Von Bergen, Übergängen und warum Schönheit so gut tut

Bereits sechs Tage ist es her, dass ich Irgendlink am Bodensee von seiner #UmsLand Bayern-Tour abgeholt habe. Nach acht Tourtagen hatte er ungefähr einen Viertel der von ihm angedachten Bayernumradelung geschafft und das geplante Zwischenziel, Lindau, erreicht. Nach einem Bad im Bodensee – natürlich dort, wo wir damals auf unserer Flussnoten-Wanderung den Bodensee erreicht hatten – fuhren wir mit dem Rad im Kofferraum gemeinsam zu mir nach Hause.

Zu meinen Bildern gilt folgendes:
Für Sehbeeinträchtigte und Blinde: Alle Bilder haben Bildbeschreibungen, die vorgelesen werden sollten.
Für Sehende: Auf die Bilder klicken, um zur Galerieansicht zu kommen.

Spontan beschlossen wir, am Wochenende das Team Unserwegs zu besuchen. Nach einer viereinhalbjährigen Reisezeit schlagen die beiden nun am Hinterrhein, in den Bündner Bergen, wieder Wurzeln. Noch leben sie in ihrem Reisebus, bevor sie Anfang Oktober ihre neue Wohnung beziehen können. Auf dem Camping Thusis waren wir drei Tage lang ihre Gäste. (An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für alles, liebe Annette und lieber Beat.)

So fuhren wir also am Freitagnachmittag nach Thusis, in die Region Heinzenberg an den Hinterrhein. Unterwegs picknickten wir bei Fläsch und erfreuten uns an den schönen Erinnerungen, die in uns aufstiegen. Damals, vor zwei Jahren auf unserer Flussnoten-Wanderung hatten wir nicht weit von hier, an einem wunderbaren Platz, wild gezeltet. Diesmal bauten wir zwei große gemeinsame Steintürme.

Gegen Abend langten wir in Thusis an und wurden im Schatten des weitgereisten Reisebusses mit Leckereien verwöhnt.

Am Samstag fahren Irgendlink und ich von Thusis aus auf den Glaspass, wandern von dort aus – nach einem Abstecher ins Häärdställi, wo eine überdimensionierte Kugelbahn zum Spielen einlädt – auf den Glaser Grat und wieder zurück zum Auto (unsere GPS-Daten) (Infos | Bilder).

So sieht meine Glückseligkeit aus: Weitsicht, Berge, gute Luft, ein feines Lüftchen, Stille – und, ähm, sagte ich Weitsicht schon? Wir wandern berghoch, rasten, genießen, schauen, hören und sind einfach nur da … Ein Tag wie ein Jahr.

Unterwegs auf dem Abstieg finden wir den ehemaligen Lüschersee, der vor über hundert Jahren entwässert wurde. Bereits beim Lüschersee zickt mein linkes Knie leise. Wie neulich beim Abstieg vom Creux-du-Van. Die Schmerzen entschleunigen mich noch mehr. Ein positiver Effekt immerhin.

Fast schon unten angelangt, kommen wir an der Bruchalp vorbei und fragen nach Alpkäse. Leider nein, keiner mehr da. Wegen der Trockenheit war der Alpabzug dieses Jahr ungewöhnlich früh und der ganze Käse ist schon bei den Molkereien und Einzelverkaufsstellen gelandet. Schade.

Wie wir mit dem Auto zurück nach Thusis fahren, entdeckt Irgendlink am Straßenrand ein Schild, das einen Hofladen verspricht. Jippiee, sagen wir, und schon bald sind wir mit der jungen Bäuerin mitten im Gespräch über das Einmachen von Zucchini und anderen Gartengemüsen. Wir kaufen Bündner Nusstörtchen – ein großer Genuss, darum ein Muss, nicht nur um des Reimes willen – zum abendlichen Dreigangmenü auf dem Campingplatz. Auch Alpkäse finden wir hier, von der vorhin passierten Bruchalp. Über diesen unerwarteten Glücksfall freuen wir uns auf dem Rückweg wie kleine Kinder.

Am Sonntag kommt das Team Unserwegs mit uns mit in die Höhe. An der Ruine Hohen Rätien vorbei soll es gehen, Richtung Traversinersteg zur Via Mala-Schlucht. (Details/Infos) Schon nach nicht einmal fünfhundert Metern merke ich, dass ich das nicht schaffen werde. Am Samstag hatte mein Knie nur beim Abwärtslaufen geschmerzt, jetzt zickte es auch beim geradeaus gehen. Nicht lustig das. Ich entscheide mich, umzukehren und den anderen an einen definierten Ort entgegen zu fahren.

Gesagt getan. Nach einem kleinen Spaziergang, der meine Entscheidung bestätigt, setze ich mich ins Auto und suche eine schöne Waldlichtung, wo ich die anderen erwarte. Mit einem guten Buch vergeht die Zeit wie im Flug. Vom Treffpunkt aus fahren wir gemeinsam zum Via Mala-Zentrum, dem Herz der Sehenswürdigkeiten des Hinterrheins.

