Erfahrung ist alles

Erfahrung ist alles! Letzten Donnerstag war es, bevor ich in die Pfalz fuhr. Ich tankte gerade, als ich mich auf einmal an mein allererstes Tankerlebnis, meine erste Tankerfahrung – meine Unerfahrung quasi – erinnerte. Wie ich damals den Benzindeckel, den zuletzt mein damaliger Partner festgeschraubt hatte, kaum hatte aufschrauben können. Wie peinlich mir das gewesen war. Und wie unsicher ich mich gefühlt hatte.

Erleben wir etwas zum ersten Mal, signalisiert unser Körper erhöhte Aufmerksamkeit. Er ist alarmbereit und schüttet das eine oder andere Hormon aus, die Schweißdrüsen arbeiten auf Hochtouren. Das Herz klopft kräftiger, der Atem geht stockender oder schneller. Unsicherheit – ob aus Vorfreude oder aus Angst – weckt alle unsere Sinne, macht uns neugierig, macht uns klar. Wir sehen Dinge, denen gegenüber andere längst blind sind, und übersehen Dinge, die im Moment nicht wichtig sind, nicht überlebenswichtig. Kurz: Neues versetzt uns in einen Ausnahmezustand. Novitätssucht – bestimmt längst erforscht … muss ich mal googlen. Erleben wir etwas bereits zum zweiten Mal, gehen wir bereits mutiger voran und beim dritten Mal kommt schon ein bisschen Routine auf. Sicherheit. Erfahrung. Coolness. Wir schauen nicht mehr genau hin. Die vierte Zigarette zündete ich bereits so routiniert an, dass es von außen aussehen musste, als hätte ich schon immer geraucht. Dachte ich als Sechszehnjährige.

Die Erfahrung, wie sich ein Bankomat bedienen lässt, ein Busticketautomat, ein Zahlenschloss, ein Wasserkocher, ein Fahrrad … sie hilft uns, zu leben, uns sicher zu fühlen. Die den Dingen innewohnende Logik erfahren wir, indem wir ausprobieren. Nur so können wir Erfahrung sammeln: Wir brauchen Raum. Und den Mut, etwas noch nicht können und darum ausprobieren zu dürfen. Damit wir irgendwann all das, was wir da und dort wissen, können und erkennen sollten, auch wirklich zu wissen, zu können und zu erkennen vermögen. Und weil lernen spannend ist und Freude macht.

Erfahrung ist alles. Die Basis auch, Neues zu lernen, denn weil ich aus Erfahrung weiß, wie ich Neues anpacken kann, kann ich mich immer wieder mutig auf Neues einlassen. Erfahrung frisst Angst.

Und Erfahrung kann abstumpfen („Ich habe eh schon alles gesehen!“). Erfahrung kann aber auch beleben („Wie schön, was es da noch alles zu entdecken gibt!“). Freund M. sagte mal, er lebe, um Erfahrungen zu sammeln, unter anderem.

Nein, ein Synonym für Weisheit ist Erfahrung dennoch nicht, obwohl Windows zu beiden Wörtern das Wort Erkenntnis als Synonym vorschlägt. Als gemeinsamer Nenner quasi.

Also ist wohl Erkenntnis alles. Fast alles. Ein bisschen. Wenig? Viel? Vielleicht immer genug.

Die zertanzten Füße und das Glück später Züge

Noch ein Intermezzo

Samstagmorgen. Noch ziemlich früh. Nach fünf Stunden wunderbar tiefem Schlaf bin ich erholt erwacht. Schlafen geht nicht mehr. So gut habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Auch der erwartete Muskelkater hält sich in Grenzen.

Genau vor zwei Wochen hatte ich zu meiner Freundin C. gesagt, dass ich mal wieder tanzen gehen möchte. Ich will mal wieder so richtig richtig richtig abtanzen!

Einen oder zwei Tage später erhielt ich die Anfrage für einen Schreibauftrag für meine Zeitschrift. Wenn du willst, kannst du mal wieder tanzen gehen, schrieb Redakteurin E.. Und dann darüber schreiben. Trancetanz. Wie wärs? Zwar musste ich dazu einen Termin verschieben, doch sagte ich nach kurzem Zögern zu. Da wollte ich hin. Über Dinge und Erfahrungen schreiben dürfen, die mir selbst so viel Freude machen, ist schon ein totales Privileg.

