Hühnerstallsophien

Naturkunde auf dem Einsamen Gehöft:

Ein Huhn hat das Loch im Zaun entdeckt und büxt immer wieder aus – nur um mich immer wieder eine halbe Stunde später um Einlass zu bitten. Wer da wohl wen dressiert hat?

Später, wieder ausgebüxtes Huhn: Aha, jetzt wissen wir endlich, wer sich auch noch an Mietzes Futter gütlich tut! Jenseits des Zauns schmeckt eben alles besser.

Am heissen Samstagnachmittag irgendwann verlässt die ganze fünfzehnköpfige Hühnerschar für ein Stück alten Kuchen  ihren Schattenplatz, wo sie Siesta gehalten hat.

Und die Moral von der Geschicht …

eigentlich #2

Eigentlich könnte ich so tun, als wäre heute ein Reisetag gewesen. Wie vor einem Monat, als wir durch Schweden reisten. Ich könnte eigentlich über das heutige Stück Weg schreiben.

Wie ich da so mit iFöun und hochgelagerten Beinen, müde, auf dem Sofa sitze, kommt Ferienfeeling auf. Ich könnte ja einfach so tun, als wäre ich den ganzen Tag statt durch Excel-Tabellen und über Papierberge geklettert, durch Wälder, Wiesen und Hügel gefahren. Statt mit nervigen Klientinnen zu telefonieren, stelle ich mir vor, ich hätte mich mit Zeltplatznachbarn über – sagen wir mal – das Wetter unterhalten. Und schon kehrt die Fingerfertigkeit und Geschwindigkeit zurück, mit der ich vor einem Monat auf der Mini-Tastatur schreiben konnte. Denn um den Laptop nach neun dicht gefüllten Bürostunden aufzustarten, bin ich zu müde.

Oops, was sag ich da? Büro? Weit-weit weg! Wo ich doch auf Reisen war – eigentlich. Kopfreisen. Alles, das meiste jedenfalls, und ganz besonders Probleme, bauen wir in erster Linie in unseren Köpfen, sagt mein Liebster zuweilen. Wenn wir sie im Kopf weben, dann können, ja, müssen wir sie auch im Kopf entwirren. Sage ich. Eigentlich. Ebenfalls im Kopf fangen alle unsere Reisen an.

Die Phantasie ist die Straße zwischen Kopf und Bauch. Keine Schnellstraße, nein, sondern eine ungeteerte Schotterpiste. Ohne Wegweiser. Es braucht Mut, sie einzuschlagen, da wir nie wissen können, wohin sie uns führt. Wie dieser Text. Denn eigentlich – wie schon der vielversprechende Titel verrät – wollte ich ja was gaaanz anderes schreiben. Nur etwas ganz kleines.

Eigentlich wollte ich von euch ja bloß einen Tipp. Ich rätsle nämlich seit gestern an einer alles entscheidenden Frage herum:
Ist das Blog die Eintagsfliege oder ist das Blog die Erdbeere der Literatur? Oder wie wäre es mit der Spargel? Na ja, das ist wohl einmal mehr eine der ganz großen Fragen, auf die es keine Antwort gibt. *seufz* Ich jedenfalls werde wohl kaum erfahren, ob ihr jetzt gleich mit der Fliegenklatsche euren PC traktiert.

Erdbeere wären mir ehrlich gesagt lieber.

Freiheit und so

Als Lia nachschaute, waren alle weg. Alle! Weg! Spurlos!
Wie sollte sie ohne sie alle bloss arbeiten können? Etwa alles selber machen? Von Hand ihre Gewebe spinnen?

