Backstage

Ich bekenne, ich mag Kolumnen. Und Editorials. Und Blogs. Offensichtlich bin ich mit meiner Vorliebe nicht allein, anders kann ich mir die zunehmende Kolumnendichte in den Medien nicht erklären. Sie machen süchtig und ich will jedes Mal von Neuem wissen, was meine ProtagonistIn in der Zwischenzeit erlebt hat. So sehe ich durch unzählige Fenster in viele gute und weniger gute Stuben hinein. Offenbar ist es ein Bedürfnis vieler ZeitgenossInnen, Ausschnitte heranzuzoomen, statt sich im Weitwinkel zu verlieren.

Auch die kleinen Schwestern der Kolumnen, die Blogartikel, wachsen aus ihren Kinderschuhen heraus und erfreuen sich wachsender Beliebtheit – beim Publikum ebenso wie bei den Verfassenden. Wem sag ich das? Ein hoffnungsvolles Genre, wenn ich es mir so überlege. Hier ist der Schreiberling, die Schreiberin noch Königin und König und kann sagen schreiben, was er oder sie will. Unter dem Vermerk, dass sich die Meinung der Redaktion nicht mit jener der Kolumnistin decken muss, ist in den Medien alles möglich. Fast alles. In der Blogosphäre* sowieso. Über die Qualität sagt dies wenig aus und auch nicht, ob all die vielen Texte, die tagtäglich getippt werden, auch irgendwo und irgendwie ankommen. Unser Tempo ist rasant und niemand kann all die Informationen von überall wirklich verdauen. Die Quantität all der Outputs lässt mich oft leer schlucken. Dann wieder denke ich mir: Jeder Autor, jede Autorin hat (hoffentlich) ein paar Menschen, die ihre oder seine Texte lesen. Und das ist gut so.

Mein Bedürfnis, über unsachliche – will heißen persönliche – Dinge wie Alltag, Arbeit, Beziehungen oder Lebensperspektiven zu schreiben, dient dem Ausgleich. In einer Welt, wo es um Effizienz geht, wo Sachlichkeit und Professionalität gefragt sind, brauche ich einerseits das Spiel mit den Wörtern. Andererseits höre ich mir aber auch schreibend zu und erfahre so, was mich wirklich beschäftig. Habe ich mal in mein Tagebuch geschrieben. Das stimmt bedingt und natürlich vor allem im persönlichen Tagebuch.

Wenn ich viel outpute, ist eben auch die Chance grösser, dass ich mal was richtig gutes schreibe, sagte ich gestern Abend zu meiner Freundin K. Auch bei den Bildern, die ich mache, ist es so. Auch ein blindes Huhn … na, ihr wisst schon. Abgesehen davon ist auch das Durchschnittliche, das Alltägliche, das Gewöhnliche und nicht Herausragende irgendwie wichtig. Immer nur Orgasmen haben geht ja nicht. Auch Alltägliches hat, während es ist und erlebt und beschrieben wird, eine Wirkung auf mich. Und vielleicht auch auf andere, während sie es lesen oder betrachten.

Das Blog ist ein Filter. Was will ich hier von mir zeigen? Mal mehr, mal weniger. Je mehr ich dabei meine Leserinnen und Leser, die ich persönlich kenne, vor Augen habe, desto schwieriger ist es. Weil ich mir dann Diskussionen über den Artikel, den ich schreiben will, vorstelle und den Faden verliere zum Beispiel. Mit einem anonymen Publikum vor Augen schreibt es sich leichter. Ganz besonders, wenn ich einen Artikel für „meine“ Zeitschrift verfasse, muss ich mir sehr bewusst ein anonymes Publikum vorstellen. So oder so ringe ich ständig mit einer tammi hohen Messlatte. Besser also, ich stelle mir ein Publikum vor, das im Dunkeln sitzt. Was mich an die Lesung vor einem Jahr im ONO erinnert. Nein, besser ich stelle mir gar nix vor oder gar keins.

