ich müsste platzen

Machen uns Illusionen möglicherweise zu besseren Menschen? Weil sie uns das Leben von seinen schönsten Seiten zeigen? Weil sie unseren Glauben an das Schöne-Gute-Heilsame aufrecht erhalten? Weil sie uns glücklich machen? Es sind ja auch die guten Menschen in unserem Leben, die uns zu besseren Menschen machen (können). Gut ist ansteckend. Schlecht allerdings auch. Was ist es, was uns wie entscheiden lässt und ist dieses Es außen oder innen? Huhn oder Ei?
Schreibend verbinde ich meinen ganz persönlichen Hühnerstall mit dem Ei in der Pfanne. Schreiben ist für mich ein notwendiger Stoffwechselprozess. Nicht das Geschriebene an sich zählt primär, sondern der Prozess. Er ist unabdingbar und überlebensnotwendig. Wie das Scheißen.

Wir gehören einer Sippe an, die mit Wörtern um sich wirft. Wir produzieren mehr Kultur, als wir verdauen können.

Jostein Gaarder in: Der Geschichtenverkäufer
Natürlich stellt mich Gaarder mit diesem Buch ganz schön in Frage. An einer Schlüsselstelle des Buches lässt sich Gaarders Protagonist Petter genau über meine Spezies Mensch aus: Über (uns Möchtegern-)Autorinnen und Autoren. Nicht eben rühmliches lese ich. Da ist von Eitelkeit die Rede, von Einfallslosigkeit und von solchen Schreiberlingen, die zwar ihr Handwerk, das Schreiben, beherrschen, aber nichts zu sagen haben. Die in der Mittelmäßigkeit und Alltäglichkeit vor sich hin dümpeln. Denen verkauft Petter seine Ideen. Jeder und jedem einzelnen vermittelt er das Gefühl, die oder der Einzige zu sein. Auserwählt. Und natürlich wird eine Autorin nach einem Bucherfolg niemals verraten, dass sie die maßgeschneiderte Idee (den Plot, das Sujet) auswärts eingekauft hat. Petter ist sicher mit seinem Geschäft. Jedenfalls bis ihn jemand ablehnt und auch nur so lange niemand seinen Schriftstellerkumpels erzählt: Da hat mir doch neulich einer versucht, eine Synopsis zu verkaufen.
Die Frage steht ebenfalls im Raum (und im Buch), ob eine Erzählung wirklich ohne Einflüsse von außen werden kann. Nur aus dem Innern eines Menschen geboren. Petter, der Ich-Erzähler dieser immer abstruser werdenden Geschichte, stellt sich quasi als unermesslichen Brunnen dar, der aus den tiefsten Tiefen der unermesslichen Ideenquelle stetig schöpft und ständig neue Geschichten zu erzählen in der Lage ist. Ich denke immer wieder über diesen Ansatz nach, seit Tagen schon. Seit ich das Buch lese. Wir haben sogar schon darüber diskutiert, in Blogs irgendwo, dass alles, was wir von uns geben, irgendwelchen Einflüssen geschuldet ist. Einer Inspiration.
Scheiden wir aus, was wir mehr oder weniger autonom verdaut haben oder plappern wir zuvor Aufgenommenes einfach nur nach? Wie sähe wirkliche Originalität ohne jegliche Außeneinflüsse aus?
Ein kreativer Ansatz, originelles Denken, ungewöhnlich witzige oder ernsthafte Herangehensweisen an Themen, scharfsinniges Infragestellen sind mögliche Verdauungsvorgänge, die dafür sorgen, dass das erzeugte Stoffwechselprodukt unverwechselbar mit mir (mit dir, mit ihr) in Zusammenhang gebracht wird. Bildsprache nennt sich das in der bildenden Kunst. Beim Schreiben ist es nicht anders.
Petter durchschaut den Buchmarkt, erkennt die Zeichen der Zeit, hängt die Fahne nach dem Wind (und ich reihe hier Klischee an Klischee). Petter weiß darum, was gefragt ist. Und das liefert er (also auch er den jeweiligen Einflüssen gehorchend?). Er ist käuflich und er lebt gut von seinen Ideen. Er verzichtet auf den Ruhm, weil er lieber Ideen als ganze Romane gebärt und dafür erst noch Geld bekommt. Viel weniger anstrengend als ganze Romane schreibenund danach im Rampenlicht stehen zu müssen. Lieber sieht er „seinen“ Schriftstellerinnen und Autoren zu, wie sie mit seinen Geschichten Bestseller schreiben.
Er zeugt Kinder, sozusagen, doch er sieht ihnen nicht, oder nur aus der Ferne, beim aufwachsen zu. Das tut er, im Laufe der Geschichte sogar in seinem wirklichen Leben. Eine einzige Frau, Maria, die ihm das Wasser reichen kann (nein, bescheiden ist Petter nicht), lässt sich von ihm – von ihr gewünscht doch in gegenseitiger Absprache – schwängern und verschwindet anschließend nach Schweden. Seine Tochter sieht er nur wenige Male, mit dreijährig das letzte Mal. Eine Metapher und eine Realität, die zu Petters Leben passen. Sein Hühnerstall.
Nein, ich schreibe in erster Linie nicht, weil ich etwas zu erzählen habe (also mit dem Publikum vor Augen, das gebannt an meinen Lippen hängt, nicht missionarisch getrieben also), sondern ganz einfach, weil ich schreibend verdaue. Ich werfe, mit Gaarder gesagt, mit Wörtern um mich, weil ich sonst ersticken würde. Weil ich platzen müsste. Erst zweitens, weil es mir Freude macht, meinen Gedanken eine schriftliche Form zu geben und drittens, weil zuweilen dabei etwas entsteht, das geteilt werden will. Eitelkeit? Nenn es wie du willst, Petter, ich nenne es überlebensnotwendig.

