am gleichen Tisch

Frau Machbar und Frau Schicksal saßen zusammen am gleichen Tisch. Wie immer am Dienstag. Gar wichtiges hatten sie zu besprechen.

Was mischst du dich aber auch immer in die Angelegenheiten der anderen ein?, fragte Frau Machbar ihre Nachbarin nicht zum ersten Mal, wohlwissend, dass die anderen ihre Frage nicht beantworten würde. Was sag ich da der andern? Die ganze Welt mischst du auf! Wenn ich etwas nicht verstehen kann, dann dich.

Und du erst?, entgegnete Frau Schicksal. Du redest den Menschen ein, dass sie alles selbst in der Hand haben. Dass sie an ihrem Wohl und Weh selbst Schuld oder von mir aus Unschuld haben. Dass sie das Geschick der ganzen Erde lenken können. Selbst Schicksal spielen. So kann das nicht mehr weitergehen.

Es klopft an die Türe. Beide stehen auf und gehen in den Flur. Frau Machbar öffnet die Türe. Draußen steht Frau Serendipität. Sie kichert verlegen.
Verzeiht, ihr beiden, meine Verspätung zu unserem Kaffeekränzchen. Ich hatte zu tun. Ganz unvorhergesehen. Ungeplant, wie immer, ihr wisst schon. Musste ein klein bisschen nachhelfen. Sie grinst. Ach übrigens, habt ihr eigentlich Großmütterchen Vorsehung heute nicht eingeladen? Sie sitzt auf der Bank unten auf dem Hof an der Sonne und klatscht fortwährend in die Hände. Genau so, genau so, flüstert sie mit strahlenden Augen.

Betreten schauen Frau Schicksal und Frau Machbar aus dem Fenster und begreifen, dass sie ihre Kollegin einmal mehr vergessen haben.

Niemand anders

Oder vielleicht besser: Nur ich allein. Warum? Weil! Es gibt niemanden anders, der für mich tun kann, was nur ich für mich tun kann. Und nur ich selbst kann mich wirklich motivieren, es auch zu tun. Alles was ich tue, tue ich im Grunde, weil ich es tun will. Mit dem Lassen ist es gleich. Ich tue und lasse etwas, weil ich mich dafür entschieden habe. Bewusst oder unbewusst.

Andern zuliebe Dinge tun, die mir gegen den Strich gehen, funktioniert in der Regel bei mir nicht. Vor ungefähr zwölf Jahren – was, schon so lange? – habe ich meinem damaligen Lover zuliebe aufgehört zu rauchen. Nach dem ich mich ein paar Monate später von ihm getrennt hatte, fing ich wieder an. Heute rauche ich nicht mehr. Seit mehr als anderthalb Jahren bereits. Aufgehört habe ich ganz unspektakulär. Fast beiläufig. Mir zuliebe.

Nur so, nur ganz allein aus dieser Motivation, kann uns gelingen, was uns wirklich wichtig ist. Die wichtigste Treue ist jene unserem Herz gegenüber. Nur ich kann für mich tun, was nur ich für mich tun kann. Wie gesagt. Ein Gedanke, der mich im Zusammenhang mit Irgendlinks Pilgerreise oft besucht.

Immer wieder behaupte ich ihm und anderen gegenüber, dass ich nicht pilgern könnte. Dass ich nicht mit so vielen Leuten im gleichen Raum schlafen könnte, zum Beispiel. Und vor allem könnte ich nicht morgens in mitten so vieler Leute herum wuseln, Morgenmuffelin ich. Horror, nur schon daran zu denken. Gänsehaut. Und größte Bewunderung denen gegenüber, die das können. Den einen fällt das eine leicht, anderen anderes. Banal. Wieso sollte ich mich zu etwas zwingen, das anderen leicht fällt? Mir fällt dafür anderes leicht, worüber sich jene den Kopf zerbrechen oder zwei linke Hände dafür haben.

Ich muss ja auch nicht pilgern, flüstere ich mir zu. Ich habe meinen eigenen Weg. Meinen Alltagscamino. Ob der einfacher ist? Hier.

