1001. Herzgespinst

Ohne es zu merken habe ich neulich den 1000. Blogartikel des Sofasophia-Blogs geschrieben. Ein bisschen schwindlig macht mich der Gedanken ja schon, dass ich 1000 Artikel innerhalb von fünf Jahren und etwa dreieinhalb Monaten (2040 Tage um genau zu sein) geschrieben haben soll.

1000ArtikelDurchschnittlich habe ich also jeden zweiten Tag gebloggt und pro Artikel durchschnittlich 4,769 Kommentare erhalten, wenn ich meine eigenen abziehe. Wenn ich die Zeiten abziehe, in denen ich – wie jetzt – die Kommentarfunktion ausgeschaltet habe, müssten es pro Artikel mehr als 5 Kommentare sein. Ja, ein klein bisschen macht mich das froh, dankbar und … stolz (das letzte eins meiner Reizwörter).

Zahlen. Manchmal schmeicheln sie uns und unserer Eitelkeit und wir bilden uns ein, das heißt, ich bilde mir ein, dass das was ich das schreibe und schrieb, irgendwie für andere relevant sei. Nur schon irgendwie relevant zu sein klingt nach einer Wichtigkeit, die ich sowohl haben als und nicht haben will. Schrödingers Katze und Shakespeares Hamlet gleich will ich sein und nicht sein zugleich.

Wie sagen die buckligen Verwandten doch so schön, wenn Klein-Hanna den Schlüssel für ihr Eigenheim in Händen hält? Es ist „etwas“ aus ihr geworden. Eine umgangssprachliche Formel für eine erfolgreiche Karriere, die mich immer gestört hat, geschmerzt sogar. Denn so gesehen bin ich ja eigentlich nichts geworden, trotz der vielen schönen Ausbildungen. Zu wenig machte ich mir bisher aus Besitz und Titeln, aus Eigenheim und Karriere.

Wie ich vorgestern Abend mit dem Liebsten nach einem Beinah-Hitzschlag die relative Abendkühle – nur noch 29 Grad war es – genoß, sofasophierten wir wie schon so oft über die Kunst, das Menschsein, das Leben und die Fähigkeit, darin wahrhaftig zu sein. Aus den Anfangszeiten meiner Bloggerei stammt mein Text Die Echte werden, die Echte sein. Schon damals trieb mich die Sehnsucht, dass mein Tun, ob nun im Bereich von Kunst oder von Broterwerb echt, wahr, authentisch sei. In meinem Plädoyer über das Wesen der KünstlerInnenseele dachte ich vor Jahren schon über das Kunstschaffen als solches nach.

In beiden Texten erwähne ich nur am Rand, wie – respektive wovon – wir als Kunstschaffende leben können. Immer schon sah und noch immer sehe ich einen Widerspruch darin, meine Kunst auf meine Art und Weise zu schaffen, echt und wahrhaftig zu sein und das Erschaffene kommerziell zu nutzen. Ich weiß inzwischen, dass die meisten Menschen diese Art zu denken nicht nachvollziehen können.

So sprachen wir zwei also neulich über die Grenze zwischen jenen Kunsterzeugnissen − Bildern und Texten −, die unserem Innersten entspringen und jenen, die wir erschaffen, weil wir wissen, dass wir damit irgendwie erfolgreich sein und Gefallen finden werden; dass wir damit den allgemeinen Geschmack treffen und auf Resonanz stoßen werden.

Meine Fähigkeit und -bereitschaft mich einer breiten Masse anzupassen, um anerkannt oder gesehen zu werden, ist allerdings rasant geschrumpft. Einen Text so und so gestylt resp. gesellschaftscodiert zu schreiben, dies und jenes Thema zu diskutieren, weil es gerade in aller Munde ist, jene Redewendung zu verwenden, weil es alle tun … ich kann es fast nicht mehr tun. Und einfach nur schreiben, damit ich mal wieder etwas geschrieben habe? Nein, auch das geht nicht mehr. Und künstliches Aufbauschen eines Themas schon gar nicht. Keine Ahnung, wo das noch hinführen wird.

Ich fühle mich zuweilen wie ein einst feingeschliefener Stein, der sich zurückverwandelt in seine kantige, ungeschliffene Urform. Obwohl ich zugleich und dennoch das Gefühl habe, nebenbei ein bisschen weiser und ein wenig reifer geworden zu sein und es noch zu werden.

Eine Brücke will ich dennoch bauen. Eine, die Kunst und Kommerz versöhnt, will heißen: Eine Brücke, die wahrhaftige Kunst nicht per se von kommerzieller Nutzung ausschließt. Ich will an meiner Denkerei arbeiten, neubewerten. Weil: es gibt sie ja wirklich, die wahrhaftige Kunst, die auch von einer großen Menge als wahrhaftig, berührend und wertvoll erkannt und anerkannt wird. Umgekehrt ist nicht alles, was laut beworben und gehyped wird, automatisch Bullshit (obwohl ich da misstrauisch bleibe).

Fazit: Nicht immer hat der Kunstkaiser auch wirklich keine Kleider an, manchmal trägt er sogar welche und manche gar aus handgesponnener Seide.

Eitelkeit – dieses Wort muss nun doch nochmals getippt werden. Fast jede Form von Eitelkeit widert mich an, wobei mir bewusst ist, dass ich vielleicht mit Eitelkeit andere Schubladen angeschrieben habe als du. Insbesondere jene Eitelkeit meine ich, wo Talent mit der Fähigkeit, sich gut und gewinnbringend verkaufen zu können, verwechselt wird, insbesondere im Literatur- und Kunstbetrieb. Oft schon bin ich auf Buchwerbung hineingefallen und habe Bücher gekauft oder ausgeliehen, die mir als Bestseller angepriesen worden sind. Nur um enttäuscht festzustellen, dass die hochgepriesene Geschichte für meinen Geschmack viel zu viel Weichspüler und viel zu wenig Knochen am Fleisch hat.

