Besondere Kinder in besonderen Büchern

Vielleicht wechsle ich mein Lieblingslesegenre. War ich früher eine Liebhaberin von Biografien, klassischen Entwicklungsromanen und Romanen mit philosophischem oder lebenshilfreichem Inhalt, bin und war ich nun schon seit einigen Jahren eine sehr leidenschaftliche Krimileserin und Krimiguckerin.

Weder Thrill noch Blut und Geballer aber sind es, die mich an Krimis faszinieren, eher faszinieren mich die psychologischen Komponenten. Wie Menschen ticken. Wie sie in Ausnahmesituationen reagieren, agieren, wie sie sich und andere Menschen behandeln. Dass es in den meisten Krimis eine Art Happyend gibt, mag ich ebenfalls. Doch das ist ja längst nicht mehr überall so. Und das muss es auch nicht. Weil die Welt … nun ja.

Doch jetzt wechsle ich vielleicht das Genre, denn in letzter Zeit stelle ich bei mir eine latente Krimiüberdrüssigkeit fest. Fast als hätte ich nun alles gesehen. Bin ich abgestumpft?

coverVor einigen Wochen hat mir eine Ello-Freundin die Bücher von Ransom Riggs empfohlen. Band 1 – Die Insel der besonderen Kinder – kommt im Herbst ins Kino und darauf freue ich mich schon sehr. Eben lese ich bereits Band 2: Die Stadt der besonderen Kinder.

Nicht erschrecken: Das hier ist Fantasy. Aber anders, als ich mir bisher Fantasy eben vorgestellt habe. Nun ja, ich kannte ja bisher nur Harry Potter und Narnia, falls man diese zwei Serien in ein Genre packen will und muss.

Aber eigentlich ist es mir egal, wie das Genre heißt. Ich mag die Geschichten, ich mag die Figuren, ich mag die Gedanken darin, die Dialoge, die Abenteuer und ich mag, was diese zwei Bücher mit mir machen. Ich werde wieder Kind, sogar wie ein eins dieser besonderen Kinder aus dem Buch.

Was sie so besonders macht, sind ihre Gaben. Emma kann mit ihren Händen Feuer schaffen, Millard ist unsichtbar, Jacob sieht die Hollows, die dunklen Mächte, Olive ist leichter als Luft … Gaben, die für die Welt da draußen nicht nachvollziehbar sind, magisch, unheimlich, unnütz, andererseits aber auch begehrenswert, besitzenswert, vermarktbar.

Verrückt und besonders_fW

Was ist dieses Anderssein, dieses Besonderssein? Keine Schwäche, wie es ihnen als kleine Kinder eingeredet wurde, bevor sie von ihrer Hüterin und Ziehmutter Miss Peregrine entdeckt und auf die Insel geholt wurden, wo sie – geschützt in einer Zeitschleife – ein wunderbares, glückliches Leben gelebt haben, bis …

Nein, ich will nicht über die Geschichten an sich schreiben, denn die lest ihr entweder selbst oder guckt euch auf den Links unten die Zusammenfassungen an. Schreiben will ich über das Faszinosum dieser Geschichten. Ich erkenne mich wieder in den Kindern, in ihren Sehnsüchten, in ihrem Kampf gegen die Welt da draußen, im erlebten Unverständnis, das ihnen und ihren Besonderheiten entgegengebracht wird. Ich erkenne mich wieder.

Die Sehnsucht, ein Problem lösen, ein Leben retten, ein Unheil abwenden zu können: es ist so unglaublich menschlich. So ganz anders menschlich als das, was um uns herum tagtäglich geschieht. All dieser Unmenschlichkeit und Tristesse trete ich mit diesen zwei Büchern, mit diesen Geschichten entgegen, die mich eine Zeitlang aus der Zeitschleife des Hier und Jetzt in eine andere Zeit, in eine andere Welt zaubern.

Und ja, darum liebe ich diese Bücher. Und ich freue mich schon auf Band 3. [Hoffentlich wird er bald auf Deutsch übersetzt, sonst muss ich ihn auf Englisch lesen.]

Ach, und nicht zu vergessen: Die beiden Bücher sind echte Augenweiden. Ob als eBook oder in Papier: Wunderbar gestaltet sind sie und mit antiken Fotos illustriert.

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Tönen, hören, verstehen.

Alle Begriffe, alle Wörter, die wir sprechen, sind gefüllt mit unseren Erfahrungen. Alles ist Interpretation. Neutrale Begriffe gibt es nicht. Und zum Begriff kommt der Kontext.