Und vielleicht – eines Tages, später, irgendwann – werde ich auch pilgern. Wenn ich will. Falls ich will. Obwohl. Ich tus ja schon. Hier. Und du und du und du auch.

Nachlese II

„Könnten Sie mir trotzdem die Namen Ihrer engsten Freunde geben. (…) Mit denen Sie und Ihr Mann Umgang pflegten.“

Sie schaute zu Boden. Aha, dachte Münster. Da liegt also der Hase begraben. So ist das.

Das Peinlichste, was es gibt, hatte er einmal gelesen, das ist, keine Freunde zu haben. Einsam zu sein. Man darf ungestraft bescheuert, rassistisch, sadistisch, übergewichtig und dreckig wie eine Sau sein, praktizierender Pädophiler … aber man muss Freunde haben.

aus: Hakan Nesser, Münsters Fall, btb 73793, Seite 119,

Wie man es auch drehte und wendete, das Leben war nun mal nicht mehr als die Summe all dieser Tage, und manchmal kam man natürlich an einen Punkt, an dem man sich mehr für das interessierte, was gewesen war, als für das, was noch zu erwarten war.

ebenda, S. 157

FreundInnen und eine schöne Aussicht – das sind Fäden aus denen das Gewand der Lebensfreude gestrickt ist. Und Lebensfreude – bitte unterschätzt sie nicht! –  ist es, was wir brauchen, um am Morgen aus dem Bett zu kommen. Sie ist es, die uns munter macht, uns antreibt, uns inspiriert. Fehlt sie, gehen wir im Kreis. Oder wir gehen im Kreis, bis sie fehlt.

Leben ist immer nur Gegenwart. Weg. Spirale. Kurve. Kreuzung. Sitzbank. Aussichtspunkt. Tiefpunkt auch.

Mein ganz persönlicher Weg, mein Camino – analog dem Jakobsweg, den J. zurzeit pilgert – führt zu ganz ähnlichen Erkenntnissen, wie sie mein Liebster unterwegs täglich findet: Auch ich will jetzt leben, gegenwärtig. Zu oft habe ich mich in meinem Leben auf später vertröstet: Wenn ich endlich mal, dann werde ich …

Gegenwärtig sein heißt auch, den Sorgen nicht mehr Gewicht geben als nötig. Den zeitlichen und energetischen Aufwand zur Lösung der Alltagsprobleme so klein wie möglich und so groß wie nötig halten.

Damit wir, wie Münster es sich im zitierten Buch ersehnt, eben Zeit zum Leben haben. Denn das ist es letztlich, was zählt.

Bitte schenk mir was!

Beim morgendlichen Postverteilen springt mir von einem Flyer – oder war es ein Bettelbrief oder ein Newsletter? – der Satz ins Auge „Bitte schenk mir was!“ Er bleibt hängen, im Auge und im Ohr, während ich später die letzten Weihnachtkarten versandbereit mache. Eine meiner ambivalentesten Pflichten im Kapitel Öffentlichkeitsarbeit. Eine Pflicht, die ich gerne vor mir herschiebe. Genau heute vor einem Jahr habe ich darüber gebloggt. Ambivalent, weil ich – neben meinem Scheff – die wohl größte Weihnachtsmuffelin bin, die ich kenne und weil ausgerechnet ich für diesen Versand zuständig bin.

Versteht mich richtig: Ich mag Feste. Und ich mag Geschenke. Ich mag auch Rituale. Aber ich mag den ganzen Kommerzglitzerkitschklimbim, der im Dezember die Kasse klingeln und die Tränen fließen lässt, ganz und gar nicht. Mich stößt diese künstlich erzeugte Nettigkeit und Pseudopflichtschuldigkeit ab, dieses kollektiv abzutragende schlechte Gewissen, das mit Händen zu greifen ist. Ich hasse Floskeln und ich verabscheue Geheuchel. Dieses Getue mit Familienzusammensein macht doch allen mehr Stress als Freude. Möglich, dass Kinder – bevor sie vom Kommerzengel verbogen werden – dem kerzengeschmückten Weihnachtsbaum etwas abgewinnen können, das lasse ich gelten, doch was den Auslöser vom ganzen Spektakel betrifft, die Geburt eines kleinen Kindes, das die Lasten einer ganzen kaputten Welt kompensieren soll, ist für mich nicht relevant und rechtfertigt in meinen Augen das ganze Theater nicht. Ich hoffe, dass ich damit niemandem auf die Füße trete. Doch so ist das nun mal bei mir.

