem Rollband. Designergeschirr beim orangen Riesen. Mir gefällt‘s auch. Ah, eine Étagère, denk ich, gute Idee, doch die Verkäuferin versteht Bahnhof.
Eine was?, fragt sie die Kundin. Die beiden duzen sich. Kennen sich. Lachen zusammen.
Eine Étagère, sagt die Kundin nochmals. Die Verkäuferin fragt die Kassiererin an der Kasse nebenan, ob sie wisse. Es hat nicht viele Leute. Alle hören mit. Mit ist es ein bisschen peinlich, wie dumm die Verkäuferin ist. Oder vielleicht, dass sie sich ihrer Dummheit nicht schämt. Hm. Ich schäme mich mal wieder fremd, sozusagen. Dass es die zweite auch nicht weiß, macht das Ganze wohl ein bisschen weniger peinlich. Ich nicke der Kundin wissend zu, die auf ihrem iPhone nach Étagèren sucht, um der Verkäuferin ein Bild zu zeigen. Oder auch nur das geschriebene Wort. Étagère kommt von Étage, hört man doch. Weiß man doch. Von Stock. Von Brett. Von Absatz. Von Stufe. Von was auch immer. Dinge übereinander halt. Sie schwatzen und lachen noch immer. Zwei Nichtwissende sind weniger schlimm als eine. Und wenn mehr Menschen etwas nicht wissen als wissen, gilt es schon als normal.
Was ist normal?, fragte ich Freundin T., mit der und ihrem Mann P. ich essen war.
Alle meinen, nur die anderen sind es. Niemand fühlt sich wirklich normal oder zugehörig, sagt T..
Alles eine Frage der Deutung, grüble ich auf dem Rückweg. An Deutung und Bedeutung, deute ich rum, schon wieder, seit gestern schon, oder immer vielleicht. Weil Peter Stamm da was geschrieben hat in seinem relativ neuen Buch, Seerücken heißt es, das ich lese. Wie da eine junge Frau in einer der Geschichten im Wald lebt, erzählt er. Drei Jahre lang lebt sie da. Sommers wie winters. Wie sie über das Wesen des Waldes nachdenkt und über die Welt, erzählt Stamm. Und wie alles miteinander zusammenhängt. Oder eben nicht. Wie sie sich Fragen stellt über das Dasein. Fragen, wie ich sie gedacht habe. Immer schon. Als Kind im Bett vor dem Schlafen. Nach dem Gutnachtgebet mit meiner Mutter. Ein Sprüchlein nur, ein nettes, wo es um den lieben Gott ging, und ich mich hinterher, solange bis der Schlaf mich einholte, fragte: Wer hat eigentlich Gott gemacht? Was war vorher und dahinter, darunter und darin, in Gott. Und wieso Gott. Wer hat dieses Wort gemacht? War es vor Gott da? Und wer ist Gott überhaupt? Die Sache mit Rauschebart und Wolke war mir schon als Kind suspekt.
Wie schon beinahe immer schickte mir Irgendlink auch heute Morgen seinen Blogtext, damit ich ihn redigieren und auf sein Blog hochladen kann. Über den Urknall schrieb er. Und über das Schaf. Ein Text, der mich anrührte. Nicht, dass wir ähnliches nicht auch schon diskutiert hätten, früher, nicht gestern oder jüngst, aber oft. Doch wenn etwas geschrieben ist, ist es anders. Es ist bedeutungsvoller. Als wäre etwas, das geschrieben ist, wirklicher und wichtiger.
Ist es nicht letztlich das, was wir alle wollen? Etwas bedeutungsvolles tun. Ist nicht fast jedes menschliche Streben von der Idee motiviert, eine Spur in dieser Welt zu hinterlassen? Eine bedeutungsvolle Spur im Sand des großen Nichts. Oder nennen wir es das große Etwas, das aus dem großen Nichts geworden ist. Worüber, wie gesagt, Irgendlink, heute gebloggt hat. Bedeutungsvoll. Was für ein Wort! Doch, so frage ich mich, wer macht, wer sagt, wer ist es, der sagt, was bedeutungsvoll ist? Dieser Liebegottmitrauschebart mit Sicherheit nicht. Doch wenn es nur – nur! – wir selbst sind, die die Bedeutung von bedeutungsvoll definieren, ist es dann nicht egal, was das Wort bedeutet? Ich meine, so – von uns allen gefüllt – ist es beliebig geworden. Wertlos und bedeutungslos. (Ist das nicht wie Kunst ohne jegliche Qualitätseinschränkung? Ein Thema, worüber ich längst bloggen wollte.)
