Belohnungen

Ein heikles Thema, zugegeben, doch Strafen als Thema wäre noch heikler.
Nachdem ich heute und gestern und am Montag schon total viel geschuftet habe, im Haushalt ebenso wie am Rechner an einem Artikel und einer spannenden Bewerbung, bin ich nun bereit für die Belohnung.
Es gab eine Zeit, da habe ich mich alle paar Stunden mit einer Zigarette belohnt – Tempi passati! Oder mit einer Reihe Schokolade (gut, das tu ich noch immer, sehe es aber nicht mehr als Belohnung, sondern gönne es mir einfach. Weil ich es mag).
Heute sehe ich Belohnungen weniger im Zusammenhang mit erbrachten Leistungen als dass ich mir einfach hin und wieder etwas gönne, was ich gerne mache und was mir gut tut. Die Kür nach der Pflicht sozusagen. Blogschreiben nach einem Bewerbungsbrief zum Beispiel. Buchlesen nach Artikelschreiben. Stopp! Artikelschreiben ist ja Kür. Und doch Arbeit. Was mich auf den Gedanken bringt, dass das Konzept Arbeit = Pflicht zum Himmel stinkt. Sehr sogar. Arbeit = Kür wäre doch eigentlich viel toller. Und das ist das Artikelschreiben ja. Na also.
Was ich mir jetzt gönne? Dreimal raten …
1.) …
2.) …
3.) …
(ja, richtig, ich besuche den Baumarkt (siehe zum Beispiel hier) – Fortsetzung folgt …)
Und übermorgen – nur noch zweimal schlafen – belohne ich mich und meinen Liebsten mit dem tollsten Highlight dieses Herbstes:
Patent Ochsner live in der Mühle Hunziken, dem ge***sten Lokal der Welt.  >>> DER Klick zum Sound!
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Und du – womit und wie belohnst du dich?

Kind sein …

Da gab es diese selbstgekritzelten Zettel in meiner Hosentasche. Streng geheim waren sie. Für Mütter vor allem. Das war in der zweiten Klasse. Wir Mädchen kritzelten darauf, welchen der Buben wir „hatten“, ähm, welche Buben – Mehrzahl. Kleine Polygamistinnen, die wir waren.
R. „hatte“ ich wegen seines herzigen Lächelns – nur schade, dass er Ende zweite Klasse wegzog.
F. „hatte“ ich, weil er so schnell rennen konnte – so schnell, dass er eines Tages „unter das Auto“ gekommen ist. Von ihm haben wir nie mehr etwas gehört. Ich denke noch immer ab und zu an ihn. Was wohl aus ihm geworden ist?
B. „hatte“ ich die ganze Primarschulzeit über. Später ist er Schornsteinfeger geworden. Ob es ihm Glück gebracht hat?
H. „hatten“ alle Mädchen, er war einfach der Stärkste und der Größte. Ich hatte ihn aber nur aufgeschrieben, weil es sich gehörte. Bei der Klassenzusammenkunft vor sieben Jahren hätte ich ihn kaum mehr wiedererkannt. Was ist er fett geworden! Nur seine Augen haben sich kaum verändert.
Natürlich änderten sich die Listen von Monat zu Monat. Was sag ich? Von Woche zu Woche! Nur schade, dass wir nur sechs Buben in der Klasse hatten.
Mädchen sein war damals ziemlich schwierig. Auf die Bäume im Pausenhof zu klettern, gewöhnte ich mir in der dritten Klasse langsam ab. Nicht aber in der Freizeit. Nett sein war damals noch ziemlich normal. Und Poesiealben bemalen und weiterreichen, ebenfalls.
Als ich heute morgen auf Thisis‘ Blog vorbei schaute, war mir, als hätte sie mir ihr Poesiealbum in die Hand gedrückt. Damit ich ein Bild hineinzeichne. Und ein schönes Gedicht dazu. Ihr „I (like) your Blog“-Award freut mich sehr. Spricht meine Mädchen-Seite an. Zaubert mir ein Lachen ins Gesicht. Danke, liebe Ch., für diese Ehre!
Gerne gebe ich den Preis weiter an fünf weitere Blogs, die ich mag … (*grmpf* nur fünf? Beim letzten Award waren es viel mehr, da konnte ich aus dem Vollen schöpfen, wiederholen mag ich mich nicht …)

Ich reiche darum meinen Award freudig, gerne und lachend weiter an meine Neuentdeckungen der letzten Wochen … (Tatata taaaaa …)
Heute „habe“ ich diese Bloggerinnen, denn sie bereichern meinen Alltag.
– Lakritze (lakritze.wordpress.com), weil sie eine tolle Mischung von Bild und Text schafft, die mir immer ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
– Petra aka Philea (phileablog.wordpress.com), wegen ihrer Vielseitigkeit und weil sie auch so gerne reist und in Büchern stöbert wie ich.
– Larapalara (larapalara.wordpress.com), denn sie hat eine ähnliche Art, sich über das Leben Gedanken zu machen. Toll zu lesen!
– Rote Welt (rotewelt.wordpress.com), weil sie Frankreich liebt (wie ich) und auf ihrem Blog über dieses Land und vieles mehr philosophiert.
– Fallingstarsandexclamationmarks (fallingstarsandexclamationmarks.wordpress.com), weil sie so herrlich morbide Geschichten schreibt.
Oh weh, ich fühle mich unzulänglich … hier müssten noch viele andere tolle Bloggerinnen und Blogger erwähnt werden … Wer Lust hat, spaziere doch einfach mal durch meine Blogrolle! Viel Spaß bei den neuen Entdeckungen!