Nach anfänglicher Übermut machte sich langsam aber sicher Panik breit.
„Wo sind wir überhaupt?“, fragt die Erste.
„Wir werden uns verirren!“, sagte Nummer zwei.
„Was soll bloss aus uns werden?“, fragte die Dritte.
„Und das also nennt sich Freiheit?“, wollte der Vierte wissen.
„Ich friere!“, sagte die Fünfte.
„Was wollt ihr denn?“, erkundigte sich Nummer sechs, verantwortlich für die Flucht. „Zurück? Wieder jeden Tag verkannt ausharren? Wie bisher dieses Begrabschen erdulden? Erinnert euch wer ihr seid!“

Die anderen murrten kleinlaut vor sich hin. Freiheit hatten sie sich anders vorgestellt. Freier, übermütiger, autonomer. Sie hatten zwar einander, doch das Netz war rissig …

Lia wob weiter. Ohne ihr Team. Fühlte sich allein. Verlassen. Gut, sie musste zugeben, sie hatte die Anwesenheit ihrer Mitarbeitenden zu selbstverständlich genommen. Hatte gemeint, dass sie alle im gleichen Boot sässen. Hatte oft genug – geradezu gedankenlos – auf ihnen herumgehackt.

Dankbar dachte sie an die vielen schönen gemeinsamen Stunden zurück, doch schien ihre Wahrnehmung derselben einseitig gewesen zu sein, wie sie nun erkennen musste. Waren sie aus Abenteuerlust verschwunden oder wollten sie etwas demonstrieren? War es ein Streik? Lia setzte sich auf. Fragte sich, wie und ob sie diese verrückte Bande zurückholen konnte. Sie vermisste jeden einzelnen … Genau! Sie würde ihnen einen Brief schreiben. Und zwar von Hand.

„Ich habe Post für Euch!“, murmelte Pit, der Brieftauber, am nächsten Tag mit vollem Mund und liess einen dicken Umschlag aus seinem Schnabel zu Boden segeln. Es regnete, so dass dieser in einer Pfütze landete. Alle hechteten sofort hin und begannen zu tuscheln.

„Von ihr! Mach endlich einer auf … !“ So viele waren sie, dass niemand wirklich wusste, wem diese Aufforderung nun galt. Jeder gab sie weiter. Nummer sechs fühlte sich für die derzeit herrschende Missstimmung und das ganze Schlamassel verantwortlich. Stundenlang hatten alle auf ihr herumgehackt. Deshalb trat sie nun vor und öffnete sorgfältig den schönen Umschlag.

War sie von der Traufe – wie der Brief hier – nicht buchstäblich im Regen gelandet?

„Ihr Lieben! Gleich zuerst will – ja muss! –  ich Euch nachdrücklich sagen, dass ich Euch nicht brauche! Ehrlich! Ich kann ohne Euch leben. Doch wisst ihr was? Ich vermisse Euch sehr! Jede einzelne! Jeden einzelnen!

Ich begreife erst jetzt, wie reich und kostbar ihr mein Leben gemacht habt. Offensichtlich beruhte dies bis anhin nicht auf Gegenseitigkeit, wie ich heute traurig festgestellt habe. Da verbrachte ich doch meine bisherigen Tage im irrigen Glauben, mit Euch eine gemeinsame Form des Ausdruckes, der Kunst gar, gefunden zu haben. Wie frau sich täuschen kann. Doch ich verstehe schon, dass ihr es möglicherweise anders empfunden habt. Mir bleibt nichts übrig als Euch ziehen zu lassen, so ihr das vorhabt. Dazu wünsche ich Euch eine gute Reise.

Falls Ihr jedoch zurückkehren wollt, werde ich Euch mit offenen Armen empfangen und Euch zukünftig mit mehr Respekt und Achtsamkeit wertschätzen. Versprochen!

Herzlich grüsst Euch Lia“

Nummer sechzehn schnüffelte vor Rührung. Nummer sechs schaute sich um, sah lauter betretene Gesichter.
Natürlich wurde es demokratisch beschlossen.
Ebenso wie der Streik.
Oder die Flucht.
Oder die Reise.
Oder das Abenteuer.

