Collage, Patchwork

Gestern, im Auto in den Aargau – männlich, der Aargau, männlich, nicht sächlich, dieser Gau an der Aare, wurde ich gestern von Freundin L. belehrt und da ich selbst von dort stamme, aber offenbar schon zu lange in Bern lebe um mich zu erinnern, war meine Nachfrage nur umso peinlicher – item, gestern, im Auto also, hatte ich endlich mal wieder Muße, meinen Gedanken nachzuhängen. Weil ich beim Fahren jedoch nicht schreiben kann, spreche ich mir zuweilen Notizen aufs iFöun. Da kann ich jedenfalls hinterher nicht behaupten, dass ich das Zöix nicht lesen kann. Wie ich heute Morgen also – noch im Bett mit Laptop – meine Sprachmemos von gestern, abschreibe, begreife ich, dass jedes Hirn und jedes Herz eine Collage sind.

Da kleben Erkenntnisse über Leben und Tod gleich neben Notizen über das menschliche Fahrverhalten als Analogie zum Lebensverhalten. Ein anderer Zettel klärt mich über einen Gedanken zum Thema Zeit auf, den ich mir zusammen mit L. gemacht hatte. Eine Herz- und Hirn-Post-It-Zettel-Collage, geklebt an eine gut durchblutete Pinnwand. Patchwork.

Auf pink steht zum Beispiel:
Wie klein mir die alte Heimat vorkommt! Und wie klein und schmal die Straßen und Ortstafeln … Das Wort auf dem Wegweiser zum Wohnort, wo ich aufgewachsen bin – ich fahre nur dran vorbei – fühlt sich wie ein Fremdwort an. Einfach ein Name, den ich mir auf der Zunge zergehen lasse. Ein bisschen Verbindung spüre ich. Und ein bisschen Schmerz. Dazu ein leises Sehnen nach Kindsein vielleicht, nach Sorglosigkeit. Pubertät? Nein, danke! Lassen wir das. Ich schüttle den Kopf und schon ist die Tafel Vergangenheit.

Nichts fühlen geht nicht. – Das steht auf einem blassgelben Zettel.

Und auf einem zweiten blassgelben links unten am Rand frage ich mich, ob sich vom Verhalten der Menschen auf den Straßen Rückschlüsse zu deren Verhalten im Leben oder gar im Bett machen lassen. Und, klein am Rand, steht: Trifft das auf mich zu? Wie fahre ich eigentlich Auto? Und … kaum mehr Platz auf dem Zettel … wie bin ich im Bett?

Auf neongrün steht:
Eigentlich spielt es gar keine Rolle, wo wir sind. Wären da nicht die Erinnerungen. Und wären da nicht die Energien, die an den Erinnerungen kleben. Schwere oder leichte. Doch eigentlich ist es überall gleich, wenn wir mal von den topographischen und den klimatischen Unterschieden absehen. Überall leben Menschen. Nettere und gemeinere. Mal mehr, mal weniger. Allgemeinplätze auf der ganzen Welt. Wären da nicht die Erinnerungen, die einen Ort zu einem besonderen Ort machen. Wären da nicht unsere Absichten, unsere Ziele, unsere Wege, die einen Ort zu dem machen, was er für uns hier und heute darstellt.

Noch ein pinker Klebezettel:
Alles was sich uns in den Weg und irgendwie selbstdarstellt, ist eigentlich gar nicht so, wie wir es sehen. Es sieht nur so aus, es tut nur so. Denn alles ist Interpretation. Gerüche ebenso wie Geräusche. Hupen interpretieren wir, je nach Erfahrung, als Gefahr, oder wir nehmen es kaum zur Kenntnis. Die richtige Interpretation kann uns das Leben erhalten. Doch ohne Intuition geht nix – sie ist das Vehikel der Interpretation. Könnten wir ohne diese zwei abgelutschten Begriffe überhaupt (über)leben? Und autofahren?

