Eden

Der Traum von Paradies, wer träumt ihn nicht? Mindestens ein bisschen.

Gestern haben wir uns Straßenkarten für die Urlaubsreise im Juli gekauft. Vorfreude ist eben die schönste Freude. Im Bett liegend sich durch Kartenlandschaften zu träumen – so schön. Besonders, wenn es Träume sind, die sich umsetzen lassen.

Einen ganz anderen Traum vom Paradies haben wir uns gestern Abend im Kino angeschaut.

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Mit sehr gemischten Gefühlen habe ich mir diese Geschichten aus jenem kleinen Berner Mikrokosmos im Westen von Bern zu Gemüte geführt. Ein wenig traurig hat er mich schon gemacht, dieser Film, denn kaum einer der gezeigten Menschen schien wirklich glücklich zu sein. Doch immerhin ein wenig glücklicher als er oder sie wäre, hätte sie ihr Stück Garten nicht.

Und wovon träumt ihr?

Nabel der Welt

Die kleine I., wunderbares, dreijähriges Menschenkind, neu und zugleich weise, ist – wie wir alle, wenn wir zur Welt kommen – noch davon überzeugt, Nabel der Welt zu sein. Jene Mitte, um die sich alles dreht. Eigentlich habe ich ja primär ihre Mama T. besucht, aber das ist für I. kein relevantes Thema.

Diese Erwachsenen aber auch! Was die auch immer zu reden haben? Bereits beim Spaziergang durch Feld und Wald redeten sie die ganze Zeit. Sooo langweilig! Und nun schauen sie sich auch noch so langweilige Papierbilder an. Immerhin lassen die sich gut zusammenschieben und wieder auffächern. Und in die Umschläge zurückschieben. Das macht eine Weile Spaß. Doch lieber würde ich ja mit Ophia spielen, denkt die Kleine und ist erst wieder glücklich, als Ophia mit ihr Kesseldrehen spielt und sie durch die Luft wirbelt. Warum Ophiaeigentlich heißt sie ja Sophia – aber erzählt, dass ich das letzte Mal noch viiiel kleiner war, verstehe ich nicht. War ich denn nicht immer so wie jetzt? Größer werden? Pah, so was absurdes! Wieso soll ich wachsen, aber Papa und Mama nicht?

Ich kann förmlich sehen, wie die Kleine nachdenkt und ich meine, mich vage an meine eigenen Gedanken zu erinnern, die ich hatte, als ich so klein war – pardon, so groß wie I. jetzt.

Vielleicht ist ja reif sein, reif werden, erwachsen sein, so denke ich auf dem Heimweg in die Stadt, wenn ich begriffen habe, dass ich zwar nicht der Nabel der Welt bin, aber dennoch mit viel Selbstliebe gut zu mir schauen darf und dies nicht vom Rest der Welt erwarte. Wo doch eh alle andern irgendwie damit beschäftigt sind, um sich selbst zu drehen. Ja, dass ich zwar nicht der Nabel der Welt bin, aber trotzdem wertvoll. Dass ich nicht der Nabel der Welt bin, aber auch nicht dessen Gegenteil.

Aufgaben aufgeben?

Am ersten Juni-Sonntag vor einem Jahr, es war der siebte, gebar ich dieses Blog hier. „Gefüllter Becher“ hieß mein erster richtiger Blogeintrag. Die Texte davor hatte ich aus meinem vorherigen Webtagebuch kopiert, das ich schon seit paar Jahren im Wochentakt geführt hatte.

Happy Birthday, murmle ich mir zu. Jahrestage mag ich nämlich. Den Jahresringen eines Baumes ähnlich nehme ich sie zum Anlass hinzuschauen und innezuhalten. Na ja, innehalten tu ich heute schon den ganzen Tag. Wie eine faule Fliege hänge ich rum und lese. Die Hitze, die eine Hitze kurz vor dem Gewitter ist, drückt mich in die Kissen und macht mich apathisch. Eigentlich lockt der kühle Wald. Eigentlich hätte ich eine kleine Wanderung machen wollen. Oder zumindest eine kleine Radtour. Joggen werde ich noch. Vielleicht.