Wie gesagt, sie machten alles demokratisch. So gut es eben ging. Denn Nummer sechs, auch F genannt, hatte manchmal schon so ihre Allüren. Und R war oft unzimperlich. B hingegen war verträumt und N reichlich wehleidig.

Als Lia am nächsten Morgen nachschaute, waren sie wieder da. Sie streichelte jeden einzelnen sanft.
„Wir sind doch ein Team!“, flüsterte sie dankbar.
„Auf zu neuen Taten!“, sagte Ausrufezeichen munter. L nickte bestätigend und F tat, als hätte sie ihren Platz auf der Tastatur nie verlassen.

(Quelle: Textarchiv von Sofasophia)

Von Punkten, Zahlen und anderen Zeichen

Zahlen zählen ganz schön. Ohne sie wären wir arm dran. Wenn wir viele von ihnen haben und dazu schön schwarz, können wir Brot kaufen und Joghurt, Käse und Benzin. Bücher mit noch mehr von ihnen drin, auf jeder Seite mindestens eine. Dann zwei und schließlich drei. Und wenn es ganz dick kommt, vielleicht sogar vier. Ohne Zahlen wüsste ich nicht, dass ich nicht mehr zwanzig bin. Die Zahl auf der Waage ignoriere ich gerne, zumindest ihre Aussage, und jene auf der Tafel in den Bergen raubt mir im ersten Augenblick den Atem. Allerdings nicht die Zahl, wenn ich es mir recht überlege.

Bei mir riechen Zahlen. Und sie haben eine Farbe. Diese Farben können nur wenige sehen und riechen können sie noch weniger. Nein, das ist weder esoterischer Quatsch noch etwas Krankhaftes. Auch nix, worauf ich stolz sein müsste. Einfach so ein Phänomen, dem die Wissenschaftlerinnen und Forscher sogar einen schönen Namen gegeben haben. Sorry, leider habe ich ihn vergessen. Egal.

Bei mir jedenfalls ist die Eins weißgelb und sechs graubraun. Sieben orange. Neun türkisblau. Manchmal wechseln die Farben, manchmal bleiben sie ganz weg. Jetzt zum Beispiel, wo ich hier sitze und schreibe, ist die Drei farblos. Ich rieche die Farben zwar nicht, aber ich schmecke sie in jenem Moment, wo ich ihre Farben sehe. Eins ist salzig, wie Aromat, das ich als Kind pur auf dem Brot mochte. Umgekehrt funktioniert es meistens nicht. Ich kann nicht violett denken und mir dazu die passende Zahl vorstellen. Auch den Geschmack nicht.  Auslöserin für das Riechen und Farbensehen ist bei mir immer die Zahl.

Seltsam, dass diese Kritzeleien, diese Striche mit Beulen, Bäuchen und Kreisen eine Jahrtausende alte Tradition haben, dass sie per Definition etwas bedeuten, einen Wert darstellen. So und so viel. So und so wenig. Obwohl es nur Striche sind. Zeichen.

Zeichen gibt es viele. Wolken am Himmel, Steine auf dem Weg. Zeichen machen Hoffnung, nähren Erwartungen, dienen als Omen. Irrationale Symbole, die durch unsere Träume schleichen, eine verschlüsselte Botschaft vermitteln, entschlüsselt den banalen Alltag erhellen können. Zeichen –Figuren, die ein kleines Kind in den Sand streichelt, in den Schnee stampft. Zeichen – Brücken zur Schrift. Mittel zur Kommunikation.

Was war zuerst? Der Satz oder das Satzzeichen? Das Wort, die Schrift oder das Fragezeichen? Oder gar zuerst der Doppelpunkt?

