Mein Monster und ich

The Dark

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=rRk-qhv5-3U]

I don’t think I will manage to get out of this dark.

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Mein Monster hat viele Namen. Meistens nenne ich es Dark. Selbst nennt es sich am liebsten Dark Mirror.

Jenes von Kuno Lauener, Züri Wests Frontmann, wohnt ganz zuoberst im Dachstock in der winzigsten Kammer in seinem Schädel. Meins hält sich am liebsten irgendwo in meinen Landschaften zwischen Herz, Bauch und Kopf auf. Dort spaziert es umher wie ein guter alter Hauswart und sucht nach Schwachstellen. Mit einem Schraubschlüssel klopft es an den Leitungen. Wo ist etwas verstopft? Wo braucht es Reparaturen? Wo sind die lockeren Schrauben?

Mein Monster kennt all jene Fragen, auf die ich nie käme und auf die ich keine Antworten kenne. Mein Monster weiß um alle meine Abgründe, um alle Selbstbetrüge, um alle Scheinheiligkeiten und um all meine inkonsequenten Entscheidungen. Mein Monster führt mir vor Augen, dass ich keinen Deut besser bin als die andern. Keine Spur besser als jene, die ich ignorant nenne. Mein Monster weiß, dass ich zumeist mehr Angst vor der Angst selbst als vor realen Dingen habe. Es weiß, wie es mich behandeln muss, damit ich endlich das Karussell verlasse. Es weiß oft viel besser, was ich brauche, als ich selbst. Doch mein Monster ist alles andere als nett zu mir, es fasst mich weder mit Samthandschuhen an noch schont es mich vor unbequemen Erkenntnissen. Es schert sich keinen Deut darum, ob ich vor Schmerz schier platze. Gnadenlos zeigt es mir, wo ich stehe. Schonungslos hält es seinen Finger dorthin, wo es am meisten weh tut. Es weiß nicht nur besser, was ich brauche, es weiß vielleicht sogar besser als ich, wie ich überhaupt ticke, denn mein Monster und ich, wir kennen uns schon lange.

Das erste Mal wahrgenommen habe ich es wohl, wo ich die zwischenmenschlichen Games zu durchschauen begann. Wo ich begriff, was ich sagen müsste um dazuzugehören. Mein Monster ist Gewissen und ist Mentalcoach in Personalunion.

Wer war zuerst da?, fragte es mich heute Morgen stinkfrech, nachdem es mich bereits um vier Uhr früh geweckt hatte. Du oder ich?

Dass ich danach nicht mehr schlafen konnte, ist nur logisch. Nicht eben leise ging es hin und her, mit einer Taschenlampe bewaffnet zündete es in die allerletzten verstaubten Winkel und stellte eine Frage nach der anderen. W-Fragen mag es am liebsten. Morgens um vier wachzuliegen und W-Fragen gestellt zu bekommen, mag ich nicht wirklich. Morgens um vier will ich schlafen. Vielleicht sogar träumen, aber gewiss nicht mit Monstern Interviews führen, die mich eh nur in die Enge treiben. Die Monster ebenso wie die Interviews.

Am liebsten kratzt es alten Schorf auf. Oder von mir aus auch neuen Schorf von alten Wunden. Dem Schmerz und dem Monster ist das einerlei.

Warum tut erinnern noch immer so weh?, frage ich mich selbst, Stunden später im Büro. Kann vergangenes denn nicht endlich heilen, ruhen und in meinen Archive abgelegt werden? Oder gar geschreddert?
Ich sitze neben dem Schredder und verwandle Bewerbungskopien, die nicht mehr gebraucht werden, weil wir meine Nachfolgerin heute bestimmt haben. Wunderbare Verwandlung von Papier in feine Streifen. Ein technischer Geniestreich, die wichtigste Errungenschaft der Z(u)ivi(e)lisation. Eigentlich.

Hätte bloß diese Maschine sich nicht zum Ziel gesetzt, mir Geduld beizubringen. Vermutlich vergeblich. Mehr als drei, allerhöchsten vier Blätter frisst es nämlich nicht, das alte Teil. Und schiebe ich sie auch nur ein bisschen zu schief in seinen Schlund, frisst es einfach nicht mehr weiter und zwingt mich, den Rückwärtsknopf zu drücken. Die feinen Streifen kommen rückwärts. Der Schredder kotzt.

Übe dich in Geduld. Gib mir nicht zu viel aufs Mal, sagt er. Manchmal zwinkert er dabei ein bisschen.
Wie gut ich dich verstehe, du Ding! Wenn ich groß bin, werde ich Schredder.

