wohin und woher

Part I

Wenn ich aufstehe, das zerwühlte Bett verlasse und Richtung Küche tappe, noch schlaftrunken, noch ohne Licht, noch erwachend, kann ich mir die Welt da draußen nicht vorstellen. Sie ist nicht. Es ist nur das, was ich jetzt bin. Nur ich. Ich und meine Träume, die langsam von mir abfallen. Ich und meine Visionen, meine Hoffnungen, meine Sorgen, meine Ängste.

Ich ziehe die Jalousien hoch. Sonnenstrahlen küssen den Küchentisch. Und den dort herum fläzenden Möbelprospekt, der als Beilage die Wochenzeitung eingedickt hatte. Betten. Perfekte Schlafzimmer, minimal möbliert, mit Kunstdrucken an den Wänden. Perfekt gemachte Betten, faltenlos wie die leichtbekleideten Damen, die sich darauf räkeln.

Sterile Betten, die so gar nicht nach Lust, nicht nach Liebe, nicht nach Leidenschaft aussehen.

Seltsam eigentlich, ist doch das Bett, ist doch das Schlafzimmer jener Ort, wo wir am meisten uns selbst sind. Ganz. Wild. Verträumt …

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Part II

5. Habe keinen Respekt vor der Autorität anderer, denn es gibt in jedem Fall auch Autoritäten, die gegenteiliger Ansichten sind.

Ein Satz, den ich neulich beim Blogroll-Surfen via Wildgans bei Zigeunerweib gelesen habe. Hat Betrand Russel gesagt. Unter anderem.

Nicht, dass ich den Satz so ganz unterschreiben könnte, aber die Essenz hat was. Jede Ansicht hat ihr Gegenteil – bloß: was war zuerst?

Diese Woche ergab es sich, dass ich für Internetrecherchen ein paar Mal hintereinander virtuell Zeitung gelesen habe. Wie bei Blogs lassen sich solche online-Artikel kommentieren. Und wie die guten alten Papierbriefe von Lesenden spiegeln Kommentare die Sicht der jeweiligen Gesellschaft wider. Ob es eine Durchschnittssicht ist, die da auf dem Bildschirm abrufbar ich, kann ich allerdings nicht beurteilen. Sowenig wie ich übrigens an sogenannt repräsentative Umfragen glauben kann. Sind nicht immer die eine Gesellschaftgruppen lauter und melden sich eher zu Wort als andere? Deshalb weiß ich also nicht, ob es repräsentativ ist, wenn auf einen kritischen Artikel mit eher rot-grünen Klang zur Wahl des Hardliners Amstutz in den Ständerat, vor allem braune Antwortschreibende das Wort ergreifen, den Artikelschreiber mit Wortmüll bewerfen und ihn gar einseitig nennen. Und drohen, Amstutz‘ Wahl, sei erst der Anfang gewesen … Mir stockt der Atem. Wohin gehen wir? Wir – als Gesellschaft, als einzelne?

Demokratie heißt nebeneinander leben, sich respektieren. Heißt kommunizieren, versuchen, andere Ansichten zu verstehen, heißt sich reiben ohne sich aneinander aufzureiben.

Habe zwar Respekt vor der Autorität anderer, doch denke daran, dass es immer Autoritäten gibt, die gegenteiliger Ansicht sind. Dein Respekt sei wohlwollend, aber nicht unterwürfig.
(by Sofasophia)

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Part III

Ich öffne die Haustüre. Sie ist die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, die Schleuse zwischen Innen und Außen. Fast unmerklich ziehe ich, sobald ich die Schwelle überschreite, eine Schutzhaut an. Traum, Wildheit, Geborgenheit lasse ich drinnen und betrete die kalte Welt da draußen.

Die kalte Welt?

Jede Ansicht hat ein Gegenteil.

bis bald?

Wir sind eben in Indien. So was kann schon mal dauern, werfe ich um halb neun in die gemütliche Runde. Vier meiner Freundinnen und Freunde sitzen mit J. und mir am Tisch. Abgesehen von den inzwischen unüberhörbar laut knurrenden Mägen ist die Welt in Ordnung. In bester Ordnung. Leise indische Musik im Hintergrund. Opulente bollywoodeske Dekoration. Gerüche von Kardamon, Koriander und Co.. Auch an Gesprächsstoff mangelt es uns nicht.

Eben habe ich die Geschichte von Walsers Buch, das J. am Freitag erjagt hat, zum Besten gegeben, als auch schon die wildesten Geschichten kursieren.

Wie T. wohl ist?, fragt K..
Bestimmt hat sie M., ihren damaligen Geliebten, der ihr das Buch gewidmet hat, umgebracht. Darum der neue Name unter ihrer Telefonnummer, mutmaßt A..
Hat es im Buch gar codierte Botschaften, die es zu knacken gilt?,
fragt J. Zum Beispiel: Wer befreit mich endlich von M.? Der schenkt mir Jahr für Jahr neue Bücher von Walser! Hilfe!
Oder ist sie gar nicht Opfer, sondern Täterin?, sage ich.