Und dabei begreife ich einmal mehr, dass ich letztlich für mich selbst schreibe. Weil ich nicht anders kann. Meine Texte, meine Bilder sind nichts mehr und nichts weniger als Stoffwechselprodukte*, wie mein Liebster mal bloggte. Wenn ich damit deinen Garten ein bisschen düngen darf, umso besser.

*Zitate aus der Irgendlinkschen Wortschatzkiste

Feuerabend

Bin müde. Lang war der Tag. Die Arbeit heute fast endlos. Umso verführerischer das Kissen auf dem Bett und das Buch auf dem Nachttisch. Schreiben? Mag ich nicht mehr. Obwohl da ein paar Ideen durch die Hirnzellen purzeln. Ich lege mich ins Bett, klappe das Buch, das ich zurzeit lese schon bald zu und lösche das Licht.

Bilder tauchen auf, Szenen, Dialoge … und schon verblassen sie wieder. Ich koche den vergangenen Tag ein und lege ihn zur Seite.

Plötzlich zucke ich zusammen, erwache. Da ist wilde Musik, mitten in meinem Schlafzimmer. Mein Bett brennt. Ich reibe mir die Augen. Die Buchstaben aus meinem Roman tanzen ums Feuer und feiern mit den Seitenzahlen Vollmond. G spielt Geige und X Saxophon, während T den Takt angibt und Q querflötet. A tanzt mit der 9. Sie geben sich Mühe, sich aufeinander einzulassen. Gelingen will es allerdings nicht wirklich. Ob es an der Chemie, an Farbe und Form, liegt? A winkt der 9 zum Abschied zu und tänzelt zur 8.

Bald zieht dieses Paar alle Augen auf sich. Hier stimmt einfach alles. Auch F und die 1 scheinen sich zu mögen. Beide schimmern gelblich, F grüngelb, die 1 eher weissgelb. Ähnliches zieht ähnliches an? Gleich neben ihnen tanzen B und die 5. Auch sie geben ein harmonisches, ocker-orangefarbiges Paar ab. Die 9 ist in sich gegangen und tanzt allein, offenbar um sich auf die Musik einlassen zu können. Doch nun wagt sie sich in die Nähe von M. Schüchtern fordert sie diese zum Tanz auf. Auch M ist scheu, ihr gemeinsamer Tanz harmonisch, fragil.

Ich muss mitten während des Festes eingeschlafen sein. Am Morgen ist alles wieder ruhig. Das Feuer ist erlöscht. Alle liegen, aneinander gekuschelt, zwischen den Buchseiten. Sie schlafen den Rausch aus, während ich leise, um sie nicht aufzuwecken, aufstehe und zur Arbeit gehe.

(Quelle: Textarchiv von Sofasophia)

anstatt …

… einfach mal nichts zu tun, habe ich – nachdem J. sich auf seinen langen Heimweg gemacht hat – meinen heutigen Everytrail-Trip bearbeitet. Hier klicken zur Diaschau unseres Ausfluges.

Eine neue Sucht? Irgendwie schon. Technik hat mich immer schon fasziniert, als Kind Bohrmaschine und Velokette, heute eher digitale und virtuelle Medien. Internet als Kunstplattform. Auch mehrschichtiges Ausdrücken von Erlebnissen faszinierte mich immer schon. Im Werkzeug „Everytrail“ habe ich – dank J. – eine Verknüpfungsmöglichkeit zweier meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen gefunden. Fotografieren und in der Natur wandernd oder radelnd Geocaches und andere Schätze und Schönheit entdecken. Die Freude am Gesehenen und Erlebten mit anderen teilen zu können, gefällt mir daran auch sehr.

Teilen? Will sich Ausdruck immer teilen, muss alles, was wir erleben, ausgedrückt und soll alles, was wir erleben, sichtbar gemacht werden? Nein, muss nicht, kann aber. Und kreieren macht eben einfach Spaß.