Womit wir bei der Deutung wären, jener Vieldeutigen, Undeutbaren, großen Unbekannten, die alles entscheidend ist, denn sie sagt uns, was ist und was wird. Mein Zustand, von mir gedeutet, wenn ich am Morgen das Bett verlasse, entscheidet über den Verlauf des Tages, zumindest der ersten Stunden. Ich deute, also bin ich. Ich deute alles. Das Wetter ebenso wie die Zeilen einer Mail und erst recht das, was zwischen ihnen hängt. Alles. Deuten ist filtern ist bewerten. Doch eigentlich will ich mich jetzt als Deutende mit dir als Deutendem auf die gleiche Stufe stellen. Unsere Deutungen sind sich gleichwertig. Gleichwertigkeit ist eine schöne Theorie, die aber nur geht, wenn wir zwei die gleichen Kompetenzen haben.
Absolut gesehen geht so was nicht, denn absolut gibt es nicht. Nicht mal in der Mathe. Relation, sag ich da nur, und: denk an Einstein. Alle sogenannten Beweise sind immer nur relativ.
Immer.
Gemessen an.
Im Vergleich zu.
Auf der Annahme beruhend, dass.
Weil eben alles immer von irgendwo an- und ausgedacht werden muss. Dieser Punkt ist der große Schwachpunkt. Vielleicht der Urpunkt. Und hier kommen nun der Mensch und sein Selbstbild ins Spiel. Der Mensch, der tut als sei er das Maß aller Dinge. Im (genialen) Schafskrimi Glennkill, den ich letzte Woche gelesen habe, diskutieren die Schafe über die Seele des Menschen.
Nein, der Mensch kann keine Seele haben, sagen sie, die schlauen Schafe, die gemeinsam auf der Suche nach dem Mörder oder der Mörderin ihres Hirten sind.
So schlecht wie der Mensch riecht und seine Umgebung wahrnimmt, nein, da kann er keine Seele haben. Außer, vielleicht, eine ganz ganz kleine.
Was wissen wir schon über all die anderen Dimensionen, die noch unerforschten? Nur drei sind uns halbwegs vertraut. Halbwegs. Und auch über uns selbst wissen wir nur verdammt wenig. Wissen? Nein, ich strebe nicht nach Wissen, wenn ich mich nach mehr Lebensfülle sehne, auch nicht nach Trost, wenn ich nicht mehr weiter weiß, nicht einmal danach verstanden zu werden, wenn meine Gedanken mal wieder Loopings tanzen, denen niemand folgen kann. Nein, ich sehne mich einfach nur nach Erkenntnis. Danach, die ganz großen Zusammenhänge zu verstehen. Den Sinn dahinter. Den wirklichen. Nichts weniger als das, bitte schön, und dann geb ich endlich Ruhe. Ja, ich leide am Nichtverstehen.
Ständig zerreißt mich das Leben, das ich lebe, entzweit mich immer wieder mit mir selbst. Die eine Hälfte sagt: Egal, wie alles zusammenhängt, Hauptsache mir geht’s gut und ich lebe glücklich vor mich hin. Doch die zweite Hälfte sagt: Ich will verstehen, warum dieser Mensch so und so ist und ich will wissen, warum dies und das dazu geführt hat, dass jetzt dies und das heute so und nicht anders ist. Ist es überhaupt so, oder meine ich das nur? Oh, und schließlich ist noch jene Hälfte zu erwähnen, die – ach, nein, das wollt ihr gar nicht wirklich wissen.
Warum brauchen andere keine Antworten?, frage ich mich. Weshalb könne andere ohne Erkenntnisse leben? Wieso gelingt es andere, ohne dass sie die Zusammenhänge verstehen ihren Alltag zu meistern? Falsche Fragen allesamt. Müßige auf jeden Fall. Was muss es mich denn schon interessieren, wie andere leben, leben können? Warum erliege ich ständig und schon wieder der Versuchung, mich zu messen, mich zu vergleichen? Selig sind die, die solche Probleme nicht kennen, ihnen gehört – ja was? Der Himmel? Heißt es im Buch der Christlichkeit.
Schnitt.
Selig, glückselig zu sein – ist es denn nicht das, was wir uns alle wünschen? Für uns, für alle. Ohne diese rosarote Langeweile allerdings, die wir üblicherweise mit dem Himmel assoziieren. Schöne, friedliche, spannende, lustige, lebendige Glückseligkeit. Zufriedenheit. Ganzheit.
Deute diese Worte für dich. Kannst du alles haben. Jetzt.
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EDIT:
Anmerkungen:
– Das Wort Étagère ist in Deutschland praktisch unbekannt, anders in der Schweiz, wo es recht verbreitet ist (zumal ja hier (fast) alle französisch lernen).
– Dieser Text, vor allem der Anfang, spaziert ein wenig durch satirische Gebiete.