Zufallsgeneratoren und so Sachen

Sag eine Zahl zwischen 1 und 360, sagt der Liebste beim Spätstück. Ich kaue an meinem Käsebrot. Denke: Kreis?
137, sage ich schließlich, du denkst an Himmelsrichtungen, stimmt’s? Er grinst.
Während du die Himmelsrichtung bestimmt hast, habe ich mir eine Zahl zwischen 1 und 50 ausgedacht, sagt er. Die Distanz in Luftlinie. 23.
Nachdem wir den Tisch abgeräumt haben, forschen wir nach unserem heutigen Tagesziel. 23 km von hier entfernt, in Richtung Südost, genau gesagt 137 Grad von hier aus. Mit meiner GPS-App namens GPS-Kit, die fast so gut ist wie ein richtiges GPS-Gerät, peile ich den Ort. Ein bisschen ungefährer als Irgendlink mit seinem Magellan Explorist, einem zwar alten, aber „richtigen“ GPS – aber immerhin auf 200m genau. Wir definieren den exakten Punkt im Koordinatennetz und suchen im Internet nach Geocaches* in der unmittelbaren Nähe unseres Ziels. Ein ganzes Nest hat es! Eins davon ist eine Bibliothek, eine Büchertausch-Box aus Tupperware, versteckt mitten im Wald. Was für eine geniale Idee! Wie wir wenig später die Dose finden und ich ein spannendes Buch (im Tausch gegen eins von Jürgens Jugendbüchern, „Störtebecker“) herausziehe, denke ich: Das muss so! Genau hier muss ich genau jetzt sein! Obwohl wir durch Zufall hier sind. Weil ich 137 gesagt habe und Irgendlink 23. Und obwohl ich ohne dieses Spiel nie hier gelandet wäre. Ein Märchenwald par excellence. Moos wie im Zauberwald. Pilze, wohin ich blicke.
Um unserer verrückten Idee endgültig Genüge zu tun, gehen wir los und suchen den ermittelten exakten Punkt. Hier finden wir eine Föhre. Stolz steht sie da und lotst uns weiter in den Wald. Zufall?

Zufall, dass wir mit unsern ausgedachten Zahlen mitten im Wald landen und nicht irgendwo in einem Dorf. Oder in einer Stadt. Ob der wunderbare Sonnenuntergang, den wir beim nächsten Cache, den wir auf dem Rückweg finden, auch bloß Zufall ist? Dass wir genau dann, genau dort sind und diese Weitsicht genießen können? Die Idee, sich an“zufällig“ ermittelte Plätze zu begeben, wollen wir auf jeden Fall weiterverfolgen. Zufall, dein Name sei Serendipität … 🙂

Nicht zufällig, sondern ganz bewusst geht’s auf Sofasophia appt die Welt fast täglich weiter mit neuen Bildern aus den Archiven. Eine Geschichte des Appspressionismus sozusagen.
Ebenfalls nicht zufällig, sondern ganz bewusst haben wir für pixartix_dAS bilderblog vor ein paar Wochen eine neue Idee umgesetzt. Unsere Online-Blog-Galerie macht nicht nur uns immer mehr Spaß, sondern auch unseren illustren Gästen. Bereits haben Frau Blau, Uwe, Lakritze und Tabea ausgestellt. Die nächsten Wochen zeigen wir Werke von Samtmut, Cambra Skadé, Dina Toffeefee und Haushundhirsch. Weitere Künstlerinnen und Künstler werden folgen.
Beim Herumbildern für ihre pixartix-Ausstellung hat Frau Samtmut einiges auflaufen lassen. Doch sogar aus Überflüssigemfluss lässt sich Tolles bauen. Dieses Bild hier zum Beispiel, das sie mir geschenkt hat … es soll euch Lust machen auf einen Besuch auf pixartix. Wir freuen uns schon sehr auf mehr.

Pic by Samtmut

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* für NeuleserInnen: Wir sind gerne in der Natur unterwegs, am liebsten auf der Suche nach Erdverstecken/Geocaches. Das ist eine Art moderne Schnitzeljagd mit Unterstützung durch Internet und Koordinaten/GPS. Siehe auch: geocaching.com.