Nach einem Doppelpunkt ist alles möglich. Eine Aufzählung. Eine direkte Rede. Eine Geschichte. Ein Abenteuer. Auch nach einem Punkt ist alles möglich, doch einen Punkt setzen wir eher, um etwas abzuschließen. Anders als ein Komma, das weitere Möglichkeiten einleitet, hat der Punkt es so an sich, dass er etwas vollendet, abhakt. Und das Ausrufezeichen? Allzu viel davon ist ungesund, doch zur richtigen Zeit am richtigen Ort, kann das Ding nicht schaden …“

Gopf, und jetzt müsste ich noch irgendeinen kleinen klugen Schlusssatz haben.  Ach so, darum habe ich diesen Text, den ich in meinen Archiven, die ich nach einem für die Septemberlesung tauglichen Text durchforste, gefunden habe, nicht längst schon gebloggt. Es ist einer meiner vielen Texte ohne Schluss. Ohne Pointe. Nein, so geht das nun wirklich nicht … eine Pointe muss her! Der Kreis muss geschlossen werden …

Unbezahlbar, so ein letzter Satz. Wie ein Gutenachtkuss, wie ein letztes Winken, wie wie wie  …

Doppelpunkt

rotweißer Daumen

Statt mit den Leuten aus meinem Büroteam in der Räblus zu sitzen und die Nati anzufeuern, lag ich zuhause im Bett. Nach Hause geschickt in der minusdreißigsten Minute. Mein achter Fiebertag. Fieber als Dauergast. Fast wie ein guter Fußballspieler begleitete es mich  – mal in der Peripherie, mal ganz zentral – durch die letzten Tage. Heute bescherte es mir ein Fußballerlebnis der dritten Art.

Da liege ich also im Bett, mangels Fernseher mit den Radiokopfhörern über den Ohren, und verfolge den Fußball übers Äther. Ich kritzle „ein Sieg in einem Fußballspiel kommt nur dank den Fehlern des Goalies zustande“ auf einen Zettel, „wie im richrigen Leben!“. Dann döse ich weg. Irgendwann im Fieberdelirium beginne ich den grünen Rasen zu sehen. Und den Ball. Und die elf Männer, die die beiden mit Füssen treten. Schönstes 3D. Da. Ein Schrei: Gooooaaaal!

Träume ich? Für wen? Hab ich das richtig verstanden? Ein Tor der Schweizer Nati gegen den aktiven EurOPAmeister Spanien? Ich muss träumen. Doch da höre ich den Satz wieder! Der Journi sagt, dass die Schweiz führt. Es wimmelt zwar während des ganzen Spiels von gelben Karten, aber was soll‘s. Hauptsache WIR FÜHREN. Und das soll sich bloß nicht ändern. Mein linker Daumen bleibt für den Rest des Spiels rotweiß wie das Tii-Schii meiner Arbeitskollegin G., so sehr drücke ich ihn. Passt ja perfekt. Meine Nerven liegen blank und blanker. Neunzigste Minute.

Fünf Minuten Nachspielzeit? Wie bitte? Die spinnen, die Schiris! Denen hat es wohl ins Hirn geschneit!, denke ich. Die sind wohl gekauft. Am liebsten würde ich mit Rasenmähern um mich schmeißen und für den Bruchteil einer Tausendstelsekunde kann ich das Hooligan-Gen, das in allen von uns schlummert, sich in meinen fiebrigen Eingeweiden räkeln sehen. Es hat sich allerdings nur zur andern Seite gedreht und schläft gleich wieder weiter. Schließlich der letzte Corner. Meine Nerven flattern. Am Tor vorbei geschoßen. Und endlich pfeift der Schiri ab.

Wann habe ich je ein so spannendes Spiel gesehen? Gesehen, öhm, Fieberwahn und so. Immerhin steht es später auch so im Internet: 1:0 für die Schweiz. Also doch nicht alles geträumt. Auch die gelben Karten nicht. Und die hupenden Autofahrer sind vermutlich auch keine Sinnestäuschung. Oder etwa doch?

