Was das eine mit dem anderen zu tun hat und warum alles zusammenhängt

Manche Dinge gehen bei mir nicht. Müssen sie auch nicht. Wir sind eben alle verschieden. Und das ist gut so und zum Glück habe ich endlich begriffen, dass ich mich nicht mehr zwingen muss. Bücher fertig zu lesen, zum Beispiel, die ich mittendrin nicht mehr weiterlesen mag. Dabei hatte ich mich wirklich auf Jo Nesbøs neues Buch gefreut. Macbeth, haha, lustig, wie Shakespeare!, dachte ich noch und fragte meine Bibliothek an, ob sie das Buch anzuschaffen gedenke. Tat sie. Und resevierte es gleich für mich.

Gestern habe ich es abgeholt. (Und gleich zwei andere mit. Obwohl ich noch andere ausgeliehene eBooks auf dem Tablet habe, die ich bald zurückgeben muss. So ist das nämlich bei mir: Hauptsache nicht ‘keine Bücher zu lesen‘. Das ist für mich der ganz große Horror. Das ist mein ‘Ich-habe-nichts-anzuziehen‘.)

Schon vor zweieinhalb Wochen ausgeliehen (und darum kurz vor dem Verfall) habe ich Dienstags bei Morrie. Gleich zwei Menschen hatten es hintereinander auf Twitter empfohlen, als die Frage die Runde machte, welches Buch man jemandem empfehlen würde, der nur noch ein einziges Buch lesen könne. Ein ultimatives Buch.

Ich lieh es mir in der vagen Ahnung aus, dass es sich dabei um ein wichtiges, lebensweises Buch handelt. Geschrieben hatte es der Journalist Mitch Albom im Jahr 1995. Immer dienstags hatte er seinen ehemaligen Professor, Morrie Schwartz, vor dessen nahem Tod eine Weile lang besucht. Bei ihren Gesprächen lernte Albom mehr über das Leben, das Sterben und den Tod; und über den Umgang mit einer unheilbaren Krankheit und den Mut zu leben.

Nun hatte ich also zwei ganz und gar unterschiedliche Bücher, die ich als nächstes lesen wollte. Macbeth öffnete ich gestern kurz vor Feierabend. Nur ein paar Seiten, sagte ich mir, zum Warmwerden, zum Einlesen, zum Festlesen.

Auf den ersten Seiten des Buches folgte ich einem Regentropfen und erfuhr etwas über den (fiktiven) Ort, eine Stadt im Norden, in welchem die Geschichte spielt. Ich wusste vage, dass ich hier nicht auf Harry Hole treffen würde, dass ich aber auch nicht auf das Norwegen aus Nesbøs bisherigen Kriminalromanen stoßen würde, wurde mir erst nach und nach klar. Allmählich dämmerte mir, dass ich mich hier auf eine uralte, neuerzählte Geschichte einlassen musste. Auf eine, die von Korruption erzählt, von Macht und von Gewalt. Und mir dämmerte, dass ich, obwohl ich einige Werke Shahespeares gelesen hatte, ausgerechnet von Macbeth – der Vorlage des neuen Nesbø-Romans – kaum eine Ahnung hatte.

Ungeachtet dessen versuchte ich lesend, den Figuren näher zu kommen. Was soll ich sagen? Es gelang mir nicht wirklich. Versuche ich es halt später noch einmal!, dachte ich und legte das Buch zur Seite. Nach dem Abendessen öffnete ich Dienstags bei Morrie, in der Hoffnung, das mich dieses Buch auf die eine oder andere Art packen würde. Und mit mir machen, was ich von Büchern erwarte: Es sollte mich auf andere Gedanken bringen, zum Nachdenken, zum Hinfühlen, kurz: mich eintauchen lassen in eine andere Welt als meiner realen.

Im Laufe der letzten Tage hatte ich im Internet, besonders in den sozialen Medien, viel – viel zu viel – gelesen, das mir Unbehagen bereitete, um nicht zu sagen Panik. Was auf der Welt abgeht, wühlt mich grundsätzlich sehr auf. Was aber in der letzten Zeit geschieht, tut mir schon beim bloßen Lesen und Zugucken weh.

Fast ebenso wie die Verblendung vieler Menschen, was ihre Bereitschaft zu gesellschaftspolitischer Manipulation und ihre politische Gesinnung betrifft und der wachsenden Akzeptanz Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Selbstjustiz gegenüber, schmerzt mich die zunehmnde Polarisierung, Spaltung, Abgrenzung zwischen uns Menschen. Mich schmerzt es, uns dabei zuzusehen, wie wir Mauern hochziehen, wie wir uns verbal und physisch ineinander verhacken und verkeilen, einander ankläffen, miteinander immer respektloser umgehen. Wie aus dem, was eigentlich zusammengehört, weil alles zusammenhängt, immer mehr sich bekämpfende Einzelteile werden. Ich habe heftiges Weltweh.

Nicht, dass ich denke, man solle Verständnis für Übergriffe haben oder gar übergriffige Taten tolerieren, welche Menschen gelten, die aus den unterschiedlichsten Gründen von der Norm abweichen. Es braucht dazu inzwischen leider sehr wenig, als wäre die Norm geschrumpft – egal nun ob eingewandert oder hier geboren, fremd oder sonstwie speziell aussehend, krank oder sonst einen vermeintlichen Makel oder eine unübliche Lebensweise habend: Abweichungen von der schmal gewordenen Norm zu haben wird je länger je gefährlicher.

Ich glaube übrigens inzwischen fast nicht mehr daran, dass man mit Gesprächen und Aufklärung wirklich etwas erreichen kann – Gehirnwäsche ist schwer wieder wegzubekommen. Ich glaube allerdings auch nicht, dass wir mit Hysterie und Zurückgiften weiterkommen. Wie wir weiterkommen, weiß ich allerdings auch nicht. (Außer mit Liebe, doch die ist still und leise; und sie spricht nur, wo und wenn sie gehört werden kann.)

Nun ja, mit solch hilflos-trüben Gedanken hatte ich mich also gestern Abend einem guten Buch zuwenden wollen. Schließlich las ich mich ein wenig in die Geschichte Dienstags bei Morrie ein, doch bald merkte ich, dass ich diesen Tonfall nicht ertrage. Jahrelanger Bestseller hin oder her: dieses bittersüßklebrige, dieses amerikanisch-aufgeblähte, effekthascherisch-inszenierte Geschreibsel nervte mich bereits nach zehn Seiten. Und ich muss gestehen, dass es wirklich nicht viele amerikanischen Autorinnen und Autoren gibt, die meine Gunst finden (oder dann habe ich sie noch nicht entdeckt).