Mein Monster und mein Schredder sollten sich echt mal zusammensetzen …

besser

Wie du dich als besserer Mensch fühlen kannst? Du sagst einfach zu deinen Mitmenschen: Ich lasse dir den Vortritt!

Das fühlt sich gut an!, sagst du. Grad so, als seiest du eine besserer Mensch.

Und ich? Ich gebe sie dir gerne, diese Gelegenheiten. Zum einen, mir den Vortritt zu lassen und zum anderen, dich danach als besserer Mensch fühlen zu können. So fühle ich mich auch gleich besser. Als besserer Mensch sozusagen. Und das nur, weil ich dir die Gelegenheit gab, mir Gutes zu tun, indem ich auf das Privileg, dir den Vortritt zu lassen, verzichtet habe. Hach, wie schön es doch ist, sich gemeinsam als bessere Menschen zu fühlen.

Falls ich würde

Sofasophia: Was ich heute wohl bloggen würde, falls ich bloggen würde …
Irgendlink: Du wirst es nicht lassen können.
Sofasophia: Nö, nur wenn mir was bloggenswertes einfällt.
Irgendlink: Was immer das heißt.
Sofasophia: Dieser Dialog zum Beispiel? *lach* Ich blogge doch einfach dieses Gespräch …
Irgendlink: Wer will schon unseren Nonsense lesen? … müsste da nicht noch was dramatisches vorkommen?
Sofasophia: … wie ein Rasenmäher zum Beispiel?
Irgendlink (grinst schief): Genau.
Sofasophia (zwinkert): Oder wie wärs mit Schneeflocken?
Irgendlink: Och, das ist den Leuten bestimmt zu langweilig. Obwohl … es kommt wohl drauf an, wen du damit ansprechen willst.
Sofasophia: In Saudiarabien ist Schnee sicher spektakulärer als ein Rasenmäher …
Irgendlink: Da hast du wohl recht, aber ich weiß was besseres: ich könnte doch in den Keller gehen, nach dem Holzvorrat gucken und dabei dem Rasenmäher gute Nacht sagen. Du bloggst, dass ich zum letzten Mal gesehen wurde, als ich zum Rasenmäher gehen wollte. Damit hättest du gleich zwei Fliegen auf einen Schlag! Einen Artikel mit Rasenmäher, der – wie ja alle Bloglesenden wissen – jeden Artikel aufwertet und einen Cliffhanger, der deine Lesenden packt. Genau dort hörst du mit schreiben einfach auf.
Sofasophia: Nö, bestimmt nicht so. Du nicht! So ein Ende hast du nicht verdient, mein Liebster! Da schreib ich lieber, dass du vor dem Tatort gucken, nach draußen gegangen seiest um zu schauen, ob es womöglich hier unten auch schneie. Wie heute, oben auf dem Lukmanier, wo wir uns beide fast den Tod geholt haben.
Irgendlink: … bin gleich wieder da …
Sofasophia: Wo wohl diese vermaledeite Fernbedienung steckt?

Wettbewerb

Da war dieser Artikel, neulich, in der wöchentlich erscheinenden Konsumentenzeitung, die das Große M herausgibt. Nein, kein Artikel wars, sondern der Aufruf zu einem kreativen Wettbewerb. Einem weiteren kreativen Wettbewerb. Einem von den vielen, die es neuerdings überall gibt. Musikalische oder andere Projekte sind gefragt. Es lebe die Kunst. Fotowettbewerbe, Schreibwettbewerbe … Der Individualität und Phantasie sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.

Bring deins! Und weiter geht’s nach dem Motto, wer sich am besten selbst darstellen UND am meisten Stimmen fischen kann. Das Publikum soll entscheiden, wer gewinnt. Wir. Die Macht der Basis. Wer‘s glaubt. Ich bezweifle, dass der oder die beste gewinnt, denn letztlich geht es vor allem darum, wer am meisten Fans sammeln kann. Wer sich am besten verkaufen kann. Wie im richtigen Leben. Was sage ich da? Wie? Das IST das richtige Leben!

Und wir sind alle nett zueinander und klopfen uns auf die Schultern. Solange zumindest bis wir uns gegen eine Konkurrenz behaupten sollen. Immer und überall. Selektion. Auslese. Autsch. In der Wochenzeitung des Großverteilers mit den vier orangen Buchstaben war heute von einem Kindercasting für ein Musical die Rede. Hach, diese hübschen Mädchen aber auch! Nicht größer als einsvierzig dürfen sie sein. Und singen müssen sie können. Und das taten sie. Mit großen Hoffnungen. Vor der Jury und vor laufenden Kameras. Wie sie sich wohl fühlten? Voller Träume. Große Träume, rosa Träume. Träume von Ruhm und Ehre, von Anerkennung … tja.