Der Anspruch, in meinen Blogs nur noch Dinge zu publizieren, die in meinem Inneren herangewachsen sind, ist ein hoher. Selbst bei Twitter werden meine Ansprüche an mich (und an das, was ich bei anderen lesen mag) immer höher. [Klar ist letztlich die Tagesform entscheidend. Manchmal finde ich nämlich fast alles doof, kindisch, kitschig, unreif, krank, was ich dort lese (fast wie bei FB) und manchmal finde ich auf Twitter viel Weisheit, Ermutigung und herzlich Humorvolles, dass es mir nachher, nach dem Lesen, tatsächlich besser geht.] Ich vermute, es liegt nicht immer nur am Gelesenen, es liegt genauso oft an mir und meiner Stimmung und an meiner Sehnsucht. Diese Sehnsucht nach wahrer, nach wirklicher Wirklichkeit, nach Wandlung, nach Schönheit und Heilwerden.

Denn das ist es, was ich will mit meinem Leben und mit meinem Schreiben. Immer weiter gehen, die Echte werden und eben auch – selbst wenn ich damit andere vor den Kopf stoße -, keine faulen Kompromisse mehr eingehen. Weder in Sachen Brotjob noch in jenen Lebensbereichen, wo es um meine Herzensanliegen geht, wo es um den Ausdruck geht, um die Kunst, ums Schreiben. Vor allem dort nicht. Und so will ich auch in meinem 1001. Blogartikel und weiterhin über jene Themen schreiben, die mir wichtig sind.

Wenns bei dir oder dir resoniert, schön.
Wenn nicht, auch gut.

Ich danke dir, dass du da bist.

Das Ding mit dem Glück

Was mich glücklich macht? Wenn ich mich einlassen kann, mit Haut und Haar, wenn ich das Grübeln lassen und wenn ich das, was ich tue, mit voller Hingabe tun kann – ohne Hin- und Herzuspringen, ohne Unterbrechungen, ohne Ablenkungen; wenn ich mich ins Tun vertiefen kann und nicht schon mit den Gedanken beim Nächsten To do, das auf meiner unendlich langen Liste steht, bin; wenn ich Ja sagen kann zum Moment und nicht nach hinten und nach vorn schauen muss …

Wenn – dann … so einfach ist es manchmal, das Ding mit der Hingabe. Wenn Hingabe, dann Glück. Nun ja, natürlich geht die Gleichung nicht immer auf, das Leben ist ja weißGöttin nicht ideal, und oft bin ich es mir nicht bewusst, dass ich nur ein bisschen an der inneren Haltung schrauben müsste, um dem Glück Zugang verschaffen zu können.

Manchmal wiederum ist es einfach einfach, das Ding mit der Hingabe und die Gleichung – wenn Hingabe, dann Glück – geht *schwupps* einfach auf.

Zwei Zauberwörter sind es nur, die es manchmal braucht:
Jetzt
und
Ganz.

Gestern dieser Spaziergang durch den dämmernden Wald mit dem Liebsten. Diese Schale Carameleis mit Waldbeeren auf dem Sofa. Dieses Sein. Den Worten lauschen. Sprechen. Schweigen.

Manchmal kommt das Glück auch ganz unvermutet. Beim Zähneputzen zum Beispiel oder beim Geschirrspülen gar. Beim Schreiben sehr oft. Und manchmal sogar bei der Büroarbeit.

Hauptsache ich lasse mich ein. Und ich lasse mich nicht ablenken – weder von außen noch von mir selbst. Denn Ablenkung ist es vor allem, die mich krank macht.

Und, so denke ich gestern Nacht vor dem Einschlafen, das ist es wohl, was sich die Werbung, was sich die Wirtschaft zunutze macht und in bare Münze umwandelt: Unsere Bereitschaft zur Ablenkung ist das Glutamat des Kapitalismus, der Kommerz- und Konsumgesellschaft (zu meinem Glutamat-Artikel bitte → hier klicken).

Süchtiggewordene sind wir, Getriebene, lechzend nach Impulsen, nach Ablenkungen, nach Konsumzöix, bereit, uns manipulieren und formen zu lassen. Diese neue Unzufriedenheit lässt uns Dinge tun, die wir, wären wir Glückliche, nicht täten, nicht bräuchten.

Ich nenne sie neu, diese Unzufriedenheit, die mit der alten, von Mangel und politischen sowie gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten genährten, nur noch wenig gemeinsam hat. Die Melodie der Unzufriedenheit vielleicht, den unablässigen Wunsch nach Veränderung und den Ruf nach mehr und noch mehr.

Wären wir Glückliche, wir wären anders. Und wir würden anders handeln. Vielleicht würden wir weniger tun, mehr lassen, und vielleicht würden wir mehr dort handeln, wo es nicht nur uns etwas bringt. Und wir würden, das ist meine Hauptthese, weniger konsumieren, weil wir weniger hungrig nach jenen Dingen wären, die zwar dem Gaumen schmeicheln, das Herz aber nicht satt machen.

(Als Kind stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn sich jeder Zustand wie Masern anstecken ließe. Dass sich Glücklichsein zum Beispiel oder Zufriedenheit wie eine Krankheit verbreiten könnten. Wer weiß das schon so genau?)

Wären wir Glückliche, würden wir nie oder wohl nur selten darüber nachdenken, dass wir es sind. Wir wären es einfach.

