Warum eigentlich und warum eigentlich nicht?

Warum willst du pilgern – wirklich meine ich?, fragte ich meinen Liebsten vor vielen Wochen. Warum willst du dir das antun? Diese Strapazen! Nein, Mitleid war es nicht, das mich so fragen ließ. Einfach pures Interesse. Und der Wunsch, verstehen zu wollen.

Neugier. Herausforderung. Experiment. Erfahrungen sammeln. Lust auf diese mir neue Art zu reisen. Ungefähr so hatte Irgendlink geantwortet. Und jetzt, wo er unterwegs ist, werden alle dazugehörigen Strapazen schlicht im Bereich Erfahrungen sammeln gebucht. Das Pilgern macht ihm großen Spaß. Er stillt seine Neugier täglich neu und sammelt Erfahrungen noch und noch. Ich gebe gerne zu, dass ich gerne mitreise – von zuhause, von der warmen Stube aus. Obwohl ich ihn vermisse und mich auf das Wiedersehen freue.

Meine Frage nach dem großen Pilgermotiv ist hier nur im Einzelfall gelöst und ganz gewiss nicht repräsentativ. Und gelöst ist sie eh auch nur annähernd, denn alle Entscheidungen sind weit vielschichtiger als wir in Worte fassen können. So vielschichtig, dass wir selbst nicht genau begreifen, warum wir so und nicht anders handeln, denn auf der alles entscheidenden Ebene gelten andere Gesetze als die des reinen Verstandes.

Buße tun. Ablass erbitten. Sich geißeln … Ursprünglich pilgerten Menschen, um – salopp gesagt – am Ende des Pilgerweges mit reiner Weste vor Gott zu stehen. Oder um dort eine ekstatische Erfahrung zu machen. Oder um geheilt zu werden. Urmotiv oder Auslöser für die Pilgerreise war also eine Last. Die Krankheit, ausgelöst von Schuldgefühlen. Oder einfach reine Schuldgefühle, ganz ohne Krankheit. Schwere, erdrückende, kaum lösbare, die eine Sehnsucht nach Absolution gebären, welche sich – so geht das Gerücht – nur durch Pilgern stillen lässt.

Ganz bewusst sage ich Schuldgefühle, denn an Schuld per se kann ich nicht glauben. Gefühle also, die Schuld vorgaukeln, da wir gelernt haben, in Schuldstrukturen zu denken. (Okay, das ist jetzt aber ein anderes Thema, ein ethisch-philosophisches, das ich hier nicht umfassend abhandeln kann und mag.)

Gefühle sind es schließlich auch, diesmal erfreuliche, – um zum Thema zurückzukommen – die den Pilger und die Pilgerin alsdann, nach erledigter Bußübung, von Kopf bis Fuß durchdringen. Gefühle der Erleichterung. Gedanken der Erlösung. Wie wichtig und wie verrückt für unser Seelenheil, was wir denken, was wir fühlen, was wir tun und wie vernetzt dies alles in uns drin und mit unserer Umgebung doch ist! Darum behaupte ich, dass auch ein traditioneller Pilger und eine klassische Pilgerin auf der Suche nach Absolution letztlich, nicht anders als heute, auf der Pilgerreise zuallererst nach sich selbst sucht. Danach, sich selbst zu begegnen und – warum auch nicht? – sich selbst freizusprechen.

Nur vordergründig also das Motiv, zu pilgern um vor Gott gut da zu stehen. Gott als Synonym für uns selbst?, frage ich Ketzerin mich selbst, denn viel häufiger ist sicher das Motiv Selbstfindung. Dazu pilgern die einen nach Santiago de Compostela und die andern trampen nach Indien.

Die dritten – ich zum Beispiel – pilgern nirgendwohin. Meine innere Landschaft ist mir Herausforderung genug. Zwar hat es da keine Weinbrunnen, wie jenen in Estella zum Beispiel, doch da gibt es Wüsten aus Sand und Eis. Und auch dort hat es Meere. Ebbe und Flut. Glut auch. Feuer. Luft. Sturm und Wind. Und Berge und Täler. Flüsse und Ödland. Einen Pilgerpass brauche ich dazu nicht. Und das Ziel ist ohne Blasen zu erreichen. Höchstens solchen auf der Seele vielleicht.

