Was bin ich müde! Mein junger Nachbar – StammleserInnen erinnern sich? (hier klicken) – hat mal wieder bis spätnachts seine Potenz erprobt. Nachdem ich um halb zwei den Besen zu Hilfe genommen und an die Wohnzimmerdecke geklopft habe, wurde noch zweimal – und nicht eben kurz – geduscht. Von ihr und von ihm. Obwohl morgens um neun, als ich noch geschlafen hatte, bereits jemand von beiden mindestens eine halbe Stunde geduscht hatte. Okay, folgere ich, da oben ist es also ziemlich dreckig. Doch das geht mich ja nichts an. Nicht, dass ich Männlein nicht sein buntes Leben gönne …
Aber ich gönne auch mir ein buntes Leben. Und das geht nur, wenn ich nachts genug schlafen kann. Doch hier habe ich scheinbar nicht nur das Recht auf Nachtruhe, sondern auch gleich auf regelmässige Nachtruhestörung mit im Vertrag. Rücksicht scheint fürs Männlein ein Fremdwort zu sein. Zwar hat er inzwischen die Fernbedienung und seinen Verstärker ein ein bisschen besser im Griff, dennoch ist da oben – sobald dieser Mensch im Haus und in der Wohnung ist – immer etwas zu hören. Außer vielleicht zwischen halb drei Uhr nachts und sieben Uhr morgens. Ansonsten hört man immer seine relativ hohe, überdurchschnittlich laute Stimme, bei der ich zwar nicht den Gesprächsinhalt mitbekomme (zum Glück!), doch höre ich klar, ob er französisch oder schweizerdeutsch spricht. Seine Musik (wenn auch meistens in moderater Lautstärke) läuft von morgens bis abends. Seine Schritte, das Schranköffnen und -zuklappen: alles immer laut. Wenn schon, denn schon.
Kleine Frage: Wenn einer nachts nach mahnenden Klopfsignalen, laut zurück klopft und die Lautstärke kein bisschen drosselt, könnte das nicht den Schluss zulassen, dass das Ganze pure Schikane ist? Was anderes kann das bedeuten, wenn einer laut lacht und weiter lärmt ? Oder werde ich bloß paranoid?
Ich gestehe, dieser Mensch weckt in mir nicht eben meine Schokoladenseiten. Mitten in der Nacht stelle ich auf einmal fest, wie ich ein gewisses Verständnis für Menschen aufbringe, die durchdrehen. Meine natürliche Kontrollbarriere, die zwischen Denken und Handeln hängt, funktioniert zum Glück sehr gut und hält mich davon ab, diesem A… die Reifen aufzuschlitzen. Ich würde mich eh ganz schön Scheiße fühlen, wenn ich so was tun würde und unterlasse es in erster Linie mir zuliebe. Auch weil es ja diesen Satz gibt, dass alles, was wir andern tun, auf uns zurückfällt – im Guten wie im Schlechten. Ob der Satz stimmt, weiß ich nicht, aber falls er stimmt, dann will ich mir doch lieber mein Instantkarma nicht mit solchen kindischen Schlammschlachten verdrecken. Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas je passieren könnte, doch sag niemals nie. Auch wenn du nicht James Bond heißt. Doch sogar der würde wohl irgendwann mürbe, wenn er immer wieder halbe Nächte wachläge, weil das Männlein im Stock obendrüber rumlärmt und keine Rücksicht auf ihn nimmt. Was er wohl tun würde?
Ich gestehe es, ich wünsche ihm ein paar nicht wirklich tolle Dinge an den Hals. Aber auch nicht allzu schlimme. Nur Dinge, die seiner Erkenntnis dienen. Zum Beispiel ein bisschen Tinnitus. Ein bisschen die eigene laute Stimme verlieren (oh jaaa!). Ein bisschen chronisches Kopfweh. Ein bisschen Schlaflosigkeit. Nur so zum Ausprobieren. Und auch nur eine Zeitlang. Und nur damit er weiß, wie das ist, wenn man nicht normal belastbar ist. Ob es nützen würde?
Manchmal macht mir die Zukunft Angst. Ich sehe eine Gesellschaft junger Menschen – siehe das Männlein in der Wohnung über mir – heranwachsen, denen die Eltern alle Steine (zumindest die materiellen) aus dem Weg räumen und geräumt haben. Denn ihre Kinder sollen es ja mal besser haben. Zuweilen verhindern Eltern ein Training für das Leben. Die Eltern sind mehr ab- als anwesend, auch wenn sie neben dem Kind sitzen, das auf dem Computer spielt. Sie delegieren die Probleme der Erziehung auf die Schule und wenn die Lehrpersonen auf den Tisch klopfen und dem Kind vielleicht ein bisschen auf die Finger, schützen sie ihre Kinder vor böser Kritik. Ja, natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall, wo die Lehrkräfte spinnen und die Eltern begreifen. Doch wo, bitteschön, lernen junge Menschen heute natürliche Frustrationstoleranz? Wird sich langfristig in den Generationen nach uns die Empathiefähigkeit zurückbilden? Ja, ich weiß, ich male zuweilen dunkelschwarz.