In mir drin steckt die Freude, dass ich mich endlich wieder fit fühle und Sonne, Sommer, Leben und Liebe genießen mag. Zum Beispiel so: Nach einem erfrischenden Bad am schrägen Ufer der Sense liegen, statt den Füssen den Kopf halb im mindestens zwanzig- Grad warmen Wasser, die Beine landwärts gestreckt. So den verkehrten Wolken, wie sie über einen auf den Kopf gestellten Himmel spazieren, zuschauen. Die Gesetze der Schwerkraft aufheben und in den Himmel fallen. Können. Einfach so. Als Möglichkeit. Halt mich fest, J..

nicht gleich

Zwei spannende Experimente: Irgendlink und ich nahmen gestern mit unseren iFöuns parallel den gleichen Everytrail-Trip auf … Das Resultat kann sich sehen lassen: Bis auf ein einziges Bild haben wir sehr verschiedene Aufnahmen gesammelt. Andere Blicke auf die gleichen Sujets. Gleich ist eben doch nicht gleich. Und genau das ist es, was mich so inspiriert auf meinem künstlerischen Weg. Zwar ist alles schon einmal dagewesen, zwar wurde alles schon einmal gesehen, gehört, fotografiert, be- und geschrieben, doch trotzdem ist alles Erschaffene jedes Mal neu. Jeder Tag jeden Tag.

Es lebe das Paradoxon.

Das zweite Experiment ist gescheitert. Eigentlich. Denn eigentlich wollten wir der Route eines bereits auf Everytrail geposteten Trips folgen und an den gleichen Stellen die gleichen Sujets fotografieren – so als Vergleich. Irgendwo, beim Alten Aargauerstalden um genau zu sein, sind wir schließlich in den bestehenden Trip, den uns das Display von J.s iFöun zeigte, eingespurt. Doch irgendwann fuhren wir aus den runtergeladenen Kartenausschnitten heraus. Dazu muss gesagt werden, dass J. in der Schweiz nur ins Internet gehen und Karten nachladen kann, wenn er Roaming bezahlt. Nicht billig! Das ansonsten multitalentierte Gerät lud die nächsten Kartenausschnitte nicht nach, denn J. hatte diese Funktion gesperrt.

Was nun? Ich hätte ja problemlos mit meinem Gerät alles nachladen können! Doch im Grunde, das hatten wir inzwischen begriffen, macht es definitiv mehr Spaß eigene Wege zu finden und mal wieder unser Unterwegs-Spiel – abwechselnd sagt einer oder eine links, geradeaus oder rechts, wenn wir an eine Gabelung kommen – zu spielen.

Experiment also doch nicht gescheitert, zumal ich einmal mehr ganz neue Winkel, Perspektiven und Straßen Berns entdeckt habe!

Irgendlinks Trip
Mein Trip

EDIT:  … ich bin platt. Wie in Skandinavien haben Irgendlink und Sofasophia mal wieder gleichzeitig gebloggt. Kaum habe ich mein Textchen hochgeladen, seuzft mein Liebster: So, fertig. Willste lesen? Ist noch auf …

Und was lese ich? Seht  selber … Ich sag nur: Gleich ist eben doch nicht gleich … Paralleluniversen überall!

gefunden II

Suchen und finden sind zwei Bewegungen, die mich zurzeit sehr beschäftigen. Kranksein bringt mich zum Innehalten. Wo stehe ich? Wohin bin ich unterwegs? Was will ich? Was will ich wirklich? Was wirkt?

Als ob da nicht schon genug zu suchen und zu finden wäre, hat mich Roswitha neulich angefragt, ob ich – mit anderen – bei einer der geplanten Eröffnungsaktionen des (ersten!) Berner Geschichtenladens „1002 Geschichten“ etwas aus meinem Fundus vorlesen würde. Am 14. September. Zum Programm-Flyer hier klicken. Nach längerem Überlegen und Zögern – hatte ich doch beschlossen, einstweilen solcherlei zu lassen – sagte ich zu. Ich würde ein paar Texte aus dem Blog vorlesen, ließ ich sie wissen. Bloß was? Zum Glück habe ich ein nicht-virtuelles Textarchiv angelegt und das lese ich, ausgedruckt, zurzeit. Kranksein hat auch Vorteile. Gestern, im ärztlichen Wartezimmer, diesen Text hier gefunden.