Das Wort normal zum Beispiel, wie ich neulich auf Twitter gemerkt habe, ist je nach unserer Herkunft, sehr unterschiedlich gefüllt. Für mich ist und war es immer eine latenter Sehnsuchtsbegriff. Normal zu sein, nicht anzuecken, nicht aufzufallen, hatte ich mir schon als Kind gewünscht. Einfach weil ich nicht gerne anders bin.

Auch das Wort anders hat viele Gesichter. Ich plädiere für Weitung des Begriffes Normalität. Und es fragt sich, ob es ihn im menschlichen Umfeld überhaupt braucht. Wenn Papiergrößen, Schraubenmuttern und Litermaße genormt sind, ist das etwas anderes, aber bei Menschen? Denn, seien wir ehrlich, jede und jeder von uns hat einen Bereich in dem sie oder er von der sogenannten Norm abweicht.

Und wie sagt Frau Lakritze so schön? »Die einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt.« Recht hat sie.

Was der einen arrogant vorkommt, empfindet der andere frustriert.
Was der eine so, findet die andere so. Und dabei spielen nicht nur persönliche Unterschiede und Prägungen eine Rollen, sondern oft auch kulturelle. Nehmen wir Kuchen.

In der Schweiz zum Beispiel bedeutet Kuchen je nach Region etwas anderes. Im Kanton Bern ist der Kuchen das, was im Kanton Zürich die Wähe. Nämlich so was ähnliches wie die Quiche in Frankreich. In Zürich ist Kuchen das, was in Bern ein Cake oder eine noch nicht gefüllte Torte. Und die Wähe des Zürchers und der Kuchen der Bernerin? Sie ist ein dünn ausgewallter Teig mit Früchten oder Gemüse gedeckt und mit süßem oder salzigem Eiermilchguss gebacken. Eben Wähe, Tünne, Kuchen.

Gehen wir einen Schritt weiter zum

KäsekuchenCH

ChäswäheKäsekuchen in der Schweiz? Logisch: salzig, aus Käse, ein herrliches Mittagessen.

 

 

KäsekuchenKäsekuchen in Deutschland? Das heimatlichste Gebäck ever, sagen viele. Logisch, dass es süß ist, aus Quark, ein köstlicher Nachttisch.

 

 

Als ich vor sechseinhalb Jahren, Irgendlinkseidank, meine deutschen Nachbarinnen und Nachbarn besser kennenzulernen begann, stießen wir auf mancherlei Wörter und Begriffe, die unterschiedliche Bedeutung haben.

Paprika nennen meine deutschen NachbarInnen das, was ich Peperoni nenne, und ihre Zucchini heißt bei uns im Laden Zucchetti.

Estrich ist in der Schweiz das, was den Deutschen der Dachboden.
Estrich ist in Deutschland das, was in der Schweiz der Fußboden (oderrr???) und wenn ihr Deutschen diesen kehrt, wischen wir ihn. Wenn wir wischen, kehrt ihr. Darüber stolpere ich auch nach heute noch zuweilen, über Besen und Schrubber sozusagen.

Mir ist heute, als ich mit einem vierzehnjährigen Eritreer, der seit sechs Monaten mit seiner Familie in der Schweiz lebt und an unserer Schule den Integrationskurs besucht, am Tisch saß, bewusst geworden, wie mächtig Gewohnheiten sind, wie stark Wörter wirken, wie unterschiedlich Musik verstanden wird und auch auf wie viele Arten sie klingen kann. Und wie sehr wir Geprägte sind, wir alle, Geprägte unserer Kultur.

KrarCeder400Im Werkunterricht, so erzählte er, baue er zurzeit sein Instrument, Krar, das er in Eritrea gespielt habe. Er zeichnete uns, die wir mit ihm am Tisch saßen, etwas auf Papier, das wir Zither nannten. Mit Saiten. Und ich hoffe so sehr, dass er, wenn er das Instrument fertig gebaut hat, darauf ein Stück Heimat finden wird.

Die Weltverbesserung wäre ein großes Tuch.

Die Weltverbesserung wäre ein großes Tuch. Eins, das gewoben wurde, um alle zu wärmen, alle einzuhüllen, alle zuzudecken und allen Geborgenheit und Heimat zu geben. Ein riesengroßes Tuch also und ganz viele Menschen haben es zusammen gewoben, gestrickt, gehäkelt, gesponnen, es zusammengenäht und ja, das sieht man auch. Homogen ist es nicht wirklich, eher ziemlich derb, und rau und die einen Zipfel sind ein bisschen ausgeleiert, während andere im Laufe der Zeit steif geworden sind, andere verfilzt und an einige Ecken haben sogar Motten ihre Spuren hinterlassen. Kurz und gut, unser großes Tuch ist ein bisschen wie wir Menschen, die wir ja nur ihr Bestes wollen, der Welt Bestes, das Beste für alle.