Über das Recht auf das eigene Tempo

Ich weiß, dass ich mit dieser meiner Sehnsucht fast allein bin. Ich spreche von jener, mich zuweilen danach zu sehnen, langfristig ohne das Konzept der messbaren Zeit zu leben. Ich sehne mich nach einem Leben ohne Maßeinheiten wie Wochentage und Uhrzeiten, ohne Zählung und Benennung der Tage und vor allem ohne das Bestimmtwerden von diesen. Als einzige Maßeinheit tolerierte ich Sonne, Mond und Sterne, Wind und Wetter, Temperatur und was immer noch zu den Rhythmen des Lebens, der Natur gehört.

Bei allen Dingen, denen ich mich zeitweilig − bewusst oder unbewusst − fast exzessiv hingebe oder ausliefere, sehne ich mich nach einer Weile nach deren Gegenteil. Nach deren Gegenbewegung. Ich will das Geländer, das die Uhr zu sein vorgibt, gegen einen Stock austauschen. Geländetauglicher ist dieser eh. Ja, heute, nach all den Jahren in Büros und bei anderen Jobs, wo es unter dem Strich immer irgendwie um das Einhalten von Terminen ging, sehne ich mich nun danach, keinen von außen getakteten Strukturen mehr folgen zu müssen; einzig dem Rhythmus der Natur gehorchen will ich, meiner Natur ebenso wie der Natur an sich.

Wie die meisten von uns habe ich mich im Laufe des Lebens ziemlich entfernt von meiner eigenen Natur − und von der Natur an sich sowieso. Natürlich gehe ich oft raus, radle, spaziere, wandere, pflanze etwas in meinem Gärtchen, erfreue mich der Blumen, Bäume, Blüten, säe und ernte … aber wirklich eins mit der Natur – meiner und der Natur an sich – bin ich, wenn ich ehrlich bin, längst nicht mehr. Zu viele Eingeständnisse mache ich. Ich könnte, nur so als Beispiel, ohne Einkaufsmöglichkeiten, ohne Geld, ohne menschliche Hilfe, da draußen nicht lange überleben. Nicht dass ich das heute und morgen können müsste, ich bin ja nicht auf der Flucht. Ich meine ja nur … und ich denke nach. Über diese Sehnsucht. Und über unsere Wanderung im Juli. Wie vor zwei Jahren auf unserer Reusswanderung auf den Gotthard wollen Irgendlink und ich auch diesmal einfach loswandern. Mit allem im Gepäck, was wir für das Leben in der Natur brauchen. Zelt und Bordküche, Schlafsäcke und Wechselkleider. Loswandern mit Start in den Bündner Bergen.

Und ja, wir wollen dazu bloggen. Vermutlich sogar gemeinsam, im gleichen Blog. Reiseblogs boomen. Ich lese fast immer bei irgendwem mit, die oder der jetzt, immer, heute, unterwegs ist und über ihre oder seine Tageseindrücke schreibt. Ich mag das. Sehr sogar. Vor allem, wenn es nicht nur bei Streckenbeschreibungen bleibt.

Tag 1, Tag 2, Tag 3 … schon oft war ich Irgendlinks Homebase und gab mit meinen Beiträgen seinen Reiseberichten einen äußeren Rahmen.

Mir wird zunehmend klar, dass ich mich je länger je schwerer tue mit Rahmen und Vorgaben. Und vor allem mit diesem immer wichtiger scheinenden Messen und Vergleichen. Dahinein habe ich gestern, eher zufällig, einen feinen, wichtigen Text über das Vergleichen gelesen. Seither spinne ich noch intensiver am Thema weiter. Ich beobachte es ja nicht erst seit gestern, wie sich selbst im Reisebereich eine Art Vergleich eingeschlichen hat.

[Wie viele Kilometer hast du heute gemacht?
Oh, so viele! Wow. Toll!]

[Viel ist nämlich besser als wenig, weil … ähm, hab ich vergessen …]

Gestern Abend, am Telefon, als Irgendlink und ich über unsere geplante Wanderung im Juli sprachen, schlug ich – natürlich spaßeshalber – vor, dass wir ja möglichst langsam wandern könnten.

Das geht natürlich nicht. Und es wäre zudem kindisch. Und genauso trotzbestimmt wie viele andere meiner Gedankenspiele, mit denen ich zuweilen gesellschaftlichen Vorgaben um des Widerspruchs willen widerspreche.

Nein, mir geht es nicht um Trotz. Mir geht es um das Recht auf das eigene Tempo. Eigentlich eine Art Menschenrecht, finde ich.

Das Recht auf die eigene Natur.
Das Recht auf artgerechtes Leben.
Ein Recht sollte man nicht einfordern brauchen müssen.
Ein Recht sollte für alle selbstverständlich gelten.
Ein Recht sollten wir andern selbstverständlich zugestehen. Auch uns.

Wer schnell sein will, soll schnell sein dürfen. Daran ist nichts falsch. Nur dürfen die Langsamen eben auch langsam sein. Denn auch daran ist nichts falsch. Und auch ein mittleres Tempo darf sein. Nein, auch daran ist nichts falsch.

Falsch, oder besser krankmachend, ist unser ständiger Blick nach rechts und links, das Messen, das Abgucken, das Vergleichen und Sich-Anpassen, das oft aus dem Vergleich resultiert.

Auffallen wollen, weil man sonst in der Masse unterzugehen glaubt? Vielleicht. Wer will und zu müssen meint, soll halt. Hauptsache echt.

Im eigenen Rhythmus unterwegs zu sein, will ich lernen. Beim Radeln, beim Wandern, bei der Arbeit. Den Mut dazu sammle ich noch.

Do It Your Selfie − bloß wozu?