Trancetanz? Woran denkst du wohl, wenn du das liest? Ein Wort, das unweigerlich bei allen irgendwelche Bilder hervorruft. Klischees bei den einen, denen Trance, Spiritualität und auch Schamanismus fremd sind, ein Kopfschütteln vielleicht bei andern, ein skeptisches Stirnrunzeln oder auch ein freudiges „Ja, das kenn ich!“ bei anderen. Jenen unter euch, die selbst tanzen oder die joggen oder sonst wie Sport treiben, ist bestimmt jener Zustand bekannt, denn mensch irgendwann erreicht, wenn der Körper Dopamin auszuschütten beginnt. Ihr könntet nun immer weitertanzen, -laufen, -schwimmen. Ich würde mal pragmatisch behaupten, dass dieser chemische Prozess allen Erfahrungen, die eine getanzte Trance auslösen kann, zugrunde liegt. Ohne diese Hormonausschüttung wäre wohl alles andere nicht möglich, das möglich wird, wenn wir trancetanzen … Nein, ich will hier gar nicht erst anfangen zu erklären. Zerreden, was ein Mensch erleben kann, wenn er sich auf den Schlag der Trommel einlässt, will ich nicht. Viele Dinge auf dieser Erde sind nicht in Worte zu packen. Wer kann schon die Seele erklären? Die Liebe? Eben, geht nicht.

Trommel und Trance sind schon seit jeher eng verknüpft miteinander. Die Trommel ist und war in vielen Kultur ein Gefährt in die Trance. Trance meint einen Zustand schlafähnlicher Wachheit. Nein, das greift zu kurz. Eine bewusstseinsöffnende Entspannung? Nein, stimmt auch nicht ganz. Ach. Mir fehlen schon wieder die Wort. Ausprobieren!

Ich war bereits um sieben im Raum am Zürcher Sihlquai, wo das Tanzfest stattfand. So hatte ich Zeit, die sympathische Veranstalterin Luzia und die tolle Live-Percussion-Band somos organicos kennenzulernen. Diese vier jungen Männer durfte ich alsbald beim Einspielen fotografieren. Wunderbarer Rhythmus, der in die Beine geht. Meine Vorfreude wuchs nun erst recht und sie wurde nicht enttäuscht.

Schon bald saßen wir alle im Kreis. Ungefähr fünfundzwanzig Männer und Frauen zwischen zwanzig und sechzig, die sich auf sich selbst, den Rhythmus der Trommel und auf das gemeinsame Erlebnis der getanzten Trance einlassen würden. Mit Ober- und anderen gesungenen Tönen eröffneten wir das meditative Erlebnis, um später, nach einem mantrischen Tanz im Kreis und einer liegenden Meditation, den Innen(t)räumen tanzend Ausdruck zu geben.

Und wie! Anderthalb Stunden haben wir getanzt. Abgetanzt. Pausenlos. Wild. Meist mit geschlossenen Augen. In den Körper hinein horchen, dem Körper gehorchen, die Seelenfenster öffnen, Gedanken kommen und gehen lassen, Sorgen heraus- und abschütteln. Zarte Bewegungen fließen in wilde und werden wieder ruhig. Zuweilen kann ich nur noch wie ein Kind hüpfen und vor Freude jauchzen. Es tut so gut. Und obwohl ich niemanden kenne, fühle ich mich wie zuhause. Ich weiß mich ganz, so umfassend ganz wie sonst nur beim 6. Nein, erleuchtende Erkenntnisse habe ich keine. Auch hebe ich nicht ab. Ich spüre den Boden unter mir. Er trägt mich.