Verrückte Sache irgendwie: Für jene Tage, die ich ganz alleine mit mir verbringe, nehme ich mir oft ganz viel vor. Eine entsprechende Liste liegt auf dem Schreibtisch. Kreative Aufgaben am PC oder Dinge wie „Mal wieder ins Oberland fahren!“ oder „mich bei S. melden“ stehen drauf . Na ja, sich etwas vorzunehmen und es dann doch nicht tun – vielleicht ist ja das die wahre Freiheit?

Oder dies hier:

Doktor Munthe nickte beifällig: „Ich beneide Sie um die Aufgabe, die Sie sich selbst gestellt haben. Der Mensch lebt von den Aufgaben, die er sich selber stellt. Je eher wir erkennen, dass unser Geschick in unserem eigene Kopf liegt, desto besser für uns. Glück können wir nur in uns selbst finden.“

(S. 493; „Der König von Luxor“ von Philipp Vandenberg. Historischer Roman über die Entdeckung des Grabes von Tutenchamun durch Howard Carter. Bastei Lübbe)

In vollen Zügen

Ich lasse mich in die Polster des Zuges fallen. Des falschen Zuges. Will heißen, jetzt und hiermit der richtige. Den ersten richtigen habe ich verpasst. Die berühmte Minute. Was sage ich – die alles entscheidenden fünf Sekunden! Wo ich sie hätte sparen können? Beim Ticketautomaten bestimmt, denn ich habe dummerweise mein Ticket bei einem Automaten, der nur Plastikgeld annimmt, gelöst, was immer länger geht. Code eintippen und so. Früher zuhause losfahren hätte ich sollen, ganz einfach. Und mich unterwegs nicht aufhalten lassen. Der Typ im Lieferwagen in der Einbahnstraße, der nichts davon wissen wollte, dass jene kleine Straße, in der ich ihm entgegen fuhr, für Fahrräder zugelassen ist und der für sich die ganze Straßenbreite in Anspruch nahm, so dass ich absteigen musste – mindestens fünfzehn Sekunden hat der mich gekostet. Der hupende Postautofahrer, der mich daran erinnerte, dass ich eine Stoppstraße missachtet habe – allerdings ohne jemanden zu gefährden wohlverstanden – hat mich zwar keine Zeit, dafür ein paar Deziliter Adrenalin gekostet. Nein, ich kann niemandem die Schuld geben. Ich bin einfach zu spät losgefahren. Punkt.

Züge warten nicht. Auf der Treppe bin ich, als er losfährt. M***! Ich spüre, wie mir nach einem ruhigen kreativen Tag zuhause das Feierabendgedränge auf dem großen Bahnhof zu viel wird. Wie andere das bloß aushalten? Ein kleiner soziophobischer Schub. Zum Glück kommt der nächste Zug nach Burgdorf schon bald und zum Glück finde ich sogleich ein freies Abteil. Und zum Glück gibt’s Handys.

Endlich Ruhe im noch fast leeren Zug. Zwei Minuten später wälzen sich zehn Sechsjährige samt ihren Betreuerinnen ins Nachbarabteil. Fertig Ruhe! Wer will eine Rakete?, fragt eine der Betreuerinnen. Ich, ich, ich.

Nein, ich nicht. Ich nehme Reißaus. Natürlich liebe ich Kinder. Sehr sogar. Aber nicht jetzt. Nicht nach einem verpassten Zug. Nicht nach einem friedlichen, ruhigen Tag. Nicht, wenn es so heiß ist. Im nächsten Wagen sehe ich nur ältere Leute. Wieder lasse ich mich in die Polster fallen. Bestimmt ist es hier ruhiger. Weit gefehlt. Diese Seniorinnen und Senioren sind kaum leiser. Irgendwie gleichen sie in ihrem Rededrang den Kids von vorhin. Wie viel sie sich zu erzählen haben.

– Ah, du fährst auch noch Fahrrad!
– Fünfundsiebzig bin ich!
– Und ich fahre noch Mofa. Bin zwar neulich im Wald gestürzt.

(Was, du kannst schon Rad fahren?, hätten meine kleinen Nachbarn im ersten Abteil gefragt.)