Natürlich bin ich unseren Partnerorganisationen und all den Spendenden, die uns im Laufe des Jahres unterstützt haben, sehr dankbar. Keine Frage. Dennoch sind nicht mal wir als Hilfswerk gefeit vor Konkurrenzdenken. Haben wir die bessere Weihnachtskarte als die anderen? Ich weigere mich, beim Wettstreit mitzumachen. Ich habe vor zwei Jahren ein Kartenlayout für die Karteneinlage entworfen, dass ich letztes und dieses Jahr nur geringfügig verändert habe. Und natürlich mit einem neuen klugen Spruch ergänzt. Öffentlichkeitsarbeit nennt sich das. Während ich die Karten verpacke, höre ich Musik.

Oha, Heavy Metall?, fragt J., die mit einem IT-Problem zu mir kommt.

Aber nicht doch. Ist Indie. Nur grad ein härteres Stück. Jedenfalls alles andere als ein nettes Weihnachtslied, antworte ich.

Meine einzigen Gründe, mich auf die Festtage zu freuen, sind die anderthalb Wochen Ferien, Irgendlinks Rückkehr von seiner Pilgerreise und natürlich die Sonnwende. Der kürzeste Tag. Die längste Nacht. Danach die Raunächte, diese Zeit zwischen den Jahren, die ich sehr mag. Mehr als sehr.

Bitte schenk mir was! Wieder taucht der Satz in mir auf. Irgendwann nach der Büropause. Ich schreibe ihn auf, damit er gebannt ist.

Nun liegt der Zettel hier, neben mir, zuhause auf dem Schreibtisch, und will, dass ich über ihn schreibe. Bescheiden ist er nicht.

Die Macht des Gebenden, flüstert er mir zu, schreib darüber. Und dass es einfacher ist, zu schenken als zu bekommen. Weil man sich dann den anderen gegenüber besser fühlen kann.

Ach, sei still, das wissen wir längst, sage ich. Nicht zuletzt deshalb habe ich doch aufgehört, Weihnachtsgeschenke zu machen. Schon lange. Weil ich diese Games hasse: Wer schenkt wem was? Ist es groß und schön genug, und was bekomme ich dafür? Bekomme ich überhaupt etwas oder wurde ich vergessen? Liebt mich jemand? Dieser Austausch von Materie. Dieser Ablesen am Wert des Geschenkes, wem wer was bedeutet. Was ist mit denen, die nichts bekommen? All die vorprogrammierte Enttäuschung. Der Kick, der Rausch, der Kater … Nein. Brauch ich nicht.

Ich möchte meinen Liebsten Zeit schenken. Mich. Mein offenes Herz. Meine Zuwendung. Und zwar nicht unter dem Kerzenbaum, sondern immer. Mehr habe ich nicht.

überschneiden

Nimm den Kreis. Deinen. Meinen. Nenn ihn Leben. Deins. Meins. Das der anderen. Du kannst auch eine Zahl nehmen, eine beliebige. Für dich eine. Für mich und all die anderen eine andere.

Beim Kreis wären es Schnittflächen, bei den Zahlen die gemeinsamen Vielfachen oder nein, besser, die gemeinsamen Teiler. So groß oder so klein ist unsere Übereinstimmung. Die Melodie, wie ich neulich erzählt habe, ist ebenfalls ein guter Indikator. Eher jener für Seelenverwandtschaft allerdings. Singt jemand ähnliche Lieder wie du, klopft sein Herz vermutlich im ähnlichen Takt wie deins.