Selbstdarstellung – dein Name ist Illusion.

Ich sei bloß frustriert, weil ich selbst keine sehr gute Selbstdarstellerin sei? Nein, glaube ich nicht, denn ich will ja auch keine gute Selbstdarstellerin sein. (Notiz an mich: Falle ich bloß nur immer wieder in die Falle der Selbstverars..ung?)

Schnitt.

Nun treffen täglich neue Bewerbungen ein. Meine Stelle ist zu haben. Und sie scheint begehrt zu sein. Ebenfalls täglich erhalte ich Mails und Anrufe von Kolleginnen und Kollegen, die meine Kündigung für Ende März sehr bedauern. Ein schöner Verlust, meinte Kollege A.. Dennoch beglückwünschen mich alle zum Mut zum neuen Schritt und wünschen alles Gute (nein, mehr verrate ich hier noch nicht).

Mein Scheff leidet und betont bei jeder unpassenden Gelegenheit, dass ich unersetzlich sei. Und wie! Und dass die Neue bestimmt nicht … so wie ich … Nein, das wird sie nicht. Sage ich. So nicht, aber anders, anders gut. Sage ich ebenfalls. Keine wird mich so gut verstehen, sagt er, so gut wie du. Ich grinse. Männer!, denke ich.

Ooops, also doch. Selbstdarstellerin, ich, was zu beweisen war.

Dabei wollte ich doch bloß von diesem Wettbewerb in der Konsumentenzeitung vom Großen M erzählen. Da sollen nämlich wir weichgekochten Konsumenten (Frauen vermutlich auch mit gemeint, wie ich mal annehme) ein neues Produkt erfinden. Cleverer Trick, echt clever. Hut ab vor diesen Werbefuzzis. Da dürfen wir alle also neue Bedürfnisse erfinden! Jippie, was für eine Ehre! Und wir dürfen auch gleich noch das Produkt dazu erfinden, um den neugeschaffenen Hunger zu stillen. Einen Hunger, notabene, der noch nie da war. Clever, wirklich, die Typen. Und die Erde dreht sich doch.

Konsumenten (Frauen wohl auch mit gemeint), rufen sie, wenn ihr wacker weiterkonsumiert, dreht sie sich immer schön weiter (und wir merken dabei gar nicht, dass wir alle vor die Hunde gehen).

Wer hat da „Wir wollen ja bloß deine Seele!“ geflüstert?

Tja, da möchte ich doch glatt ein tolles Produkt erfinden, dass es noch nicht gibt. Ein Serum, das uns hilft, wirklich zu leben, wahre Emotionen und Bedürfnisse zu fühlen, klare Gedanken zu denken und sich selbst treu zu sein. Genau. Doch die Zutaten dazu gibt weder im Großen M noch im orangen Vierbuchstaben. Unbezahlbar sind sie. Und ganz und gar kostenlos …

der vierte Preis

Wie alle wissen, die auf Europas Nah- und Fernwegen unterwegs sind, ist die Moral auf der Straße, sehr … nun ja … unterschiedlich. Die Moral? Eben habe ich dieses Wort als Synonym zum Wort Umgangsform missbraucht. Wie das in der Alltagsanwendung so üblich ist. Doch der Windows-Synonyme-Automat sagt, Moral habe eigentlich eher mit Anstand zu tun. Und mit Verantwortungsgefühl. Zweites gefällt mir. Und passt vielleicht zur erwähnten Erkenntnis, dass die Moral auf der Straße sehr unterschiedlich sei.

Verantwortungsbewusst und voraussichtig sollen wir fahren, sagte schon mein Fahrlehrer M. annodazumal. Was ich praktiziere. Das heißt: ich übe …

Aber ich schweife ab, wollte ich doch über jenen weiteren Gebrauch des Wortes Moral lamentieren, jenen wie er im Wort Moralist und Moralistin vorkommt. Was wir ja auf gar keinen Fall sein wollen. Ethisch und politisch korrekt denken, handeln, wirken und sein, ja, aber …

Woran erkennen wir denn nun, ob wir doch womöglich Moralistinnen oder Moralisten sind? Na, ganz einfach daran, ob wir uns empören, wenn jemand rücksichtlos oder riskant fährt OHNE jemanden zu gefährden. NichtmoralistInnen empören sich nämlich nur dann, wenn jemand rücksichtslos oder riskant und dabei auch andere gefährdend fährt. NichtmoralistInnen wissen, dass Nacherziehung auf der Straße nicht geht. Vergeudete Energie also, mich mit Moralfinger im Straßenverkehr zu ärgern.