„Manchmal möchte ich ja all die Zeit, die ich fürs Schreiben verwende, gleich zweimal zur Verfügung haben. Anders gesagt: Mir fehlt bisweilen jene Zeit, die ich schreibend verbringe, für alles andere. Noch anders gesagt: Was machen eigentlich all die anderen Menschen mit jener Freizeit, die ich schreibend verbringe? Tja, dieses Andere in mir, das immer so tut, als komme es zu kurz, will eben auch getan, gelebt, gesehen werden.

(…)

Doch gibt es immer wieder auch Zeiten in meinem Leben, wo ich mir wünsche, dass meine Lebenszeit ganz ganz schnell vorüber geht. Dass ich mein Leben möglichst schnell und unbeschadet hinter mich bringen kann. Ohne irgendwo hängenzubleiben. Spur- und schrammenlos. Ich sehe mich lebenssatt, auf meinem Sterbebett liegend, zurückschauen und sagen: Well done. So will ich sterben. Wenn es so weit ist. Wie Antonia in Antonia’s Line.“

(Quelle:  „absurd“ by Sofasofphia)

Am Abend diesen meinen Lieblingsfilm schauen, war irgendwie naheliegend. Heulen tu ich dabei jedes Mal als sähe ich ihn zum ersten Mal …

gefunden I

Auf der Suche nach mehr Infos zu diesem Konzert hier, das ich mit ein paar lieben Leuten hören und sehen will  …

(Hier klicken zum OrignialPDF des Berner Symphonieorchesters
> dort  S. 23 anscrollen)

… bin ich über diesen Video hier gestolpert. Ein Sommer ohne die Ochsen wäre hart, doch ein Frühling ohne W. Nuss aus Bümpliz undenkbar … auch wenn sie hier nur in der Refrain-Melodie anwesend ist. Hörenswert!

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=N5tDRAJ2Vx4]

einfach Zeit

Zeit! Viel Zeit! Freie Zeit! Urlaubszeit! Dieser Gedanke dehnt sich in mir drin immer mehr aus, als ich am Mittag vom Büro nach Hause fahre.

Mein Herz wird, trotz der tropischen Hitze, die die Straße abstrahlt, weit und leicht. Allen, die mir begegnen, schenke ich ein Lachen – ob sie es nun wollen oder nicht. Kleiner Boxenstopp beim orangen Einkaufsladen FÜR alle. Der leere Korb in der Hand fragt mich, was ich brauche. Ja, was brauchen wir beim Zelten? Reis, Nudeln, Essig, Öl …

Jippie, Urlaub … Während ich durch die kühlen Gänge schlendere, purzelt immer wieder dieser eine Gedanke durch meine Innenwände. Und auf einmal habe ich Zeit und plaudere mit der Kassiererin über Kürbis und Ingwer. Die Hektik fällt von mir ab, weil ich das gute Gefühl habe, im Büro so ziemlich alles dringende erledigt zu haben. Jetzt kann ich einfach tun und lassen, was noch zu tun und zu lassen ist, bevor ich morgen Vormittag nordwärts ziehe.

Ich könnte ja vorbloggen, denke ich auf den letzten zehn Metern vor meinem Haus. Ja, genau. Ich könnte schreiben, was wir alles erleben, spinne ich, während ich mit der schweren Einkaufstasche in den ersten Stock steige. Ich könnte drei Wochen vorauserzählen, wie es in Norwegen aussieht und was wir dort alles sehen, erfahren, erleben und genießen! Das wäre cool! Mit Hilfe von Go(o)d Guugl wäre das gar nicht mal so schwer …

Du spinnst, sagt schließlich eine meiner vernünftigen Gegenstimmen in mir drin, doch sie kichert ein bisschen. Klar spinne ich, kontere ich. Lust auf Vernunft habe ich zwar nicht, doch ich etwas steht mir im Weg: Ich bin zu faul. Das spricht definitiv gegen das Vorbloggen, so sehr mich die Idee bezaubert. Sagt selbst, wie soll ich jetzt noch auf die Schnelle vierundzwanzig Tageshappen kreieren, wo ich doch endlich mal wieder putzen sollte (und will), bevor ich die Wohnung meinem Blumengiesser- und Briefkastenleerer-Kumpel F. zumuten kann.