Oh, da fehlt ja der Titel

Homestorys von Stars – Hand aufs Herz – wer liest sie nicht (gerne vielleicht sogar), zumindest ab und zu? Natürlich würden wir sie NIE selbst kaufen, diese hochglänzenden Magazine, in denen höchstens ein Viertel des Inhalts aus Text besteht. Und davon nicht wirklich viel Wahres. Der Rest besteht aus Bildern, mit viel Haut meistens. Oft heimlich fotografiert. Nein, wir kaufen sie nicht, diese Blätter mit Namen, die Glück suggerieren, Reichtum und Zugehörigkeit. Aber wir gucken sie uns an. Gut, ob ihr auch, weiß ich nicht wirklich, aber ich, ja, ich gucke sie mir an. Selten zwar, aber wenn ich irgendwo warten muss, und es gibt nur Hochglanz um die Zeit totzuschlagen, dann nehme ich schon mal so ein Ding zur Hand. Es sind wohl die Freuden und Dramen im Leben der Promis, die fesseln. Wenn berühmte Persönlichkeiten auch nur ganz normale menschliche Probleme haben, insbesondere Beziehungsprobleme, ist die Welt doch gleich ein bisschen erträglicher. Ja, Beziehungsprobleme, insbesondere Seitensprünge, werden in Publikationen dieser Art am liebsten breitgetreten. Gewürzt mit ein paar Konjunktiven wird die Wirklichkeit, die die beste Freundin der Prominenz ausgeplaudert hat, eingeköchelt und mit bunten Bildern teuer verkauft.
Schnitt.
Meine regelmäßig-unregelmäßiger Spaziergänge durch die Blogosphäre unternehme ich immer mit einer gewissen Portion wohlwollender Neugier. Nicht nur will ich nämlich anderswo gute Texte lesen, Texte, die etwas in mir auslösen oder die mich inspirieren, sondern ich will auch zwischen den Zeilen lesen. Lesen, Lücken übersetzen, hin spüren, herausfinden, wie es Bloggerin X heute geht und was Blogger Y dieser Tage beschäftigt. Ich will wissen, ich will ahnen, ich will spüren, ich will berührt werden von den Geschichten anderer, Voyeurin ich.
Ob ich selbst vor oder nach dem Blogspaziergang blogge (und ob überhaupt), hängt von vielerlei ab. Von der Tagesverfassung vor allem. Manchmal schreibe ich gleich nach dem Starten des Rechners einen Entwurf und gehe erst anschließend blogspazieren. Später kehre ich zu meinem Artikel zurück, um ihn nochmals zu lesen, bevor ich ihn publiziere. Manchmal schläft ein Artikel also viele Stunden als Entwurf. Schönheitsschlaf nenn ich das.
Oft genug verpasse ich die Gelegenheit, die Gunst der Stunde, meine Ideen gleich zu Beginn meiner Session am Rechner aufzuschreiben und gehe gleich im weiten Netz spazieren. Hinterher ist die vage Idee, die ich zuvor hatte, verwässert oder bereits verschwunden.
Doch das beantwortet meine mich immer wieder umtreibende Frage nicht, warum ich überhaupt blogge. Warum ich dieses doch relativ exhibitionistisch anmutende Medium Blog überhaupt für die Veröffentlichung eines Teils meiner Texte gewählt habe. Zu antworten, um mich schreibenderweise warm zu halten, greift zu kurz. Stimmt aber.
Frau Horchert, Journalistin der Reisezeitschrift Geo, fragte Irgendlink unlängst in ihrem Telefoninterview, ob er es denn möge, beim Reisen beobachtet zu werden. (Zum Hören des Intervies bitte hier klicken). Ich übersetze: Mag ich es, beim Leben beobachtet zu werden? Meg Ryan würde in When Harry met Sally sagen: Diese Frage muss ich dir nicht beantworten. Ich sage nur: Vielleicht.
Vor allem mag ich es jedoch, schriftlich nachzudenken. Wenn dabei ein Text herausschaut, der andere womöglich ansprechen könnte – wie es mir jedenfalls meine Statistik vorgaukelt – wieso soll ich meine Texte denn nicht teilen? Zumal a.) mitlesen freiwillig ist und b.) ich ja auch gerne bei anderen mitlese.
Ach, die Statistik! Die Sucht nach noch mehr Klicks wächst mit der Anzahl Klicks. Beobachte ich bei mir. Höre ich von anderen. Vor acht Jahren, zu Beginn meiner Webtagebuch-Zeit und unter anderen Pseudonymen, interessierten mich diese Zahlen kaum, heute guck ich jeden Tag bestimmt einmal nach ihnen. Ist die Zahl dreistellig, ist alles gut, ist sie – an warmen Tagen kommt das manchmal vor – zweistellig, zweifle ich bereits leise an meinen Texten. Diese Zahl ist der Sold der Bloggerin, ihr Zahltag sozusagen.
Doch weit wichtiger als diese Zahl, ist mir der Austausch mit den Lesenden und anderen Bloggenden auf deren Blogs. Diese virtuellen Gespräche haben schon oft meinen Tag gerettet. Daher bewundere ich andere AutorInnen, die keine Kommentarfunktion aktiviert haben. Souverän finde ich das. Oder vielleicht ist es einfach nur überlebenswichtig? Autorinnen wie Luisa Francia und Cambra Skadé wären wohl den ganzen Tag mit dem Beantworten der Kommentare beschäftigt. Dass so bekannte Autorinnen überhaupt Blogs betreiben und ihr Leben damit so sichtbar und transparent machen, finde ich toll. Und dass alle andern – Nonames und Names – diese Möglichkeit haben, ebenfalls.
Das Blog ist das Glücksblatt der kleinen Frau und des kleinen Mannes, war der erste Satz auf dem Block, auf den ich heute Morgen diese Zeilen hier gekritzelt habe. Im Blog haben wir selbst in der Hand, was wir schreiben. Über uns. Über die Welt, wie wir sie sehen. Wir entscheiden, was wir sichtbar machen wollen. Und dass diese Sicht ein bisschen näher an der Wirklichkeit ist, als wenn es in der Glückspost stehen würde, ist definitiv ein weiterer Pluspunkt für die Bloggerei.
Die eigene Homestory schreiben. Denn wenn schon Darstellung, dann selfmade.
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(((Anmerkung: Ich kokettiere bewusst mit dem missverständlichen Begriffen Exhibitionismus/Voyeurismus. Dieser Text ist satirisch gemeint, nicht nur, aber auch.)))