Buntes Ding

Was läuft da eigentlich ab und wieso greifen aktuell alle Ereignisse und Informationen mühe- und nahtlos ineinander über, als hätten sie etwas miteinander zu tun? Weil alles zusammenhängt?
Alle sagen und alles sagt mir dieser Tage, dass ich gut zu mir schauen soll. Dabei geht es um meine Ressourcen. Um mein Wohl. Um meine Seele. Was immer das ist. Ob das Leben mich auf diese Weise auffordert, etwas zu tun? Doch kaum schreibe ich diesen Satz, wird mir klar, dass ich diesmal nichts unternehmen, dafür ganz viel los- und zulassen darf.
Zwar steht die Seele nicht grundsätzlich im Widerstreit zu Kopf, Verstand und Vernunft, doch so, wie ich mich zuweilen verhalte, reiben sich diese beiden Instanzen oft aneinander. Diese unsichtbare Etwasse, die niemand fassen, definieren und messen kann. Dass die Seele 21 Gramm wiegt, ist nur eine These. Und dass es sie überhaupt gibt, auch. Allerdings eine wenig umstrittene.
Für mich ist sie unter anderem das Licht oder das Energie-Kraftwerk des Menschen. Liegt ein Mensch im Koma, dann, weil die Seele verschwunden ist. Vielleicht liegt sie nur zusammengerollt auf dem Dachboden oder im Keller oder aber sie hat sich ganz und gar aus dem Staub gemacht. Das zeigt sich daran, ob der komatöse Mensch eines Tages wieder aus seinem Koma erwacht. Tut er das, dann darum, weil das Licht, die Energie, wieder da ist. Oder erwacht er und dann kommt das Licht wieder? [Huhn oder Ei?] Nein, das sind keine medizinisch fundierten Erkenntnisse. Nur Gespinste.
Wo geht sie hin, die Seele, wenn sie mich verlässt? Ist sie unsterblich, wiederkehrend, endlich, sterblich? Oder sich im Großen Ganzen auflösend? Ins Große Meer sich ergießend? Oder womöglich sich zerlegend und in einzelnen Teilen wiederkehrend? Ich habe in meinem Leben diesbezüglich schon viele unmögliche und mögliche Ansätze betrachtet, geglaubt, verworfen. Ob ich mich in diesem Bereich wirklich nach einer wissenschaftlichen Antwort sehne, nach einer letzten, unumstößlichen Antwort? Nein. Ich mag die vorläufigen. Die austauschbaren. An letzten Antworten auf solche Fragen bin ich nicht interessiert. Ich würde ihnen misstrauen. Da suche ich mir lieber eigene.
Dass die Seele das Licht des Menschen sei, ahne ich. Das Licht jedes Menschen ist aber nicht nur in der Seele, auch die Schatten nicht. Und umgekehrt ist die Seele für mich mehr als nur der Ort, wo das Licht des Menschen wohnt. Weitere Aufgaben der Seele sind für mich das Senden und Empfangen nonverbaler Inhalte. Wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wie wir auf Dinge reagieren, wie wir Dinge anpacken. Worauf wir uns einlassen und warum. Und auch all das, was hinter und unter diesen Wahrnehmungen und Wies und Wos liegt.
Die Seele, so glaube ich, ist ein äußerst fragiles Nicht-Ding, das bei kleinster Grobheit bereits wackelt. Was der Grund ist, warum viele Menschen ihre Seelen dick einpacken und hinter selbstgebauten Mauern verbergen. Natürlich gibt es für Mauerbau noch viel mehr Gründe, Seelenschutz ist nur einer. Oder wollen wir es Antispürenmüssen-Massnahme nennen? Spüren ist suspekt. Ist kompliziert. Bringt Scherereien. Hat in dieser Gesellschaft wenig Platz. Und Stellenwert kaum. Hindert uns nur daran, voran zu kommen. Ist weiblich. Und unprofessionell sowieso.
Jene Menschen, die ihre Seele direkt unter der Haut tragen, bekommen immer wieder zu hören, dass sie nicht belastbar genug seien für … Dass sie besser nicht zu viel spüren sollten. Dass sie ein bisschen mehr dies werden und ein bisschen weniger jenes sein sollten. Anders. Denn sowas ist doch nicht normal.
Eine seelenlose, coole Welt – ist es das, was wir wollen?
Meine Seele ist bunt. Und deine?

Die Welt retten – eine Anleitung.

