Wir sind ja noch jung

Freitag Vormittag, nach elf Uhr. Wir haben uns endlich zum Frühstück vor unserm Zelt niedergelassen. Auf zwei Hockern sitzend, am Boden die Futterkiste, auf der Alu-Überlebensdecke neben uns liegen Brot, Käse, Butter und zwischen uns steht der Spirituskocher. So fühlt sich Urlaub an. Ich liebe dieses andere Leben und obwohl ich gerne wild campiere, haben Campingplätze gewisse Vorteile. Nette Nachbarn zum Beispiel. Eine der Wohnmobil-Nachbarinnen geht an uns vorbei, grüßt freundlich lachend und meint, als sie noch jung gewesen seien, hätten sie auch immer gezeltet.

Wir sind halt noch jung, sage ich. Wie alt schätzen Sie uns denn?, schiebe ich nassforsch nach.
Hm, gute Frage, sagt sie, Mitte/Ende Dreißig? Schwer zu sagen …
Irgendlink und ich grinsen uns an. Schon wieder, wie so oft, werden wir zehn Jahre jünger geschätzt, und das trotz der immer weißer werdenden Haare. Es stellt sich heraus, dass sie sogar noch ein-zwei Jahre jünger ist als wir.

Wir sind halt noch jung? Gestern Morgen hab ich mich – nach viel zu wenigen Stunden Schlaf – älter denn je gefühlt. Hoffentlich werde ich nicht krank, dachte ich. Doch als wir, kurz vor Mittag, Richtung Norden aufgebrachen, ging es mir bereits besser.

Vor Frankfurt der erste Stau. Den zweiten – vor Kassel – lassen wir aus, rasten in einem Dorf namens Romrod, fahren danach ein Stück über Land und informieren den Campingplatz Land in Drage über unsere späte Ankunft. Der letzte Stau, um Hannover, kostet uns eine weitere halbe Stunde Lebenszeit. Um die zweieinhalb bis drei Stunden später als gedacht teilt uns das geschenkt bekommene Tomtom, dass wir unser Ziel erreicht haben.

Halb elf. Zum Glück ist die Raumpflegerin noch da und beschreibt uns den Weg zur Zeltwiese. Wir leihen uns von noch wachen Campern eine „Schranken-öffnen“-Karte und um halb zwölf gibts, neben dem aufgebauten und schlafbereiten Zelt schließlich Feierabendbier.

Wie ruhig es hier ist! Erst um halb neun heute Morgen fängt leises Gewusel an. Der Platz ist schöner als wir nachts dachten. Direkt an der Elbe. Ständig kommen neue Wohnwagen und -mobile und jenseits des Deichs, bei der Rezeption, ist Flohmarkt.
Einer wunderhübschen Hermes Baby kann ich nicht widerstehen, Irgendlink sucht nach Porsches, die ein Kunstfreund sammelt. Gibts keine, dafür einen alten Chevy und einen Mercedes. Ach, und dieser leinene Seesack ist doch toll! Frisch gedusch und glücklich über die Käufe gehen wir zum Zelt. Spätstücken endlich.
Wir sind ja noch jung … 🙂

IMG_3084-1.JPGIrgendlink sucht Porsches …

Und nun fahren wir gleich per Park & Ride ins nahe Hamburg. Auf die Lesung (siehe gestrigen Artikel) freuen wir uns schon riesig!

(Per iPhone gebloggt)

Mehr zu unserer Reise auch bei Irgendlink drüben.

Fehlerhexerei

Der häufigst gemachte Fehler? Gute Frage. Groß-Klein-Falschschreibung? Vielleicht zu viele oder zu wenig Komma? Satzzeichen – ja, das ist wirklich ein großes Problem für viele. Vor allem die Sache mit den Pünktchen … Ja, die drei meine ich. Die meisten Menschen machen mehr als drei und die meisten machen dahinter und davor keine Leerschläge. Gut, wenn ich Sch… schreibe, muss ich keine Leerschläge machen, denn dann sind die Pünktchen sozusagen eine Art Platzhalter für „eiße“, aber wenn ich das Satzende in der Schwebe lassen will, braucht es einen Leerschlag vor- und nachher.

Braucht es? Wer sagt das? Nein, nicht die Polizei und nein, es passiert dir nichts, wenn du ein oder zwei Pünktchen zu viel machst, und wenn du sie ohne Leerschläge auf die Menschheit loslässt. Und warum mache ich bloß wieder mal ein Theater aus Rechtschreibung und Sprache, fragst du dich.