Neulich auf Twitter fragte einer, warum sich manche Twitternde von Selfies gestört fühlen. Ich unkte als Antwort, dass ich befürchte, dass unsere Welt noch an Narzissmus ertrinken wird oder an Mangel an echter Liebe verhungern. Ich schob nach, dass ich mich nicht von den Selfies an sich gestört fühle, sondern dass ich eher das Posten von Selfies und das Posen auf Selfies, gestört finde. (Versteht mich nicht falsch, Selfies zu machen, ist okay. Aber dieser Drang, diese − kaum gemacht − auch gleich posten, sich selbst vorzeigen zu müssen, ist doch irgendwie krank. Oder ist es eine neue Form davon, sich zu vergewissern, dass man lebt? Dass man noch lebt?

Nicht dass ich etwas gegen gute Porträts oder gegen Fotos mit Menschen drauf hätte. Nein, habe ich nicht. Es ist wohl eher dieses Posen, dieses Drang zur Selbstdarstellung, den ich ziemlich bedenklich, fast eklig, finde. Ein Zeichen, ein Symptom einer ziemlich kranken Gesellschaft, deren Mitglieder ihre Selbstwahrnehmung nach außen verschoben, nach außen delegiert haben.)

Doch ist das Selfie wirklich so etwas ganz und gar anders als ein Tweet oder ein Blogpost? Ist nicht eigentlich unser Übermaß an Teilgabe an unserem Leben, die dank Internet schier unbegrenzt möglich ist, krank und gestört? Dieser Ausschüttungszwang unserer Gedanken in diese Welt. Andererseits: Würden wir sie nicht ausschütten, auskotzen, wären sie ja ständig in uns drin und würden in uns gären und faulen und uns auffressen und krank machen undundund. Und darum schütten wir uns aus. Dann können die anderen schauen, was sie damit machen sollen (Sorry, ich wiederhole mich thematisch …)

+++ Schnitt +++

Erwacht bin ich heute Morgen, es war 5:55, mit dem Gedanken, den Gedanken festzuhalten, den ich soeben, erwachend, gedacht hatte. Diesen Gedanken hier: Warum wollen wir eigentlich alles immer gleich festhalten, aufschreiben oder gar publizieren? Warum halten wir alle unsere Gedanken, seien sie noch so banal, für aufschreibenswert?

Ich hatte es notiert, natürlich, weil es ja so ein wichtiger Gedanke ist, und ich wusste auch, dass ich darüber bloggen würde. Warum auch immer.

Woher, verdammt, woher kommt diese Teilenmüssen-Sucht, dieses Seht-her-was-ich-esse-trinke-denke-tue-Getue?

Und wie ist das eigentlich bei Nicht-Bloggenden, Nicht-Twitternden, Nicht-Facebookenden, Nicht-Elloenden oder sonstwie Sich-nicht-in-den (a)sozialen-Medien-Tummelnden?

Mal ausgenommen von jenen, die tatsächlich kaum das Bedürfnis haben, sich auszudrücken und auszutauschen, vermute ich, dass all die nichtangeleinten, nicht onlinen Menschen einfach andere Mittel und Wege suchten, fanden, suchen und finden. Nachbarn zutexten zum Beispiel. Leserbriefe an die Zeitungen schreiben. Im Dorfladen tratschen. Die Familie volllabern oder den Arzt und die Apothekerin. Am Stammtisch, am Arbeitsplatz …

Oh, ich gehe zu weit? Soziale Kontakte sind doch etwas ganz wichtiges und ganz wunderbares. Ja, klar.

Aber.

Dieses Übermaß an Selbstausdruck … nein, ich verstehe es nicht wirklich. Nicht bei mir, nicht bei anderen. Und tue es doch, drücke mich ständig irgendwo irgendwie aus; und ich muss gestehen, dass ich bisweilen diese menschlichen Tendenzen mit Argwohn – um nicht zu sagen mit Ekel – betrachte. An mir vor allem. Und ja, auch an anderen.

Zwischen Menschen

Im Zeitalter abgelutschter und inflationär missbrauchter Begriffe wie Liebe und Freundschaft denke ich oft darüber nach, was sich wie verändert hat und warum; und was eigentlich hinter diesen Begriffen und ihren schon fast beliebig gewordenen Interpretationsansätzen für mich steckt.

Freundschaft nennen wir unsere Beziehungen heute ziemlich schnell. Freundschaft zu sich selbst, ja, das finde ich gut; da gibt es aber auch die Freundschaft zu Büchern, zum Handy, zum Auto, zu Serienhelden, zu Stars und Sternchen … Nun ja, da reicht mir das Wort ‚mögen‘. Doch wenn ich das Wort Freundschaft in den Mund nehme, denke ich sofort an Menschen. An einige meiner Lieblingsmenschen. Den Liebsten, der auch bester Freund ist, an Freundinnen und Freunde …

Bevor ich Freundinnen hatte, haben wir alle, die Kinder unserer Straße, mehr Buben als Mädchen, einfach zusammen gespielt und uns über so Dinge wie Freundschaft keine Gedanken gemacht. Wir waren im Wald, wir waren im Garten, in den Feldern streunten wir herum, wir waren Indianer, Cowboys, Polizisten und Räuber und wir waren vor allem eins: Menschen mit dem Bedürfnis zusammen zu lachen. In den ersten Schuljahren waren sich die meisten Mädchen zu gut für mich, zumal ich in der Pause lieber auf den Baum auf dem Schulhaus kletterte als seilzuspringen. [Noch war ich kaum domestiziert, noch war ich halbwild.]

Mag sein, dass ich mir Freundschaft darum schon damals als etwas Großes, als etwas Großartiges vorgestellt habe, größer als jeder Pausenplatz. Größer jedenfalls als dieses Smalltalk-Ding, das ich damals mit meinen  Kameradinnen erlebte.