Auf einmal sitze ich wie neben mir und lasse die Jahre Revue passieren, die ich die Menschen in dieser Runde nun schon kenne. Der Kern meiner Schreibgruppe – oder so ähnlich. Wie viele selbstgeschriebene Texte haben wir zusammen schon diskutiert? Wie viel haben wir miteinander gelernt, erlebt, gelacht und erlitten? Und wie viele Biere haben wir zusammen getrunken? Auch haben wir besser gelernt zu kritisieren und Kritik anzunehmen. Wohlwollende Kritik, die weiterbringt. Wir haben Handwerkzeug kennengelernt und es miteinander getauscht und geteilt. Wir alle haben Fortschritte gemacht. Ein Stück Lebensschule war sie, diese Runde, denn jeder eigene Text ist ein Stück meiner selbst und die Auseinandersetzung mit seinem Inhalt, seiner Struktur und seinem Stil ist eine Auseinandersetzung mit mir selbst. Ich seufze innerlich, halb wehmütig, halb dankbar. Vielleicht sind Umbrüche und Umzüge und Neuanfänge dazu da, uns zum Loslassen, zum Innehalten, zum Dankbarsein aufzufordern?

Als das Essen endlich serviert wird, wir sitzen inzwischen schon seit zwei Stunden bei Tee, Lassi, Wasser und Bier am Tisch, seufze ich wieder, diesmal laut. Genüsslich. Wir teilen aus unseren Töpfchen, probieren dies und das und genießen das Zusammensein. Auch ein paar Wisst-ihr-noch-Geschichten machen die Runde und J. wird laufend über die Geschichte und die Geschichten unserer Schreibgruppe aufgeklärt. Am Anfang … später … damals …

S. mit seinen ewigen Heimkehrer-Geschichten, die er jeweils im zu jener Zeit aktiven Forum zum besten gegeben hat und unsere Nach-den-Schreibtreffen-Resümees waren lange Zeit Tradition. Fehlen sie mir? Schwer zu sagen. Ich gehe einfach immer weiter. Vorwärts. Rückwärts. Stolpere, falle gar hin, wie vorgestern im Wald, stehe wieder auf, putze mir die Blätter von der Hose und gehe weiter.

Wann ist das letzte Mal? Das letzte Mal im Könizbergwald. Das letzte Mal im Bremgartenwald. Das letzte Mal im Quartierladen einkaufen. Das letzte Mal im Maharaja essen.

Das erste Mal lässt sich genau definieren: Dann und dort, du weißt schon, dies und das war so und so. Das letzte Mal weißt du nie. War es jetzt schon, kommt es erst?

Fehlen werden mir nur die Leute, nicht die Erinnerungen, denn die nehme ich ja mit.
Besucht uns mal,
sagt J. beim Abschied.

Von Übergängen und anderem Überzöix

Übergänge wäre ein guter Titel. Oder genug. Nein, eher zu viel. Womit wir doch wieder bei den Übergängen wären, die sich irgendwo zwischen genug und zu viel im Niemandsland aufgebaut haben. Zollposten gleich.

Zwischen den rotweißen Balken stehe ich irgendwo. Zwischen drin. Weder innen noch außen. Noch nicht drüben und nicht mehr hier. Wie in einem der Lieder meiner Lieblingsband. (Nonid u schonümm, Seite 4) Kaum auszuhalten sind solche Phasen und mein Körper reagiert mit Erschöpfung. Seit vier bin ich wach. Das laut und schnell klopfende Herz ließ sind auch mit Baldrian nicht beruhigen. Um halb sechs, nach anderthalb Stunden mich hin- und herwälzender Unruhe, griff ich zum Krimi und konnte mich so zum Glück ein bisschen ablenken. Ablenken von all den Pflichten, die mich im Büro erwarteten. Zu viel. Zu viele Pflichten, die mir einerseits mein den Urlaub genießender Scheff aufgetragen hat, andererseits Pflichten, die zu meinem Alltagsjob gehören und dann auch solche, die mit meiner Funktion als Mitglied der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit zusammenhängen. Nicht zuletzt mein Anspruch von Perfektionismus. Besonders in Bezug auf die Übergabe meiner Aufgabenbereiche an meine Nachfolgerin, die vor drei Tagen angefangen hat.

Die Zeit, sie rennt. Sagen derzeit alle. Überall. Schreibt Irgendlink. Oder sie versteckt sich vor mir und macht sich klein.

Alles baut sich auf, scheint es mir, alles spitzt sich zurzeit zu, der Spannung vor einem Gewitter gleich. Alles verdichtet sich in meinem Leben und fokussiert das Monatsende. Das Finale in Bern. Täglich schieben sich neue ToDos in meinen eh schon ziemlich vollen Kalender. Dazu wollen mich liebe Freundinnen und Freunde nochmals sehen und Abschied nehmen. Und ich natürlich auch von ihnen. Mir ist, als würde ich nach Australien auswandern, nicht bloß in die Pfalz. Was im Grunde nicht viel weiter ist als in die Süd- oder Ostschweiz. Nur eben über die Grenze. Und das ist doch ein ziemlich großer Schritt, zugegeben.

Obwohl. Grenzen überschreite ich zurzeit täglich, meine ganz persönlichen. Nicht immer zum guten, leider, denn meine eigenen Ressourcen kommen kaum nach sich zu erneuern. Ich gestehe, ich fühle mich überfordert.
Wie eine Decke, an der alle ziehen,
sagte ich heute zu Kollegin M., meiner Nachfolgerin. Mein Körper bremst mich aus. Fieber, seit heute Morgen, nicht hoch, aber doch genug, damit ich begreife, dass ich entschleunigen muss. Zum Glück habe ich drei Tage frei.