Und natürlich wissen wir alle – genau oder ungenau, was das ist. Nun ja, ich und du, wir wissen es natürlich ein bisschen besser als die da drüben, die unter dem steif gewordenen Stück der Decke stehen. Und die da drüben, wo es schön farbig ist, wissen es vielleicht genauso gut wie wir. Vielleicht. Oder sogar ein bisschen besser?

Und wie geht es wohl bei jenen vis-à-vis, die mit ihrer Wut auf alles? Eigentlich müsste deren Wut ja die Decke ausdehnen, weiten und noch reicher machen – zumindest wenn man all ihre Wut in Energie umrechnen könnte.

So stehen wir alles da, halten einen Zipfel der Decke, des riesigen Tuches, und wollen jenen Teil der Welt, der uns ganz besonders am Herzen liegt, ein bisschen fester zudecken. Wollen heilen. Wollen das Beste für.

Wir ziehen ein bisschen, damit auch wirklich alles gut zugedeckt ist. Aber halt, was ist das? Die da drüben ziehen ja auch an der Decke. In ihre Richtung. Dahin, wo sie es notwendig finden, dass.

Und da, da drüben, ruckeln die Wütenden. Auch sie finden, dass.

Wie jetzt? Ist unsere Decke doch nicht groß genug für alle?

Ich bin viele – du auch.

Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermass an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf  unterschiedliche Weise denken und fühlen.

aus: Fernando Pessoa, Livro do Desassossego, Aufzeichnung vom 20.12.1932

Wenn ich viele bin, warum soll ich nicht an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Anteile meiner Selbst leben? Manche im Stillen − nur für mich sichtbar oder sogar für mich selbst nicht nachvollziehbar −, manche im realen Leben, manche in den sozialen Medien, in meinen Blogs, auf Ello, auf Twitter … Und ja, das alles bin ich. Mehr noch bin ich mehr als die Summe aller dieser einzelnen Teile. Und du auch.

Ich entscheide mich – bis auf weiteres zumindest – dieses Blog hier für eher philosophische Artikel von allgemeinem Interesse zu verwenden.

Die Innenansichten gehören – bis auf weiteres zumindest – an andere Orte (privates Blog, Ello und Tagebuch).

Mal schauen, wie das so funktionieren wird. Und ja, die Kommentare lasse ich ausgeschaltet. Ich will lieber keine Kommentare-Beantworterin sein als eine nur oberflächliche.

Verborgene Formatierungen

Die meisten von uns wissen nichts von den verborgenen Formatierungen. Mit diesem geheimnisvollen Satz bin ich heute Morgen erwacht. Obwohl ich im Dunkel des frühen Morgen und der geschlossenen Fensterläden nicht wirklich viel sah, habe ich ihn auf meinen Block gekritzelt. So lesbar, dass ich ihn jetzt, Stunden später, noch immer entziffern kann.

Ich bin ja eine – wie man das wohl nennt? – eine, die nicht nur einen Satzzeichen- und Rechtschreibefimmel hat, ich bin auch eine, die einen währschaften Formatierungsfimmel ihr Eigen nennt. Will heißen, wenn ich einen Text fertig geschrieben habe (ob Geschäftsbrief oder Mail oder Blog oder Ello ist dabei einerlei), wird der nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch in eine Form gebracht, die meinem ästhetischen Empfinden so gut wie möglich entspricht. Da dürfen zum Beispiel keine zuviele Leerzeilen zwischen den Zeilen sein. Obwohl mir ja auch das, was zwischen den Zeilen steht, wichtig ist.

Je nach Format – Software, App oder Officeprogrammm – weiche ich zum Beispiel auf den harten Zeilenumbruch aus – CTRL plus Enter – um eine leere Zeile, resp. die Eröffnung eines neuen Absatzes, auszuschließen. Bei WordPress (wenn man im visuellen Modus arbeitet) bedeutet Enter beispielsweise immer einen neuen Absatz, was, gerade bei lyrischen Texten eine meist unerwünschte Zeile vor der nächsten Zeile bedeutet − und in meinen Augen hässlich aussieht, zerrissen, auseinandergerissen. Da hilft eben nur besagter harter Zeilenumbruch beim Vermeiden.

Bei den diversen von mir benutzen Office-Programmen arbeite ich übrigens immer im Modus namens „alle Zeichen sind sichtbar, auch Leerschläge und Zeilenschaltungen“. Weil ich damit mögliche überflüssige Leerschläge und leere Zeilen ausschließen kann. Die dafür notwenigerweise zu wählende Einstellung sieht fast überall gleich aus. Achtet auf das seitenverkehrte P mit einem Brett im Rücken (¶), wenn ihr die geheimen Zeichen sehen wollt.