Grenzfall heute: Da war dieses Brummirennen, eines von vielen beobachteten. Doch dieses hier fand direkt vor meiner Autonase statt. Zwei Niederländer wollten wissen, wessen Laster mehr drauf hat. Oder weniger Last drin. Oder weniger im Hirn. Ich weiß nicht, wie ihr es handhabt, aber ich drossle jeweils mein Tempo, wenn ich überholt werde, Moralistin ich, um den Überholweg des überholenden Wagens möglichst kurz zu halten und den Verkehrsfluss nicht zu behindern. Der Brummifahrer jedoch – jenen auf der Normalspur meine ich – tat nun nichts dergleichen. Beide fuhren erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Sprich neunzig plus. Auf einer 130km/h-Strecke wohlverstanden. Die Schlange, die sich hinter ihnen bildete, missachteten sie geflissentlich, bis irgendwann des einen Vernunft siegte. Oder der Motor murrte.

Weiterfahrend fragte ich mich, wie vielen dieser Männer und Frauen in den Lastern es Spaß macht, tagaus tagein, von Berufes wegen, Kilometer um Kilometer zu fressen? J., der auch hin und wieder für seine Firma Transporte machen muss, hasst diesen Teil seines Jobs. Wie viele Brummifahrer, die ich heute überholt habe, diesen ihren Job wohl ebenfalls hassen, den sie womöglich einst liebsten? Und, wo wir gleich dabei sind, fragte ich mich, wie viele andere Menschen sonst noch ihren Beruf hassen oder satt haben.

Ob die Typen, die mir das vor Tippfehlern strotzende Gewinn-Zertifikat, ausgestellt über Fr. 1000.—, persönlich abzuholen, geschickt haben, ihren betrügerischen Job mögen oder ihn nur des leicht verdienten Geldes wegen tun? Betrügerisch? Okay, sie bewegen sich in einer noch halb legalen Schattenwelt und ködern, wie ich im Internet schnell mal herausgefunden habe, mit reißerischen Versprechen von gemütlichen Werbefahrten, auf denen ich dann hochoffiziell die gewonnenen Fr. 1000.— in bar erhalten werde. Denn „bedauerlicherweise waren Sie leider nicht zu Hause“, als sie vor drei Wochen persönlich bei mir geklingelt hatten. Wer’s glaubt!

Im Reisebus drehen sie mir und meinen drei kostenlos mit eingeladenen Freundinnen und Freunden dann fette Kaufverträge über mehr als tausend Franken an. Wer nicht unterschreibt, wird unterwegs aus dem Bus geworfen. Immerhin nicht aus dem fahrenden, wie ich im Internet gelesen habe. Die Versuchung, der Firma einen furchtbar netten Brief samt Einzahlungsschein von mir zu schicken, ist groß. Ich würde schreiben, dass sie, wenn sie mir das Geld wirklich schenken möchten, es gerne auch so, ohne Gratisfahrt und Mittagessen für mich und meine drei Gäste, tun dürften. Kaum aussichtsreich, der Plan, und drum vergeudete Energie. Gutes Brennmaterial für J.s Ofen immerhin.

Was ich mit tausend Franken täte, müsste ich nicht lange überlegen …

Dada vielleicht

Da ist diese Idee, aus jedem Text, aus jeder Geschichte, aus jedem Gedicht, aus allen Worttextilien, die den ich je gesponnen habe, den besten Satz, das schönste Muster herauszuschneiden. Aus alle besten Stücken würde ich ein neues Gewebe schaffen. Wie bei einer Patchwork-Decke würde ich feinsäuberlich alle Teile neu zusammenfügen. Eine Best-of-Story aus lauter besten Sätzen. Recycling. Dada pur und so opulent vermutlich, dass ich davon Bauchweh bekäme … Alternativ das gleiche mit den schwächsten Sätzen, den blassesten Mustern. Bestimmt leichter verdaulich.

