Über den Gartenzaun

Aus dem Fenster nannte Sherry ihren Blogartikel, in welchem sie einige ihrer sehr dichten Gedanken über unsere Menschheit schreibt. Ich zitiere:

Mir fehlen die Autoren und Autorinnen, die es noch schafften, über sich zu schreiben, ohne den Radius ihrer Beschreibungen so eng an sich zu pressen, dass man beim Lesen unwillkürlich das Gefühl bekommen muss, sich um die Autorin oder den Autor zu drehen.

Die meisten Texte hören sich an wie bunt gestellte Bilder aus dem hauseigenen Facebookalbum. Als ich Dostojewski las, fühlte ich, dass sein Kämmerlein dunkel war und sein Mantel verstaubt, auch wenn das vielleicht nicht so war. Mir fehlt der Schmerz und der Dreck beim Schreiben. Das Kerzenlicht, der vergilbte Teppich und die Erschöpfung. Heute müssen Texte gut aussehen, wie ein Instagram Foto. Ich glaube, Autoren sind weniger anfällig für diese Art des Schreibens. (Ich lasse mich hier gerne eines Besseren belehren). […]

Es ist überall das Selbe, völlig gleich, welche Religion und Kultur man hat. Der individuelle Unterschied besteht nur darin, wie viel man sehen, erleiden, und aushalten kann, bevor man selbst zum Raubtier wird.[¹]

Seit Tagen liegt ein Zettel auf meinem Schreibtisch, auf dem das Wort Menschheit? steht. Ja, dahinter steht ein Fragezeichen. Was genau ich dachte, als ich den Zettel geschrieben habe, weiß ich nicht mehr. Was noch drauf steht? Machen gesättigte Menschen andere Kunst als hungrige? Eine mögliche Antwort darauf hat Sherry mir oben gegeben, wenn wir für einmal jeden schriftlichen Selbstausdruck Kunst nennen.

Ich erinnere mich, wie wir eines Sommerabends mit Freundin S. am Feuer saßen und über Kunst und Kunst redeten. Wie so oft. Und worin sich Kunst von Kunst unterscheidet.
Sie sind alle so verdammt satt!, sagte S. über einige Künstlerinnen. Und das sieht man ihren Bildern auch an.

Diesen Satz kaue ich oft. Bin auch ich zu satt, bin auch ich eine dieser Autorinnen und Autoren, über die Sherry im Zitat oben schrieb? Ich will hier nicht ihr Ja oder ihr Nein, sondern meine Antwort, meine ganz persönliche, aufrichtige. Und ich will auch nicht, dass wir alle hungern müssen.
Ich wollte schon immer so schreiben, dass dein Blick beim Lesen meiner Zeile in die Weite fliegt. Dass du merkst, dass ich über das Leben aller schreibe, ausgehend zwar von meinem, aber dass ich auch dich meine. Selbst wenn ich in erster Linie für mich schreibe.

Früher habe ich vor allem geschrieben, wenn mein Herz hungrig war nach Lebensmitteln, die mich wieder mitten und mein Leben stärken würden. Heute schreibe ich, weil ich das Schreiben als Lebensmittel begreife. Weil ich glaube, dass es mein Ding ist. Und weil ich Worte habe. Etwas zu sagen zuweilen auch. Weil ich schreibend mein Menschsein zu begreifen versuche, und vielleicht sogar die Menschheit als ganzes ein bisschen mehr. Obwohl. Die Menschheit als ganzes – das ist schon mal eine komische Sache …

Aber an diesem ersten Tag im Bordell saß ich in einem Kreis von Kolleginnen und sagte: „Ich habe das Gefühl, ich habe nie etwas anderes gemacht.“ […] Was ich aber eigentlich gemeint hatte, als ich diesen Satz zu der Kollegin gesagt habe, war: Die Qualitäten, die ich in der Erziehung zur Tochter aus gutem Hause gelernt habe, sind die Qualitäten, dank derer ich mich im Bordell heimisch gefühlt habe. Weil ich genau wusste: Du bedienst das, was die Welt von außen an Erwartungen an dich stellt. Und die Welt ist im Patriarchat erst mal eine männliche. Was wir an Hörigkeit den Erwartungen der Welt gegenüber lernen, als Kinder in diesem Schulsystem und später in der Welt aus Studium und Ausbildung, bereitet dich perfekt auf den Puff vor. [²]

Die einen Menschen sind selbstzerstörerisch, andere zerstören fremdes Eigentum, fremdes Leben. Wieder andere kreieren ständig neue Dinge, erfinden Sachen, die einem kleinen Teil der Menschheit den Alltag, die Arbeit, die Freizeit, ein bisschen leichter macht, während der andere Teil der Menschheit dafür schuftet und dafür nicht mehr als einen Hungerlohn bekommt. Noch andere sind ganz und gar für andere da, sie kämpfen für bessere Lebensbedingungen. Für eine bessere Welt. So viele Kontraste! Mehr Farbnuancen hat die Gesamtmenschheit als mein Laptop erzeugen kann. Und dann soll es je dieses Licht im Kosmos geben, so lernte ich neulich, das wir mit unseren Augen nicht sehen können, weil uns dafür die entsprechenden Sinnesorgane fehlen (oder so ähnlich) – die notwendigen Apps oder Programme um diese Lichtsensationen zu öffnen … Diese Menschheit also?

Und ich als Teil davon. Du auch. Und du ebenfalls. Untrennbar mit ihr verbunden. Und mit allem andern, was lebt. Menschheit …

Manchmal bin ich so verdammt satt, ja, vom Leben. Lebenssatt. Ich weiß, das kann man nun so oder so verstehen. Und ja, das ist Absicht. Nein, das hätte ich jetzt nicht erklären müssen, ich weiß, ihr habt es alle selbst gemerkt. Ich habe eben schlaue Leserinnen und Leser. *stolzbin*.

Und jetzt? Sherry, darf ich dich nochmals zitieren? Zum Abschluss und weil es so wahr ist, was du schreibst.  … und damit wir es nie vergessen!

Die Tage sind nach oben und unten hin wild.

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Quellen

[¹]  http://iranique.wordpress.com/2014/11/05/aus-dem-fenster/
[²]  https://krautreporter.de/71–wir-verschiessen-standig-potenzial (Simone hat in Berlin mehrere Jahre lang in einem Bordell gearbeitet. Hier erzählt die 32-Jährige, was sie in dieser Zeit gelernt hat: Über den Puff als Lebensschule, warum Reden aufregender als Sex sein kann und über die archetypische Sehnsucht des Mannes, Frauen glücklich zu machen.)