Die Abweichung

Alles, was wir sind, beruht eigentlich auf einem Irrtum. Das ganze heutige Menschsein. Einem unabsichtlich geplanten Irrtum sozusagen. Gott hatte – müsst ihr wissen – vor langer Zeit, was auch immer das eigentlich ist, den vermutlich genialen Plan, die menschliche Gerade, will heißen die menschliche Evolution, genau nullkommasiebenfünf Grad entlang einer vorgängig genau ausgeklügelten und definierten Basislinie, der Linie Null, der Gottlinie, laufen zu lassen. Aber weil er beim Umsetzen dieses Planes einen ausnahmsweise übermütigen Tag hatte, nahm er es nicht so genau wie geplant. Ob das Gerücht mit dem Wein stimmt, kann ich leider nicht bestätigen. Jedenfalls sind es nachweisbare nullkommaacht Grad, die die menschliche Gerade von Linie Null abdriftet.

Natürlich fragen wir uns nun, da wir dies erfahren haben, warum die menschliche Linie denn nicht parallel zur Gottlinie verläuft. Gute Frage. Eine der vielen, auf die es keine Antworten gibt. Immerhin ist nullkommasiebenfünf daneben ist ja nicht viel. Und der Unterschied von der geplanten zur tatsächlichen Linie, also nullkommanullfünf noch weniger. Kaum der Rede wert. Doch in den paar tausend Jahren, die seither vergangen sind, wurden daraus viele Kilometer. Die besagte Abweichung vom ursprünglichen Plan, dem Paradiesplan sozusagen. Wie es heute hier wohl wäre, wenn?

Tatsache ist, dass sich diese Abweichung überall bemerkbar macht und alle sind wir seither damit beschäftigt, diese globale und persönliche Abweichung vom Plan irgendwie zu kompensieren. Alle suchen wir seither irgendwie einen Weg, dieses grausame Leben zu ertragen. Zum Beispiel lenken wir uns vom lebendigen Leben ab und spezialisieren uns aufs konsumieren. Dazu schauen wir uns Dinge wie Fußballspiele an. Beispielsweise. Oder wir gehen arbeiten. Fahren Auto. Essen. Trinken. Schlafen. Schlagen Stunden tot. Drehen Däumchen und Grillspieße. Lesen Bücher und Blogs. Schreiben Nonsens und Klugscheiß. Und schauen noch mehr Fußballspiele.

Dabei wäre alles ganz einfach, denn …

(Schlusssatz-Variante Nummer eins)
… irgendwo ist eine Schatzkiste oder etwas in der Art versteckt auf dem die Urkoordinaten der menschlichen Spezies festgehalten sind. Nullkommasiebenfünf ist nur ein Platzhalter. Den Schatz finden würde alle Probleme schlagartig lösen. Der heilige Gral?

(Schlusssatz-Variante Nummer zwei)
… nun haben wir endlich den Beweis: Gott ist nicht unfehlbar. Aber ob das Ganze überhaupt ein Fehler war? Ob Leben parallel zur Gottlinie überhaupt menschenmöglich wäre?

(Schlusssatz-Variante Nummer drei)
… Göttin wäre sowas kaum passiert. Die hätte von vornherein mindestens Nullkommaneun Grad Abweichung eingeplant oder gar nicht erst mit Geraden herumgespielt. Hyperbeln und Parabeln, Kreise und Spiralen sind einfach viel schöner.

Geheimnisse

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne gut ausgeleuchtet Sofasophias Schlafzimmer. Nichts Böses ahnend hatte sich die Protagonistin hingelegt, um sich von den Anstrengungen des Tages zu erholen. Kaum aus ihrem kurzen Nickerchen erwacht, betritt Xenö das Schlafzimmer. Einfach so. Unerwartet und ungefragt wie immer. Seine Fragen könnten auch diesmal nicht hartnäckiger sein. Da führt einfach kein Weg dran vorbei. Wer ihn ebenfalls kennt, weiß, wovon ich rede.

Sofasophia: Was ich mir wünsche?

Xenö: Genau. Das war die Frage …

Sofasophia: Schwierig.

Xenö: Nö, ist doch ganz einfach … fang einfach irgendwo an …

Sofasophia: Ooops.