Nach der Schlussrunde entdecke ich ein bekanntes Gesicht. Ein Doppelgänger? Schließlich finden wir den gemeinsamen Nenner über den gemeinsamen Dialekt. Bei A. ging ich eine Weile in die Schwitzhütte. Witzig: Vor nicht mal einer Woche hatte ich zu Freundin M., als wir zusammen in der Alpensauna schwitzten, gesagt, dass ich mal wieder in eine Schwitzhütte wolle. Keine Woche später werde ich schon von A. in seine nächsten Schwitzhütten eingeladen. Wie schnell sich doch Gedanken zuweilen manifestieren! Wir beschließen, den gleichen Zug zu nehmen. Er muss nach Lenzburg und meine Züge fahren da lang. So habe ich noch genügend Zeit, Luzia zu fotografieren und mit dem einen oder der anderen ein paar Worte zu wechseln.

Angeregt mit A. austauschend und noch immer vom Tanzen erhitzt, stelle ich erst nach ein paar Minuten Fußweg Richtung Bahnhof fest, dass ich Mütze und Handschuhe an der Garderobe vergessen habe. Zum Umkehren reicht es nicht, der Zug wird kaum auf uns warten. Doch mein Halstuch wärmt gerne auch Ohren. Ins Gespräch vertieft, verpassen wir Lenzburg beinahe. Nach dem Abschied lasse ich den Abend Revue passieren und verpasse dabei, in Olten auszusteigen. Ich kann mich nachträglich nicht erinnern, dass der Zug nach Aarau überhaupt je angehalten hat. In Olten hätte ich eine Dreiviertelstunde warten müsse. So aber fahre ich einfach Richtung Basel weiter. In Sissach kann ich schließlich aussteigen um eine halbe Stunde später zurück nach Olten zu fahren. Im einzigen noch offenen und geheizten Raum auf dem Bahnhof, einem türkischen Imbiss, läuft Fernsehen, türkisch natürlich. Mangels guter Teeauswahl bestelle ich, um die kalten Hände wärmen zu können und weil ich das mag, eine Tasse Heißwasser-Wasser, wie mein Liebster das nennt. Die freundliche Türkin fragt, ob mit oder ohne Zucker und ich kann nur grinsen. Während ich auf der iFon-Tastatur eine Mail schreibe, spüre ich dem inneren Vibrieren nach, dass Tanz und Trommelsound in mir zurückgelassen haben. Später, im Zug nach Olten, begreife ich grinsend, dass ich für diese Strecke kein Ticket habe. Zum Glück wird nicht kontrolliert.

In Olten, so sagt die Fahrplan-App meines iFons, werde ich eine Stunde auf den nächsten, den letzten Zug nach Bern warten müssen. Das iFon weiß zu diesem Zeitpunkt noch nichts von meinem Glück, dass der vorletzte Zug, der zeitgleich mit dem Eintreffen meines Zuges hätte fahren sollen, noch steht. Jener Zug, den ich gemäß Fahrplan eh genommen hätte. Er muss einen Anschluss abwarten. Ich springe glücklich auf und finde einen Sitzplatz zwischen einem iBook samt Mensch und einem iPad samt anderem Mensch. Auf dem iPhone schreibe ich meine Mail für J. zu Ende und erzähle ihm von meinem Glück.

Die Glückssträhne hält an. In Bern, so sagt besagte App, fahre um 1:15 der Nachtbus auf dem Bahnhofplatz. Ich hatte nach Hause zu spazieren erwogen, doch Bus wäre eine echt geniale Alternative. Allerdings fährt der Zug erst Punkt 1:15 in Bern ein. Was nun? Spurten? Gilt die Meldung, dass die Züge die viertelstündige Verspätung abgewartet hätten, wohl auch für den Nachtbus? Ausprobieren! Ein langer Spurt durch die Halle. Lachend. Mit anderen, die ebenfalls durch die noch immer sehr belebte Halle rennen, bin ich um viertel nach eins nachts in bester Gesellschaft. Die Rolltreppe hoch, über den FußgängerInnenstreifen streifen – trotz roter Ampel. Ja! Da steht er noch, der gelbe Bus. Ein letzter Sprint und … geschafft!

Und eben singt Freddy Mercury von Heaven For Everyone in meine Kopfhörer. Ja … heute Nacht ist wohl alles möglich.

Von Tageszielen und warum ich Gamuppel mag …

Während mein Drucker auf Hochtouren arbeitet, um meine Blogeinträge des letzten halben Jahres in Buchform auszudrucken, und während sowohl Viren- als auch Systemscanner die Festplatten nach Schwachstellen absuchen, fällt mir ein, dass ich heute ja bloggen wollte.