Unerwünschte Erweiterungen

Der gestrige Polizeiruf 110 ist ja echt etwas vom heftigsten, was ich je gesehen habe. Wahnsinn auch fand ich diese Verknüpfung des zu lösenden Falls mit Bukows Privatleben.

Zur Geschichte:

Katrin König und Alexander Bukow geraten mitten in ein Familiendrama. Arne Kreuz, ein bisher unbescholtener Familienvater, befindet sich nach Trennung und Jobverlust im freien Fall. Er hat seine Frau sowie seinen jüngsten Sohn getötet. Jetzt ist er flüchtig – und auch von seinen Kindern Nicole und Jonas fehlt jede Spur. Unter Hochdruck versuchen Bukow, König und ihr Team, das tragische Verbrechen zu begreifen, den Amok laufenden Mann zu finden und Nicole und Jonas zu retten. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit – und die Kommissare können nur erahnen, welches Ziel sich Arne gesetzt hat.

(Quelle: ARD mediathek, Link: siehe unten)

Nein, ich werde nun nicht das Drehbuch loben, obwohl es wirklich saugut war. Die schauspielerische Leistung ebenfalls. Und auch die Story werden ich nicht besprechen.

Nein. Ich schreibe, weil ich mich outen will. Ich will nicht euer Mitleid, bitte nicht, und nein, ich habe keine Ahnung, wie sich die Diskussion, die ich womöglich lostrete, entwickeln wird, doch es ist mir ein Bedürfnis, hier und jetzt einmal zu sagen, dass ich …

Hm. Wie schreibt man so was? Dass ich auch das Opfer (die Hinterbliebene, die Betroffene?) eines sogenannten Erweiterten Suizides war bin war. Ich hasse die Wörter Opfer und Erweiterter Suizid. Erstes impliziert eine passive Haltung, die ich – dank intensiver Arbeit an mir – allmählich ablegen durfte. Wie schreibe ich es denn nun, dass es richtig rüberkommt? Und was ist richtig? Gibt es das in solchen Fällen überhaupt? Vielleicht so: Ich hatte einen Partner, der so ähnlich wie Arne tickte. So ähnlich und doch anders. Zwar hatte ich nicht drei Kinder wie Jeanette und Arne, ich hatte „nur“ eins. Ich hatte einen wunderbaren, goldigen, lebensfrohen Sohn, der an seinem dritten Geburtstag mit seinem Vater zusammen gestorben ist.

Erweiterter Suizid – auch das: ein falscher Begriff. Er impliziert, dass die Person/en, die mit dem Menschen, der den Suizid begeht, einverstanden sind. Mag sogar sein, dass in solchen letzten Momenten so etwas wie Einverständnis besteht. Ein Kind versteht längst nicht alles, was ein sterbewilliger Elternteil sagt. Beschlossen hat. Will. Und dieser wohl auch selbst nicht. Dennoch: Einverständnis ist eins, freie Wahl etwas total anderes.

Andreas Schmidt spielt den psychisch kaputten Vater Arne mit einer so überzeugenden Ambivalenz, dass ich nicht anders kann als ein klein bisschen besser zu verstehen. Nicht gutheißen, keine Sekunde, aber verstehen. Wie ich das auch den Vater meines Sohnes konnte. Und kann. Eine kranke Art von Liebe, sage ich mal wenig differenziert und vereinfacht. Krass wird dieses Dilemma im Film vor allem am Schluss, am Strand, wo es um das Leben von Sohn Jonas geht.

Ebenfalls krass finde ich, dass Bukows Privatleben eine ähnliche Krise erfährt, die auch Arne wenige Wochen zuvor erlebt hat. Seine Frau hat sich entschieden, ohne ihn weiterzuleben. Was das mit einem Menschen macht, wie es ihn durcheinanderbringen kann, erfährt Sascha Bukow wortwörtlich am eigenen Leib. Sein Glück ist, dass er Teil eines Teams, eines funktionierenden sozialen Netzes ist und die Gabe hat, zu reflektieren.

Arne hatte das nicht mehr. Oder nie. Was dann, wenn nicht …?

Müsste man sich mehr einmischen in die Beziehungen anderer?, fragte mich nach meinem Drama eine Freundin.
Ich weiß es nicht.

Über Ursachen kann immer nur spekuliert werden. Und sie variieren von Situation zu Situation.

Wie kann man das Leben seiner Mitmenschen, die Welt, so mitgestalten, dass solche Situationen gar nicht erst entstehen müssen?
Ich weiß auch das nicht.

Am Ende sind immer mehr Fragen als Antworten. Und das gilt es zu akzeptieren. Vielleicht.

Ich habe gelernt, dass Verzeihen etwas ist, dass man im Grunde vor allem um seinetwillen tut. Um sich zu versöhnen mit seiner Geschichte. Ohne Verzeihen gibt es nur schwer „ein Leben danach“.

Etwas anderes, was ich im Kontext mit Suizid noch loswerden möchte: Suizid kann man selten oder nie als eine isolierte Handlung anschauen. Sie ist eine Folge gesellschaftlicher Prägungen und unzähliger Erlebnisse, Erfahrungen, Verletzungen. Ich spreche niemandem das Recht ab, seinen Tod selbst zu bestimmen. Aber bitte allein.

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ARD-Mediathek
www.ardmediathek.de/tv/Polizeiruf-110/Familiensache-Video-tgl-ab-20-Uhr/
www.ardmediathek.de/tv/Günther-Jauch/Familiendrama-wenn-Eltern

Verlieren und wieder finden

Meine letzten Monate waren intensiv, äußerlich und innerlich. Randvoll fühle ich mich, fast übersättigt. Voll mit Wörtern, mit Bildern. Heute ist fasten, verdauen und ausscheiden angesagt. Selbst Worte finden. Allenfalls ein Buch lesen. Allenfalls ein Buch besprechen. Spazieren gehen vielleicht. Ansonsten: selbst schreiben. Selbst kreieren. Selbst denken. Und dieser leisen Irritation in meinem Leben zuhören, die mich da fragt, was wirklich ist, wahr war und echt wird. In diesem Augenblicken möchte ich mein Netz sehen, alle meine Spuren, die ich bis hierher gegangen bin. Alle Verbindungen, Vernetzungen, Verstrickungen, Beziehungen, Verwandtes und Verwandte, Relations. Denn relativ ist alles. In Bewegung auch. Ein Ziehen und ein Lassen. Dichte Netze, in denen ich hänge. Dichte Schichten, gedichte Schichten. Geschichten. Gedanken, Spiele, Worte. So viele, dass mir nur schreiben bleibt. Ausscheiden.