Vertrauen ist der erste Begriff, den ich mit Freundschaft assoziiere. Sich etwas anvertrauen, was nicht alle wissen sollen. Ja, ich will dir vertrauen und ich will, dass du mir genauso vertraust. Dass du mir nicht nur Schönes erzählst, dass du mir nicht nur deine Schokoladeseiten zeigst, sondern dass du dich mir öffnest und mir deine Abgründe zumutest. Auf dass auch ich dir von den Dellen in meinem Leben erzählen kann, dir meine Bitter- und Hässlichkeiten, meine Höllen, zumuten kann. Und so vertrauen wir gemeinsam darauf, dass keine von uns beiden unser Wissen, Fühlen und Ahnen, das wir einander geschenkt haben, missbraucht. Loyalität, ja, sie ist ebenfalls Teil meines Verständnisses von Vertrauen. [Doch keine Angst, ich will nicht die einzige Freundin und Vertraute sein, die du hast. Das würde mich überfordern, und nein, du bist auch nicht die einzige Freundin und Vertraute, die ich habe. Mit Freundin X. teile ich andere Erfahrungen und Gedanken als mit dir, und mit Freund Y. nochmals anderes. So wie wir alle viele sind und viele Seiten in uns tragen, so teilen wir diese Vielfalt auch mit unterschiedlichen Menschen auf unterschiedliche Weise.]

Wahrhaftigkeit ist ein weiterer Begriff, den ich mit Freundschaft verbinde. Vielleicht kommt wahrhaftig zu sein gar noch vor Vertrauen, denn es ist für mich die Voraussetzung desselben, wenn denn eine Freundschaft wirklich diesen Namen verdient. So, wie ich mich dir ungekünstelt und unverstellt zumute, erlöst vom Wunsch, dich beeindrucken oder dir gefallen zu wollen, so wahrhaftig – und damit auch bereit, von dir verletzt zu werden –, so echt, so authentisch wünsche ich mir auch dich. Denn nur wenn wir beide uns einander offen und unverstellt zumuten und anvertrauen, kann etwas zwischen uns wachsen, das ich Freundschaft nenne.

Auf alles andere verzichte ich gerne. Alles andere ist Treten an Ort. Alles andere ist Smalltalk, Kleingeschwätz. Alles andere ist Zeitverschwendung. Ich mag meine kostbare Lebenszeit nicht mehr auf Menschen verschwenden, die mir nicht mit gleicher Offenheit, wie ich sie ihnen entgegenbringe, begegnen. Die sich unter und hinter Floskeln verstecken, die mir nur ihre Fassade zeigen und diese immer schön auf Hochglanz polieren. Nur weil wir damals Freunde waren, müssen wir heute nicht zwingend und noch immer Freunde sein. Nur weil wir vieles zusammen erlebt haben, müssen wir nicht auf Gedeih und Verderb einander geschönte Rapporte dessen liefern, was uns das Leben so antut. Wenn ich anmerke, dass ich deine Hochglanzwelt und dein So-tun-als-ob nicht glauben kann, weil sie mir nicht wahrhaftig genug ist, und du entgegnest, dass du mich nicht verletzen wolltest, schlucke ich leer. Sehr leer.

Kritikfähigkeit und -bereitschaft gehören für mich ebenfalls und unbedingt in eine Freundschaft. Ja, ich will dich verstehen, aber ich will dass du das auch tust. Versuchen wir es zumindest. Klar will ich, dass du mir sagst, wenn du findest, dass ich auf dem Holzweg bin oder etwas das ich tue, nicht toll findest. Aber bitte nicht pauschal, sondern differenziert und begründet. Ich will mich mit dir nämlich auseinandersetzen, ich will dich sehen, ich will dein Herz sehen, nicht die Glasur, die hochglänzende Fassade. Und ich will auch nicht dein Bad samt dem Kind-in-dir auskippen. Und darum erwarte ich das alles auch von dir.

Ich hoffe, dass wir einander – wenn du es brauchst, wenn ich es brauche – Stützen sind. Dass wir einander helfen. Dass wir – selbst wenn wir nicht immer alles toll finden, was der oder die andere tut – wohlwollend miteinander sprechen können. Oder aber dass wir unser Gespräch für immer beenden.

Ein paar Erwartungen hab ich offenbar doch an eine Freundin, an einen Freund. Die Sache mit der bedingungslosen Liebe ist so bedingungslos wohl doch nicht. Bedingt denn Liebe nicht immer ein Gegenüber? Ob nun zwischen Freunden, als Paar oder auch als Elternteil oder Kind: Liebe setzt eine Verbindung voraus und bedingt, dass wir einander Zugewandte sind. Meint, dass wir diese Liebe, die den Boden unserer Freundschaft ausmacht, mit wahrhaftigen Begegnungen nähren. Mit wahrhaftigem Sein. Mit einem Blick ins Herz. Diese Bedingungen brauche ich. Sonst verdorrt eine Freundschaft. Dann sag ich lieber ‚Lebewohl!‘ und ‚Machs gut!‘ und ‚Danke für alles!‘

Immer mehr von immer weniger

Immer wieder gelange ich an Orte in mir drin, an denen ich das Bedürfnis habe, nichts teilen zu müssen/sollen/wollen. An denen ich nicht mehr das Bedürfnis habe, etwas teilen zu müssen/sollen/wollen. Nicht Dinge, keine Angst, ich schreibe von Gedanken, Erfahrungen, Innenansichten.

Aber so ganz stimmt es so auch wieder nicht, denn wenn ich in mir an diesen Orten bin, twittere, elloe oder instagrame ich dafür zuweilen mehr als sonst. Irgendwo ein Ventil nach außen brauche ich dann wohl doch. Aber vielleicht sind es von solchen Orten aus weniger die komplexen Gedanken, die nach außen wollen, eher so die Spitzen derselben, getarnt oder verpackt in einem Bild, einem kleinen Satz, in einer Flapsigkeit womöglich sogar.