Ob ich wohl den Backofen schon mal einschalten soll? Besser nicht, ich würde ihn bestimmt vergessen. Zumal ich soeben entschieden habe, erst Blog zu schreiben und hinterher Brot zu backen. Eigentlich besteht ein Tag ja aus nichts anderem als Entscheidungen. Wir priorisieren laufend, legen Reihenfolgen fest und bauen alles laufend um.

Eins meiner Tagesziele ist, euch endlich Gamuppel vorzustellen. Ein Buch für große und kleine Menschen. Doch um die Muße für Dinge zu haben, die mir sehr am Herzen liegen – sei es nun im Büro oder zuhause – muss ich mir immer zuerst den Rücken freischaufeln. Und dies bedeutete heute eben, meine ToDo-Liste mit zig Kleinigkeiten abzutragen.

Neue Scheibenwischer montieren, steht auf dem Notizzettel. Abgehakt.
Die restliche leeren Umzugkisten aus dem Auto holen. Abgehakt.
Wäsche falten und wegräumen. Abgehakt.
Diese und jene Mail schreiben. Abgehakt.
Backups machen, endlich mal wieder. Abgehakt.
Recherchieren für den nächsten zu schreibenden Artikel? Nö, mach ich in einer Woche. Zeit genug.
Brot backen?  – ich hoffe, der Teig ist in der Zwischenzeit noch nicht bis zur Decke gewachsen. Nein, definitiv noch nicht abgehakt.
Einkaufen? Kommt noch …

Von Vorfreude auf heute Abend, wenn mein Liebster kommt und von Vorfreude auf das Fest morgen steht nichts auf dem Zettel. Ist auch nicht nötig. Was ich tun will, tu ich sowieso, brauche ich also nicht aufzuschreiben. Auch von Gamuppel steht nichts drauf.

Gamuppel – das Buch, das meine Freundin Ulrike Gau geschrieben hat, lässt sich nicht so einfach einem Genre zuordnen. Ist es nun eher für Kinder oder doch eher für Erwachsene? Ist es nun eher ein Märchen oder ist es mehr Phantasy? Ist es gar ein Buch der Weisheiten oder einfach eine weise erzählte Geschichte?

Mir egal. Und Gamuppel bestimmt auch. Das ist ein kleine Kerl, der gemütlich auf seinem Planeten lebt. Alles gut und schön, wenn das Leben dort nicht zwei kleine Nachteile hätte. Erstens, dass Gamuppel alleine ist und es auf dem Schwarz-Weiß-Planeten keine Farben hat. Das heißt, so ganz alleine ist er ja nicht wirklich, denn da ist seine Freundin, Schlange Sssa und sie weiß ein bisschen mehr vom Leben als Gamuppel.

Dank ihr macht dieser sich eines Tages auf eine weite Reise auf, die ihn von Planet zu Planet reisen lässt. Unterwegs erfährt er von dessen Bewohnerinnen und Bewohnern, dass auf der Erde seine Hilfe gebraucht wird. Obwohl er mit Angst zu kämpfen hat, wagt er es, die große Aufgabe, die – wie sich herausstellt – kein anderer als er lösen kann, anzupacken. Nicht allein. Er findet Freunde und Freundinnen unter den Elfen, Drachen und Wichteln, Zwergen und Feen, die er unterwegs kennenlernt. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, die Erde zu befreien.

Liebevoll, witzig, kindergerecht und dennoch auch für Erwachsene nicht zu kindlich erzählt, überrascht mich die Geschichte mit immer wieder neuen Wenden, die nicht einfach ein Abklatsch von ähnlichen Geschichten ist, sondern immer wieder ganz eigenständig und originell daher kommt.

Lesen!

Und jetzt back ich Brot …

Das Ding mit dem Glück

Mach mit, wenn du willst. Und du auch.
Und du natürlich erst recht …

Glücklich und zufrieden bin ich …

– wenn ich am Morgen genau das richtige Musikstück zu hören bekomme, sobald ich die mp3-Kopfhörer ins Ohr stöpsle und fröhlich pfeifend statt morgenmufflig zur Arbeit radle.