(Noch da?) Ja, es gibt da eine Parallelwelt, eine Welt der verborgenen Formatierungen, von denen Normalsterbliche − nun ja, sagen wir NormalnutzerInnen − meist keine Ahnung haben. Auch mir sind noch längst nicht alles Schleichwege auf diesem gar nicht so fernen Planeten vertraut, dennoch gibt es sie, und dennoch funktionieren und wirken ihre Gesetzmäßigkeiten. Aber sie sind Geheimnisse für all jene, die ihre Naturgesetze nicht kennen und natürlich auch für alljene, denen diese Gesetzmäßigkeiten egal sind … Geheimnisse, die also nur für all jene zählen oder gar sichtbar sind, die ein bisschen mehr „sehen“, die bei einem Text auch nicht nur den eigentlichen Inhalt zu sich nehmen, sondern die, wie ich, mit dem Auge mitlesen. Mitessen hätte ich beinahe geschrieben.

Nein, natürlich ist das nicht wichtig. Von einem schön formatierten Text wird niemand satt (GrafikerInnen mal ausgenommen), und es gibt weiß Göttin wichtigere Dinge. Und ja, das hier ist natürlich nur ein Beispiel. Nennen wir es eine Metapher. Eine Metapher dafür, dass jedem von uns etwas anderes wichtig ist. Und jede von uns einen Blick für etwas hat, das andere nicht sehen, nicht sehen können. Und dass es doch schön ist, etwas zu sehen, zu verstehen und zu können, ohne sich deshalb besser als andere zu fühlen. Denn die andern sehen Dinge, die ich nicht sehen kann.

Und wenn sie mich darauf aufmerksam machen, sehe ich sie vielleicht auch.

Das Heimatding mal wieder

Es ist ja nicht so, dass ich fremdgehe. Es ist vielleicht eher so, dass ich einen Ort suche, der meinem aktuellen Schreibbedürfnis eher entspricht.

Am Anfang habe ich auf Ello ähnlich kurze Sätzchen und Gedankenfetzen gepostet wie ich es von Twitter her kannte, inzwischen habe ich mir dort eine kleine Sitzecke eingerichtet, wo ich gemütlich lesen und schreiben kann. Wäre Twitter eine Art Fastfood-Restaurant, wäre Ello ein gemütliches Café mit wenig Lärm, wenig Aufregung, wenig Hin- und Her, dafür mit vorzüglichen Teesorten, leckersten belegten Broten und wunderbaren Desserts. Selbstgemachtes Eis zum Beispiel.

Ausgelöst von einem Post über das Wohnen am Meer habe ich vorhin dort ein paar Zeilen geschrieben:

»… warum leben denn nicht mehr von uns am Meer?

Warum leben wir, wo wir leben? Und wieso leben so viele Menschen nicht so und nicht dort, wie und wo es ihrer Art und Natur eigentlich entspräche?

Ich höre euch antworten:
Wegen der Arbeitsstelle.
Wegen der Familie.
Bin hier geboren.
Habe hier ein Beziehungsnetz aufgebaut.
Mein Liebster kommt von hier.
Ich bin/fühle mich hier zuhause.

[…]

Nun ja, bei mir ist es vielleicht so, dass ich wohl etwa 50% meiner Zeit am liebsten an einem Meer wohnen wollen würde. Mal an einer Mittelmeer- oder Atlantikküste Frankreichs oder Portugals (Italien und Spanien eher nicht, allenfalls eine Insel?), mal sehe ich mich auf einem Hausboot, mal in Südschweden − Kattegat oder Skagerrak −, mal an der schwedischen Ostsee, am bottnischen Meerbusen …«

[Weiterlesen …]


[Ich schreibe übrigens auf einem persönlichen Blog weiter über meine Innenansichten. Wer dort mitlesen möchte, schreibe mir bitte eine Mail.]

Farben und Gerüche

Ich erinnere mich daran, dass ich schon sehr früh, noch im Vorschulalter vermutlich, Geräusche und andere sinnliche Wahrnehmungen in Farben und/oder als Geschmack auf der Zunge oder Nase gesehen, geschmeckt oder gerochen habe. Synästhesie nennt sich das, habe ich vor ein paar Jahren gelernt.