Auf blassgelb steht Zeitgeiz.
Nur dieses eine Wort. Zeitgeiz. L. und ich kennen es bestens. Wir geizen mit unserer freien Zeit, weil wir von ihr immer zu wenig haben. Zu wenig um sie so großzügig wie früher miteinander zu teilen. Seltsam, denn wenn wir endlich eine gemeinsame Nische finden – wie es zum Glück in den neunundzwanzigeinhalb Jahren, die wir uns nun schon kennen, immer wieder gelang – können wir kaum mehr verstehen, wie es soweit kommen konnte. Die Zeit wird auf einmal groß und weit und grenzenlos.

Nachts, beim Einparken neben meinem Wohnhaus, begreife ich auch, dass mich ein Leben ohne all seine Immerwieders total überfordern würde. Besonders dieses hier würde mir fehlen: Immer wieder meine Freundinnen und Freunde treffen und mit ihnen ein Stück Weg gehen, dass immer wieder neu ist, doch auf vielen gemeinsamen Erfahrungen basiert.

Multikulturelle Wäscheleine

Genau so muss der Titel lauten, beschließe ich beim Aufhängen der letzten schwarzen Socke. Und schon während ich das Treppenhaus hochsteige, steigen sich Sätze und Wörter gegenseitig auf die Schultern. Ich, ich, ich!, rufen sie und wollen alle gesehen werden. Und geschrieben. Darum starte ich subito den Laptop auf …

Doch dann verbummle meine freie Zeit mit Lesen und Surfen. Mails und Blogs. Auf einmal fällt mir unsere Wäscheleine da draußen wieder ein. Und warum ich den Laptop überhaupt eingeschaltet habe. Die Wäscheleine.

Okay, es war auch wegen der Bilder, wenn ich ehrlich bin. Unser Jubiläumsfest-Fotograf, versprach gestern, mir heute ein Bild von mir zu mailen. Die andern Bilder seien erst Ende Woche bereit. Von wegen bearbeiten und so. Echt, das Bild gefällt mir. Nein, ich zeige es euch nicht, es gefällt mir trotzdem. Meine Fotogenität hält sich – finde ich – in Grenzen. Aber der Typ – und natürlich immer wieder mein Liebster – machen es möglich, dass ich Fotos von mir angucken kann und sagen:
Doch, das fühlt sich so an, wie ich mich ungefähr fühle – kongruent irgendwie.

Ihr wisst schon: da ist doch immer dieses Außenbild – wie ich mich von außen wahrnehme. Wie ich glaube, zu wirken. Wie ich meine, dass andere mich von außen sehen. Im Grunde eigentlich sch…egal, doch wer ist schon immun gegen solche Gedanken? Sowieso ist dieses Außenbild kaum mit dem inneren Bild kongruent. Denn innendrin fühle ich mich zuweilen sehr mädchenhaft, übermütig und irgendwie einfach nicht fünfundvierzig. Nicht auf die Art fünfundvierzig, wie ich früher, jünger, von unten herauf gedacht hatte, dass sich fünfundvierzig anfühlen müsste. Von außen sehen die Leute einfach eine durchschnittliche Frau von fünfundvierzig. Eine immerhin, die sich oft aufführt als wäre sie zwanzig Jahre jünger. Oder wahlweise älter, denn dann darf frau auch wieder so tun.

Auf dem Weg zur Arbeit gedacht: Das ist mal wieder so ein Tag, an dem mir alles ein bisschen leichter fällt. Herbstmorgengoldenes Licht auf dem Radweg. Das richtige Lied im Ohr, Shuffle sei Dank. Und schon bin ich im Büro und habe Spaß an der Arbeit.

Aber ich schweife ab. Die multikulturelle Wäscheleine. In unserem Hof, zwischen meinem und den Nachbarhäusern gelegen, steht eine dieser omnipräsenten Wäscheleinegestänge, wie es sie auf Hinter- und Zwischenhöfen überall auf der Welt gibt. Bei den Stangen, die zu meinem Haus gehören, fehlen allerdings die Leinen für die Wäsche. Deshalb hängen alle Leute von allen vier Häusern ihre Wäsche an die eine Nachbarhaus-Wäscheleine.