Ob es einfacher oder schwieriger ist, die eigene Selbstfindung im Alltag zu leben oder auf den staubigen Straßen Nordspaniens weiß ich nicht und ist wohl auch unwesentlich, denn jede und jeder macht diese Reise auf ihre oder seine Weise. Und jeder und jede landet am Schluss vor der eigenen Türe. Warum auch nicht.

bei null

Da ist dieses ätzende Gefühl von Unzulänglichkeit. Häufig, allzu häufig die Wahrnehmung, immer nur grad noch im allerletzten Moment auf den bereits fahrenden Zug aufgesprungen zu sein. Glück gehabt. Die Unzulänglichkeit bezieht sich darauf, dass ich glaube, aktuell nichts wirklich ganz tun zu können, weil ich zu wenig Zeit habe. Überall Baustellen.

Vielleicht ist deshalb mein Immunsystem in den letzten Monaten so fragil gewesen? Meine ArbeitskollegInnen haben heute in der Pause nach meinem heftigen Hustenanfall ihre wildesten Thesen, Antithesen und Projektionen für meine neuerliche Erkältung von sich gegeben. Na ja. Gut und recht, doch meine eigene ist viel  trivialer. Darum habe ich sie für mich behalten:
Ich habe die Nase voll vom ganzen Stress – deshalb läuft sie über. Ich mag nicht reden – darum huste ich. Kommt mir nicht zu nahe, ihr Lieben, sonst stecke ich euch an …

Und das obwohl ich sie mag. Alle. Vom Scheff bis zur Raumpflegerin. Tolle Menschen. Und auch die Arbeit ist okay. Doch, wie Kollegin A. neulich sagte:
Wenn du nicht gekündigt hättest, wärest du über kurz oder lang hier nicht mehr glücklich gewesen. Du brauchst etwas anderes. Dennoch werde ich dich vermissen.

Nein, dieses Hamsterrad hier ist kein schlechtes. Ich bin satt, habe schön warm, bin im Trockenen und kann meine Rechnungen zahlen. Ich habe meine vier Wände, ein Dach über dem Kopf und eine Steckdose für dem Laptop. Ein WLAN-Modem ebenfalls. Und haufenweise liebe Menschen in  erreichbarer Nähe. Und viele, viele Bücher. Was will frau mehr?

Schnitt.

Tatort: Scheffs Büro. Gestern.

Während wir zu viert um seinen Sitzungstisch hängen und eine von uns – zum Glück nicht ich – von den drei anderen, also auch von mir, nach Strich und Faden und gegen den Strich gekämmt wird, damit wir herauszufinden, ob sie als meine Nachfolgerin taugt, schweifen meine Gedanken auf einmal ab und ich höre ihre Antworten nur noch wie das berühmte entfernte Rauschen. Im Film würde jetzt der Vordergrund unscharf werden, verschwimmen, ein bisschen wackeln, schließlich verschwinden und allmählich würde das neue Bild eingeblendet werden.

Schnitt.

Es war einmal ein Spermium. Mit anderen Spermien zusammen machte es sich auf den Weg. Das Ziel war allen klar. Wer würde als erstes die Eizelle erreichen und deren Wand durchdringen um mit ihr ein neues Leben anzufangen? Nur einigen wenigen würde es überhaupt gelingen, den Eileiter zu erreichen. Unterwegs schon die erste Selektion. Das große Mehr würde im sauren Milieu der Scheide zu Grunde gehen. Gut zu wissen übrigens, dass die Spermien erst zeugungsfähig werden, nachdem bestimmte Proteine im Sperma und an den Spermien durch weibliche Enzyme entfernt wurden (Wikipedia). Von den Hunderten im Eileiter würde nur das schnellste, das gewandteste, das cleverste das Rennen machen. So gesehen sind wir alle Elite.

Das eine Spermium. Die Auswahl. Brutal. Nur eine, eine einzige, würde zukünftig dort an meinem Schreibtisch sitzen. Wir stellen ihr Leben auf den Kopf. Wir setzen einen Marchstein in ihrem Leben. Und wir wünschen uns eine, die gerne und lange dort sitzen wird. Die lange dort glücklich sein wird. Länger als ich.

Als ich in unserer kleinen Runde nach dem dritten der drei Gespräche am Dienstagabend sage, dass ich mir zwei der drei Frauen als Nachfolgerin vorstellen kann, nicken Kollegin G. und der Scheff. Wir sind uns einige. Doch auch die vier Frauen, die morgen kommen werden, haben tolle Qualifikationen. Einfach machen wir es uns nicht.

Hilfe, jetzt kommt dann eine, die noch viel besser ist als ich!, sage ich. Ihr werdet froh sein, dass ihr mich los seid. Und ihr werdet mich bald vergessen haben.

Genau!, frotzelt Kollegin G.. Und wir werden ein Fest machen, wenn du gehst. Weil wir dich endlich los sind. Wir lachen.
Nein, spinnsch eigentli!, fügt sie sofort an. Niemand hier will, dass du gehst. Ich werde rosa.