Da fällt mir ein Gespräch mit Irgendlink ein. Drei oder vier Jahre ist es her. Winter war’s und wir saßen nach dem Essen an seinem Holzofen. Ich stellte uns die Frage, was wäre, wenn die Ressourcen auf einmal so knapp wären, dass wir tatsächlich ums Überleben kämpfen müssten. Ob die Menschen sich weltweit miteinander solidarisieren oder ob alle nur für sich selbst und ihre Angehörigen schauen würden. Vermutlich hat Irgendlink recht, wenn er das zweite als Regel vermutet. Zumindest im ersten Schock würde ich wohl genauso handeln, ich gestehe es. Dass der Mensch edel sei und den Quatsch, dass Leid edelt, glaube ich nur sehr bedingt. Unsere Wahl ist entscheidend. Wir haben alle das Zeug zum Pychopathen, zur Mörderin, zum Ketzer irgendwo in uns drin. Ebenso wie das Zeug zur Heldin und zum Helden.
Vielleicht darum hoffe ich noch immer, dass sogar das Männlein in der Wohnung über mir nicht unheilbar an Rücksichtslosigkeit erkrankt ist.
(((Warnung: Das hier ist eine Realsatire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihre Bloggerin.)))
Kategorie: Satirchen
Étagère
Das wird eine Étagère, sagt die Frau vor mir. Sie deutet auf einen großen, einen mittelgroßen und einen kleinen Teller, aufeinandergeschichtet auf dem Rollband. Designergeschirr beim orangen Riesen. Mir gefällt‘s auch. Ah, eine Étagère, denk ich, gute Idee, doch die Verkäuferin versteht Bahnhof.
Eine was?, fragt sie die Kundin. Die beiden duzen sich. Kennen sich. Lachen zusammen.
Eine Étagère, sagt die Kundin nochmals. Die Verkäuferin fragt die Kassiererin an der Kasse nebenan, ob sie wisse. Es hat nicht viele Leute. Alle hören mit. Mit ist es ein bisschen peinlich, wie dumm die Verkäuferin ist. Oder vielleicht, dass sie sich ihrer Dummheit nicht schämt. Hm. Ich schäme mich mal wieder fremd, sozusagen. Dass es die zweite auch nicht weiß, macht das Ganze wohl ein bisschen weniger peinlich. Ich nicke der Kundin wissend zu, die auf ihrem iPhone nach Étagèren sucht, um der Verkäuferin ein Bild zu zeigen. Oder auch nur das geschriebene Wort. Étagère kommt von Étage, hört man doch. Weiß man doch. Von Stock. Von Brett. Von Absatz. Von Stufe. Von was auch immer. Dinge übereinander halt. Sie schwatzen und lachen noch immer. Zwei Nichtwissende sind weniger schlimm als eine. Und wenn mehr Menschen etwas nicht wissen als wissen, gilt es schon als normal.
Was ist normal?, fragte ich Freundin T., mit der und ihrem Mann P. ich essen war.
Alle meinen, nur die anderen sind es. Niemand fühlt sich wirklich normal oder zugehörig, sagt T..
Alles eine Frage der Deutung, grüble ich auf dem Rückweg. An Deutung und Bedeutung, deute ich rum, schon wieder, seit gestern schon, oder immer vielleicht. Weil Peter Stamm da was geschrieben hat in seinem relativ neuen Buch, Seerücken heißt es, das ich lese. Wie da eine junge Frau in einer der Geschichten im Wald lebt, erzählt er. Drei Jahre lang lebt sie da. Sommers wie winters. Wie sie über das Wesen des Waldes nachdenkt und über die Welt, erzählt Stamm. Und wie alles miteinander zusammenhängt. Oder eben nicht. Wie sie sich Fragen stellt über das Dasein. Fragen, wie ich sie gedacht habe. Immer schon. Als Kind im Bett vor dem Schlafen. Nach dem Gutnachtgebet mit meiner Mutter. Ein Sprüchlein nur, ein nettes, wo es um den lieben Gott ging, und ich mich hinterher, solange bis der Schlaf mich einholte, fragte: Wer hat eigentlich Gott gemacht? Was war vorher und dahinter, darunter und darin, in Gott. Und wieso Gott. Wer hat dieses Wort gemacht? War es vor Gott da? Und wer ist Gott überhaupt? Die Sache mit Rauschebart und Wolke war mir schon als Kind suspekt.
Wie schon beinahe immer schickte mir Irgendlink auch heute Morgen seinen Blogtext, damit ich ihn redigieren und auf sein Blog hochladen kann. Über den Urknall schrieb er. Und über das Schaf. Ein Text, der mich anrührte. Nicht, dass wir ähnliches nicht auch schon diskutiert hätten, früher, nicht gestern oder jüngst, aber oft. Doch wenn etwas geschrieben ist, ist es anders. Es ist bedeutungsvoller. Als wäre etwas, das geschrieben ist, wirklicher und wichtiger.
Ist es nicht letztlich das, was wir alle wollen? Etwas bedeutungsvolles tun. Ist nicht fast jedes menschliche Streben von der Idee motiviert, eine Spur in dieser Welt zu hinterlassen? Eine bedeutungsvolle Spur im Sand des großen Nichts. Oder nennen wir es das große Etwas, das aus dem großen Nichts geworden ist. Worüber, wie gesagt, Irgendlink, heute gebloggt hat. Bedeutungsvoll. Was für ein Wort! Doch, so frage ich mich, wer macht, wer sagt, wer ist es, der sagt, was bedeutungsvoll ist? Dieser Liebegottmitrauschebart mit Sicherheit nicht. Doch wenn es nur – nur! – wir selbst sind, die die Bedeutung von bedeutungsvoll definieren, ist es dann nicht egal, was das Wort bedeutet? Ich meine, so – von uns allen gefüllt – ist es beliebig geworden. Wertlos und bedeutungslos. (Ist das nicht wie Kunst ohne jegliche Qualitätseinschränkung? Ein Thema, worüber ich längst bloggen wollte.)