Wen kümmert‘s? Viele sind es eh nicht, die sich diese Mühe nehmen. Darum ist es ein Novum, dass gleich drei Parteien gleichzeitig – so wie heute Nachmittag – ihre Wäsche draußen aufhängen. Verdanken tun wir es wohl dem wunderbaren Altweibersommer …

Meine Wäsche hängt nun in der Mitte. Bunte Kleider, Frottierwäsche, schwarze Slips und so weiter. Alles an bunten Klammern. Die Wäsche rechts von meiner, die erstgehängte, ist akkurater ausgerichtet als meine und nach Farben getrennt. Vor allem Weißwäsche. Leintücher, weiße Unterwäsche, Geschirrtücher aus Leinen. Sag mir, was du wäschst und ich sage dir, wer du bist. Ältere Leute vermute ich.

Egal, wir hängen alle an der gleichen Leine.

Die drittgehängte Wäsche gehört einer jungen Frau aus Osteuropa. Sie hängt synthetische Sporthosen auf. Und ebensolche Jacken. Blau. Sorry, die Klischees stammen nicht von mir. Wir grüßen uns, reden drei Sätze. Ja, es hat genug Platz, sagt sie, denn ich habe nachgefragt. Sie stammt aus dem richtigen Haus. Ich bin die Wäscheleine-Asylbewerberin und im Boot ist noch Platz.

Die gleiche Leine, drei Kulturen. Drei Generationen sogar. Ich mittendrin.

Die ganze Welt auf hundert Metern Draht vereint.

Wo ist das Loch im Eis?

Mein Plan war einfach. Jetzt wo ich doch endlich in mir drin wieder neuen Raum hatte, wollte ich den unverplanten Samstagabend damit verbringen, mein Manuskript „Loch im Eis“ zu überarbeiten. Will heißen, damit anfangen. Irgendlink hatte es vor ein paar Monaten gegengelesen und mit feinsäuberlicher Schrift am Rand seine Tipps und Korrekturen, Bemerkungen und Vorschläge angebracht. Außerdem hat sich ein Profi, den ich angefragt habe, angeboten, meinen Roman im Januar gegenzulesen. Doch zuvor muss ich – wie gesagt – das ganze nochmals überarbeiten. Ich würde den Text zuerst mal in Papierform lesen und mit einer anderen Farbe als mein Liebster meine eigenen Bemerkungen anbringen. So viel zu meinem Plan.

Schnell war sie gefunden, die Mappe. Die vermeintliche. „Loch im Eis“ stand auf dem Umschlag. Doch darin befand sich „nur“ das Roh-Manuskript, jener Ausdruck nach der ersten groben Korrektur. Doch wo steckt das richtige Ding, jenes mit J.s Korrekturen? Ich durchforstete alle möglichen Ecken meines Wohnzimmers, alle Möglichkeiten, wo ich normalerweise Texte ablege. Später auch die Unmöglichkeiten. Nicht wenige. All die Büchergestelle, all die Fächer, all die Nischen und Tablare. So viel Papier überall! So viele Sätze, so viele Wörter, so viele Buchstaben. Die Bücher mal ausgenommen!

Auf einmal packt mich die Aufräumwut. Nein, nicht -wut, -energie. Ich reiße alles raus, was endlich mal wieder gesichtet werden muss. Zuerst auf dem Boden später auf dem Esstisch: die guten ins Töpfchen, die schlechten in Kröpfchen. Nicht wörtlich, zum Glück. Sonst hätte ich jetzt eine Papierverstopfung. Doch einen Shredder habe ich mir gewünscht.

Keine Spur vom gesuchten Manuskript! Keine Ahnung, wo es ist. Leider hat meine Bio-Software keine Suchfunktion. Ob ich das Ding wohl bei J. liegen habe, weil ich bei ihm zuhause daran arbeiten wollte?

An meinem roten Lebensfaden bin ich innert Stunden rückwärts gebaumelt, habe mich durch die letzten zehn Jahre buchstabiert und meine eigenen Spuren gelesen. Habe gesichtet – kein Wort passt hier besser. Bilder fand ich, Notizen zuhauf, Textfragmente, Drucksachen von Kursen da und dort, Unterlagen von möglichen Ausbildungen (wo und wie wäre ich heute, wenn ich damals …?), Korrespondenz auch. Spannend, worüber ich mir vor acht Jahren Gedanken gemacht habe. Jeden Fetzen Papier, der außerhalb eines Buches in meiner Wohnung herumlag, habe ich gestern Abend in die Hand genommen. Etwa viereinhalb Stunden intensiven Eintauchen in eine Geschichte. In meine.