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so alt werde, sagt eine alte Frau später. Andere sterben mit fünfundvierzig. Habt ihr von Vreni H. gehört? (Ooops, so alt werde ich in ein paar Tagen … *grmpf* will aber nicht sterben …) Wir haben es uns ja nicht ausgelesen, sagt eine andere Seniorin. Jeder hat halt seine Zeit.

Später, mit F. und zwei Hunden im Wald über Burgdorf, wo wir einen langen Spaziergang über die Flüh machen und nebenbei einen Cache heben, geht es mir wieder gut und auch wir haben uns viel zu erzählen. Auch ohne Raketeneislutscher und ohne Mofaunfälle.

Spät nachts muss ich offenbar unterwegs irgendwo meinen mp3-Player verloren haben. Heute jedenfalls konnte ich ihn nirgends finden. Oder war da gar ein Taschendieb am Werk, da aus meinen Jackentaschen eigentlich nicht so leicht etwas rausfallen kann? Womöglich liegt das Ding sogar irgendwo in meiner Wohnung und ich sehe es bloß nicht?

Eins ist sicher: die Seniorinnen von gestern würden über mich lachen!

Von Ampeln und anderen Gespenstern

Jedem Tag seinen Genuss erlauben!, denke ich beim Erwachen. Jedem Tag die Möglichkeit geben, sich mir von seiner schönsten Seite zu zeigen. Auch dem Regen. Jetzt sein. Jetzt genießen. Die Dusche zum Beispiel. Meinen Sonnengruß Richtung Regenschauer. Eine Feige knabbern. Saft trinken. Auf dem Rad Musik genießen. Pfeifend den im Regen stehenden Menschen an der Bushaltestelle ein Lächeln schenken. Mich an der Kreuzung übers Rotlicht zu freuen, über diese kleine Pause vor der Weiterfahrt. Nicht an die überübernächste Kreuzung denken. Sie kommt eh. Nicht eher und nicht weniger bald, als wenn ich jetzt schon grüble, ob ich den Weg links oder jenen rechts nehmen soll. Nein, sie kommt nicht. Ich komme. Ich gehe auf sie zu. Vorwärts.

Im Büro endlich mal wieder das Gefühl, nicht nur Feuer zu löschen, sondern Liegengebliebenes und Aktuelles gleichermaßen bearbeiten zu können. Und endlich mal wieder das Gefühl von rechtzeitig statt zu spät etwas tun können. Da schreit Kollegin G. um Hilfe und IT-Superuser Sophia rennt in deren Büro. Alle Mails von G. sind weg und die Leute unserer Hotline nicht erreichbar. Ich muss entscheiden, schließe das Programm, starte neu auf. Hokuspokus und die Mails sind wieder da. Datenverlust – ein Schreckensgespenst der modernen Menschen! Wir sind ihm einmal mehr durch die Maschen gehüpft. Glück gehabt.

Auf dem Heimweg wieder die Kreuzung samt Ampel. Ampeln Plural. Vier. Und alle vier zeigen rot. Ungefährdet radle ich an der Autoschlange vorbei und biege – das rote Verbot missachtend – rechts ab, weil ich zur Post muss. Noch immer rot. Noch immer warten alle Autos. Warten gemeinsam auf grün. Hundert Meter weiter, im Rückspiegel, stehen sie noch immer. Alle. Wie lange noch?

Nicht warten

Leben. Nicht irgendwann. Jetzt. Nicht
im Konjunktiv. Nicht
Morgen. Nicht „wenn –
dann“. Jetzt. Die Später-
Falle sehen und überhüpfen. Wie
einen Gully. Immer ist Gegenwart. Auch
gestern und morgen. Früher war früher
jetzt, später später mal und Zukunfte
sind Plural. Viele Wege. Einen
nur kann ich gehen. Selbst-
bestimmt. Den Richtigen durch
meine Wahl. Alles. Freunde auch.
Arbeitsstellen. Zuhause-Dächer.
Lieblingsmenschen ganz besonders. Ent-
scheidungen sind schwierig, bis sie ge-
troffen sind. Dann gehen. Bis zur
nächsten Kreuzung. Jetzt gehen. Nicht
im Konjunktiv leben.

… leben sie heute noch.