Die Idee ist nicht neu. Immer wenn ich meine Notizzettelsammelmappe auf dem Schreibtisch angucke und mir überlege, ob die Zettel darin eher für den Abfall oder für die Nachwelt geeignet sind, taucht sie auf und plädiert hartnäckig für sich selbst. Da sie kein Heu frisst, bleibt sie vorerst, wo sie ist. Wovon sie sich ernährt und wo sie sich, wenn ich sie nicht höre, aufhält, hat sie mir noch nicht verraten. Vielleicht wird sie verhungern, eines Tages, wenn ich sie weiterhin ignoriere? Ideenmörderin ich.

Eins aber weiß ich: Meine Lebensfreude lebt von Farben und von der Lust am Kreieren. Und ehrlich, ohne Farben würde auch ich schnell mal verhungern.

Dennoch schalt ich mich heute Morgen unter der Dusche Zeitverschwenderin. Wie viel Zeit du mit Bloggen, mit Schreiben, mit Gedankenspielen, mit Texten, mit Bildern und mit Malen verbringst!, hielt ich mir vor, als ich anschließend die Zehennägel schnitt. Als ob jemand auf deine Texte und Bilder wartet!

Ach, das verstehst du nicht, antwortete ich. Außerdem schreibe und kreiere ich nicht für jene, die auf meine Dinge warten. Höchstens ein bisschen. Ich brauche den Ausdruck, weil ich sonst platzen würde. Internet ist bloß ein Gefährt. Ein Flugzeug, das ins Konzept meiner Schaffenslust passt.

Flugzeug? Wie meinst du denn das?, fragte ich mich.

Ist doch ganz einfach: Internet ist eine fliegende Galerie, eine mobile Bibliothek, ein Wikipedalo der Lüfte. Du steigst ein und wirst bedient. Bekommst zu essen, zu trinken, kannst Filme schauen, kannst Musik hören und erfährst laufend, wo du bist. Alle sind nett zu dir und du kommst vorwärts ohne dich bewegen zu müssen. Du kannst konsumieren, was andere zuvor kreiert haben. Fliegen ist wie Internet, wie gesagt. Außer dass dich Internet nicht bekocht, sagte ich.

Zeitverschwendung ist es alleweil. Dein Vergleich hinkt, konterte ich. Du wirst im Gegensatz zur Bordcrew nicht für deine Arbeit bezahlt und verlierst sogar wertvolle Lebenszeit.

Du versteht echt gar nichts! Kreatives Schaffen ist eines jener Dinge, die mir am meisten Freude machen. Lebenszeit kann gar nicht besser investiert werden als in jene Dinge, die uns Freude machen, sagte ich. Es geht um Hingabe. Schließlich sagt auch niemand, dass richtig guter 6 Zeitverschwendung sei. So what?

weniger sei mehr

Eine Gleichung, die unsere Mittelstufenlehrerin, Frölein S., gerne zum Besten gab. Zum Beispiel, wenn ich – weil schon früher als die anderen mit dem Aufsatz fertig – noch ein paar Sätze anfügte oder im Text Korrekturen anbrachte, die falsch waren. Verschlimmbesserungen – auch dieses Wort hörte ich das erste Mal aus ihrem Mund. So viel zu meiner Grundschulzeit. Dass weniger mehr sei, glaube ich inzwischen selbst. Unsere Sucht nach mehr, mehr, mehr, schneller, schneller, schneller, größer, größer, größer ist ja echt nicht mehr normal.

Apropos normal: In der Monatszeitschrift meiner Krankenkasse las ich gestern einen informativen und gutrecherchierten Artikel über Zwänge. Händewaschen, Putzen, Herdplatten- und Schlüssel-Kontrollieren und dergleichen mehr. Ich fragte mich, ob so Dinge wie iFöun und Blog mit der ihnen innewohnenden Eigenmacht nicht vielleicht auch zu den Zwang-Förderern gehören. Mein iFöun, ich gebe es zu, besitzt eine Macht über mich, der ich mich nur schlecht entziehen kann. Wache ich am Morgen auf, schalte ich das Teil an und gucke, ob ich Mails oder sonst welche Infos aus der Welt das draußen erhalten habe. Ich bin nicht allein. Die Mailsucht, der Mailzwang – wer kennt ihn nicht? Ein lieber Freund von mir, K., hat neulich alle seine Mailadressen zugemacht und will nun wieder ohne Internet kommunizieren. Was er mir (und vermutlich allen seinen Freunden und Freundinnen) per Postkarte mitgeteilt hat. Back To The Roots. Die Karte. Der Brief. Bin ich normal, wenn ich als erstes am Morgen … Ist normal, was alle tun, selbst wenn es krank ist?