Spannend zu sehen, worüber ich in einem früheren Leben nachgedacht habe. Den roten Faden sehe ich deutlich, sehe meinen Kern, meine Spur, meine Essenz. Sehe, wer ich war und wer ich bin. Immer noch die gleiche und doch anders.

Ergebnis Nummer eins: Zwei fette Stapel Altpapier, die ich am liebsten Blatt für Blatt verbrennen möchte.

Ergebnis Nummer zwei: Nun hat es wieder ganz viele leere Mappen. Vorerst brauchen sie nur ein bisschen Warteraum, doch sie hungern, das spüre ich, sie hungern danach, mit neuem Zöix gefüllt zu werden. Das ich in zehn Jahren entsorgen kann.

Ergebnis Nummer drei: Halbleere Notizbücher, Makulatur, viele unbeschriebene Blätter. Auch sie lechzen gierig nach Buchstaben! Gefährliche Leere.

Das Ergebnis Nummer vier: Da sind auch ganz viele Notizen. Wörter. Sätze. Gestrandet. Angespült wie Muscheln im Sand liegen sie da. Einige mit Perlen drin, ich ahne es. Überall zwischendrin lagen sie rum.

Und jetzt? Soll ich dennoch weiterschreiben? Soll ich weiter Altpapier produzieren, das ich in zehn Jahren entsorgen werde? Damit alles schön im Kreislauf bleibt?

Eine rote Sammelmappe liegt auf meinem Schreibtisch. Mit all den vielen kleinen Buchstaben drin, den gestrandeten. Mit all den Perlen, die ich noch nicht wegwerfen wollte. Vielleicht webe ich daraus eine Wort-Collage. Ein Wörterbild aus all den Sätzen – notwendigerweise aufzuschreiben – damals, irgendwann. Bei den meisten werde ich kaum mehr wissen, was ich gemeint hatte. Dada der etwas anderen Art.

Ist nicht irgendwie auch unser Hirn so eine Art Collage?

brennend

Wie ich gestern Nacht so im Bett liege, an einem getragenen T-Shirt, das ich J. abgeschwatzt habe, schnüffle und mir „nur noch dreimal schlafen“ zuraune – wie wir es bei Kindern tun –, begreife ich, dass ich die älteste, häufigste, herrlichste, traurigste, brennendste, dominanteste Emotion erlebe, zu der wir Menschen fähig sind. Eine Emotion, die mich mit allen Menschen auf dieser Erde verbindet. Die paar wenigen Erleuchteten auf dieser Erde vielleicht ausgenommen.

Nein, keine Emotion hat die menschliche Welt wohl mehr geprägt als die Sehnsucht. Die Welt der Kunst – was wäre sie ohne die Sehnsucht eines Da Vinci, eines Goethe, eines Mozart nach dem vollkommenen Abbild jenes inneren Feuers? Auch die Welt der Wirtschaft – was wäre sie ohne Sehnsucht der Menschheit nach Bequemlichkeit, nach Reichtum, nach Entwicklung und Erkenntnissen? Und was wäre die Welt, was wäre das Leben, deins und meins –  ja, und deins und deins auch – ohne unsern täglichen Traum von „besser, schöner, freier“?

Suchende sehnen sich.

Ich zum Beispiel ersehne mir zuweilen die Freiheit von Wünschen und Sehnsüchten. Und davon, nicht mehr länger bedürftig zu sein. Und keine Sorgen mehr zu haben, ganz besonders keine finanziellen mehr. Sehnsucht nach Zeit ist auch nicht unwesentlich in meinem Leben.

(Notiz an mich:
All die gestillten Sehnsüchte
was ist mit ihnen? Gebären sie nicht ständig neues Sehnen?)

Schnitt.