Tja, und da ist sie wieder, Sofasophia. Braungebrannt die Arme und Beine, voller Bilder die Kamera und das Herz übersprudelnd von Erlebnissen. Wie seltsam, nach so vielen Tagen ständig an der frischen Luft, im Zelt oder im Auto nun wieder in (m)einer Wohnung zu sein, an einem Tisch zu sitzen und in die Tasten zu hauen, während der Rechner grad meine Bilder auf eine DVD für Irgendlink rüberschiebt.

So viele Bilder! So viele Geschichten …
Mein Notizbuch ist voller Kritzeleien …

– Die Angst vor einer langen Reise ganz allein im Auto? Sie verfliegt, wenn du den ersten Schritt tust. Die große Strecke in kleine Stücke runterbrechen hilft … Reisen ist leben, wie ich schon früher sagte. Und umgekehrt.

– Die Frauen an den Straßen ringsum Narbonne … Wie leid sie mir tun … Der Wind braust ihnen um die Ohren. In kurzen Röcken bieten sie ihre ungeschützte Körper feil.

– Perpignan-Borredà: die längsten hundert Kilometer Luftlinie, die ich je gefahren bin. Vor allem, weil der Liebste dort wartet!

– Der Dumme und der Weise haben eins gemeinsam: Beide haben aufgehört, nach Antworten zu suchen.

–  Hausbau in den Pyrenäen: Zuerst wird ein mindestens dreistöckiges Gerüst gebaut. Hausbau bei uns: das Gerüst wächst kontinuierlich mit der Höhe des bereits gebauten Hauses. VisionärInnen versus PragmatikerInnen – so verschieden kann gelebt und gebaut und gedacht werden.

–  In Cadaquès campieren wir so teuer wie nirgends. Und dies im größten Katzenklo der Welt. Aber Katzenfüttern können wir doch nicht lassen.

– Warum Lachmöwen Lachmöwen heißen, werde ich nie mehr vergessen. Und dass sie Frühaufsteherinnen sind ebenfalls nicht. Auch nicht, dass sie Abfallbeutel mögen. Oder war es der Tramontana, dieser bissige Nordwestwind? In Argèles-sur-Mer staunte ich jedenfalls nicht schlecht, als morgens sämtliche Abfälle ums Zelt verstreut lagen. Wie wohl unsere Zeltplatznachbarn mit den fliegenden Tampons klargekommen sind?

– Spanien ist das Land der Fülle. Zumindest in Bezug auf Gratisklopapier auf allen Campings (außer natürlich auf jenem von Cadaquès). In Frankreich wird das weiße Zöix schon bald einmal zur begehrten Mangelware!

– Uzès: Was für ein weiteres Bijou! Immer wieder werden wir an die Ufer kleiner Orte gespült, die wir mit den Kameras lustvoll erforschen. Wie viel schöner doch diese Kleinode sind, fernab der Touristenströme. Schöner als die großen Städte. Als da wären Montgo, wo wir im Meer badeten, El Port de la Selva, Portbou, Peyriac-de-Mer, St. Nazaire, Sommières …

– Nicht zu vergessen all die vielen Begegnungen mit Menschen: Der Schotte am Strand, der mich Swiss Gnom nennt und Irgendlink bittet, sein Auto zu knacken. Der Bulgare, der uns Geld abkaufen will und als Pfand seinen falschen Klunker anbietet. Der desillusionierte T-Shirtverkäufer in Uzès, der Homme-Libre-Shirts feilhält … all die Menschen in ihren Aluschutzbunkern auf vier Rädern, die mit uns die Campingplätze bevölkern …

Früher glaubte ich, dass das Leben, wenn mensch jung ist, unglaublich bunt und intensiv ist. Doch damals, so erkenne ich heute, war meine Farbpalette viel bescheidener. Heute, so dünkt es mich, bin ich allmählich in der Lage, mehrschichtig-bunt zu sehen, zu erleben. Auch meine Liebesfähigkeit ist bunter, vielschichtiger geworden. Wie schön. Da darf sich frau doch irgendwie aufs Älterwerden freuen!