Neben dem Tonfall, den ich mit ein bisschen gutem Willen vielleicht ignorieren könnte, stört mich an diesem Buch, das es, wie so viele Bücher, die Lebensweisheiten verkaufen wollen, einen latenten Hang zu Absolutheit in sich trägt. Im Grunde sind es ja die persönlichen Erkenntnisse eines Sterbenden, über die ich hier lese, doch die Geschichte kommt daher, als wären die Lebenserkenntnisse dieses klugen, ohne Zweifel weisen und sehr liebevollen Menschen sakrosankt.

Wenn ich lese, wie Morrie neuerdings über das Leid der Menschen in bosnischen Kriegsgebieten, die in den Fernsehnachrichten gezeigt werden, weinen muss und sagt, dass er in der letzten Zeit überhaupt ständig über all das Unrecht auf der Welt weinen müsse, denke ich nur: Ähm, hallo! So geht es mir auch. Ständig. Schon immer. Was ist daran so besonders? Wir sind Menschen und wir wollen natürlicherweise menschlich handeln. Und menschlich behandelt werden. Wir fühlen natürlicherweise mit anderen mit. Was ist daran eigentlich so besonders? Vielleicht, dass das in unserer Welt nicht mehr normal ist? Ist die neue Norm, dass uns die Natur des Menschseins abhanden gekommen ist?

Vielleicht darum klingen Morries Aphorismen für mich fast ein wenig zynisch, obwohl das ganz sicher nicht Absicht war. Dass aus ihnen quasi allgemeingültige Formeln für ein gutes Leben geschaffen wurden, widerstrebt mir. »Akzeptiere, dass es Dinge gibt, die du zu tun vermagst, und Dinge, zu denen du nicht fähig bist.« Nun ja. Vielleicht stören mich ja schlicht und einfach die implizierte Allgemeingültigkeit und die undiffernzierte Verallgemeinerung von Morries persönlichen Erkenntnissen? Auch mit Morries Ermutigung, sich ständig mit anderen Menschen kurzzuschliessen und auszutauschen, kann ich mich so nicht anfreunden. Zwar mag ich Menschen grundsätzlich, aber meistens und gern bin ich allein. Wir sind eben alle verschieden. Und das ist gut so.

Ja, es ist sehr wichtig, dass Geschichten erzählt werden, die uns an die fragile Natur und Endlichkeit des Lebens erinnern; Geschichten, die uns an die wirklich wesentlichen Dinge des Lebens ermahnen: An Liebe, an Menschlichkeit, an Mitmenschlichkeit, an Mitgefühl – aber bitte nicht so absolut und marktschreierisch. Wie auch immer: Ich habe das Buch geschlossen. Möglich, dass ich noch ein bisschen weiterlese, doch bezweifle ich, dass ich neue Erkenntnisse entdecken werde.

Vorm Ins-Bett-Gehen habe ich mich nochmals an Macbeth gewagt, und auf einmal wusste ich, obwohl ich mich inzwischen halbwegs in die Handlung hineingefunden hatte, was mich an dieser Geschichte so anstrengte. Erst allmählich hatte ich es zu fassen bekommen, doch schließlich bewog es mich dazu, auch Nesbøs Buch zuzuklappen. Die Geschichte ist mir schlicht zu männlich. Und vielleicht geht es mir sogar auch mit Dienstags bei Morrie so ähnlich:
Männer erklären mir die Welt der Korruption (= Shakespeare/Nesbø).
Männer erklären mir den Sinn des Lebens (= Morrie/Albom).

Mit ’zu männlich’ meine ich ’zu patriarchal’. Ich brauche dringend eine andere Sicht auf die Welt, eine weiblichere – ob aus männlicher, queerer oder weiblicher Feder ist dabei egal. Fakt ist, dass die Welt patriarchal tickt. Wir alle haben diesen Takt verinnerlicht. Männer, Queere, Frauen. Jetzt und schon viel zu lange. Ich lebe, wir Menschen des Westens leben in einer vorwiegend männlich dominierten Welt, wie sie mir letztlich in diesen beiden Büchern gezeigt wird.

Bei Macbeth sind es Korruption und die Abstraktion, Vermännlichung und Verteufelung des Weiblichen, bei Morrie Kapitalismus, Ehrgeiz, Leistungsdenken und daraus resultierender Stress. In beiden Welten ist kein Raum für wahre Werte wie Liebe und Mitgefühl. Vielleicht der Grund, warum Bücher wie Dienstags bei Morrie so geliebt werden? Wir Menschen sehnen uns nach Antworten, nach Weisheiten. Und wenn sie von einem weisen, leidenden, sterbenden Mann kommen, zählen sie doppelt. Nicht dass ich Morries Erkenntnisse schlechtreden will, mich stört eher der Wirbel um etwas, das natürlicher sein sollte – die liebevolle Weisheit des Alters. Der Wirbel bestätigt eigentlich, wie sehr wir als Gesellschaft die wahren Werte aus den Augen und aus Kopf und Herz verloren haben. Obwohl mich der Lebensmut des totkranken alten Professors wirklich sehr berührt, weiß ich, dass dennoch nicht alle die gleiche Lebenszugewandtheit und Resilienz wie Morrie haben können. Vergleiche und Verallgemeinerungen sind müßig.

Wir sind eben alle verschieden. Und das ist gut so. Ich spreche mich für Diversität aus. Ganz besonders im Menschsein.

Gesunder Menschenverstand im Labyrinth

Wir denken über Kurse in Gesundem Menschenverstand nach als wir zum Grenzbahnhof fahren, von wo aus Irgendlink nach ein paar Tagen bei mir in der Schweiz wieder nach Hause fahren wird. Und über Kurse mit Titeln wie ’Mein Weg durch das Labyrinth’ oder ’Wie komme ich da bloß wieder raus?’

Wir hatten uns über das Verhalten der Menschen unterhalten – auf der Straße und im Alltag. Über die Polarisierungen, die je länger je sichtbarer werden. Auf der Straße sind es – zum Beispiel – einerseits die Radfahrenden, andererseits die Autofahrenden. Oder einerseits die Autofahrenden, andererseits die Radfahrenden. Dieses ’Wir’ und ’die anderen’. Dieses Ich-bin-richtig-und-du-bist-falsch-Denken, das sich immer mehr in unseren Lebenshaltungen einschleicht, so leise, so unscheinbar, dass wir es gar nicht wirklich merken.