Heute eine Einladung zum Mittagessen bei Freundin C.. Soll ich absagen? Mit Fieber werde ich keine tolle Besucherin sein, überlege ich ihm Büro. Nein, halt, ich will C. sehen!, entscheide ich und radle los. Zu spät zwar, aber besser als nie.
C., du hast mir das Leben gerettet!, sage ich ein paar Stunden später, beim Abschied. Little-F., der kleine Strahlemann und seine Mama winken zum Abschied. Mein mentales Gleichgewicht ist trotz des Fiebers wieder im grünen Bereich.

Heißes Bad, Grog, schlafen … hilft alles zusammen ein bisschen. Doch noch dröhnt der Kopf. Noch bin ich zu aufgekratzt um loszulassen. J. kommt heute Nacht, will in den nächsten fünf Tagen das Bern-Meisterwerk vollenden. Und mich sehen auch, natürlich, und ich ihn. Trotz meiner Erschöpfung, die sogar Vorfreude frisst.

Grad wünsch ich mir nichts sehnlicher als das ganze Überzöix wie Pflichten im privaten und im Berufsleben einfach wie eine Schlangenhaut auszuziehen, abzulegen und mich fallen zu lassen.

Im Blogarium

Ich innen drinnen.
Du außen draußen guckst durch Glas,
das trennt und das verbindet. Undurchschaubar.

Ein Kaihu nach Irgendlinks Definition. Die europäische Antwort auf Japans Haikus. 5-8-11 lautet die Formel.

Formel? Aber ja doch, denn alles will definiert werden, alles will geklärt sein. Alles will in unserer materiellen Welt geformt und gefasst, gezähmt und eingegrenzt sein. Ich gestehe, dass mich diese Machbarkeit zuweilen überfordert. In diesen Augenblicken fühle ich mich wie sich wohl meine Rennmäuse gefühlt haben müssen, die inzwischen längst alle – unumglast – im Mäusehimmel herumrennen.

Da war dieser Moment – ich hatte ein paar Freundinnen zu Besuch –, wo wir uns alle um meine Terrarien gestellt und den Mäusen beim Klettern und Knabbern, beim Turnen und Tanzen zugeschaut hatten, als Freundin B. sagte:
Vielleicht sind da, sie zeigte nach hinten, oben, außen und wir alle folgten gebannt ihrem Finger, der ebenso gut das Universum wie die Nachbarin im oberen Stock meinen konnte, vielleicht sind da welche, die größer sind als wir. Und die uns nun zuschauen, wie wir den Mäusen zuschauen, und die über unsere Klettereien und Liebes- und Lebenstänze fachsimpeln. Oder die sich, wie wir bei den Mäusen, über tier- will heißen, menschengerechte Haltung, den Kopf zerbrechen.

Vielleicht.

Menschengerechte Haltung: Ist das Batteriehaltung in Hochhäusern, ist das Mobilität in engen Bussen auf verstopften Straßen? Ist das Arbeiten eingeklemmt zwischen Ordnern, Shredder, ToDo-Listen und Rollschränken?

Hallo, ist da jemand?

Kater Findus flirtet mit Micro Rennmaus. Bild aus meinem Archiv.

La cigale et la fourmi

Da war diese Fabel. Im Französisch-Lehrbuch oder in einer unserer unzähligen Klassenlektüren. Was im Grunde egal ist. Sie war auf einmal da. Seither hockt sie in meinem Hinterkopf. Eines meiner kleinen Monsterchen namens la cigale et la fourmi.

Öl auf die Mühlen meines pubertären, sich entwickelnden Gerechtigkeitsempfindens. Die tolle, begabte, begnadete Grille, die den Mut hatte, das Leben zu genießen und auf das Rackern – um der Kunst willen – verzichtete! Wie arm sie am Schluss der Geschichte dran war! Daneben die reiche Ameise, die den Sommer über Vorräte gesammelt und an die Zukunft und an den kalten Winter gedacht hatte. Inbegriff des Kapitalismus. In dieser moraltriefenden Geschichte jene Figur, die auf der richtigen Seite steht.

Noch heute identifiziere ich mich mit der Grille. Wie sie habe ich eine Affinität zu Kunst, zu Schöngeistigem, zum Denken und Spinnen, zu Literatur und Schriftstellerei, zu Ausdruck, Weben und Genuss, kurz zum gegenwärtigen Sein. Schon nach Ende meiner Ausbildungen habe ich immer nur Teilzeit gearbeitet, auf die Karriereleiter verzichtet, kaum was auf die Seite gelegt und die freie Zeit für Kreatives als meinen großen Reichtum betrachtet. Meinen Ameiseneltern und ihrem Erbe verdanke ich es wohl, dass ich nicht verarmt bin. Alle stehen wir auf der richtigen Seite.

Es gibt für jedes Problem eine Lösung!, hat mir mein Vater mit auf den Weg gegeben. Bloß nicht aufgeben.

Auch Grillen müssen leben!, denke ich.

Und wenn Grillen und Ameisen miteinander teilen, was sie haben und was sie können, besteht Hoffnung – für beide Seiten.