Der Weg am Hinterrhein entlang war schon sehr früh in der menschlichen Geschichte ein Handelsweg und verband den Süden mit dem Norden. Die Via Mala – der böse, der schlechte Weg – forderte viele Todesopfer, denn hier ist das Rheintal am engsten, ein Durchkommen auf engen Pfaden war zuweilen lebensgefährlich und noch heute ist die Schlucht ein Nadelör, und noch immer auch ein Ort des Staunens. Wie klein wir doch sind, wir Menschen!, sagen wir zueinander, wie wir über Treppenstufen in die enge Schlucht hinuntersteigen. Selbst Friedrich Nietzsche soll hier wortlos gestaunt haben, stattdessen schrieb er: «Ich schreibe nichts von der ungeheuren Grossartigkeit der Via Mala: mir ist es, als ob ich die Schweiz noch gar nicht gekannt hätte. Bis zu 300 Meter hohe Felswände ragen, teils nur wenige Meter voneinander, in den Himmel. Sprudelnd, rauschend, zieht das Wasser in schönsten Blau- und Türkistönen durch die Schlucht.»

Gestern Vormittag machten wir uns nach dem Brunch auf den Rückweg in die Deutschschweiz (Rückweg-Link). Allerdings wollten wir zuerst, nicht zuletzt um die unvermeidliche Rückkehr hinauszuzögern, noch ein wenig Kultur tanken. So fuhren wir ein weiteres Mal durch die Via Mala, diese enge Schlucht, südwärts. Nach Zillis. In die Kirche.

Wer mich kennt, weiß, dass ich es nicht so mit Kirchen habe. Doch diesmal war die kulturelle Neugier größer gewesen als die Abneigung. Die St. Martinskirche in Zillis ist bekannt für ihre uralten Dachgemälde. Im Gemeindehaus Zillis sehen wir uns eine kleine Ausstellung und eine spannende Multimediaschau über die berühmte Kirchendecke an. In der Diaschau wird Dionysius Areopagita zitiert und ich erlaube mir, ihn deshalb auch hier zu zitieren: »Das Gute stammt aus der einen und universellen Tatsache, das Böse aber aus vielen und partialen Defekten. […] Wenn nun das Gute dem Bösen entgegengesetzt ist, so sind die Ursachen ds Bösen viele. Die schöpferischen Faktoren des Bösen sind nicht Prinzipien und positive Kräte, sondern Ohnmacht, Schwäche, unsymmetrische Vermischung der unähnlichen Dinge.«

Neugierig geworden spazierten wir zur Kirche. Was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt. In vielen Einzelbildern sahen wir über uns das mittelalterliche Weltbild, Mystik inklusive, abgebildet. Nicht sehr detailreich, schlicht, aber gekonnt und ausdrucksstark. Ja, ich war wirklich tief beeindruckt.

Wir fuhren nordwärts nach Reichenau, wo Hinter- und Vorderrhein aufeinander treffen und wo wir damals auf unserer Tour gepicknickt hatten. Wieder tauchten wir in schöne Erinnerungen ein und beschlossen, später, vor dem Taminser Dorfladen rastend, dass wir der alten Zeiten willen über den Oberalppass zurück nach Hause fahren wollten. An den Orten vorbei, an denen wir vor zwei Jahren vorbei gewandert sind.

Guck dort! Schau, da sind wir doch damals …! Unterwegs halten wir irgendwo am Vorderrhein an und bauen wieder. Ja, was wohl? Steintürme natürlich. Weils so schön ist. Und entschleunigt. Und gut tut.

Später landeten wir über Hunderte von Kurven auf dem Oberalppass, wo damals unsere Wanderung ihren Anfang genommen hatte. Wir schauten uns die Wegweiser an und verstanden nicht, wie wir damals den falschen Weg hatten gehen können. Eigentlich hatten wir ja den Wanderweg zum Tomasee nehmen wollen, zur Rheinquelle, stattdessen waren wir den Bergwanderweg, der über den Pazzolastock zum Tomasee führt, gewandert. Was im Grunde ein Glücksfall gewesen war.

 

Irgendwann gegen Abend sind wir gut, zufrieden, müde, glücklich, sonnensatt und hungrig wieder zuhause angelangt. Und dankbar, ja, das auch, das vor allem.

#wirsindmehr | Schonzeit vorbei von Juna Grossmann

Juna Grossmanns Buch über das Ende der Schonzeit ist leider hochaktuell. Er hat nur geschlummert, der (deutsche) Antisemitismus, weg war er nie. Wie andere Auswüchse von Fremdenhass und Rassismus ist auch der Antisemitimus, diese Feindlichkeit allem Jüdischen gegenüber, in den letzten Jahren wieder deutlich fühlbarer und sichtbarer geworden.

