Sophistikierereien Vol.3

Ohne Männergewalt wären die Zeitungen bloß halb so dick.

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Was wir besser kennenlernen, wird kleiner – Städte ebenso wie Ängste.

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Älterwerden könnte ein tolles Abenteuer sein – wenn wir uns darauf einlassen.

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Auch Scheffs brauchen ab und zu ein offenes Ohr.

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Denken sei kopflastig, heißt es. Du bist kopflastig!, höre ich ab und zu. Kritisch der Unterton dabei, doch warum diese Wertung? Mein Denken ist höchst emotionale Herzarbeit, philosophischer Prozess, mich mit mir selbst verbindende Kreation. Ich kann nicht denken ohne meine Gedanken auch zu fühlen und nicht fühlen ohne meinen Gefühle auch zu analysieren.

Voyeurinnen und so

Seit ich erwacht bin, taumeln Gedanken durch meine Gehirnwindungen. Akute krea(k)tive Phase. Bin schon seit Tagen so drauf. Und irgendwie asozial. StilleKämmerchen-Phase nenn ich das.

Ich bin ein relativ intaktes Makrokosmos. Gut zu wissen!, kritzle ich auf einen Zettel.

Später dies:

Meine Bühne bist du. Und alle meine Andern. Deine Bühne bin ich und alle deine Anderen. Ich spiele, wir spielen unsere Lebensrolle(n). Vor Publikum. Mit Neben-Hauptrollen, die uns sehr nahe Menschen innehaben, mit Statistinnen und Statisten (Kolleginnen und Kollegen) und mit dem großen unbekannten Publikum. Wir alle sind – mehr oder weniger, zugegeben – auf Wirkung bedacht, auf Reaktion. Vielleicht auf Wohlwollen. Vielleicht auf Applaus. Zumindest auf irgendeine Resonanz. Wenn wir mit unserem Schauspiel provozieren, provozieren wollen, hoffen wir auf Reibung, auf Gegenkraft, auf Gegenstimmen. Wenn wir mit unserem Schauspiel Schönheit darstellen, hoffen wir darauf, unser Publikum zu berühren jenes große, unbekannte, namenlose Publikum, dessen Meinung uns so unglaublich wichtig ist.

Solcherlei Sätze, auf Zettel gebannt, türmen sich auf meinem Nachttisch, auf dem Küchentisch, auf dem Schreibtisch. Hier noch zwei weitere Zettelphilosophien:

1 – Der Idee, Protagonistinnen und Protagonisten zu erschaffen, was liegt ihr zugrunde? Verbirgt sich hier denn nicht das Bedürfnis, jemandem oder verschiedenen Personen, meine klugen, weisen, sinnlosen, undichten oder gar dummen Gedanken in den Mund zu legen und zu schauen, was mit diesen Worten geschieht, was diese Worte aus- oder anrichten?

2 – Wir Bloggende sind Stellvertreterinnen und Stellvertreter für die Lesenden. Alle Schreiberlinge sind das, alle, die in irgendeiner Form ihre Inputs ausputen, ausdrücken, alle Kunstschaffenden …
Stellvertretend für das Publikum stellen wir dar, was wir wahrnehmen. Wie exhibitionistisch das auch immer sein mag. Die anderen, die Lesenden, sind immer irgendwie – sorry – Spanner, Voyeurinnen. Souffleure oder Souffleusen auch, meinetwegen.
Ich auch. Ich bin beides. Ich wechsle fließend und fleißig die Seiten.

Irgendlinks Reise ist ein gutes Beispiel für das erwähnte Stellvertretertum. Ich reise auf den Karten mit. Ich bin emotional nahe dran. An ihm und an der Reise. In der Trockenheit und Behaglichkeit meiner Wohnhöhle radle ich mit ihm über Berge und durch Täler immer Richtung Süden. Ohne allerdings wie er Hitze, Wind und – wie heute – Regen ausgesetzt zu sein. Wie fernsehen irgendwie.
Das ist meine Arbeit, sie treibt mich voran, meinte J. gestern am Telefon. Zugegeben eine Arbeit, die total Spaß macht. Meistens jedenfalls. Noch lieber würde ich jetzt mit dir durch die Gegend gondeln. Das wäre aber ein ganz anderer Kontext.