Wäscheleine einmal anders

Wo soll ich bloß anfangen? Am Anfang, sagst du? Am Anfang war das Rad. Am Anfang war die Reise. Am Anfang war „Ums Meer 2012“, denn ohne diese Reise wäre der gestrige Abend so nicht möglich gewesen.
Darum für alle meine neuen Leserinnen und Leser hier gleich ein paar Sätze zum Anfang … Alle andern bitte einfach weiterscrollen bis #.
Liebe neue Lesende. (Meine Statistikzahlen machen mich glauben, es sei so, dass es euch gibt …).
„Ums Meer 2012“ heißt das multimediale Kunstprojekt, das mein Liebster, Irgendlink, dieses Jahr während vier Monaten realisiert hat. Eine Radreise von 7663 Kilometern. Doch dabei hat Irgendlink nicht nur viele Kilometer zurückgelegt, sondern auch seinen eigenen Strom erzeugt, um sein iPhone zu füttern. Dieses Teil war bei diesem Projekt die Schnittstelle für seine Kunst, die er unterwegs geschaffen und direkt ins Internet geladen hat. Meist jedoch kamen die Texte und die Bilder zuerst zu mir, die ich das Projekt redaktionell betreut habe. Ich habe die Wörterdecke gepackt, sie ausgeschüttelt wie Frau Holle und die herauspurzelnden Tippfehler kompostiert. Den Rest habe ich ins Blog Irgendlink gestellt, wo die Reise in Text und Bild noch immer nachzulesen ist. (hier klicken).
# Alle wieder da? Dass eine Ausstellung mit ganz viel Arbeit verbunden ist, weiß ist längst, habe ich doch sowohl selbst schon ausgestellt als auch Irgendlink bei Ausstellungen assistiert. Von daher weiß ich, was die PrismatInnen dieser Tage geleistet haben! Die Zweibrücker Kunstgruppe Prisma, die sich diesen Frühling formiert hat, zeigt seit August 2012 in einem zweistöckigen Lokal Kunst verschiedenster Genres. Gestern eröffnete die Gruppe bereits ihre zweite Ausstellung dieses Jahres. Die Idee ist, dass jede neue Ausstellung der neun Künstlerinnen und Künstler mit einem Event gefeiert wird … Mit großem Enthusiasmus und viel Energie legten sich alle ins Zeug, um ein gemeinsames Kunstwerk in den Räumen zu erschaffen. Es hat sich gelohnt!
Klang- & Bildreise war das Thema der gestrigen Ausstellungseröffnung. Irgendlinks Diaschau-Film „Ums Meer 2012“, den es in „klein“ auch auf Youtube gibt, kam gestern richtig groß heraus.* Die Galerie war so voll, dass sich die Leute buchstäblich auf die Füße traten und der viertelstündige Film – je in sepia und in „farbig“ – immer wieder gezeigt werden durfte. Michael Wack, ein begnadeter Klangkünstler schaffte das Wunder, die Diaschau, musikalisch so gekonnt in Szene zu setzen, dass Rhythmus und Aussage der Bilder noch verstärkt wurden. So oft ich die Schau auch in klein auf dem Laptop geguckt hatte, konnte ich mich doch gestern an ihr kaum sattsehen. Immer wieder entdecke ich neue Details in der Fülle der Bilder. In groß, auf die Wand gebeamt, war die Wirkung einfach umwerfend. Das Echo des Publikums war gewaltig. Die einen mochten lieber die auf alt getrimmte Sepia-Version, die anderen das Bunt der zweiten Schau. Es kam zu tollen Begegnungen und Gesprächen jenseits von Smalltalk.
Besonders beeindruckt waren viele KunstliebhaberInnen auch von der Hängung der neuen Bilder. Nicht nur über das Konzept der ganzen Ausstellung hörte ich rühmliches, auch Irgendlinks neue Bilderserie kam super an. Wo normalerweise Bilder in tollen Rahmen die Wände zieren, hat Irgendlink diesmal, der Not des leeren Geldbeutels gehorchend, die bekanntlich erfinderisch macht, eine unsichtbare Schnur hin- und hergespannt, an welche er achtzig auf 10×15-Papier gedruckte 9×9-Bilder von der Reise gehängt hat. Das gute alte Wäscheleine-Prinzip, edel und ästhetisch umgesetzt. Was sich kaum beschreiben lässt, sieht wirklich saugut aus.
Innovative Hängung!, befand ein befreundeter Galerist, dem es ganz besonders die handschriftlichen Texte auf den Bildern angetan haben. Irgendlink hatte auf den freien Platz unter jedem Bild feinsäuberlich Informationen über den jeweiligen Standort der Aufnahme (Ort, Land, Koordinaten) notiert.**
Sie sehen ein bisschen wie Polaroids aus!, meine eine ältere Kunstliebhaberin. Hat was.
Je später der Abend desto kleiner die Schar und desto angeregter die Stimmung. Gemeinsames Gläserspülen. Aufräumen. Lachen. Da ein bisschen Rumblödeln, dort ein wenig Philosophieren. Spaß hat’s gemacht.
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* die DVD mit den beiden Filmen (10 Euro plus Versand) sowie das Poster (35 € plus Versand) bitte bestellen bei homebase@europenner.de.
** Auch die Bilder sind käuflich. Mit handgeschnittenem Passepartout (aber ungerahmt) erhältlich für 15 € (plus Versand). Jedes Bild aus dem Irgendlink-Blog „Ums Meer 2012“ (hier klicken) kann so aufbereitet werden!

Zu beschäftigt?