Buchcover Schonzeit vorbei von Juna Grossmann, mit Untertitel: Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus. Grundfarbe weiß, in der Mitte, über dem Titel, zwei breite gelbe Balken quer ums Buch herum.
Buchcover Schonzeit vorbei von Juna Grossmann

Aufgewachsen in Berlins Osten hatte sich Juna Grossmann nach dem Mauerfall entschieden, ihre jüdischen Wurzeln ernstzunehmen und herauszufinden, wie es sich in der heutigen Gesellschaft als Jüdin lebt. »Erst als junge Erwachsene, wenn man so auf Spurensuche geht, da habe ich meine jüdischen Wurzeln gefühlt«, erinnert sie sich. »Damals war dieser inzwischen alltägliche Antisemitismus gar kein Thema, ich führte ein hoffnungsvolles jüdisches Leben in einer entspannten Zeit. Heute sehe ich das ganz anders. Über die Jahre ist es immer mehr geworden, dabei gab es gewisse Zäsuren«*

Bereits seit zehn Jahren schreibt Grossmann in ihrem Blog ’irgendwie jüdisch’ über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus. In ihrem Artikel Auf Papier erzählt sie, wie es zu ihrem Buch gekommen ist. In Schonzeit vorbei schreibt sie zum einen über ihre ganz persönlichen Erfahrungen zum anderen über die Erlebnisse und Erfahrungen anderer Juden und Jüdinnen, die im heutigen Deutschland leben.

Es könnte aktueller nicht sein, was sie schreibt. Obwohl ich recht sensibel  gegenüber jeglicher Form von Rassismus bin, erschrak ich doch darüber, wie weitverbreitet Antisemitismus ist. Und wie viele Vorurteile es über das Judentum gibt. (Ob es in der Schweiz ebenso aussieht, kann ich nicht sagen, aber ich ahne, dass es ähnlich ist.) Fakt ist, dass wir alle das eine oder andere Vorurteil haben. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Wir können Vorurteile unhinterfragt glauben und auf ihnen unser Menschen- und Weltbild aufbauen oder aber wir können versuchen, ihnen auf den Grund zu gehen, herauszufinden, was es mit ihnen auf sich hat und woher sie kommen – zum Beispiel indem wir Fragen stellen, uns informieren.

Einige Jahre lang hat Grossmann im Jüdischen Museum Berlin unzählige Fragen beantwortet. In ihrem Buch schreibt sie  über Begegnungen, die sie als Mitarbeiterin dieses Museums hatte, haarsträubende und berührende. Sie schreibt über Anfeindungen und Bedrohungen und sie schreibt über jene eine Ausstellung, die sich dem Thema Hass- und Drohbriefe gewidmet hatte. Grossmann beobachtet die politische Entwicklungen schon länger und vergleicht Fakten mit dem, was die Gesellschaft zu sehen bekommt. Immer wieder zeigt sie auf, was Anfeindungen aller Art mit einzelnen Menschen machen. Und mit einer Gesellschaft. Wie Hass Menschen kaputt macht – hassende ebenso wie gehasste.

Warum nur fällt es vielen Menschen so schwer, anderen das Recht zuzugestehen, auf ihre Art und Weise zu denken, zu fühlen, zu leben und zu glauben, solange dabei niemand zu schaden kommt? Und woher kommt dieser ganze Hass? (Ist es womöglich, wie Die Ärzte singen, ein Schrei nach Liebe?)

Wie auch immer. Aufklärung tut Not. Mit ihrem Buch leistet Juna Grossmann einen wichtigen Beitrag dazu und ich wünsche ihr und ihrem Buch viele aufmerksame Leserinnen und Leser.


*Juna Grossmann im info-Radio.de.

Schonzeit vorbei, Juna Grossmann:
Klappenbroschur, Droemer HC
ISBN: 978-3-426-27775-1; € 14,99
E-Book, Droemer eBook
ISBN: 978-3-426-45415-2; € 12,99
160 S.

#wirsindmehr und das soll so bleiben!

Bei Ulli drüben habe ich gestern dieses #wirsindmehr.png abgeholt und es in meinen Blog-Header eingebaut; und ja, auch meinen FB-Avatar habe ich damit geschmückt. Über das Warum müssen wir hier hoffentlich keine Worte verlieren. Was derzeit in Europa passiert, macht mir Angst. Was gegenwärtig immer offensichtlicher in Deutschland, Frankreich und anderswo passiert, – und ja, auch die Schweiz mit ihren Kriegswaffenexporten in Bürgerkriegsländer und der aktuell nicht wirklich humanitären Flüchtlingshaltung hat Dreck am Stecken! – darf nicht Normalität werden.

Angst ist das dominanteste Wort dieser Tage – aus allen Richtungen. Manche Ängste sind nachvollziehbar, sind faktisch mit Zahlen begründ- und statistisch belegbar. Zum Beispiel ist die Zahl der politisch motivierten Gewaltdelikte aus der rechten Ecke, die längt nicht mehr nur eine Ecke ist, in den letzten Jahren massiv gestiegen. (Link: S. 19) Das macht mir Angst.