(Notiz an mich: Eine Ameise! Wo ist meine Ameise? Ein Königreich für eine Ameise!)

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Heute habe ich diese alternative Version aus dem Netz gefischt:

„Es war einmal eine Grille, die das Leben liebte und mit ihren Freunden viel Spaß hatte. Diese Grille war durchaus bereit, eine ihr gemäße Arbeit anzunehmen, aber es stellte sich heraus, dass keiner der vielen Arbeitsplätze, die ihr angeboten wurden, für sie zumutbar war. Die Arbeitsagentur bestätigte sie in dieser Auffassung. Mit Verachtung blickte die Grille auf eine ihr bekannte Ameise, die sich bedenkenlos von den Kapitalisten ausbeuten ließ, und dies für eine Hand voll Euros. Die Grille zog es vor, ihre Zeit den schönen Dingen des Lebens, wie Wein, Weib und Gesang, zu widmen.

Es kam der Winter und die frierende Grille berief eine Pressekonferenz ein, in der sie zu wissen verlangte, ob es mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit vereinbar sei, dass die Ameise ein großes beheiztes Haus hat und Nahrungsvorräte im Überfluss, während andere in der Kälte litten und hungerten. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigte Bilder der fröstelnden Grille und in starkem Kontrast dazu Aufnahmen der Ameise in ihrem gemütlichen Heim vor einem Tisch voller Speisen. Führende Kommentatoren der Tagespresse zeigten sich schockiert über diesen krassen Gegensatz und fragten: „Wie ist es möglich, dass in einem so reichen Land so viel Armut zugelassen wird?“

Der Fall erregte landesweite Aufmerksamkeit und bald schaltete sich NEID (Nationale Einheitsgewerkschaft der Insekten Deutschlands) ein, deren Vertreter in einer populären Talkshow darauf hinwies, dass die Grille, die unübersehbar eine grüne Körperfarbe hat, das Opfer einer bisher schon immer latent vorhandenen Grünenfeindlichkeit geworden ist. Bekannte Persönlichkeiten der Popmusik gründeten die Initiative „Rock für Grün“ und alle Welt war gerührt, als ein von der britischen Königin geadelter Popstar auf einem Konzert dieser Bewegung das eigens für diesen Anlass komponierte Lied „It’s Not Easy Being Green“ anstimmte.

Sowohl Vertreter der Regierungs- als auch der Oppositionsparteien nutzten jeden öffentlichen Auftritt, um ihre Warmherzigkeit und ihr Mitgefühl zu zeigen, indem sie erklärten, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun würden, um der armen Grille ihren gerechten Anteil am allgemeinen Wohlstand zu verschaffen, dass die hartherzige Ameise es lernen müsse zu teilen und dass Einkommensunterschiede immer ein Ausdruck von Ungerechtigkeit sind.

Die Bundesregierung, der von Journalisten immer wieder vorgeworfen worden war, dass sie dieses brennende Problem aussitzen wolle, zeigte ihre Handlungsfähigkeit und legte im Bundestag ein „Gesetz zur wirtschaftlichen Gleichstellung grüner Insekten“ vor, das Ameisen mit einem Solidaritätszuschlag auf deren Einkommensteuer belegte. Dieser Gesetzesvorschlag wurde von allen Parteien des Bundestages angenommen. Von nun an lebten alle Mitglieder der Volksgemeinschaft in mitfühlender Geschwisterlichkeit und niemand störte es, dass aus unerklärlichen Gründen die Wirtschaftsleistung des Landes von Jahr zu Jahr zurückging.“

Quelle: http://www.mehr-freiheit.de/satire/solidar.html

dazwischen

Während mein Liebster grad eben an den unsichtbaren und feinen Dingen arbeitet und darüber bloggt und dabei die gedruckten Bücher anderer Bloggender erwähnt, klettere ich am Büchergestell herum und staple fixfertig gedruckte Bücher auf den Tisch. Auch ein paar handsignierte sind dabei. Bücher von Menschen, die ich persönlich kenne. Von Menschen, die den Mut hatten, ihre Manuskripte sichtbar zu machen. Von Menschen, die Verlage fanden. Von Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben …

Und wann wird DEIN Printblog erscheinen?, smste Irgendlink heute.
Wer würde den schon lesen wollen?, schrieb ich zurück.

Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Krö… , denke ich beim Sortieren der Bücher. Eine große Tasche steht hungrig für die aussortierten Bücher bereit. Bücher fürs Brocki oder für die Bücherborde meiner FreundInnen, ArbeitskollegInnen oder sonst wie Interessierten. Dazu läuft iTunes auf dem Lap. Gazpacho mal wieder, die ich vor einem Jahr rauf und runter gehört habe, bis sie mir ein wenig verleidet sind.

Wie viele Bücher ich habe! Wie viele Geschichten! Die meisten gelesen, doch auch ein ganzes Tablar ungelesene haben sich im Laufe der Jahre bei mir eingefunden. Da und dort gekauft oder geschenkt erhalten und für später aufgehoben. Wie viele Buchstaben! Eigentlich ja immer die gleichen sechsundzwanzig, bloß immer wieder anders zusammengesetzt. Zu immer wieder neuen Choreographien versammelt. Und doch ist jede Geschichte längst erzählt. Wie Wasser, das wiederkehrt. Wie Kompost, der zu Erde wird, dann Frucht und wieder Kompost. Mist. Ewiger Kreislauf. Die Gedanken ebenfalls. Und das Spinnen auch. Denken und loslassen. Schlafen und wachen. Spirale, ewige.