Nein, schnell hier raus. Ich muss ja nicht. Ich bin nur zum Anschauen hier!, denke ich, nachdem ich endlich den Eingang gefunden habe. Was für ein versifftes Industriegebiet und was für eine versiffte Bude! Eigentlich wollte ich die Frau am Schalter nur fragen, ob sie mir sagen kann, wo der Eingang von Blablub ist, dem Beschäftigungsprogramm, bei dem ich mich heute vorstellen soll. Von dem ich mir heute eine Vorstellung machen soll. (Ob es was wäre für die nächsten Monate.) Ich sei am richtigen Ort, sagt die junge Frau, und will mir auch gleich einen Kaffee anbieten. Als Nicht-Kaffeekompatible lehne ich dankend ab und setze mich in den Vorraum, wo bereits drei andere Frauen und ein Mann warten. Ich lasse mir von der Panik nichts anmerken und atme tief durch. Guck es dir doch einfach mal an!, ermutige ich mich.
Zwei Minuten später kommt ein smarter Fünfziger, schüttelt allen nett die Hand und heißt uns in den dritten Stock in den Kursraum. Dort stellen er und der Leiter des Radios uns potentiellen Praktikantinnen und Praktikanten das Projekt Blablub vor. Zum einen ein freies Kulturradio, werbefrei und semiprofessionell-professionell geführt, zum anderen Trainingsort und Beschäftigungsprogramm für radiointeressierte Stellensuchende. Themen der Sendungen: Ein Leben mit Autismus, Schwerhörigkeit und anderen Einschränkungen. Oder: wie sieht der Alltag eines Bestatters aus, eines Linienpiloten, einer Wasweißichwasverrücktes. Halt einfach Sendungen, die anders als Mainstreamgebabbel sind. Auch die Musik setzt alternative Akzente. Ziel ist a.) gutes Radio zu machen, b.) interessierten Menschen das Radiomachen beizubringen und c.) das Radio zu einem Sprachrohr zu machen für interkulturelle Belange. Zwischen sieben und neun Uhr abends ist nämlich immer internationale Kost angesagt. Sendungen von vielen Freiwillikgen kreiert. Danach Themensendungen.
Ein Zivi, der dort seinen Dienst leistet, führt uns durch das Gebäude. Spannend, trotz der Vorbehalte. Nur im Redaktionsraum klopft mein Herz. Es ist der größte und der hellste Raum. Drei sympathische Menschen arbeiten an Texten und an Tonaufnahmen. Weitere Praktikumsplätze gibt es in der Technik, in der Administration, in der Werbeabteilung, im Da und im Dort. Mein Herzseismograph hat aber nur in der Redaktion ausgeschlagen.
Im Kursraum stellen wir uns in der Runde kurz vor, werden von den beiden Leitern auf Tauglichkeit abgeklopft. Eine sagt schon von vornherein, dass sie sich hier ein Praktikum nicht vorstellen kann, eine zweite sieht sich am Empfang. Wir drei andern sind nicht abgeneigt, obwohl ich mich sehr unsicher fühle. Meine Schwäche sei, sage ich in der Vorstellrunde, dass ich eine Nachteule und eine Morgenmuffelin sei. Und dass Montagmorgen acht Uhr früh Sitzungsbeginn relativ unmenschlich sei. Jedenfalls für mich. Lachen in der Runde. Obwohl ich es ernst meine. Acht Uhr heißt, halb acht auf den Zug oder noch früher. Heißt auch morgendliche Rushhour. Ausgerechnet das, was ich am wenigsten vertrage. Warum machen die aber auch ihre Sitzungen nicht am Nachmittag? Montagmorgen um acht anfangen und dann gleich mit einer Sitzung? So früh am Morgen denken und reden? Hallo?!
Wir sollen uns morgen telefonisch melden. Sagen, ob wir es uns vorstellen können oder nicht. Falls ja, gibt es einen Schnuppertag. Und danach wird entschieden. Wäre bloß die frühe Arbeitszeit nicht … Mein Zögern ist vielschichtig.
Wir fünf Menschen, die wir uns für ein Praktikum beim Radio Blablub vorgestellt haben, wir fünf, wir sehen alle relativ normal aus, denke ich. In der Runde ist mir aber schnell klargeworden, warum wir aus dem Netz gefallen sind. Alle haben wir etwas, das nicht in die auf Stromlinie konditionierte Gesellschaft passt. Vielleicht zu wenig dies oder zu viel das.
Zurück in die Stadt, am Bahnhof vorbei. Ich gucke mir die Menschen genau an, die meinen Weg kreuzen, und denke: Wer ist normal? Der jedenfalls nicht. Die auch nicht. Und die eckt damit an und der damit. Noch nie habe ich so viele mit sich selbstsprechende Menschen gesehen wie heute in dieser knappen Dreiviertelstunde unterwegs in Aarau. Ich glaube, ich habe sogar mal wieder die alte Fromme gesehen. Jedenfalls hat sie mich an jene Frau erinnert, die früher, vor sehr langer Zeit, als ich hier noch zur Schule gegangen bin, herumlief und allen vom lieben Gott erzählte.
Ich bummle ein wenig durch die Altstadt. Wegen des Rüeblimarktes sind überall Blumentöpfe und mit Karotten behängte Tannen aufgestellt. Am Graben, der Marktgasse mit den Bsetzisteinen, stehen noch die leergeräumten Marktstände. Ich besuche den Bioladen um für das Königinnentreffen* morgen Abend etwas Feines zum Dessert zu kaufen. Unterwegs bleibe ich an einem Kartenständer stehen und lese ein paar Lebensweisheiten. Dass sich diese Kluge-Sprüche-Postkarten in den letzten Jahren inflationär vermehrt haben, kann nur eins bedeuten: Sie sind gefragt. Menschen mögen ermutigende Worte wie Nur du kannst deinen Träume leben. Es sind die gleichen Menschen, die sich frühmorgens um sieben in volle Züge quetschen. Die gleichen Menschen, die sich anpassen und verbiegen, damit sie ja nicht aus dem Netz mit seinen losen Maschen fallen. Die gleichen Menschen. Wir alle. Wir mit unsren Träumen. Wir mit unseren Wünschen.
Um halb fünf setze ich mich in den vollen Zug. Nein, zur Pendlerin tauge ich wirklich nur bedingt, erkenne ich, Bahnhöfe machen mich kribbelig. Ich wünsche mir eine Arbeit in B. oder in W.. Jedenfalls ganz in der Nähe von zuhause. Lange Arbeitswege stressen mich. Oder sind es die vielen Menschen? Der Lärmpegel? Soziophobin ich. Zu neunt sitzen wir in zwei Vierer- und einem Zweierabteil. Sechs Menschen davon fummeln an einem seltsamen Kunststoffteil herum. Wahlweise mit einem oder zwei Fingern traktieren sie drauftippend oder mit hin- und herfließenden Bewegungen dieses seltsame Ding (ich auch). Beim einen ertönt aus dem Kunststoffteil auf einmal Musik, worauf er mit dem Ding zu sprechen anfängt. Viel zu laut. Ich sitze rückwärts, wie meistens, und sehe der Sonne beim Untergehen zu.
Schön wie sie das macht, immer wieder neu.
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* Vier regionale Blogerinnen Königinnen treffen sich zum Essen.
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Ach ja, und wem die beiden Songs von Patent Ochsner gestern gefallen haben, dem gefällt vielleicht auch dies hier: Johnny. Der ist auch so ein nichtsnutziger Tagedieb wie ich. Die Zeit sei eine Schnecke ohne ihn, singt Büne Huber. No tengo salud ni suerte, viva, viva la muerte!
hier klicken: http://youtu.be/a1zN4RUGjfE