Bin ich denn dudengläubig, oder was? Ja, das bin ich vermutlich. Wohl habe ich eine Art chronische Fehleritis, denn wenn ich Fehler in Texten sehe, tut es mir irgendwo in mir drin weh. Es ist, wie wenn sich die Zehennägel meiner Sprachseele aufrollen. Es ist, wie wenn sich die Nackenhaare meines Sprachorgans aufstellen und eine Gänsehaut sondergleichen überzieht sogleich meine Spracharme.

So weh, wie es wohl einem Koch tut, wenn ich seine 5-Stern-Küche nicht gebührend rühme; so weh, wie es wohl einer Sportautofahrerin tut, wenn ich gestehe, dass ich keine Ahnung habe, ob sie einen Porsche oder einen Ferrari fährt. Wir sind alle irgendwie spezialisiert, haben alle irgendwo unsere besonderen Kenntnisse, Künste, Weisheiten, Geheimnisse. Das ist gut so.

Ich bin froh, eine Fehlerhexe zu sein. Ich habe Freude an dieser Arbeit. Heute und morgen arbeite ich am Lektorat einer Bachelorarbeit. Dabei lerne ich auch immer gleich neues, denn über Jugendsuizide und die Zusammenhänge zur Gesellschaft habe ich mir echt noch kaum je Gedanken gemacht.

Toller Job. Gebt mir mehr davon und sagt es weiter!

Und nun bist du dran: Findest du Fehler in diesem Text? Ich schicke ihn unkorrigiert los, was sonst bei mir selten der Fall ist. Einfach drauflosgeschrieben und ab ins Netz. (Bei mir selbst sehe ich die Textfehler leider selten so genau wie bei andern … schade!)

Kein Gummibaum

Rausch? Nein, Klarheit. Fließen, schnell, langsam, ganz bei mir. Was will ich sagen, was kann ich, was führt zu weit? Selten denke ich, was wohl die Betrachtenden sagen. Höchstens: Ob das jemand versteht? Nicht: ist das schön? Sieht das gut aus? Irgendwie habe ich solche Gedanken aus meinem Kopf verbannt. Wie sagt Büne Huber so schön im Zusammenhang mit dem tollen Song vom Gummibaum?

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… dann sei ein Gummibaum.

Wenn ich keine Kunstmalerin bin, bin ich halt eine Objektekreatorin. Eine Ideenfühlerin, eine Ideendenkerin auch und eine Ideenumsetzerin, eine Ideenmutter sozusagen, eine Ideenmaterialisiererin. Ich habe einige meiner lyrischen Texte als Basis für meine Objekte genommen.

Eigentlich, denke ich, ist mein Vorratsschrank, den ich am kommenden Wochenende am Offenen Atelier auf dem Rinckenhof das erste Mal der Öffentlichkeit zeige, eine Art Buch im 3D-Berührformat. Ich habe, anders gesagt, ein paar meiner Texte – ohne Buchrücken vorne und hinten – aus ihrer nur digitalen Form entlassen und sie für die Hände fassbar gemacht. Denn letztlich ist es am allermeisten das, was mich nährt: Ausdruck. Das Thema meiner Rauminstallation – „was nährt“– habe ich beim Schaffen erlebt und verinnerlicht. Meine Gedanken während der Arbeit wanderten zu Gesprächen, zu Freundinnen, zu Erlebnissen hin. Dankbarkeit in den Zellen. Froh hat es mich gemacht, dieses Schaffen, ja, es hat mich genährt.

Keine Ahnung, wie das Ganze rüberkommen wird. Sicher ist es aus künstlerischer Sicht laiinnenhaft, da mach ich mir nichts vor. Dennoch hoffe ich, dass meine Idee rüberkommt. Dass die Inhalte (ein bisschen) Nährwert für die Betrachtenden haben. Dass diese ein bisschen glücklicher gehen als sie kommen. Dass sie ein klein bisschen von diesem Reichtum, den ich in der letzten Zeit sehr bewusst erlebt und genossen habe, verstehen.

Oh, ich denke ja doch an die Betrachtenden? Hm, schon, ja, aber nicht im Sinne von „werden sie es mögen?“ (heißt, „würden sie mich liken, wäre das Werk im Internet zu sehen?“), sondern so: Nährt es? Erreiche ich mein Ziel, so ich denn eins habe? Kann ich die erlebte Leidenschaft teilen? Kommt die Vielschichtigkeit der einzelnen Objekte rüber? (… und nein, nichts muss mit JA! beantwortet werden, schön dennoch, wenn es da und dort ein JA! gibt …)

Bei den Bilderausstellungen in vergangenen Jahren hatte ich solche Gedanken viel weniger. Eine Fotografie ist eine Fotografie. Sie gibt meine Perspektive wieder, sie drückt aus, was ich gesehen und inwiefern ich das Bild gegebenenfalls verändert habe um ihm eine andere Aussage zu geben. Klar, auch sehr persönlich, keine Frage. Und auch Geschmackssache – ebenfalls keine Frage.