Xenö:

Sofasophia: Frieden natürlich und für alle genug zu essen, logisch. Und dass es meinen Freundinnen, die darben, bald wieder besser geht. Dass alle Menschen fair mit sich selbst, miteinander und mit der Mitwelt umgehen. Dass die Bereitschaft wächst, dem  Bewusstsein entsprechend zu leben, dass wir alle vernetzt und voneinander abhängig sind.

Xenö: Jaja, schönschön, nettnett … aber ich meine eigentlich, was du dir für dich alleine wünschst. Mal ganz ohne dieses empathische Geschwafel …

Sofasophia: Wie bitte? Ist echt schwierig, wie gesagt. Nur an mich selbst zu denken, ist nicht so mein Ding …

Xenö: Jetzt tu mal nicht so heilig! Du hast doch bestimmt irgendwelche persönlichen Wünsche?

Sofasophia: (Klar, hab ich die, aber die binde ich dir doch nicht auf die Nase. Wäre zu peinlich …) Vielleicht … muss mal überlegen.

Xenö: Stell dich nicht so an … oder bist du bereits erleuchtet?

Sofasophia: (hüstel) Öhm nein. Aber gute Idee. Ich wünsche mir tief innen drin immer glücklich zu sein.

Xenö: (die Augen verdrehend) Und weiter …

Sofasophia: Jederzeit liebe Freundinnen und liebe Freunde, die mit mir unterwegs sind und dass mein Liebster weiterhin mein Liebster sein mag …

Xenö: Schon fertig?

Sofasophia: (Soll ich? Soll ich nicht?) Na ja … genug Geld, um sorgenfrei leben zu können, hätte ich auch gerne. Dann würde ich auf Reisen gehen … Jaaa, nicht arbeiten müssen, wäre schön.

Xenö: Aha, da kommen wir der Sache doch schon näher. Wusst ich doch, dass du auch materielle Wünsche hast … weiter, weiter …

Sofasophia: (Hilfe, das nenn ich Druck … aber die geheimsten Wünsche behalte ich für mich …) … ich bin ja auch nur ein Mensch, jetzt tu mal nicht so!

Xenö: Jaja, komm zum Punkt …

Sofasophia: Hey-hey-hey!

Xenö: Gleichfalls.

Sofasophia: (habe ich überhaupt eine Chance?) Also gut, wenn du mir versprichst, dass du mich hinterher in Ruhe lässt, verrate ich dir meinen geheimsten Wunsch!

Xenö: Versprochen.

Sofasophia: Aber das bleibt unter uns? Kann ich mich auf dich verlassen?

Xenö: Ehrensache …

Sofasophia: Und du lachst mich auch bestimmt nicht aus?

Xenö: Ehrensache …

Sofasophia: Also gut. Ich wünsche mir nämlich schon ganz lange einen Schuhlöffel. Nein, das heißt zwei Schuhlöffel. Einen kleinen für unterwegs und einen langstieligen für zuhause. Aber stabil müssen sie sein. Und handlich. Zum Beispiel aus Leichtmetall oder einem stabilen Kunststoff. Hey, du! Du sollst doch nicht lachen … Hast es mir versprochen …!!! Duuuuu!

Und weg war Xenö …

sowohlalsauch

Da war neulich dieses spannende Gespräch. Um das Bedürfnis, sich mit seiner Kunst selbst darzustellen und Spuren zu hinterlassen versus das Bedürfnis, andere mit unseren Kreationen gut zu tun und zu berühren, ging es dabei. Nein, nicht versus natürlich. Immer alles. Immer beides.

Ist es purer Maul- und Seelendünnpfiff, dass jede und jeder über sich selbst redet und schreibt oder sich sonst wie darstellen will? Oder meinen wir vielleicht etwas in der Art: Hallo, ihr da draußen: Hört ihr mich? Geht es euch auch so, wie ich es hier schreibe (oder darstelle, wahrnehme, fotografiere, singe oder male)? Versteht ihr mich?