Kurz vor neun. Der letzte Kurstag. Alle sind wir in seltsam aufgekratzter Stimmung. Strafgefangene, die am Abend entlassen werden. Ex-Zwangsbeglückte, die in die graue Tristesse des Alltags zurückkehren müssen. (Dürfen! Wollen! Jaaa!)
B. bringt eine Kiste Schokoküsse, die wir hierzulande noch immer politisch unkorrekt Mohrechöpf nennen – und so sind sie auch beschriftet. Shameonus. Nach Deutschland dürften wir diese Dinger nicht exportieren, sagt Kursleiter E., der halb in Deutschland lebt. Statt Gipfeli (Hörnchen) oder Kekse gibt’s von mir zum Abschied Seelenfutter. Ich habe für alle meine Sandsteinparabel ausgedruckt.
Kurskollegin S. rechts von mir blödelt mit Kurskollege R. links von mir, derweil ich diese Zeilen hacke. Dass sie nicht wirklich Arbeit suche, sondern eine Stelle, sagt sie. Leider sei aber ihre letzte doch in Arbeit ausgeartet. Mist!
Endzeitstimmung.
Ach, wärs doch schon Abend!, denke ich. Na ja, eigentlich ist es ja okay.
Nun geht’s gleich los. Zwei Minuten nach neun Uhr.
***
Zehn Stunden später. Intensiver letzter Tag. Rückblick. Spannend war es. Besonders diese halbe Stunde Assessment-Training. Assessment? Kannte ich nicht. Mögliche Übersetzung: Stresstest: Wie reagieren wir, wenn wir innerhalb vorgegebener Strukturen und einer definierten Frist eine klar definierte schwierige Aufgabe lösen sollen?
Zuerst separierte der Kursleiteruns uns fünf anwesende Frauen in einen zweiten Kursraum und instruierte danach, in unserer Abwesenheit, die sieben Männer über die durch uns zu lösende Aufgabe. Um uns die Wartezeit zu verkürzen, erzählte ich meinen Kurskolleginnen vom Milgram-Experiment. Über die Rolle der sogenannten ExaminatorInnen. Ich orakelte sogleich, dass in Wirklichkeit vielleicht gar nicht wir getestet würden, sondern die Männer. Und dass wir uns bloß nichts gefallen lassen dürfen …
Unser Assessment bestand nun darin, dass wir Frauen je fünf gleichgroße dem Tangram ähnliche, quadratische Puzzles zusammensetzen sollten. Jede eins. Die einzelnen Teile steckten durcheinandergebracht in fünf Umschlägen. Umschläge, die wir erst auf Kommando ziehen dürfen. Die wir exakt mit Beschriftung nach oben vor uns hinlegen müssen. Die wir erst auf Kommando öffnen dürfen. Und natürlich dürfen wir überhaupt nicht miteinander kommunizieren, weder mit noch ohne Worte. Eine Stimmung wie beim Pokern macht sich breit. Die Gesichter der uns beobachtenden Männer hochkonzentriert. Die Luft zum Schneiden und wir fünf Frauen kichern unisono vor uns hin. Wir nehmen es locker, doch mich nervt der ungewohnt autoritäre Klang in Kursleiter E.s Stimme. Sie provoziert mich. Trotzig gucke ich in den Umschlag, den ich nicht vorschriftsmäßig vor mich hin gelegt habe. Betrachte die Teile. Ignoriere souverän Kursleiter E.s Tadel.
Doch danach halte ich mich weitestgehend zurück. Unterlasse weitere Trotzaktionen. Schließlich haben wir ja eine gemeinsame Aufgabe zu lösen. Ein bisschen zivilen Ungehorsam erlaube ich mir dennoch und schiebe Kollegin C. eins meiner überflüßigen Teile zu, das zu ihrem Puzzle passen könnte. Denn darum geht es. Alle zusammen haben wir alle nötigen Teile. Zuerst sehen wir das nicht. Glauben, es habe zu wenige. Oder zu viele. Fühlen uns gar ausgetrickst. Erst allmählich schieben alle ihre überflüssigen Teile in die Mitte. Wildes Tauschen geht los. Gemeinsames, wortloses Puzzlen. Zugegeben, bis wir das begriffen haben, vergeht eine Weile. Ich bin nicht die erste. C. und S. verständigen sich mit Blicken, Kopf- und Handbewegungen, um den Prozess voranzutreiben. Nach über zwanzig Minuten haben wir es schließlich geschafft. Nein, hier ging es weniger um Gehorsam und Geometrie, auch nicht um mathematische Intelligenz, als um kreatives, lösungsorientiertes Verhalten in einer Gruppe unter Stress. Unsere Ungehorsamkeiten werden sogar eher positiv aufgenommen.
Bei mir zu beobachten, wie ich meinen inneren Schalter irgendwann auf Analyse-Modus kippte, war witzig. Mein Quadrat lag bereits fertig vor mir. Den anderen beim Finden der richtigen Teile zuzuschauen und nicht wirklich eingreifen zu können, war ganz schön anstrengend. Ich versuchte, die richtigen Teile in Gedanken zueinander zu bringen. Meine Form von Unterstützung. So hat jede auf ihre Weise einen Beitrag zum Gelingen geleistet. Und wir gemeinsam einen ersten Schritt zur Rettung der Welt und zur Umverteilung der Ressourcen. Klein, aber nicht ohne …
Darauf trinken wir nach dem offiziellen Abschied in der Bar um die Ecke ein Bier. Spannende Gespräche weben sich über die Stehtische. Schließlich ein herzliches Tschüss in die Runde. Wir hören voneinander, wir schreiben uns, du liest von mir …
Und jetzt bin ich einfach nur froh, dass das Ganze vorbei ist. Und endlich Wochenende. Mein Kissen ruft.