Doch manche Ängste wachsen – persönlich und gesellschaftlich –, weil man glauben will, was man zu hören bekommt. Die Wir-Einheimischen-sind-die-armen-Opfer-Nummer ist ein rhetorisches Werkzeug, das immer wieder funktioniert. Vor achzig Jahren. Immer schon, immer wieder. Da ist ganz besonders diese Angst vor dem Verlust von Vorteilen, die wir als Gesellschaft unverdient bei der Geburt erhalten haben, weil wir zufällig in diesem Land geboren worden sind. Und da ist die Angst vor allem Unbekannten. Und möglichen Veränderungen. Möglichem Verzicht. Ja, klar, kann man verstehen. Aber. Was ich nicht verstehe und was ich nicht sehe ist eine Angst vor dem Manipuliertwerden.

Diese Angst, wieder – wie vor achzig Jahren – auf Brandstifter und Rattenfängerinnen hereinzufallen. Kollektiv. Ich sehe sie nicht – und ja, das macht mir Angst. Müssten denn nicht viel mehr Menschen durchschauen, wie sie aktuell manipuliert werden und wie leicht sie zu manipulieren sind? Nun ja, die Kunst guter Rhetorik besteht ja genau darin, Fakten und vor allem Fake News so zu inszenieren, dass sie wahr wirken, glaubwürdig. Überzeugend.

#wirsindmehr ist zuerst einfach mal ein Hashtag, einer mehr. Doch ihn so großflächig wie möglich zu verwenden, verbindet uns Menschen miteinander, die daran glauben, dass wir mehr an der Zahl sind als die Nazis. Er verbindet uns und macht uns sichtbar. Denn wir sind mehr, ja, wir sind zum Glück noch immer mehr Menschen, die an Werte wie Würde für alle Menschen glauben – ungeachtet von Hautfarbe, Religion, Geschlechtsidentität, Herkunft und physischer & psychischer Verfassung. Und zwar immer und überall.

Dafür, dass Fremdenhass nicht normal wird, können wir alle sorgen. Alle so, wie wir es am besten können. In Gesprächen, mit Texten, mit praktischem Handanlegen und Nachbarschaftshilfe, mit Aktionen, an Demonstrationen, mit Spendensammlungen, mit dem Teilen von wichtigen Inhalten,
mit T-Shirts oder Buttons, wie sie zum Beispiel auf Anna Schmidts Blog vorgestellt werden,
mit Spendenaktionen wie dieser hier, wo du pro 5€-Spende Teil einer „Strichmenschenkette gegen Nazis“ werden kannst,
oder dieser hier, wo du dazubeitragen kannst, dass Pilotinnen und Piloten über dem Mittelmeer Flüchtlingsboote finden und den Helferinnen und Helfern melden können,
oder du hilfst Meg dabei, möglichst fette 100% Erlös ihrer Versteigerung eines schönESdings– nämlich ein Schlüsselboard von Axel (hier zu ersteigern) – an Heimatstern zu überweisen.

Zum Glück gibt es diese und noch vieleviele andere Aktionen. Solche Zeichen der Solidarität, der Verbundenheit, machen von innen nach außen unsere Haltung sichtbar. Denn darum geht es, unter anderem: Dass wir eine Haltung einnehmen. Eine sichtbare Haltung.

Wir sind mehr und das soll sichtbar sein.

Buchcover Schonzeit vorbei von Juna Grossmann, mit Untertitel: Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus. Grundfarbe weiß, in der Mitte, über dem Titel, zwei breite gelbe Balken quer ums Buch herum.
Buchcover Schonzeit vorbei von Juna Grossmann

Ich lese zurzeit das Buch ’Schonzeit vorbei’ von Juna Grossmann. Wenn ich es fertig gelesen habe, werde ich es hier rezensieren. Die ersten Seiten sind mir bereits jetzt mächtig unter die Haut gegangen.

Die Autorin schreibt seit zehn Jahren in ihrem Blog ’irgendwie jüdisch’ über ihr tägliches Leben mit Antisemitismus. In ihrem Artikel Auf Papier, erzählt sie, wie es zu diesem Buch gekommen ist.

Uns allen wünsche ich immer wieder Zivilcourage, um gegen Fremdenhass und rechte Hetze aufstehen zu können. Alle auf die eigene bunte Weise. Miteinander.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat und warum alles zusammenhängt

Manche Dinge gehen bei mir nicht. Müssen sie auch nicht. Wir sind eben alle verschieden. Und das ist gut so und zum Glück habe ich endlich begriffen, dass ich mich nicht mehr zwingen muss. Bücher fertig zu lesen, zum Beispiel, die ich mittendrin nicht mehr weiterlesen mag. Dabei hatte ich mich wirklich auf Jo Nesbøs neues Buch gefreut. Macbeth, haha, lustig, wie Shakespeare!, dachte ich noch und fragte meine Bibliothek an, ob sie das Buch anzuschaffen gedenke. Tat sie. Und resevierte es gleich für mich.

Gestern habe ich es abgeholt. (Und gleich zwei andere mit. Obwohl ich noch andere ausgeliehene eBooks auf dem Tablet habe, die ich bald zurückgeben muss. So ist das nämlich bei mir: Hauptsache nicht ‘keine Bücher zu lesen‘. Das ist für mich der ganz große Horror. Das ist mein ‘Ich-habe-nichts-anzuziehen‘.)