Stellvertretend für uns erforscht er Neuland. Terra incognita. Alles ist immer, immer wieder, Neuland. Selbst wenn du auf der Karte oder sogar in Natura die Strecke bereits erforscht hast. Immer wieder neu, weil die Umstände immer wieder anders sind. So ähnlich beschrieb er vor zehn Jahren dieses Unterwegs sein in seinem Reisetagebuch.

Wie gut es jedes Mal tut, den Alltag zu durchbrechen! Andere Gewohnheiten anzunehmen. Anderes auszuprobieren. Es ist nicht der Alltag an sich, der uns abstumpft, es ist das Verharren im immer Gleichen. Statt über den zähmenden, lähmenden, betäubenden Alltag ins Feld zu gehen, will ich ihm Farbe einhauchen. Herausforderung. Übung.

Wir brauchen  unsere ganz persönliche Mischung von Vertrautem und Neuem, um lebendig zu bleiben. Ins Neue lassen wir schon bald Vertrautes Einzug halten. Wir füllen die Winkel des Neuen mit Vertrautem auf. Damit es vertraut wir und uns keine Angst (mehr) macht. So schaffen wir ständig Gleichgewicht. Leben ist Balancieren.

Gestern am Telefon mit meiner Schwester – als sie mir von ihrer geisttötenden Arbeit, die zwar ziemlich anspruchsvoll, doch immer gleich ist , erzählte – begriff ich wie abwechslungsreich und herausfordernd mein Job eigentlich ist. Na ja, eigentlich ohne eigentlich. Oder doch mit? Das eigentlich meint: Ich träume eben von anderem. Ob mit Sehnsüchten leben einfacher ist als ohne, lässt sich schwer sagen. Es ist weniger anstrengend, das bestimmt. Wie ein Land ohne Berge. Irgendwie langweilig.

Ach, übrigens, das Land ohne Sehnsüchte gibt’s. Davon schreiben Andreas Altmann („Sucht nach Leben“ irgendwo im hintersten Teil des Buches) und Amélie Nothomb („Biografie des Hungers“, ganz am Anfang des Buches). Eine Insel namens Vanuatu, früher Neue Hebriden genannt, 1606 entdeckt und der katholischen Kirche einverleibt. Die Menschen, die dort aufwachsen, haben alles. Von allem immer genug. Kein leichtes Los. Weil den Menschen dort buchstäblich alles in den Schoß fällt, die Sonne, das Obst, ebenso Milch und Honig, sind sie dauersatt. Nichts da, das sie vorwärts treibt. Vanuatu als Synonym von abstumpfender Fülle. Nothomb beschreibt in ihrer oben erwähnten Autobiografie als Kontrast zu Vanuatu ihren Überhunger, der sie voran treibt. Diese Kraft in ihr, der sie nach Antworten, nach Seelennahrung, nach Abenteuern, nach Erfahrungen und nach Süßem hungern lässt. Sinnigerweise und irgendwie zufällig hatte ich diese Bücher gleich hintereinander gelesen.

Na ja, Überhunger ist jedenfalls bestimmt nicht langweilig.

Den Alltag durchbrechen? Den Alltag bunt machen, wie es zuweilen Pflanzen tun, deren Samen irgendwie in eine Ritze zwischen Teer, Beton oder Platten geraten sind. Das Grau aufweichen. Die Seele weich klopfen. Wieder hinsehen.

Schichten II

Eine neue Geschichte. Neue Schichten. Eine auf die andere. Wie Steinmännchen, Steinfrauchen. Am Fluss des Lebens. Wenn er in sich zusammenfällt der Turm, war es nicht nur der letzte Stein, der schief lag. Vielleicht war es der unterste. So genau wissen lässt sich das nicht. Wissen. Eine Geschichte lässt sich nicht wissen. Sie lässt sich nicht voraussagen. Sie lässt sich nicht machen. Sie lässt sich nicht schönen. Sie ist. Eine Schicht. Dann die nächste.