Sehnsucht macht sich an Erinnerungen fest. Und an Hoffnungen. Und sie ist radikal, denn sie ist zwar niemals gegenwärtig, doch meint sie immer das Jetzt. Sie zielt auf das erwünschte Ding hin, auf jenes, das einst war oder irgendwann sein wird, auf jenes große Jetzt, auf die Erfüllung des Seins im Augenblick. Ob Mondlandung oder Orgasmus ist dabei einerlei. Es geht um das Glück jenes Augenblicks, das wir ersehnen. Jenes Augenblicks, der in Vergangenheit und Zukunft reicht und alles aufsaugt, was je war und je sein wird. Für einen Augenblick zumindest. Und für die Ewigkeit.

Es riecht so gut nach J., das T-Shirt. Ich schnüffle noch ein wenig, bevor ich tief und fest einschlafe.

Menschenskinder!

Wenn viele Menschen aus vielen Himmelsrichtungen zusammen sind, hüpft mein Herz ob all des Reichtums an Geschichten. Wie leben, wie denken, wie gestalten andere das Leben? Wie nehmen sie es wahr?

Wir saßen auf den gemütlichen Balkon der tollen neuen Altwohnung, in die meine jüngeren Freunde M. und A. neulich zusammengezogen sind. Einweihungsfest. Menschen aus zwei Freundeskreisen. Die meisten kannten sich nicht. Fließende Übergänge zwischen Kleingerede und großen Themen, denn wenn du genau hinhörst, erkennst du zwischen den Fäden der vordergründig smallgewalkten Gewebe auf einmal ganz persönliche Abgründe, Hoffnungen, Ängste, Weisheiten und Sorgenfalten.

Was für ein bereichernder Abend! Vor dem Abschied werden Nummern getauscht, Einladungen ausgesprochen und Musiktipps notiert.

Wie ich spätnachts auf dem Rad über die Kirchenfeldbrücke nach Hause radle, spätsommernächtlich warm ist es, fühle ich mich – nach einem Abend mit zehn bis zwanzig Jahre jüngeren Menschen – auf einmal auch gleich um zehn Jahre jünger.

Was gut tut. I

Eigentlich gar nicht so viel. Nur immer wieder eine gehörige Portion Natur, angereichert mit guter Luft. Doch das braucht es, mein Herz, um sich zu regenerieren, das physische ebenso wie das unsichtbare. Und meine Seele braucht eine schöne Perspektive. Mein Körper liebt es, sich zu bewegen. Wie gesagt, viel braucht es nicht und Wanderwege gibt es fast überall. Neue oder vertraute – je nach Stimmung. Heute hat es mich ins Berner Oberland gezogen. Nach Heiligenschwendi . Eine Wanderung, die ich oft gemacht habe, als ich noch in St.burg wohnte. Ein vertrauter Weg, eine Art „Heimstrecke“ gar. Eine Gegend, die mich dennoch mit ihrer Schönheit immer wieder neu betört …

Weil mein iFöun mir einen Geocache verspricht, halte ich beim Gupf an, wo ich ab und zu, besonders wenn es neblig ist, gern hochsteige, um die Aussicht zu genießen. Den Cache hole ich auf dem Rückweg. Zuerst will ich einfach nur Weitsicht. Irgendwo in der Nähe, als hätte ich es bestellt, erklingt ein Alphorn und erfüllt die Welt um mich mit melancholischer, süsser Sehnsucht, mit sentiments nach Heimat, Geborgenheit, Kindheit. Hehre Gefühle. Obwohl ich mit traditioneller Volksmusik nicht viel am Hut habe, heimelt es mir hier und jetzt ob diesen Klängen. Dazu die wunderbare Sicht auf Niesen und Stockhorn, auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Geruch vom Emd auf den Matten. Medizin für mein Herz. Dennoch tut so viel Schönheit bisweilen fast weh.