Heute am Schreibtisch. Nach der Sitzung. Der Pflichtenberg wächst über Nacht von selbst nach. Deshalb räume ich manchmal meinen Tisch so auf, dass es aussieht, als hätte ich nichts zu tun. Reine Selbstverar…ng, doch gute Instant-Medizin. Die Medizin der Illusion. Der Illusion von Neuanfang, denn danach fällt es mir jedes Mal ein klein bisschen leichter, zu arbeiten. Bei null anfangen.

Immer wieder bei null anfangen. Auch alle meine Unzulänglichkeiten auf null fahren. Gutes Gefühl irgendwie.

Antipilgerin ich

Ja, ich hoffe sehr, dass mein Liebster durchhält und dass die wunden Füße heilen. Durchhalten aber nicht um der Leistung willen, sondern weil ich sehe, dass ihm das Pilgern großen Spaß macht. Ich glaube, dass er merkt, falls und wann genug ist. Welches Ziel sein Ziel sein wird, weiß nur er selbst.

Ich bin die klassische Vorlage der Antipilgerin. Das Bilderbuch-Klischee. Nur schon der Gedanke, mit so vielen Leuten im gleichen Raum zu schlafen, rollt mir die Zehennägel auf. Von den Bedbugs und Cockroaches will ich gar nicht erst reden. Doch am schlimmsten wären wohl all die Gerüche und die Geräusche. Dazu das unfreiwillige Neonlicht am Morgen und nachts beim Pinkeln, das meiner Lichtüberempfindlichkeit in die Quere käme. Kurz gesagt: Als temporäre Soziophobikerin – StammleserInnen wissen – wäre ich auf so einer Tour eh am liebsten allein oder allerhöchstens zu zweit unterwegs. Und dann würde ich lieber im Zelt als in einer Herberge schlafen. Das Zelt würde jemand immer genau da aufstellen, wo wir zu nächtigen wünschen. Und es wäre Sommer. Warm. Kein Regen. Sonnenuntergänge so weit das Auge reicht.

Pilgern? Buße tun? Wozu Leute heute pilgern weiß ich nicht, nur dass es viele tun. Sehr viele. Am allermeisten würde mich deshalb an der heute üblichen Art zu Pilgern stressen, dass ich nie alleine sein könnte. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, könnte genau das DIE Herausforderung des Pilgerns sein: mitten in der Pilgerherde dieses Alleinsein, dieses zentrierte Ganz-bei-sich-sein üben zu können.

Gestern bloggte ich über die mir fehlende Ruhe, das ständige Nicht-wirklich-bei-mir-sein, die latente Unruhe. Ha, genau: alles selbstgestrickt. Nicht auf Umstände delegierbar. Auch nicht auf Menschen, die meine Zeit beschneiden. Nicht auf Aufgaben und nicht auf Halsweh und Schnupfen. Die wahre Lebenskunst und möglicherweise für die einen das Motiv, sich selbst eines Tages auf die Pilgerschaft zu begeben, besteht darin, bei sich selbst anzukommen. Zentriertsein.

Ich hoffe allerdings, dass ich dazu nicht den Jakobsweg gehen muss. Dass ich das auf dem Sofasophiaweg lernen kann. Learnig bei doing oder so. Drückt mir die Daumen. Und ihm auch, dem Pilger Irgendlink.

ruhig

Wie sehr ich mich eine Woche nach den Ferien bereits wieder danach sehne, endlich zur Ruhe zu kommen. Wenn ich am Wochenende krank im Bett liege, hat das eben einfach nicht den gleichen Erholungswert wie richtig frei haben und tun und lassen können, was das Herz begehrt. Und das obwohl ich heute den ganzen im Bett gehängt bin und ein gutes Buch gelesen habe.

Ich vermisse mich. Ich bin zurzeit kaum je alleine mit mir und meinen Gedanken. Auch Tagebuch schreibe ich kaum. Schade eigentlich und auch nicht wirklich gut für mich. Immer geht alles nach außen. Zu anderen Menschen: Ins Blog. Zu J..  Zu Freundinnen und Freunden. Immer ist die Türe offen. Ich brauche im Grunde einfach Ruhe von innen heraus. Ich brauche mehr mich.

Ich gestehe: Die virtuelle Gemeinde – meine Bloglesenden – bestimmt mit ihrer unsichtbaren und zum Teil bekannten Anwesenheit meinen Alltag mit.  Na ja, das geht wohl allen Blogschreibenden so, da bin ich sicher.