Schon vor zweieinhalb Wochen ausgeliehen (und darum kurz vor dem Verfall) habe ich Dienstags bei Morrie. Gleich zwei Menschen hatten es hintereinander auf Twitter empfohlen, als die Frage die Runde machte, welches Buch man jemandem empfehlen würde, der nur noch ein einziges Buch lesen könne. Ein ultimatives Buch.

Ich lieh es mir in der vagen Ahnung aus, dass es sich dabei um ein wichtiges, lebensweises Buch handelt. Geschrieben hatte es der Journalist Mitch Albom im Jahr 1995. Immer dienstags hatte er seinen ehemaligen Professor, Morrie Schwartz, vor dessen nahem Tod eine Weile lang besucht. Bei ihren Gesprächen lernte Albom mehr über das Leben, das Sterben und den Tod; und über den Umgang mit einer unheilbaren Krankheit und den Mut zu leben.

Nun hatte ich also zwei ganz und gar unterschiedliche Bücher, die ich als nächstes lesen wollte. Macbeth öffnete ich gestern kurz vor Feierabend. Nur ein paar Seiten, sagte ich mir, zum Warmwerden, zum Einlesen, zum Festlesen.

Auf den ersten Seiten des Buches folgte ich einem Regentropfen und erfuhr etwas über den (fiktiven) Ort, eine Stadt im Norden, in welchem die Geschichte spielt. Ich wusste vage, dass ich hier nicht auf Harry Hole treffen würde, dass ich aber auch nicht auf das Norwegen aus Nesbøs bisherigen Kriminalromanen stoßen würde, wurde mir erst nach und nach klar. Allmählich dämmerte mir, dass ich mich hier auf eine uralte, neuerzählte Geschichte einlassen musste. Auf eine, die von Korruption erzählt, von Macht und von Gewalt. Und mir dämmerte, dass ich, obwohl ich einige Werke Shahespeares gelesen hatte, ausgerechnet von Macbeth – der Vorlage des neuen Nesbø-Romans – kaum eine Ahnung hatte.

Ungeachtet dessen versuchte ich lesend, den Figuren näher zu kommen. Was soll ich sagen? Es gelang mir nicht wirklich. Versuche ich es halt später noch einmal!, dachte ich und legte das Buch zur Seite. Nach dem Abendessen öffnete ich Dienstags bei Morrie, in der Hoffnung, das mich dieses Buch auf die eine oder andere Art packen würde. Und mit mir machen, was ich von Büchern erwarte: Es sollte mich auf andere Gedanken bringen, zum Nachdenken, zum Hinfühlen, kurz: mich eintauchen lassen in eine andere Welt als meiner realen.

Im Laufe der letzten Tage hatte ich im Internet, besonders in den sozialen Medien, viel – viel zu viel – gelesen, das mir Unbehagen bereitete, um nicht zu sagen Panik. Was auf der Welt abgeht, wühlt mich grundsätzlich sehr auf. Was aber in der letzten Zeit geschieht, tut mir schon beim bloßen Lesen und Zugucken weh.

Fast ebenso wie die Verblendung vieler Menschen, was ihre Bereitschaft zu gesellschaftspolitischer Manipulation und ihre politische Gesinnung betrifft und der wachsenden Akzeptanz Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Selbstjustiz gegenüber, schmerzt mich die zunehmnde Polarisierung, Spaltung, Abgrenzung zwischen uns Menschen. Mich schmerzt es, uns dabei zuzusehen, wie wir Mauern hochziehen, wie wir uns verbal und physisch ineinander verhacken und verkeilen, einander ankläffen, miteinander immer respektloser umgehen. Wie aus dem, was eigentlich zusammengehört, weil alles zusammenhängt, immer mehr sich bekämpfende Einzelteile werden. Ich habe heftiges Weltweh.

Nicht, dass ich denke, man solle Verständnis für Übergriffe haben oder gar übergriffige Taten tolerieren, welche Menschen gelten, die aus den unterschiedlichsten Gründen von der Norm abweichen. Es braucht dazu inzwischen leider sehr wenig, als wäre die Norm geschrumpft – egal nun ob eingewandert oder hier geboren, fremd oder sonstwie speziell aussehend, krank oder sonst einen vermeintlichen Makel oder eine unübliche Lebensweise habend: Abweichungen von der schmal gewordenen Norm zu haben wird je länger je gefährlicher.

Ich glaube übrigens inzwischen fast nicht mehr daran, dass man mit Gesprächen und Aufklärung wirklich etwas erreichen kann – Gehirnwäsche ist schwer wieder wegzubekommen. Ich glaube allerdings auch nicht, dass wir mit Hysterie und Zurückgiften weiterkommen. Wie wir weiterkommen, weiß ich allerdings auch nicht. (Außer mit Liebe, doch die ist still und leise; und sie spricht nur, wo und wenn sie gehört werden kann.)