Zu anderen Zeiten und an anderen Innendrin-Orten sind es komplexe Gedanken, sind es Geschichten, sind es Ärgernisse, sind es Alltagsfreuden, die ich nach außen tragen will/muss/soll.

Das Ventil. Ich nannte es hier neulich auch die Erlösung(en). Denn das ist es ja. Überdruck. Ein Zuviel im Innen, das nach außen schwappen will, damit ich nicht platzen muss. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass es anderen ähnlich geht und wir alle tagtäglich unser Zuviel, unsere Eindrücke, unsere Erlebnisse, unsere Erfahrungen ausspucken, Verzeihung ausdrücken wollen, müssen, können, wird mir manchmal ganz schwindlig. Es ist so viel. Alles. Zu viel. Ich nehme das Viele zuweilen auf, verarbeite es in mir drin weiter, doch dann ist ja wieder noch mehr in mir drin, was raus will.

Und so weiter und so fort.

Ein Kreislauf, den ich manchmal genial und manchmal total krank finde. Nicht, dass das früher total anders gewesen wäre, als wir Menschen noch nicht alle diese Möglichkeiten gehabt hatten, uns auf so vielen unterschiedlichen Kanälen auszukotzen, nur glaube ich, dass sich an unserer Haltung etwas geändert hat. Wir leben mit Selbstverständlichkeiten, die wir nicht mehr grundsätzlich in Frage stellen. Warum auch. Da wir die Möglichkeiten haben, nutzen wir sie auch. Angebot und Nachfrage.

Heute, als ich am Vormittag im Büro schuftete, kam der Chef kurz vorbei, um vor dem langen Wochenende noch ein paar Sachen zu klären. Als wir die geschäftlichen Dinge besprochen hatten, erzählte er noch kurz von seiner gestrigen Autopanne und sprang von dort auf das heutige Einkaufs- und Konsumverhalten.

In zehn Jahren, oder vielleicht schon viel früher, sagte er, wird es in den Läden keine Kassiererinnen mehr geben. Da werden wir unsere Einkäufe selbst scannen müssen, wir werden übers Handy bezahlen und die ganze Verantwortung liegt bei uns. Wir müssen dann sogar, obwohl die Geschäfte ja unser Geld wollen, noch selbst den Bezahlvorgang abwickeln, für die da arbeiten. Findest du das nicht auch ziemlich schräg?

Nun ja, du kannst gerne in einen teureren Laden gehen, wo du bedient wirst und mit dem Preis auch die Dienstleistung mitzahlst. Aber solange du dich für das Immer-billiger entscheidest, musst du eben auf die Dienstleistungen und auf die Menschen, die diese erbringen, verzichten. Wir können nicht Immer-billiger haben ohne den einen oder anderen Abstrich zu machen. Das ist es, was ich zuweilen total schräg finde an unserer Haltung als Konsumierende: Wir wollen für immer weniger Geld immer mehr geboten bekommen.

Es geht, denke ich jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, schlussendlich immer auf Kosten von jemandem. Wenn ich wählen kann, dann doch lieber auf Kosten von uns Wohlstandsverwöhnten als auf Kosten von BilligarbeiterInnen.

Das ist zum Beispiel so ein Ort in mir drin: Die Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten, von Ungleichgewichten. Ein Ort, an dem ich mich nicht gerne aufhalten, weil er mich verstört, weil ich mich darin hilflos fühle. Und dann, ich gestehe es, erlaube ich mir, die Türe zu diesem Ort hin und wieder zu schließen, mich an andere Orte mit einer weniger schmerzhaften Umgebung, zu begeben. Über Ungerechtigkeiten habe ich schon so viel geschrieben, geweint, nachgedacht, getrauert, dass ich es bisweilen für überflüssig halte, noch mehr darüber zu schreiben. Bringt ja eh nichts. Andererseits: Wenn wir sie nicht benennen, werden sich die Dinge auch nicht ändern.

Die Dinge nicht und auch die Gedanken einer Mehrheit von Menschen nicht, die nicht wirklich über Zusammenhänge nachdenkt. Und auch die Zusammenhänge werden sich nicht ändern. Es ist ja schon verflixt: Weil das eine das andere bedingt, auslöst, voraussetzt, können wir ja nicht einfach hingehen und es ändern. Denken wir.

Und ich frage mich, ob das wirklich stimmt. Was, wenn …

Und so frage ich mich jetzt, ob es etwas bringt, dass ich diese Gedanken hier veröffentliche. Klar, mir hilft das Schreiben beim Gedankenverdauen, beim Zur-Ruhe-kommen, doch muss ich sie deswegen veröffentlichen? Muss ich sie teilen? Muss ich Teil dieser Schaut-her-was-ich-denke sein? Will ich es? Brauche ich es?

Ist das da, was wir in den Blogs und sozialen Medien von uns geben nicht einfach Hirnwichserei? Und darum, nun ja, darum werde ich diesen Artikel nun doch veröffentlichen. Und weil es doch auf einen Text mehr oder weniger nicht ankommt. Ihr müsst ihn ja nicht lesen.

Diese Sehnsucht nach Erlösung

Was genau ich geträumt habe, ist nicht relevant, zumal ich mich nicht mehr erinnere. Woran ich mich aber genau erinnere, ist, dass ich um Lösung, Erlösung, Auflösung herum geträumt habe.

Eine der Erinnerungsspuren zurück in die Traumhandlungsebene befasste sich mit Druckaufbau, mit Leistungsdruck, mit Pflichten, mit Erwachsensein vielleicht auch − doch möglicherweise kam diese Ebene erst dazu, als ich bereits in jener Phase kurz vor dem Aufwachen war, wo Träume es sich zuweilen anders überlegen und sich zurückziehen, um nicht die Schwelle zur materiellen Realität überschreiten zu müssen. (Ob sie den Schmerz ahnen, die Träume, der auf sie wartet, vielleicht, falls sie wahr, falls sie real würden? Und wäre es denn Schmerz?)