Die erste wäre ein rauer Stein. Einer mit Dellen. Die Kindheit. Vielleicht. Chronologie lassen wir mal außer Acht. Wer weiß schon, was wirklich zuerst war? Ich glaube an den Kreis. Auch bei Geschichten. Sie fangen nirgends ans und hören nirgends auf. Happy-Ends? Forget it! Fortsetzungsgeschichten!

Die alte Frau, die vorbei geht, da draußen, sie trägt ihre Geschichte. Jede Falte ein Jahrring, wie ihn Bäume haben. Jede Falte eine eigene Geschichte. Genau so, nicht anders. Der nächste Stein. Unten oder oben. Okay, bauen lässt sich besser nach oben. Und auch Bäume wachsen so. Dem Licht entgegen. Auch die Blumen.

Der nächste Stein schön flach und glatt. Großflächig. Nett. Praktisch. Da lässt sich ganz schön viel drauf packen. Schicksale, Tiefschläge. Enttäuschungen. Abstürze. Tränen. Aber auch Glück. Glück hat Punkte. Glück hat ganz viele Knubbel auf der Oberfläche. Es muss sich in der Hand so anfühlen, als wäre alles drauf, was es an Glücksempfinden überhaupt gibt. Komprimiert. Ein Handschmeichler voller Glück. Entkomprimierbar, wenn ich ihn von Hand zu Hand reiche. Von der linken zur rechten. Und zurück. Und in die Hände meiner Freundinnen und Freunde. Oder eben, wenn ich ihm im Turm, im Steinfrauchen mit einbaue. Das immer größer, immer höher, immer wackliger wird, je länger ich lebe, je länger ich baue. Fällt es zusammen, ist nicht, wie ich schon sagte, der letzte Stein schuld. Keiner. Alle. Egal. Vielleicht ist die Höhe egal.

Alles bleibt unfertig. Jedes Leben. Zusammenfallende Türme – Mut zur Lücke. Mut zum Scheitern. Mein Plädoyer für jene, die am Boden sind. Steine. Menschen. Wieder aufstehen dennoch. Den Staub abklopfen. Den nächsten Stein in die Hand nehmen. Weiterbauen. Immer weiter. Diese Sehnsucht, etwas zu hinterlassen, deine Spur. Deinen Namen. Deine Steinskulptur meinetwegen. Deine Geschichte. Keine neue Geschichte also, immer nur deine. Immer nur meine. Alle gleich, denn in allen ist alles drin. In mir drin ist ein bisschen von Leonardo da Vinci, der das gleiche Wasser getrunken hat wie ich. In mir drin ist auch ein bisschen Gahndi, ein bisschen Lenin auch und sogar Hitler. Shame on me.

Der nächste Stein? Seine Oberfläche fühlt sich glatt an. Seine Farbe … keine Farbe. Einfach nur steingrau. Okay, das ist auch eine Farbe. Seine Farbe. Wie meine Farbe meine Farbe ist und meine Muster meine Muster sind. Mit ein bisschen Mutter Teresa und mit ein bisschen Stalin mit drauf. Und drin. Steingrau also. Fühlt sich kühl an, wird warm an der Sonne, im Feuer porös. Jurastein. Kalkhaltig. Hat schon viel gesehen. Wie er wohl hierhergekommen ist? In der Tasche eines kleinen Mädchen vielleicht, denn er sieht anders aus als die Steine, die sonst hier liegen. Er ist steingrauer, er ist glatter. Alt. Uralt. Älter als ich je werden kann.