Bei der Rauminstallation jedoch eröffne ich mir einen Raum, den ich so noch nicht betreten habe. Ich tue Dinge, die ich so noch nie geschaffen habe. Ich folge inneren Ideen, die ich so noch nie gedacht und gefühlt habe.

Ich habe Neuland betreten und der Boden unter meinen Füssen ist wie Schnee, über den noch niemand gelaufen ist. Gewiss, wenn ich forschen würde, fände ich ähnliches – bestimmt bin ich nicht die erste, die auf eine solche Weise gearbeitet hat, dennoch ist es für mich, als Quasi-Laiin, eben neu. Ich habe keine Vergleiche und das ist gut. Ein bisschen ist es wohl Art brut, dachte ich vorhin, als ich die Kiste mit den neuen Objekten, die in den letzten Tagen auf meinem großen Tisch entstanden sind, packte. Art brut, die rohe Kunst einer Unausgebildeten. Ich folge einzig und allein mir und meinen Gedanken. Meiner Spur. Und dabei prüfe ich laufend, ob das, was ich schaffe, effekthascherisch oder authentisch ist. Beides zusammen geht nicht. Nicht für mich. Nur authentisch zählt. Für mich.

Gut muss nicht schön sein, schön muss nicht gut sein. Und ja, mir geht es weniger um schön und nett als um echt und von innen kommend. Nein, das sage ich nicht als Voraus-Rechtfertigung, falls das Ganze ein Flop wird. Ich versuche dir nur zu erzählen, wie ich gearbeitet habe. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und ein Flop kann es höchstens für die andern sein, für mich nicht. Ich habe alles erlebt, jedes einzelne Objekt. Und das zählt. Das nährt. Womöglich ist das Ganze eine Biografie in und aus Dingen …

Punkt. Fertig. Aus. Schluss. Publizieren. Und back jetzt endlich die beiden Kuchen, Soso. Und dann pack das Auto. Und dann fahr los. Na los …

Morgen richten wir die Galerie fertig ein. Galerist QQlka ist noch auf dem Rinckenhof. Er wird uns coachen. Klasse! [Jungs, ich freu mich auf euch.]

Und ich freu mich auf Samstag und Sonntag, auf dich und dich und dich.

Ein Tag im Leben von

Wird mir von außen keine Struktur vorgegeben, finde ich meine eigene. Seit einer knappen Woche lebe ich nun mit Irgendlink und mehr oder weniger Gästen auf dem Einsamen Gehöft. Freund QQlka ist nach dem Kunstzwergfestival, das wir am letzten Wochende feierten, gleich hier geblieben. WG-Leben auf dem Künstlerhof. Zu dritt wuseln wir draußen, im Atelier und in der Wohnung herum. Die Ausstellung, das Offene Atelier, zu dem Irgendlink und meine Wenigkeit am 20./21. September hierher einladen, rückt mit Elefantenschritten näher.

Die letzten Tage habe ich weitere Ideen gesammelt, gesichtet, zum Teil umgesetzt, mich aber vor allem dem Kunst-Gehäuse, dem Kernstück der vorgesehenen Rauminstallation, gewidmet, einem Vorratsschrank. Die Militärtruhe  von Irgendlinks Großvater habe ich buchstäblich von altem Staub befreit, von Dreckschichten und Spinnweben. Das Innenleben haben wir mit Brettern, die als Tablare dienen, aufgewertet. Der Deckel ist die Schranktüre, weil die Truhe aufrecht im Raum steht. Schwerter zu Pflugscharen war gestern, heute werden Militärtruhen zu nährenden Kunstobjekten.

Vorratsschrank
Was nährt

Wie ich gestern die letzte Schicht Leinölfirnis auftrage, kommt Freundin S. vorbei. QQlka sitzt am Biertisch und kleistert an seiner tollen Skulptur. Irgendlink ist oben und bloggt. Später kommt Freund R. und auf einmal sitzt eine fünfköpfige Hof-Familie gemütlich schwatzend am freien Biertisch. Schorle, Kaffee und Tee, gute Gespräche, Sonne – was will mensch mehr?

Während Irgendlink später im Atelier Freundin S.s PC auseinanderschraubt und neu – wieder funktionierend – zusammensetzt, öle ich die letzten Bretter. So macht Leben einfach Freude, so lebe ich gerne. Fühle ich. Sage ich. Denke ich.