Nein, ganz zurück will ich nicht. Nur wieder mehr in den Langsammodus einklinken. Mich mit meiner inneren Kraft, die im Grunde so gar nicht mit dieser Dauerhektik kompatibel ist, verlinken. Ooops, dieser Wortschatz! Ja, ich bin ein Kind dieser Zeit. Ja, ich liebe Technik. Ja, ich liebe Internet und alle seine Möglichkeiten.

Ich liebe es, Möglichkeiten zu haben. Aaaber … Ja, das große ABER muss hier folgen. Kein moralisches, nein, ein inhaltliches. Wenn schon Technik, dann muss sie auch funktionieren. Und sie soll nicht zu viel und nicht zu wenig Möglichkeiten beinhalten. Wer sagt, wann genug ist und ich bin weißgöttin ja nicht das Maß aller Dinge. Wie habe ich gestern mitgelitten, als sich Irgendlink wegen des im vorigen Artikel (unten) erwähnten Updates der WordPress-Blog-App um seine zukünftigen Möglichkeiten als LiveReiseBlogger betrogen sah. Natürlich hoffe ich, dass die EntwicklerInnen bald ein besseres Update bauen. Rechtzeitig vor der geplanten Pilgerreise.

Irgendwann gestern Nachmittag, nachdem ich unser Tessiner Rustico gebucht hatte, wollte ich – zwecks zu erwartender Geocaching-Wanderungen – die Koordinaten des Ferienortes auf meiner neuen, echt tollen GPS-App, die mein in Schweden verlorenes GPS-Gerät würdig ersetzt hatte, eingeben. Ooops, was ist denn da los? Neues Layout? Da muss ich wohl irgendwann – ohne darüber nachzudenken – neulich ein Update geladen haben! Merde. Was für ein Sch…Layout! Doch damit nicht genug: auch der Aufbau ist gänzlich neu. Dazu ein neues Handling und neue Ordner – neu gibt es nun pro Tag einen Ordner statt nur einen pro Thema wie bisher. Unübersichtlich! Unbrauchbar! Wer sich wohl sowas ausgedacht und gewünscht haben mag? Auch das Markieren von Wegpunkten ist nun nicht mehr intuitiv machbar. Ich jedenfalls begreife das Handling nicht. Merde und nochmals merde (nein, dieses Wort übersetze ich besser nicht, liebe nicht französisch verstehende Lesende).

Was ich sagen will: Wieso kann etwas nicht einfach mal so bleiben, wie es ist – gut. Wieso immer dieser Wettbewerb – schneller, besser, größer, moderner – dieser Vergleich, dieser Modernisierungsstress? Arbeitsbeschaffung – und wie werden eigentlich Gratis-Apps finanziert? Wer hat was davon und wie wird der große App-Kuchen verteilt?

Als ich gestern Abend, müde und fiebrig wie ich war, noch immer auf dem Sofa saß und nicht hochkam, und darum auf meinem iFöun herum tippte, fand ich mich plötzlich im App-Store wieder. Gopf. Da habe ich bisher ja tatsächlich etwas verpasst, da tat sich mir eine große Glitzerwelt auf, von der ich bisher nicht mal geträumt habe.

Das Gerücht stimmt also tatsächlich: Es gibt für alles eine App. Okay, den Rasierer, den sich J. so sehr gewünscht hat, damals in Spanien, den habe ich auf die Schnelle nicht gefunden. Auch die Abwasch-App nicht. Aber das kommt gewiss bald. Falls sich jemand von Bartstoppeln und Dreckgeschirr Gewinn verspricht, meine ich. Aus purem Altruismus ist wohl noch keine App gebaut worden. Doch zurück zum Zubehörladen auf dem Telefon. Da habe ich mir also in den virtuellen Regalen besonders die Gratisangebote angeguckt. Die meistgewählten zuoberst gelistet, logisch. Nein, eigentlich war ich nicht wirklich überrascht. Wer wissen will, was die Menschheit interessiert, muss einfach da hingehen und sich das angucken. Am spannendsten ist es bei den Büchern. Da wechseln sich 6 und Religion im Gleichtakt ab. Und die Erde dreht sich doch.

Später im Bett, wen wundert’s, habe ich, bevor ich mein Smartphone ausgeschaltet habe, nochmals die Mails gecheckt. Normal?

hätte ich bloß nicht …

Manchmal kann ich einfach meinen Mund nicht halten. Kurz vor Feierabend, nach einem Tag, wo endlich ein paar stagnierte Dinge ins Fließen gekommen sind, steht mein Scheff, der ausnahmsweise vor mir das Büro verlassen will, unter der Tür. Plauderton. Dies und das.