Womit wir bei der Deutung wären, jener Vieldeutigen, Undeutbaren, großen Unbekannten, die alles entscheidend ist, denn sie sagt uns, was ist und was wird. Mein Zustand, von mir gedeutet, wenn ich am Morgen das Bett verlasse, entscheidet über den Verlauf des Tages, zumindest der ersten Stunden. Ich deute, also bin ich. Ich deute alles. Das Wetter ebenso wie die Zeilen einer Mail und erst recht das, was zwischen ihnen hängt. Alles. Deuten ist filtern ist bewerten. Doch eigentlich will ich mich jetzt als Deutende mit dir als Deutendem auf die gleiche Stufe stellen. Unsere Deutungen sind sich gleichwertig. Gleichwertigkeit ist eine schöne Theorie, die aber nur geht, wenn wir zwei die gleichen Kompetenzen haben.
Absolut gesehen geht so was nicht, denn absolut gibt es nicht. Nicht mal in der Mathe. Relation, sag ich da nur, und: denk an Einstein. Alle sogenannten Beweise sind immer nur relativ.
Immer.
Gemessen an.
Im Vergleich zu.
Auf der Annahme beruhend, dass.
Weil eben alles immer von irgendwo an- und ausgedacht werden muss. Dieser Punkt ist der große Schwachpunkt. Vielleicht der Urpunkt. Und hier kommen nun der Mensch und sein Selbstbild ins Spiel. Der Mensch, der tut als sei er das Maß aller Dinge. Im (genialen) Schafskrimi Glennkill, den ich letzte Woche gelesen habe, diskutieren die Schafe über die Seele des Menschen.
Nein, der Mensch kann keine Seele haben, sagen sie, die schlauen Schafe, die gemeinsam auf der Suche nach dem Mörder oder der Mörderin ihres Hirten sind.
So schlecht wie der Mensch riecht und seine Umgebung wahrnimmt, nein, da kann er keine Seele haben. Außer, vielleicht, eine ganz ganz kleine.
Was wissen wir schon über all die anderen Dimensionen, die noch unerforschten? Nur drei sind uns halbwegs vertraut. Halbwegs. Und auch über uns selbst wissen wir nur verdammt wenig. Wissen? Nein, ich strebe nicht nach Wissen, wenn ich mich nach mehr Lebensfülle sehne, auch nicht nach Trost, wenn ich nicht mehr weiter weiß, nicht einmal danach verstanden zu werden, wenn meine Gedanken mal wieder Loopings tanzen, denen niemand folgen kann. Nein, ich sehne mich einfach nur nach Erkenntnis. Danach, die ganz großen Zusammenhänge zu verstehen. Den Sinn dahinter. Den wirklichen. Nichts weniger als das, bitte schön, und dann geb ich endlich Ruhe. Ja, ich leide am Nichtverstehen.
Ständig zerreißt mich das Leben, das ich lebe, entzweit mich immer wieder mit mir selbst. Die eine Hälfte sagt: Egal, wie alles zusammenhängt, Hauptsache mir geht’s gut und ich lebe glücklich vor mich hin. Doch die zweite Hälfte sagt: Ich will verstehen, warum dieser Mensch so und so ist und ich will wissen, warum dies und das dazu geführt hat, dass jetzt dies und das heute so und nicht anders ist. Ist es überhaupt so, oder meine ich das nur? Oh, und schließlich ist noch jene Hälfte zu erwähnen, die – ach, nein, das wollt ihr gar nicht wirklich wissen.
Warum brauchen andere keine Antworten?, frage ich mich. Weshalb könne andere ohne Erkenntnisse leben? Wieso gelingt es andere, ohne dass sie die Zusammenhänge verstehen ihren Alltag zu meistern? Falsche Fragen allesamt. Müßige auf jeden Fall. Was muss es mich denn schon interessieren, wie andere leben, leben können? Warum erliege ich ständig und schon wieder der Versuchung, mich zu messen, mich zu vergleichen? Selig sind die, die solche Probleme nicht kennen, ihnen gehört – ja was? Der Himmel? Heißt es im Buch der Christlichkeit.
Schnitt.
Selig, glückselig zu sein – ist es denn nicht das, was wir uns alle wünschen? Für uns, für alle. Ohne diese rosarote Langeweile allerdings, die wir üblicherweise mit dem Himmel assoziieren. Schöne, friedliche, spannende, lustige, lebendige Glückseligkeit. Zufriedenheit. Ganzheit.
Deute diese Worte für dich. Kannst du alles haben. Jetzt.
____________________________________________________________________________________________
EDIT:
Anmerkungen:
– Das Wort Étagère ist in Deutschland praktisch unbekannt, anders in der Schweiz, wo es recht verbreitet ist (zumal ja hier (fast) alle französisch lernen).
– Dieser Text, vor allem der Anfang, spaziert ein wenig durch satirische Gebiete.