Später, QQlka und Freundin S. haben eingekauft, sitzen wir am Feuer, essen Gegrilltes, lassen den Tag Tag sein und die Nacht Nacht werden und ich fühle mich, wie immer öfter in der letzten Zeit, zufrieden, glücklich, erfüllt vom Wissen, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin.

artgerecht und echt und so

Über Echtsein denke ich nach. Seit Tagen schon. Nicht zuletzt, weil Frau Mützenfalterin schon eine Weile darüber bloggt. Sie schreibt über „die Angst derjenigen, die Echtheit definieren, vor denen die „echt“ sind.“ (Zitat)  Definieren nicht vor allem jene, die echt sein wollen, die sich nach echtem Sein sehnen, das Wesen von Echtheit?, frage ich mich. Habe ich womöglich gar Angst davor, als unecht entlarvt zu werden, ich, die ich mich so sehr nach Authentizität sehne und mich um sie bemühe?

Sein, nicht sein. Oder
so: Sein, noch nicht sein.
Werden. Unterwegs
sein. Auf dem Weg sein ohne
Widerstand zu leisten. Weder
aggressiven noch aktiven noch passiven. Einfach
akzeptieren.
JA.
Danke.

Habe ich resigniert? Oder bin ich womöglich ein klein bisschen weise(r) geworden? Habe ich gar die Kunst des Nichtreagierens verstanden? Ist Nichtreagieren vielleicht der Schlüssel? Agieren statt reagieren. Echt, aus meiner Mitte heraus. Verbunden mit meiner Mitte zu sein, mit meiner Schaltzentrale – darum geht es. Und um das Wissen darum, dass meine Zentrale mit allem, was ist, verbunden ist. Mit allen Zentralen. Mit allen Zentralen aller Lebenwesen. Das biologisch-spirituelle Internet. Alle unsere Zentralen, alle unsere Herzen sind die Zellkerne eines einzigen grenzenlosen Organismus – so stelle ich es mir zuweilen vor, dieses Lebensgewusel, zu dem wir alle gehören. Und alle wollen wir nur das eine: Leben, in Frieden und liebevoll leben, unserer Art gerecht.

Ob Mensch oder Schwein, ob Baum oder Stein.

Ich lese. Ich denke. Ich fühle. Ich nehme auf. Ich bin ein Schwamm. Ich lasse zu. Ich drücke aus. Ich drücke mich aus.

Input. Output.
Das Hamsterrad der KünstlerInnenseele?

So leben. So ist es artgerecht. So ist es echt. So passt es.
Wie Schuhe, die ich gerne trage.
Wanderschuhe.
Lebenswanderschuhe.

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siehe dazu auch meinen neuen Lese-Stoff: Die Echte werden – die Echte sein

Fortsetzung?

Will ich wirklich einen Mäzen, eine Mäzenin? Nein, ähm, jein, meine ich, will heißen, nicht auf die klassische Weise … Nachdem ich meinen letzten Blogartikel auf die Öffentlichkeit losgelassen hatte, überfielen mich – wie so oft – Zweifel, missverstanden zu werden. Ich war sogar nahe dran, den Artikel zu löschen. Doch ist fortsetzen nicht besser als löschen? So wie ich meine Lektüre in besagtem Buch fortgesetzt habe. Dabei fand ich heraus, dass Richard, der Ich-Erzähler, sich mitnichten Henry als Mäzen angelacht hat, wie ich zuerst gedacht hatte. Richard ist ein Stipendiat und erarbeitet sich, was er zusätzlich zum Leben braucht, selbst. Im Gegensatz allerdings zu seinem Kommilitonen Bunny, der … (nein, halt, Die geheime Geschichte von Donna Tartt muss wirklich selbst gelesen werden. Das Drama bahnt sich an, zeichnet sich ab … lässt mich mit vielen Fragen kaum schlafen …).

Das Stichwort heißt sich den Lebensunterhalt erarbeiten. Lasst mich das Thema für einmal von einer ganz andern Seite aufrollen.Fakt ist: Künstlerinnen und Künstler aller Genres spiegeln ihre jeweilige Gesellschaft mittels ihrer Ausdrucksmittel wider. Zu allen Zeiten haben sie Spuren beobachtet, mithilfe ihrer Medien ausgedrückt und den Mitmenschen und der Nachwelt hinterlassen. Eine Definiton des historischen Wertes von Kunst – super vereinfacht gesagt. Der gegenwärtige Wert von Kunst – für einmal nicht in Franken oder Euro, sondern im umfassenden Sinn – erschließt sich oft erst auf den zweiten Blick. Das war bei Van Gogh so, das ist noch heute so.