Die Bereitschaft zur Einsicht, dass wir alle Fehler machen und dass das in den meisten Fällen nicht schlimm ist und man einfach um Verzeihung bitten kann, ist vielen abhanden gekommen, sagt Irgendlink mit Blick auf den Straßenverkehr. Es müsste Fahrkurse geben, bei welchen die Kursteilnehmenden einmal als Radelnde und einmal als Autofahrende agieren, damit man beide Seiten erleben kann. Kursinhalte eigentlich, die sich auf das ganze Leben ausdehnen lassen. Kurse eben in Gesundem Menschenverstand. Und klar, auch bei einem Wechsel der Perspektive und der Position können wir natürlich nie genau wissen, wie es wirklich ist in der Haut des anderen zu stecken. Helfen würde es aber auch jeden Fall.

Gestern wollten wir zu einem Geländelabyrinth radeln, knapp sieben Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Dass ausgerechnet gestern in meinem Wohnort SlowUp war, hatte ich völlig vergessen. Und dass die Route an meinem Haus vorbeiführt, war mir erst recht nicht bewusst gewesen. Für diese Aktionen, die an verschiedenen Sonntagen in der ganzen Schweiz durchgeführt werden, sind die Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Dafür stehen sie in ganzer Breite offen für Langsamverkehr wie Fahrräder, Skates und so weiter. Früher, als diese Bewegung noch jung war, hatte ich auch das eine oder andere Mal mitgemacht. Aber seit der Funke auf die Masse übergesprungen ist (was ich im Grunde natürlich gut finde!), mag ich nicht mehr mitmachen. Alles, was mit Masse zu tun hat, gruselt mich.

Dass wir genau in die Richtung, aus der die Masse kam, radeln wollten, machte es nicht besser. Die uns entgegenflutende Menschenmenge hat mich am Anfang ganz schön fertig gemacht (ja, so bin ich). Wir wählten, wo immer möglich, Alternativstrecken, Schleichwege, doch natürlich hatte die Organisation die schönsten und besten Routen ausgewählt, manchmal die einzigen, und so fuhren wir etwa die Hälfte unserer Strecke gegen den Strom. Schließlich verließen wir diesen und fuhren auf Feldwegen. Bei dreißig Grad Hitze. Wir waren bis sechshundert Meter ans Labyrinth, das auf einem Hügel liegt, herangefahren – und kapitulierten. Ich vor allem. Die Hitze und mein Kreislauf werden niemals Freude, befürchte ich. Der Liebste meinte: Kein Problem. Wir müssen da nicht hoch. Wir müssen überhaupt nichts. Wir können einfach zurückfahren.

Taten wir dann auch. Diesmal sogar ein Stück im SlowUp-Strom. Zu einem wunderbaren Badeplatz am Zusammenfluss von Limmat und Aare. Was für eine Ruhe dort und wie gut das kühle Wasser tat!

Das Labyrinth von Chartres, welches für das Wiesenlabyrinth das Vorbild war.Ich könnte ja eigentlich heute zum Labyrinth fahren, sagte ich zu Irgendlink, als wir heute Morgen frühstückten. Genau … auf dem Rückweg vom Grenzbahnhof könnte ich dort vorbeifahren, es liegt ja fast am Weg.
Oder wir fahren nachher miteinander hin?, antwortete Irgendlink. Wir fahren einfach eine Stunde früher los.

Gesagt, getan. Weil es regnete, als wir das Dorf erreichten, fuhren wir auf Feldwegen direkt zum Labyrinth statt unten zu parken und hochzuspazieren. Kaum oben angelangt, hörte der Regen auf.

Doch was für eine Enttäuschung! Das Labyrinth war nicht wirklich auf den ersten Blick als solches sichtbar; halb zugewachsen, überwuchert lag es da. Wäre da nicht die Info-Tafel gewesen, hätten wir es vermutlich gar nicht bemerkt. Unsere Lust, es zu begehen, hielt sich in Grenzen.

Das Bild zeigt eine Luftaufnahme des Wiesenlabyrinths an einem wolkigen Sommertag unter blauem, wolkigem Himmel. Im Hintergrund Hügel und Wälder.
Quelle: http://www.labyrinth-international.org/labyrinth-remigen-ag.html

Aber es nicht zu begehen war dann doch keine Option. Wenigstens ein paar Schritte hinein mussten wir tun.

Ich wählte den Weg nach rechts, der, wie ich später auf der Grafik sah, eigentlich gar kein Weg war. Weil die Spur nicht wirklich gut sichtbar war, spielte das für mich keine Rolle. Wirklich verlaufen kann man sich in einem Labyrinth ja nicht. Auch Irgendlink schritt das Labyrinth ab. Beide hatten wir den Blick auf die Füße gerichtet, da es nicht immer ganz einfach zu erkennen war, wo eine Kurve oder eine Wendung kam. Mit diesem Blick auf den Boden auf den unmittelbar vor mir liegenden Weg, sagte ich nachher, könnte ich direkt den Blick fürs Ganze verlieren.
Manchmal kamen wir uns nah, kreuzten uns oder waren sogar auf parallelen Wegen unterwegs, manchmal war er genau gegenüber, maximal weit weg von mir. Manchmal entfernte ich mich von der Mitte, mal ging ich direkt auf sie zu, nur um im letzten Moment doch wieder eine Wendung zu nehmen, die mich weg aus der Mitte führte. Und irgendwann erreichte ich sie dann doch. Wie im richtigen Leben halt.

Etwa eine Viertelstunde waren wir still in unser Gehen vertieft. Meditativ.

Was soll ich sagen? Es hat gut getan. Die anschließende Neubewertung fiel positiv aus. Dieses halb zugewachsene Etwas inmitten einer Wiese an einem Hügel in den Fricktaler Hügeln hat mich wieder geerdet, nachdem ich am Morgen eher ein bisschen neben mir gewesen war.

Zweite Chancen haben auch Tage verdient, die in Schieflage anfangen.

Dass du nicht mehr leben willst. Ein Brief | #Depression #notjustsad

Lieber Mensch

Du sagst, dass du keine Kraft mehr hast, weiterzuleben. Dass das Leben so weh tut, dass du es kaum mehr erträgst. Ich sehe deine Tränen. Ich spüre deinen Schmerz. Ich höre dir zu, halte dich und weine mit dir. Ich versuche, zu verstehen, auch wenn ich weiß, dass das nicht wirklich geht.

Du magst nicht mehr leben. Immer wieder sagst du es.

Die Fragen, die ich mir stelle, wenn ich dich das sagen höre, sind vielleicht nicht die, die sich die meisten anderen stellen. Ich studiere zum Beispiel definitiv nicht über deine Zwangseinweisung in die Psychiatrie nach. Und nein, ich studiere auch nicht darüber nach, wie ich dich retten könnte.

Ich versuche einfach nur zu fühlen, wie du dich wohl fühlst. Ich nehme dabei wahr, was dir jetzt weh tut, aber ich nehme auch wahr, was früher war. Was du schon alles erlebt hast. All das, was dich schon als sehr junger Mensch immer wieder aufgerieben hat. (Natürlich gelingt mir das nicht ohne Vergleiche mit meinen eigenen Wunden, doch solange ich mir dessen bewusst bin und nicht von mir auf dich schließe, ist das in Ordnung. Zumal ich ja deine Wunden nicht heilen kann. Ich kann bestenfalls Salbe auftragen.)