Doch jetzt grad bin ich die Frau fürs Grobe. Zwischendurch fließen die Tränen, wenn mir das eine oder andere in die Finger kommt. Feine Tränen, die schmerzhafte Erinnerungen wandeln helfen. Wie Regen, der den trockenen Boden wässert und neues Leben möglich macht.

Während ich Kiste um Kiste fülle und dabei Musik höre, wird mir bewusst, wie reich ich bin. Nicht die Materie meine ich. All die Geschichten, die ich in mir trage.

Stacheln im Fleisch

Es ist kurz vor drei. Nachts. Die Füße in einem Becken Warmwasser, das braun von der Erde ist, die sich langsam auflöst. Seit einer Viertelstunde bin ich wieder zuhause. Obwohl ich auch dort, wo ich herkomme, zuhause bin. Geographisch ebenso wie mit dem Herzen. Was für ein Tag!, denke ich, während ich die Füße trockne und mit der Pinzette ein paar kleine Stacheln aus den noch winterweichen, hornhautfreien Fußsohlen pulle. Was für ein Tag!

Normalerweise ist der Freitag mein bürofreier Tag. Wie schon der Name sagt. Doch weil mein Scheff, der in den letzten Tagen eh nur noch rumgenervt hat, seit Donnerstag in den Ferien ist und ich seine inoffizielle Stellvertreterin bin … Kurzer Sinn der halbgaren Vorrede: Ich traf mich, zusammen mit Kollegin U. aus unserer Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit gestern Nachmittag mit dem Bühnenkünstler und Bestsellerautoren P. L. und der Programmteilnehmerin T. H. um den Ablauf einer Werbekampagne für unser Hilfswerk, die in fünf Wochen über die Bühne geht, zu nageln. Es galt sowohl P. L. und T. H. miteinander bekannt zu machen, als auch – unter Einbezug derer Ideen – ihnen unser Konzept zu kommunizieren und es so weit zu definieren, dass wir es publizieren können. Eine Angelegenheit, die mir im Voraus einige Nervosität beschert hat. Werden sich die beiden verstehen und sympathisch finden? Und werden sie unsere Ideen gutheißen, gar mitdenkend eigene Anregungen beitragen?

Selten hat mir eine Arbeitssitzung so viel Spaß gemacht. P. L. ist ein toller Mensch und sehr engagiert, T. H. ist zwar noch sehr unsicher, ist sie doch erst seit zwei Jahren in der Schweiz, doch sie ist unglaublich motiviert und motivierbar und es war eine richtig tolle Stimmung am Tisch. Die Sitzung dauerte sogar weniger lang als gedacht, weil wir so sprudelnd und effizient arbeiteten.

Was tut frau, die sich seit Wochen ziemlich unter Druck fühlt und gerade eine Herausforderung gut gemeistert hat? Die auf einmal eine halbe Stunde Zeit geschenkt bekommt, bevor die Reise weitergeht? Die sich eine kleine Belohnung gönnen will, zumal sie mitten in der Einkaufsmeile Berns steht? Ja. Sie konsumiert! Zumal sie gleich um die Ecke das verführerische Schild eines Schuladens blinzeln sieht.

Der Frühling kommt bald, sage ich mir. Jetzt habe ich ja noch Geld. Es ist, wie fast immer, wenn ich Schuhe kaufe, Liebe auf den ersten Blick. Und natürlich passen sie wie angegossen. Nur der Preis lässt mich drei Mal leer schlucken. Darf ich mir das leisten? Das ist fast ein ganzer Arbeitstag, in Schweizer Dimensionen gedacht. In deutschen gar ein Wochengehalt – je nach Arbeitsstelle. Als ich dann noch den hölzernen Schuhlöffel schön drapiert herumliegen sehe und sich die Verkäuferin rührend um mich kümmert, beschließe ich, die Wirtschaft anzukurbeln.

Ich zahle mit Karte. Das heißt, ich will mit Karte zahlen. Das Gerät zickt – schon den ganzen Tag, wie mir beschieden wird. Ich sehe nichts auf dem Display, mache einfach was Verkäuferin Nr. 1 mir sagt und gebe den PIN ein. Bei Abbruch Nr. 3 fängt sie an zu hypern und ruft nach Tämmi, einer Kollegin. Die mit dem goldenen Technikhändchen. Nun klappts. Da ich keine Anzeige habe, kontrolliere ich zumindest den Beleg, den sie mir reicht. Tämmi ist leider Zahlenlegasthenikern und hat mir sechsunddreißig Franken zu viel abgeknöpft. Ich lache und frage, ob sie mir das zu viel verrechnete Geld in bar geben könne. Geht nicht, sagt sie. Also nochmals Karte rein. Wir albern über Technik. Verkäuferin Nr. 1. schenkt mir ein Imprägnierspray zum Trost. Mit der richtigen Quittung in der Hand, den richtigen Schuhen an den Füssen und dem richtigen Grinsen im Gesicht verlasse ich das Geschäft, radle nach Hause, wechsle die Schuhe, packe die große Tasche mit den Decken, Tüchern und dem Taboulé für danach und fahre mit Sternchen, meinem guten alten Toyota, in meine alte Heimat.