*ernstmodusein* Der Gedanke, eine Geschichte im Voraus zu schreiben, ist so abwegig nicht. In einer Lebenskrise habe ich mal  mein Leben ab Punkt Null, an dem ich damals stand, umzuschreiben begonnen. Den Text hatte ich daraufhin vergessen. Jahre später, als ich ihn wiederentdeckte, stellte ich fest, dass sich ein paar Umstände genauso entwickelt hatten, wie von mir geschrieben … *ernstmodusaus*

Vorbloggen – ja oder nein? Ich könnte ja einfach ein paar wenige Texte vorbloggen?, überlege ich. Na ja, die würden allerdings alle ungefähr so oder ähnlich klingen und nach blaugrünen Postkarten riechen: „Wir sind heute in xy (das ist da oder dort in Süd-, Mittel- oder Nordnorwegen plus vielleicht noch eine Guuglemäp dazu) und haben in einem wunderbaren, abgeschiedenen, windstillen Fjord gebadet. Es ist wunderbar hier. Auch der Zeltplatz hier ist genial …“ Mögliche Varianten wären Meeresbucht oder See. Oder hübsches kleines Städtchen – dann aber nicht baden, sondern flanieren und Bilder sammeln … Klingt furchtbar langweilig? Ist es aber nicht. Ehrlich!!!  Doch ist es wohl besser, ich lasse das Bloggen bleiben. Oder ich blogge live, wenn wir irgendwo Netz/WiFi  und Lust haben oder ein Internetcafé finden. Wir werden sehen.

Ihr da draußen kommt ja schließlich bestens ohne meine kreativen Stoffwechselprodukte klar. (Danke, Mösiö Irgendlink, dass du neulich dieses tolle Bild erschaffen hast …)

Wie auch immer: Ich wünsche euch allen einen wunderbaren Sommer.

Am 26. Juli bin ich wieder da – so Göttin will und ich lebe … 🙂

Den richtigen …

„Ich möchte einfach endlich den Richtigen finden!“, sagt sie und nickt sich selber Mut zu. Ihr Blick versinkt in ihrem Spiegelbild, ertrinkt beinahe. Ein klein bisschen Hader in der Stimme, den das Schnipselgeräusch der Schere, mit der sie meine Haare bearbeitet, beinahe übertönt. Und eine Prise Traurigkeit. Zweifel auch an der Berechtigung ihres Wunsches. „Meinst du, das geht?“

„Warum auch nicht?“, denke ich. Habe ich wohl auch zu ihr gesagt und es bestimmt auch so gemeint – trotz der Banalität dieser Worte. Worthülse. Doch nun zweifle ich, weiß ich doch nicht, ob es ihn – nicht nur für C., ich meine überhaupt – ob es diese(n) berühmt-berüchtigte(n) Richtige(n) wirklich gibt, auf dem/der alle Erwartungen lasten. Traummann. Märchenprinzessin.

„Geht das?“, fragt C. Der Richtige, die Richtige, das Richtige – Plattitüde, Illusion, Hoffnung. Da hängt es also, dieses Bild von Leben wie es zu sein hätte, wenn wir es selbst erfinden könnten, dieses Bild von Mitarbeitenden, von Freundinnen und Freunden, von Lieblingsmenschen, so wir sie erfinden würden … Da hängt es, an den Innenwänden unseres Herzens, oder im Kopf irgendwo. Im Bauch womöglich. Festgenagelt. Unverrückbar.

„Ich kann schlecht glauben und gut zweifeln,“ habe ich zu C. gesagt, später. „Alles stelle ich in Frage. Immer wieder. Am allermeisten mich selbst.“

Kaum etwas nehme ich ständig gleich wahr. Weder Weltbilder noch was ich über Menschen denke. Nicht, dass ich mein inneres Steuer von heute auf morgen um hundertachtzig Grad drehe, eher ist es so, dass ich mich ständig mit meinen eigenen Perspektiven auseinandersetze, mich neu austariere, was ist, neu gewichte. Ich synchronisiere mich laufend.