Ich lege ihn auf den Turm. Ganz oben drauf. Der letzte Stein.
Vorläufig …

wohin?

wo versteckt sich das dunkel am
morgen, wenn die sonne sich über
das dach drängt? wohin entweicht die
farbe, wenn die sonne die buntheit der
decke auf dem gartenstuhl
bleicht und wohin schwingt sich der ton, wenn
er verklungen ist? sag mir doch, wohin
meine gedanken fließen, wenn ich
einschlafe!

ach, und wo ist der raum, wo alles
nichts ist?

nein, sag
nichts. ich liebe
geheimnisse.

oder- und unterwex

Schon bald hat J. alias Irgendlink die halbe Strecke nach Andorra geschafft. Obwohl … Es spielt keine Rolle, wann er ankommt. Er strampelt sich zurzeit glücklich durch das Südburgund und aus diesem heraus Richtung Süden. Und findet dabei wunderbare Fotosujets. Schön für ihn. Für mich auch.

Ich reise mit und teile sein Glück über dieses sein abenteuerliches Unterwegssein. Über die Bilder, Geschichten und Erfahrungen, die er sammelt und mit mir teilt. Doch da ist, ich gestehe es, auch Vermissen. Und Fernweh, ganz viel Fernweh. Zugleich besitze ich, mein Scheff dankt es mir, jenes Quäntchen Realismus, die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Job. Materie. Alltag. Büro. Hier und jetzt gut zu leben, fällt mir zuweilen nicht ganz leicht.

Mein Job ist grad sehr intensiv. Ich schaffe es immer nur, das oberste Zipfelchen meines Berges abzutragen. Vieles wie Gesuche, Anträge, Bewerbungen, die es zu bearbeiten gäbe, liegen schon seit vielen Wochen unberührt und rutschen im Stapel immer tiefer.

Es kommt zuweilen soweit, dass ich – wie heute –  sogar Arbeit nach Hause nehme. Habe allerdings zuerst, statt der Arbeit, ein Nickerchen gemacht. Und jetzt ruft der Wald. Joggen macht den Kopf frei. Und das Herz. Die Lunge ebenfalls.

Ach, und da ist ja noch der neue Artikel (Auftrag) für „meine Zeitschrift“ … Diesmal geht es um eine ganzheitliche Heilmethode, die ich am Donnerstag testen und darüber berichten werde. Abgabe Mitte Mai. Und dann? Ferien!!!

Von Zielen und Löchern

Fünf Löcher sollen geflickt werden. Zwei klitzekleine. Ohne Spritze. Die drei anderen sind alle oben rechts. Zwei kleine und ein großes. Unter einer alten Füllung. Die Spritze wirkt schon bald. Höchste Zeit, dass dieses versteckte Loch geflickt wird, sagt Frau R., es ist schon fast beim Nerv. Hoffentlich sind wir noch rechtzeitig. Ich kann nur nicken. Mit dem grünen Gummiding im Mund ist schweigen angesagt.

Es ist mein erklärtes Ziel, diese Behandlung so schmerzlos und unbeschadet wie möglich hinter mich zu bringen.
Und es ist mein Ziel, diesen Stuhl ohne Karies zu verlassen.

Ziele! Schon wieder! Alles was wir tun, verfolgt ein Ziel. Sogar was wir nicht tun, was wir vermeiden, folgt einem Ziel. Auch folgt jeder Gedanke einem Ziel. Stopp! Verwechsle ich jetzt da nicht Ziel mit Richtung, Ziel mit Weg? Das Ziel ist das Ziel, sagt Altmann, der schon oft von mir zitierte Reiseschriftsteller. Der Weg, der das Ziel sei, hält er für einen ziemlich zynischen Spruch. Abgedroschen dazu. Aus der von ihm dargelegten Perspektive muss ich ihm Recht geben. Andere Interpretationen sind allerdings ebenso wahr. Oder genauso falsch.

Das Vorrecht, mich so professionell und technisch ausgeklügelt behandeln lassen zu können, macht mich unerwartet dankbar, stelle ich fest, während ich dem Sirren des Bohrers lausche.