Künstlerischer Ausdruck findet in der Gegenwart nicht immer RezipientInnen, die ihn verstehen. Dennoch wurde diese so gesehen „wertlose“, sprich wirtschaftlich nicht relevante Kunst geschaffen. Will heißen, wirtschaftlich gesprochen konnte der oder die Kunstschaffende in dieser Zeit keiner „richtigen Arbeit“ nachgehen, der oder die Kunstschaffende hat in dieser Zeit kein Geld verdient, sondern Zeit verplempert mit …

Schnitt.

KünstlerInnen entsprechen und entsprachen, sage ich mal, den Hofnarren des Mittelalters. Ein bisschen jedenfalls. Sie waren wichtig damals, die Hofnarren, weil sie als einzige – theoretisch – ungestraft alles sagen konnten. Und sie gehörten zum Hofstaat. Weise Herrscher und Herrscherinnen konnten vom unverstellten Blick ihrer Narren lernen und hörten ihnen genau zu. Möglicherweise vertrauten sie ihnen so sehr, dass sie sogar Kriege absagten, wie ich meine, es vor langem in einem historischen Roman gelesen zu haben. (Wir brauchen sie auch heute, diese mutigen Hofnarren und Hofnärrinen.)

Zurück in die Gegenwart. Ich verbessere mich, wie gesagt. Ich brauche keinen persönlichen Mäzen. Nicht MäzenInnen braucht die Welt, sondern ein neues Förderkonzept für die akutellen Kunstschaffenden, die heutigen Weltnarren und Weltnärrinnen! Ich behaupt, dass es schon bald weniger Drogenprobleme, weniger Tablettenmissbräuche, weniger Burn-Outs, weniger Suizide, weniger Depressionen, weniger Krankheiten, weniger Stress geben würde, wenn Kunstschaffende, die noch nicht von ihrer Kunst leben können, ganz selbstverständlich finanzielle Unterstützung und damit auch gesellschaftliche Anerkennung erhalten würden. Ein bisschen ist es bei ihnen – also bei uns, bei mir! – nämlich wie bei Hausfrauen/-männern mit Kindern: Sie tun wertvolle Dinge, die allerdings niemand so richtig sieht. Sie kreieren Dinge, deren Wert nicht in Geld messbar ist. Wie Mütter und Väter gestalten Kunstschaffende die Welt von morgen mit.

Und nein, ich bin nicht zu faul für „richtige Arbeit“ (was immer das ist!), ich wehre mich nur einfach innerlich gegen diese Trennung von „richtiger Arbeit“ und dem latenten Vorwurf an Kunstschaffende, „nichts“ zu tun. Ich wehre mich gegen den allein-selig-machenden Maßstab Geld, an dem heute jede „Leistung“ gemessen wird. Und ja, ich wünsche mir, dass das Bedingungslose Grundeinkommen Wirklichkeit wird.

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Mehr Infos:

bedingungslos.ch
www.grundeinkommen.ch
Facebook-Seite Bedingungsloses Grundeinkommen

spazierengehen

Freitag. Ich sitze auf jener Wiese bei der großen Linde. Über dem Dorf. Weitblick ins Tal. Im Rücken ein kleiner Baum. Kleiner als die große Linde, aber dennoch groß, relativ groß, größer als ich. Vor mir auf der Wiese, eingezäunt mit Stacheldraht, ein paar Kühe. Rinder noch vielleicht; sie sind zu weit weg, als dass ich es erkennen könnte. Mit Glocken um die Hälse, wie es fast nur noch Kühe auf weiten Alpwiesen tragen. Glockengebimmel. Über mir ein kleines Sportflugzeug.

Bei der Linde
Bei der Linde

Weiter weg das auf- und abschwellende Geräusch eines Traktors, dessen Anhängsel einen Acker pflügt. Ein paar Vögel schwatzen im nahen Wald. Von unten im Dorf ab und zu kreischende Kinderstimmen. Sonst nichts. Feierabend. Das Buch bleibt im Rucksack. Ich erinnere mich an die Pilgerwanderung im Juli. Wie oft ich einfach nur dasaß, ohne zu reden, zu schreiben, zu lesen, zu denken. Einfach nur sein. Mich erinnernd werde ich still. Wird es in mir still. Meditieren kann ich nicht, aber immer öfter kann ich diese Stille einfach zulassen. Dieses gegenwärtige Sein. Dieses Nichts-Tun außer zu sein. Weil es mir gut tut. Und weil es eine klitzekleine Flucht aus dem Alltag ist, einer dieser not-wendigen Fluchten, die helfen, Distanz zu bekommen. Die Dinge anders zu sehen.