Das Bild mit dem Kreis oder der Zahl nun greift weiter. Es geht davon aus, dass ich mit allen Menschen irgendwo übereinstimme. Und sei die Gemeinsamkeit auch noch so klein. Vielleicht berühren sich nur unsere Linien. Und vielleicht ist das kleinste gemeinsame Vielfache ein unvorstellbar ferne Zahl. Und der gemeinsame Teiler ebenfalls. Doch es gibt sie, diese Übereinstimmung. Mit dem randalierenden Typen in der Kneipe um die Ecke ebenso wie mit der süße Weihnachtslieder summenden Dame vom Nachbarhaus.

Und jetzt, weil doch Gedankenspiele so beleben, nimm noch Farben dazu. Bunte Fäden, farbige Schnüre. Für dich vielleicht rot, für alle deine Mitmenschen je eine andere Farbe. Und damit es noch bunter wird auch gleich für all die Unbekannten, die irgendwo deinen Weg kreuzen. Und nun – nun stell dir vor, wie jeder seinen und jede ihren Faden hinter sich herzieht.

Siehst du es, siehst du das Bild vor dir? Die Kreise. Die Zahlen. Die Fäden. Ein einziges buntes Gewebe. Irgendwie irgendwo irgendwann alle mit allen vernetzt.

Sonntag, Software und so

Mitternacht vorbei. Halb eins. Draußen eisige Kälte. Mein Kopf dröhnt. Auf dem Heimweg eben – zu Fuß, denn meine Freundin M. wohnt im Nachbarquartier – frage ich mich, ob zwei Einladungen am gleichen Tag nicht vielleicht ein bisschen zu viel waren. Zumal ich mich sowohl an Freundin S.s Wohnungsfest als auch bei M. neben vertrauten Gesichtern auch auf unbekannte und wenig bekannte Menschen einlassen musste. Was ich manchmal liebe und manchmal furchtbar anstrengend finde.

Wer bin ich? Heute? Bin ich noch ich und wie? Ich schaue mir von innen und zugleich irgendwie von außen zu und frage mich, was ich über mich denken würde, wenn ich mich jetzt – so – hier – heute – das erste Mal treffen würde. Nicht weil es mir sehr wichtig ist, was die andern über mich denken. Eher interessiert es mich, was ich selbst über mich denke. Sind bei mir Selbstwahrnehmung, Wunsch und Realität halbwegs deckungsgleich? Bin ich authentisch? Spiele ich eine Rolle? Verändere ich mich nicht eigentlich laufend, verhalte mich aber nach außen hin noch „alt“? Sind da nichtsynchronisierte Updates in meinem System, ist meine Software veraltet?

Könnte ich mich neu erfinden, was käme dabei heraus?

Ich sitze im Dunkeln mit dem iPhone am Wohnzimmerfenster und tippe dieses Wörter hier auf die kleine, beleuchtete Tastatur. Der Schnee erhellt die Umgebung. Nur noch ein einziges Licht brennt im Haus gegenüber und ich frage mich, ob dort drüben auch jemand über die Rolle nachdenkt, die sie oder er im eigenen und im Leben der anderen spielt. Oder eben nicht. Und ob das wohl eine Rolle spielt.

Schnitt.

Halb acht. Pervers früh für einen Sonntagmorgen. Die volle Blase hat mich geweckt. Und der Brummschädel. Dabei habe ich doch gar nicht wirklich viel getrunken. An Sonntagen vermisse ich J. am meisten. Sein leiser Atem neben meinem Ohr, wenn ich nachts zwischendurch aufwache. Seine warmen Füße an meinen Beinen oder meine kühlen an seinen. Seine Konturen unter der Decke. Ihn ein- und wieder ausatmen. Wieder einschlafen. Zusammen aufwachen. Später im Bett Kaffee und Tee trinken. Aus einzelnen Fragmenten, Traumfetzen und Ideen einen neuen Tag malen. Natürlich kann ich auch alleine spinnen und die Trennung ist zum Glück absehbar, insch’allah. Dennoch. Vermissen darf doch wohl erlaubt sein.