Ja, es ist eine verdammte Scheiße, was dir da alles passiert ist, was du alles erlebt hast. Was dich alles geprägt hat. Schrecklich auch, dass damals niemand da war, der dir geholfen hat. Nein, niemandem dürfte das passieren, auch nicht Teile davon. Kein Mensch darf einem anderen Menschen solche Dinge antun! (Auch wenn man selbst kaputt ist, darf man andere Menschen nicht kaputt machen.) Es geschieht dennoch. Tagtäglich.

Ich spüre dein Leid. Manchmal ist es für mich als Zuhörerin schier unerträglich schmerzhaft. Wie viel schlimmer muss es dann für dich sein?

Ja, ich verstehe, dass du nicht mehr leben magst.

Die Fragen, die ich mir stelle, sind nicht: Wie kann ich dich retten? Wie kann ich verhindern, um jeden Preis, dass du dir etwas antust, dass dir das Leben nimmst?

Damit wäre dir nicht geholfen, nicht wirklich. Ich darf dich nicht zum Leben zwingen.

Die Fragen, die ich mir stelle, lauten: Womit kann ich dich überzeugen, dass sich ein Weiterleben lohnt, trotz all des erlebten Bullshit, trotz all der Feindseligkeiten auf dieser Welt und in deiner Umgebung, trotz all der existentiellen Ängste, die in deinem Leben sehr real sind? Wie kann ich dir erlebbar machen, dass du um deinetwillen ein liebenswerter Mensch bist, auch wenn du keine Kraft mehr hast? Wie kann ich dich unterstützen? Wie kann ich dazu beitragen, dass die Welt ein Ort ist, auf dem es sich auch für Menschen, die keine Kraft mehr haben, erträglich leben lässt.

Ich bin die Letzte, die es verurteilen oder nicht verstehen würde, wenn du eines Tages genug hast und den Tod wähltest. Du würdest eine große Lücke hinterlassen, nicht nur bei mir, bei anderen, aber ich würde es akzeptieren.

Ich wünsche mir, dass du nicht in erster Linie aus Rücksicht auf andere hier bleibst, am Leben. Ich wünsche dir, dass du in erster Linie dir zuliebe leben kannst.

Ja, das ist es, worüber ich nachdenke, während ich dir zuhöre. Während ich deine Tränen sehe. Während ich deinen Worten und deinem Schmerz lausche.

Mögest du entdecken, wie gut es sich anfühlt, dir zuliebe zu leben.
Mögest du dich lieben, von Kopf bis Fuß, immer ein bisschen bedingungsloser, immer ein bisschen befreiter vom Denken und den Rückmeldungen anderer.

Du bist es wert. Du bist liebenswert.


Ich habe diesen Brief für dich geschrieben – und für dich und dich auch. Und ja, ich habe ihn auch für mich selbst geschrieben. Für den Fall, dass ich es mal wieder vergessen sollte, dieses Liebenswertvollsein.

Inspiriert hat mich unter anderem ein Text, den ich heute im Blog Dare to be mad gelesen habe. Er heißt Ein paar Worte zu Suizid:

Ich zitiere:
»Es macht mich unendlich traurig, wenn ein Mensch so lange gekämpft hat, eine Zeit lang sogar glücklich war, therapeutisch an sich gearbeitet hat, für andere viel bedeutet hat, anderen Betroffenen helfen konnte und so viel zu geben hatte und am Ende doch unter der Last seiner seelischen Wunden zusammenbricht. Chester Bennington wurde als Kind sexuell missbraucht. DAS hat ihn umgebracht. Wenn einer schuldig ist, dann die Täter aus seiner Kindheit. Manchmal ist das, was Menschen erleben und erleiden mussten, so unendlich furchtbar, dass sie nicht mehr damit leben können. Therapie hin, liebevolle Familie her. Es zerreißt mir das Herz, wenn ein Mensch psychisch so schwer verletzt ist, dass ihn nichts Heilendes mehr erreicht.«

Plädoyer fürs Umvollkommene

Ja, das muss so. Dieses M im Titel war eigentlich ein der Müdigkeit geschuldeter Tippfehler, doch als ich ihn korrigieren wollte, lachte er mich aus:
Du plädierst für Unvollkommenheit und willst mir an den Kragen? Wie konsequent ist das denn bitte?

Seit bald zwei Wochen steht dieser Text hier. So ungefähr jedenfalls. Als Entwurf. So lange schon tüftle ich also an Sätzen und Aussagen herum. Gestern habe ich sogar statt ’speichern’ versehentlich ’veröffentlichen’ angeklickt und darum war der Artikel etwa zehn oder zwanzig Sekunden online. Schnell habe ich ihn wieder aus dem Netz geholt, denn er war ja noch gar nicht fertig. Noch nicht perfekt genug. Äh …

Ob Vollkommenheit im umvollkommenen Zustand nicht doch irgendwie viel erträglicher ist?
Anders gefragt: Sind wir denn nicht alle schon irgendwie vollkommen. Alles da. Eigentlich. Aber eben. Es gibt da so viel zu feilen, so viel zu perfektionieren, so viel zu bedenken, zu verändern, zu machen. Obwohl alles da ist. (Schrödingers Vollkommenheit sozusagen.)

Ist Perfektionismus womöglich eine Vermeidungsstrategie, die darauf hinzielen soll, uns unverletzbar zu machen?
Unverletzbarkeit, Unangreifbarkeit – zwei Schutzbedürfnisse, denen wir mit viel und gleich noch mehr Selbstoptimierung entsprechen wollen. Je schneller die Welt sich dreht, desto besser müssen wir sein. Meinen wir, sein zu müssen.

Ich kenne vor allem junge Frauen, die der Selbstoptimierung, dem Selbstoptimierungswahn verfallen. Noch besser, noch schöner, noch bezaubernder, noch erotischer, noch deeper wollen sie sein. Dass die sozialen Medien diesem Wahn Vorschub leisten, ist bekannt. So viel Schein ist mir suspekt …

Wie las ich neulich?