Heute morgen habe ich eine ganz spezielle Erkenntnis gehabt. Dazu muss ich kurz sagen, dass ich ja nicht nur Dinge wie Geräusche, Menschen und anderes in Farben und Geschmack übersetze, sondern auch − oder sogar ganz besonders auch − Zahlen und Buchstaben. Als ich heute Morgen, warum auch immer, über Umlaute nachdachte, begriff ich folgendes: E ist eierschalenfarbenes Weiß, das die Farben von A (ein dunkles Mittelblau), O (erdfarbenes Dunkelbraun) und U (ein dunkles Grün) mit seiner Helligkeit verändert.

Meine Erkenntnis war: Auch in meiner synästhetischen Wahrnehmung kommt die klassische Farbmischalchemie zum Tragen.

Ich denke nicht oft über meine Synästhesie nach, sie ist einfach da, sie ist immer Teil von mir gewesen, auch wenn ich erst spät gemerkt habe, dass es keineswegs üblich und normal ist, in Farben zu schmecken. Und Geräusche als Geschmack auf der Zunge wahrzunehmen.

Diese kleine Erkenntnis heute Morgen, so nicht weltbewegend sie auch ist, hat mich irgendwie gefreut. Sie lässt mich mein Mensch-Sein, mein So-wie-ich-bin-Sein spüren, sie macht mir klar, dass ich lebe, dass ich wahrnehme, dass ich Teil eines Netzes aus unverständlichen, aber als Farben, Gerüche und Geschmack wahrnehmbaren Impulsen bin.

Nicht mehr und nicht weniger.

Spiegel im Spiegel im Spiegel

Das Narrenkastl mag ich. Jürgen Küster hat in seinem Blog aufgenommen, was Cambra und Luisa zuvor (von mir geteilt) angezettelt haben. Und ich mach dort mal weiter. Was mein Narrenkastl ist? Meins ist unter anderem eine Art Spiegel. Vielleicht ist es mein Blog? [Mein Twitteraccount eher nicht. Oder doch?] Und mein Laptop ebenfalls und das Tagebuch darauf. Mein Herz vermutlich auch, oder jedenfalls jener Teil davon, der mir bis hierher weismachen will, dass ich was zu sagen hätte. Habe ich ja auch. Aber – wenn ich ehrlich bin – nur mir. Vielleicht dir und dir noch, manchmal, aber das mehr nicht. Und nein, ich will nicht Komplimente fischen, ich sage einfach, was ich wahrnehme.

Oder wie sagt es Andreas Glumm so treffend? „Wir alle verstauben im Hintergrund bedeutungsloser Schnappschüsse von Menschen, die uns unbekannt sind, wir alle stecken fest in Foto-Büchern fremder Leute, die meiste Zeit nichts als zugeklappt und übersehen.“ So ähnlich ist es mit Sätzen, mit Büchern, mit Gedanken, mit allem, was wir aus uns raus lassen. Einzig uns selbst tut der Furz eben gut. Und auch von der Sache mit den kompakten Ausscheidungen haben nur wir selbst was.

Zu verdauen, was ist – ja, das ist ein legaler Grund zu schreiben, aber ob er mir als Grund fürs Bloggen reicht, weiterhin reicht?
Vor etwa drei oder vier Wochen, es war als ich krank im Bett lag, wurde die Frage, was ich da eigentlich mache, auf einmal unüberhörbar. Auf einmal war die Begeisterung, die Überzeugung bloggen zu müssen, weg. Wie eine Kerze, die ausgeht, wenn sie heruntergebrannt ist. Das heiße Wachs ist länger heiß als die Kerze brennt. Und erkaltet bald darauf.

Selbstdarstellung. Ich kotze gleich.
Ich rede so viel. Ich kommentiere so viel. Ich bringe mich ein.
Wozu? Wofür? Wohin? Was will ich überhaupt?

[Wer von euch den Tatort-im-Tatort mit Ulrich Tukur (Wer bin ich?) gesehen hat, dem und der sage ich: Eitelkeit ist unter Künstlerinnen und Künstlern nicht weniger verbreitet wie unter Normalsterblichen. Auch wenn das Ganze (hoffentlich) ein klein bisschen überzeichnet war. Wobei?]

Manchmal reicht mir die Sinnlosigkeit nicht als Sinn und die Grundlosigkeit nicht als Grund.
Die Närrin schläft. Die Übermut hat sich eingeigelt und mein Narrenkastl ist verhängt. Ein Nullraum vielleicht. (Danke, Jürgen, für das Wort.) Winterschlaf? Brüten?

Je ne le sais pas.