Zeig mir dein iPhone und ich sage dir, wer du bist!, hatte ich kurz vor dem Einschlafen gedacht. Ein Satz, der mir sofort wieder einfällt, als ich mein iPhone, noch im Halbschlaf, einschalte und prompt mit einer SMS aus Nordspanien belohnt werde.

Bei M. liegen, nach witzigen Spielrunden, auf einmal alle unsere Handys auf dem Tisch. Handys? War mal. IPhones! Vier von uns fünf Erwachsenen haben eins. Eine so große Smartphone-Dichte ist mir dann doch neu und ein klein bisschen schämte ich mich ob dieser Dekadenz. Besondern, wenn ich an jene Zeit zurückdenke, wo ich überzeugt war, mir nie ein Mobiltelefon anzuschaffen. Ich doch nicht.

Die Appauswahl sagt, wer du bist. Polizeipsychologinnen können heutzutage ihre Verbrecherprofile anhand gewählter Apps erarbeiten, geht es mir durch den Kopf. Die Apps spiegeln unsere Bedürfnisse, Sehnsüchte und Interessen. So ist die Personalifizierung von Hardware wohl einfach nur ein weiterer Schritt zum gläsernen Menschen.

Meine Apps – diverse GPS-Applikationen, Karten- und Koordinaten-Software, einige Kameras und Bildbearbeitungsprogramme, sowie Fahrpläne, Telefonbücher und Blogsoftware – sagen dir, dass ich Freude an Natur, Bildern, schnell abrufbaren Infos und natürlich am Bloggen habe. Spiele?
Nö, hab ich keine, sage ich. Ich spiele lieber in echt.

Sag mal , kennst du …?  Musst du uuunbedingt mal … Und schon fangen wir an, die Vorteile unserer Apps aufzuzählen, als sprächen wir über Kinder. Oder als wäre wir selbst wieder welche. M.s fünfzehneinhalbjährige Tochter M. und deren Freundin C. werfen sich Blicke  in der Art von „die spinnen, die Erwachsenen“ zu.

M. liest von ihrem Display Zitate ab und stellt fest, dass ihre Sammlung männerlastig ist. Und ziemlich abgelutscht. Die wenige Frauen, die sie auf die Schnelle findet, sagen ebenfalls nichtssagendes. Ob das wohl besser ist, als gar nichts zu sagen?

P. sagt nicht nichts, sondern, dass er eigentlich gehofft hatte, dass ihm das iPhone helfen werde, Zeit zu sparen.
Träum weiter, sage ich. Zeit sparen ja, nur verplemperst du die gesparte Zeit mit dem Dingsda.

Dissonanzen auch

Über das Lied wäre zu schreiben. Über mein Lied. Und dass jedes Wegstück, jedes Unterwegssein, ja Leben, im Grunde Suchen ist, ein Suchen nach meiner Melodie und nach dem Text meines Liedes. Wandernd geht es darum, meinen Rhythmus zu finden, meinen Takt. Ablenkungen ausblenden und einfach meinen Weg gehen. Suchen. Finden.

Doch gehe ich zu nahe bei andern Menschen, vor allem neben lauten, verliere ich mein Lied aus dem Sinn, weil es vom Lärm um mich her übertönt wird. Gehe ich jedoch neben Lieblingsmenschen, kann ich mein Lied trotz ihrer Melodien hören und mit summen. Hin und wieder muss ich aber, selbst wenn die liebsten Menschen neben wir gehen, Abstand nehmen, um mein Lied ein bisschen besser hören zu können. Ich will es zuweilen ohne Ablenkung hören. Es soll sich jetzt nicht mit den Liedern der andern vermischen. Alles zu seiner Zeit.