Obwohl ich ja in erster Linie schreibe, weil ich schreiben will. Und schon fallen mir meine Mailschulden ein. Die liegen mir schwer auf dem Magen. Zumal ich alle mag, denen ich schreiben will. Eigentlich ist es ja mit allem so: Wenn ich zu lange warte mit reagieren, mit antworten, mit dem Überarbeiten meines Manuskriptes, mit bloggen oder damit meine Bildergalerie weiter zu bearbeiten, dann wachsen auf einmal große schier unüberwindbare Berge und der erste Schritt wird immer schwerer.

Berge aus Nichts. Dieses Nichts ist selbstgestrickter Leistungsdruck. Das Nichts macht, dass ich mich unfrei fühle, verpflichtet und in der Rolle der Reagierenden statt in der Rolle der Aktiven. Doch wem sag ich das, wo ich mir das doch selbst so kreiert habe. Auch die daraus entstehende Unruhe und Spannung – statt besser zu mir selbst zu schauen. Tja. Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, wie es so schön heißt.

Apropos Schritt: Irgendlink ist nun schon drei Tage gewandert. Um die siebzig Kilometer Jakobsweg. Ein Zehntel oder so. Heute im Dauerregen. Mit kalten, nassen Füßen. Von Anfang an hat er gute Kontakte gefunden, war nie wirklich allein und hat inzwischen auch gelernt, wie man Blasen behandelt. Nähen ist das Gebot der Stunde. Statt aufstechen. Nähen, dreimal. Mit Faden.

Er klingt sehr gut, mein Liebster, richtig glücklich. Die drei Spanier, mit denen er gestern und heute gewandert ist, obwohl er nur sehr knapp spanisch reden kann, mochte er sofort. Und sie ihn offenbar auch. Zum Abschied hätten sie sich herzlich umarmt.

Zur Ruhe kommen … hm, nicht mal auf dem Jakobsweg ist Ruhe ein normaler Zustand. Ruhe finden ist wohl ebenso, wie sich aufs Glücklichsein einlassen, eine Entscheidung. Die wir immer wieder neu treffen müssen. Zum Beispiel jetzt.

Kein Kohl

Man nehme (frau auch) ein paar saftige Kohlblätter und klopfe sie weich, so dass der Saft austritt und sie ganz weich werden. Salbe braucht es, Haushaltfolie und einen Verband, allesamt als Schutz, doch die Hauptzutat ist eindeutig der Fuß, der geknickte, verstauchte, geschwollene Fuß. Hat man den, ist alles gut. Nun lassen sich nämlich alle erwähnten Zutaten zu einem sinnvollen Ganzen vernetzten in dessen Mittelpunkt besagter Fuß steht.

Fettende Salbe, weichgeklopfte Kohlblätter, Folie und Verband, in dieser Reihenfolge, sagte A. Und morgen dann nochmals Arnikakügelchen, mit Wasser auflösen, schluckweise trinken. Wie gut, dass mein Fehltritt bei P. und A. passiert ist und A. über solch tolle Wissensschätze verfügt!

Zurück in J.s Wohnung falle ich erschöpft in die Kissen. Fuß hochlagern, den Kohlwickel zubereiten und verblüfft beobachten, wie der Schmerz von akuten 100 Schmerzprozent, wo mir sogar die kleinste Bewegung und Berührung Schmerztränen in die Augen treibt bis zu ungefähren 40%, bei denen ich bereits wieder auf der Ferse gehen kann, abklingt.

Kein Kohl, Kohl wirkt Wunder!

dieses Bild

Am Anfang war die Leere. Nicht Chaos, nein, Leere. Meine Schöpfungsgeschichte fängt mit Leere an. Und mit einem weißen Malbrett.

Bisher malte ich immer in einem Rutsch, allerhöchstens in zweien. Linear malte ich mich von A nach B. Ähnlich wie ich einen Blogartikel schreibe. Ich fange an und lasse mich treiben. Manchmal zielstrebiges, manchmal überraschtwerdenwollendes Treibenlassen. Doch diesmal war alles anders.

Am Anfang war die Leere. Diesmal war da auch ein Ziel. Ein kleines zumindest. Oder vielleicht sogar zwei. Das erste: Wie fühlt es sich wohl an, wenn ich ein Bild im Voraus steuere, es gleichsam komponiere und so eine Mischung aus Plan und Zufall, ähnlich wie beim Schreiben einer Geschichte, anstrebe? Wird sich das eher kreativitätsfördernd oder eher kreativitätshemmend auswirken? Auch handwerkliches Training spielte als Schaffensaspekt eine Rolle. Das war mein zweites Ziel.