Über das Verlieren nachdenken und was man finden kann, wenn man loslässt. Selbst wenn man es nicht bewusst getan hat. Die vielen Menschen, die meinen Weg kreuzen. Gekreuzt haben. Noch kreuzen werden. Manche sind eine Zeitlang fast parallel zu mir unterwegs, ganz nah tangieren oder kreuzen sie meine Umlaufbahn sehr oft und sehr intensiv. Irgendwann verändern sich unsere Lebenskurven und man sieht sich seltener, hört sich weniger und auf einmal ist ein Mensch weit weg. Obwohl er im Herz geblieben ist. Solche Menschen auf einmal wiederzusehen, ist für mich immer wieder wie Briefkasten öffnen am Geburtstag. Danke, liebe R., für diesen wunderbaren Nachmittag und Abend gestern. Den Einblick in dein Leben. Und in das deines kleinen-großen Sohnes. Ich fühle mich beschenkt.

Umlaufbahnen. Wege, die wir gehen. Ich möchte, wie gesagt, meine Wegkarte manchmal sehen, von oben am liebsten, wie einen von meiner Track-App aufgezeichneten roten Weg auf meiner Lebenskarte. Aber nicht nur die Wege von gestern, von letztem Monat, von letztem Jahr. Ganz von Anfang an! Würde ich so womöglich meine Lieblingsorte herausfinden, jene Orte, die mich am meisten nähren? Wären dies jene Orte, wo ich am häufigsten bin? Oder hat Häufigkeit keine Bedeutung, weil sie im Grunde nichts über die Qualität eines Ortes aussagt? Lieblingsorte – was müssen sie erfüllen, um diesen Namen zu verdienen?

Was Bern für mich ist, versuche ich noch immer zu verstehen. Immer wieder. Gestern war ich mal wieder dort und in der Umgebung unterwegs. Zuerst auf dem Friedhof. Ihn zu meinen Lieblingsorten zu zählen, wirkt auf den ersten Moment zynisch. Vor allem, wenn man nicht weiß, dass ich schon früher Friedhöfe gemocht habe. Vor allem, weil sie oft genau das sind, was ihr Name bedeutet; für mich jedenfalls. Die Gegenwart sichtbarer Endlichkeit erlebe ich nirgends so sehr wie auf Friedhöfen. Mir ist das Trost, meine Endlichkeit tröstet mich; jegliche Endlichkeit tröstet mich. Im Wissen darum, dass sich das Universum stetig ausdehnt und Endlichkeit letztendlich ja doch nur eine Illusion ist. [Und mittendrin die Frage, ob man elf Jahren danach wieder normal sein sollte. Normal?] Vermutlich. Keine Antworten finden und haben zu müssen, ja, auch das finde ich auf Friedhöfen. Und ganz viele Paradoxien. Am meisten aber finde ich hier Liebe. Liebe? Ja. Sie liegt unter der Erde, schwebt über den Gräbern, steht auf den Grabsteinen, vor allem aber ist sie Teil der Luft, die ich atme. Verlust. Trauer. Tränen. Ja, auch sie, am stärksten aber ist die Liebe.

Mein rotes Straßennetz also. Wo wären meine häufigsten Kreuzungen? Vielleicht dort, wo es am wenigsten Wege gibt. Und schon gar keine Schnellstraßen. In Wäldern vermutlich. Auf Hügeln. An Flüssen. In der Natur jedenfalls.

Gestern also. Um Bern herum. Vom Friedhof nach M.see, an die Fotoausstellung von Freundin R., die ich fast vier lange Jahre nicht mehr gesehen habe. Sporadische Mails zuerst noch. Irgendwann nichts mehr. Nicht absichtlich. Die Zeit, die Zeit. Das schnelle Leben. Auf fb haben wir uns schließlich vor ein paar Monaten wiedergefunden.

Am Anschluss an ihre Ausstellung lädt sie mich zu sich ein. Mit Sohnemann und ohne Autositz in meiner Karre will sie aber mit öffentlichem Verkehr nach Hause fahren, derweil ich mich durch den frühen Samstagabendverkehr fuhrwerke. Über Land mache ich kurz Halt und genieße die Weitsicht. Die Alpen. Den diesigen Nebel, der sich nun langsam, wo es Abend wird, wieder vor die sinkende Sonne schiebt, die alles gegeben hatte, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Weite. Schneebergspitzen.

Eine ältere Dame sitzt in der Nähe, kommt auf einen Schwatz auf mich zu, später kommt ihre Schwester zurück, die mit dem Hund unterwegs war. Wir reden über die Berge, das Land, das Leben, den Weg von hier nach K., wo Freundin R. wohnt. Autobahn oder über Land, geht beides. Nein, hier lang gelangt man zwar nicht nach K., aber der Schlenker hat sich gelohnt. Die Aussicht. Die zwei Frauen. So will ich mal sein, so ähnlich, wenn ich so alt sein werde. Falls ich so alt werde. Offen. Interessiert.

Bevor ich nach K. fahre, zieht es mich, wenn ich schon in der Nähe bin, nach Ausserholligen, meinem früheren Wohnquartier. Sechs Jahre mein Zuhause. Und ja, wirklich ein Zuhause. Es ist auch jetzt noch, nach dreieinhalb Jahren, wie heimkommen. Erinnerungen überschwemmen mich. An die erste Zeit hier vor allem und an die Zeit, als ich Irgendlink schon kannte. Wie wir dieses Quartier gemeinsam erforschten. Ich betrachte die neuen Häuser, die Schule, die ich als Baustelle verlassen hatte. Ich sehe die neuen Läden im Quartier und frage mich, wie lange sie sich halten werden. Ich höre das stetige Straßenrauschen meiner Lieblingsstadt. Das Quietschen der Straßenbahn. Ich liebe diese Stadt, auch wenn ich ein Landei bin. La nostalgia. Nach K. fährt es sich fast wie von allein, ist ja mein früherer Arbeitsweg.

Monster
Tausendfüssler

Bei R. erzählen, lachen, staunen, fein essen, mit Sohn B. (6) über die Ausdehnung des Universums fachsimpeln und rumalbern. Sich wiederfinden, ohne sich je ganz verloren gehabt zu haben.

Lebenswege. Roter Faden. Heimweg.

Ich fädle mich in den Zubringer und schließlich in die Autobahn ein. Wie oft bin ich früher hier eingespurt? Richtung Süden am Anfang, später eher Richtung Norden, Basel, Strasbourg, Pfalz.