Oh, da fehlt ja der Titel
Homestorys von Stars – Hand aufs Herz – wer liest sie nicht (gerne vielleicht sogar), zumindest ab und zu? Natürlich würden wir sie NIE selbst kaufen, diese hochglänzenden Magazine, in denen höchstens ein Viertel des Inhalts aus Text besteht. Und davon nicht wirklich viel Wahres. Der Rest besteht aus Bildern, mit viel Haut meistens. Oft heimlich fotografiert. Nein, wir kaufen sie nicht, diese Blätter mit Namen, die Glück suggerieren, Reichtum und Zugehörigkeit. Aber wir gucken sie uns an. Gut, ob ihr auch, weiß ich nicht wirklich, aber ich, ja, ich gucke sie mir an. Selten zwar, aber wenn ich irgendwo warten muss, und es gibt nur Hochglanz um die Zeit totzuschlagen, dann nehme ich schon mal so ein Ding zur Hand. Es sind wohl die Freuden und Dramen im Leben der Promis, die fesseln. Wenn berühmte Persönlichkeiten auch nur ganz normale menschliche Probleme haben, insbesondere Beziehungsprobleme, ist die Welt doch gleich ein bisschen erträglicher. Ja, Beziehungsprobleme, insbesondere Seitensprünge, werden in Publikationen dieser Art am liebsten breitgetreten. Gewürzt mit ein paar Konjunktiven wird die Wirklichkeit, die die beste Freundin der Prominenz ausgeplaudert hat, eingeköchelt und mit bunten Bildern teuer verkauft.
Schnitt.
Meine regelmäßig-unregelmäßiger Spaziergänge durch die Blogosphäre unternehme ich immer mit einer gewissen Portion wohlwollender Neugier. Nicht nur will ich nämlich anderswo gute Texte lesen, Texte, die etwas in mir auslösen oder die mich inspirieren, sondern ich will auch zwischen den Zeilen lesen. Lesen, Lücken übersetzen, hin spüren, herausfinden, wie es Bloggerin X heute geht und was Blogger Y dieser Tage beschäftigt. Ich will wissen, ich will ahnen, ich will spüren, ich will berührt werden von den Geschichten anderer, Voyeurin ich.
Ob ich selbst vor oder nach dem Blogspaziergang blogge (und ob überhaupt), hängt von vielerlei ab. Von der Tagesverfassung vor allem. Manchmal schreibe ich gleich nach dem Starten des Rechners einen Entwurf und gehe erst anschließend blogspazieren. Später kehre ich zu meinem Artikel zurück, um ihn nochmals zu lesen, bevor ich ihn publiziere. Manchmal schläft ein Artikel also viele Stunden als Entwurf. Schönheitsschlaf nenn ich das.
Oft genug verpasse ich die Gelegenheit, die Gunst der Stunde, meine Ideen gleich zu Beginn meiner Session am Rechner aufzuschreiben und gehe gleich im weiten Netz spazieren. Hinterher ist die vage Idee, die ich zuvor hatte, verwässert oder bereits verschwunden.
Doch das beantwortet meine mich immer wieder umtreibende Frage nicht, warum ich überhaupt blogge. Warum ich dieses doch relativ exhibitionistisch anmutende Medium Blog überhaupt für die Veröffentlichung eines Teils meiner Texte gewählt habe. Zu antworten, um mich schreibenderweise warm zu halten, greift zu kurz. Stimmt aber.
Frau Horchert, Journalistin der Reisezeitschrift Geo, fragte Irgendlink unlängst in ihrem Telefoninterview, ob er es denn möge, beim Reisen beobachtet zu werden. (Zum Hören des Intervies bitte hier klicken). Ich übersetze: Mag ich es, beim Leben beobachtet zu werden? Meg Ryan würde in When Harry met Sally sagen: Diese Frage muss ich dir nicht beantworten. Ich sage nur: Vielleicht.
Vor allem mag ich es jedoch, schriftlich nachzudenken. Wenn dabei ein Text herausschaut, der andere womöglich ansprechen könnte – wie es mir jedenfalls meine Statistik vorgaukelt – wieso soll ich meine Texte denn nicht teilen? Zumal a.) mitlesen freiwillig ist und b.) ich ja auch gerne bei anderen mitlese.
Ach, die Statistik! Die Sucht nach noch mehr Klicks wächst mit der Anzahl Klicks. Beobachte ich bei mir. Höre ich von anderen. Vor acht Jahren, zu Beginn meiner Webtagebuch-Zeit und unter anderen Pseudonymen, interessierten mich diese Zahlen kaum, heute guck ich jeden Tag bestimmt einmal nach ihnen. Ist die Zahl dreistellig, ist alles gut, ist sie – an warmen Tagen kommt das manchmal vor – zweistellig, zweifle ich bereits leise an meinen Texten. Diese Zahl ist der Sold der Bloggerin, ihr Zahltag sozusagen.
Doch weit wichtiger als diese Zahl, ist mir der Austausch mit den Lesenden und anderen Bloggenden auf deren Blogs. Diese virtuellen Gespräche haben schon oft meinen Tag gerettet. Daher bewundere ich andere AutorInnen, die keine Kommentarfunktion aktiviert haben. Souverän finde ich das. Oder vielleicht ist es einfach nur überlebenswichtig? Autorinnen wie Luisa Francia und Cambra Skadé wären wohl den ganzen Tag mit dem Beantworten der Kommentare beschäftigt. Dass so bekannte Autorinnen überhaupt Blogs betreiben und ihr Leben damit so sichtbar und transparent machen, finde ich toll. Und dass alle andern – Nonames und Names – diese Möglichkeit haben, ebenfalls.