Buntgewebe

Wecker sind eine unglaublich unhumane Erfindung. Nicht artgerecht! Eigentlich sollten wir so lange schlafen können, wie unser Körper es uns abverlangt. Eigentlich sollten wir ein unseren Talenten, Neigungen und Anlagen entsprechendes Leben führen können. Eigentlich sollten wir so leben können, wie es uns entspricht. Überall. Alle. Pflanzen und Tiere auch. Denke ich am Morgen und möchte am liebsten weiterschlafen.
Das Leben ist nun mal nicht ideal, denke ich auch und stehe auf. Pervers früh. Der zweitletzte Kurstag. Das Leben ist nicht ideal – der Kehrreim meines Lebens, seit mir Freundin M. vor vielen Jahren diesen Satz ein erstes Mal zu bedenken gegeben hat. Kurskollege G., in einem fiktiven Bewerbungsgespräch nach seinem Motto gefragt, meinte heute Nachmittag:
Ich nehme das Leben jederzeit so, wie es ist, und versuche, immer das Beste daraus zu machen.
Könnte von mir sein. Nein, ideal ist es nicht, das Leben. Nicht meins, nicht das der anderen. Kurskollegin M. hat mir heute im Zeitraffer die äußerst dramatischen Ereignisse geschildert, die ihr Leben in den letzten Jahren ziemlich aus der Bahn geworfen haben. Stehauffrauchen ist sie. Wie ich. Immer wieder sind wir aufgestanden. Wie Kinder, die laufen lernen. Nicht aufgeben.
Im Kurs ist mir, so mit all seinen fiktive Bewerbungsgespräche und -sequenzene, oft so, als wäre ich im falschen Film. Und nein, ich bin leider eine miserable Schauspielerin. Bei Rollenspielen bin ich voll schlecht. Jedenfalls nicht, wenn ich die Befragte bin und mich verkaufen soll. Als Befragerin und Feedbackerin dagegen fühle ich mich sehr wohl. Ich sehe bei den anderen (und auch bei mir) sehr gut, was geht und was nicht. Ähnlich, wie ich auch gut Texte korrigieren und lektorieren kann. Nein, es geht mir dabei überhaupt nicht darum, Finger auf Fehler und wunde Punkte zu legen, eher ist es so, dass mir solche Sachen einfach auffallen. Keine einfache Gabe.
In der Mittagspause setze ich mich vom Rest der Gruppe ab, suche mir einen Platz draußen an der Sonne und tanke Licht und Ruhe. Heute saß ich an der Limmat, hackte einige Kommentare über die externe Bluetooth-Tastatur ins iPhone und genoss den Gedankenraum, der sich in mir aufgetan hatte. Für eine Stunde diese Schiene des So-tun-als-ob des Kurses zu verlassen! Ah, herrlich!
Auf einmal steht ein Mädchen neben mir. Sechs oder sieben Jahre alt. Migrationshintergrund. Fernöstliche Wurzeln. Aufgemaltes drittes Auge. In schönstem Aargauerdeutsch fragt es mich, was ich da mache. Und was das sei. Dabei deutete sie auf meine Pausenbrotdose, in der noch ein verpackter Müesliriegel lag.
Aus meinen konzentrierten Schreib-Gedanken gerissen, murmelte ich etwas von Müesliriegel und dass der mir heute Nachmittag das Leben retten werde.
Darf ich ihn haben? Hätte sie nicht so schamlos gefragt, hätte ich ihn ihr bestimmt gegeben, doch ich war so verdutzt, dass ich ablehnte. Nein, weniger aus Geiz und Angst vor einem Blutzuckersturz entsprang meine Reaktion, wohl eher aus einer Art Nacherziehungsbedürfnis. Das Mädchen schien es gewohnt zu sein, um etwas zu bitten. Wohl auch, das Erbetene zu bekommen. Ob sie das regelmäßig auch bei Unbekannten tut, weiß ich nicht. Ungefährlich ist das ja generell nicht. Meine latente Unfreundlichkeit sollte signalisieren:
Pass auf Mädel, nicht alle sind nett!
Hm. Mist. Wie gerne würde ich ihr sagen: Alle sind nett und alle meinen es gut mir dir. Ist aber nicht so. Leider. Nicht ideal – das Leben. Wie gesagt.
Sie deutet auf meine externe Tastatur.
Was ist das da? Nun bin ich freundlicher. Ich kann einfach nicht (lange) böse sein. Damit könne ich über eine unsichtbare Verbindung ins iPhone schreiben, erkläre ich ihr. Dass man auf dem iPhone schreiben kann, weiß sie, denn das erklärt sie mir. Dass das nämlich auch so gehe.
Ja, aber damit noch viel besesr, sage ich. Und schon ist sie wieder weg, rennt mit anderen Kindern, die aus dem Nichts aufgetaucht sind, um die Ecke.
Lernen. Vieles lernen. Immer noch mehr lernen. Niemals aufhören. Und doch habe ich nur zwei Diplome und ein Ausbildungszeugnis. Alles andere, was ich gelernt habe, zählt nicht. Keine Papiere von irgendwelchen tollen Weiterbildungen habe ich, Autodidaktin, die ich bin. Mein Kursleiter kann es beim Abschlussgespräch erneut nicht glauben. War schon beim Erstgespräch so. Muss er aber. Ist halt so. Womit hätte ich auch teure Weiterbildungen zahlen können, wo ich doch immer nur Teilzeit gearbeitet und daneben gekunstet habe?
Später. Yogagruppe. Vorübungen für den Sonnengruß, den die meisten noch nicht kennen. Ein paar Neue sind in die Gruppe gestoßen. Die Stunde ist nicht besonders anstrengend für mich. Weniger als andere zuvor. Wie Yogalehrerin T. den Schritt vom Hund in die nachfolgende Stellung zeigt und alle außer mir ächzen, weil sie das noch nie gemacht haben, fällt mir ein, wie ich damals, vor zehn oder noch mehr Jahren, ebenfalls geächzt hatte.