Das Leben. Meine Wege.

Über das Leben und alles unterwegs verlorene, verloren geglaubte, denke ich nach. Und was ich alles wieder zurückbekommen habe. Denn was ich losgelassen habe, ist nicht wirklich verloren. Aber ich muss nicht alles, was war, wiederhaben, nein. Weil es ja gar nicht weg ist. Habe ich die Musik, die Bücher, die Geschichten, die Menschen, die ich früher in meinem Leben hatte, verloren? Bin ich womöglich eine Ewig-Gestrige, weil ich noch immer einiges so habe wie früher? Und wenn schon. Schubladen sind mir egal. Ziemlich jedenfalls.

Nichts geht verloren, wandelt sich aber. Auch du und ich – wir alle verändern uns. Ich habe vieles beerdigt, und tue es noch. Immer mal wieder ist Beerdigung angesagt. Auf meinem ganz persönlichen Friedhof. Friede meinen Erlebnissen. Friede meinen Erfahrungen. Friede meinen Erinnerungen. Rest all in Peace. Restmüll ist es dennoch nicht. Alles biologisch abbaubar. Verwandlung, wie gesagt. Und auf einmal wird altes neu, wächst aus der Erde dem Licht entgegen.

Ausgekotzt – so fühle ich mich nun, Befindlichkeitsbloggerin ich. Leer.

Gut so. Platz für neues. Austausch ständiger. Raus. Rein. Essen. Trinken. Verdauen. Vergessen.

Zurück zum Anfang.

Stöckchenweitwurf

liebster-awardCandy Bukowski hat mir ein Stöckchen samt darum gewickeltem Liebster-Award in die Hand gedrückt.
Da nimm, mach was draus! Ich gestehe, jedes Mal sage ich mir: Nie mehr Stöckchen! Und mache dann doch mit. Weil es ja auch mit Wertschätzung zu tun hat. Von Candy mir gegenüber (Danke!). Und auch weil es der Vernetzung dient. Und darum mache ich auch diesmal mit.
Liebe Candy, wie versprochen beantworte ich hier nun deine Fragen. Und ja, ich werde das Stöckchen weiterreichen. Die Namen und Links stehen unten … (einige sind meine Neuentdeckungen der letzten Zeit).

Viel Freude beim Lesen und Weiterspinnen …

1.) Schreiben ist für mich so normal, notwendig und natürlich wie Atmen, Essen, Trinken und Ausscheiden. Schreiben ist für mich (fast) immer ein kreativer Prozess, Reflexion und meine liebste Form von Selbstdarstellung und -ausdruck.

2.) Bloggst Du offen oder anonym; und warum so und nicht anders? Ich blogge mit Pseudonym, gebe aber meinen Echtnamen in Mails bekannt. Mein Pseudonym ist mein Pseudoschutz-Regenschirm, der mir hilft, ein klein bisschen mutiger zu sein als im echten Leben. Ich habe ihn gewählt, weil ich nicht über die Suchmaschinen gefunden werden will. Das Pseudonym ist aber keine Fasnachtsmaske, hinter der ich die Wildsau rauslasse. Ich bin als Bloggerin die selbe wie in echt. Allenfalls ein bisschen frecher?

3.) Worüber schreibst Du, was ist Dein Genre? Blogname und -titel sind Programm: Ich sophiere vom Sofa aus über Alltägliches, über die Fallmaschen dieses Lebens und über das, was mein Herz sich alles so zusammenspinnt. Das sind Alltagserlebnisse und Reiseeindrücke zum einen, zum andern aber auch einfach Sophierereien, Sprachzöix, kleine Essays und Dinge, die ich gerne mit meinen LeserInnen teilen will. Genre? Puh, wie nennt man das? Kolumne vielleicht. Oder Kurzgeschichte. Essay. Ja, das kommt hin …

4.) Begrenzt Du Dich selbst dabei, gibt es eine Schere? Die Schere? Mal mehr, mal weniger. Beim rohen Text zwar noch nicht, aber später, beim Überarbeiten schon. Sprachstilistisch möchte ich auf hohem Niveau schreiben und inhaltlich möchte ich halt nicht einfach nur dummlabbern. Außerdem soll mein Geschreibsel aufrichtig sein. Ja, die Schere, sie ist da, ich gebe es zu. Aber ob sie mich begrenzt? Manchmal beflügelt sie mich eher …

5.) Das Beste und das Blödeste am Bloggen ist …? Boah, was für Fragen? Am blödesten sind wohl die dummen Stöckchenfragen. Und am besten die Möglichkeit, seine Gedanken kostenlos ins Netz zu furzen. 😉

6.) Was ist Dein liebster, eigener Text und warum? Uiuiui, das wechselt. Manche Texte von früher würde ich am liebsten löschen, doch sie sollen bleiben. Sie gehören auch zu mir und meinem Weg. Dann wieder gibt es Texte, die ich hinterher lese und denke: Was? Ich soll das geschrieben haben. Aber einen liebsten Text habe ich nicht, sorry. Oder dann mehrere. Vielleicht der da (Link) oder der da (Link) … oder dieser hier (Link). Und andere … 🙂

7.) Das große Thema meines Lebens lautet nicht mehr so sehr Sinnsuche wie früher, sondern vielmehr Selbstliebe konsquent leben. Dazu Dankbarkeit und Akzeptanz für das Leben, wie es ist. Und immer genug Mut für notwendige Veränderungen. Ja, Mut … Zusammengefasst wohl doch so was wie Lebenssinn?

8.) Ich bin eine coole Socke, weil …? Nein, ich bin weder eine coole Socke noch mag ich kalte Füße. Ich bin definitiv eine Mimose, ein Weichei und eine Warmduscherin, falls jemand bei mir ein paar Schubladen bedienen will. Sorry, liebe coole Welt da draußen, Coolness kann ich nicht bringen. Und nein, das wird sich wohl auch nie ändern. Wozu auch?

9.) Ich bin arschlangweilig, wenn es darum geht, cool zu sein. Siehe 8.) 😉

10.) Der Wert der Dinge (und der Menschen) bemisst sich für mich durch seine Existenz. Das übe ich jedenfalls.