Möglicherweise schlummerte da noch ein drittes, irgendwo, denn ein Künstler hatte bei der Malaktion vor dreieinhalb Wochen in Irgendlinks Atelier-Galerie meiner kleinen Malerei ein gewisses Talent attestiert. Ein Talent, das aber noch ziellos wirke. Es sei jedoch nicht auszuschließen, dass ich da mehr draus machen könnte … *ungläubiggehüstelthab* Das dritte Ziel? Ob ich malend nun seine Aussage zu dementieren versuche? Oder zu bestätigen?

Noch nie habe ich so lange, so ausdauernd, so lust- und so hingebungsvoll an einem Bild gemalt habe, wie an diesem. Ursprünglich als simples Übungsbild gedacht, das ich – parallel zu Irgendlinks Übungsbild – in ColArt-Manier in einzelne Felder aufzuteilen gedachte, legte ich die weiße Maltafel auf den Tisch. Nein, ich werde keine Quadrate malen. Mein Leben ist nicht linear, murmelte ich vor mich hin, als ich nach dem Zirkel suchte und mich erinnerte, wie eine Spirale konstruiert wird.

Am Anfang ist der Punkt in der Leere. Der erste Punkt. Zeugung? Geburt? Kreisförmige Linien geben der Leere schon bald eine Struktur. Ein Weg führt von innen nach außen. Mit Linien, die zur Mitte führen, unterbreche ich die große Fläche, die sich, von der spiraligen Linie geführt, aus der Mitte nach außen bewegt. Oder umgekehrt?

Am Anfang die Leere. Bald schon sind da gelb, rot und blau. Dazu schwarz und weiß. Mehr braucht es nicht zum Leben. Das Alphabet jeglichen Malens.

Während ich ein paar erste Flächen, von außen nach innen arbeitend, male, wächst mein Respekt vor Kunstschaffenden. Wie viel Geduld und Knowhow es nur schon braucht, eine Fläche deckend und ohne sichtbare Pinselstriche zu malen! Die einen Farbfelder bedürfen einer zweiten Farbschicht, andere Flächen gelingen mir auf Anhieb. Eine meditative Stille macht sich in mir breit. Ich lasse mir Zeit. Ich werde ruhig und arbeite gemächlich vor mich hin. Abend für Abend. Seit Wochen schon. Immer wieder muss ich unterbrechen um all die anderen offenbar wichtigeren Dinge des Lebens zu tun. Arbeiten und so. Doch im Grunde ist das Bild zurzeit mein roter Faden.

Stück für Stück, Fläche für Fläche gestalte ich. Male mal hier, mal da, um nach dem Trocknen wieder hier weiterzumalen. Parallelen zu meinem Leben sind nicht zufällig. Auch mein Leben gleicht einem Flickenteppich. Ich reise auf meinem Bild von außen in die Mitte und wieder zurück. Ein Tanz auf der ehemals weißen Fläche. Mein Lebenstanz. Jeder Text, so las ich einst, beinhalte ein Stück Biografie, so verkappt es auch ist. Gilt auch für Bilder, stelle ich fest.

Ich male Sujets auf die grundierten Flächen. Inspiriert von inneren Eindrücken sowie Karten, Bildern oder Fotos improvisiere ich. Wie male, wie schreibe, wie lebe ich lebendig und dreidimensional?, frage ich mich und tüpfle Schatten um stilisierte Risse. Ohne Schatten bleibt alles in der Schwebe, hängt im Raum, fällt hin, wirkt unruhig, flach und blass. Wie ich da so male, begreife ich, dass ich, was immer ich tue – ob nun malend, fotografierend oder schreibend –, immer nur Illusionen erzeuge. Ich täusche das Auge, die Sinne, die Gedanken … Und ich lasse mich bereitwillig täuschen, denn alles ist Fiktion. Ver-rücktes Auge. Ver-rückte Sinne.

Ob wir uns nun eher nach Harmonie und Gleichgewicht sehnen oder nach Spannung und Provokation, was immer wir betrachten, was immer wir lesen, wir rücken es uns zurecht. Wir sehen, was wir sehen wollen. Beim Malen kneife ich oft die Augen zusammen und betrachte das eben Gemalte mit einem leicht verschwommenen Blick um die Überzeugungskraft der eben erzeugten Illusion zu testen.

Fertig? Wann ist das Bild fertig? Wann ist das Leben fertig? Jetzt, wo ich endlich alle Flächen bemalt habe, nichts Weißes mehr sichtbar ist, dass ich nicht selbst weiß gemalt habe, jetzt könnte ich aufhören. Ein bisschen wie sterben. Oder soll ich die restlichen grundierten Flächen bemalen?