Der Spiegel ist angelaufen. Nicht dreckig, nein, das nicht. Aber müde. Müde, immer wieder der Welt da draußen zu zeigen, was wir eh alle wissen, denken, sprechen, erkennen, beim Namen nennen. Meins ist weder besser noch schlechter als deins. Und auch nicht wirklich anders.
Nein, da wo es drauf ankommt, werde ich auch zukünftig nicht schweigen, keine Angst. Kann ich gar nicht. Ich will meine Energie, meine Kraft nur einfach irgendwie anders einsetzen. Ein Anders, das ich noch nicht kenne. Doch so vieles, das ich tue, läuft letztendlich auf diese Spur der Selbstdarstellung heraus, die ich so satt habe.

Nun ja, vielleicht fehlen mir im Moment Objektivität und Differenziertheit, denn ich kann mir durchaus vorstellen, dass mein Buchprojekt, das vom Umgang und dem Weiterleben nach Gewalt und Traumata erzählt (aus meiner und aus der Sicht von zwei weiteren Direktbetroffenen), zu einem neuen hilfreichen Blickwinkel für den einen oder die andere beitragen könnte. Vielleicht.

Nicht, dass ich nicht an die Qualität meiner Texte glauben würde. Das nicht. Aber muss ich sie deswegen kaum gedacht gleich publizieren? Noch mehr und noch dringender will ich zurzeit meine Schreibe von allem künstlichen Firlefanz befreien. Da hat mich wohl Knausgård angesteckt. Ich mag zurzeit keine Texte lesen, die nicht wahr und echt sind. Die künstlich sind. Die konstruiert statt gewachsen sind. Ich mag auch keine Texte schreiben, die etwas anderes sind als aus mir herausgewachsen.

Der Gedanke, dass die Welt mich und meine künstlerischen Beiträge braucht, wie ich es andern (und mir selbst) immer wieder ermutigend zugesprochen habe, greift bei mir selbst nicht, nicht mehr. Vieles, was ich früher dachte, greift nicht mehr. Mag am Älterwerden liegen.
An der Sehnsucht nach Ganzheit, nach Wahrhaftigkeit. Keine Ahnung, ob das jemand versteht.

[Das ganze Thema Kreativität und Flow lasse ich hier bewusst außen vor.]

[Und ja, wir sind noch in den Ferien in Südfrankreich … endlich Raum, Nullraum, Ruhe für meine Gedanken …]

[Ist das jetzt ein Blog-Abgesang?, fragt der Liebste.
Ich weiß es nicht, sage ich.]

99 Jahre Einsamkeit?

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da ich von den Ereignissen in meinem Leben so sehr aus der Bahn geworfen worden war, dass ich nicht einfach nur depressiv war (obwohl schon einfach nur depressiv zu sein zu viel Leid ist). Damals also gesellte sich zur tiefsten Depression die unverrückbare Gewissheit, dass ich niemals wieder ein normales Leben würde führen können. Normal stand damals bei mir sowohl für die Fähigkeit, je wieder soziale Kontakte pflegen zu können, zu lieben, geliebt zu werden, als auch dafür, mich adäquat um mich selbst kümmern und mein Ein- und Auskommen wieder selbst bestreiten zu können. Meine einzige Perspektive war die, dass ich vereinsamen, verbittern und verarmen würde, in der Gosse landen, ungeliebt und unbeachtet sterben. Keine schöne Aussicht.

IMG_6146Meiner alles übertönenden Angst standen zwar Freundinnen, Freunde und liebe Familienangehörige gegenüber, die in dieser schweren Zeit da waren und mir alle nur erdenkliche Hilfe anboten; doch taten sie das, da war ich mir in meiner damaligen Verblendung sicher, eh nur, weil sie sich mir gegenüber dazu moralisch genötigt fühlten; nicht etwa wegen mir, nicht für mich, nicht, weil sie mich mochten oder gar liebten. Undenkbar!

Suizid war zwar natürlich auch eine Option, doch da ich ja damals an den unmittelbaren Folgen eines erweiterten Suizides litt, war es doch keine zu Ende denkbare Lösung. Zumal irgendwo in mir drin doch eine klitzekleine Hoffnung hinter den Erinnerungen an das Lachen meines toten Sohnes funkelte.

Von meinen drei Hauptängsten – zu vereinsamen, zu verbittern und zu verarmen – war seltsamerweise die vor der Vereinsamung damals die allergrößte. Sie höhlte mich aus und mästete meine Panikattacken zu Monstermaßen. Über diese eine Angst sprach ich kaum, wohingegen ihre beiden Schwestern immer wieder Thema von Gesprächen mit meinen Lieben waren. Wie hätte ich auch mit Freundinnen über die Angst vor der Einsamkeit sprechen können?