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Meine Fragen, die ich nun um das Stöckchen wickle, sind diese …

  1. Schreiben ist …
  2. Warum schreibst du und wie gehst du dabei vor?
  3. Verfolgst du beim Schreiben ein Fernziel?
  4. Wie reagierst du, wenn ein Kommentator in deinem Blog deinen Schreibstil kritisiert?
  5. Wie wichtig sind dir Statistikzahlen?
  6. Wie finden Menschen dein Blog?
  7. Wie viele Blogs besuchst du täglich oder wöchentlich durchschnittlich und wie viele Kommentare schreibst du ungefähr pro Tag, pro Woche?
  8. Welche Texte liest du am liebsten und wann empfindest du einen Text als gut oder schlecht?
  9. Welches sind (ganz spontan und ohne groß nachzudenken) deine drei wichtigsten Werte?
  10. Wie trägt Bloggen zu deiner Lebensqualität bei?

Und nun werfe ich das Stöckchen weit weg und hoffe, dass folgende Bloggerinnen und Blogger es auffangen und entwickeln mögen …

Sarah von Fuerhilde (oh, auch Candy hat dich nominiert? Da machst du doch gleich zwei für eins …?) 😉
Kerstin aka eckisoap von siedendbunt
Ben von Farbenfröhlich
Madame von Au Contraire
Daniela von Filomena.me
Frau U. von Blinkyblanky
Roswitha von Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes
Lia von Liawriting
Annette und Beat von Unserwegs
und last, but noch least
Pillangó von Pillangoblog

Ich bin gespannt auf eure Antworten. Viel Spaß!

Noch mehr Hirn- und Herzgespinnste

Wenn ich blogge, bin ich Bloggerin,
wenn ich schreibe, Schreiberin,
wenn ich twittere, Tweeterin,
wenn ich ein Pinterest-Konto habe, Pinnerin,
wenn ich ein FB-Konto habe, Facebookerin,
wenn ich Dinge mache, eine Macherin,
wenn ich denke, Denkerin,
wenn ich träume, Träumerin,
wenn ich lache, Lacherin,
wenn ich spinne, Spinnerin,
[…]
… und wenn ich aufs WC muss, was bin ich dann?
Und was, wenn ich gar nichts mache?

+

Nennt sich das, was wir tun, Multitasking? Oder einfach nur irgendwie schizophren?
Bin ich hybrid oder einfach nur chamäleonesk?
Flexibel oder einfach nur angepasst und anpassungsfähig?
Wirklich kreativ oder einfach nur eine Reste-Aufwärmerin?

+

Und nun noch ein bisschen Dada mit einigen meiner Twitterposts und -antworten

Und die andere Hälfte? Ein Bett im Wald, oooh, das hätte
ich auch gerne! Die Krawatte, nicht
den Hoodie. Mundwasserfall. Kleider aus Menschenhaut! Friedlicher als
gedacht. Wo ist das denn? Noch besser: aus-
ziehen. Shibashi? Wenn man dafür in Kauf nimmt, dass
es keinen Weg zurück gibt? Wer könnte da NEIN
sagen? Klingt nach friedlichem Kampfsport. Zwar ein
Weg, von Wille aber keine Spur, da setz‘ ich mich mal
hin, was mach ich hier nur? Tastaturschrei. Für die Liste
für die Pille. Hier müsste es auch Triggermel-
dungen geben, personalisierte! Schlimmer als jeder Zaun-
pfahl. Marktlücke entdeckt. Bildungs
lücke
meinerseits? Genieß deine Mittags-
pause. Danke, das muss ich mir gleich näher an-
sehen. Muss man das kennen? Melde mich
gleich mit an … Klingt gut. Viel Freude
damit! Da bleib ich besser Dortwo-ich-bin. … wie
die Menschen: je reicher desto geiziger. Das
klingt nach Vorstellungstermin? Aber Hauptsache, man
nimmts nicht persönlich.

+

Man nimmt nichts persönlich – gut, von mir war das ironisch gemeint. Wird aber oft gesagt. Und jedes Mal denke ich dabei: Sind wir denn Maschinen geworden, weil wir so gar nichts mehr persönlich nehmen?
Ob wir womöglich, ähnlich wie Geräte, gar extra mit Fehlern und Abnützungszeiten konstruiert worden sind (und wenn ja: von wem?), damit wir nicht zu perfekt sind, damit der Hersteller nicht Konkurs macht und immer was zu tun hat. Und damit es uns nicht langweilig wird, das Leben.

Herzgesponnenes

Sie: Wenn ein Tweet-Post so etwas wie eine Seifenblase ist und ein Facebook-Post eine Art Kurzfurz, was wäre dann ein Blogartikel? Ich sehe da eine Art Treppchen vor mir, klein, mittel, groß. Das Blog ist am gewichtigsten von diesen Dreien. Alle einzelnen Posts sind Kieselsteinchen, Steine oder Brocken, die ich ins Wasser werfe. Kurz gibt es Wellen, doch bald ist der Wasserspiegel wieder ruhig. Wozu also schreiben?
Er: Auf den einzelnen Eintrag bezogen, magst du mit deinen Bildern recht haben. Letztlich ist aber jedes einzelne unserer Posts Teil eines großen Gewebes. Teil deines persönlichen Archivs. Man muss es als Ganzes sehen. Alles hängt zusammen.

+

Sie: Im Gegensatz zum Stein, der der Bildhauerin durch seine Form etwas sagen kann über seinen Wunsch, was er mal werden will, wenn er fertig gehauen ist, sagt mir das weiße Blatt Papier einfach überhaupt nichts. Ist das nun Freiheit oder Fiesheit?

+

Sie (zwinkernd): Hast du die Uhren schon gerichtet?
Er (zwinkert zurück): Wo denkst du hin? Es heißt doch: Du sollst nicht richten!

+

Sie: Wir wollen doch alle gesehen und gelesen werden. Und geliebt und so. Alle. Und dazu strahlen wir mit der Sonne um die Wette.
Er: Dabei ist die ja auch nur ein Stern. Ein Stern unter vielen. Wie wir.
Sie: Aber alle leuchten sie so schön. Und das ist wirklich ein Dilemma. Ich habe so viele gute Blogs abonniert, dass ich meine ganzen Tage mit Bloglesen verbringen könnte. Und dabei sind das noch nicht mal alle, die ich gerne lesen würde. Ich will keinen Artikel verpassen. Außerdem hat sie ja auch etwas familiär-rührendes, diese Welt der Mitbloggerinnen und Mitblogger. Unsere erweiterte Familie. Und das ist nun mein Dilemma: Setze ich meine Zeit für das Lesen all der tollen Dinge ein, die es schon gibt oder schreibe ich selbst ein paar Dinge, die vielleicht auch nicht schlecht sind?
Er: Die virtuelle Welt wird gemeinhin überbewertet. Ich würde mich wohl fürs Selbstschreiben entscheiden.