Das Blog ist das Glücksblatt der kleinen Frau und des kleinen Mannes, war der erste Satz auf dem Block, auf den ich heute Morgen diese Zeilen hier gekritzelt habe. Im Blog haben wir selbst in der Hand, was wir schreiben. Über uns. Über die Welt, wie wir sie sehen. Wir entscheiden, was wir sichtbar machen wollen. Und dass diese Sicht ein bisschen näher an der Wirklichkeit ist, als wenn es in der Glückspost stehen würde, ist definitiv ein weiterer Pluspunkt für die Bloggerei.
Die eigene Homestory schreiben. Denn wenn schon Darstellung, dann selfmade.
________________________________________________________________________________________
(((Anmerkung: Ich kokettiere bewusst mit dem missverständlichen Begriffen Exhibitionismus/Voyeurismus. Dieser Text ist satirisch gemeint, nicht nur, aber auch.)))
Gib laut, Männlein!
Dass Hunde ihr Gebiet markieren müssen, ist hinlänglich bekannt. Dass das Männer ebenfalls tun, nun ja, ist vermutlich ebenfalls durch wissenschaftlichen Studien nachweisbar. Ob oder ob nicht, ist eigentlich egal, Tatsache ist es auf jeden Fall. Spannend für allfällige Nachweise und Studien ist die Beobachtung, von Männern, die aufeinander treffen. Wie es zu und her geht, wenn nur Männer zusammen sind, weiß ich nicht. Jedenfalls nicht aus erster Hand. Doch zu beobachten, wenn Männer, vor allem solche, die sich noch nicht kennen, in befrauten Räumen aufeinander treffen, ist immer wieder faszinierend. Wie Hunde beschnüffeln sie sich. Testfragen gehen hin und her. Reaktionen werden beobachtet. Stimmen werden lauter. Andere leiser, verstummen gar. Analog zu Rüden, die sich vor dem Alphatierchen auf den Rücken legen. Waren früher Muskelkraft und Jagderfolg Hauptkriterien zur Erlangung des Alphastatus unter Männern, entscheiden heute unter anderem Unterhaltungswert, Schlagfertigkeit, berufliche Stellung und Leistung über den Platz in der Hackordnung. Und Lautstärke.
Ein Studienobjekt der Spezies „Lautes Männlein“ wohnt in der Wohnung über mir. Als lärmempfindlicher Mensch habe ich mich gefreut, dass mein Vormieter mir das Haus als leise empohlen hat. Na ja. Da er nur abends hier war und die Wochenenden in der Ostschweiz bei seiner Familie verbrachte, ist er leider keine wirklich zuverlässige Referenz. Und vielleicht schwerhörig.
Mein Nachbar B. ist knapp dreißig, eher jünger, fährt einen weißen, schnittigen Wagen, den er sogar nur bis zum Briefkasten oder was weiß ich braucht. Und er telefoniert gern. Seinen lauten Bass habe ich bereits persönlich angesprochen. Der hämmert nämlich gerne und oft drauf los. Seine Reaktion auf meine freundliche Kritik war ebenfalls freundlich, entschuldigend. Ich werde mich arrangieren müssen. Und ich werde ab und zu etwas sagen. Nur: ob das etwas bringt?
Als Studienobjekt für das Phänomen „Männlein“ (so nennt mein Liebster diese Untergruppe der Spezies Mann) eignet sich mein neuer Nachbar perfekt. Das Markierverhalten lässt sich an ihm hervorragend analysieren. Spricht er am Telefon, redet fast nur er, redet und lacht laut, leicht hysterisch. Dabei geht er meistens durch die Wohnung, so dass ich nirgends vor seiner Stimme sicher bin. Ja, er weiß, wie man sich seinen Raum nimmt. Nicht mal im Schlafzimmer, wenn ich mein Yoga machen will, bin ich vor seiner Stimme sicher. Okay. Tief durchatmen.
Ob ich mit ihm mal über Zimmerlautstärke diskutieren soll? Kann sich ein Mensch von rücksichts- respektive gedankenlos in Richtung aufmerksam verändern? Ja, ich weiß, so Menschen gibt es überall. Darum würde ich oft am liebsten die ganze Welt verändern. Sensibler und aufmerksamer sollten sie sein, meine Mitmenschen, jawohl.
Zurück zum Objekt meiner Studien: „das Männlein“. Markieren war das Wort. Dieses Objekt hier tut es besonders durch Lautstärke, wie gesagt. Durch Laut geben, wie ein Hund. Statt bellen nimm Musik und Stimme. Hört her, ich bin da. Seht her, das ist mein Auto. Was dahinter steckt – bei ihm, bei Männern? Minderwertigkeitskomplexe? Potenzprobleme, wie ein Freund von mir immer behauptet hat?
Ach du, Studienobjekt Mensch, du bist mir je länger je mehr ein großes Rätsel.! Und du, Studienobjekt Mann, erst recht!
(((Warnung: Das hier ist eine Satire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage.)))
Geschützt: Närrischer Apostroph
Kompetenzen
Kompetenzen? Früher eins meiner Lieblingsgänsehautwörter. Ich und Kompetenzen? Nö, hab ich nicht, will ich nicht, kann ich nicht … Kompetenz riecht nach Karriere, fand ich und Karriere mag ich nicht. Also mag ich auch Kompetenzen nicht, basta. So einfach war das damals bei mir. Früher, wie gesagt. Älter werden und sein hat auch sein Gutes, denn heute mag ich es, über meine und die Kompetenzen anderer zu philosophieren.