– wenn ich es schaffe, gut gelaunt eine unglaublich anstrengende Arbeit, die meine ganze Konzentration erfordert, abzuschliessen.

– wenn Kollegin J., die erst seit gestern vom Urlaub zurück ist, sich nach J.s Jakobswegfinale erkundigt und sich über seinen Bilderlink, den ich ihr schicke, riesig freut, weil ihr die Bilder erlauben, in ihren eigenen Jakobswegerinnerungen zu schwelgen.

– wenn ich während der Arbeit einen Skypechat meines Liebsten erhalte, der mich laut losprusten lässt und mir ein anhaltendes Grinsen ins Gesicht zaubert.

– wenn ich nach der Mittagspause ins Büro komme und auf meine Tisch eine Schachtel Trüffel finde. Daran ein Post-it vom Scheff, der sich dafür bedankt, dass ich das Adressupdate erfolgreich abgeschlossen habe.

– wenn ich an einer Sitzung mit meinen Ideen zu einer guten Lösung beitragen kann.

– wenn ich nach einer intensiven Sitzung mit einer Arbeitskollegin ein gutes persönliches Gespräch führen kann, ohne ein schlechtes Gewissen wegen der vielen Arbeit zu haben.

– wenn ich gelassen bleiben kann, obwohl ich viel zu tun habe.

– wenn ich am Feierabend ein gutes Buch auf mich wartend vorfinde.

– wenn ich etwas kreieren, schreiben, malen kann, das aus mir herauspurzeln will.

– wenn ich meine Blogstatistik ignorieren kann und einfach um des Schreibens willens schreibe.

– wenn ich ans nächste Wochenende denke. An J., ans Fest in der Alpensauna samt HotPot, an meine Freunde und Freundinnen, die ich dabei sehen werde.

– …

– …

Und du? Was macht dich glücklich?

ersehntes Später

Gestern Abend zu später Stunde, bei Kollegin A. mit Raclette und einem guten Wein, und nachdem wir aufgehört hatten, unseren aktuellen Arbeitsfrusts Luft zu machen, kamen wir auf Ängste im allgemeinen und meine im besonderen zu sprechen.

Nein, wenigstens vor dem Tod habe ich keine Angst, sagte ich.
Ist denn deine Angst vor dem Leben, die du zuweilen erwähnst, nicht letztlich auch eine Angst vor dem Tod?, fragte A.
Zuerst verneinte ich vehement, doch als wir jede Angst als Angst vor der Angst und Angst vor dem Leiden an der Angst enttarnt hatten und gleich noch ein paar Schichten tiefer gingen, um der letzten aller Ängste in die Augen schauten, begriff ich: Sie, die große Unbekannte, ist die Angst davor, nichts mehr zu haben, nichts mehr zu wollen, nichts mehr zu können, nichts mehr zu sein und nicht mehr wirklich existent zu sein, sich aufzulösen. Lebendig tot zu sein. Die Angst also vor dem NICHTS? Und ja, vor so einem Tod, einem toten Zustand als Lebende, fürchte ich mich in der Tat.

Ich definiere mich hier und jetzt über mein Sein, Tun, Lassen, Denken und Haben. Und ein paar andere Dinge. Sollten diese alle umständehalber eines Tages wegfallen, bin ich dann noch immer ich? Oder wie fühlt sich dieser Worst Case wohl an? Könnte ich mich überhaupt ganz und gar verlieren, wirklich meine ich? Und ändert Angst zu haben etwas daran? Oder ist gar dieser totale Verlust das Nirwana oder die Erleuchtung? Und nein, eine abschließende Antwort haben wir keine gefunden.

Auch über das Leid redeten wir, über das Leiden an Umständen. Und wie anders es sich anfühlt, wenn wir einen schwierigen Umstand nicht zwingend als Leidensgrund, sondern einfach als Faktum definieren. Ob der Rücken wohl weniger weh tut oder die Angst vor dem Loslassen weniger schmerzt, wenn wir das Ganze einfach akzeptieren? Bestimmt brauchen wir weniger Energie im Umgang mit dem schwierigen Umstand.