Sie
: Ich ja auch. Dann verliere ich jedoch das ganze Lesevergnügen. Das Leben ist ein einziger großer Kompromiss – und eins ist eh einfach nicht genug.

+

Am Sonntag, unterwegs im Wald:
Sie: Schau mal dort, wie sich die Natur diesen Ort wieder zurückholt! Toll … ich wusste es: die Natur ist auf Anarchie angelegt. Sie lässt sich nichts vorschreiben. Hält sich an keine Grundstückgrenzen. Wenn man sie nur machen lässt.

+

Sie: Kennst du das Gefühl auch, dass das, was du tust, nicht reicht, um ein so guter Mensch zu sein, wie du sein möchtest?
Er: Ähm? Nein …?
Sie: Ich trenne Müll, lebe so einfach wie möglich, verbrauche möglichst wenig Energie (gut, ich könnte noch viel weniger), ich handle politisch und gendertechnisch as correct as possible, ich ernähre mich relativ gesund, esse kein Fleisch, fahre so wenig Auto wie möglich (na ja, noch weniger wäre auch möglich, aaaber …) und so weiter. Und dennoch habe ich das Gefühl, es reicht nicht. Es ist immer zu wenig. Und dann denke ich voller Wut an all die andern Menschen, die sich über solche Dinge noch nicht mal einen winzigen Gedanken machen und so tun, als hätten wir noch irgendwo eine zweite Erde auf Vorrat. Ich denke dann sofort: Nein, so möchte ich nicht sein, nicht so wie die. Und dann denke ich: Es ist mein Denken, dass ich noch ändern müsste. Weil ich ja nicht so denken will. Und mich nicht vergleichen. Und dass ich das alles, was ich tue, ja für die Erde tue, nicht für die. Aber die gehören ja auch zur Erde, sind Teil von ihr. Ich denke vor allem an die Erde, an die Natur, an die Tiere. Und ja, auch an die Menschen, an die, die nach uns kommen. Was nun, wenn die auch alle so doof sind, wie die, die sich keine Gedanken über so Sachen machen? Dann kann ich es ja bleiben lassen … Die sind doch alle selbst schuld, wenn sie vor die Hunde gehen. Aber das sind ja dann auch wir. Das große Wir. Wir alle. Und dann denke ich, dass ich anders über die andern denken sollte. Mir zuliebe. Uns zuliebe.
Er: Über solche Dinge denkst du also nach?
Sie: Hm ja, du nicht?
Er: Hm, nein …

+

Sie: Niemand sieht die Welt, wie sie wirklich ist. Alle haben wir unsere ganz persönlichen Filter: Drama. Ironie. Komödie. Zynismus. Schönfärberei.

Das Geheimnis neuer Wege

Endlich an den Anfang gehen. Will heißen: ans Ende. Dahin, wo die Reuss zu sein aufhört. Wo sie in die Aare mündet, wo sie Aare wird. Denn wir haben geschummelt, damals, vor ein paar Monaten. Ende Juni haben wir bei unserer Reusswanderung nämlich nicht genau dort angefangen, wo sie wirklich aufhört, die Reuss, sondern ein paar Kilometer südlicher. Es passte eben besser damals. Und es wäre ein Umweg gewesen.

Heute nun, endlich, sind wir gemeinsam zum Wasserschloss gewandert. Das Schloss? Der Zusammenschluss, der Zusammenfluss der drei größten Schweizer Flüsse. Den Rhein, der größte von allen, zu dem die drei hier später werden, nicht mitgezählt, denn er besucht ja nach der Schweiz noch andere Länder.

Item. Die Reuss. Wir nehmen einen Weg, den Irgendlink noch nicht kennt. Wir zeichnen unterwegs, machen Fotos. Bleiben da und dort stehen. Staunen. Lassen uns besonnen. Neun Vögel genießen den blauen Himmel, fliegen Kreise. Immer ein anderer führt an. Kreise fliegen sie, Bögen.
Ästheten seid ihr, denke ich. Ihr mögt das Schöne so sehr wie ich. Wie fühlst du dich, Vogel, da oben? Ja, du; dich meine ich.

Wir verlassen die Zivilisation und tauchen in den Wald ein, in eine andere Welt, eine Wildnis, eine Zwischenwelt, einen Dschungel und mir ist zumute wie vor drei Monaten. Nur der schwere Rucksack am Rücken fehlt.

neue Wege_1
auf neuen Wegen

Beim Wasserschloss angelangt, stellen wir fest, dass der Wasserstand der drei Flüsse so tief ist wie selten und dass wir direkt am Fluss, diesmal ist es die Aare, zurückwandern können. Weiter stapfen wir durch den Wald und gehen matschige Wege, die unsere Wanderschuhe ganz schön versauen. Weiter durch den Dschungel. Herrlich.

Hier könnte man das Zelt aufbauen, sagt Irgendlink. Stimmt. Oder schau, hier drüben! Tolle Plätze.

Familiengartensiedlung, an der wir das erste Mal auf der Fluss- statt auf der Straßenseite vorbeiwandern.

Schließlich und endlich wollen wir, es wird dunkel und kühl, wieder nach Hause. Aber nicht auf dem bekannten Weg, nicht heute. Heute sind es neue Wege, die locken. Neue Wege haben einen ganz eigenen Charme.

Ich liebe neue Wege, die mir neue, ungeahnte Möglichkeiten auftun. Wenn ich denn den Mut habe, nicht immer auf den bekannten Straßen zu gehen. Wir finden unerwartet einen Waldweg, der mit Stufen in den Berg gelegt ist und gelangen so vom Unter- ins Oberdorf.

Wer hätte das gedacht?

Nein, da war ich noch nie, obwohl es doch so nahe ist.

Nach uns die Zukunft?

Heute Morgen habe ich leer geschluckt. Emil hat – ohne meinen Text gelesen zu haben – sozusagen die Fortsetzung meines gestrigen Artikels geschrieben. Er fängt mit einem Zeitungszitat, aus dem ich hier rezitiere an:

Zwar leben wir in einer Zeit galoppierender Modernisierung, der Begriff Zukunft wird jedoch nicht mehr durchweg positiv wahrgenommen. Wir wissen nicht, ob Kriege, Umweltkatastrophen, demografische Probleme oder Wirtschaftskrisen auf uns zukommen, bestenfalls bleibt alles, wie es ist. Man möchte an diese Zukunft nicht erinnert werden, man möchte vielmehr von dem Gedanken an sie abgelenkt werden. Also feiern wir in Mode und Stil die vergangenen Jahrzehnte. Die fünfziger, sechziger, siebziger, achtziger, sogar die neunziger Jahre: Jede vergangene Dekade erscheint uns attraktiver als das, was noch kommt. […] Früher bedeutete Industrie-Design, das gleiche Produkt für viele Menschen herzustellen. Ein Design musste für alle passen. […] Ein innovatives Produkt reißt die Menschen nicht mehr mit – es passt sich an sie an. Man kann kaum noch eine Zukunftsvision für alle formulieren. Denn die Menschen nehmen sich nicht mehr als Teil eines Ganzen, sondern als Individuen wahr. Mit ganz eigenen Werten und Interessen.