Selbstdarstellung ist meist der Beginn eines Dialogs. Neben der sich selbst sichtbar machenden Person ist da ja auch jene Person, die die Darstellung betrachtet, liest, zur Kenntnis oder wie auch immer wahrnimmt. Das DU!*

Wer sich selbst darstellt, macht sich sicht- und angreifbar – ob nun anonym oder nicht. Aus dem initiierten Monolog soll durch Resonanz ein Dialog entstehen, denn was nützt die schönste Selbstdarstellung ohne Publikum? (… ich folgere hier, dass Publikum für Resonanz und Dialog steht!) … Dialog von friedlich bis kontrovers … Wer sich darstellt, signalisiert  Bereitschaft zur Auseinandersetzung.

(Wir) ExhibitionistInnen brauchen VoyeurInnen wie Hühner ihre Eier. Was auch immer zuerst war. Betrachtende sollen rückmelden, dass sie sich in der Darstellung wiedererkennen. Sie sollen dankbar sein, sie sollen applaudieren! WinWin-Symbiose der besten Art**, denn wir alle haben schließlich das Bedürfnis, andere zu bewundern***.

Als Leserin will ich mich im Erlebten und Erzählten eines anderen Menschen, in einer Geschichte, wiedererkennen. Ich will mich bestätigt fühlen. Ich will „Ich bin ja doch irgendwie normal!“ denken oder „Ach so! Andere sind als auch so schräg!“
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*      Einschub: Person kommt von per sonare, was so viel heißt, das etwas in etwas anderem nachklingt, „soniert“ eben.
**   Art = Kunst?!
*** Diesen Aspekt der menschlichen Bedürfnisse und Bedürftigkeiten ins Absurde zu führen, überlasse ich dir selber!

In vollen Zügen

Ich lasse mich in die Polster des Zuges fallen. Des falschen Zuges. Will heißen, jetzt und hiermit der richtige. Den ersten richtigen habe ich verpasst. Die berühmte Minute. Was sage ich – die alles entscheidenden fünf Sekunden! Wo ich sie hätte sparen können? Beim Ticketautomaten bestimmt, denn ich habe dummerweise mein Ticket bei einem Automaten, der nur Plastikgeld annimmt, gelöst, was immer länger geht. Code eintippen und so. Früher zuhause losfahren hätte ich sollen, ganz einfach. Und mich unterwegs nicht aufhalten lassen. Der Typ im Lieferwagen in der Einbahnstraße, der nichts davon wissen wollte, dass jene kleine Straße, in der ich ihm entgegen fuhr, für Fahrräder zugelassen ist und der für sich die ganze Straßenbreite in Anspruch nahm, so dass ich absteigen musste – mindestens fünfzehn Sekunden hat der mich gekostet. Der hupende Postautofahrer, der mich daran erinnerte, dass ich eine Stoppstraße missachtet habe – allerdings ohne jemanden zu gefährden wohlverstanden – hat mich zwar keine Zeit, dafür ein paar Deziliter Adrenalin gekostet. Nein, ich kann niemandem die Schuld geben. Ich bin einfach zu spät losgefahren. Punkt.

Züge warten nicht. Auf der Treppe bin ich, als er losfährt. M***! Ich spüre, wie mir nach einem ruhigen kreativen Tag zuhause das Feierabendgedränge auf dem großen Bahnhof zu viel wird. Wie andere das bloß aushalten? Ein kleiner soziophobischer Schub. Zum Glück kommt der nächste Zug nach Burgdorf schon bald und zum Glück finde ich sogleich ein freies Abteil. Und zum Glück gibt’s Handys.

Endlich Ruhe im noch fast leeren Zug. Zwei Minuten später wälzen sich zehn Sechsjährige samt ihren Betreuerinnen ins Nachbarabteil. Fertig Ruhe! Wer will eine Rakete?, fragt eine der Betreuerinnen. Ich, ich, ich.