Gibt's über uns einen Himmel?

Endlich habe ich die Nuss geknackt und mit Audacity die Streams die mein Liebster am Patent Ochsner-Konzert vor zehn Tagen (heimlich als Überraschung für mich) aufgenommen hat, in einzelne Schnipsel unterteilt. Die Stücke sind erstaunlich gut (also natürlich den Verhältnissen entsprechend). Mit Bildern, die ebenfalls Irgendlink geschossen hat, habe ich nun eine Diaschau gemacht. Dies hier ist ein sehr sanftes Lied, im ziemlichen Kontrast zu all den anderen, die sie am Konzert gespielt haben. Und entsprechend liebevoll hat Büne es angesagt. 🙂
[youtube=http://youtu.be/rIjdFljzEBs]
Der Text dieses Liedes ist sehr einfach. Und die Melodie erinnert an eine Hymne oder an ein Kinderlied, da die Ochsen nicht nur auf jazzigen, bluesigen und rockigen Wiesen grasen, sondern auch altes Liedgut neu aufbereiten.

# Es regnet schwarzen Honig in den Hinterhof. Eine kleine Welt geht unter. Wir hocken da auf wackeligen Stühlen in diesem windschiefen Haus. Die größten Ängste und Zweifel, die warten schon mal da. Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn? Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn?
# Leicht sind wir gewesen, wie Blütenstaub, über dunklen Wolken. Die Jahre sind gekommen und vergangen, haben Spuren hinterlassen und alles, das zerbrechen kann, ist gebrochen und nicht mehr da. Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn? Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn?
# Ich vergesse dich nicht, vergesse höchstens den Schluss. Bleib in meinem Herzen, und hier, und der Rest bleibt draußen. Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn? Gibt’s über uns einen Himmel, der uns nicht lässt untergehn?

Büne Huber (auf CD Johnny – Rimini Flashdown II, erschienen 2012)
(Ich weiß, das ist keine schöne, sondern eine sehr plumpe Wort-für-Wort-Übersetzung von Berndeutsch auf Deutsch, doch sie veranschaulicht, wie die schweizerische Satzstellung eben doch ziemlich unterschiedlich zur deutschen ist.)
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EDIT:
Zu schon fast nachschlafener Stunde lade ich noch einen zweiten Film, eine zweite Diaschau, zu Youtube hoch.

Guet Nacht, Elisabeth!

[youtube=http://youtu.be/L-vAhoUoJo0]
In diesem Song geht es um Altlasten, die eigentlich für einen allein – und für zwei zusammen sowieso – viel zu schwer sind. Die Zeit der kalten Sophie ist es. Lass mich gehn … Und zieh dich warm an!

Harz an den Händen

Wir haben eine Wandtafel und meine große Schwester ist die Lehrerin, sie ist drei Jahre älter als ich und geht nun bereits in die Schule. Ich lerne schnell und ohne Mühe lesen. Die meisten Buchstaben kenne ich schon, weiß wie sie sich im Mund anfühlen und kann singen, wie sie klingen. Sie sind meine Freunde, mehr noch, sie sind Familienmitglieder, und bevor ich das Wort Buchstaben kenne, heißen sie wie wir. Schon früh bestimme ich so, wer meine wahre Familie ist.
Auch die Legofiguren natürlich. Mangels fertig zu kaufender Figuren, die es damals noch gar nicht gab, bauen wir aus einzelnen Legoteilen Figuren. Die roten Ziegel, die zwei Punkte breit waren, bildeten die Haare und die transparenten einen Punkt schmalen Zweier dienten als Gesichter. Darunter, als Bauch, kam ein quadratischer Vierer. Mit zwei Einmal-Zweiern bauen wir die Hosenbeine, mal quer, mal längs (deswegen gibt es immer wieder Streit). [Ich sehe sie vor mir als wäre das alles eben jetzt.]