Quelle: Tillmann Prüfer im ZEITmagazin Nr. 43/2014; S. 24

Aus seinen Gedanken zitiere ich hier ebenfalls. Und zwar jene Sätze, die auch ich schon so ähnlich gedacht.

Ein Einzelner ist leicht abzulenken, die Kraft eines einzelnen Menschen ist schnell erschöpft. Eine Masse könnte tatsächlich etwas am System ändern – das aber ist nicht gewollt. Also wird der Mensch, der Bürger, zum Konsumenten gemacht. Und damit es ihm nicht langweilig wird, darf er sich seine Konsumgüter selbst gestalten: Farbe, Material, Oberflächenbeschaffenheit sind auswählbar. Aber schon die Haltbarkeit ist etwas, das keinesfalls mehr beeinflussbar ist: Gleichwohl etwas geschont wird, es wird wirklich kurz nach Ablauf seiner Gewährleistungsfrist kaputtgehen.
[…] Keiner mag mehr normal oder gar Durchschnitt sein, in irgendeiner Weise sich eben nicht nur unterscheiden von allen anderen, sondern sogar besser sein als alle anderen. Aber wir sollten uns unsere Gemeinsamkeiten nicht aus den Augen verlieren, sie uns nicht aberziehen (lassen) und sie schon gleich gar nicht verkaufen …
Und wir sollten uns wieder einer Zukunft bemächtigen, einer gemeinsamen, einer, die allen Menschen ein Leben gestattet ohne Existenzängste, ohne Hunger, ohne Sterben an heilbaren Erkrankungen, ohne Krieg und ständige andere Kämpfe.

Quelle: Der Emil, Denkaufgaben Individualismus vs. Gemeinschaft

Ich freue mich immer, wenn ich bei meinen Blogbesuchen auf Gedanken treffe, die meine eigenen spiegeln, weiterentwickeln und so bei mir als Inspiration und Ermutigung zum Weiterspinnen ankommen. Ich freue mich, wenn andere das Leben auf mir vertraute, ähnliche Art wahrnehmen.

Personalize-me überall wer dieses Blog liest, liest einen von mir personalisierten Blog. Zwar gibt es nur eine beschränkte Anzahl WordPress-Designs (Hunderte inzwischen, vermute ich), aber diese lassen sich immer – teilweise gratis, teilweise mit Aufpreis – den persönlichen Bedürfnissen anpassen. Kaum jemand hat ein unverändertes Standardthema. Wir alle wollen doch, wie Emil sagt, anders sein als der Durchschnitt. (Notiz an mich: Warum ist eigentlich die Normalität und der Durchschnitt so negativ gefärbt? Zumal wir alle, wenn es hart auf hart geht, auf gar keinen Fall nicht normal sein wollen.)

Irgendwann ist der Höhepunkt jeden Wachstums erreicht. Alles hört irgendwann auf, zu wachsen, jeder Mensch, jeder Baum. Oder sagen wir es so: Ein Baum wächst irgendwann nur noch langsam; mehr in seiner Qualität als in der Quantität (Größe, Länge, Höhe, Breite, Dicke, Umfang und so weiter). Auch der Umfang von Individualismus wird eines Tages nicht mehr zu toppen sein. Was dann? Wird das Pendel vom höchsten Punkt – wie es die Schwerkraft vorgibt – wieder zum andern Ende zurückschwingen, zum Kollektivismus? Zu einer neuen Form davon womöglich?

Werden wir Menschen – wenn wir schon die Vergangenheit so glorifizieren wollen, wie im obigen Artikel beschrieben – aus der Geschichte lernen und irgendwie einen Weg finden, der als ganze Gesellschaft gangbar ist. Und zwar für alle, nicht nur für eine Elite, zu der wir  – selbst wenn wir nicht viel Geld haben – dennoch gehören. Immerhin sitzen wir an einem Laptop/PC/iBook oder Notebook und können lesen und schreiben. Und ein paar andere Dinge mehr.

Wie wir – als Ganzes, als Gesellschaft – uns unserer Zukunft bemächtigen, weiß ich nicht. Ich bin gespannt. Und ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, dass es ein Weg ist, der uns allen das Leben lebenswerter macht.

Innen und außen

In der Stadt ist mir draußen nicht draußen genug, bloggte Lakritze gestern und hat mir voll aus dem Herzen geschrieben. Wie Irgendlink und ich gestern Nachmittag durch den Wald wanderten, der einst als Park das längst von der Natur wieder verschlungene Lustschloss Tschifflik umrundete, wurde mir genau dies klar. Mein Draußen, das ich brauche, heißt Wald. Heißt Erde unter den Füßen. Heißt Laub, heißt Baum, heißt Himmel-über-mir. Gut, den gibts auch in der Stadt, falls man ihn denn sehen kann (hochblicken ist in der Stadt zudem nicht ganz ungefährlich …).

Ich fühle mich hier unendlich weit und geborgen. Werde ruhig. Atme tief.

Wir bücken uns nach Kastanien, füllen alle Säcke unserer Jacken und ich sage zum Liebsten:
Arme Menschen, die noch nie im Wald waren, die noch nie Kastanien gesammelt haben, die noch nie Erde unter den Fingernägeln hatten.

Das Glück liegt auf dem Waldweg
Das Glück liegt auf dem Waldweg

Auf dem letzten Stück unserer kleinen Wanderung regnet es ein bisschen. Guter Laufregen. Reinigt Luft und Lungen. Tut gut. Spült den Stadtstaub von den Autoscheiben.

Nun sitze ich in meiner gemütlichen Schweizer Wohnung. Am Schreibtisch. In der Waschküche kurbelt sich die Ferienwäsche Richtung Sauberkeit. Draußen regnets. Innen drin in mir ist es wieder ruhig geworden.

Langweilige Ruhe? Nein, ja, heilsam-langweilige Ruhe. Wohltuende Ruhe.