Die richtige Sicht? Meine neugewonnene Sicht ist immer solange die richtige, bis ich eine neue ‚richtige Sicht‘ gefunden habe. Bis ich ein neues Update downloade und installiere. (Notiz an mich: Aus welchem Netz hole ich meine Downloads? Welchen Ein-Flüssen setze ich mich aus? Mögliche Antwort: aus meinem universellen Jetzt).

Doch wie wir den Richtigen, die Richtige, das Richtige finden können, weiß ich nicht – wohl weil es das Richtige nicht dauerhaft gibt. Oder es wird immer wieder neu durch uns selbst zum richtigen gemacht. Durch unsere Entscheidung.

mehr?

Liebe ist auch, wenn er und sie nicht gleich stark lieben, sagt das MigrosMagazin. Auf Seite 79 der aktuellen Ausgabe steht es schwarz auf weiß: Frauen lieben mehr.

Ich zweifle am Wort „mehr“. Wie lässt sich Liebe, wie lässt sich die Größe einer Liebe messen? Wie lässt sich die Größe des Himmels messen und die Tiefe der Erde und was fange ich mit irgendwelchen bei Umfragen ermittelten Zahlen in irgendwelchen Statistiken an? Liebt mehr, wer öfters sagt, dass er sie, dass sie ihn, sie sie oder er ihn liebt? Liebt mehr, wer Liebe durch vielerlei Geschenke, Handlungen und Gesten ausdrückt? Welches ist die Währung, in der sich Liebe messen lässt und bin ich naiv, dass ich überhaupt noch an die Liebe glaube – an jene Liebe, um die es im unten zitiertem Artikel geht, der Erotik einschließenden Liebe zwischen zwei erwachsenen Menschen?

Die einzige Währung, die ich gelten lasse, ist der Herzschlag. Hm, nein, stimmt so nicht und klingt irgendwie bescheuert. Oder kitschig. Zweiter Versuch: Die einzige Währung, die ich gelten lasse, ist das Maß der Hingabe. Doch, seien wir ehrlich, auch diese Bereitschaft, sich einzulassen, auch sie lässt sich nicht messen.

Ich werde, seit ich gestern untigen Artikel gelesen habe, dieses Bild hier nicht mehr los: Ganz lieben, ganz fest lieben, einander ganz fest zu lieben und sich einander zu öffnen und hinzugeben sei in jedem Fall hundert Prozent. Das „ein Prozent“ des einen Menschen ist kongruent mit dem „ein Prozent“ des anderen Menschen. Selbst wenn wir glauben, unser „ein Prozent“  sei grösser als das „ein Prozent“ unserer Liebsten … Aus der Sicht jedes Menschen ist sein „ein Prozent“ und ist sein „hundert Prozent“ so groß wie es eben möglich ist. Ganz. Wie groß oder wie klein etwas ist, wird immer eine Frage der Perspektive, der Relation und der Wahrnehmung sein. Manchmal sind zwei vermasselte Brötchen grösser, gewichtiger und eben „mehr“ als die siebenhundertfünfundneunzig, die ich bis dahin gebacken habe.

Ob Frauen mehr als Männer lieben, ist nicht wirklich relevant. Dass wir lieben, ist relevant. Neulich habe ich in einem Roman gelesen, dass zu lieben das größte sei, was es gibt. Jemanden zu lieben sei größer als geliebt zu werden. Mag sein. Ich persönlich finde gegenseitiges Geben und Empfangen am allerschönsten. 🙂

Hier nun der erwähnte Artikel:

Das vermeintlich schwache Geschlecht ist bekanntlich in vielem stärker — nach neusten Erkenntnissen auch im Lieben. Das berichten Forscher der Bradley University in Illinois USA. Sie wollten von über 15 000 Menschen in 48 Ländern wissen, wie stark sie Liebe empfänden. Es stellte sich heraus, dass fast überall auf der Welt die Frauen intensivere Liebesgefühle entwickeln als Männer. Diese Diskrepanz ist umso grösser, je emanzipierter Frauen sind, und ist interessanterweise in der Schweiz am größten. Nirgends investieren Frauen so viel mehr Gefühle als Männer. Gemäß der Studie sind grundsätzlich politisch stabile, wohlhabende Länder der Liebe am ehesten zuträglich. Wer in Armut oder Krieg aufwachse, habe mehr Mühe, Bindungen aufzubauen. Das gilt auch für arrangierte Ehen oder solche, die der wirtschaftlichen Absicherung dienen.