»Das polierte Glück der andern schmälert das eigene

Soziale Plattformen, auf denen «schöner leben» zelebriert wird, wirken in dieser Hinsicht wie mächtige Neidgeneratoren. Allein schon die schiere Zahl an Vergleichsmöglichkeiten mit hunderten von Freunden kann unser Selbstbewusstsein strapazieren.«

Quelle: www.srf.ch/kultur/netzwelt/

Wir messen und vergleichen. Ständig. Und wir setzen uns ständig unter Druck. Und noch mehr Druck. Ob bei der Arbeit oder in der Freizeit – Hauptsache wir haben eine glatte Fassade. Alles dreht sich darum, den Ansprüchen zu genügen, die wir denken, dass andere sie an uns haben. Oder wir selbst. Denn auch das ist Perfektionismus: Wir halten uns nur bedingt liebenswert, solange wir nicht unsern hohen Ansprüchen genügen, die wir an uns haben. (Dieses Wir meint alle, die sich betroffen fühlen. Ich kenne da so einige …). Ich behaupte, dass das hier eine Ursache für viele Krankheiten ist.

Bis zu einem gewissen Grad kann uns Konkurrenzkampf ja inspirieren und herausfordern, etwas Neues auszuprobieren, aber jener Konkurrenzkampf, der heute oft praktiziert wird, ist lebensfeindlich, lebensgefährlich. (Vergessen wir dabei aber nicht, dass am meisten Druck von uns selbst kommt.) Bei all dem aus Angst geborenen, oft sehr existentiellen Druck, dem so viele Menschen ausgesetzt sind, ist uns das Miteinander abhanden gekommen. Im Blick auf den eigenen Kampf verlieren wir den solidarischen Blick aufs große Ganze. Und ja, das meine ich durchaus auch politisch.

Umso mehr freue ich mich immer, wenn ich inmitten all der Schlammschlachten in den Medien eine Perle finde. Menschen, die einander unterstützen. Wie in diesem kleinen Film, den ich neulich schon auf FB und Twitter geteilt habe.

Das ist der > Spendenlink.

Oder, oder, oder …
Ja, es gibt sie, diese Menschen. Und ich ziehe vor ihnen dankbar meinen Hut, auch wenn ich selbst im Moment aktiv nicht viel tun kann.

Was ich zu tun versuche:

  • Nicht wegschauen, aber beim Hinschauen den Fokus immer wieder auf Heilsames zu richten versuchen (was mir oft nicht gelingt)
  • Mir bewusst machen, woher der ganze Druck kommt, der so viele Menschen erfasst und sich an Feindbildern vollfrisst. Es ist die Angst mit all ihren Gesichtern. Angst vor dem Fremden, Angst vor dem Unbekannten, Angst vor der Zukunft. (Sie wirkt auf viele wie eine Droge, sagte Irgendlink neulich. Sehe ich auch so.)
  • Mir bewusst machen, dass wir alle miteinander verbunden sind.
  • Mir bewusst machen, dass wir alle eine Art Werkeinstellung in uns haben, die auf ’Lebenserhaltung und Gemeinschaft’ programmiert ist. Wäre. Ist. (Leider ist dieses Programm bei ganz vielen Menschen aus vielerlei traurigen Gründen nie installiert und konfiguriert worden, viele von uns haben stattdessen mehr oder weniger ständig den Notfall- und Überlebensmodus eingeschaltet.)
  • Mir bewusst machen, dass ich mit meinem ’göttlichen Kern’ (Seele, innere Mitte etc.) verbunden sein kann, wenn ich das will.
  • Mich mit meinem ’göttlichen Kern’ verbinden.

Ich ahne, dass es letztlich die Verbundenheit mit diesem ’göttlichen Kern’ in uns ist, die uns hilft, wenn wir Hilfe brauchen. Verbundenheit mit mir selbst, mit meiner Mitte, mit meinem göttlichen Inneren, mit diesem mit allem und allen verbundenen weisen Zellkern. Könnte er es gar sein, der auf uns aufpasst, der uns unterstützt, wenn wir ihn brauchen, zumal er ja nicht an Zeit und Raum gebunden ist? (Von all den göttlichen Theorien scheint mir das eigentlich die Nachvollziehbarste. Zumal ich nicht an einen Gott außerhalb von uns Wesen glauben kann. Aber ich kann auch nicht an nichts glauben.)

Schon seit längerem bin ich davon überzeugt davon, dass jegliche Religion, jeder Glaube, jede Spiritualität, jede Lehre, jedes Dogma, jeder kluge Gedanke und jede esoterische oder sonst wie geartete Weisheit ein Flop ist, wenn wir sie praktizieren ohne mit uns selbst – mit unserm weisen Kern – verbunden zu sein. Und damit meine ich jetzt weder Hokuspokus, noch Gebete, noch Rituale (die können, müssen aber nicht, dabei helfen). Ich meine schlicht und einfach diese innere Selbstverbundenheit: Auf sich hören. Sich spüren. Sich selbst wahrnehmen. Sich vertrauen. Klingt einfach. Der Weg dorthin ist allerdings zäh, denn wir haben möglicherweise Erfahrungen gemacht, die dazu beitragen, dass wir den Zugang nach innen nach und nach verbarrikadiert haben.

Du musst nicht dem Leben vertrauen, sagte einst sinngemäß eine kluge Frau zu mir, denn das Leben ist gefährlich. Du hast selbst erlebt, dass sich von einer Minute auf die andere alles verändern kann. Das Leben ist unberechenbar. Die Natur, die Welt, die Erde ist unparteiisch, neutral, wild. Es ist ratsamer, wieder dir selbst zu vertrauen, wieder Vertrauen in dich zu finden. Den Mut finden, dich in deinem So-Sein, in diesem Schwachsein, in diesem Unvollkommensein anzunehmen.

Dich auszuhalten in deinem So-Sein.
Zulassen statt verändern.
Sein statt werden.
Das Chaos in dir tolerieren.
Im Frieden sein, mit dem, was ist.

Und genau darum geht es mir, bei diesem meinem Plädoyer zum Umvollkommenen: Lasst uns wieder menschliche Menschen sein. Menschen, die es wagen, andere um Hilfe zu bitten. Die es wagen, zu sein. Die es wagen, schwach zu sein. Und die es wagen, zu fallen. Lasst uns einander Raum geben, zu fallen. Und einander aufzufangen.

Ein vollkommenes Leben gibt es nicht. Keine noch so schöne Blüte ist vollkommen, und wenn auch nur darum, weil sie eines Tages verblüht. Und auch die Hochglanzmenschen in den Medien, die so tun, als ob alles gut sei, haben ihre wunden Stellen.

Ich darf so sein – du darfst so sein.
Ich muss nicht erst etwas werden – du musst nicht erst etwas werden.
Ich bin – du bist.
Unvollkommen.
Unperfekt.
So what?

»Manchmal frage ich mich, ob wir statt Durchhalteparolen zu verbreiten, nicht besser daran täten, jemandem weich aufzufangen, damit er sich endlich fallen lassen kann«, twitterte ich neulich.

Und jetzt klicke ich einfach auf ’Veröffentlichen’, auch wenn dieser Text noch sehr umvollkommen ist.
So what?