Das Ziel, die Zielstrebigkeit als Kontrast zur Absichtslosigkeit, sinne ich. Doch lässt sich ja auch Absichtslosigkeit zum Ziel erklären. Von buddhistisch gesinnten Mitmenschen zum Beispiel. Meditieren – sich zentrieren, in die Mitte kommen. Auch ein mögliches Ziel. Je länger ich über das Wort Ziel nachdenke, je mehr ich darüber meditiere, desto freundlicher wird es mir, desto mehr verliert es von seinem bisherigen Reizwort-Geschmack. Warum ich irgendwann angefangen habe auf Wörter wie Leistung, Erfolg, Karriere, Zielstrebigkeit und ähnliches allergisch zu werden, habe ich längst vergessen. Vielleicht weil ich sie mit spitzen Ellbogen assoziiere. Auch widerstrebt mir alles, was mit Übervorteilung anderer verwandt ist. Oder sein könnte.

Dennoch freue ich mich natürlich über Gelungenes, freue ich mich, dass ich in den letzten beiden Bürotagen ganz viele ToDos abtragen konnte, freue ich mich, dass die Arbeit zurzeit rund läuft und Spaß macht. Obwohl es aktuell so viel zu tun gibt.

Meine Lehr- und Wanderjahre – ähnlich jenen von Heidi, Johanna Spyris Protagonistin – sind noch lange nicht abgeschlossen. In einer nativen Kultur Nordamerikas – bei den Lakota, wenn ich mich nicht täusche – gilt der Mensch ungefähr ab fünfunddreißig Jahren als erwachsen. Das Umsetzen von Gelerntem geschieht immer wieder. Wir sind immer Lernende. Ich jedenfalls will immer Lernende sein und ich maße mir nicht an, zu behaupten, dass ich bereits fertig bin. Am Ziel. Zumal ich nicht weiß, was dies für mich heißt. Denn haben wir Ziele erst erreicht, verführen sie uns womöglich dazu, uns mit ihnen zufrieden zu geben. Und mit der Weitersuche aufzuhören. Hoppla … vielleicht geht es ja genau darum? Zu finden. Endlich. Vielleicht ist es ja das wichtigste aller Ziele, endlich am Ziel, endlich bei mir, endlich in meiner Mitte anzukommen …

Fertig. Wir haben es geschafft. Sie dürfen spülen!

Was einem auf dem Stuhl einer Zahnärztin, die notabene bei der Arbeit summt, alles so einfällt! Hach, endlich habe ich „meine“ Zahnärztin gefunden. So angenehm habe ich eine so happige Behandlung noch nie erlebt. Wäre da nicht das lahme Gefühl in der Backe, würde ich fast sagen, dass es Spaß gemacht hat.

MiniMax

Weißt du, ich frage mich, ob es vielleicht einfach darum geht, zum Stillstand zu kommen, sagte J. vorhin in einer Telefonkabine in der französischen Pampa. Ausgerechnet er, der theoretisch in vier Wochen am Gibraltar oder in Compostela sein will.

Ziele verfolgen, ja oder nein? Ein Thema, das wir beide immer wieder neu betrachten. Von allen Seiten. Und dessen Vor- und Nachteile wir erkunden. Gesellschaftliche Ansprüche versus das uns innewohnende Bedürfnis nach Einfachheit. Und nach Sinnhaftigkeit in der Sinnlosigkeit. Will ich gar Absichtslosigkeit als Tugend postulieren?

Ich gestehe, ich mag die abgelutschte Floskel, dass oft weniger mehr sei. Weil sie mir entspricht. Nicht nur, weil ich Minimaximalistin*, sondern weil ich nicht daran glaube, das das Wort MEHR per se das Synonym von BESSER ist. Außer natürlich jenes MEHR in meiner obigen Lieblingsfloskel. Ooops … jetzt wird’s kompliziert.

Da hilft wohl nur eins: Stillstand. Jetzt.

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* MinimaximalistInnen üben sich in der Kunst, mit minimalem Aufwand, maximale Ergebnisse zu erzielen. So was aber auch: Diese Ziele verfolgen mich ja geradezu!