Nun ja, mit solch hilflos-trüben Gedanken hatte ich mich also gestern Abend einem guten Buch zuwenden wollen. Schließlich las ich mich ein wenig in die Geschichte Dienstags bei Morrie ein, doch bald merkte ich, dass ich diesen Tonfall nicht ertrage. Jahrelanger Bestseller hin oder her: dieses bittersüßklebrige, dieses amerikanisch-aufgeblähte, effekthascherisch-inszenierte Geschreibsel nervte mich bereits nach zehn Seiten. Und ich muss gestehen, dass es wirklich nicht viele amerikanischen Autorinnen und Autoren gibt, die meine Gunst finden (oder dann habe ich sie noch nicht entdeckt).

Neben dem Tonfall, den ich mit ein bisschen gutem Willen vielleicht ignorieren könnte, stört mich an diesem Buch, das es, wie so viele Bücher, die Lebensweisheiten verkaufen wollen, einen latenten Hang zu Absolutheit in sich trägt. Im Grunde sind es ja die persönlichen Erkenntnisse eines Sterbenden, über die ich hier lese, doch die Geschichte kommt daher, als wären die Lebenserkenntnisse dieses klugen, ohne Zweifel weisen und sehr liebevollen Menschen sakrosankt.

Wenn ich lese, wie Morrie neuerdings über das Leid der Menschen in bosnischen Kriegsgebieten, die in den Fernsehnachrichten gezeigt werden, weinen muss und sagt, dass er in der letzten Zeit überhaupt ständig über all das Unrecht auf der Welt weinen müsse, denke ich nur: Ähm, hallo! So geht es mir auch. Ständig. Schon immer. Was ist daran so besonders? Wir sind Menschen und wir wollen natürlicherweise menschlich handeln. Und menschlich behandelt werden. Wir fühlen natürlicherweise mit anderen mit. Was ist daran eigentlich so besonders? Vielleicht, dass das in unserer Welt nicht mehr normal ist? Ist die neue Norm, dass uns die Natur des Menschseins abhanden gekommen ist?

Vielleicht darum klingen Morries Aphorismen für mich fast ein wenig zynisch, obwohl das ganz sicher nicht Absicht war. Dass aus ihnen quasi allgemeingültige Formeln für ein gutes Leben geschaffen wurden, widerstrebt mir. »Akzeptiere, dass es Dinge gibt, die du zu tun vermagst, und Dinge, zu denen du nicht fähig bist.« Nun ja. Vielleicht stören mich ja schlicht und einfach die implizierte Allgemeingültigkeit und die undiffernzierte Verallgemeinerung von Morries persönlichen Erkenntnissen? Auch mit Morries Ermutigung, sich ständig mit anderen Menschen kurzzuschliessen und auszutauschen, kann ich mich so nicht anfreunden. Zwar mag ich Menschen grundsätzlich, aber meistens und gern bin ich allein. Wir sind eben alle verschieden. Und das ist gut so.

Ja, es ist sehr wichtig, dass Geschichten erzählt werden, die uns an die fragile Natur und Endlichkeit des Lebens erinnern; Geschichten, die uns an die wirklich wesentlichen Dinge des Lebens ermahnen: An Liebe, an Menschlichkeit, an Mitmenschlichkeit, an Mitgefühl – aber bitte nicht so absolut und marktschreierisch. Wie auch immer: Ich habe das Buch geschlossen. Möglich, dass ich noch ein bisschen weiterlese, doch bezweifle ich, dass ich neue Erkenntnisse entdecken werde.

Vorm Ins-Bett-Gehen habe ich mich nochmals an Macbeth gewagt, und auf einmal wusste ich, obwohl ich mich inzwischen halbwegs in die Handlung hineingefunden hatte, was mich an dieser Geschichte so anstrengte. Erst allmählich hatte ich es zu fassen bekommen, doch schließlich bewog es mich dazu, auch Nesbøs Buch zuzuklappen. Die Geschichte ist mir schlicht zu männlich. Und vielleicht geht es mir sogar auch mit Dienstags bei Morrie so ähnlich:
Männer erklären mir die Welt der Korruption (= Shakespeare/Nesbø).
Männer erklären mir den Sinn des Lebens (= Morrie/Albom).

Mit ’zu männlich’ meine ich ’zu patriarchal’. Ich brauche dringend eine andere Sicht auf die Welt, eine weiblichere – ob aus männlicher, queerer oder weiblicher Feder ist dabei egal. Fakt ist, dass die Welt patriarchal tickt. Wir alle haben diesen Takt verinnerlicht. Männer, Queere, Frauen. Jetzt und schon viel zu lange. Ich lebe, wir Menschen des Westens leben in einer vorwiegend männlich dominierten Welt, wie sie mir letztlich in diesen beiden Büchern gezeigt wird.

Bei Macbeth sind es Korruption und die Abstraktion, Vermännlichung und Verteufelung des Weiblichen, bei Morrie Kapitalismus, Ehrgeiz, Leistungsdenken und daraus resultierender Stress. In beiden Welten ist kein Raum für wahre Werte wie Liebe und Mitgefühl. Vielleicht der Grund, warum Bücher wie Dienstags bei Morrie so geliebt werden? Wir Menschen sehnen uns nach Antworten, nach Weisheiten. Und wenn sie von einem weisen, leidenden, sterbenden Mann kommen, zählen sie doppelt. Nicht dass ich Morries Erkenntnisse schlechtreden will, mich stört eher der Wirbel um etwas, das natürlicher sein sollte – die liebevolle Weisheit des Alters. Der Wirbel bestätigt eigentlich, wie sehr wir als Gesellschaft die wahren Werte aus den Augen und aus Kopf und Herz verloren haben. Obwohl mich der Lebensmut des totkranken alten Professors wirklich sehr berührt, weiß ich, dass dennoch nicht alle die gleiche Lebenszugewandtheit und Resilienz wie Morrie haben können. Vergleiche und Verallgemeinerungen sind müßig.