Copy & Paste

Was für ein wunderbares Geschenk uns die programmierende Zunft mit der Kopierfunktion der Schreibprogramme gemacht habe, schrieb ich neulich. Du kannst einfach einen Textabschnitt markieren, ausschneiden und an einer anderen Stelle wieder einfügen. Du kannst Linkadressen von A nach B verschieben, du kannst Bilder kopieren oder ausschneiden und woanders wieder einfügen. Kopieren ist was tolles. Ein Geschenk der Technik.
Ich erinnere mich an die Schnapsmatrizen – ein anderes Wort oder gar den Fachausdruck für diese Kopiertechnik kenne ich leider nicht – die wir früher an der pädagogischen Fachhochschule verwenden haben, um Texte zu kopieren. Vorträge, Elterninformationen und der ganze Kram. Erst kurz, bevor ich mit der Ausbildung fertig war, gab es da und dort die ersten öffentlichen Fotokopierer. Und so lang her ist das nicht mal – oder bin ich möglicherweise nur einfach schon ziemlich alt?
Bis dahin schrieben wir alle zu kopierenden Texte von Hand oder mit der mechanischen Schreibmaschine auf diese wunderbar riechenden violetten Durchschlagdoppelbögen. Das Negativ davon wurde nachher in eine Art Walze eingeklemmt und mittels einer ganz bestimmten Technik mit Schnaps befeuchtet. Durch das Drehen einer Kurbel wurde das vorbereitete Spezialpapier, es war relativ glatt und saugfähig, bedruckt. Blatt für Blatt. Für ungefähr vierzig Bögen reichte eine Vorlage, nachher war sie ausgelutscht, doch reichte das in der Regel. Wer hätte damals von Copy & Paste geträumt?
Ähnlich wie ich mir zuweilen die Suchfunktion des Rechners ins wirkliche, nicht virtuelle Leben wünsche – wo ist bloß mein Schlüsselbund schon wieder? Und das Portemonnaie? – wäre so eine Kopiertaste zuweilen auch nicht schlecht. Ich würde mir, wenn es ginge, gerne ein bisschen von Freundin M.s Weisheit kopieren und bei mir einfügen. Oder von Irgendlinks Ausdauer und Gleichmut. Das Talent zur Heiterkeit von Freundin T. und die Liebe zum Leben von Freund M.. Oder dies oder das und warum nicht gleich noch jenes?
Im Geo-Interview, das Irgendlink für die Geo-online-Podcast-Serie gegeben hat, antwortete er auf die Frage, ob er die Absicht habe, dass andere seine Reise, anhand der von ihm gemachten Route, nachreisen können, dass dies absolut nicht seine Absicht sei. Es sei nicht möglich, dass jemand identische Reiseerlebenisse haben könne. Jeder und jede muss letztlich seinen eigenen Weg finden. Erfahrungen anderer sind bestenfalls Anhaltspunkte.
Ich erinnere mich, wie wir in Bern einmal einem Track, den jemand auf Everytrail im Internet veröffentlicht hatte, nachvollziehen wollten. Mit den Rädern fuhren wir also zum ersten Punkt der Route und von da von Wegpunkt zu Wegpunkt, nur um nach einer Stunde völlig frustriert festzustellen, dass es a.) überhaupt keinen Spaß macht und b.) wir überhaupt nichts anderes anschauten als diesen kleinen Kartenausschnitt auf dem Display unserer iPhones. Wir brachen das Experiment ab, machten dafür eine wunderbare Kunsttour durch die Altstadt und ein mir noch unbekanntes Stadtquartier und genossen die Erkenntnis des Nichtmüssens.
Nein, die Sache mit dem Kopieren ist so einfach nicht. Selbst zweimal den gleichen Haarschnitt gibt es nicht, auch wenn viele Jugendliche auf eine für mir nicht nachvollziehbare Art und Weise nach Gleichförmigkeit streben. Um bloß nicht aufzufallen.
Copy & Paste in Ehren, aber im echten Leben mag ich das Original. Und das darf sogar Fehler haben. Womit wir bei der Frage sind, was denn ein Fehler ist. Doch das, liebe Leute, das ist ein anderes Thema.

Ein Tag im Leben von …

Gestern habe ich die letzte Umzugskiste ausgepackt, platt gemacht und mit ihren Schwestern und Brüdern zusammengeschnürt in den Speicher unter dem Dach gestellt. Meine Wohnung sieht schon fast gemütlich aus, wenn auch noch ohne Bilder.
Endlich ist das Leben aus Kisten vorüber. Schon beinahe vergessen sind die ersten Tage, wo ich ständig etwas suchte und Kistenberge umstapeln musste, um das Ersehnte zu finden. Zum Glück waren die Dinger angeschrieben. Nicht im Detail, aber nach Thema und Raum. Ein nächstes Mal könnte ich eine Exceltabelle von den Kisteninhalten machen und die Kisten entsprechend der Liste einfach nummerieren, denke ich. Wenn ich etwas suche, kann ich einfach die Liste mittels Suchfunktion scannen um das Ding zu finden. Denke ich. Denn die Zeit zum Listenschreiben hat frau definitiv nicht, wenn sie im Umzugsflow gefangen ist. Gefangen vom Takt der Zeit. Ticktackticktack. Noch zwei Wochen. Noch eine Woche. Noch zwei Tage. Und auf einmal saß ich im Auto Richtung Schweiz. Und nun sitze ich hier und habe heute Morgen die letzte Lampe aufgehängt.
Dass ich nach einem Umzug so viel Erholungszeit brauche, ist neu. Auch dass ich vierzehn Tage brauche, um alles auszupacken. Was nicht mit der Menge, sondern mit meinem Tempo zu tun hat. Zugegeben, die Langsamkeit hat auch mit meinem Zweitjob zu tun. Neben dem Job als Wohnungseinrichterin auf Zeit bin ich ja – wie Stammlesende wissen – auch Kunst-Reise-Blog-Redakteurin auf Zeit. Im Irgendlink-Blog. Das erfüllt mich noch immer mit großer Freude, einen besseren Job gibt es kaum. Am schönsten jedoch ist es, wenn ich grad dabei bin, einen Artikel mit Bildern zu gestalten und just dann der Liebste kostenloses Wlan entdeckt und dank Skype von seinem iPhone aus meins anrufen kann. Hallo, hörst du mich? Nach etwa zehn Sekunden Rauschen und Geknister in der Leitung können wir beide ja sagen.
Ja, ich höre dich, wo bist du?
Ja, ich höre dich, wie geht es dir?