Dieser Schritt ins Leere, zwischen die am Boden aufgestützten Hände, ist nicht einfach. Ich habe vergessen, wie schwer das war.
Wir vergessen oft, dass das, was wir können, uns einst nicht bekannt war. Dass wir es einst nicht gekonnt haben. Dass das längst nicht alle können. Kunst kommt von Können. Gute alte Binsenwahrheit.
Oh weh, schon wieder so ein Text aus einzelnen Puzzleteilen. Ein Flickenteppich. Ein Buntgewebe. Output vieler Inputs. Buchstäbliches Stoffwechselprodukt. Wörtliches Furzen. Kopfausschüttung. Bloggründüngung. Herzgespinst.
Am besten ist wohl, ich schleich mich einfach – dankend fürs Lesen – auf leisen Sohlen davon, wie es Emil immer so schön schreibt.

Post aus der fünften Dimension

Hätte sich jemand vor, sagen wir mal, siebzig Jahren vorstellen können, dass wir heute Daten in irgendwelchen virtuellen Clouds im Cyberspace speichern können? Dass wir Bilder aus dem unsichtbaren Nichts abrufen und auf dem Bildschirm eines Plastikdings, das wie ein Fenster aussieht das wir souverän mit Tasten und einem weiteren handtellergroßen Plastikteilchen namens Maus bedienen –, betrachten können?
Möglicherweise gab es Visionärinnen und Visionäre, für die solche Gedanken vorstellbar gewesen sind, doch die meisten hätten den Kopf geschüttelt und dir den Vogel gezeigt, wenn du – zu Besuch aus der Zukunft – mit solcherlei Schwachsinn aufgetaucht wärst. Flächenland lässt grüßen.
Sage ich dir heute, dass ich mir die Welt (alles, was ist), ähnlich vernetzt wie Internet vorstelle, schüttelst du womöglich den Kopf und redest von Evolution, Darwin und Zufall. Oder du redest von Gott und Bibel und heiligem Geist. Oder du redest von Allah. Oder von Quantenphysik. Ach, sag mir, Gretchen …
Dass ich mir die Welt, sichtbares ebenso wie unsichtbares, vorstelle wie eine Art geisiges, ideelles Internet, hängt damit zusammen, dass ich Erfahrungen und Erlebnisse gemacht habe, die auf solche Zusammenhänge hinweisen. Wissen, das nicht gewusst werden kann, war auf einmal da. Informationen, die nicht gewusst werden konnten, wurden auf einmal gewusst.
Eine Information von einer Wissensquelle (Wikipedia zum Beispiel) auf einen Datenträger (den Rechner zum Beispiel) holen, ist heute Alltag. Irgendwo hat jemand eine Quelle mit Wissen gespeist, das eigentlich schon immer da war. Aber dieser Jemand fasst es in Worte und lädt es für alle zugänglich ins Internet hoch. So einfach funktioniert Wissenstransfer in der Jetzt-Zeit. Datentransfer. Einsen und Nullen.
Das gesamte Wissen über alle Dinge, über die großen und die kleinen, ist da. Unfassbar. Doch nur deshalb unsichtbar, weil uns die Sinne fehlen, es zu sehen. Alles ist in uns, oder sagen wir es so: wir sind – via geistiges WLAN an alles Wissen angeschlossen, das irgendwo-nirgendwo-überall in einem unermesslichen Datenspeicher, der ohne Glasfaserkabel auskommt, lagert. Innen und außen. Wie außen so innen. Auch das Wissen über mein und dein Leben – irgendwo ist es. In mir. In dir. Und überall. Glücklicherweise nicht für alle zugänglich und abrufbar. Zumal nicht alle Menschen in der Lage sind, Daten abzurufen. Zum einen, weil sie das Talent dazu nicht haben, und zum zweiten, weil sie die Passwörter nicht kennen. Ja, die gibt es, die Passwörter und Codes. Und ich, ich habe es in der Hand, wem ich meine Passwörter verrate.
Für einen Schreibauftrag habe ich die spannende Aufgabe bekommen, Menschen mit solcherlei Talent zu testen. Skeptisch habe ich mich an die Arbeit gemacht. Zwei medialen Künstlerinnen habe ich einige wenige Codes verraten, damit sie meine unsichtbaren Ordner öffnen können. Die eine hat mir bereits geantwortet, gestern, und die Antwort der zweiten erhalte ich am Freitag.
Gestern morgen ein persönliches Gespräch mit einer älteren, weisen Frau. Wir schneiden dies und das an und auf einmal plingt es bei mir. Der Groschen fällt. Ich verstehe einen meiner vielen Fingerhüte (siehe Artikel Monokultur und.).
Am Nachmittag gehe ich mit Freundin L. spazieren. Wieder zuhause, bei Vermicelles und Tee, erzähle ich ihr von meinem Wunsch, eines Tages Australien oder Neuseeland zu bereisen. Eine unbenennbare Sehnsucht, ein Fernweh, wie ich es auch bei Skandinavien hatte, bevor ich zum ersten Mal in den Norden gereist bin. Vor allem das fehlende Geld hielt mich bisher von einer Reise nach Downunder ab. Und wohl auch mein ökologisches Gewissen. Doch der Traum ist alt. Zwanzig Jahre mindestens.
Als L. abfährt, öffne ich erwartungsvoll das Paket, das mir die erste Künstlerin per Post geschickt hat. Finde Bild und Text. Post aus der nächsten Dimension, auf gut Flächenländisch gesagt.
Alles zu zitieren würde viel zu weit führen und natürlich weiß ich, dass solche Texte mit Vorsicht zu genießen sind. Auch sind Interpretationen nie vor Übersetzungsfehlern gefeit. Skepsis gut und schön. Misstrauen auch. Aber … großes Aber. Da heißt es nämlich: „Als Land ist Australien und Neuseeland gut für dich, […] tanke diese Energie auf.“
Ich bin verblüfft. Bei nicht wenigen weiteren Textpassagen muss ich leer schlucken, da einige Sätze erstaunliche Ähnlichkeit mit meinen Tagebuchnotizen und Gedanken haben. Und da steht auch etwas ganz ähnliches, wie das, was ich gestern Morgen auf einmal und mit großem Pling verstanden habe. Obwohl ich selbst mediale Fähigkeiten und diesbezügliche Erfahrungen gemacht habe, bin ich berührt. Betroffen. Erstaunt. Obwohl ich weiß, dass und wie es funktioniert. Alles ist vernetzt.
Nun bin ich gespannt auf Freitag. Auf das zweite Bild und den zweiten Text. Irgendwie hoffe ich auf eine unübersehbare gemeinsame Schnittmenge. Und darauf, dass ich verstehe. Dass ich endlich verstehe, was mir das Leben sagen will. Nichts anderes als Übersetzerinnen sind sie, die beiden Frauen, die für mich die Codes in den unsichtbaren, morphogenetischen Rechner eingegeben und meine Ordner geöffnet haben. Ordner, deren Inhalt sich immer wieder ändert. Überschrieben wird von Updates. Was bin ich neugierig!
Doch vorher heißt es, meine beiden letzten Kurstage zu ertragen, morgen und übermorgen, und von dort bestmögliche Erfahrungen mitzunehmen. Und vielleicht sogar ein paar weitere Erkenntnisse über das Leben.