Wir sind eben alle verschieden. Und das ist gut so. Ich spreche mich für Diversität aus. Ganz besonders im Menschsein.

Depression zwischen Buchdeckeln #6 – Geh mir weg mit deiner Lösung von Yvonne Reip

Depression kann alle treffen, doch wer selbst noch nie erlebt hat, wie Depressionen das eigene Leben auf den Kopf stellen können, reagiert zuweilen spontan mit Sprüchen wie ’Jetzt stell dich nicht so an!’ oder ’Reiss dich mal zusammen!’ Oder rät zu diesem oder jenem Heilmittelchen, das ihm oder ihr schon mal bei schlechter Laune geholfen hat.

Nun ja, Vereinfachungen, Rezepte und Verallgemeinerungen helfen wenig, eher verstärken sie die Symptome, geben den Betroffenen das Gefühl, zu schwach, zu dumm oder zu faul zu sein, um selbst wieder aus dem schwarzen Loch herauszufinden. Überhaupt: Druck jeglicher Art macht alles noch schlimmer. Druck haben die Betroffenen eh schon genug; schon das Wort Depression spricht von Druck, von Überdruck.

Das Buchcover zeigt ein Schwarzbild von einem Nagel in einer Bretterwand im unteren Bilddrittel, der ein Plexiglasfenster mehr schlecht als recht stabilisiert. Darüber in schwarzer Schrift Autorinname, Buchtitel und Untertitel.Weil viele Angehörige oft hilflos und überfordert daneben stehen und helfen möchten, aber nicht wissen wie, hat Yvonne Reip ein Buch geschrieben. Unter dem Titel ’Geh mir weg mit deiner Lösung – Vom Umgang mit depressiven Menschen’ erzählt sie persönlich und kompetent, wie es sich anfühlt, wenn die angebotene Unterstützung kontraproduktiv ist. Und sie erzählt, was wirklich helfen kann.

Ganz am Anfang stehen Respekt und Bereitschaft. Respekt vor der Krankheit und vor dem kranken Menschen. Und Bereitschaft, das eine vom anderen trennen zu können.

Menschen, die zuhören, sie ernst nehmen und für sie da sind, sind für Depressive wichtig, denn meistens fühlen diese sich unverstanden und ziehen sich darum immer mehr zurück.

Yvonne Reip schreibt, dass sie mit ihrem Buch den Angehörigen von Depressiven Anregungen für den Umgang miteinander an die Hand geben will. »Da ich selbst depressiv bin und mit einem Ehepartner zusammenlebe, kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Außerdem möchte ich mit Vorurteilen gegenüber der psychischen Krankheit Depression aufräumen und für sie sensibilisieren. Das Buch richtet sich also auch an andere Menschen, die in irgendeiner Form mit dem Thema Depression zu tun haben oder sich einfach nur dafür interessieren.«

Ich verdanke diesem Buch einige wichtige (Selbst-)Erkenntnisse und empfehle es herzlich und ohne Einschränkung sowohl Betroffenen als auch Angehörigen weiter. Yvonne Reip schreibt anschaulich, persönlich und dennoch immer sachlich. Als Therapeutin und Betroffene kennt sie beide Seiten der Krankheit und kann darum ein umfassendes Bild zeichnen, das eine gute Basis für Gespräche über Depression möglich macht.

Auf ihrem Blog vertieft die Autorin das eine oder andere Thema aus persönlicher Sicht. Dazu geht es hier → lang.


Yvonne Reip: Geh mir weg mit deiner Lösung
Selbstverlag
Taschenbuch/eBook
ISBN: 978-3-74502338-1 | eBook: 978-374-502625-2
148 Seiten

Print: € 10.99/Fr. 15,90 eBook: € 4,99/Fr. 6.–
Mehr Infos

Mein Bloggerin-Hürdenlauf oder was ich über den Tellerrand guckend entdeckte

Dass ich es nicht so mit Blogosphären-Stöckchenweitwurf habe, wissen meine Stammleserinnen und -leser. Was ich dagegen mag, sind gemeinsame Aktionen, die der Vernetzung gut tun – wie eben dieses Hürdenlaufding hier. Über den eigenen Tellerrand zu gucken finde ich ja immer gut. (Die Regeln gibts unten zum Kopieren.)