Ist die Welt, so denkt es auf einmal in mir, ist die Welt nicht wie eine einzige große Wiese mit vielen verschiedenen Grassorten?
Fettwiesen, gedüngte Wiesen, in denen nur die robustesten Blumen überleben. Eine Wiese also mit Blumen und Gräsern, die schnell nachwachsen und sich den Umständen anpassen können. Wären das die Städte und die StädterInnen?
Magerwiesen, wo sich Schmetterlinge tummeln, wo viele bunte Blumen wachsen, wo Grashüpfer – hierzulande Höigümper –, Grillen und andere Insekten sich ihres Lebens erfreuen. Wären das die Dörfer und ihre BewohnerInnen?
Nein, das ist zu einfach, das Bild. Ich selbst habe beides, überdüngte und Magerwiesen, in meiner Seelenlandschaft. Wie die meisten von uns. Dennoch: es ist eine üppige Magerwiese mit vielen Blumensorten, die ich zuweilen imaginiere, wenn ich mich entspannen will. Eigentlich fast wie hier sitze ich in solchen Vorstellungsbildern an einen Baum gelehnt oder ich spaziere an Magerwiesen vorbei oder durch Wälder. Es ist immer die Natur, die mir hilft, zur Ruhe zu kommen – vorgestellt oder in echt.

Die fetten Wiesen, die der möglichst nährstoffreichen Nahrungsaufnahme zwecks Milchproduktion bei Kühen dienen, sind vor allem wirtschaftlich relevant. Ebenso wie nicht alle Menschen in der Schweiz Einfamilienhäuser bauen können, weil der Platz dafür gar nicht reichen würde, können die Kühe auch nicht alle auf mageren Weiden grasen und deren langsam nachwachsendes Gras essen. Sie würden langfristig zu wenig Milch produzieren. Und diese wäre deshalb zu teuer für die Massen. Für welche all die Hochhäuser, Blocks und Mehrfamilienhäuser überall gebaut werden. Und außerdem könnten sich eh nicht alle ein Einfamilienhaus leisten. [Zynisch? Ich? … aber nein … fast gar nicht … ;-)]

Unten das Dorf
Weitblick ins Tal

Ist das Einfamilienhaus nun eine Mager- oder eine Fettwiese? Je länger ich mich mit meiner Wiesen-Parabel auseinandersetze, desto mehr stelle ich fest, dass mein Vergleich hinkt. Auf beiden Beinen sogar. Schwarz-weiß gibt es nicht mal in der Fotografie. Nuancen, Schattierungen, Details, Differenzierung … Dinge, die wir im Zeitalter der schnellen Klicks und der noch schnelleren Gedankensprünge zuweilen vergessen.
Auch, dass der erste Blick eben nicht mehr ist als ein erster Blick. Dass ein Bild immer nur ein Ausschnitt vom Ganzen ist und sogar das vermeintlich Ganze nur vorläufig ganz. Auch eine Metapher deckt nie alles ab – und auf. Alles hat immer noch mehr Seiten als die, die man beim ersten, zweiten und dritten Hinsehen erkennt. Immer gibt es noch den einen, nicht unwesentlichen Teil, den unsichtbaren, unbewussten, unfassbaren.

Womit wir bei dem Buch wären, das ich gestern zu lesen begonnen habe – das erste nach fünf oder sechs Wochen Buchabstinenz! In Die geheime Geschichte* von Donna Tartt doziert der Griechisch-Professor:

„… weil es gefährlich ist, die Existenz des Irrationalen zu ignorieren. Je kultivierter ein Mensch ist, je intelligenter, je beherrschter, desto nötiger braucht er eine Methode, die primitiven Impulse zu kanalisieren, an deren Abtötung er so hart arbeitet.“

Das Unsichtbare, das Irrationale also? Ja. Unsere wilde Seite. Unsere „primitiven Impulse“. Unsere archaischen Sehnsüchte – nenne ich es lieber. Ich töte sie nicht ab, nein, ganz im Gegenteil, ich lebe sie. Beispielsweise, wenn ich in den Wald gehe, raus in die Natur, auf die Berge. Wenn ich mich ins Gras lege. Wenn ich jauchze. Wenn ich die Bäume streichle. Wenn ich dem Wald ein paar Lieder singe, wie gestern auf dem Heimweg.