Auf einmal fällt der ganze Druck der letzten Tage ab. Zwar hat es unglaublich viel Feierabendverkehr, doch richtig Stehstau hats nicht. Mich kann jetzt nichts mehr aus der Ruhe bringen. Ich komme sogar rechtzeitig zu spät im Wald an. A. ist auch erst angekommen. Mein alter, neulich wieder getroffener Bekannter. Weil er noch B. und J. am Bahnhof abgeholt hat, ein herziges Pärchen, das ebenfalls an der Schwitzhütte teilnimmt, sind sie ebenfalls eine halbe Stunde zu spät da. Zum Glück war ich nicht pünktlich. Zuerst bin ich ein wenig enttäuscht, dass wir nur zu viert sind und A. somit Feuerhüter und Zeremonieleiter sei muss, sein wird. Doch im Nachhinein muss ich sagen, es war perfekt. So eine kleine Gruppe in einer Schwitzhütte ist auch mal schön.

Ich habe schon Hütten – früher, in vergangenen Leben – erlebt, wo wir sogar in zwei Reihen saßen und uns kaum rühren konnten. Meist jedoch habe ich das mir so wertvolle Ritual in Gruppen mit zehn bis fünfzehn Leuten erlebt. Wie gesagt: früher. Seit ich wieder in Bern gelebt habe, habe ich zwar die eine oder andere Hütte besucht, nie aber wirklich das Gefühl gehabt, meine Gruppe gefunden zu haben. So ließ ist es eben bleiben. Bis ich A. vor einem Monat beim Trancetanzen wiedertraf, bei dem ich früher ein paar Hütten besucht hatte. Mit seiner Einladung in der Hand wusste ich: Ich will da hingehen.

Später am Feuer, das die Steine zum Erglühen bringt, kann ich nicht mehr verstehen, dass ich am Morgen noch ans Absagen gedacht hatte. Weil ich doch so viel zu tun habe, bei der Arbeit und zuhause. Umzugkisten packen. Putzen. Einkaufen. Bürokram.

Alles kalter Kaffee. Im Wald. Am Feuer. Ich bin ganz ruhig und fühle mich zuhause. Gespräche, die sich um die persönliche Entwicklung drehen. Dazwischen Lachen. Anekdoten aus dem Alltag eines Werklehrers, die A. beiläufig einstreut.

Wie ich es liebe, im Schwitzhüttenkreis zu beten. Zuerst mit der Gebetspfeife, später ohne. Beten – ein Wort, das ganz viele Assoziationen auslöst, ich weiß. Ein heikles Wort. So wie ich es brauche, so wie wir es bei Ritualen anwenden, meint es einfach unsere Rückbesinnung, unsere Rückverbindung mit der spirituellen Mitte in allem. Das Ahnen, das Bewusstsein, dass alles miteinander verbunden ist, bildet schon viele Jahre meinen spirituellen Kern. Im Kreis benenne ich meine Ängste und verbinde mich sehr bewusst mit meinem Lebensmut.

Nein, kein Hokuspokus, kein Spektakel. Im Stockdunkel und in der Hitze der Hütte wird alles gewandelt, kann ich alles loslassen. Ein bisschen wie Sterben und Wiedergeburt. Die Hütte als Bild für den Mutterleib. Alchemie pur. Holz, zu Glut und Asche geworden, hat die Steine zum Glühen gebracht. Zu Dampf verwandeltes Wasser, über die in der Mitte der Hütte liegenden, glühenden Steine gegossen, hüllt uns ein. Atemluft, so heiß, dass die Gedanken nicht mehr dem Kopf, nur noch der Intuition gehorchen können.

Wir beten für uns. Wir beten aber auch für Menschen, die uns lieb sind. Und wir singen viel. Wir sind. Wir sind still. Wir sind Schweiß. Und irgendwann, die Unerträglichkeit der Hitze ist beinahe erreicht – hundert Grad mindestens bei hundert Prozent Luftfeuchtigkeit – gebären wir uns neu. Kriechen aus der Hütte. Und ich kann nicht anders als jubeln. Leben, ist hab noch was vor mit dir!

Später, am Feuer, stellen wir fest, dass es schon halb eins ist. Was? Über drei Stunden waren wir da drin? Wie immer nach einer Schwitzhütte erstaunt es mich, wie ich im Ritual aus der linearen Zeitwahrnehmung falle. Mein iPhone sagt, wann J.s und B.s letzter Zug fährt. Wir essen etwas kleines, räumen auf, umarmen uns herzlich und fahren nach Hause. Zurück ins Leben. Darum geht es. Ein Ritual ist nur dann ein gutes Ritual, wenn es mir dabei hilft, meinen Alltag zu leben. Mit allen Sinnen. Selbst wenn ich danach Stacheln aus den Fußsohlen pullen muss.