ungefähre Reiseroute auf Google Maps

Bilder folgen später mal …

buen viaje

Notizzettel

bloggen …
– dass ich endlich Ferien habe …
– dass ich nach Spanien fahren, dort J. treffen und mit ihm das Meer genießen werde … Insch’allah.
– dass ich heute (allenfalls vielleicht morgen) für ne Weile das letzte Mal blogge …
– dass ich unglaublich schlapp bin …
– dass ich vergessen habe, was ich noch alles schreiben wollte und vor allem, wie ich das ganze hatte verpacken wollte …

Die Worte taumeln herum und lassen sich kaum fassen. Müde, so müde bin ich …

An solchen Tagen vielleicht besser nicht bloggen!, denke ich.
Hm. Kann ich nicht machen, kontere ich. Nicht, wenn es das letzte Mal für zehn oder elf Tage ist. Will doch tschüss sagen …
Warum …?
, frage ich mich. Warum nicht einfach mal nichts schreiben!

Nichts

Ruhe

Innere Ruhe
… was immer das ist …

Die Karten liegen bereit. Gepackt ist noch nicht. Da und dort liegen ein paar Sachen rum, die mit sollen. Materie. Wo ich bloß den Schlafsack habe?
In mir drin wächst die Idee, wie sich die Reise anfühlen soll. Ich will vorwiegend auf Hauptstraßen fahren. Mautstraßen meiden, nicht nur wegen der Kosten, nein, weil ich genug Zeit habe. Viel Zeit.
J. wird erst ungefähr am Samstag am Meer sein. Außerdem brauche ich grad viel Zeit. für mich. Zeit zum Abschalten. Entschleunigung. 100km/h statt 130. Oder noch weniger. Anhalten. Pause machen. Sein. Mich südwärts treiben lassen. Die Strecke genießen. Das will ich. Keine Weg und Ziel-Sprüche, nein. Der Weg ist der Weg. Und das Ziel ist das Ziel. Basta. Und jedes Ziel ist immer nur Zwischenziel. Von dort geht es weiter. Immer. Irgendwie.

Wohin werden wir von Tag zu Tag entscheiden. Vor der Reise ist nach der Reise ist vor der Reise … Jetzt zum Beispiel.
Wie im richtigen Leben …

Sisters

Nachdem ich am Samstagabend meinen Bruder nach einem besuchten Anlass wieder nach Hause gefahren hatte, fuhr ich zu meiner Schwester H. und ihrer Familie, die in seiner Nähe wohnen. Alte Heimat, fremde Welt. Trotz unserer Verschiedenheiten war es doch irgendwie gut, uns nach einem Jahr mal wieder zu sehen. Die Mädels und deren Papa hatte ich sogar etwa vier Jahre nicht mehr gesehen.

Mich macht es eben jedes Mal traurig, mit diesem Teil meiner Sippe zusammenzusitzen. Schwierig zu sagen, was es ist. Ihr kleine Horizont? Ihre einseitige Perspektive auf das Leben? Das trautes Heim- und heile Welt-Gefühl, das sie ausstrahlen und das ich zwar als echt empfinde, aber das mich dennoch befremdet. Nein, Neid ist es nicht, denn diese Art Lebensstil steht definitiv nicht, nicht so, auf meiner Wunschliste ans Leben.

Natürlich haben wir Tabuthemen – Politik und Religion – möglichst umschifft, zumindest nur am Rande berührt, doch sind wir alle bestrebt, uns gegenseitig davon zu überzeugen, dass der eigene Lebensstil super (= besser) ist. Dass es uns optimal geht. Ihr. Ihnen. Mir.

Doch innen drin wurmt sie mich, diese größtenteils unbewusste Inszenierung, die ich, während sie stattfindet, kaum durchschaue. Ich möchte ihren Teenie-Töchtern sagen, dass das, was sie – und ihre Eltern vor allem – als wahr bezeichnen, nur ein Splitter der ganzen Wahrheit ist. Denn die Wahrheit gibt es nicht am Stück, nur in Krümeln. Okay, und das ist nun meine Wahrheit. Nicht absolut, nein, aber es gibt ihn eben nicht, nicht so, den lieben Gott. Selber denken, Mädels!, möchte ich sagen. Und dass meine Schwester und ihr Mann EDU wählen, möchte ich am liebsten nicht gehört haben. So was von peiiinlich …

Ja, ja, ich bin genauso intolerant wie sie, ich gebe es zu *shameonme* … aber immerhin bin ich so tolerant, meine Wahrheit als das, was sie ist zu verstehen. Als mein persönlicher Krümel.