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* Mehr über das Buch, das seelenverwandt mit dem Film Dead Poet Society ist, hat gestern My Crime Time gebloggt. Vom Artikel angefixt habe ich das Buch sofort gekauft. Was ich nicht bereue.

sich erinnern

Gestern Nachmittag habe ich mir endlich mal alle Bilder unserer Nord-Süd-Schweiz-Wanderung angeschaut, die ich im Juni/Juli mit Irgendlink gemacht habe. Wie ich mich durch seine und meine Bilder auf meiner Festplatte klickte, war ich einmal mehr erstaunt, wie anders wir Dinge sehen – worauf er sein Augenmerk richtet und worauf ich. Wie gut es mir getan hat, diese Reise nochmals Revue passieren zu lassen! Mich an die neu gefundene Kraft zu erinnern, an die Herausforderungen, Glücksmomente und erlebte Naturerfahrungen. Schweres, Schönes.

Ich bekam Lust, hier im Blog ein kleines Archiv zu publizieren. Ich hoffe, dass auch ihr Spaß daran habt?

Erste Etappe: Windisch – Zugersee (Buonas)

Zweite Etappe: Zugersee – Gotthardpass

Dritte Etappe: Gotthardpass – Tessin – Windisch

Zurzeit arbeite ich daran, mein Pilgertagebuch in eine lesbare Form zu bringen. Als eBook und als PDF werde ich es später hier vorstellen. Mich freut es, wenn ihr mir – hier oder per Mail – eine Rückmeldung gebt,

a.) ob ihr daran grundsätzlich interessiert seid und
b.) in welchem Format lieber lesen würdet/werdet (als .epub für den eBook-Reader oder als .pdf für den Selbstausdruck als Broschüre z.B.) und
c.) ob ihr allenfalls bereit wärt, dafür etwas zu bezahlen (freiwilliger Unkostenbeitrag? Schutzgebühr von paar Franken/Euro?)

Das Tagebuch ist ca. 40 A4-Seiten/ca. 65 Buchseiten lang und enthält meine zum Teil sehr persönlichen Erfahrungen auf der Wanderung.

Ein Blogreisetagebuch gibts auch bei Irgendlink -> hier klicken!

furchtbar bürgerlich

Seit ein paar Tagen geistert diese Worte durch meinen Kopf. Seit ich Ich hatte auch mal so eine furchtbar bürgerliche Phase irgendwo in einem meiner vielen Blogkommentare der letzten Tage geschrieben habe.

Bürgerlich, furchtbar bürgerlich – sogar? War ich das? Vermutlich schon, zumindest als ich noch gaanz jung war, am Anfang meiner ersten Ehe, als wir dazu noch freikirchlich und fromm waren. Puh. Und damals hat‘s wohl sogar auch zu mir gepasst. Und mich vor dem einen oder anderen bewahrt, wie ich hinter festgestellt habe. Mir aber auch den einen oder andern Kratzer beigefügt. Wenn und wäre? Egal. Das gehört eben auch zu mir und meiner Suche. Außerdem kann ich ja Dinge in meinem Leben, die mir heute nicht mehr passen, nicht einfach mit Mausmarkierung und Tastenklick auslöschen. Das echte Leben schlägt eben manchmal die seltsamsten Umwege und Haken. Verworfen habe ich dieses christliche Wissen, wie man richtig lebt, glaubt und sich von Jesus seine Schulden von den Schultern nehmen lässt schließlich zugunsten einer spannenden Ungewissheit, zugunsten eines Lebens, das an den Rändern unscharf war, das viel zuließ, viel möglich machte, viel Raum für eigene Erfahrungen bot. Das passte und passt besser zu mir. Fertige Antworten stehen mir nicht. Sie drücken wie zu enge Schuhe.

Ähm? Wo war ich gleich? Bürgerlich also, darüber wollte ich ja schreiben. Furchtbar bürgerlich sei ich gewesen. Tja. Erwachsen sei man erst dann, wenn man die Ratschläge der Eltern nicht mehr per se ablehne, las ich mal in jener bürgerlichen Zeit und vielleicht deshalb versuchte ich das eine oder andere aus, das mir meine Eltern und andere Verwandte und zum Teil sogar Gleichaltrige vorlebten und war ganz die nette Hausfrau, kochte und buk für den abends von der Arbeit heimkehrenden Ehemann und ja, dabei fühlte ich mich gar nicht mal so schlecht. Neue Rezepte kochte ich aus Kochbüchern nach und nähte Vorhänge und ähnliche Sachen. Macht das schon bürgerlich aus, furchtbar bürgerlich? Hm, nein, das reicht wohl noch nicht. Ist bürgerlich denn nicht eher eine Haltung, eine politische, eine Werte-so-und-so-definierende, die Art und Weise zu denken und zu handeln?