Auf einmal ist es raus. Ich erzähle, dass ich am nächsten Dienstag mit zwei andern von meiner Schreibgruppe zur Eröffnung des neuen und ersten Berner Geschichtenladens ein paar Texte vorlesen würde. Sofort zückte er seinen Taschenkalender, da sein Palm zurzeit streikt, und kritzelt etwas hinein. Hoffentlich kann er es später nicht mehr lesen. Bei seiner Kralle durchaus möglich.

Hilfe!, dachte ich. Der wird doch wohl nicht etwa auftauchen? Hoffentlich plaudert niemand meinen Blognamen aus, sonst ist meine Tarnung dahin und ich kann nicht mehr, wie bis anhin, drauflos lästern. Na ja, dass ich blogge, hab ich ihm wohl mal erzählt. Allerdings weiß er, als Internetbanause, wohl nicht mal, was ein Blog ist. Und schon gar nicht, jedenfalls bis jetzt, unter welchem Namen ich in der virtuellen Welt herumspaziere. Gopf, das soll auch so bleiben.

Wieso gibt es bloß nicht auch im realen Leben ein paar dieser tollen Knöpfe, wie sie meine Laptoptastatur hat. Delete. Ihr wisst schon.

Während ich diese Zeilen tippe, druckt mein Epson meine Texte aus, die ich  für die Lesung ausgewählt habe. Ein Sammelsurium von schrägen, witzigen, grotesken Wortgeweben. Satzgespinste. Dada hie und da. Vier neue Lipogramme gar, die mir einfach so in die Finger, will heißen in die Tasten, geplätschert sind …

Wir werden abwechselnd lesen, so ist es ausgemacht. Wird sicher witzig.

Nein, danke, mir ist nicht mehr zu helfen …

Heute mal wieder die Berner City heimgesucht. Wie mondän das klingt! Cooler jedenfalls als Zentrum oder Innenstadt. Oder auch nur ir Schtadt

In einem Warenhaus, wo ich leere CDs erstehen wollte und dazu den Papierwarenbereich aufsuchte, der an den Kinderspielsachen-Bereich angrenzt, folgende Szene beobachtet. Mutter mit Kind vor Globussen mit Licht. Das Kind dreht an der Kugel, was sichtlich Spaß macht …

„Hie chasch d’Wäut lehre …“, sagte die Mutter. Hier kannst du die Welt lernen. Wenn das doch so einfach wäre!, dachte ich, schnappte die gesuchten CDs und verirrte mich auf der Suche nach der Abwärtstreppe im Irrgarten der Kinderkleiderabteilung, wo in einem Kinderwagen ein kleines Mädchen saß, ganz allein notabene, und die Welt furchtlos und neugierig beäugte.

Huch, dachte ich, hoffentlich wird das Kind nicht geklaut. Um es zu beschützen, hielt ich mich unauffällig in der Nähe auf und schaute mir dies und das, was da eben so lag und hing, an. Und auf einmal stand ein gelangweilter junger Verkäufer mit Pickeln, kaum dem Stimmbruch entwachsen, aber gschalet u gschniglet, also in Krawatte und Konfirmationsanzug, neben mir und fragte:
„Suechezie öppis beschtimmts?“, den Berner Majestatis Pluralis der Höflichkeit unhöflich missachtend. Ob ich etwas bestimmtes suche? Also echt, was die heute dem Verkaufspersonal an Rhetorik beibringen! Okay, ob mir (noch) zu helfen ist – die Standardfrage aus dem letzten Jahrhundert – finde ich auch nicht wirklich toll. Aber ob ich etwas bestimmtes suche, geht nun wirklich niemanden was an. Hätte ich sagen sollen, dass ich ein mir unbekanntes Kind bewache? Hat er mich womöglich durchschaut? Oder – noch schlimmer – hielt er mich gar für eine potentielle Kidnapperin? Na ja, wenn innerhalb einer oder sagen wir mal zwei Stunden niemand gekommen wäre, um nach dem Mädchen zu gucken … Ich gebe auch zu, dass ich, rein fiktiv, ein paar Szenarien durchgespielt habe. Ein paar Was wäre wenn-Stories. Konjunktiv und so.

Eben als ich mich, so höflich es eben unter den gegebenen Umständen möglich war, für die unerwünschte Hilfe des Verkäufers bedankt hatte, kam die Oma mit einem neuen Wasauchimmer-Dings in der Hand zurück und erntete ein Lächeln des kleinen Mädchens.