Monokultur und.

Wie gerne würde ich unsere Gespräche manchmal aufzeichnen, sie konservieren für die Ewigkeit. Na gut, für den Rest meines Lebens würde mir schon reichen. Ich will ja nicht so unbescheiden sein. Meine Gespräch mit Irgendlink sind oft das Saatgut zu allerlei Projekten.
Am Anfang ist die Idee. Nein, noch vorher, bei Minus eins, steht immer ein Auslöser – innen oder außen – irgendein Umstand, der reibt, oft sogar ein Ärgernis, ein Missstand. Etwas, das sich verbessern ließe. Das Etwas führt zur Idee. Die Idee zum Gedanken, dieser zum Gespräch und das wiederum zur Geschichte, zum Blogartikel, zum Bild, zum Projekt. Das Gespräch ist die Pfanne auf dem Herd. Ideen schwimmen fettaugengleich an der Oberfläche. Die farbenfrohen Zutaten werden weichgekocht und in nahrhaftes Seelen-, Herz- und Augenfutter transformiert.
Eins der vielen Etwasse, die immer mal wieder zu reden geben, heißt Angst. Heute die Angst vor der Enttrohnung (des ersten Kindes) und die Angst vor dem Zukurzkommen (des jüngsten Kindes). Wir reden über das Vertrauen zum Leben – vorhandenes, fehlendes. Über die Macht und Nachhaltigkeit, die Ängste über uns haben können. Ängste vor Verlusten, vor dem Tod, vor der Endlichkeit des Lebens.
Gegenwärtigkeit!, sagt Irgendlink, während er sich ein Brot schmiert. Nur mit Gegenwärtigkeit halte ich es aus. Denke ich vorwärts, denke ich über die Zukunft nach, stoße ich an und hänge fest. Doch bin ich gegenwärtig, geht es mir gut.
Die Endlichkeit ist nur der Bilderrahmen, sage ich, doch das Bild ist entscheidend. Es ist die Gegenwart. Jetzt! Wenn du dir nur den Bilderrahmen anguckst, nur diese Grenze, diese Einschränkung, die sich nicht verändern lässt, dann ist das Leben der pure Krampf. Schaust du aber auf das Bild, auf die vielen Farben, immer wieder andere, vergisst du den Rahmen. Du vergisst, dass es nur drei Grundfarben gibt. Du vergisst, dass du in den Augen der Gesellschaft arm bist. Und du vergisst sogar, dass die ManipulatorInnen der Gesellschaft auf stromlinienförmige Menschen hinarbeiten.
Schnitt.
Gestern Nachmittag. Wir sitzen auf Hockern im Kunstraum P. in Z. und trinken Tee und Kaffee. Irgendlink hat Hütedienst. Weil ich mir endlich die Ausstellung anschauen wollte, habe ich ihn begleitet. Eine ältere Dame und ein älterer Herr haben sich eingehend die Bilder der neun sehr unterschiedlichen ausgestellten Künstlerinnen und Künstler angeschaut und trinken nun mit uns Kaffee. Ich beteilige mich kaum am Gespräch, höre jedoch fasziniert dem Wortwechsel zwischen Künstler P. und der ganz offensichtlich naturwissenschaftlich gebildeten und in Ökologie kompetenten Frau B. zu. Sie reiht Argument an Argument, um P. davon zu überzeugen, wie schädlich das Verhalten der heutigen Menschheit für die Welt sei. P. hält mit Argumenten dagegen, dass es schon immer Schädlinge auf der Welt gab, redet von Gesunddezimierung und dass die Erde sich eines Tages wieder erholen werde. Das Thema ist zum einen äußerst brisant und zum anderen aber das ganze Gespräch so absurd, dass es beinahe eines Monty Phytons würdig ist. Als sich auch Künstler A. und Künstler W. ins Gespräch einklinken, wird es immer grotesker. Weniger wegen der Themen als ihrer Offensichtlichkeiten.
Die heutigen Kinder lernen in der Schule nichts mehr mit den Händen. Sie sitzen nur noch über ihren Büchern und Computern und lernen weder malen noch hämmern, können nicht mehr nähen, nicht mehr stricken und nicht mehr stopfen, sagt sie. Wozu auch? Täglich wird Neues in Massen auf den Markt geworfen. Ihre Mutter habe ihr seinerzeit noch beigebracht, mit dem Fingerhut zu nähen und Löcher zu stopfen. Das könne heute kaum mehr jemand, sagt Frau B.
Nein, das kann ich wirklich nicht, sage ich, aber immerhin ohne Fingerhut.
Schnitt.
Monokultur!, sage ich. Wir fahren nach Hause. Müde. Hungrig. Der Kopf brummt. Frau B. hat recht, wenn sie sagt, dass heute so vieles an Wissen verloren gegangen ist. Wir leben in einer Gesellschaft zunehmender Monokultur. Damals schon, wie der Fingerhut zeigt, nur anders. Der Fingerhut ist nur ein Bild, eins, das für vieles stehen kann. Frau B.s Mutter hat ihrer Tochter den Fingerhut so sehr aufgedrückt, dass Frau B. nachher nicht mehr anders konnte als nur noch mit ihm zu nähen. Und auch nichts anderes mehr wollte. Der Tunnelblick der Finger.
Der Fingerhut steht für aufgedrückte Denkmuster, sage ich zu Irgendlink. Der Fingerhut ist der Hut, den ich auf meinem Hirn trage. Fingerhüte und Monokulturen laugen uns aus. Das Land ebenso wie die Menschen. Wir aber brauchen Biodiversität. Vielfalt. Farben. Menschen, die gegenwärtig leben und Fährten für eine lebenswerte Zukunft legen.