Später wird eh alles besser, später,  wenn ich … Nein. Jetzt.

So hangele ich mich heute und morgen und übermorgen an meinem roten Faden durch mein Lebenslabyrinth. Auch so komme ich irgendwie vorwärts.

Apropos Gegenwart, hier noch ein kleiner Input …

Die Gegenwart ist schlimm, zu meiner Zeit war es besser, sagt der Mittdreißiger an der Bushaltestelle. Die beiden Angesprochenen schütteln den Kopf. Der Mittfünfziger sagt: Nein, nein! Noch früher, als ich jung war, da war es angenehm. Woraufhin der Mittsiebziger ergänzt: Tut mir leid, aber am besten war es ganz früher, als ich ein Kind war.

Der Mittdreißiger fasst den Zustand der Welt zusammen: Tja, wie auch immer. Heute ist alles nur noch Mist.

In diesem Augenblick taucht der junge Praktikant am Ort des Geschehens auf. Sein Gesicht ein einziges Leuchten: Aber bedenken Sie, meine Herren, wie wunderbar die heutige Gegenwart in der Zukunft sein wird.

Drei betretene Gesichter.

Schließlich wieder der Mittdreißiger: Stimmt! Ich kann es kaum erwarten, bis das Jetzt Vergangenheit ist.

Quelle: Comic „Die Ladenhüter“ von Boris Zatko, Coopzeitung vom 11.1.11, Seite 3.

Papiertütenbedarf

Wie die Geschichte hieß, habe ich längst vergessen. Ein Bilderbuch wars, eins für Kinder. Leider keins, das in meine spätere Bilderbuchsammlung Eingang gefunden hat, da ich diese erst in meiner Zeit als Buchhändlerin gestartet habe. Als ich begriffen hatte, wie viel Weisheit in Kinderbüchern steckt. Okay, das hatte ich zwar schon früher bemerkt, doch noch kein Geld für eine Sammlung. In einem anderen Leben wars, eins meiner sieben. Auch ob ich das siebte schon erreicht habe, weiß ich nicht. Mehr Nichtwissen als Wissen. Zumal zurzeit alles und alle irgendwie in Schräglage hängen und ich  mich frage, ob a.) alle anderen irgendwie schräg sind, die ganze Welt gar, oder ob b.) ich es bin, die schräg liegt. Ähm, sitzt. Siebtes Leben? Schräglage? Nein, darüber wollte ich definitiv nicht schreiben. Meine Finger haben sich mal wieder selbständig gemacht.

Über das besagte Bilderbuch, das ich leider nicht gesammelt habe, wollte ich erzählen. Damals, in meiner pädagogischen Erstausbildung, hatte ich es meiner Kindergruppe erzählt.

Die Protagonistin – ich meine mich an ein Mädchen zu erinnern, kann aber sein, dass es ein kleiner Junge war – wurde viele Bilderbuchseiten lang verfolgt. Der Grund ist in den Tiefen meiner Erinnerung ertrunken. Bezeichnenderweise. Wie die meisten Ängste hatte auch jene Angst des kleinen Mädchens vermutlich keine rationale Ursache. Tatsache war, dass es vor ihr davonlief. Keine Zeit zurückzuschauen. Das Kind rannte um sein Leben. Dunkle Flure. Dunkle Wände rechts und links. Über dem Kopf des Kindes Gedankenwolken. Das Monster darin wird größer und größer. Seine Schritte lauter und lauter. Schließlich die Sackgasse. Ich sehe das Bild noch vor mir. Das Kind rennt auf eine Wand zu und bremst im letzten Moment ab. Es dreht sich um und sieht in die …

… riesigen furchtbaren Augen und in den riesigen weitaufgerissenen Schlund des Monsters?

Nein, falsch!

Zuerst sieht es gar nichts, weil sein Blick zu weit oben sucht. Doch da ist nichts. N I C H T S! Es senkt den Blick und entdeckt einen kleinen Hund, der, zum Spielen bereit, mit dem Schwanz wedelt.