Bin ich allein, verinnerliche ich meine Melodie, damit ich sie, wenn ich mit anderen zusammen bin, nicht allzu schnell wieder verliere. Was leider immer noch hin und wieder geschieht. Wie schön, dass die Lieder meiner Lieblingsmenschen irgendwie ähnlich klingen wie meins. Unsere Lieder haben ähnliche Rhythmen, ähnliche Harmonien, Synkopen, Schräglagen, Dissonanzen. Gehen wir nebeneinander, verschmelzen die einzelnen Lieder zu einem gemeinsamen Lied. Daran lässt sich womöglich Freundschaft erkennen.

Doch letztlich, ja letztlich, ist jeder und ist jede ein Solist oder eine Solistin. Denn letztlich zählt nur das eigene Lied. Egoistisch? Nein, denn wer kann mein Lied singen, wenn nicht ich?

Wenn nicht hier, wo dann?

Kurz nach eins verlasse ich mein Büro. Wochenende. Für einmal wartet kein Fahrrad auf mich. Heute Morgen bin ich mit dem knallvollen Bus zur Hauptpost beim Bahnhof und zum dortigen Postfach gefahren, danach von dort mit dem zum Glück fast leeren Bus zurück ins Quartier. Das kommt pro Jahr höchstens ein bis zwei Mal vor und zwar einzig des Schnees wegen. Sogar ich begreife zuweilen, das bei Schnee Radfahren gefährlich ist. Zu schmal ist der Platz zwischen Autos, Tramschienen und Bordsteinkante. Gestern hat es den ganzen Tag geschneit. Fast ein halber Meter Schnee, der heute stündlich schmilzt.

Heute also, auf dem Heimweg, zu Fuß, da es ja nur 2 km sind, denke ich ans Pilgern und „meinen“ Pilger Irgendlink. Und wie gut mir das Gehen tut und dass ich mich, seit ich erkältet bin, zu wenig bewege. Immer noch muss ich heftig husten. Das Gehen auf der Allee tut gut. Ich halte inne, mache Bilder. Denke, dass ich eigentlich ständig etwas verpasse, wenn ich schneller als zu Fuß unterwegs bin. Nur schon mit dem Rad verpasse ich viele Eindrücke. Vor allem aber verpasse ich die Langsamkeit.

Ich denke mir mich in zig Variationen. Jede meiner Parallelwesen erlebt eine andere der vielen Möglichkeiten, die ich jeden Tag – was sage ich da? jede Stunde! – habe. Jede Möglichkeit ist ein Link zu einer andern Möglichkeit, zu einer anderen Welt.

Jedes meiner Parallelwesen wäre durch die jeweiligen Erfahrungen ein bisschen anders, ein bisschen anders weise, ein bisschen anders naiv, ein bisschen anders frech oder schüchtern oder traurig. Irgendwo und irgendwann, vielleicht auf der Ebene der Träume, fände eine tägliche, eine nächtliche, eine regelmäßige Synchronisation statt, ein Wissensaustausch, ein Transfer. Vielleicht sogar nicht nur mit all meinen eigenen Parallelwesen, vielleicht mit allem was lebt. Ein regelmäßiges Eintauchen in das kollektive Bewusstsein vielleicht. In die Weltenseele. In die Göttin-in-mir. In das Große Nichts.

So denke ich, während ich nach Hause spaziere und ein paar Bilder mitnehme.

Jetzt. Winkewinke, Frau Freihändig …

Und du, du oder du: was träumst du, wenn du gehst?

Mein Monster und ich II

Meine Schreibgruppe ist einfach toll. Ja, ich weiß, ich wiederhole mich, denn das sage ich an dieser Stelle nicht zum ersten Mal.

Gestern Abend hatte ich für einmal keinen Ausschnitt aus einem meiner Manuskripte mitgenommen, sondern meinen gestrigen Blogartikel über mein Monster und mich. Witzigerweise hatten auch alle andern für sie untypische Texte mitgenommen. A. hatte für einmal wunderbare Lyrik dabei, K. den Anfang einer sensibel verfassten Geschichte. Eine Frau auf der Suche nach mehr Leben. S. war mit dem Ausschnitt fiktiver Memoiren eines alten Mannes gekommen und H. brachte ein Märchen, eine vielschichtige Parabel mit, mit Fantasy-Touch natürlich. M. war textlos anwesend, einfach nur da, und tat uns mit seinen wohlwollendkritischen Inputs gut.