Tipps und Erfahrungen gelten zwar, doch die letzte Entscheidung liegt bei mir.

Ein Wort zum guten Tag

Verblogge auch tolle Storys, begreife ich. Das wäre wohl, von Irgendlinks gestern zitierter Gedankenkette ausgehend, eine heilsame Form der Selbstauferbauung. Selbstausdruck. Und natürlich auch eine ausgesprochen produktive und so gar nicht zerstörerische Form von Verarbeitung. Und ebenfalls förderlich für das Seelenheil der Kreativen. (Notiz an mich: Bloggen als Therapieform? Nein, das greift zu kurz.)

Tolle Storys. Was genau das ist? Nein, kein Fragezeichen. Wir alle kennen die Antwort.

Ausscheidung, Liebe und Zeit – das sind die drei alles entscheidenden Themen, jene Themen, die die Welt zusammenhalten, schrieb ich gestern meinem Liebsten.

Toll und schön sind suspekt. Träume und Träumen auch.

Ich will dennoch nicht aufhören, von einer besseren Welt zu träumen und auf sie hin zu arbeiten. (Notiz an mich: besser für mich oder besser für alle???) Auch auf die Gefahr hin, an der Nichtkongruenz von Soll und Ist zu leiden. Habe ich im September auf einen Notizzettel gekritzelt.

Bessere Welt? Ausrede. Klischee. Unfassbares Ding. Gegenwart verpassen. Abgelutscht.

Stichwort: Unerfüllte Sehnsucht. Hatten wir neulich schon mal. Sag mal ehrlich, du da draußen, oder du, oder du, sag, sind wir nicht alle deshalb noch da und unterwegs auf dieser wackeligen Seilbrücke, die Leben heißt, weil wir entweder an das Gute, das bereits da ist oder das noch kommt oder zumindest als Idee besteht, hoffen oder aber deshalb, weil wir zwar resigniert und abgelöscht sind, aber zu feige, uns umzubringen. Okay, das war jetzt eben ziemlich schwarzweiß und sehr vereinfacht. Dennoch … irgendwas bringt uns ja dazu, am Morgen aufzustehen und zu tun, was wir als unser Ding oder zumindest unsere Pflicht betrachten. Ob dem allem Solidarität, Dringlichkeit, Bedürfnis oder schlicht der zu erwartende Zahltag zu Grunde liegt, ist erst einmal Nebensache. Fakt ist, wir stehen auf, weil wir etwas tun wollen, das in unseren Augen getan werden soll – und wenn wir auch bloß aufstehen, um zu pinkeln (womit wir bei dem ersten der drei alles entscheidenden bereits erwähnten Dingen wären, siehe oben).

So weit so gut.

Motivation ist ergo das Ding, das uns am Leben erhält. Der Herz-Schrittmacher. Unsere Motivation, unser Motiv und Beweggrund – gewoben aus den Kettfäden Erfahrung, Erkenntnis, Erlebnis und Erziehung sowie den Schussfäden Zufall, Glück, Schicksal, Inspiration … Warum ich auf die europäischen Trauben warte, zum Beispiel, und keine aus Chile kaufe, obwohl die schon früher im Handel sind? Erziehung. Erkenntnis. Warum ich lieber für ein Hilfswerk arbeite als für eine Autofirma? Einsicht. Erkenntnis. Erziehung. Zufall. Warum ich dennoch ein Auto habe? Erfahrung. Erkenntnis. Zufall. Schicksal. Undsoweiterundsofort. Ach, und Selbstverar…ung wäre ein weiterer in die Gedankenfäden über unsere Motivation einzubeziehender Faktor. Und natürlich sind diese pseudopsychologischen sofasophischen Gedankenspielereien weder über alle Zweifel erhaben noch sonst wie empirisch abgesichert.

Was ich sagen will? Ich frage mich, ob eine Erkältung eine tolle Story abgibt. Oder ist es gar, weil ich Fieber habe, eine Grippe, die in meinen Eingeweiden brodelt – was aber dennoch kaum eine gute Story abzugeben vermag. Selbst dann nicht, wenn mich ebendiese Erkrankung in den Langsammodus katapultiert hat. Oh, wie ich mir dieses Wort auf der Zunge zergehen lasse! LANGSAMMODUS. Und wie ich es grad genieße, meine unausgegorenen Gedanken in die Finger fließen lassen und in die Tasten hacken zu können.