Natürlich haben sie Namen und Geschichten, unsere Kinder, und immer wohnen sie ohne Eltern alleine in einem großen Haus, das wir nur etwa zwei oder drei Reihen hoch auf die Legoböden bauen. Eher Skizzen als Häuser. Die Eltern unserer Legokinder sind bei einem Unglück umgekommen, doch die Kinder sind findig und klug und schaffen es auch ohne die Erwachsenen. Ich bin Drehbuchautorin und Akteurin zugleich und mein geistig behinderter Bruder Schauspieler mit Mitspracherecht.
Draußen spielen wir Indiänerle mit den Nachbarskindern und diskutieren hinterher, oder wenn einer oder eine von uns am Marterpfahl hängt, die Frage, ob wir, wenn wir in den Krieg müssten, jemanden erschießen könnten. Die Holzgewehre, die unser Vater uns geschnitzt hat, geben Anlass zu solchen Gesprächen. Und natürlich auch die Pfeilbogen. Oft hocken wir auch einfach nur mit Comics oder Büchern und einem Glas Sirup auf der Terrasse oder hinter dem Haus, unten in unserer Villa Kunterbunt, die unser Vater aus Holz ans Haus angebaut hatte.
Wir helfen, eher widerwillig zwar, im Garten mit. Jäten Unkraut. Lesen Him- und Brombeeren ab und Nüsse und Äpfel auf. Doch die Kirschenernte toppt alles. Mit dem umgeschnallten Kratten auf der Leiter herumturnen und jedes zweite oder dritte Früchtchen testen, bis mir schlecht wird, ist mein frühsommerliches Highlight.
Am allerliebsten aber sitze ich im Nussbaum, alleine, hoch oben, unsichtbar für alle und wenn ich gerufen werde, antworte ich nicht. Heißt es auf oder im Nussbaum? Da er mit seinen Ästen eine Art Raum schafft, muss es definitiv im Nussbaum heißen. Hier bin ich unsichtbar. Das Seil, an dem ich mich die ersten zwei Meter hochziehen muss, um die untersten Ästen erreichen zu können, ziehe ich immer mit hoch in mein Schloss. Endlich ein wenig Ruhe vor meiner Mutter, die immer wissen will, wo wir gerade sind.
Auch den Thuja klettere ich gerne hoch, doch davon bekommt man klebrige Hände. Dafür riechen sie wunderbar nach Harz. Der Thuja ist natürlich nicht geheim. Er ist viel durchschaubarer und steht näher beim Haus, direkt neben dem Erdloch, das wir, statt eines Sandkastens, zum Dreckeln benutzen. Daneben der Haselnussstrauch, dessen Nüsse ich gerne laut zwischen den Zähnen knacke. Da unsere Liegenschaft inklusive Wohnhaus in Stufen in den Hügel gebaut worden war, gibt es unter dem Thujaeck eine weitere abschließende Grasterrasse mit Quittenbaum, bevor der Zaun zur Nachbarswiese unser Land begrenzt. Zu den Kühen gelange ich trotzdem. Den Zaun heben und unten durch rollen – nichts leichter als das. Die Kühe sind meine Freundinnen. Ich rede oft mit ihnen. Gebe ihnen von unserem Gras, das mir grüner scheint als das von drüben, von jenseits des Zauns.
Unsere Wiese! Darin liegen oder das frisch gemähte Gras wenden und zusammen rechen, was für eine Wonne! Was für ein Wohlgeruch! Oder mich hineinlegen und den Grillen lauschen, während Wolken und Flugzeuge über den Himmel kurven. Danach Heuschrecken fangen und in Gläsern beobachten. Gras und Blätter als Spielzeug mit im Glas, damit es ihnen nicht langweilig ist. Darüber eine gelochte Haushaltfolie. Später, meist noch am gleichen Abend, lasse ich sie natürlich wieder frei. Ich wünsche ihnen viel Glück und hoffe, dass sie wieder zu ihrem Rudel zurückfinden.

Hinterlassenschaften, Dünger und andere Spurenelemente

… die selbstzerstörerische Desillusion des Das-was-ich-tue-hat-doch-keinen-Wert … Gold hat eigentlich auch keinen Wert. Also alles Trugschlüsse und alles Hirngespinste und vielleicht ist diese Erkenntnis das, was mir den Tag wieder hell macht. Nämlich, im bewussten Zustand bin ich eigentlich ganz zufrieden und ich weiß, dass das, was ich tue, denke und vorantreibe eine Bedeutung hat und ich weiß auch, dass es für andere gerne bedeutungslos oder gar wertlos sein darf. So ist das nunmal, wenn man Zeitgenosse ist. Mehr noch: ich darf in dem, was ich tue, sogar grottenschlecht und dilettantisch sein. Schließlich ist es mein Leben und es sind meine Ideen. Und wenn ich lebe, leben auch die Ideen und wenn ich gegangen bin, leben die Ideen immer noch und wenn sie nicht gut waren, so sind sie verbesserbar, so können sie ein Fundament sein für Besseres,
mailte Irgendlink heute Morgen.
Der Kern, so schrieb ich zurück, der Kern, der Same, die Frucht der Erkenntnis ist, dass wir selbst – NUR wir selbst! – den Wert dessen, was wir erschaffen, ob Gold oder Scheiße, definieren können.
Auch wenn nichts bleibt, so hinterläßt doch alles seine Spuren. Überall.
schreibt Emil ungefähr zur gleichen Zeit unwissentlich auf pixartix im Kommentarstrang.
Wir düngen die Welt. Jetzt. Jederzeit. Wo immer wir sind. Womit düngst du?