Was brauche ich? Was tut mir gut? Zwischen Notwendigkeiten und Luxus ist ein großer Graben. Was brauchen das Kind-in-mir wirklich? Und was brauche ich erwachsener Mensch? Was brauche ich wirklich um der Wirkung, der Wirksamkeit, der Wirklichkeit willen und um sie zu ertragen? Was erfüllt mich, was erlöst mich, was heilt und was nährt mich? Was wendet Situationen, die wie Sackgassen aussehen und mir Angst machen?

Sind es letztendlich weniger die Dinge an sich, Materie und Umfeld, als vielmehr die Bewegungen, die Handlungen, unsere Hingabe und Zuwendung, ein Blick, eine Berührung, die uns erlösen?

Wenn ich so um mich schaue (oder/und weil ich von mir auf sie schließe), dünkt mich das ganze Paket, das manche Freundinnen und Freude so mit sich herumtragen, verdammt groß und schwer. Unlösbar schwer?

Brauche ich, brauchen wir alle vielleicht deshalb im Alltag immer wieder unsere Erlösungen?
Ist das Leben nicht ein einziges Spannungsbogen aufbauen und Spannungsbogen abbauen?
Spannung
und Erlösung.
Hin zu mir,
weg von mir.
Ewiges Auf und Ab,
endliches Kreisen.

Ja, ich brauche Erlösungen. [Und ich vermute, dass sogar ein Mord eine Art Selbsterlösung sein kann, zuweilen, auch wenn das für mich keine Option ist. Außer vielleicht im Lesen von Krimis.]

Wie ich mich am liebsten erlösen lasse? Zum Beispiel durch eine wunderbare, mit dem Liebsten zusammen gekochte Mahlzeit. Durch den gemeinsamen Gaumengenuss. Oder − wie gesagt − von Geschichten anderer in Büchern und Filmen. Auf Wanderungen und Radtouren erlöst mich die Natur. Immer ist es wohl diese Hingabe an den Augenblick, ans Jetzt, die mich erlöst, zuweilen beinahe auflöst. Mich in mir. Wie im Orgasmus. Oder im Wasser, beim Duschen oder Schwimmen. Und im Fluss von Musik, von Stille und von Schlaf.

Ich ahne, dass die definitive Erlösung der Tod ist.

Was Kunst kann, kann nur Kunst

Manche Leute können ja nicht wirklich etwas mit Kunst anfangen, sagen gar Dinge wie »Also, ich verstehe ja wirklich nichts von Kunst«. Sie scheinen, will mir scheinen, kein Bedürfnis danach zu haben, aus sich heraus etwas Eigenes, etwa Ursprüngliches, etwas Originelles zu schöpfen. Machen sie Fotos, gehören diese in die Kategorie Schnappschüsse, Erinnerungen und Zeitdokumente. Und ja, das darf so, kein Thema. Wir alle sind sehr verschieden. Und das ist gut.

Wenn man solche Bilder aber im Internet als Kunst bezeichnet, schrecke ich ein bisschen zusammen. Wie jetzt? Ich soll diese Collage, diese eher unscharfen Naturbilder, als Kunstwerk verstehen? Oder ist − was ich eher vermute − das Gesehene, das Abgeknipste, die Natur selbst, dasjenige, was ich als Kunst verstehen soll?

Und schon bin ich mal wieder mitten drin in der ewigen Streitfrage, was denn nun bitteschön Kunst an der Kunst sei. Diese Frage umfasst für mich definitiv auch den Aspekt, was Kunst soll und will und kann. Ich glaube, die meisten hier sind mit mir einverstanden, wenn ich sage, dass Kunst viel mehr ist als etwas ‚einfach nur abzubilden‘. IMG_2848Zumal es die wirkliche Wiedergabe eins zu eins, also die Wiedergabe eines Objekts, eines Erlebnisses, eines Dings, in ein Bild, nicht gibt. Weil nur schon der ausgewählte Ausschnitt durch die Kamera, den Bildrahmen, den gewählten Moment, den man erzählt, eine Einschränkung, oder, neutraler, eine Veränderung des Objektes, im Verhältnis zum Original, darstellt.

Kunst ist meiner Meinung nach − im Unterschied zu Handwerk und zu Kunsthandwerk − einzig oder mindestens primär dem Ausdruck einer Erfahrung, eines Gedankens, einer Idee der oder des Kunstschaffenden verpflichtet, also der Interpretation des ausgewählten Etwasses. Dies dann allerdings unter Anwendung zuvor erworbener Kenntnisse. Und unter Anwendung des Wissens darüber wie dieses eingesetzt wird.

Ein Beispiel gefällig? Wenn ich schreibe, schreibe ich unter Anwendung und erworbener Kenntnis vom Rechtschreibe- und Satzzeichenregeln (Pflicht, Wissen, Können), doch ich fülle die Zeilen auf eine Weise, die meinem Bewusstsein und meinem Bedürfnis entspricht (Kür, Kunst, Ausdruck).

IMG_2857So gesehen ist Kunst, banal gesprochen, ein Transportweg. Ich transportiere die mir auf dem Herzen brennenden Inhalte − von humorvoll über politisch zu philosophisch − auf die mir am meisten entsprechende Ausdrucksweise (Bild, Ton, Film, Text etc.).

Kann pure Natur, kann diese Schönheit, die ein Mensch mit seinen Augen betrachtet und gewürdigt hat, als er den Auslöser drückte, kann sie also Kunst sein?

Ich frage lieber so: Will Natur überhaupt Kunst sein oder ist Natur nicht sogar das Gegenteil von Kunst, gewachsen, entstanden aus der Ursprungskraft allen Lebens, aus dem Leben selbst? Eben nicht als Kunstform, als etwas Künstliches, als etwas Geschaffenes, als etwas mit Botschaft für uns Menschen, für uns Kronen der Schöpfung, sondern als die Reinform allen Seins. Natur eben.