Okay, ich lege jetzt einfach mal los mit meiner Definition: Ein bürgerlicher Mensch hält sich immer schön am Sicherheitsgeländer seiner Arbeitsstelle und seiner Fünftagewoche fest. Er hat in der Regel eine Hunderprozent-Stelle und legt regelmäßig Geld für Ferien, Steuern, Dritte Säule, Lebensversicherung und ein neues Auto zurück, zahlt monatlich per Dauerauftrag seine Hypothek ab (Haus oder Wohnung) und ist mindestens in einem Verein oder einer Stammtischrunde dabei. Ob Fasnacht, Häkeln, Jassen oder Samariter ist dabei einerlei. Er hört am liebsten Schlager im Dreivierteltakt, liest Arzt- oder Heimatromane und schaut am Samstagabend eine Quizshow. Über seine Arbeitsstelle definiert er sich als lebenswerten Menschen, als integeres Mitglied der Gesellschaft. Wählen tut er in der Regel irgendwas in der Mitte, was nicht zu viel Veränderung verspricht oder vielleicht ein bisschen rechts davon, insbesondere wenn es um fremde Dinge wie Flüchtlinge oder Arbeitsplätzeklau oder sowas geht. Schließlich haben wir uns ja diesen heiligen Wohlstand erarbeitet, da geht es doch nicht, wenn Fremde einfach daherkommen und sich in das von uns mühsam gemachte Nest legen. Mühsam? Das ist es, mühsam … Ein bürgerlicher Mensch arbeitet mühsam und lobt sich selbst dieser Mühe und des Schweißes seines Angesichtes. Er hat wenig Verständnis für jene, die möglicherweise gerne arbeiten und auch mal nichts tun und darum vielleicht nur Teilzeit „in den Stollen gehen“, vielleicht sogar freischaffend sind, und dann womöglich noch etwas mit Kunst oder Kultur oder so am Hut haben. Wozu soll das bloß gut sein? Die zahlen eh kaum Steuern. Sozialschmarotzer!

Bürgerlich bedeutet für mich eine innere Haltung, die ziemlich wenig Räume hat für unbekanntes, die sich auf Traditionen und Wege festlegt, die man schon immer so und nicht anders gegangen ist. Bürgerlich ist vielleicht mein Synonym für unflexibel? Obwohl … nein, das ist zu wenig. Bürgerlich ist mehr. Es hat sogar Farben: beige, orange, grün, und riecht nach Staub und nach Siebzigerjahre. Häkeldeckchen sind sein Markenzeichen und saubere Fenster mit Gardinen davor und Sätze wie „was denken wohl die Nachbarn, wenn ich …“. Bürgerlich sein ist ein freiwilliges Gefängnis.

Obwohl … sind wir nicht alle Gefangene unserer eigene Denkmuster, unserer Haltungen und Prinzipien? Und bin ich womöglich nicht doch auch ein klein bisschen bürgerlich mit meinem Gärtchen auf der Terrasse, mit den selbst eingekochten Marmeladen, Einbauküche, Spülmaschine und Auto? Oder ist mein Auto womöglich zu alt für Bürgerlichkeit?

Was genau steckt denn hinter meinem Feindbild Bürgerlichkeit? Wohl ist es die Intoleranz, die mich am meisten reizt, diese aus allen Poren triefenden Überheblichkeit spießbürgerlicher Menschen, dieses zur Schau getragene Selbstgefälligkeit, diese Haltung von „ Schaut her, ich mache es richtig!“, die ich nicht ab kann. Und ja, vielleicht bin ich insofern tatsächlich auch ein klein bisschen bürgerlich, dass ich natürlich auch davon überzeugt bin, dass ich den besseren Durchblick habe als die andern, denn – im Gegensatz zu ihnen – weiß ich zumindest, dass ich nichts weiß. Weil ich begriffen habe, dass es keine letzten Antworten gibt. Weil ich nicht mehr an Gerechtigkeit glaube. Ach, ich gestehe es, ich habe schon so oft Menschen dieser Spezies mit einer Art Verachtung und Intoleranz betrachtet. Mit genau dieser inneren Haltung sogar, die ich an ihnen verabscheue.

Ich habe es ja gesagt, auch ich habe furchtbar bürgerliche Seiten. 😉

Warnung:
Das ist so etwas ähnliches wie eine Satire. Zu allfälligen Nebenwirkungen befragen Sie bitte Ihre Bloggerin oder Ihr Herz.