Spiegelimspiegelimspiegel

Du meinst also, du weißt, wie ich ticke. Schließlich bist du Stammleserin, Stammleser. Stimmt’s?
Du kennst mich
a.) sogar persönlich
c.) zwar nicht direkt persönlich, aber dafür meine Schreibe.
Jedenfalls glaubst du zu wissen, wer ich bin. Dein Bild ist gemacht. Du denkst: Sofasophia ist so, denkt so, macht so … möglicherweise liegst du mit der einen oder anderen Annahme sogar goldrichtig.
Aber …

Und ich? Ich meine, zu wissen, wie du tickst. Ich kenne schließlich dein Blog/deine Mails/dich schon lange. Ich habe dich
a.) zwar noch nicht
b.) sogar schon einmal
c.) schon oft persönlich getroffen.
Jedenfalls glaube ich zu wissen, wer du bist. Mein Bild von dir ist gemacht. Ich denke, XY ist so, denkt so, macht so und möglicherweise liege ich mit dem einen oder anderen Gedanken sogar goldrichtig.
Aber …

… was wir voneinander sehen, sind Ausschnittchen. Selbstdarstellung kleiner Ausschnitte meiner Welt, deiner Welt. Von dir ausgewählt, von mir rausgepickt. Rosinen. Misthaufen. Zurecht geschönt, zurecht geschlimmt. Zoom. Das Spiegelbild im Spiegelbild im Spiegelbild. Immer kleiner und kleiner wird es, je genauer wir hinschauen. Immer unklarer, unschärfer.

Selbst wenn ich alle deine Blogtexte, alle deine Bilder, alle deine Mails oder alle unsere Gespräche verinnerlicht hätte, sie immer und immer wieder gelesen und betrachtet und erforscht hätte, oder du meine Schreibe, meine Bilder oder meine Aussagen bis ins Detail studiert hättest – wer ich bin, kannst du nur ahnen, wer du bist, kann ich nur ahnen. Eine Illusion, jemanden wirklich verstehen zu wollen, ganz verstehen zu können.

Ich will dich immer wieder überraschen. Und
ich will mich von dir immer wieder überraschen lassen.
Ich will dir und mir Raum geben für Veränderungen.
Ich will querdenken und rückwärtstaumeln dürfen, aber
ich will mir auch erlauben, für einmal ohne Umwege von A nach B zu gehen und Ziele erreichen zu können.
Ich will mir erlauben, es mir grundlos gut gehen zu lassen.
Ich will meine Prinzipien, falls ich denn welche habe, immer mal wieder fallen lassen und ihnen untreu werden, wenn es der Sache dient, der Entwicklung meines Lebens.
Ich will mich immer wieder neu begreifen und vor allem
will ich mir immer in die Augen schauen können.

Hailaiz

Okay, das müsste natürlich Highlights heißen, aber Hailaiz ist kürzer und schreibt sich leichter. Und überhaupt, wir könnten so viel Zeit sparen, wenn wir die Rechtschreibung vereinfachen würden. Nein. Darüber will ich jetzt nicht schwadronieren. Weder über Zeit und Geld und Sparen noch über Recht- und Linkschreibung (die noch erfunden werden wird. Irgendwann).

Heute will ich tun, was im Hochglanzheft stand, dass ich bei meiner Hof-Friseuse gelesen habe. Über das Glücklichsein im Alltag, um dem phösen Stress ein Schnippchen zu schlagen. Zehn Tipps. Einer davon hat, wen wunderts, mit Dankbarkeit zu tun. Sich jeden Abend an die Hailaiz des Tages erinnern, solle mensch, und für all die guten Dinge dankbar sein.

Tu ich jetzt. Und für die von gestern auch gleich. Weil … eigentlich hat ein Hailait von heute schon gestern Abend angefangen. Weil ich an der Kasse warten musste. Das hier:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=433nDJyV1Cg]

Gestern nämlich, im genossenschaftlichen Großverteiler mit den vier orangen Kleinbuchstaben, wartete ich – wie gesagt  – an der Kasse, ließ meine Augen herumspazieren und entdeckte auf dem rot getitelten Boulevardblättchen oben rechts ein Bild meines Lieblingsrockmusikers … Zusammen mit Sina. Muss ich googlen, zuhause, notierte ich im Geist. Tat ich auch, eine Stunde später, und fand obiges Video. Keine Ahnung, wie oft ich es heute schon auf meinem iPhone gehört habe … 🙂

„… müesst gränne vor Glück …“ Gopf, wie romantisch ich drauf komme, wenn das Stück läuft!

Draußen vor der Tür – noch immer auf dem Heimweg, noch immer bei besagtem Großverteiler – erwartet mich mein Stahlesel. Verdutzt betrachte ich die Frau, die ihre Einkäufe in meinen Fahrradkorb gestellt hat und nach ihrem Fahrradschlüssel kramt. Versteckte Kamera?

Öhm, sorry, darf ich bitte mein Rad wieder haben?, sage ich lächelnd. Nun ist sie verdutzt und stammelt im schönsten Walliser Deutsch – was mich natürlich an Sina erinnert und daran, dass ich zuhause Sina und Büne googlen muss – dass sie das falsche Rad angepeilt habe. Weil … sie habe sich heute dasjenige ihrer Nachbarin ausgeliehen. Kenne es nicht gut. Es sei eben auch silbrig wie meins. Sie schaut sich um und deutet auf einen schnittigen Bergler. Ob ich tauschen soll? Na ja, einen Korb kannst du auf dem Mounty nur schwer montieren …, denke ich. Da bleib ich doch lieber meinem Göpel treu. Lachend wünschen wir uns einen guten Abend. Ich grinse noch, als ich Minuten später mein Treppenhaus hochsteige.