Mein Herz klopft jedes Mal (wild, laut, heftig, rosarot und so) wenn ich seine Stimme höre und noch immer, auch nach bald drei Jahren noch, weiß ich mich in solchen Momente siebzehnjährig, alterslos, glücklich.
Kaum haben wir uns, eine ganze Weile später, wieder verabschiedet, klingelt das Telefon von neuem. Freund M. (2) sagt hallo und erzählt sonst noch ein paar Sachen aus seinem Leben. Wir haben uns lange nicht mehr gehört. Gesehen noch viel länger. Eine ganze Stunde geht so vorbei und die Bilder aus England, die ich für Irgendlink bloggen wollte, hängen noch immer im Bearbeitungsmodus fest. Soeben wird mir vom Stellensuchsystem eine offene Stelle zugemailt. Ich schreibe eine Bewerbung und verschicke sie online, damit das auch vom Tisch ist.
Auf einmal fühle ich mich fiebrig. Da ruft Lieblingsbruder P. zum zweiten Mal an und gibt Entwarnung. Er arbeitet in der Nähe und hatte eine Autopanne. Ob ich ihm allenfalls mein Auto leihen oder ihn von S. nach B. fahren könnte, hatte er vor zwei Stunden gefragt. Kann ich, natürlich, hatte ich gesagt. Inzwischen hat der Pannendienst ein Ventil ausgewechselt, sagt er, und alles ist wieder gut. Gut, sage ich. Denn mit Fieber ist nicht gut autofahren.
Die Mail von Freundin R., die ich nun öffne, berührt mich sehr. Sie arbeitet an einem Buch, das unter anderem ein Interview mit mir enthält. Ich dürfe den rohen Text über unser Gespräch, den sie mir zur Kontrolle des Inhalts gemailt hat, gerne nach Gusto lektorieren und redigieren, bietet sie mir an. Und die anderen Texte, wenn ich wolle, auch gleich. Gerne. Nur leider könne sie mir nichts zahlen. Hm. Sie ist auch nur eine arme Schriftstellerin wie ich, denke ich. Schlaf drüber, sagt eine innere Stimme. Okay, sage ich. Mache ich. Schlafen. Später aber erst, denn noch immer hängen die Bilder von England in der Leitung. Ich stehe kurz auf und hole Wasser. Das Probe-Yoga habe ich zum Glück verschoben, auf nächste Woche. Will da nicht mit Fieber und entzündeten Sehnenscheiden hin, sage ich mir, während ich endlich Irgendlinks Bilder publiziere.
Dabei wollte ich doch bloß ein kleines Artikelchen bloggen, als ich heute Mittag den Laptop startete. Und jetzt ist schon sechs Uhr vorbei. Und der Blogtext, den ich schreiben wollte? Grad war der Zettel doch noch da, worauf ich mir notiert hatte, worüber ich bloggen will. Parallelen stand drauf, meine ich mich zu erinnern. Was noch? Vergleichen?
Vergessen, so las ich gestern irgendwo, vergessen sei überlebenswichtig. Oder so. Weil wir uns gar nicht alles merken können. Und auch nicht müssen, vermutlich, doch den Rest des Textes habe ich … schon wieder vergessen.

Gib laut, Männlein!

Dass Hunde ihr Gebiet markieren müssen, ist hinlänglich bekannt. Dass das Männer ebenfalls tun, nun ja, ist vermutlich ebenfalls durch wissenschaftlichen Studien nachweisbar. Ob oder ob nicht, ist eigentlich egal, Tatsache ist es auf jeden Fall. Spannend für allfällige Nachweise und Studien ist die Beobachtung, von Männern, die aufeinander treffen. Wie es zu und her geht, wenn nur Männer zusammen sind, weiß ich nicht. Jedenfalls nicht aus erster Hand. Doch zu beobachten, wenn Männer, vor allem solche, die sich noch nicht kennen, in befrauten Räumen aufeinander treffen, ist immer wieder faszinierend. Wie Hunde beschnüffeln sie sich. Testfragen gehen hin und her. Reaktionen werden beobachtet. Stimmen werden lauter. Andere leiser, verstummen gar. Analog zu Rüden, die sich vor dem Alphatierchen auf den Rücken legen. Waren früher Muskelkraft und Jagderfolg Hauptkriterien zur Erlangung des Alphastatus unter Männern, entscheiden heute unter anderem Unterhaltungswert, Schlagfertigkeit, berufliche Stellung und Leistung über den Platz in der Hackordnung. Und Lautstärke.
Ein Studienobjekt der Spezies „Lautes Männlein“ wohnt in der Wohnung über mir. Als lärmempfindlicher Mensch habe ich mich gefreut, dass mein Vormieter mir das Haus als leise empohlen hat. Na ja. Da er nur abends hier war und die Wochenenden in der Ostschweiz bei seiner Familie verbrachte, ist er leider keine wirklich zuverlässige Referenz. Und vielleicht schwerhörig.
Mein Nachbar B. ist knapp dreißig, eher jünger, fährt einen weißen, schnittigen Wagen, den er sogar nur bis zum Briefkasten oder was weiß ich braucht. Und er telefoniert gern. Seinen lauten Bass habe ich bereits persönlich angesprochen. Der hämmert nämlich gerne und oft drauf los. Seine Reaktion auf meine freundliche Kritik war ebenfalls freundlich, entschuldigend. Ich werde mich arrangieren müssen. Und ich werde ab und zu etwas sagen. Nur: ob das etwas bringt?
Als Studienobjekt für das Phänomen „Männlein“ (so nennt mein Liebster diese Untergruppe der Spezies Mann) eignet sich mein neuer Nachbar perfekt. Das Markierverhalten lässt sich an ihm hervorragend analysieren. Spricht er am Telefon, redet fast nur er, redet und lacht laut, leicht hysterisch. Dabei geht er meistens durch die Wohnung, so dass ich nirgends vor seiner Stimme sicher bin. Ja, er weiß, wie man sich seinen Raum nimmt. Nicht mal im Schlafzimmer, wenn ich mein Yoga machen will, bin ich vor seiner Stimme sicher. Okay. Tief durchatmen.
Ob ich mit ihm mal über Zimmerlautstärke diskutieren soll? Kann sich ein Mensch von rücksichts- respektive gedankenlos in Richtung aufmerksam verändern? Ja, ich weiß, so Menschen gibt es überall. Darum würde ich oft am liebsten die ganze Welt verändern. Sensibler und aufmerksamer sollten sie sein, meine Mitmenschen, jawohl.
Zurück zum Objekt meiner Studien: „das Männlein“. Markieren war das Wort. Dieses Objekt hier tut es besonders durch Lautstärke, wie gesagt. Durch Laut geben, wie ein Hund. Statt bellen nimm Musik und Stimme. Hört her, ich bin da. Seht her, das ist mein Auto. Was dahinter steckt – bei ihm, bei Männern? Minderwertigkeitskomplexe? Potenzprobleme, wie ein Freund von mir immer behauptet hat?
Ach du, Studienobjekt Mensch, du bist mir je länger je mehr ein großes Rätsel.! Und du, Studienobjekt Mann, erst recht!
(((Warnung: Das hier ist eine Satire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage.)))