Ich sehe mich durch den morgendlichen Herbstwald spazieren. Sonne durch die Bäume, Herbstlaub unter den Füßen. Es knistert und riecht, wie nur Herbst riechen kann. Hier und da das Rascheln eines Eichhörnchens. Dort drüben das Klopfen des Spechts. Ein Reh huscht über den Weg. Ich halte inne, denn ich habe Zeit. Genieße meine kleine heile Welt dieses Augenblicks. Habe Zeit, meine Sinne zu öffnen. Atme tief. Muss mich nicht schützen. Kann offen sein für das Leben, das ist. Jetzt. Auch. Anderes Leben. Langsam gehe ich weiter. Das Rauschen des kleinen Baches wird lauter. Mit ein paar Schritten auf große, flache Steine überquere ich das Rinnsal. Später, zurück in der Schreibstube setze ich mich erneut an die Geschichte, die ich am Schreiben bin. Am Nachmittag gehe ich in den Garten und ernte das letzte Herbstgemüse … Ich setze Tulpenzwiebeln für nächsten Frühling. Der kommt bestimmt. Wie immer.

So könnte Leben sein. Mein Leben.

Ohne Unterhaltungswert. Außer für mich, die ich es lebe. Doch worüber ich dann wohl bloggen würde?

Ein Wort zur guten Nacht

Verblogge schlimme Storys, rät mir Irgendlink, nachdem ich ihm eine heute gemachte, ziemlich miese Erfahrung mit einem aggressiven alten Herrn geschildert habe. Das ist auch eine Form der Gewalt und des sich Abreagierens. Eine ausgesprochen produktive und so gar nicht zerstörerische Form, meint mein weiser Freund, es ist gar das Seelenheil der Kreativen. Ein Satz, der gerahmt und für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen gehört.

Später frage ich mich, während ich, noch immer fiebrig, Fotos bearbeite, ob wir, deren Herz so und nicht anders schlägt, nicht einfach immer und überall die KünstlerInnen sind, die wir sind. Selbst dann, wenn wir uns mit Alltäglichem abmühen. Womit wir wieder beim Seelenheil der Kreativen wären. Und die Erde dreht sich doch. Und mein Herz schlägt einen anderen Takt als das Herz eines Managers. Und auch anders, als jenes einer Geschäftsfrau. Einfach anders, ganz wertfrei gesagt. Und das ist gut so. Es lebe die Biodiversität …

Fallmaschen I

Zum einen Erinnerungen. Eintauchen in vergangene Reiseerlebnisse. Nochmals mit meinem Liebsten durch Spanien, Frankreich, Deutschland, Dänemark, Schweden und Norwegen reisen. Und natürlich auch durch die Schweiz. Unzählige Bilder sichten. Auswählen. Und die Alben meines neuen virtuellen Fotoalbums füllen. Immer und immer wieder die Sonnenstrahlen auf der Haut spüren. Wie gut sich das anfühlt. Träumen. Auch vorwärts träumen … (zur Galerie …)

Notausgang. Passt gut. Denn nach ihm suche ich im Alltag. Womit wir beim „andererseits“ wären. Die Erkenntnis, dass meine Zeit im Job nach Ende riecht und nach Aufbruch. Das Gefühl von genug. Einmal mehr begreife ich, dass ich irgendwie einfach nicht in diese Arbeitsmühle, die unserer Gesellschaft so heilig ist, rein passe. Dass mich Konventionen und Strukturen einfach nicht erfüllen und mir Energie rauben. Dass ich etwas anderes tun will. Zu merken, dass die Solidarität meiner Kolleginnen nur so weit geht, wie sie ihnen nicht weh tut. Und das tut mir weh. Ich will anders leben.

Unerfüllte Sehnsüchte. Ein Thema, das ich mit meiner Freundin U. grad in langen Mails thematisiere.

“ … sie erwachen, wenn irgendwas im außen geschieht. sie räkeln sich und fangen an, eigendynamisch zu handeln. sie zeigen uns genau, wo wir uns bisher bedeckt gehalten haben. unerfüllte sehnsüchte tun irgendwie weh und darum lernen wir irgendwann – ganz früh vielleicht schon – ihnen den mund zu verbieten oder wir sperren sie gar weg.

was ist ihr sinn? und müssen wir sie erfüllen? sind sie wichtig, damit unser leben eine dynamik, ein motiv und eine richtung bekommt? was wäre, wenn wir keine erfüllten sehnsüchte mehr hätten? wäre dies das nirvana und wir wunschlos glücklich. oder aber wären wir dann total abgestumpft und abgelöscht? ich weiß nur, dass unerfüllte wünsche, wenn ich sie zu sehr aufbausche, mein leben in eine richtung bringen, die nicht mehr lebensförderlich ist. ich denke da an a., dessen unerfüllte sehnsucht das paradies auf erde war. natürlich, diese sehnsucht haben wir bestimmt alle, alle in irgendeiner ecke unseres seins. nur: wie groß und wie stark ist sie? und darf sie größer sein, als … größer als was?