Meine Kindergruppe ließ ich daraufhin auf Brottüten aus Papier ihre persönlichen Monster aufmalen. Anschließend pusteten wir die Tüten wie Ballons auf. Wir zählten laut auf drei, dann zerplatzten wir mit lautem Knall die Tüten mit der zweiten Hand. Das befreiende Lachen, das danach den Raum bis in die hintersten Ritzen ausgefüllt hat, gehört zu einer meiner vergessenen Lieblingserinnerungen aus jenem Leben.

Vielleicht müsste ich mir nächstens ein paar Papiertüten beschaffen …?

eingebläut

Samstagmorgen. Im Bett. Ich lese auf dem iFon Blogs und Mails. Ist noch zu früh aufzustehen. Nicht an einem Samstagmorgen. Obwohl ich heute viel vorhabe. Putzen endlich mal wieder. Mit Packen und entrümpeln weitermachen. Und abends mit Freundin M. thermalbaden und saunen.

Bloggen könnt ich mal wieder, denke ich. Hm, nö, was sollte ich schon schreiben. Ist ja auch kaum was passiert. Außer dass ich gestern ganz aufschlussreiche Tarotkarten für das neue Jahr gezogen und am Nachmittag einen nährenden Besuch bei meiner lieben Freundin C. und Little.-F. erlebt habe. Und am Abend bei R. ein paar Umzugskarton holen konnte. Kaum was erlebt, dass sich zum teilen lohnt? Kaum was gedacht, dass sich zum teilen lohnt? Ansichtssache, ich weiß …

Vielleicht doch besser, ich zitiere mal wieder die gute Luisa, die gestern in ihrem Webtagebuch eine Radiosendung über das leide Thema Gewohnheiten resümierte.

„virginia woolf und sigmund freud zum beispiel, oder stephen king, teil(t)en sich die zeit akribisch ein, in der sie arbeiten „mussten“. ich halte es mit den bewohnerInnen eines dorfs in mali. es gab dort einen webstuhl, der auf dem dorfplatz stand, wer lust hatte, webte. doch gab es keine arbeitspflicht. leistung und ehrgeiz waren in diesem dorf, das ich besuchte (und ich hoffe es ist noch so) keine sozialen werte. freude an der arbeit schon. und kunstvolles weben auch. dieses dorf stellte sehr beliebte gewebe her, die auch immer irgendwie fertig werden. so arbeite ich.“

(Quelle: Zitat Luisa Francia, luisa in münchen – 07.01.2011 um 09:30:13)

(Notiz an mich: Vielleicht sollte ich mal nach Mali gehen … oder zumindest die mir gesellschaftlich eingebläuten sozialen Werte überdenken?)

Königin für einen Tag?

King For A Day? Bobby Conn lässt grüßen.

Heute Vormittag fuhr ich mit der hehren Absicht ins Büro, in der Pause kurz in die nahe Bäckerei zu radeln und einen Dreikönigskuchen für unser heutiges kleines Büroteam zu holen. Kaum angelangt, offenbart unser aller Scheff uns, dass er in der Pause in die Bäckerei gehe um einen Kuchen zu holen. Soll er doch, denke ich, so habe ich mehr Zeit zum … Na, ihr wisst schon. Adressen updaten. Muss ja auch mal sein.

Später schließlich Pause. Kollegin A., die letztes Jahr Königin war, weil sie sich zielsicher auf das von mir angepeilte Stück, in dem ich den König wusste, ahnte, dachte, gestürzt hatte, ließ uns andern heute den Vortritt.

Bildquelle: http://gesalzen-gepfeffert.ch/schweiz_02.html

Kollegin M., die keinerlei Ambitionen hatte, erwischte prompt ein königloses Stück. Ich liebäugelte mit einem Stück auf der mir abgewandten Seite. Ja, da ist bestimmt der König drin! Bestimmt. Ich wusste es. Wie letztes Jahr.

Und, was tue ich? Ich nehme ein anderes Stück. Natürlich. Nach mir nimmt der Scheff das Mittelstück, verzichtet so zwar auf den potentiellen König, aber bekommt dafür am meisten Kuchen ab. Und was tut Kollegin A.? Ja, sie nimmt „mein“ verschmähtes Stück. Und wird wieder Königin.