Die Schlange, die andere, sie hatte so recht!

Als sie Eva vom Früchte-Essen und Erkenntnisse-Erlangen überzeugte, hat sie etwas ganz wichtiges für uns alle getan, die Schlange damals. Natürlich hat es Nachteile, denn dumm und unwissend zu sein, hat ja auch seinen Reiz. Ich bin dennoch lieber eine über das Leben nachdenkende Früchteesserin als eine Unwissende mit Feigenblatt. Obwohl ich längst weiß, dass ich nichts weiß.
Bevor ich im letzten Sommer meine Stelle bei jener christlichen Trägerin, die für meine Schule zuständig war, antreten durfte, musste ich … rate mal? Ja, ich musste der Kirche beitreten. Und ja, für mich war das müssen, da ich von dieser Institution, hüben wie drüben, sehr wenig halte. Weshalb ich übrigens schon in jungen Jahren meine Mitgliedschaft mit einem einfachen Brief gekündigt habe.
Für meine Anmeldung im Sommer hatte ich auf dem Kirchenamt antreten müssen. Bloß um ein Papier zu unterschreiben. Gestern, als ich auf dem Amt meinen hiesigen Wohnsitz abmeldete und meinen baldigen neuen Schweizer Wohnsitz bekannt gab, meinte die nette Beamtin dort, dass ich mit meiner Abmeldung aber nicht automatisch beim Finanzamt und andere Stellen abgemeldet sei. Sie muss bemerkt haben, wie ich die Augen verdrehte, sie kann Körpersprache. Wie kompliziert hier alles ist, hatte ich in der Tat gedacht. Ich könne das alles jedoch einfach per Mail machen, meinte sie freundlich.
Kaum wieder zuhause, suchte ich im Netz die nötigen Mailadressen und meldete mich da und dort ab. So weit so gut. Bis ich, innert weniger Stunden, auf meine Mail ans Kirchenbüro die Antwort erhielt, dass ich mich nicht bei der Kirche, sondern beim Standesamt abmelden müsse. Wie nun? Sind Kirche und Staat hier nicht getrennt? Ich grummelte ein wenig und schrieb gleich eine weitere Mail. Fast so als hätte ich nichts anderes zu tun.
Heute erhielt ich nun diese Antwort hier:
Eine Austrittserklärung kann mündlich oder schriftlich abgegeben werden (§ 2 Abs. 3 RelAuG), wobei über die mündliche Erklärung vor dem Standesamt eine Niederschrift aufzunehmen ist, die von der austretenden Person zu unterschreiben ist. Eine schriftliche Austrittserklärung muss öffentlich beglaubigt sein (d.h. notariell). Der Austritt ist dem Standesbeamten gegenüber zu erklären, in dessen Bezirk die aus der Religionsgemeinschaft austretende Person ihren (Haupt-) Wohnsitz hat. (…) Ihre E-Mail vom 13.03.2012 erfüllt nicht die o.a. Formerfordernisse des RelAuG; die darin abgegebene Austrittserklärung wird somit auch nicht wirksam.
Unwirksam? Wofür? Um weiter Kirchensteuern zu zahlen? Hallo? Sogar J. war empört. Zuerst beschloss ich, die Geschichte einfach zu ignorieren und zu schauen, was passiert. J. meinte, dass er denen zutraue, dass die mir Kirchensteuerrechnungen in die Schweiz nachschicken. Sollen sie nur!, sagte ich. Später habe ich aber dann doch eine nette Mail zurückgeschrieben.
Ist das denn wirklich die Möglichkeit? Meinen Sie das wirklich ernst? Kann ein Gesetz wirklich so restriktiv und an den Menschen vorbei gemacht sein? Zumal es sich hier ja um kirchliche Angelegenheiten handelt, also um etwas freiwilliges und (theoretisch) vom Staat getrenntes. Um etwas, das den Staat ja nicht wirklich tangiert. So viele Reglemente und Landesgesetze?
Vor ein paar Monaten musste ich beruflich bedingt, weil ich von einer christlichen Stiftung angestellt wurde, der Kirche beitreten – auch so etwas, das ich von der Schweiz her nicht kenne. Dort sind Kirche und Staat sauber getrennt und eine Kirchenzugehörigkeit darf nicht als Kriterium für eine Anstellung genommen werden. Mit großem Widerstand habe ich es schließlich getan, aber klar deklariert, dass ich keinerlei Engagement für die Kirche zu leisten im Sinne habe. Dabei habe ich die Auskunft erhalten, dass ein späterer Austritt eine einfache Sache sei. Na ja, einfach ist anders.
(…) … beim Austritt, kommt gleich die zweite Schikane: Da muss eine persönlich antreten und kann das nicht schriftlich tun (so als hätte ich alle Zeit der Welt) oder muss zumindest eine notariell beglaubtigte Abmeldung vorlegen.
Hat Deutschland  denn kein Vertrauen mehr zu den Menschen? Hallo, wo sind wir denn hier? Ist die Kirche nun etwas freiwilliges oder doch nicht? Wenn Sie jetzt verlangt hätten, dass ich einen schriftlichen, handunterschriebenen Brief schicke, könnte ich es ja noch verstehen. Aber dieser Aufwand mit Notar und Zeugen bei mündlicher Abmeldung? Finden Sie das nicht auch ziemlich sektiererisch? Ich bin einmal mehr verblüfft, wie Deutschland tickt.
Entweder Sie akzeptieren nun diese meine zweite Abmeldung per Mail oder Sie akzeptieren Sie nicht. Ich hoffe, dass Sie christlich und menschlich genug sind, es hierbei zu belassen.
Keine Stunde später erhielt ich bereits ein Feedback. Von wegen Gesetzen, die eingehalten werden müssen, stand da und dass es in der Schweiz bestimmt auch Gesetze gebe. (((Ja, klar, aber nachvollziehbarere. Ach, ich bin wohl einfach integrationsresitent. Streite mal mit einem Macfan über Windows.))) Ich habe nun beschlossen, einfach nicht mehr zu reagieren. Besser als zu schreiben, dass mit (ein bisschen) mehr zivilem Ungehorsam schon viel Leid verhindert worden wäre. Und dass Gesetze nicht nur dazu da sind, eingehalten, sondern auch, um in Frage gestellt zu werden.
Was wird nun geschehen? Eine Steuerrechnung werde ich gewiss nicht erhalten, da die Kirchensteuer in Deutschland ja mit dem Lohn abgewickelt wird. Im Internet habe ich die Information gefischt, dass nur in Deutschland Wohnhafte kirchensteuerpflichtig sind. Werde ich nun trotzdem weiterhin als Mitglied geführt werden – auch wenn ich nicht zahle (und danach [trotz Kirchensteuerschulden bis an mein Lebensende] in den Himmel kommen)? Oder löschen die mich in einem Jahr aus ihrer Liste? Ja, nenn mich kindisch. Nenn mich trotzig. Manchmal bin ich das wohl. Und zwar einfach deshalb, weil ich solche Powergames hasse 🙂
Dank Eva und Lilith. Weil sie damals so naschhaft waren.
Kennt ihr übrigens den?
Sagt Lilith zu Eva: Ich habe eben einen Typen getroffen. Er sagte Hallo und dass er Erster Mensch heiße. Adam.
Eva: Ach? Und?
Lilith: Ich habe ihn zum Essen eingeladen. Es gibt Apfelkuchen …