Hassliebe

Wie sehr sie sich damals für ihn geschämt hatte! Er bewegte sich verkehrt, er sagte die falschen Sachen, er war alles andere als cool und zu alledem wurde er oft gehänselt. Zum Ausgleich gab er seinerseits Spötteleien an sie weiter, die Kleine, obschon sie bis zu vierten Klasse größer war als er. Er war so gar nicht das, was sie sich unter großem Bruder vorgestellt hätte. Gab sie sich Mühe, ihm bei den Matheaufgaben zu helfen, obschon sie seinen Stoff ja erst nächstes Jahr lernen würde, begriff er einfach nicht. Nicht und nichts. Nicht mal die logischsten Sachen. Wie dumm er ist!, hatte sie oft gedacht. Dumm und furchtbar anstrengend. Trotzdem hatte sie ihn das eine oder andere Mal, wenn sie gesehen hatte, wie ihn seine Klassenkameraden in der Pause rumschubsten, freigeprügelt. Der Übertritt in die Oberstufe – für sie ins Nachbardorf in die Bezirksschule, für ihn in ein Schulheim für geistig Behinderte – war für beide eine Erleichterung. Eine Art Hassliebe? Nicht dass sie ihn gehasst hatte, aber vor der Sonne hatte er ihr oft gestanden.

Später fand sich für ihn eine Anstellung in einer Gärtnerei, nicht weit vom Elternhaus. Inzwischen waren die Eltern älter geworden und pensioniert. Sie wollten sich hin und wieder eine kleine Urlaubsreise gönnen. Doch wohin derweilen mit Sebastian*? Ein Behindertenwohnheim für Erwachsene bot Ferienplätze.

Sebastian* fühlte sich dort, unter seinesgleichen und doch einer der Stärkeren, bald sehr wohl. So wohl, dass er – nach ein paar vereinzelten Ferienwochen während einiger Jahre – zu seinem Chef ging und seine Stelle in der Gärtnerei kündigte. Wohlverstanden, ohne mit den Eltern und der Heimleitung gesprochen zu haben. Das taten dann andere für ihn, Eltern und Schwestern zum Beispiel. Schließlich ging sein Wunsch in Erfüllung. Seither sind fast zwanzig Jahre übers Land gegangen.

Schämen tut sie sich für ihn nur noch selten. Sie weiß ja inzwischen, dass er nichts dafür kann. Und obwohl sie im Laufe ihres Lebens ziemlich viel berufliche Erfahrung mit anderen verhaltensoriginellen Menschen, wie Sebastian* und seine Kumpels heute genannt werden, gesammelt hat, ist ihr der behinderte Bruder noch immer eine der größten Unbekannten, eine der größten Knacknüsse ihres Lebens.

Sebastian* wohnt inzwischen beinahe selbständig in einer nur morgens und abends betreuten WG. Dort hat sie ihn gestern besucht, ins Auto geladen und ist mit ihm ans Einweihungsfest eines neuen Arbeitszentrums seiner Institution gefahren.

Im Trubel der vielen Leute schien es sein einziges Bestreben zu sein, möglichst viele Hände zu schütteln, möglichst vielen Menschen ein Hallo zuzurufen und sich selbst seine eigene Bekanntheit zu bestätigen. Dazwischen verbrachte er ganze Viertelstunden auf dem WC, während sie vor der Türe wartete. In der Cafeteria sitzen und den Leuten zuschauen, später mit seiner Betreuerin und einem WG-Kumpel im Festzelt Pommes zu essen – das zählt. Seine Schwester im Schlepptau? Die hatte er irgendwie vergessen.

Nein, sie schämte sich heute nicht mehr für ihn. Doch anstrengend fand sie ihn noch immer.

Dennoch war sie gerührt, als sie sah, wie er ihr, als sie ihn vor seinem Haus abgeliefert hatte, nachschaute. Mit stoischem Blick. Im Rückspiegel konnte sie sein Gesicht immer kleiner werden sehen. Vielleicht mochte sie ihn ja doch irgendwie.

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* = Name geändert. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind wahrscheinlich … 🙂