Später, in der Nähe der Höhenklinik, ziehe ich meine norwegischen Wanderschuhe an und begebe mich auf eine der ausgeschilderten Rundwanderungen. Dann der Stein im Schuh. Ärgerlich. Entweder muss so ein Teilchen integriert werden, wenn es denn geht, will heißen es so zu platzieren, dass es nicht mehr wehtut, oder aber – und das tue ich nach einem halben Kilometer mit erfolglosen Versuchen – das Ding muss raus. Wenn doch alle Probleme so einfach zu lösen wären …

Kopfkino I

Mein Tag war seltsam. Marathonsitzung am Morgen. Sehr intensiv. Anschließend eine weitere, kleine Sitzung. Zu dritt. Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit. Nach der Mittagspause tausend Dinge gleichzeitig, die über meinen Tisch kriechen, hetzen, rollen, poltern. Unter anderem „durfte“ ich an die hundert fotokopierte Artikel über unser Hilfswerk sichten, die uns der schweizerische Presse-Recherchedienst auf Wunsch und kostenlos zugestellt hat. Für ein Projekt im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Die Zeit vor ungefähr dreißig Jahren betreffend. Die RechercheurInnen haben sich nicht nur auf unser Hilfswerk, sondern auch auf alle anderen konzentriert. Was die Sichtung nicht eben vereinfachte.

Zum Glück gibt es Schlagzeilen!, dachte ich mehr als einmal. Dennoch blieb ich am einen oder andern Text hängen. Einer hat mich ganz besonders berührt, denn „Ein Tag im Leben von …“-Artikel habe ich immer schon gerne gelesen. In diesem hier erzählte ein Hilfswerk-Mitarbeiter dem Journi der Zeitung XY, wie er zuweilen frühmorgens aufwache und nicht mehr einschlafen könne, weil er an all die Kinder denken müsse, die er in Simbabwe, auf den Philippinen, in Werweissschonwo gesehen hat. Dass er dann an seine Kinder im Zimmer nebenan denke und dankbar sei. Aber dass seine Zeit nicht reiche, all das zu tun, was getan werden müsste. Leben im Konjunktiv.

Helfersyndrom, na klar, und dennoch … Mir ist der Text unter die Haut. Manchmal vergesse ich im Alltag, bei der Arbeit am kleinen, am Detail, am Ausschnitt, den ich von hier aus sehe, den ganzen Rest. Den Rest des großen Bildes da draußen. Nein, kein Moralingesülze … es ist einfach dieses Bewusstsein von Mitverantwortung und Solidarität, das ich zuweilen ausblende. Vielleicht sogar ausblenden muss. Um mich zu schützen (da wo es andere nicht können). Oder ist es gar Resignation, die mich so nüchtern macht? Übersättigung, obwohl ich ja kaum Zeitung lese?

Zuhause auf dem Sofa empfand ich meine eigenen Sorgen – die unerwartet hohe Steuerrate zum Beispiel, die bis Mitte Oktober bezahlt werden soll und die mich frühmorgens nicht wieder hat einschlafen lassen – ziemlich banal …

beziehungsweise …

Weise, wer zu andern in Beziehung steht. Alle eigentlich, irgendwie, zu allem, zu Dingen ebenso wie zu Undingen wie anderen Menschen. Relativ jedenfalls, alles, immer relativ. Immer alles in irgendeinem Verhältnis zu irgendwem und irgendwas. Im Stehen oder im Gehen. Oder auch nur beim Sein. Alles verhält sich irgendwie, beziehungsweise eben alle, zueinander. Mal nähere, mal fernere Relationen. Verhältnisse unter Verwandten, könnte ich sagen, denn das sind wir ja, und alle andern auch. So oder eben anders, denn alles ist ja, wie gesagt, relativ.

Besonders Besitz. Wer wen besitzt, zeigt sich daran, wer wen gewählt hat. Die Beziehung zueinander. Besitzergreifend zum Beispiel das  iFöun. Da hatte ich also mal so ein Teil gesehen und erlebt und ein bisschen mitbenutzen dürfen, und schon war er da, der Virus. Leise flüsterte er mir zu: Du kannst ohne mich und meine Verwandten nicht mehr leben. Gib mir dein Leben. Ich hatte keine Wahl mehr und kaufte dessen Schwester. Seine Cousine, das Fixnetz-Telefon, war seinerzeit weit weniger zudringlich. Und doch: auch sie oder es besitzt mich. Außer nachts. Ebenso ergeht es mir mit meinen privaten Mailprogrammen, während jenes im Geschäft ein Stiefkind ist. Aber auch verwandt. Das schon. Besitzergreifend ist auch mein Blog, keine Frage. Es fordert mir jeden Tag einen Beitrag ab, einen Tribut, eine Steuer – schließlich habe ich das Ding selbst kreiert. Einem Kind gleich – oder einem kleinen Vogel – streckt es mir seinen offenen Mund, will heißen Schnabel, entgegen und will täglich gefüttert werden. Kein Fastfood natürlich, dafür biologisch und so. Mit Ballaststoffen und Vitaminen. (Wieso nur muss ich hier an den Zauberlehrling denken, der – lang ist’s her – nach den Geistern gerufen hatte …)