Neben mir eine Liste. Dinge, die getan werden wollen und sollen.
Eins nach dem andern.

Abenteuerliches HaHa

Nach dem tollen gestrigen Itzehoer Nachmittag und anschließendem Grillabend in Freund S.s Garten war heute ausschlafen angesagt. Doch viele Campingplatznachbarn brachen ihre Vorzelte schon früh ab, weil ihnen eine lange Heimreise nach dem langen Wochenende bevorstand. So krochen auch wir schon um neun-halb zehn aus unsern warmen Schlafsäcken.

Gemütlicher Morgen mit Gesprächen da und dort auf dem Zeltplatz. Dazu eine Sonne, die immer wärmer scheint. Was für ein goldener Herbsttag, Herz, was willst du mehr?

Wie wärs mit Hamburg? Okay, lets go. Wieder fahren wir mit dem Auto nur bis Hamburg-Nettelnburg, um lästiges Stadtgewusel zu vermeiden, parken dort und riden per S-Bahn in die City.

Eine Hafenrundfahrt schwebt uns vor, denn unser netter Campingwart hat gesagt, dass es eine Hafen-Tour gebe, die in der Tageskarte enthalten sei. Landungsbrücke ist unser Ziel, das wir mit S- und U-Bahn problemlos erreichen. Doch soo viele Menschen auf einen Haufen haben wir nicht erwartet. HORROR!

Je weiter wir dem Hafenweg folgen – und uns damit dem alten Elbtunnel nähern -, desto besser gefällt uns der Hafen. Es wird originaler, hat immer weniger Menschen und auf einmal stehen wir vor dem alten Elbtunnel. Irgendlink steckt mich mit seiner Neugier und Begeisterung an. Bald steigen wir die Stufen abwärts und sind tief unter der Erde, tiefer als die Elbe. Faszinierendes, über hundert Jahre altes Bauwerk! Ein mit Fliesen ausgekleideter, gefühlt achthundert Meter langer Schacht mit Gehwegen rechts und links, in der Mitte eine knapp zwei Meter breite Straße für Radlerinnen und Skater. Und Autos – diese allerdings nur wochentags.

Drüben angelangt steigen wir mit dem alten Fahrzeuglift, der locker eine Pferdekutsche fassen könnte, wieder auf in die obere Welt.
Wo bin ich denn hier gelandet?, sagt eine Frau, die mit ihrem Partner im Lift mitfgefahren ist.
Wie wäre es mit München?, schlägt Irgendlink vor, Oktoberfest?
Nach Oktoberfest siehts hier allerdings nicht aus. Eher nach Hafen, Industrie und so. Das Venedig Deutschlands hat seinen Namen verdient. Wir sind, sagen die Karten, von Wasser umgeben, auf Elbeinseln gelandet. Faszinierende Industriewüste, die unsere Fotolust weckt. Und irgendwann kommt ein Stadtbus. Wir steigen ein, fragen, wohin er fährt.

Zum Hafenmuseum. Gut, so soll es sein – das Gutmeinende Schicksal hat entschieden. Statt Hafenrundfahrt haben wir die Elbe unterwandert, statt Kunstsustellung in den Deichtorhallen werden wir alte Schiffe im Hafenmuseum bestaunen.

Was für ein Spaß! Bereits beim Eintritt die erste Überraschung. Weil wir nach vier Uhr kommen, ist der Eintritt gratis. Und auch, weil in der Museumshalle ein Erntedankgottesdienst abgehalten wird. Wir schleichen uns hinein und bestaunen die Exponate aus alten Schifffahrtszeiten – Modelle, Pläne, Anker, Schiffsschrauben, Vorratsdosen – während der Pfarrer von Liebe und Dankbarkeit erzählt. Köstlich!

Wieder draußen begehen wir die drei als Museen in Stand gesetzten Schiffe. So also haben die Matrosen früher gehaust! So sah ein Waschraum aus! Beim größten Schiff hat eine findige Adventure-Gruppe eine Bungee Jumping-Anlage eingerichtet. Ein etwa zwanzig Meter hoher Kran dient als Absprungplattform.

Zwei neue Helden habe ich heute entdeckt: Der eine heißt Beni. Er ist der erste und einzige heute, der den Mut hatte, nicht zu springen. Er zieht das Gummiseil-Sicherungskleid wieder aus und geht, trotz der Anfeuerungsrufe seiner Kumpel, wieder treppab.
Meine zweite Heldin des Tages ist Erna, ein pummeliges Mädchen. Sie springt todesmutig und wild schreiend in die Tiefe.
Ich hasse dich!, jubelt sie ihrer Mutter zu, die neben uns steht und stolz den Sprung verfolgt.
Ich dich auch!, antwortet diese strahlend. Ein Geschenk, verrät sie uns, Erna hat es sich so sehr gewünscht!
Als Ernas Jump sich dem Ende zuneigt, greift sie – wie alle vor und nach ihr – nach der Stange, die ihr das Bodenpersonal entgegenhält. So kann sie auf weiche Matten gezogen und von den Gummiseilen und Sicherungen befreit werden. Glückselig liegt sie da, ein Lächeln auf den Lippen. Mutige Heldin!

An der Bushaltestelle warten wir auf den Busfahrer, der uns hergefahren hat. Kommt er oder doch nicht? Die Fußnoten auf dem Fahrplan sind verwirrend. Er kommt! Und weil es seine letzte heutige Tour ist, bringt er uns – außerhalb der Tour und ohne Bitten unsererseits – zurück ans andere Ufer. HafenCity und so. Was für ein Kundendienst!

Nach einem kleinen Artwalk, wir schießen Bild um Bild, zieht es uns nach Hause auf den Zeltplatz.

Abenteuerliche Heimreise in einer übervollen S-Bahn. Linie 21 wird nämlich temporär bestreikt. Nur noch jeder zweite Zug fährt. Glück für uns, dass sie nicht ganz streiken. Hoffentlich werden ihre Forderungen erfüllt. Es wäre ihnen zu gönnen.

Daheim auf dem Zeltplatz ist es schön ruhig. Ein Großteil der Campenden ist abgereist. Gemütlich kochen wir Abendessen, schlemmen, sein – ich bin wohlig satt. Seele, Geist und Bauch sind heute gut genährt worden.

Hamburg ist ein riesengroßes Dorf, sagte ich, heute, unterwegs. Ein großes Dorf aus vielen kleinen Dörfern. Ein Dorf, das ich sehr mag …

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Irgendlink berichtet hier über gestern