Und im zweiten Anlauf fand ich schließlich und endlich den Ausgang.

beziehungsweise …

Weise, wer zu andern in Beziehung steht. Alle eigentlich, irgendwie, zu allem, zu Dingen ebenso wie zu Undingen wie anderen Menschen. Relativ jedenfalls, alles, immer relativ. Immer alles in irgendeinem Verhältnis zu irgendwem und irgendwas. Im Stehen oder im Gehen. Oder auch nur beim Sein. Alles verhält sich irgendwie, beziehungsweise eben alle, zueinander. Mal nähere, mal fernere Relationen. Verhältnisse unter Verwandten, könnte ich sagen, denn das sind wir ja, und alle andern auch. So oder eben anders, denn alles ist ja, wie gesagt, relativ.

Besonders Besitz. Wer wen besitzt, zeigt sich daran, wer wen gewählt hat. Die Beziehung zueinander. Besitzergreifend zum Beispiel das  iFöun. Da hatte ich also mal so ein Teil gesehen und erlebt und ein bisschen mitbenutzen dürfen, und schon war er da, der Virus. Leise flüsterte er mir zu: Du kannst ohne mich und meine Verwandten nicht mehr leben. Gib mir dein Leben. Ich hatte keine Wahl mehr und kaufte dessen Schwester. Seine Cousine, das Fixnetz-Telefon, war seinerzeit weit weniger zudringlich. Und doch: auch sie oder es besitzt mich. Außer nachts. Ebenso ergeht es mir mit meinen privaten Mailprogrammen, während jenes im Geschäft ein Stiefkind ist. Aber auch verwandt. Das schon. Besitzergreifend ist auch mein Blog, keine Frage. Es fordert mir jeden Tag einen Beitrag ab, einen Tribut, eine Steuer – schließlich habe ich das Ding selbst kreiert. Einem Kind gleich – oder einem kleinen Vogel – streckt es mir seinen offenen Mund, will heißen Schnabel, entgegen und will täglich gefüttert werden. Kein Fastfood natürlich, dafür biologisch und so. Mit Ballaststoffen und Vitaminen. (Wieso nur muss ich hier an den Zauberlehrling denken, der – lang ist’s her – nach den Geistern gerufen hatte …)

Anders verhält es sich mit Dingen, die ich besitze. Wo ich die Scheffin bin. Bei meinem Fahrrad zum Beispiel. Obwohl auch dieses Teil hin und wieder ein Eigenleben führt. Meistens jedoch darf ich sagen, wo es lang geht. Mein Auto? Dieses Verhältnis ist ausgewogen. Wir besitzen uns gegenseitig, würde ich mal sagen, wohingegen Dinge wie Bett und Bücher und Laufschuhe meine Herrschaft, öhm, Frauschaft ohne zu motzen respektieren. Vielleicht mucken sie ab und zu auf, verstecken sich zuweilen (Bücher), lassen Regen ein (Schuhe) oder quietschen ein wenig (Bett, Schuhe auch hin und wieder), doch meistens sind sie nett zu mir. Und ich auch zu ihnen.

Apropos nett und verwandt und Besitz … Wie ich heute Morgen mit dem Rad zur Post fahre, um das Geschäftspostfach zu erleichtern, radle ich an einer Frau vorbei, die ihr Baby wie ein Känguru im Beutel vor dem Bauch trägt. Eben als ich sie überhole, küsst sie ihr Kind auf die Stirn. Ertappt schaut sie mich an. Wir lächeln uns zu. Ein Anblick, der mich berührt. Diese Zärtlichkeit, dieser Hauch … Küssen tun wir nur, wenn wir in Beziehung stehen. Küssen, die Lippen schürzen, den geliebten Menschen mit unserem Mund berühren. Archaische Handlung, denke ich, wie ich weiterradle. Archaisch, sich und den anderen Menschen auf diese Weise zu nähren und sich ihm so zu nähern … mit einer Berührung, die dem Füttern ähnlich ist. Sich küssende Menschen sehe ich später noch mehr, am Bahnhof. Freundschaftsküsse. Abschiedsküsse. Dreimal auf die Wange. Auf den Mund. Mit oder ohne Zunge. Berührung von Haut auf Haut.

Wie gesagt: Weise, wer zu andern in Beziehung steht. Und wunderbar, wenn wir jemanden haben, den wir küssen mögen …

(Jaaa, endlich habe ich mal wieder einen Schlusssatz gefunden …)