Anders verhält es sich mit Dingen, die ich besitze. Wo ich die Scheffin bin. Bei meinem Fahrrad zum Beispiel. Obwohl auch dieses Teil hin und wieder ein Eigenleben führt. Meistens jedoch darf ich sagen, wo es lang geht. Mein Auto? Dieses Verhältnis ist ausgewogen. Wir besitzen uns gegenseitig, würde ich mal sagen, wohingegen Dinge wie Bett und Bücher und Laufschuhe meine Herrschaft, öhm, Frauschaft ohne zu motzen respektieren. Vielleicht mucken sie ab und zu auf, verstecken sich zuweilen (Bücher), lassen Regen ein (Schuhe) oder quietschen ein wenig (Bett, Schuhe auch hin und wieder), doch meistens sind sie nett zu mir. Und ich auch zu ihnen.

Apropos nett und verwandt und Besitz … Wie ich heute Morgen mit dem Rad zur Post fahre, um das Geschäftspostfach zu erleichtern, radle ich an einer Frau vorbei, die ihr Baby wie ein Känguru im Beutel vor dem Bauch trägt. Eben als ich sie überhole, küsst sie ihr Kind auf die Stirn. Ertappt schaut sie mich an. Wir lächeln uns zu. Ein Anblick, der mich berührt. Diese Zärtlichkeit, dieser Hauch … Küssen tun wir nur, wenn wir in Beziehung stehen. Küssen, die Lippen schürzen, den geliebten Menschen mit unserem Mund berühren. Archaische Handlung, denke ich, wie ich weiterradle. Archaisch, sich und den anderen Menschen auf diese Weise zu nähren und sich ihm so zu nähern … mit einer Berührung, die dem Füttern ähnlich ist. Sich küssende Menschen sehe ich später noch mehr, am Bahnhof. Freundschaftsküsse. Abschiedsküsse. Dreimal auf die Wange. Auf den Mund. Mit oder ohne Zunge. Berührung von Haut auf Haut.

Wie gesagt: Weise, wer zu andern in Beziehung steht. Und wunderbar, wenn wir jemanden haben, den wir küssen mögen …

(Jaaa, endlich habe ich mal wieder einen Schlusssatz gefunden …)

sich bücken

ist schreiben, ist leben, ist
lieben, ist weben nicht
einfach ein
bisschen wie volleyball
spielen. von mir
aus auch tischtennis. hin und
her mit dem ball. sich bücken immer
wieder, um das
ding wieder in die luft zu bekommen. vielleicht
ist schreibenlebenliebenweben
auch einfach beweg-
ung um der bewegung willen. wander-
ung. sprung.
sprung
in den himmel. oder die hölle. in der hoffn-
ung, zu fliegen. egal wohin. wie
die von feld zu feld hüpfenden
kinder auf dem platz zwischen den
häusern, heben wir ab, ein bisschen nur, doch
immer wieder, und landen auf
dem boden. immer wieder
wird der stein in den himmel geworfen. einfach
nur um in den himmel
zu fallen. auf dem teer.

Achtung, zerbrechlich …

Manche Texte sind mir so nahe, dass ich sie niemandem zeigen will. Dennoch, eben weil sie mir so nahe und so lieb und so wichtig sind, möchte ich sie andern zeigen. Ich möchte sie lieben Menschen wie ein kleines Kätzchen in die Hände geben und sagen: Sei vorsichtig. Es ist noch ganz jung. Ich möchte sie lieben Menschen wie eine noch ungebrannte Keramikschale in die Hände legen und sagen: Sei vorsichtig. Es ist sehr zerbrechlich.