Nein, ich nicht. Ich nehme Reißaus. Natürlich liebe ich Kinder. Sehr sogar. Aber nicht jetzt. Nicht nach einem verpassten Zug. Nicht nach einem friedlichen, ruhigen Tag. Nicht, wenn es so heiß ist. Im nächsten Wagen sehe ich nur ältere Leute. Wieder lasse ich mich in die Polster fallen. Bestimmt ist es hier ruhiger. Weit gefehlt. Diese Seniorinnen und Senioren sind kaum leiser. Irgendwie gleichen sie in ihrem Rededrang den Kids von vorhin. Wie viel sie sich zu erzählen haben.

– Ah, du fährst auch noch Fahrrad!
– Fünfundsiebzig bin ich!
– Und ich fahre noch Mofa. Bin zwar neulich im Wald gestürzt.

(Was, du kannst schon Rad fahren?, hätten meine kleinen Nachbarn im ersten Abteil gefragt.)

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so alt werde, sagt eine alte Frau später. Andere sterben mit fünfundvierzig. Habt ihr von Vreni H. gehört? (Ooops, so alt werde ich in ein paar Tagen … *grmpf* will aber nicht sterben …) Wir haben es uns ja nicht ausgelesen, sagt eine andere Seniorin. Jeder hat halt seine Zeit.

Später, mit F. und zwei Hunden im Wald über Burgdorf, wo wir einen langen Spaziergang über die Flüh machen und nebenbei einen Cache heben, geht es mir wieder gut und auch wir haben uns viel zu erzählen. Auch ohne Raketeneislutscher und ohne Mofaunfälle.

Spät nachts muss ich offenbar unterwegs irgendwo meinen mp3-Player verloren haben. Heute jedenfalls konnte ich ihn nirgends finden. Oder war da gar ein Taschendieb am Werk, da aus meinen Jackentaschen eigentlich nicht so leicht etwas rausfallen kann? Womöglich liegt das Ding sogar irgendwo in meiner Wohnung und ich sehe es bloß nicht?

Eins ist sicher: die Seniorinnen von gestern würden über mich lachen!

Rezepte gegen Längizyti

Wenn deine Gedanken ständig in die Ferne schweifen …
Wenn du zwischendurch am liebsten ganz woanders wärst …
Wenn dein Scheff/deine Scheffin schon zum dritten Mal die gleiche Frage stellt, bis du endlich merkst, dass er/sie neben dir steht, was du selbst in diesem Moment ja auch irgendwie tust …
Kurz, wenn du Längizyti nach deinem/deiner Liebsten hast … Tja, was dann?

Mein Survivalkit für alle Fälle:

Ich lese alle Bücher, die sich im Gestell stapeln, besonders jene, die ich bei ihm abgestaubt habe (Vorsatz).
Ich überarbeite endlich mein Manuskripte „Loch im Eis“ zu Ende (sehr guter Vorsatz).
Ich unternehme auch ohne ihn tolle Fotoausflüge (ziemlich guter Vorsatz).
Ich höre mir all die Musik, die wir gemeinsam mögen, an und träume dazu (bereits ansatzweise umgesetzt).

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Y0QZ_AnOZsY&feature=related]

Ich lenke mich mit Arbeit ab (unausweichlich).
Ich lege mich müßiggängerisch aufs Bett und schnuppere an seinem Ti-Shi, das ich ihm geklaut habe (immer wieder umsetzbar).
Ich gucke mir unsere Bilder an, seine und meine (Vorsatz).
Ich lese und hüte sein Blog (bereits umgesetzt und immer wieder umsetzbar).
Ich besuche oder lade all jene Leute ein, die jammern, dass ich mich rar gemacht hätte (Vorsatz).
Ich genieße die Alleinsamkeit, ohne welche Zweisamsein nur halb so schön wäre (sehrsehrsehr guter Vorsatz).

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Beipackzettel oder fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Apotheker.