Wunderbare Texte allesamt, die mich staunen lassen über unsere Entwicklung in den letzten Jahren. Die Qualität unserer Texte ist sichtlich gestiegen und auch die Fähigkeit den eigenen Text und jene der anderen zu reflektieren.

Mich fasziniert jedes Mal, dass es immer wieder polarisierende Sequenzen gibt. Die einen mögen einen Satz wie „Der Schredder kotzt“, andere finden das Bild völlig unpassend. So werden wir Autorinnen und Autoren immer wieder auf unser eigenes Empfinden zurückgeworfen: Soll ich dies oder jenes ändern oder soll ich es lassen wie es ist?

Ich habe mir heute im Büro überlegt, den Text umzuschreiben, so wie ich das normalerweise mit den Texten tue, die ich mit meinen Schreibfreunden und –freundinnen besprochen habe. Denn das wäre ja eigentlich die Idee des Austausches – eine Qualitätsverbesserung. Dazu natürlich sich gegenseitig zu inspirieren und die Texte auf Schwachstellen abzuklopfen. Und herausfinden, was verstanden wird und wie. Auch sehen, was anders gemeint, anders verstanden wird. Wo habe ich möglicherweise die Absicht, unklar zu sein, damit die Lesenden selbst Bilder finden können?

Ich habe mich schließlich dafür entschieden, den Text nicht zu überarbeiten. Blogtexte haben es an sich, irgendwie roh zu sein. Roher als ein Roman. Damit vielleicht auch ein wenig authentischer, kantiger, unebener. Das darf sein. Bloggen ist eine neue Literaturform.

In meinem Text löste das Wort „Monster“ am meisten Diskussion aus. Müsste denn ein Monster nicht böser, fieser, schrecklicher sein als ich es hier darstelle? Gänzlich ohne jegliche guten Absichten wie mein nicht wirklich nettes, doch irgendwie mit positiven Ideen zu Werke gehendes Monster namens Dark. Darf ein Monster gute Ziele haben und hat die mein Monster?

Ich persönlich empfinde meins relativ wertfrei und gleichgültig außer dass es ein gutes Gespür für meine Ungereimtheiten hat. Und darum ist es auch sein einziges Bestreben, diese aufzudecken. ((Notiz an mich: Oder will Dark bloß, dass ich mich mitsamt meiner Ungereimtheiten akzeptiere?)) Wenn es mir seine berühmten W-Fragen stellt, dann keineswegs darum, weil es mich fertig machen will. Ich soll bloß nicht aufhören, hinzuschauen, sagt es. Und darum stellt es seine Fragen vor allem dann, wenn ich denkfaul zu werden drohe. Doch den Schmerz, der zum Hinschauen und Erinnern oft dazugehört, den macht nicht das Monster. Der Schmerz ist schon vorher dagewesen. Immer schon vielleicht und für immer. Wer weiß das schon?

Vermutlich haben also meine Schreibleute recht: Mein Monster ist nicht schrecklicher als ich und meine Abgründe und über mein Monster zu schreiben tut mir jedes Mal gut. Wozu also Angst vor dem Monster haben?

Mein Monster und ich

The Dark

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I don’t think I will manage to get out of this dark.

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Mein Monster hat viele Namen. Meistens nenne ich es Dark. Selbst nennt es sich am liebsten Dark Mirror.

Jenes von Kuno Lauener, Züri Wests Frontmann, wohnt ganz zuoberst im Dachstock in der winzigsten Kammer in seinem Schädel. Meins hält sich am liebsten irgendwo in meinen Landschaften zwischen Herz, Bauch und Kopf auf. Dort spaziert es umher wie ein guter alter Hauswart und sucht nach Schwachstellen. Mit einem Schraubschlüssel klopft es an den Leitungen. Wo ist etwas verstopft? Wo braucht es Reparaturen? Wo sind die lockeren Schrauben?