Nicht für uns Betrachtende, Bewundernde und Staunende, auch nicht für uns Nutzende, sondern um ihrer selbst willen.

Werden. Sein. Vergehen.

Was ich brauche?

Eigentlich ist es ja ganz gut, dass nicht alle sind wie ich. Viele Berufe würden nämlich gänzlich aussterben, wären alle wie ich. Es gäbe zum Beispiel keine Fernseher und keine Radios, weil ich nie Radio höre und Fernsehen gucke (das Dauer-Gelabber macht mich viel zu hibbelig, Werbung vor allem, Stimmen, Reden). Es gäbe keinen herkömmlichen TV-Betrieb außer den werbefreien Mediatheken. Und es gäbe keine Metzgereien, keine Nur-Fleischgerichte-Restaurants, keine Einkaufmalls, keine Zeitungen, keine … ach, ich könnte bestimmt eine sehr lange Liste schreiben, wenn ich wollte, ich partielle Konsumverweigerin ich.

Wie gesagt: Es ist wirklich gut, dass es so verschiedene Menschen mit so verschiedenen Talenten, Interessen, Fähigkeiten gibt. Aber was wollen und was brauchen wir wirklich, wir KonsumentInnen wir?

Seit vier Jahren und einem Monat lebe ich nun in W. und kaufe seither meistens im kleinen Dorf-Laden ein. Zwar ist es eine Filiale eines der zwei größten Genossenschaftsgroßverteilers der Schweiz, aber der in W. ist eben recht klein, überschaubar und irgendwie persönlich. Dennoch mit einem ziemlich breiten Sortiment; von allem was, aber nicht von jedem Ding tausend verschiedene Produkte und Marken zur Auswahl. Meistens kaufe ich mit Rad, Rucksack und Korb ein, für eine Woche. Und meistens reichen Korb und Rucksack. Einen Einkaufswagen brauche ich nie.

Heute habe ich das erste Mal, seit ich hier lebe, bei der Einkaufsmall zwischen den Dörfern, die ich bisher immer links liegen gelassen habe, zwischengestoppt.

Ehrlich, eigentlich bin ich da ja nur hin, weil ich vermutete, dass sie das Bio-Spülmaschine-Mittel haben, das der kleine Laden nicht hat. Nun ja, das haben sie, aber sie haben eben, wie ich heute merkte, auch sonst noch ein paar Sachen. Was für eine Auswahl an Gemüsen, an Joghurts, an Käsesorten, an Vegi-Produkten! Und Bürokram auch gleich – Kopierpapier brauche ich eh bald wieder. Und diese Biersorten!

Mein Korb war längst voll, ich holte an der Kasse einen zweiten und auch den füllte ich locker. An der Kasse reichte das Förderband nicht für alles und ich fühlte mich ein bisschen wie eine Falschspielerin, wie eine mit riesiger Familie zuhause … Wobei … bald kommt ja der Liebste zurück von Spanien. Und ehrlich: der Kühlschrank ist auch fast leer …

Was ich sagen will: Es tut gut, ab und zu über seine eigenen Vorsätze, Prinzipien und so weiter zu stolpern und mal Dinge zu tun, die man sonst nicht tut, weil. Und echt jetzt: die Bio-Mandelmilch ist wirklich genial. Und ja, wirklich, mir gehts nun wieder ein bisschen besser als heute Morgen.

Auch dass ich mich mal richtig über Regen freuen würde, hätte ich auch nie gedacht. Heuschnupfen ist dann nämlich viel erträglicher.

Von Fröschen und andere Zufällen

Man denkt ja immer: Ich will dann kein schlimmes Alter, bitte-bitte, liebes Leben, verschone mich. Und dann wird man allmählich älter und ist dabei wie der berühmte Frosch* im Wasserbad, das sehr langsam erhitzt wird. Man gewöhnt sich, wie der Frosch, an die steigende Hitze. Man − die älter werdende Frau, die ich bin − gewöhnt sich an die Gebrechen. An den Rücken, der zwickt, an den Tinnitus sogar, der lauter geworden ist. Man denkt, dass das irgendwann ist, später, in der Zukunft, das mit den sich mehrenden Gebrechen, später irgendwann, und man merkt gar nicht, dass es schon jetzt ist und dass man mittendrin ist in diesem Älterwerden mit seinen Gebrechen da und dort.

Ich glaube ja eigentlich an Gesamtzusammenhänge. Von daher muss das wohl auch etwas mit mir zu tun haben. Aber wenn ich an Gesamtzusammenhänge glaube, muss dann nicht alles, was je geschehen ist, etwas mit mir zu tun gehabt haben und war nicht einfach nur Zufall? Und wenn Gesamtzusammenhang, dann wie? Und muss ich es verstehen?

Anders gesagt: Versteht jemand die Zusammenhänge oder ist das eine Frage des Ausschnittes?

Hängt zwar alles naturgemäß zusammen, aber niemand sieht das ganze Bild. Vermutlich.

Weil das ganze Bild gar nicht auf eine Karte passen würde und wegen all der Kurven und Knicken und Ecken und Rundungen – wie bei der Weltkugel – die Proportionen eh nicht originalgetreu wiedergegeben werden können. Geschweige verstanden. Ein großer, in sich zusammenhängender Zufall also. Ja, vielleicht.

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* Mag ja sein, dass sich Menschen so verhalten, wie sie es Fröschen unterstellen, nämlich, dass sie sich an die Umgebungshitze gewöhnen, doch ganz offensichtlich ist es in Wirklichkeit bei den Fröschen ein bisschen anders.

Zeit.de