Die Schlange hat immer recht

Während ich mich heute Nachmittag vor dem Bürgeramt – von Bürgerinnen mal wieder keine Spur! – auf eine lange Wartezeit einstellend, auf einem Stuhl niederlasse, sondiere ich die Lage. Bei vier von sieben Büros hängt die Tafel „geöffnet“, bei den anderen steht „geschlossen“. Könnte also bei zehn wartenden Menschen ungefähr eine Viertelstunde bis eine halbe Stunde dauern, rechne ich aus. Aber wie weiß ich, wann ich an der Reihe bin, wenn ich mir die Leute nicht anschaue? Ich muss mir alle Gesichter merken, damit ich nicht überholt werde, überlege ich, und komme mir dabei lächerlich und kindisch vor.
Da kommen zwei Damen von links. Sie trippeln ungeduldig vor eben jener Türe auf und an, vor der ich mich hingesetzt habe. Meine Tür sozusagen. Ich habe eben noch gesehen, wie zwei Menschen dahinter verschwunden sind, ehe ich mich hingesetzt habe. Nun sehe ich drei Fußpaare hinter der Glasfront. Der Rest der Wand ist weiß-gräulich, undurchsichtig, so dass ich nur die Silhouetten sehe.
Wie läuft das hier? Kommen als nächstes die am längsten Wartenden dran oder die vor dieser Türe Schlange stehenden? Keine Ahnung, denn so weit eingeweiht in die deutschen Gepflogenheiten bin ich nun doch noch nicht. Ich stelle fest, dass die beiden neuen Damen nur zufällig zusammen gekommen. Sie kommunizieren nämlich nicht miteinander. Halt, stimmt nicht! Sie kommunizieren nonverbal: Ich war zuerst da!, sagt die Blonde. Nein ich!, sagt die Braunhaarige. Eben will ich mein Talent Körpersprache lesen zu können verfluchen, als auch schon die Türe aufgeht. Ich stehe auf. Vergesse, dass andere schon länger warten – allerdings vor einer anderen Türe. Von uns dreien vor dieser Türe bin definitiv ich die Nächste. Während die Schritte der beiden Menschen, die vor mir im Büro waren, allmählich im langen Flur verhallen, stellt sich die Beamtin in die Türe und blickt in die Runde der Wartenden.
Wieso gehen Sie denn nicht in eines der anderen Büros. Es sind ja noch drei weitere geöffnet!, sagt sie lachend. Ich runzle erstaunt die Stirne, sage aber nichts, denn die eine der Frauen, die nach mir gekommen sind, spricht eben die Beamtin an.
Sind Sie schon an der Reihe?, fragt sie die blondierte Frau und wirft dabei einen Blick auf mich, denn sie scheint ebenfalls des Körpersprachelesens kundig zu sein.
Die Blonde schüttelt beschämt den Kopf und zuckt mit den Schultern. Derweil schlüpfe ich ins Büro. Ich melde mich in Deutschland ab. Zwei Minuten später bin ich wieder draußen, Weltenbürgerin ich, mit Heimweh im Rucksack.
Ich wünsche Ihnen alles Gute auf ihrem weiteren Weg!, hat sie gesagt, die Frau vom Amt. Und ich schlicht: Danke gleichfalls.
Warum zum Teufel glauben wir der Schlange immer?, frage ich mich auf dem Weg zum Auto.