Unter die Menschen

So habt ihr also beide Möbel unter die Menschen gebracht? Wir stehen draußen. Lauer Abend. Erstaunlich warm. Wir genießen den angeregten Austausch in der Runde. Ein klein bisschen ist es, als würden wir uns alle schon lange kennen.
Dieter Motzels Bilder, dem Titel Refugien unterstellt, die er in den Räumen der PTV präsentiert, konnten wir uns schon gleich zu Beginn, noch vor der offiziellen Eröffnung, angucken. In aller Ruhe. Gut, dass wir ein bisschen zu früh da gewesen waren. (So eine lange Strecke samt Innenstadt-Verkehr lässt sich ja schwer berechnen.) Tolle Bilder, die Herr Haushundhirsch da ausstellt.
Was meinst du, welches Bild spricht mich am meisten an?, fragt Irgendlink. Wir gehen ein zweites Mal durch die Reihe. Der Ort heißt sein Favorit. Zwerge im Maisfeld. Dass seine Interpretation sich nicht mit Dieters Intention deckt, erfahren wir später, doch das tut – so wage ich zu behaupten – nichts zur Sache, denn Dieters Bilder mit ihren surrealen und zum Teil auch grotesken Details laden geradezu ein, sich dazu schrägen Geschichten auszudenken. Warum also nicht Zwerge im Maisfeld? Auch die anderen Gemälde schreien danach, mit Worten hinterlegt zu werden. Besonders die Hexe beflügelt meine Phantasie. In den Gesichtern ihrer Gegenüber basses Erstaunen. Worüber?
Faszinierend ist es, virtuelle Menschen, wie Herrn und Frau Haushundhirsch, persönlich kennenzulernen.
Ich glaube, es sind die beiden da drüben, die beiden in Schwarz,
raunt mir der Liebste zu, derweil wir uns über die Butterbretzel hermachen und uns mit Getränken eindecken. Verstohlen blicken wir uns um. Erkundigen uns bei der Dame, die die Getränke eingießt.
Schon vor der Laudatio machen wir uns mit den beiden bekannt und lernen dabei auch gleich Bloggerin Philea kennen, die die Ausstellung in „ihrer“ Firma angeregt hat. Händchen schütteln da und dort. Bald stößt Bloggerin Lakritze zur Runde. Nach der Laudatio, wieder draußen und noch immer bei angenehmer Temperatur, gehen die angeregten Gespräche weiter.
Für Möbel habe ich Werbung gestaltet, sagt Dieter, für Büromöbel, nachdem Irgendlink aus seiner Tackervergangenheit erzählt hat. Wie er als Tacker mit dem Tacker Loungemöbel gebaut und dabei im Kopf viele Geschichten gewoben hat.
So habt ihr also beide Möbel UNTER die Leute gebracht, sage ich, mit der rechten Hand einen Bogen unter den Po andeutend. Doch nicht nur ähnliche berufliche Interessen sind es, die die am Schluss noch übrig gebliebene Menschen dieser Runde verbinden, sondern ganz besonders das Medium Blog. Noch zu sechst beschließen wir im nahen Hofbräuhaus, wie ich die Kneipe vis-à-vis für mich nenne, etwas zu trinken. Und zu essen. Und zu erzählen … Gemütlich, angeregt, lustig, philosophisch geht es zu.
Für mich waren auch jene Bloggerinnen und Blogger mit am Tisch, die wegen langer Anreisewege und/oder Krankheiten nicht mit dabei sein konnten. Wie groß diese Runde inzwischen wäre!
Auf dem Weg zum einsamen Gehöft, durch den Pfälzer Wald, klingen die Eindrücke nach. Irgendlink und ich sind uns einig: Das war ein richtig toller Abend!