Wie schön du bist!

Wie schön du bist! Ich sage es ihm oft und ja, ich meine es auch immer genau so.

Was aber ist dieses Schön überhaupt, das ich hier meine? Denn es ist nicht dieses Schön aus der Werbung und hat weder mit makelloser, faltenfreier Haut mit oder ohne Schminkkleister drauf noch mit perfekten weißen Zähnen zu tun, noch weniger mit toller Kleidung und erst recht nicht mit der Topfigur. Und nein, mit dem Alter erst recht nicht.

Schön ist ein Platzhalter.

Ein sehr persönlicher sogar. Schön ist ein Synonym für. Schön ist ein Gefühl um.

Mit diesem Wort versuche ich etwas Unfassbares auszudrücken. Dieses Etwas hat mit Geborgenheit zu tun, mit Resonanz, mit dieser Wohltat für Herz und Augen und ja, auch mit Liebe. Was die Frage aufwirft, was man eigentlich liebt. Beim anderen. Bei sich selbst.

An meinem Liebsten liebe ich dieses Mehr-als-die-Summe-einzelner-Eigenschaften, sein Ganzsichsein. Wie schrieb die gute A. gestern? »Menschenschutzgebiet – Orte, an denen man einfach sein darf. Ich denke, das ist so auf dem einsamen Gehöft.« Recht hat sie.

Das ist es, was ich liebe: Wenn wir Menschen einander Raum geben fürs Seindürfen und -können wie man ist. Stichwort Selbstliebe. Denn sie ist ja nichts anderes als das: Mich so nehmen, wie ich bin. Mir erlauben, so zu sein, wie ich bin.

Warum das zuweilen so schwierig ist?
Umso schöner*, wenn es hin und wieder gelingt.

 

Für J., weil du so schön* bist

 


*… ja, genau, dieses Schön!

Über die Null als Mitte

Über Kräfte und Gegenkräfte las ich heute Morgen bei Irgendlink, und wie uns Gedanken in Aufruhr bringen können, graue Gedanken, nie endenwollende.

Zwanzig Jahre ist es her, dass ich folgenden Text aus einem ähnlichen Gefühl heraus geschrieben habe.

Hier Fülle | da Leere
Extreme | Kontraste
Das eine nicht existent ohne das andere
Die Summe aller Zahlen ist Null*
Ist alles | ist nichts
Gegenwart der Punkt auf meiner unendlichen Gerade
Der Kreuzpunkt aller unendlichen Geraden ist
Jetzt

(Ausschnitt; siehe auch hier)

Tröstliches Wissen um dieses Jetzt aus dem ich Kraft schöpfe. Für das nächste Jetzt und für das Jetzt nach jenem Jetzt, so wir uns die Zeit als etwas Fassbares, Lineares, Chronologisches denken. Und ja, ich sehe die Baustellen auf diesem Weg, viele Baustellen.

Wie hat Kai doch neulich geschrieben? Dass Verhaltensänderungen eine sehr zähe Angelegenheit seien, die erst durch regelmäßiges Üben Einzug in unsere Lebensgewohnheiten schaffen? Stimmt. Wer je versucht hat, eine nicht mehr erwünschte, möglicherweise schädliche Gewohnheit abzulegen, weiß, wovon ich rede. Wer keine schlechte Gewohnheiten hat, muss hier nicht weiterlesen. [Und natürlich ist weiterzulesen auch für alle anderen freiwillig.]

Neue Gewohnheiten also. Nun ja, ich bin keine Psychologin, doch einiges habe ich in meinem Leben durch Beobachten und Erleben erfahren und erkannt. Und einige Schlüsse daraus gezogen habe ich auch. Und vielleicht sogar das eine oder andere dabei gelernt. Verhaltenstherapie, so weiß ich inzwischen, setzt beim Reflektieren von Gewohnheiten und Denkmustern an, bei der Erkenntnis, was gut tut und was nicht. Nicht allgemein, nicht in erster Linie jedenfalls, sondern ganz persönlich und selbstliebevoll. Ziel ist, diese Selbstbeobachtung  so weit auszubilden, dass krankmachenden Verhaltensweisen aller Art allmählich aus eigener Kraft und aus eigener Überzeugung gegengesteuert werden kann. Verhaltenstherapie ist somit nicht einfach nur ein Erlernen neuer Gewohnheiten durch das Überschreiben der alten Muster, sondern setzt bei der Selbstreflexion an. Und ja, das klingt natürlich – wie so oft – viel einfacher als es ist.

Sind selbst für sogenannt gesunde Menschen, Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse eine zähe Angelegenheit, oft ein anstrengender Kampf gegen die selbst in Bewegung gerufenen Kräfte und Gegenkräfte, wie ungleich schwerer sind solche Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse für Menschen, die psychisch verwundet sind. Insbesondere, weil es ja darum geht, krankmachende, oft lebenslang geglaubte Sätze über sich selbst zu identifizieren, zu entlarven, neu zu bewerten. Es ist nämlich nicht einfach damit getan, etwas verändern, etwas anders betrachten zu wollen. Der Wille ist wichtig, keine Frage, doch da sind noch viele andere Hürden, die es zu nehmen gilt. Homo homini lupus. Sinngemäß übersetzt oder auch nicht, war und ist der Mensch schon immer sein schlimmster Feind.

Mir hilft der Gedanke an jahrzehntealte, tiefe Ackerfurchen, die ich mit einer kleinen Harke ausebnen soll. Dass das nicht einfach so – *mirnichtsdirnichts*, *Hokuspokus*, *dumusstnurgenugwollen*, *ichbetefürdich* – geht, ist wohl allen klar. Dieses Bild hilft, mir vorzustellen, wie langwierig Veränderungsprozesse sein können.

Gute Vorsätze, ob nun zu Neujahr gefasst oder wann immer wir das Bedürfnis zu Veränderung verspüren, finde ich durchaus faszinierend, denn sie spiegeln ja meist, in welche Richtung wir uns bewegen wollen – so wir sie uns selbst gegenüber liebevoll motiviert gefasst haben.

Reflexion ist der Anfang aller Veränderung. Wichtig, sehr wichtig. Aber vor allem eben ein Anfang.

Schnitt.

Ich wäre ein Haus – mit Fassade, Dachstock und Keller, mit Fenstern, Kellerräumen, Terrasse, Balkon und allem Pipapo. Du auch. Es läge an uns, dieses Haus nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Gedeih und Verderb des Hauses wäre in meiner kleinen Metapher quasi in unserer Hand. (Was natürlich so nicht ganz stimmt, da ja die Unwägbarkeiten des Lebens nicht wirklich in unserer Hand liegen.)