Gestern, am Ufer des Murtensees, verstieg ich mich auf die Theorie, dass wir alle eigentlich nur über jene Dinge reden sollten, zu denen wir etwas zu sagen haben. Wo wir kompetent sind.
Eben passierten wir ein geparktes Auto, das wahrhaftig magisch das Sonnenlicht auffing und dessen Farbe sich kaum in Worte fassen ließ. Beglückt blieben wir stehen und genossen das Schimmern des Lichts und die Auflösung desselben in alle Himmelsfarben.
Was für eine wunderbare Farbe, nicht schwarz, nicht braun, eine Farbe wie …, hob Irgendlink an. Doch halt, nein, ich kann doch gar nichts dazu sagen, ich kenne mich ja mit Autos nicht aus. Hum, andererseits … hier geht’s ja eigentlich um Farben. Da wiederum kenne ich mich als Künstler aus. Darf ich jetzt was dazu sagen oder darf ich nicht?
Stell dir vor, wie still die Welt wäre, wenn wir alle nur über jene Dinge reden würden, bei denen wir uns auskennen?
Nur reden, wo wir kompetent sind.
Wie klug die Welt bald wäre! Und wie still! Herrlich.
Ja, ohne all das sinnlose, ohne als das leere Gelabber.
Politikerinnen und Sesselkleber müssten ihre Ämter niederlegen, weil sie nichts mehr zu sagen wüssten.
Gewisse Parteien würden aussterben, andere würden wachsen.
Und niemand würde einfach drauflosreden.
All die Stammtische würden verwaisen.
Das wahre Paradies …
… hm, und vermutlich – na ja, versteh mich richtig, aber – vermutlich wäre es uns schon bald sterbenslangweilig!
Montagmorgenwege
Da fahr ich also – relativ gut gelaunt für Montagmorgen und mit gutem Sound im Ohr – zur Post. Nichts böses ahnend und – dank Irgendlink – seit November sogar gut beradhelmt, um gegen die Gefahren der bösen Welt und der Straße gewappnet zu sein. Wie gesagt, gut gelaunt und nichts böses ahnend betrete ich also den neuen provisorischen, weitläufigen Schalterraum, gehe zu unserem Postfach, kralle mir die Post und will wieder aus der Halle raus, als ich auf einmal von einem Schalterbeamten hinter Panzerglas blöd angemacht werde. Er winkt rum und sagt etwas, deutet auf mein Stahlpferdchen an meiner Seite, das mich bis zum Fach begleiten darf und sagt irgendwas.
Ich verstehe nix, habe ja die Stöpsel in den Ohren. Ich höre eben lieber Kristofer singen als Schalterbeamte wettern. Nett wie ich bin, nehme ich die Stöpsel raus, bereue es aber sogleich. Muss mir nämlich eine Das darf man nicht-Litanei anhören. Dass ich das Rad draußen lassen müsse, sagt er.
Wieso?, frage ich. Da steht nirgends, dass Räder hier drin verboten sind. Ich denke an den Krug, der zum Brunnen geht, bis er bricht und dass ich insgeheim auf diesen Eklat gewartet habe, seit es diese neue provisorische Postfastanlage gibt. Was ich natürlich nicht sage. Außerdem stört das doch niemanden, sage ich stattdessen.
Oh, doch, sagt da jemand hinter mir, ein Securitasmännlein in orangem Tarn- ähm Warnanzug, das mich vorher, als es sein Postfach leerte, schon dumm angegafft hat. Und ich es klug ignoriert. Oh doch, das versperrt den Weg, sagt es.
Ich muss fast losprusten, halte mich aber zurück und tue erbost. Zwei gegen eins, ihr Feiglinge aber auch, fühlt euch stark, nicht wahr?, denke ich. Die automatische Türe ist breit, die Gänge sind breit, neben meinem Rad kommen noch vier Leute locker gleichzeitig durch die Türe, oder drei dicke. Ich schüttle nur den Kopf …
Morgen komme ich mit dem Motorrad, sagt nun der tumbe Securitastyp, der es nicht leiden mag, dass jemand etwas wagt, das er in Tat und Wahrheit selbst auch möchte, aber sich nicht traut. Selbst etwas so banales, wie mit dem Rad eine Schalterhalle zu betreten. Nein, diese Typen kann ich echt nicht ernst nehmen. Da geht’s nur um Powergames. Noch immer kopfschüttelnd verlasse ich den Raum und weiß nicht, ob ich ob dieser Bigotterie und Kleingeistigkeit weinen oder lachen soll. SVP-Wähler, denke ich. Mein Urteil ist gefällt. Genau aus solchen Menschen besteht die Wählerschaft der k…braunen Schweizer Großkotzpartei. Ein Grund um stolz zu sein ist das wahrlich nicht.
Mainstream ist Sch***, schreibt C. in ihrer Mail, nachdem sie von einem wiedergetroffenen Kollegen erzählt hat, der sich von seiner Akademikerkarriere verabschiedet hat, um endlich seinen Traumberuf zu lernen, Automech. Und nun endlich glücklich ist.
Adrenalin
Morgen. Männer. Warnwesten. Orange. Polizei in schwarzen Buchstaben. Aufgenäht vermutlich. Autos im Schritttempo. Adrenalin im Blut der Fahrerinnen und Fahrer. Von unsern Bürofenstern aus schauen Kollegin A., der Scheff und ich zu, wie die einen angehalten, die andern durch gewunken werden. Mächtige Buchstaben auf den Westen machen Motoren langsam. Mächtige Farbe, dieses Orange.