Kurz vor besagtem Drama hatte ich die gemeinsame Familienwohnung verlassen und war mit meinem kleinen Sohn in eine neue Wohnung umgezogen. Zum allerallerersten Mal in meinem Leben wohnte ich zeitweise, wenn unser Sohn beim Papa war, allein in einer Wohnung, die weder Partner- noch klassische Familienwohnung war und schon gar nicht WG.

Und auf einmal war ich ganz allein. Allein mit mir. Des Allerliebsten beraubt. Wozu also weiterleben? Einsamkeit und Leere sind mir auf die Pelle gerückt, obwohl wunderbare Menschen in der Nähe waren, die sich offenbar für mein Befinden interessierten.

Natürlich, auch davor war ich hin und wieder alleine gewesen, hatte mich ab und zu zurückgezogen, um in Ruhe zu schreiben, nachdenken oder kunsten zu können, doch waren solche Allein-Zeiten als Familienfrau und Teilzeit-Flüchtlingsbetreuerin damals ziemlich rar gewesen. Und ganz gewiss nicht einsam.

Einsamkeit riecht nach Niemand-mag-mich, nach abgeschoben, nach unwichtig, nach Sinnlosigkeit, nach abgestempelt, unwichtig, unwürdig, unwirklich. Wäre das erwähnte kleine Flämmchen der Hoffnung nicht dagewesen, ich hätte resigniert, hätte meine drei Hauptängste mich auffressen lassen.

Wo genau und wann genau ich den Schalter umlegen konnte, weiß ich nicht mehr so genau. Das Wissen um die Notwendigkeit des Akzeptierens muss mit im Spiel gewesen sein. Und ja, gewiss hatte ich mich auch irgendwie an meinen neuen, anderen Alltag gewohnt, den ich − vorerst als Krankgeschriebene später als Stellensuchende − neu gestalten lernen musste. Lernen wollte. War es im Trauerseminar gewesen, als ich das erste Mal wieder herzhaft gelacht hatte?

Einsamkeit. Irgendwann hat sie ihre Maske ausgezogen und sich von mir umarmen lassen. Ich habe das Bedürfnis, gerne und viel alleinsein zu wollen, zu meiner bevorzugen Lebensform gemacht. Nicht, weil ich keine andere Wahl hatte, sondern bewusst-unbewusst, weil ich gemerkt habe, dass ich die Freundschaft mit mir nur im Alleinsein pflegen kann. Und nur wenn ich diese Freundschaft pflege und lebe, bin ich wirklich fähig, anderen eine wahre Freundin sein zu können.

Happy End? Nein. Noch immer hocken da ein paar Ängste. Dass ich eines Tages verbittern werde, halte ich im Moment für ziemlich ausgeschlossen, denn dazu ist meine Werkzeugkiste zu gut mit mentalem Zöix und Lebenserfahrungen bestückt. Dass ich verarmen werde, ist hingegen nicht auszuschließen. Obwohl ich in einem Land lebe, dessen Sozialsystem mehr oder weniger gut funktioniert. Heute. Aber wer weiß heute schon, was übermorgen ist?

Mehr noch als über meine Ängste vor dem Leben denke ich heute allerdings darüber nach, wie ich gut älter und alt werden kann. Wie ich möglichst gesund und möglichst lebendig leben kann, möglichst echt und aufrichtig, wahrhaftig, übermütig und beherzt.

Gestern las ich in einem Artikel über Gesundheit, wie wichtig eine basische Ernährung, genug Entspannung und Bewegung seien. Stimmt sicher alles, aber für mich gehört da noch eine vierte Säule dazu: Die seelische Ausgeglichenheit, die sich aus Zufriedenheit, Gelassenheit, Verbundenheit mit allem, Verantwortung für die Mitwelt und einigen anderen Essenzen zusammensetzt. Der Frieden mit mir selbst ist das größte Geschenk, das ich mir in den letzten sagen wir mal anderthalb bis zwei Jahren gemacht habe. Ich habe mir erlaubt, dieses Geschenk, das vermutlich immer da, vor meiner Nase lag, endlich auszupacken.

Ich habe Frieden mit dem Wissen gemacht, dass ich vergänglich bin. Dass ich nicht alles verstehen kann. Dass ich nie alles geschafft haben werde, wenn es eines Tages mit mir zu Ende geht.

Auf dieser übergeordneten, inneren Ebene lebe ich endlich gerne. Auf der ganz alltäglichen materielle Ebene tue ich mich allerdings noch immer schwer. An Baustellen fehlt es mir nicht.

Aber gut und sehr gut sind gut genug; perfekt ist etwas für Außerirdische.

Wir sind ja nicht hier, um perfekt zu sein, sondern menschlich.