Mein Monster kennt all jene Fragen, auf die ich nie käme und auf die ich keine Antworten kenne. Mein Monster weiß um alle meine Abgründe, um alle Selbstbetrüge, um alle Scheinheiligkeiten und um all meine inkonsequenten Entscheidungen. Mein Monster führt mir vor Augen, dass ich keinen Deut besser bin als die andern. Keine Spur besser als jene, die ich ignorant nenne. Mein Monster weiß, dass ich zumeist mehr Angst vor der Angst selbst als vor realen Dingen habe. Es weiß, wie es mich behandeln muss, damit ich endlich das Karussell verlasse. Es weiß oft viel besser, was ich brauche, als ich selbst. Doch mein Monster ist alles andere als nett zu mir, es fasst mich weder mit Samthandschuhen an noch schont es mich vor unbequemen Erkenntnissen. Es schert sich keinen Deut darum, ob ich vor Schmerz schier platze. Gnadenlos zeigt es mir, wo ich stehe. Schonungslos hält es seinen Finger dorthin, wo es am meisten weh tut. Es weiß nicht nur besser, was ich brauche, es weiß vielleicht sogar besser als ich, wie ich überhaupt ticke, denn mein Monster und ich, wir kennen uns schon lange.

Das erste Mal wahrgenommen habe ich es wohl, wo ich die zwischenmenschlichen Games zu durchschauen begann. Wo ich begriff, was ich sagen müsste um dazuzugehören. Mein Monster ist Gewissen und ist Mentalcoach in Personalunion.

Wer war zuerst da?, fragte es mich heute Morgen stinkfrech, nachdem es mich bereits um vier Uhr früh geweckt hatte. Du oder ich?

Dass ich danach nicht mehr schlafen konnte, ist nur logisch. Nicht eben leise ging es hin und her, mit einer Taschenlampe bewaffnet zündete es in die allerletzten verstaubten Winkel und stellte eine Frage nach der anderen. W-Fragen mag es am liebsten. Morgens um vier wachzuliegen und W-Fragen gestellt zu bekommen, mag ich nicht wirklich. Morgens um vier will ich schlafen. Vielleicht sogar träumen, aber gewiss nicht mit Monstern Interviews führen, die mich eh nur in die Enge treiben. Die Monster ebenso wie die Interviews.

Am liebsten kratzt es alten Schorf auf. Oder von mir aus auch neuen Schorf von alten Wunden. Dem Schmerz und dem Monster ist das einerlei.

Warum tut erinnern noch immer so weh?, frage ich mich selbst, Stunden später im Büro. Kann vergangenes denn nicht endlich heilen, ruhen und in meinen Archive abgelegt werden? Oder gar geschreddert?
Ich sitze neben dem Schredder und verwandle Bewerbungskopien, die nicht mehr gebraucht werden, weil wir meine Nachfolgerin heute bestimmt haben. Wunderbare Verwandlung von Papier in feine Streifen. Ein technischer Geniestreich, die wichtigste Errungenschaft der Z(u)ivi(e)lisation. Eigentlich.

Hätte bloß diese Maschine sich nicht zum Ziel gesetzt, mir Geduld beizubringen. Vermutlich vergeblich. Mehr als drei, allerhöchsten vier Blätter frisst es nämlich nicht, das alte Teil. Und schiebe ich sie auch nur ein bisschen zu schief in seinen Schlund, frisst es einfach nicht mehr weiter und zwingt mich, den Rückwärtsknopf zu drücken. Die feinen Streifen kommen rückwärts. Der Schredder kotzt.

Übe dich in Geduld. Gib mir nicht zu viel aufs Mal, sagt er. Manchmal zwinkert er dabei ein bisschen.
Wie gut ich dich verstehe, du Ding! Wenn ich groß bin, werde ich Schredder.

Mein Monster und mein Schredder sollten sich echt mal zusammensetzen …