Sehen wir uns doch mal all die Baustellen unseres Hauses an. Im einen Kellerraum fängt es zu schimmeln an, weil wir zu wenig gelüftet haben. Kann ja mal vorkommen. Oh, das Dach hat Risse bekommen und einige Ziegel haben sich gelockert. Der Sturm, der Sturm war das! Doch uns fehlen Kraft und Ressourcen, alles in Schuss zu halten. Selbst wenn wir es wollten, wir schaffen es nicht, nicht immer. Viel. Zu viel. Und so bleibt der Schimmel bestehen und das Loch im Dach wird nicht kleiner. Wie lange es wohl noch dauern wird, bis der Regen ins Wohnzimmer tropfen wird?

Nun ja, wir können ja nicht alles, aber wir tun was wir können. Und so putzen wir immerhin die Scheiben regelmäßig. Das ist abschaubar, überschaubar, machbar. Und vermittelt nach außen einen guten Eindruck. Was ja soo wichtig ist.

Womit wir wieder bei den Kräften und Gegenkräften wären.

»Eigentlich dürfte man gar nicht erst anfangen, über etwas nachzudenken, denn sobald man dies tut, setzt man Kräfte in Gang, die miteinander ringen. Wie Krieg. So funktioniert alles. Dadurch, dass die Kräfte nie gleich groß sind, entsteht Bewegung und mit der Bewegung entsteht Chaos und mit dem Chaos kommt das Bedürfnis nach Ordnung, das auch wieder eine Kraft im Spiel ist. […]
Alles, was ich in diesem Artikel schreibe, ist falsch. Und richtig. Wenn ein Falsch auf ein Richtig trifft, neutralisiert es sich zu Nichts.
Vielleicht.« -Irgendlink in ’Das graue Band, das niemals endet

Die Summe aller Zahlen ist Null*


*Mathematisch habe ich diese Aussage nicht verifiziert, sie will philosophisch verstanden werden.

Bodens(ch)ätze und Buchstabenkrümeleien

Laut pfiff der Wind ums Haus. Kalt war es. Sie hatten kein Holz mehr. Er zeigte ihr, wie Bettdecken wärmen. Und Geschichten.
Als wäre meine Hand dazu gemacht, deine Haut zu berühren, sagte sie später.

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Subtexte. Aber mit Untertiteln.
Subtexte von Subtexten lesen lernen. So wichtig.

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Katze spielt mit Wolle - zwei Bilder als GIFAm Anfang müsste man anfangen. Bloß wie? Und wo genau? Und wie lässt sich der Anfang eines solch chaotischen Wollknäuelgewusels finden? Gordische Knoten gabs schon viel zu viele.

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Nicht aufhören, es für möglich zu halten, zumindest theoretisch, dass ein Mensch alles ist. Gut und böse. Opfer und Täter.

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Der Mensch schuf den PC zu seinem Bilde.

[Wäre der Mensch ein Computer, entspräche unserm Körper die Hardware. Alle wissen es: Betriebssysten und Software sind letztlich genauso wichtig für das Funktionieren des Rechners wie die Hardware.]

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Manche Wörter gibts nur bei Scrabble.
Im richtigen Leben einmal für kreativen Unfug die dreifache Punktzahl bekommen: Das nächste große Ding.

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Wenn auf die Frage »Warum tust du dir das an?«, die Antwort nicht »aus Liebe« oder »weil ich es will« lautet, wäre »es bleiben lassen« eine gute Option.

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Was wäre, wenn statt all der vielen Regeln nur eine einzige gälte, um die menschliche Natur zu bändigen?

Nämlich: Niemandem schaden, nichts beschädigen (mir fehlt grad keine umgekehrte, posivitve Formulierung ein)? (Religionen nennen das Nächstenliebe. Respekt. Empathie.)

Schwer umzusetzen, ich weiß. Ich merke es ja selbst. Wir beschädigen ja ständig. Uns. Andere. Die Natur.

Aber wenn wir noch nicht mal das schaffen, wie sollen wir denn alle anderen Gesetze und Regeln schaffen können?

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Es sind die wohltuend-nährend-köstlichen Momentaufnahmen, die, weil sie die grauen Momentaufnahmen überstrahlen, das Leben erträglich machen. Ohne die grauen wären die nährenden aber bald blass.
(Dazu lesen: Wege ohne Farben von Frau Rebis)

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Und noch ein Irgendlinksches Schmankerl zum Abschluss:

Kürzestgeschichten II

Sie hat schon als Kind all die wilden Wörter gezähmt, die sich in den Büchern tummelten, die sie las. Schon früh hat sie sich all der unbekannten Wörter angenommen, hat sich ihrer erbarmt und schließlich in ihren Wortschatz aufgenommen, in ihre Familie. Die der Wörter.

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Ja, auch er hatte einige Tattoos. An Orten, an denen niemand sie sehen konnte. Auf der Seele.

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Form folgt Funktion – so weit, so gut, denkt sie. Doch inzwischen ist es oft andersrum. Oft hat die Form, die Fassade, das Äußere viel zu viel Macht und verdrängt das, was zuerst da gewesen ist. Die Ideen, die Gedanken, die Inhalte. Natürlich brauchen die einen Körper, eine Hülle, überlegt sie weiter. Brauchen wir denn nicht alle Strukturen und Formen für all die Ideen in unseren Köpfen? Ja, und wir brauchen auch  Schönheit. denkt sie, wir wollen es ästethisch um uns herum. Und wir wollen diese Welt und das, was in ihr ist, formen, mitformen. Am liebsten nach unseren Vorstellungen.

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Da ist diese Schraube, schier unerreichbar. Und sie sitzt so fest, dass sie sich nicht mehr lösen lässt. Höchstens mit Gewalt. Vielleicht mit Hitze. Ja, auch er hatte solche. In sich drin. Solche Schrauben, die niemand mehr lösen konnte.

Kürzestgeschichten I

In der Stadt. Er nähert sich einer Fußgängerampel. Rot. Zwei Menschen stehen bereits dort und warten. Als nach fünf Minuten und zig vorbeigefahrenen Autos noch immer kein Grün kommt, fragt er nach. Nein, niemand hat bisher den Knopf gedrückt.

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Gedankenverloren fährt sie mit dem Auto durch die Dörfer. Die Ampel, die sonst immer rot zeigt, zeigt heute grün. Erst als der Autofahrer hinter ihr hupt, merkt sie, dass sie für grün angehalten hat.

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Blick ins Dunkel hinter einer Mauer, die große Lücken hatHätte die da im Kreisel geblinkt und angezeigt, dass sie hinauswill, hätte er nicht angehalten. Und der da, an der Kreuzung, wieso blinkt er denn erst so spät? Zu spät. Er hat ihn ausgebremst.