Quelle: Migros-Magazin Nr. 25 vom 21.Juni 2010 (http://www.migrosmagazin.ch/pdf/index.cfm?ausgabe=201025&seite=79)

oder nicht

Da ist dieses Bild. Aufgenommen irgendwo nach Béziers und vor Perpignan. Es ist der 14. Mai 2010 und ich bin unterwegs nach Borredà. Kurz nachdem ich es aufgenommen und mich wieder ins Auto gesetzt habe, erhalte ich eine SMS von J.. Mit den Koordinaten seines Standortes. Er habe einen wunderbaren Platz gefunden, schreibt er. Nach dreieihalb Wochen werden wir uns endlich wiedersehen. Vorfreude. Nur noch ungefähr hundert Kilometer Luftlinie trennen uns.

Da ist dieses Bild. Zuerst bin ich daran vorbei gefahren. Immer weiter, immer vorwärts. Wie viele schöne Häuser ich sehe! Würde ich bei jedem stehenbleiben, wäre ich an diesem Tag wohl noch länger als elf Stunden unterwegs.

Hundert Meter nach dem Haus eine Ausweichstelle. Noch ignoriere ich die drängende Stimme: Halt an und mach ein Bild! Ich fahre weiter. Schließlich ein Kreisvortritt. Wieder die Stimme: Es ist noch nicht zu spät! Ich fahre im Kreis und nehme die Ausfahrt zurück in die Richtung, aus der ich gekommen bin, halte in einer Ausweichbucht an, packe die Kamera und steige aus. Wind und Mittagshitze schlagen mir entgegen und ich begreife allmählich, dass ich Regen und Nebel hinter mir gelassen habe. Endlich Südfrankreich. Dass ich bald das Meer sehen werde, ahne ich mehr als dass ich es weiß.

Da ist dieses Bild. Da stehe ich also. Vor dem Haus. Fern anderer Häuser steht es einsam an einer Straße, die A mit B verbindet. Ein Haus, das bessere Zeiten gekannt hat. Ein Haus, das einst mit viel Liebe bemalt worden ist. Ein Haus, in dessen Hof alte Geräte vor sich hin gammeln. Ein Haus wie ein älter werdender Mensch, dem vieles, das früher zählte, unwichtig geworden ist. Dennoch hat es, was andere nicht haben: Erinnerungen. Und diese wunderbare Fassade. Das Gesicht eines weisen, alten Mannes.

Ein Bild, das dafür steht, dass ich meinem Impuls gefolgt bin. Wäre ich einfach weitergefahren, gäbe es dieses Bild nicht. Kein Weltuntergang. Ihr wüsstest alle nichts von diesem Bild und würdet es nicht vermissen. Ihr wüsstet nichts von der Geschichte, die das Haus mir erzählt hat und ich euch. Nicht weiter schlimm. Wir könnten alle auch ohne dieses Bild weiterleben. Und ohne das Lesen dieses Artikels ebenso.

Doch in meinem Hinterkopf gibt es noch ein anderes Bild. Ein Bild, das nie fotografiert worden ist. Ein Bild, das einen einsamen Baum gezeigt hätte. Im Hintergrund Gewitterstimmung, die sich nicht mit Worten beschreiben lässt. Auf unserem Weg nach Ille-sur-Tête war es gewesen, ein paar Tage vor Silvester. In den Ferien. Ein Bild, dass es nun nur in der Erinnerung zweier Menschen gibt. Jener Baum – er wird nie wieder so aussehen wie an jenem Tag. Augenblicke kommen und gehen. Bilder werden aufgenommen oder nicht.