Reize. Eindrücke. Forderungen. Sophia, kannst du bitte …? Meinst du, dass du das bis Mittag schaffen kannst? Telefongeklingel. Der Versuch, meine Notizen von der gestrigen Sitzung in einen Zusammenhang zu bringen, der andern sinnvoll erscheint. A. telefoniert nun schon bald eine Stunde. Laut. Der Scheff nebenan auch. Auch laut. Da sitze ich, eingeklemmt in die Stimmen, und versuche zu denken. Reize. Überflutung. Lärm. Der Drucker. Mittendrin ein paar stimmungsaufhellende SMS vom Liebsten. Weiterarbeit.
Mittagspause. Heimradeln. Musik im Ohr. Noch so ein Reiz. Ein wohltuender allerdings. Alleweil besser als der Lärm der Autos. Hören. Und hingucken. Augen auf. Knapp die Fußgängerin verfehlt, die ohne Fußgängerinnenstreifen die Straßenseite wechselt und mich nicht gehört hat. Die nicht geguckt hat. Muss ich denn für alle mit gucken?, grummle ich vor mich hin.
Reizüberflutung. Nachmittags noch ein paar Könntest du bitte?, die eigentlich schon keine Bitten mehr sondern Hilfeschreie sind. Um fünf fahre ich meinen Rechner runter. Genug! Im Großverteiler mit dem großen M im Namen, mit dessen Budget-Klopapier ich mir am liebsten den Po putze, hat es so viele Leute wie vor Weihnachten. Mit meinem Korb ecke ich überall an. Die andern ebenfalls. Sorry hier, sorry da. An der Kasse beichte ich, dass ich das Klopapier nicht gefunden habe, dieses ganze bestimmte. Die Schlange hinter mir wächst, ich spüre nicht sehr liebe Blicke, ignoriere sie ohne mich lächelnd dafür zu entschuldigen, dass ich Klopapier brauche. Die nette Kassiererin geht im Lager nachschauen, kommt zurück, sagt, nein, es hat keins mehr und tippt weiter, während ich, der Schlange zum Trotz, das zweitbeste hole. Ich spüre, wie gleichgültig mir die Warteschlange ist. Ausnahmsweise. Kein Adrenalin mehr. Ich kann mich nicht fremdstören. Heute nicht. Zu müde.
Mich fremdstören – Wortkreation aus dem Hause Irgendlink, letztes Wochenende.
Stört es dich eigentlich, dass mich XYZ stört?, hatte ich ihn gefragt.
Ich gestehe, sagt er, dass ich mich zuweilen fremdstöre. Für dich.
Nett irgendwie, sage ich, aber ist nicht nötig. Kann ich ganz allein, wenns sein muss.
Leute, vergesst das gute alte Fremdschämen, österreichisches Wort des Jahres 2010. Fremdstören ist das Wort – was sage ich? –, das Gebot der Stunde! Ob du ebenfalls fremdgestört bist, erkennst du daran, dass du einen Umstand verbesserst oder zumindest verbessern oder verändern willst, von dem du denkst, dass sich jemand irgendwann daran stören könnte. Konjunktiv. Prophylaxe. Tun wir oft. Frauen mehr als Männer vermutlich. Jetzt, wo ich einen geschärften Blick dafür habe, sehe ich es überall. Wie ich mich fremdstöre. Wie sich andere fremdstören. Wir sind eine Gesellschaft voller Fremdstörenden, voller Fremdgestörten. An der Kasse, heute, war es mir egal. Ich lasse mich nicht stressen. Adrenalin-Depot leer. Punkt. Und stören können sich die anderen eh ganz allein. Wenns denn sein muss.
__________________________________________________________________
(((Notiz an mich: (Warum) kann ich bloß erst, wenn ich völlig erschöpft bin, gesunde Egoistin sein?)))
Vielleicht Bestandsaufnahme
Mein heutiger Blogartikel würde Bestandsaufnahme heißen. Wenn ich denn einen schreiben würde. Und darin käme mein Schreibtisch im Büro vor. Nein, Stopp! Besser nicht. Besser nur der Schreibtisch zuhause, das reicht. All die Papierberge überall machen mich eh ganz nervös. Überall Baustellen. Nein, das ist definitiv nicht mein Ding. Zum Glück ist es absehbar. Da muss ich einfach durch. Dennoch graut mir.
Im Gästezimmer stapeln sich die heute Abend aus dem Keller geholten leeren Kisten. Gar nicht mal so wenige. Brauchen tu ich dennoch mehr. Die Jagd nach Packmaterial geht los. Doch vor allem müssen jene gefüllten Kisten, die im Keller vor sich hin motten und in denen mein ganzer alter Krempel schläft – alte Liebesbriefe, Fotoalben, Schulhefte sogar –, gesichtet werden. Jedes Ding will betrachtet und entweder neu verpackt oder endgültig entsorgt zu werden.
Lumpensammler sind wir, sagte E., J.s Schwester am Samstag, als wir über unsere Unfähigkeit Dinge, an denen Erinnerungen kleben, loslassen zu können, philosophierten.
Es sind ja gar nicht die Dinge, es sind die Erinnerungen, sagte ich. Der Wert eines Gegenstandes wird einzig definiert durch die Hingabe, mit der wir einen Gegenstand hüten. Wir als Individuum im speziellen und wir als Gesellschaft im generellen, wir werten alles. Schrot. Geld. Kunst. Technik. Blech.