Wir haben vergessen, dass die anderen womöglich nicht wissen können, wohin wir unterwegs sind.

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Manchmal möchte sie ja – wie bei einem Buch – ihr Leben vorblättern um zu erfahren, wie es ausgeht. Wenn sie das Ende mag, wird sie das Buch weiterlesen. Andernfalls würde sie dieses Buch lieber zuklappen und wegwerfen.

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Dieses sinnlose Warten darauf, dass der Drucker endlich druckt, wenn man den falschen ausgewählt hat. Einen, der weit weg, in einem anderen Land, steht.

Zusammenhängend

Jedes menschliche Organ und jeder einzelne Körperteil macht von Natur aus genau das, was es am besten kann: Es sorgt dafür, dass die Dinge, die es am besten kann, getan werden: Blut von A nach B pumpen zum Beispiel oder Säfte produzieren, die Nahrung in ihre Einzelteile auflösen können. Von Natur aus.

In eine Mauer eingelassener rostfarbener Metallring zum Befestigen von Ketten oder Seilen
Ein fester Halt

Jeder Teil für sich hat keine Ahnung des großen Zusammenhangs, kann einfach nur tun, was zu tun ist. Jeder Teil kümmert sich einfach nur um sich selbst – nicht aus egoistischen Gründen, sondern weil es ein Teil des Ganzen ist. Manche Teile sind von Natur aus schwach. Oder sie fallen aus, weil etwas fehlt, etwas zu viel da ist, etwas beschädigt wurde … Gründe gibt es viele. Fällt nun ein Teil aus, organisiert jemand (ich vermute mal ein paar Teilchen im Hirn, die das können) ein Notfallszenario. Nach einer bestimmten Zeit helfen alle anderen Teile des Organismus mit, dass jener Teil, der ausgefallen ist, kurz-, mittel- oder langfristig ersetzt oder zumindest entlastet wird. Vielleicht wird ja dieser Teil wieder heil, vielleicht auch nicht. Und nein, wie genau das wirklich geht, weiß ich nicht.

Was ich aber weiß: So ein Körper ist echt genial. Er kann bis zu einem gewissen Grad ausgefallene Organe und Körperteile kompensieren. Bei manchen Blindgewordenen wird zum Beispiel das Gehör viel besser als es vor der Erblindung war. Dennoch sind Ohren nicht besser als Augen und der Darm ist nicht besser als die Milz. Natürlich sind manche Organe im Gesamtkontext wichtiger als andere, überlebenswichtig, manchesind das nicht (meine Finger zum Beispiel, dank derer ich diese Zeilen hier tippen kann). Alles hat seinen Platz im Ganzen. Und auch wenn so ein Körper echt klasse ist: den perfekten Körper gibt es nicht. Weder den fürs Auge perfekten, noch was alle Funktionen betrifft. Jeder Körper, – was sage ich? – jeder Mensch, hat Schwachstellen, egal jetzt mehr physischer oder mehr psychischer Art. Das erfahren wir alle tagtäglich.

Und wir erfahren auch, dass in jedem lebendigen Körper eine Seele lebt, die ebenfalls von Mensch zu Mensch unterschiedlich funktioniert. Sie ist es, die letztendlich des Menschen Lebendigkeit ausmacht und dessen Taten motivieren kann.

Wie gesagt: wirklich genial, dieser Mensch! Trotz der Schwachstellen, die eben einfach zu seiner Natur gehören. Die Natur ist weder gut noch böse, in sich ganz, so gesehen vollkommen und doch kein perfekt funktionierendes Räderwerk. Sie ist einfach, wie sie ist. Und wir sind mit all unseren Schwächen und Stärken Teil von ihr, Natur.

Stichwort Vererbung. Stichwort Prägung. Kein Mensch hat das perfekte Umfeld und niemand von uns hat das perfekte Erbgut. Das ist gut so, auch wenn wir uns danach sehnen, dass es anders wäre. Gut ist es, weil wir nur so lernen können, sorgsam mit uns umzugehen. Mit uns und mit unseren Ressourcen. Denn das kann niemand besser als wir selbst – wie unsere Organe und Körperteile. In Bezug auf uns sind wir die besten. Und weil wir das – zumindest theoretisch – wissen (in meinem Utopia lernen wir das von klein auf und wir lernen auch von Anfang an, liebevoll mit uns umzugehen) dehnen wir diese Erkenntnis auch auf alle anderen Lebewesen aus. Wir wachsen (idealerweise) mit dem Verständnis dafür und der damit verbundenen Empathie auf, dass wir alle verbunden sind.

So verstehe ich die Gesellschaft als Ganzes oder auch eine regionale Gesellschaft oder Gruppe wie ein Körper. Auch in ihr hängt alles zusammen, ist alles verbunden, sind alle von allen abhängig. Und auch in ihr, in jeder Gesellschaft, gibt es Schwachstellen. Die sind nicht einfach schlecht. Die sind einfach. Es liegt in der Natur der Sache.

Daran musste ich denken, als ich neulich einen Blogartikel von Frau Rebis gelesen habe. Wegpunktzufälle heißt er. Darin erzählt sie von einer eintägigen Radtour, bei welcher sie nach einer bestimmten Anzahl Kilometern – inspiriert von Irgendlinks Kunststraßenkonzept – fotografiert hat, was dort war. Egal, wie sogenannt schön oder unschön dieser Punkt sich ihr gerade präsentiert hat. Anders als Irgendlink hat sie ihre Bilderbereits nach fünf Kilometern aufgenommen und zwar in alle vier Himmelsrichtungen.

»Was bedeutet das überhaupt: das Gute, das Ungute, das Schöne, das Lichte? Sind dies nicht selbsterschaffene Kategorien? Ist ein Bild per se wohltuend, oder mache ich es mir zu einem solchen? Kommt das Licht der Dinge von ihrem äußeren Anblick her? Oder kann ich es ein Stück weit selbst erschaffen?
Wenn ich doch versuchte, auch in einem jeden Unbedeutenden – und sogar im vemeintlich Hässlichen – etwas aufzuspüren, das mich stärken könnte?«

So fragt Frau Rebis. Fragen, die ich mir selbst auch so ähnlich – auch in Bezug auf das Menschsein und die Welt – gestellt habe. Warum ist schwach zu sein für die meisten Menschen etwas Schlimmes? Macht mich nicht meine Schwäche anderen gegenüber sensibel und menschlich?

Vielleicht ist es ja eine unserer Lebensaufgabe, uns mit unserer Schwäche – will heißen, mit jenem, das wir als schwach definieren – anzufreunden und das vermeintlich Starke mit anderen Augen zu betrachten? Die Dinge sind ja so oft nicht das, was wir im ersten Augenblick über sie denken.