Herbstlektüre

Nach dem wunderschönen Feuerritual an einem verwunschenen kleinen See im Wald, das wir am Sonntag bis in die Abenddämmerung hinein gefeiert hatten, saßen wir gemütlich am Tisch, genossen Essen, Gemeinschaft, Lachen und regen Austausch. Und wenn ich so mit lieben Freundinnen und Freunden am gleichen Tisch sitze, geht es nicht lange, bis das Thema Literatur auf den Tisch kommt.
Kennst du eigentlich Schlinks Sommerlügen?, fragt Freund M. (1).

Nein, leider kenn‘ ich von Schlink bis jetzt nur den Vorleser, bekenne ich. Hast du das Buch? Ich leih es mir gerne aus.
Und nachher kannst du es gleich an mich weiterschicken!,
sagt Freundin M. (1). Wenn es dir gefällt, leihe ich dir gerne Schlink Liebesfluchten aus.
Jaaa, sehr gerne! Sag mal, kennst du eigentlich Amélie Nothomb?

Kleine Buchbesprechungen machen die Runde, leuchtende Augen wärmen das Wohnzimmer. Lesen ist für uns immer wieder ein großes Abenteuer, eine Reise in andere Welten, das Betreten von Landschaften, die wir zwar zu kennen meinen, die uns aber trotz allem fremd sind.
Schlinks Schreibstil hat mir schon bei Der Vorleser sehr gut gefallen. Bei Sommerlügen nun fasziniert mich ganz besonders Schlinks wertfreie, akribische Beobachtungsgabe, und wie er diese in klare Worte übersetzt – dicht und weit zugleich. Bilder steigen auf und machen sich in mir selbständig.
Ich habe das Alleinsein verlernt, denkt der frischverliebte Richard auf der ersten Seite. Er mag diesen Gedanken. Schon die erste Geschichte des Buches, Nachsaison, hat mich gepackt: das Dilemma einer neuen Liebe, die nur lebbar ist, wenn Richard sein altes, sehr einfaches Musikerleben dem neuen in wohlhabenden Kreisen opfert. Auf die folgenden Geschichten bin ich nun total gespannt. Zeitlose Geschichten alle, die davon erzählen, wie oft und wie einfach und gerne wir alle uns selbst belügen.
Schnitt.
Im Wald entdecken wir heute den Korb eines Heißluftballons, an Seilen zwischen Bäume gehängt. Vermutlich Teil eines Waldkindergartens. Faszinierend diese Insel hier. Was als kleiner Rekonvaleszenz-Spaziergang gedacht war, wird – wie immer, wenn ich mit Irgendlink unterwegs bin – ein kleines Abenteuer. Wir stehen staunend da, auf einer kleinen Lichtung unter und zwischen den Bäumen, und ich wähne mich in einer anderen Welt, kaum fünfhundert Meter Luftlinie von Zuhause. Geschichten tauchen auf, Relationen verschieben sich und auf einmal scheint alles möglich. Fieberträume?
Meine Erkältung macht sich übrigens bereits auf den Rückzug. Womöglich verdanke ich das – außer dem Grog – auch den vielen lieben Wünschen meiner BlogleserInnen. Herzliches Dankeschön!

Sonntagmorgen

Guten Morgen, Liebste, gehts dir besser?
Mmh … (vage)
Dein Hals?
Mmh … (vage)
Tut er noch weh?
Mmh … (traurig bejahend)
Mehr?
Mmh … (erleichtert verneinend)
Weniger?
Mmh … (bedauernd verneinend)
Bereits gestern Nachmittag, auf unserer kleinen Radtour Richtung Limmat, fing ich zu schlottern an. Gänsehaut und Zähneklappern. Obwohl es nicht kalt war. Der Hals rau, die Füße kühl. Für ein paar Bilder hat es aber doch gereicht.
Collage aus Details vom Siggenthaler Jugendtreff-Haus
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Als Irgendlink mir zuhause anbot, alleine zu kochen, derweilen ich ein heißes Bad genießen solle, zögerte ich deshalb nicht lange. So ein Schatz!
Dank ein paar Grogs (das Geheimrezept meines Berner Scheffs gegen aufziehende Erkältungen), konnte ich – so hoffe ich – das Schlimmste abwenden. Nachts mit Lutschtabletten und Rachespray leidlich geschlafen … Das geht vorbei!, gedacht, in der Endlosschleife, und davon geträumt, ein UFO-Landeplatz zu sein, der Erkältungsbakterien (oder sind es Viren?) temporäres Asyl bietet.
What did you do @ work 2day? (zu Irgendlinks gleichnamigem UFO-Bild: hier klicken!)
Krank mag ich jetzt nicht sein. Nicht, wenn ich sozusagen „Ferien zuhause“ samt dem Liebsten an Bord habe.
Krank mag ich auch nicht sein, weil Freund M. und seine Liebste heute ihre Hochzeit mit einem Ritual im Freundeskreis zelebrieren. Das wollen wir uns doch nicht entgehen lassen.