Mit Anlauf …

Ich nehme Anlauf. Anlauf für den nächsten Schub Kisten, der zu füllen ist. Anlauf, indem ich durch die Blogosphäre spaziere. Prokrastiniere. Schreibs klein! Flüstere es! Nein, nein, ich suche bloß nach Inspiration. Klingt besser. Stimmt sogar. Suche Denk- und Herzfutter für den Tag. Ja, so irgendwie. Um beim Kisten füllen, im Kopf und im Herzen drin was zu futtern zu haben. Doch halt … heute gibt’s nichts über Kisten und so.
Ich möchte mal wieder etwas ganz Normales bloggen, hab ich heute Morgen zu Irgendlink gesagt. Ein bisschen geseufzt habe ich dabei. Etwas, das nicht mit deiner Reise und mit meinem Umzug zu tun hat. Und wenn es dabei gleich die Herzen meiner Leserinnen mitfüttert – umso besser. Und die meiner Leser natürlich auch.
Aber vor allem will ich etwas schreiben, was von da innen drin kommt. Etwas Gedachtes, Gefühltes, Gelebtes, Geliebtes, das ich teilen will. Etwas in Worte Gefasstes. Als wären meine Worte ein Stück Gold (hört, hört!), das einen Edelstein umschmiegt. Etwas, das mich und andere durch den Tag trägt und nicht gleich wieder verdampft – aus den Ohren, aus dem Sinn –, kaum dass ich mich ans Kistenpacken Arbeiten mache.
Item, wie die Schweizerin sagt, um zum Thema zurückkommen, das heute keins ist. Denn ich hänge gleichsam im luftleeren Raum. Von allen guten Themen verlassen. So leer wie die Regale ist mein Kopf. Gut so. Platz für neues. Zum Beispiel für das neue Kleidchen von pixartix – dAS Bilderblog.
Item. Bevor ich also noch mehr von meiner aktuellen Leere mit euch teile, klick ich wohl besser auf „publizieren“. Ja, ja, du denkst „löschen“, gib’s zu. Selbst schuld, wenn du bis hierher gelesen hat. Andererseits: Muss immer alles sinnvoll und klug, geistreich und bodenständig, top und unübertrefflich sein? Na eben.

Kundenkopierer

Für einmal war ich richtig froh, gestern auf der Post, dass die Deutschen mit der Gleichberechtigung in der Sprache schludern. Ich hoffe sehr, dass das mit Kundenkopierer beschriftete Ding wirklich nur das tut, was ihm aufgetragen worden ist. Alle Kunden in der Reihe vor mir zu kopieren, ginge ja noch, doch würde der Kopierer auch gleich alle Kundinnen kopieren – puh, nicht auszudenken, da wäre ich ja heute noch dort!
Was habe ich gelernt? Es gibt definitiv mehr Frauen, die Briefe und Pakete verschicken.

Nachspiel

Wenn etwas kaputt geht, muss es repariert werden. Richtig? Und wenn etwas kaputt geht, so dass es sich nicht mehr reparieren lässt, muss es ersetzt werden. Eigentlich ganz einfach. Als neulich beim Ausparken aus der Garage mein rechter Außenspiegel zerbrach, habe ich mich deshalb am nächsten Tag an den Laptop gesetzt um im weltweiten Netz nach einem Ersatzspiegel zu fischen. Nach ein paar Mails mit dem Händler meiner Wahl war klar, dass das gebrauchte Teil zu meinem alten Sternchen passen müsste. Zwar hatte ich mich ein wenig über die wiederholt männliche Anrede des Ersatzteilhändlers genervt, ihn gar demonstrativ mit Frau angesprochen, doch schließlich wurden wir uns einig. Ich zahlte die Rechnung und wartete.
Als vor zwei Tagen der Postbote ein überdimensioniertes Paket ablieferte, war meine Freude groß. Nicht nur wegen des Altpapiernachschubs zum Anfeuern. Es ist doch ein wenig unheimlich, mit einem gesprungenen Spiegel zu fahren. Ausgepackt war das Teil schnell, doch dann drehte und wendete ich es erst eine ganze Weile hin und her. Schließlich kratzte ich mich am Kopf.
Ist das nicht ein linker Spiegel oder mein ich das nur?, fragte ich Irgendlink. Auch mein Liebster begutachtete das Teil von allen Seiten, nickte, schüttelte den Kopf und beschloss, in der Garage nachzugucken, ob wir mit unserer Schlussfolgerungen richtig lagen. Lagen wir.
Mann, wie konnte ich nur so doof sein und rechts mit links verwechseln!, murmelte ich und öffnete meine Mails um die Sache in Ordnung zu bringen. Nein, doof war nicht ich, doof waren die andern. Schwarz auf weiß habe ich einen rechten Außenspiegel bestellt. Ha! Männer, rechts und links – waren das sonst nicht eher die Frauen?
Nach dem ich auf meine Mails an den Händler keine Rückmeldung erhielt – außer dass meine Mail im S-P-A-M gelandet sei –, rief ich heute Morgen dort an. Meine Empörung legte sich schnell. Herr S. wand sich und ich rang derweilen um Fassung, um nicht laut loszuprusten.
Sie hätten zeitgleich zwei Bestellungen für zwei Außenspiegel bekommen, sagte der gute Mann. Für einen rechten und für einen linken. Es kam, wie es kommen musste: Die Spiegel – oder waren es die Pakete? – wurden verwechselt. Murphy am Werk! Dem anderen Kunden, der offenbar ein wenig schneller als ich reagiert hatte, vermutlich telefonisch und darum ohne Umwege über den S-P-A-M-Ordner, wurde umgehend ein richtiger, nämlich ein linker Spiegel nachgesandt. Warum dieser Kunde jedoch daraufhin statt nur den rechten, den ich brauche, auch gleich noch den linken retourniert hat, habe ich wirklich nicht verstanden. Ob er zwischenzeitlich auf dem Schrottplatz gefunden hat, was er brauchte?
Nun ist sein Paket auf der Reise. Doch statt zurück an die Firma, hat er es auf deren Wunsch an mich geschickt. Cool, so werde ich schon bald stolze Erhalterin eines noch größeres Paket sein. Jippie, das ist ja wie Weihnachten und Ostern zusammen. Schon bald werde ich drei Außenspiegel haben. Davon habe ich doch schon immer geträumt. Andererseits … was fange ich bloß mit zwei falschen, linken Spiegeln an? Und nur einer ist der richtige, der rechte. Nein, auf meine politische Gesinnung wird das keine Auswirkungen haben, doch ich werde den Verdacht nicht los, dass mir das Leben etwas sagen will. Bloß was?