Was sagt das über mich aus?, kritzle ich nach der Pause schnell auf ein Post-it, bevor ich weiter Adressen update. Wissen, wo der König ist, ihn aber nicht nehmen.

Für eine Antwort hat es nicht gereicht. Antworten und kluge Gedanken verdunsten eh alle im Laufe des Tages. Werden von den Wellen des Tages hinweg gespült und gehen zu Grunde. Da liegen sie dann und gammeln vor sich hin. Die einen werden womöglich zu Perlen und geraten vielleicht sogar eines Tages in die Hände einer Schatzsucherin.

Mag sein, dass ich auch schon Perlen anderer ans Licht geholt und sichtbar gemacht habe.

Alles nur Recycling …

kalte Hände

Rutscht mir ungefragt dieses neue Wort heraus, wie ich mit liebstem Irgendlink der Kälte draußen entflohen vor dem warmen Holzofen hocke. Wie wir da so beieinander sitzen, unsere kalten Hände wärmen und über die Perspektiven reden, die zuweilen die Sicht vernebeln. Schneewehen im Kopf. Zurechtschlimmen sage ich da. Schneewehen ums Herz. Blick hinaus fast unmöglich geworden. So habe ich mir mal wieder die Welt zurechtgeschlimmt. Alles weiß-grau. Einer dieser Tage eben. Ausgerechnet der erste des neuen Jahres. Eisiger Tag. Einer jener, an denen ich mir nicht vorstellen kann, dass jemals wieder Frühling wird. Wo ich zweifle, ob es je wieder ein Doch-wieder-weitergehen geben könnte. Schneewehen, wie gesagt. Und Nebel, Kälte innendrin. Zurechtsgeschlimmte Welt. Da weiß man, was man hat. Guten Abend. Immerhin.

Zurechtschönen tut da schon weniger weh.

Illusion beides. Illusion alles. Leere. Und Fülle ebenso.

Meine Biofestplatte, die voller und voller wird. Mit all dem Leerlauf und all den Überflüssen da und dort.Vielleicht werden wir deshalb je älter desto vergesslicher? All die Wörter, all die Gedanken, all die Erlebnisse, Erfahrungen, Verletzungen, Heilungen, Wunden und Glücksmomente – sie brauchen Platz. Leerraum. Knapper Raum. Defragmentieren wäre nicht schlecht. Und löschen. Oder reparieren.

Zurechtrücken statt zurechtschlimmen.

aus alt mach neu

Alles schon dagewesen. Das entjungferte neue Jahr präsentiert sich uns grau und verkatert wie wir gestern auf Geocache-Suche durch die Dörfer fahren. Überall liegt Müll. Vorwiegend Müll von Feuerwerkskörpern. In der Schweiz, so doziere ich, gibt es professionelle Feuerwerke und die werden an ausgewählten Orten inszeniert und recycelt. Oder zumindest fachgerecht entsorgt. So was wie hier – ich zeige dramatisch auf den nächsten Müllhaufen am Straßenrand – gibt es bei uns nicht. So schöne ich mir zuweilen meine Welt zurecht. Jenseits des Zaunes ist ja immer alles besser. Doch letztlich ist alles eine Frage der Perspektive.

Jahr für Jahr erliege ich der Illusion, Altlasten im alten Jahr belassen zu können. Ängste vor all dem Unabsehbaren, das auf mich wartet, zum Beispiel, Sorgen auch und all das ganze Zöix, das alt und neu auf meinem Schlauch liegt. Aber nein, kaum habe ich den unvermeidlichen Schritt ins Neue Jahr getan, ist dieser alte Müll auch schon mitgehüpft. Lässt sich denn das Ganze nicht irgendwie sinnvoll recyceln? Oder müsste das alles nicht gar zum Sondermüll?

Das ewige Hamsterrad von Werden und Vergehen. Wie Leben wohl wäre, wenn wir Zugriff zu unserer persönlichen delete-Taste hätten? Wäre ich so und hier wie jetzt? Und du? Und wäre es anders besser?

Jahresanfang auf den einsamen Gehöft …

Panorama aus dem Irgendlinkschen Küchenfenster, am 2. Januar.
Was so ein bisschen Sonne doch ausmacht?