j. fragte mal irgendwo und irgendwann sinngemäß in seinem blog: wieso gewichten wir unsere innere, phantastische realität nicht ebenso schwer wie die äussere? … wie sein text weiterging, weiß ich nicht mehr. ich gebe mir, genau jetzt, zur antwort: die äußere realität ist jene, wo ich auf jene äußeren realitäten meiner mitmenschen stoße, wo ich den anderen begegnen kann. darum braucht sie wohl mein größeres augenmerk, wenn ich mich als soziales wesen betrachten und verhalten will, das im austausch mit diesen mitmenschen stehen will.

will ich das nicht, nicht mehr, kann ich mich auf meine innere realität fokussieren. möglicherweise werde ich dann von der welt außerhalb meiner selbst nicht mehr verstanden und erhalte einen dieser tollen diagnosen, die weißgekittelte menschen gerne (oder auch nicht so gerne) verteilen. item.

wie bei allem im leben suche ich mein gleichgewicht irgendwo in der mitte zu finden. da die unerfüllten wünsche, dort das wissen um die nichtideale realität, daneben träume und wünsche und erreichtes. unerreichbares auch, das vielleicht so unerreichbar nicht ist. immer alles im kontext mit den menschen, die mir lieb sind. immer im bewusstsein, dass (s)ich alles ständig verändern kann

es gab liebeserfahrungen in meinem leben, die wie kerzen waren. eine kerze gibt hell, doch sie wird kleiner und kleiner je länger sie brennt. dann gibt es liebeserfahrungen, die wie bäume sind. auch bäume nicht vergänglich, doch sie wachsen dem licht entgegen. eine solche liebe, ahne ich, ist jene zu j.. ich hoffe es. das leben, alles, ist vorläufig. und vergänglich …“ (Aus einer Mail an U., gestern, im Fieber geschrieben).

Es war einmal …

… und alles, was danach kam, ist mir noch immer unbegreiflich. Das Leben. Alles, was ist, fängt mit einer Idee an. Biologisch gesprochen mit Same und Ei. Alles ist zuerst nur eine Möglichkeit. Eine von vielen. Vielleicht eine Frage. Geboren aus einer verkeilten Situation, die nach Veränderung schreit.

Es gibt für alles eine Lösung. Alles kann man verändern! Mit diesem Mantra meines Vaters bin ich groß geworden. Ich vermute mal, dass ich ihm verdanke, dass ich lebe, dass ich noch lebe. Ihm, meinem Vater, das erste und ihm, dem Satz, das zweite.

Aber, halt, ich schweife ab. Da ist also jene Frage, geboren aus Unbehagen, welche nach Veränderung schreit. Veränderungswunsch ruft nach Lösung. Lösungswunsch kreiert Idee. Idee manifestiert sich in die Wirklichkeit.

Was aber tun, wenn du – also ich – einen eigentlich tollen Job hast und nach außen hin alles okay ist? Was aber tun, wenn du trotz all dem guten dennoch dieses Unbehagen wahrnimmst, das du nirgends festmachen kannst? Einem Unbehagen liegt ein Ideal zu Grunde – will heißen, eigentlich ist es die Diskrepanz zum Ideal, die auf einmal erkannt wird. Dieses Ideal vom Leben: so und so könnte ich leben. Der Lebenstraum. Leben im Konjunktiv. Dieses Leben, das nur ich, nur ich SO, leben kann. Okay, das Leben ist nicht ideal, aber …

Wem gehorche ich, wem gehöre ich, worauf und auf wen höre ich? Eine dieser Fragen, die eine Kettenreaktion von Veränderungen auslösen kann.
Es ist Gewalt gegen sich selbst, zitierte Freundin K. am Samstagabend aus „gewaltfreie Kommunikation“. Du wendest Gewalt gegen dich selbst an, wenn du immer nur auf die Bedürfnisse anderer achtest und die eigenen ignorierst.

Ich weiß es nicht. In deinem Fall und auch bei mir selbst weiß ich es einfach nicht, sagte Irgendlink gestern, als wir über unsere beruflichen Unbehagen redeten, über die Hamsterradfalle. Und ob wir etwas Grundsätzliches daran ändern müssten.
Gute Jobs sind gefährlich, sagte ich. Sie machen bequem. Sesselkleberpotential haben sie. Wir vergessen bei der Arbeit unsere Träume. Wohl denen, die Träume haben …

Ich habe einen Traum … Berühmte Worte eines großen Träumers. Ein Anfang. Ein Same.

Es war einmal …