Weiter würde ich wohl den Lärm der Sirene in meinem heutigen Blogartikel erwähnen, wenn ich heute denn bloggen würde. Jener Sirenenlärm, der gestern, als ich um halb elf Uhr nachts, todmüde von der dreieinhalbstündigen Nonstop-Fahrt in Bern angekommen war, das ganze Haus erfüllte. Aus dem Keller kam er, wie ich nach kurzem Spurenlauschen herausfand. Im Heizungsraum an der Schaltzentrale leuchtete der Alarmknopf. Rot. Nur eine kleine arretierende Metallschnur hat mich daran gehindert, den Lärmknopf umzukippen. Erst versuchte ich Hauswart und Pikettzentrale zu erreichen. Irgendwann, nachdem ich alle möglichen Comboxen besprochen und eine lange SMS an den Hauswart abgeschickt hatte, stiegen meine beste Schere und ich nochmals in die Abgründe des Heizungsraumes herab. Es ging ums Überleben – sie oder ich! Also zerschnitt ich sie, die kleine Metallschnur, und kippte den Tonschalter. Stille. Endlich. Wieso nur hat das vor mir niemand getan? Bin ich die einzige, die bei diesem Lärm fast durchdreht? Können die anderen gar so schlafen?
Erst heute Morgen erfuhr ich, dass gar nicht die Heizungsmaschine zickt, sondern bloß das Frühwarnsystem. Es schlage zu früh Alarm, ohne Anlass. So sei es schon das ganze Weekend gegangen. Mensch gewöhnt sich offenbar sehr schnell an einen unerträglichen Lärmpegel. Tja. Wieso dann erst recht niemand hingeht und den Zauberschalter kippt? Nein, das Mysterium Mensch habe ich noch längst nicht verstanden.
Soll diese Story in meinem heutigen Blog wirklich vorkommen? Wenn ja, wieso? Zählt grundlos als Grund oder hat sie gar einen wenn auch geringen Unterhaltungswert, was ein halbgarer Grund wäre? Oder hat sie gar eine Lehre, eine klitzekleine? Oder vielleicht taugt sie zur Metapher, wenn ich an ihr herum feile. Wozu ich definitiv zu müde bin.
So gähne ich besser erst mal eine Runde. Nein, auch das hat keinen wirklichen Unterhaltungswert. Immerhin bin ich ja bloß wegen dieses Vorfalls zu spät ins Bett gegangen und habe schlecht und zu wenig geschlafen. Könnte das ein Grund sein, sich eine Erwähnung in einem Blogartikel zu erschleichen?
Müsste ich da nicht viel mehr von den heutigen Pausengesprächen, die sich um die horriblen Abstimmungsresultate dieses Wochenendes drehten, erzählen? Oder über den Satz meines Scheffs, dem unser Menetekeln über Atommüll auf einmal zu perspektivlos wurde: Lasst uns doch mal über erfreuliches reden!
(((Schalter kippen. Und nun alle miteinander: Cheese. Geht doch ganz einfach und tut ja auch kaum weh.)))
Just in dem Moment, wo ich nebenbei im auf dem Pausentisch liegenden Tagi-Magazin Michèle Rothens ausnahmsweise lesenswerte Kolumne über das Phänomen Facebook überfliege, sagt er das. Über die Sucht, glücklich zu erscheinen, schreibt sie, die Rothen. Über die Glückexhibitionalität: Mir geht’s gut, seht her. Ich habe so und so viele Freunde, schaut nur und beneidet mich. Und dass sie, die Kolumnistin, eben deshalb Facebook meide und gar an der Kreation eines Gegenbuchs herum denke, wo jede und jeder seine traurigsten Erlebnisse und seine misslungensten Bilder reinstellen dürfe. Je unattraktiver und unglücklicher desto besser. Inklusive Button Gefällt mir natürlich. Ihr wisst schon.
Lasst uns doch mal über erfreuliches reden!
Nö, ich glaube, heute gibt’s echt nichts zu bloggen, sorry, Leute.
Die Wahrheit über Sünde und Sühne
In der einen Schale der Waage lagern wir all das, was nicht so ist, wie wir es uns gewünscht haben. Die bösen Worte etwa, die wir sagen, wenn uns jemand unter Druck setzt. Oder waren es Gedanken? Gedanken nur? Es war ja auch nicht böse gemeint, das weißt du doch? Dennoch liegt es in der Waagschale. Mit all den andern Dingen, die zwischen Soll und Ist stehen. Nicht wenig. Ablasshandel war schon immer ein gutes Geschäft – heute nicht weniger als früher!
Die zweite Waagschale, um Ausgleich bemüht – was auch die erste wohl genauso anstrebt –, hortet gute Taten, gute Worte und gute Gedanken. Der Balken in der Mitte heißt Gewissen. Gute Einrichtung irgendwie. Simple Rechnerei führt zur Erkenntnis, dass wer nichts Böses tut, auch nichts Gutes tun muss. Am besten also Nichtstun? Da aber Müßiggang auch als Sünde geahndet wird, kann das auch nicht funktionieren. Nicht Nichtstun ist Tun. Sobald wir jedoch etwas tun, füllen wir eine der beiden Waagschalen und der Stress geht von vorne los. Eine ganze Gesellschaft in der Ablasshandelsschule? Dazu ein dicker Ablasshandlungen-Versandkatalog.
Was da wohl hilft? Vermutlich nur eins: Pilgern!
😉