Und dann beobachten. Zuschauen wie die Hände und die Augen und die Schale und das Kätzchen miteinander klarkommen. Ob das Kätzchen auch in der Hand eines anderen Menschen schnurrt, ob die Schale sich, auch wenn andere sie berühren, gut anfühlt. Solche Texte gibt es auch in meinem Blog. Irgendwo mittendrin habe ich sie leise dazwischen geschoben, ganz unauffällig, und mit anderen, stabileren Texten, die ihnen den Rücken stärken, getarnt. Dabei den Atem angehalten und die Ohren gespitzt, ob ich irgendwo ein leises Schnurren höre.

In Gedanken an die Lesung vom 14. September zur Eröffnung des Berner Geschichtenladens 1002 kreise ich um meine Textarchive wie ein Milan. Wie ein Falke, ein Sturm, ein großer Gesang. Soll ich eher kuhle, witzige, eher ironische Texte auswählen oder eher herzberührende oder gar leicht zerbrechliche? Falls ihr übrigens einen Lieblingstext in meinem Blog habt, oder einen Tipp, was ich am 14.9. lesen könnte, schreibt mir bitte an sofasophia ((at)) lebenswertvoll.ch. Danke!

Apropos kuhl: C. meinte heute, als sie mit der Schere an meinen Haaren rumschnipselte, dass ich eine total kuhle Frau sei. Na ja, sie muss es ja wissen, aber, so fragte ich mich und sie: will ich denn kuhl sein? Eher ist es so, dass ich mir mehr Mut wünsche, unkuhl zu sein. Kuhlheit ist irgendwie, na ja, frostig, doch sie ist ein guter Schutz. Frostschutz. Eiskruste. Damit nichts wehtut. Will ich, brauch ich das?

Eher brauche ich Mut. Mut zum Fehler. Mut zum Scheitern auch. Und Mut, nicht perfekt sein zu müssen. Das würde mein Leben massiv entspannen. Deins bestimmt auch.

Heute Nacht, als ich stundenlang über meine aktuell extrem arbeitsintensive Phase im Büro nachgrübelte und ob all der ToDos der nächsten Wochen den Schlaf nicht mehr fand, sass auf einmal dieser Satz auf meinem Kopfkissen:
Die Idee. Alles ist immer zuerst Idee.
Aber klar doch, sagte ich. Nix neues.
Alles BLEIBT IMMER Idee, war der nächste Satz, der um meine Aufmerksamkeit warb. Alle da draußen sind nur verkleidete Idee. Ideen, die schön tun und wichtig spielen. Die einen Ideen nennen sich Kunst. Sie zielen auf Wirkung ab. Sie wollen gesehen werden. Oder gehört. Andere Ideen nennen sich Wirtschaft. Sie sind Ideen, die sich prostituieren. Sie verkaufen ihr Herz und ihre Niere. Andere zielen auf Ethik und Religion, wieder andere verkünden Ideologien oder servieren dir Fertiggerichte für den Kopf. Schau gut hin! Jede Idee ist nur ein Samenkorn.

Irgendwann muss ich, mit dem Notizblock auf dem Kissen, doch eingeschlafen sein. Am Morgen, als der Wecker klingelte, hoppelte das Kaninchen, das auf Irgendlinks einsamen Gehöft Asyl gesucht und gefunden hatte, durch meine Träume und versteckte sich in seinem neuen Stall.
Habe ich Glück?, fragte es mich. Habe ich Glück, dass mir J. Asyl gibt und einen Stall gebaut hat? Habe ich Glück, dass ich hier Futter bekomme und in Sicherheit bin?
Vielleicht. Bestimmt. Denn draußen, in der freien Wildbahn, hätte das Tierchen keine Chance gehabt. Bald schon wäre es von einem Mäusebussard gepackt worden. Wie ich, wie wir, in Gefangenschaft geboren, ist es unfähig da draußen zu überleben. Ein Lob den Gitterstäben der Sicherheit und den Hamsterrädern der Wirtschaft …

Hier passt als Schluss eigentlich nur ein Doppelpunkt: oder ein Semikolon;