Dünne Wände

Allerheiligen steht vor der Tür. Der Todestag meiner Tante M. jährt sich zum ersten Mal. All Hallows‘ Eve. Die Türe nach drüben ist dünner als sonst, diesseits und jenseits rücken zusammen und die Toten winken. Egal, ob sie das wirklich tun oder ob ich einfach nur anders, sensibler auf die Anderswelt reagiere.
Wie viel wiegt Liebe? (siehe dazu auch den gleichnamigen Blogartikel von letztem Jahr über das Leben, den Tod und meine Tante: hier klicken)
Die Welt, wie sie ist. Die ganze. Die Ausschnitte von ihr, in denen ich mich bewege. Ist Australien Wirklichkeit, obwohl ich noch nie dort war? Ist wirklich nur das, was ich kenne, was ich anfassen und anschauen kann? Ist Denken eine Lüge?
Wie wirklich, wie wirksam bewirke ich? Meine zähe und oft genug halbherzige Stellensuche – mangels wirklicher Kenntnis dessen, was ich wirklich will. Viel Zeit, die ich für mich und mein Ding habe. Hätte, wenn ich es denn bloß mehr genießen könnte. Denn eigentlich könnte ich gut immer so leben. Von Langeweile keine Spur. Schmarotzerin? Ich arbeite viel, denke ich, in rechtfertigendem Ton, Kind einer Gesellschaft, in der Arbeit und Tun eine heilige Kuh ist. Ich arbeite viel, ja, doch fast immer ohne Lohn, fast immer an brotlosen Projekten und ja, ich beziehe Arbeitslosenentschädigung. Eine Schande ist das zum Glück hierzulande und heutzutage nicht mehr. Ein Makel dennoch. Und die Zeit, die Rahmenfrist, läuft. Gegen mich.
Immer wieder träume ich vom bedingungslosen Grundeinkommen. Ich habe hier schon früher darüber geschrieben. Hätten wir es bereits eingeführt, würde es mir den Rücken freihalten (dir auch). Damit ich weiter in diesem sehr organischen, friedlichen Rhythmus des künstlerischen Schaffens und Müßigganges leben könnte, den ich – wenn auch nur auf Zeit – für mich gefunden habe.
Lebendiges, waches und einfaches Leben statt eins im Hamsterrad von Leistung und Kommerz.
Die Welt, wie sie ist. Ausschnitte. Alles. Immer. Heute. Allerheiligen.
**********
Liebe Blogleserinnen und Blogleser aus der Schweiz
Bitte unterschreibt die Eidgenössische Volksinitiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ bis spätestens in einem Jahr. Nicht nur mir zuliebe, auch für dich, euch und für eine friedliche Gesellschaft in der der Lebenswert eines Menschen nicht mehr an seiner Arbeitsleistung festgemacht wird.
mehr: bedingungslos.ch

Tatorte und andere Baustellen

Was bin ich verkatert! Ich habe geschlafen wie Schweizer Käse, mit vielen Löchern drin. Und viel zu wenig. Kate Atkinson mit ihre Buch Liebesdienste hat mir das Einschlafen schwer gemacht, der gestrige Tatort nicht minder. Eine gut erzählte und gut gespielte Geschichte mit dem sympathischen Münchner Ermittlerduo. Geld und Gier, Eifersucht und Machtkämpfe sind doch immer wieder gute Elemente für einen Krimi. Auch wenn sich die RezensentInnen wie immer uneinig über den angeblichen Gähn-Faktor des Filmes sind.
Kaum sind wir wach (sind wir das?), skizziert mir Jürgen seinen neuen Romanplot. Ich werfe ein paar kleine Anregungen ein und das Ganze wächst buchstäblich vor meinen Augen.
Schreib!, denke ich, schreib-schreib-schreib! Der Plot überzeugt und lässt sich beliebig ausbauen. Die Struktur der Geschichte ist simpel, die Figuren lebendig und alles miteinander hat das Zeug zu einem guten Buch. Nur: ob es je geschrieben wird?
Wir haben beide ein ähnliches Problem, seufze ich über meinem Trinkglas, wir beiden haben immer so viele Ideen und so viele Baustellen, dass wir kaum etwas wirklich abschließen können. Dafür fangen wir immer wieder neue Projekte an. Zu viele Fäden ohne Ende …
Irgendwie ist da einfach zu wenig Lebenszeit, all das, was mir wichtig ist, anzufangen, umzusetzen, zu vollenden. Weil ich das erkannt habe, fange ich oft mit dem Neuen gar nicht erst an. Oder höre mittendrin auf. Die Zeit …
Die Zeit rennt!, seufzt der Liebste, der heute Nachmittag wieder in die Pfalz zurück muss. Abends eine Sitzung. Derweil der Drucker die noch leeren DVDs für den Ums-Meer-Film mit einem kunstvollen Cover bedruckt (bestellbar ist der Film bei homebase(at)europenner.de, für mehr Infos: hier klicken).
Baustellen – ich frage mich, wie andere das schaffen. Oder eben auch nicht. Oft fühle ich mich im Leben drin wie ein Stück Stoff, an dem von all meinen Ideen – und auch von den Pflichten und diesem und jenem Ding oder Menschen – nach allen Seiten hin gezogen wird. Wohin auch immer.
Mehr zu mir hin, hoffentlich.