Heute Morgen. Auf dem Weg zur Arbeit. Effingerstraße stadteinwärts. Rechterhand alte Stadthäuser. Im ersten Stock treten im gleichen Augenblick – in schönster Spontanchoreographie, die nur das gelebte Leben schreiben kann – eine ältere Frau und ein älterer Mann auf ihre Balkons und schauen auf die Straße herunter. Die Frau sieht sich um und entdeckt ihren Nachbarn. In harmonischer Symmetrie winken sie sich einen Guten-Morgen-Gruß zu. Wie jeden Tag?

Am frühen Mittag bei C., meiner Hof-Friseuse. Ich atme ihr Glück ein während ich sie zur Begrüßung küsse.
Frisch verliebt?
Jaaaa … und wie! (Stammleserinnen erinnern sich.)
Ich freue mich so für dich! Noch ein Hailait! Ein weiteres ist ihre Haarwäsche. Und der Austausch mit ihr. Tolle C.!
Ich werde dich vermissen, sagt sie.
Ich dich auch. Und das meine ich so. Ich werde mir dich nicht mehr leisten können, wenn ich nicht mehr hier wohne, sage ich theatralisch.
Aber wir sehen uns trotzdem ab und zu!?
Und wir schreiben uns, gäll!?
Bestimmt!

Gopf, so viele liebe Menschen kenne ich hier. So viele Erlebnisse, Erfahrungen, Erinnerungen habe ich hier gemacht. Nein, es wird mir nicht leicht fallen, von hier wegzuziehen. Dankbarkeit erfüllt mich, während ich am Abend, nach einer Marathonsitzung, endlich nach Hause radle, die Wohnung betrete, Badwasser einlaufen lasse und dabei in Gedanken diesen Artikel hier kreiere.

Später dankbar all die tollen und ermutigenden Kommentare lesen, die meine BlogbesucherInnen hier hinterlassen. Faule Bloggerin ich, die nicht mal Kommentare beantwortet! Lesen tu ich alle. Immer. Dankbar.

heute

Eigentlich, sagt meine Freundin C., eigentlich ist niemand wirklich frei. Niemand! Alle sind wir doch an unsere im Laufe des Lebens heruntergeladenen Programme gebunden. Sie diktieren unser Handeln. Wir alle sind eben irgendwo irgendwie aufgewachsen und alle sind wir irgendwo und irgendwie imprägniert mit christlichen, ethischen, sozialen, asozialen oder sonst wie scheinheiligen Verhaltensmustern, nach denen wir handeln oder ein Handeln verweigern. So ist niemand frei von irgendeiner Doktrin. Freie Meinungsbildung ist eine Illusion.

Ja, eigentlich wäre wirkliche Freiheit das totale Wegfallen jeglicher Prägungen, denke ich. Ob eine solche Freiheit erstrebenswert ist oder nicht, ist eine andere Frage. Wie frei wären wir wirklich ohne jegliches Grundgefühl für Werte?
Aufpassen, Sofasophia, nicht werten ist das Gebot des Zeitgeistes, nicht verurteilen! Was weißt du schon, wie andere ticken?

Urteilen oder gar verurteilen will ich nicht, nein, mich nicht und andere auch nicht, dennoch will ich meinen Werten, meiner Spur von Gut und Böse, von Richtig und Falsch, weiterfolgen. Ob sie nun richtig oder falsch ist. Wer anders als ich, kann das für mich bewerten? Schon wieder Wertung? Nein, nicht aus Prinzip folge ich meiner Spur, das nicht, doch mit einer mir eigenen Konsequenz, die wohl zu meinem Überlebensstrategien-Repertoire gehört, handle ich, ruhe ich, lebe ich so gut ich kann. Auch auf die Gefahr hin, deshalb nicht wirklich, nicht ganz frei zu sein. Ja, mir selbst will ich gehorchen. Und gehören. Gleicher Wortstamm. Diese Unfreiheit gönne ich mir. So ähnlich debattiere ich in unserer Unfreiheitsdebatte mit C. und bestätige damit ihre These.

Und ich weiß auch, dass ich eben – wie sie sagte – nicht nur mein Lied, sondern auch jenes meiner Gesellschaft, jenes meines Umfeldes zwitschere. Habe ich denn eine Wahl? Und ist die Aussage, dass ich lebe, wie ich lebe, ist, weil ich so leben will, wirklich wahr oder ein fauler Kompromiss?

Früher haben solche Gedankenketten wahre Abgründe in mir aufgerissen und sind zu immer neue Aspekten herangewachsen, die mich von innen und von außen zugleich aufgefressen und sich gar angemessen haben, zu bahaupten, stärker zu sein als ich. Heute kann ich solcherlei denken ohne zu stolpern. Neu gewonnene Freiheit oder eher Resignation und Kompromissbereitschaft? Können wir wirklich kompromisslos leben?

Ist vielleicht wahre Freiheit der Verzicht darauf, jederzeit zu tun und zu lassen, was ich will, stattdessen das zu tun, was jetzt genau die Situation, die Umstände, das Leben um mich her und in mir drin verlangen? Freiheit sei der freie Wille, jederzeit auf das aktuelle Leben zu reagieren.

Vielleicht.