Du bist hier, um menschliche Liebe zu lernen.
Allumfassende Liebe. Schmuddelige Liebe. Schwitzige Liebe.
Verrückte Liebe. Gebrochene Liebe. Ungeteilte Liebe. […]
Dass Du leuchtest und fliegst und lachst und weinst
und verwundest und heilst und fällst und wieder aufstehst.
und spielst und machst und tust und lebst und stirbst als unverwechselbares DU.
Das genügt. Und das ist viel.

(Quelle: Courtney A. Walsh. Dear human, ins Deutsche übertragen von Kai-Uwe Scholz)

[Den ganzen wunderbaren Text, den ich allen sehr ans Herz lege, gibt es bei Ulli auf Deutsch. Danke, dass du ihn neulich in deinem Blog geteilt hast (hier → klicken).]

Feiern, trauern, leben …

Gestern habe ich mit lieben Menschen, nennen wir sie Auch-Familie oder Wahlfamilie, Geburtstag gefeiert. Große und kleine Menschen sind gekommen. Gemeinsam haben wir gelacht, geblödelt, gegessen, getrunken, politisiert, über unsere Ängste gesprochen und über unsere Freuden. Und über Veränderungen, vollbrachte und bevorstehende, persönliche, regionale und globale …

Veränderungen zu- und liebe Menschen loslassen sind ganz ganz große, ganz wichtige, ganz existentielle Themen. Fragen tauchen auf, auf die es keine universellen Antworten gibt. Außer vielleicht die, in der Liebe zu bleiben. Nicht zu verbittern. Sich nicht von den Ängsten auffressen zu lassen. Leichter gesagt als getan, denn wir stehen alle mittendrin in diesen Umbrüchen. Da taucht Trauer auf, überall und immer wieder anders. Dennoch ist sie universell. Trauern zu können ist eine Fähigkeit, die jeder Mensch in sich trägt. Eine not-wendige, eine heilsame Fähigkeit. Und eine sehr wichtige.

Logisch, dass wir trauern; logisch, dass wir Angst davor haben, nicht zu wissen, was ist und was wird.

Dazu erzähle ich euch eine kleine Geschichte vom gestrigen Fest. Mein lieber Freund M (1), gestriger Jubilar und Gastgeber, ist seit drei Jahren Papa, später Papa, einer feinen kleinen Tochter. Auch unser gemeinsamer Freund N. hat eine dreijährige Tochter. N.s Tochter schaute sich nun ein herumliegendes Bilderbuch von M.s Tochter an, ein Buch, das die Welt der Gefühle für Kinder nachvollziehbar macht, frohe Gefühle und bedrückende Gefühle. Auf einer Buchseite mittendrin liegt ein kleiner Junge im Bett und versucht zu schlafen, doch er kann nicht, weil er Angst vor dem Monster auf seinem Stuhl hat. Im Dunkeln sieht es jedenfalls so aus. Sein zotteliges Halstuch, das dort liegt, sieht wirklich genau wie ein Monstergesicht aus. Das Buch hat aufklappbare Teile: Unter dem Monstergesicht, dem geträumten, liegt die Wahrheit und zeigt uns, dass das zottelige Halstuch kein Monster ist. Wir kennen zwar die Wahrheit, doch die Angst ist dennoch da. Die Kleine erzählte mir nämlich, dass sie manchmal nachts auch Angst habe. Wir überlegten zusammen, was man dagegen machen könnte: Ein Lämpchen aufstellen, zu Papa und Mama gehen. Weinen. Genau hinschauen.

Auf dem Rückweg auf der regennassen Autobahn erkenne ich, dass es wohl am wichtigsten ist, unsere Angst zu benennen. Ihr in die Augen zu schauen.

Wohl ist die Angst vor Verlust die zurzeit am weitesten verbreitete Angst: Angst zum Beispiel davor, die vertraute Lebensart zu verlieren, diese (vermeintliche) Sicherheit, Geborgenheit, Vertrautheit, Gewohnheit …

Zulassen. Benennen. Hinschauen. Der Angst nicht erlauben, dass sie ohne Gesicht bleibt. Der Angst mit Trauer begegnen kann helfen, und mir eingestehen, dass ich traurig darüber bin, dass sich und weil sich etwas verändert. Dass sich mein Leben verändern wird, weil sich meine Lebensumstände verändern. Ich übe, Trauer nicht mehr zu unterdrücken, weil sie sich sonst einen Weg über den Körper (Krankheiten) suchen muss, um gehört und gesehen zu werden.

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(Ich widme diesen Text meinen Freundinnen K., E. und U. und allen, die trauern, loslassen müssen und Angst haben …)