Geschenkte Gäule

Einen durfte ich selbst verschenken und einen haben wir geschenkt bekommen. Einen Gaul, meine ich. Gäule. Am gäulsten ist der, den wir zusammen bekommen haben, doch der, den ich verschenkt habe, war noch besser. Fragt den Liebsten, doch der ist jetzt unterwegs zum Auto und stellt eben kurz die Parkscheibe um. Es ist Samstagmorgen, kurz nach neun, und ich sehe älter aus als ich je sein werde.
Na ja, auf viel schlafen hatten wir uns eh nicht eingestellt, doch das Gewitter, der Sturm, der um halb sieben tobte, nach immerhin fünf Stunden Schlaf, angereichert mit dem Summen des einsetzenden Samstagmorgenstadtverkehrs, hat mich geweckt und das Kopfkino ein Wiedereinschlafen verunmöglicht. Die hohen Fenster unseres Hotelzimmers, obwohl mit dicken Vorhängen verschleiert, schützen kaum vor Lärm. Und gegen den Wind und die Zugluft ebenso schlecht. Ein altes ehrwürdiges, nicht eben billiges Hotel – doch seine besten Tage hat es wohl schon hinter sich, wenn es sich nicht neugebären lässt. Die Vorhänge bewegen sich bei geschlossenen Fenstern im Wind. Ich glaube zuerst im Morgendunkel an eine Sinnestäuschung. Doch auch bei wiederholtem Hinschauen – Augen auf, Augen zu, wieder auf – bauschen sie sich. Der Liebste schläft tief und fest. Wegen der Bar und dem Nachtleben hier unten in der Berner Altstadt, haben wir uns Taschentuchschnipsel in die Ohren gestopft. Meine habe ich längst rausgepult.
Dennoch ein starker Gaul, das hier. Ich habe ihn bekommen, als ich vor anderthalb Jahren meine Berner Arbeitsstelle und die Stadt Bern lachend und weinend verlassen habe. Ein Gutschein für eine Hotelnacht mit dem Liebsten – als gutes Mittel gegen Heimweh.
Immer wieder haben wir den Gutscheinbezug auf später vertagt. Immer wieder konnten wir woanders übernachten. Gestern war es aber endlich soweit. Unweit des berühmten alten Bärengrabens und des fast schon ebenso berühmten neuen Bärenparks residieren wir im ersten Stock, mit Blick auf die Nydeggkirche, direkt über der bis halb vier geöffneten Bar. Eben fährt eine Ambulanz vorbei.
Schau dem geschenkten Gaul nicht ins Maul! Er war teuer. Bern ist teuer. Sirenengeräusch habe ich in meiner Berner Zeit täglich mehrmals gehört, solange bis ich es irgendwann nicht mehr wahrnahm. Während meines Jahres auf dem einsamen Gehöft und auch jetzt, in meinen aktuellen Alltag im Aargau, kommt dieses dringliche Heulen kaum mehr vor. Auch Trams und Stadtbusse hörte und höre ich dort keine.
Es war schon spät nachts, als wir in der Nähe geparkt haben. Mit Parkscheibe, die um neun rum neu eingestellt werden muss. Gratisparkplätze gibt’s in Bern kaum, blaue Zone dafür ab sieben Uhr ziemlich häufig: Allerdings immer nur für eine Stunde oder zwei.
Zugegeben purer Egoismus hat mich dazu getrieben, einen Gaul zu verschenken. Der, den ich verschenkt habe, ist allerdings ein Ochse. Ein patenter sogar: ein Eintrittsticket für die Mühle Hunziken. Der Liebste hat sich über das Geschenk offensichtlich sehr gefreut. Die Mühle war, obwohl wir schon fünf Minuten nach Türöffnung dort waren, bereits fast voll. Jedenfalls die begehrtesten Plätze des ge**** Kulturhauses der Welt. Auf drei Ebenen – Parterre, Galerie erster Stock und Galerie zweiter Stock – können die Genießerinnen und Genießer edler Musik, wie es früher mal in der Werbung hieß, genau dies tun: edle Musik abrock- ähm genießen. Und das taten wir, und wie! Nachdem wir uns alle eingefunden hatten – Freundin M. und Freund M. zwar erst in vorletzter Minute – konnte es losgehen.
Mit Herzblut und Leidenschaft legten sich Büne Huber und seine Männer und Frauen von Patent Ochsner ins Zeug und verzauberten uns mit ihren Songs. Raffiniert-einfachen Texte und genial-oppulenter Sound vom feinsten. Musikalisch brillant. Wir tanzten, sangen, johlten und klatschten, und verwandelten so mit den andern sechs- oder siebenhundert Gästen das Haus in eine einzige große Sauna. So menschenscheu ich zuweilen auch sein mag, so wild und übermütig kann ich werden, wenn mich ein Konzert so richtig mitreißt.
Nach vielen Abschiedküssen und -umarmungen (und ich schon mitten in einer post-konzertalen Depression) fuhren wir nach Bern zurück. So ähnlich, meint Irgendlink, habe er sich wohl gefühlt, als seine viermonatige Radtour ums Meer zu Ende gewesen sei. Der Vergleich mag hinken, doch meine Vorfreude auf Konzert, Freundestreffen und Bernaufenthalt mit Irgendlink war so riesig und so intensiv – und in ihrer Erfüllung so beglückend!!! –, dass es sich hinterher schon sehr seltsam angefühlt hat. Nach der Wärme die Kälte. Schneeregen. Doch jetzt, hier im Hotel, geht’s mir wieder gut. Müde, aber gut. Nun Dusche und Frühstück. All included.
Später. Das Frühstück? Reden wir nicht davon. Doch von Klee können wir reden. Über das Zentrum Paul Klee, das uns immer wieder begeistert.

Paul Klee. Der Berner, der in die Welt gezogen ist, um Menschen und Kunst zusammenzubringen. Eine Doppelausstellung wie immer. Die eine über Engel bei Klee und anderen: sehenswert! Die andere über Klee als Lehrer im Bauhaus in den späten Zwanzigern des letzten Jahrhunderts: sehenswert! Und lesenswert finde ich diese Textpassage hier, die ich auf der Paul-Klee-Zentrum-Website gefunden habe:

Klees Haltung, dass nicht die endgültige Form das Wesentliche sei, sondern der dahin führende Weg, zieht sich wie ein roter Faden durch seine Lehre. Er betonte immer wieder, dass eine Form nicht ist, sondern wird. Deshalb erforschte er ihr Inneres und ihre Entstehung.
(über Paul Klee)

Ein Plädoyer nicht nur für Kunst, sondern fürs Leben überhaupt.