Rezepte gegen Längizyti

Wenn deine Gedanken ständig in die Ferne schweifen …
Wenn du zwischendurch am liebsten ganz woanders wärst …
Wenn dein Scheff/deine Scheffin schon zum dritten Mal die gleiche Frage stellt, bis du endlich merkst, dass er/sie neben dir steht, was du selbst in diesem Moment ja auch irgendwie tust …
Kurz, wenn du Längizyti nach deinem/deiner Liebsten hast … Tja, was dann?

Mein Survivalkit für alle Fälle:

Ich lese alle Bücher, die sich im Gestell stapeln, besonders jene, die ich bei ihm abgestaubt habe (Vorsatz).
Ich überarbeite endlich mein Manuskripte „Loch im Eis“ zu Ende (sehr guter Vorsatz).
Ich unternehme auch ohne ihn tolle Fotoausflüge (ziemlich guter Vorsatz).
Ich höre mir all die Musik, die wir gemeinsam mögen, an und träume dazu (bereits ansatzweise umgesetzt).

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Y0QZ_AnOZsY&feature=related]

Ich lenke mich mit Arbeit ab (unausweichlich).
Ich lege mich müßiggängerisch aufs Bett und schnuppere an seinem Ti-Shi, das ich ihm geklaut habe (immer wieder umsetzbar).
Ich gucke mir unsere Bilder an, seine und meine (Vorsatz).
Ich lese und hüte sein Blog (bereits umgesetzt und immer wieder umsetzbar).
Ich besuche oder lade all jene Leute ein, die jammern, dass ich mich rar gemacht hätte (Vorsatz).
Ich genieße die Alleinsamkeit, ohne welche Zweisamsein nur halb so schön wäre (sehrsehrsehr guter Vorsatz).

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Beipackzettel oder fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Apotheker.

Fortsetzungsgeschichten

Da war vorhin auf einmal dieser Titel im Raum. Frech setzte er sich zu mir aufs Sofa, streckte die Beine aus, blinzelte mir zu … Zuerst soll man einen Titel schreiben, der Rest kommt von selbst. Hat er das tatsächlich geflüstert? Oder habe ich das irgendwann irgendwo gelesen? In einem Blog vielleicht?

Okay. Der Titel wäre also da. Unübersehbar. Doch nun – wie weiter? Da ich nicht an Happyends glaube, mag ich diesen Titel irgendwie. (Bin echt froh, dass sich nicht Happyend zu mir aufs Sofa gesetzt hat).

Denn ich glaube an Fortsetzungsgeschichten. Erstens weil sie ganz offensichtlich – rein kommerziell gesprochen – wunderbar funktionieren, im Fernsehen ebenso wie in der Literatur, und zweitens weil sie der Realität näher sind als Happyend-Stories. Drittens glaub ich aus dem offensichtlichsten Grund der Welt an sie: weil das eigene Leben eine ist. Eine Geschichte mit nicht nur immer wieder neuen Kapiteln, sondern auch eine Geschichte, die immer wieder neue Bücher hervorbringt. Das eine klappe ich zu. Das nächste öffne ich. Stufen. Lebensabschnitte. Neue Gewohnheiten, meinte J. heute Morgen bevor wir für lange Zeit Abschied nahmen, das Leben gibt immer wieder Gelegenheit zu neuen Gewohnheiten. Alte verschwinden, neue bilden sich. Gemeinsam mit neuen Menschen, die uns das Leben bereichern.

Den Reichtum jener bunten Palette aus Freundschaft, Liebe und Beziehung umfassend zu leben heißt allerdings auch, sich verletzlich zu machen, heißt sich immer wieder auf Loslassen und Abschiednehmen einzulassen. Heißt lebendig zu sein, zu bleiben. Und in Bewegung. Sich zu begegnen ist immer eine Reise (Beispiel: hier klicken). Eine Annäherung, die sich mit Distanz abwechselt.

Jede Abschiedsumarmung, jeder Abschiedskuss ist somit nichts weiter als ein „Fortsetzung folgt“-Hinweis. Ein „bitte umblättern“ oder ein „es geht gleich weiter“…

(Notiz an mich: Der Tipp mit dem „Schreib zuerst den Titel“ funktioniert tatsächlich!)