href=“https://www.zeilensturm.de/?p=7849″> Screenshot des Zeilensturm-Blogheaders, woher ich diese Idee habe[/
Ich zitiere Herrn Zeilensturm, den Ideengeber:
Es geht darum, »fremde Blogs kennenzulernen. Also auch sehr fremde Blogs. Fremde Ansichten. Hürden, über die man vielleicht erst mal springen muss. Dann zu sehen, was das mit einem macht. Das dann kurz zu protokollieren. Währenddessen herauszufinden, wohin es einen aus der Kurve trug. Und zu reflektieren, warum man jetzt genau diese Hürden und keine anderen genommen – oder gerissen – hat.«

Kurz und gut: Ich mache einfach dort weiter, wo Glumm aufgehört hat – bei Christiane nämlich – und nehme mir auch gleich seine Erfahrungen zu Herzen, als ich sehe, wie viele der angeklickten Blogs keine Blogroll führen oder dann eine mit lauter Blogleichen drauf. (Für mich ist ja ein Blog ohne Blogroll so unbegreiflich wie ein Selfie, das man ins Internet stellt …)

1. Christiane ⇒  Jens: Breaking my Twitter – Ende eines sozialen Netzwerks?, 13. August 2018

’Mein Wa(h)renhaus, ein politisches Geschäft mit Käse aus Holland’ nennt Jens sein Blog, dessen Artikel man nur durch Klicks auf Weiterlesen angezeigt bekommt, was ich nicht mag. So suche ich ziemlich lange, bis ich einen Text finde, den ich freiwillig lesen mag, da mir die meisten Texte zu langatmig und zu unübersichtlich geschrieben sind. Im ausgewählten Text referiert Jens die Tragik, dass man ab 18. August mit fremden Twitterapps händisch aktualisieren muss; was ich schon immer so gehalten habe, weil ich Pushbenachrichtigungen nervig finde – Geschmackssache halt.

2. Jens ⇒ Mona Lisa: Bücher: Beste Freunde, 8. Januar 2017

Wenn Mona Lisa bloggt, dann natürlich über Dinge wie Kunst in ihren ganz unterschiedlichsten Erscheinungsformen. Optisch ansprechend wechseln sich auf diesem Blog täglich neu Buchbesprechungen, Zitate, Schöngeistiges mit Alltäglichem ab und auch hier brauche ich lange, bis ich finde, was ich verwenden will. Im ausgewählten Artikel erzählt die Autorin darüber, wie schwer es ihr fällt, sich von Büchern, die ja wie Freunde sind, wieder zu trennen, doch dass sie sich dabei in bestern Gesellschaft weiß – dank eines Zitates von Andreas Altmann.

3. Mona Lisa ⇒ Bea: Sommer, 25. Juli 2018

Beas Blog nimmt mich mit auf einen virtuellen Spaziergang durch die Jahreszeiten. Das Bilderblog wird nur sporadisch mit neuen Beiträgen gefüttert und zeigt sehr schöne Naturaufnahmen; der letzte Beitrag ist schon einige Wochen alt und resümmiert einen Sommerspaziergang durch Wald und Wiesen. Die angenehme ruhige Atmosphäre des Blogs empfinde ich als augenwohltuend.

4. Bea ⇒ Die Schneiderin: Demut, 22. September 2017

Nachdem ich dieses optisch sehr ansprechend gestaltete Blog einfach eine Weile auf mich wirken lassen habe, lese ich mich gleich in den letzten Beitrag der Schneiderin fest. Die Autorin blickt darin auf ihre früheren Texte zurück, empfindet manche davon wie Gespräche mit einer besten Freundin und erlebt dabei Dankbarkeit, Selbstliebe und Demut. Über das letzte Wort denkt sie auf eine mir sehr sympathische Weise nach und ich beschließe spontan, später auf diesem Blog weiterzustöbern.

5. Die Schneiderin ⇒ Maria: Loslassen, was nicht mehr zu mir passt #1, 5. November 2017

’Widerstand ist zweckmäßig’ behauptet dieses Blog und zeigt anschaulich, optisch ansprechend und konkret, wie das gehen kann. Über das Ausmisten und Loslassen von Ballast schreibt die Autorin zum Beispiel gleich eine neunteilige, mit Bildern illustrierte und mit Links angereicherte Serie. Am Anfang ihrer Aktion hatte sie sich wöchentlich von mindestens 20 – 50 Teilen aus ihrem Alltagsleben, die sie nicht mehr brauchte, getrennt, und diese über den Kostnixladen verschenkt – nachahmenswert und inspirierend.

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So funktioniert der Blogger-Hürdenauf (Copy and Paste, please):

Dein Beitrag startet, wo dieser hier endet. Nimm dir die Blogroll/Blogliste des fünften von mir kommentierten Blogs vor. Von dieser Liste klicke eines an. Das ist nun deine Station 1. (Aber nur, falls es selbst eine Blogroll hat, sonst ein anderes Blog der aktuellen Blogroll auswählen! Diese Bedingung gilt logischerweise immer.)

Lies im Blog 1 einen Beitrag, den du auch verlinkst, und schreibe nur drei Zeilen darüber: Lob, Kritik, Erstaunen, Fassungslosigkeit, Dank, whatever.

Nun klicke auf ein Blog der Blogroll von Station 1. Hat dieses seinerseits eine Blogroll? Sehr gut, dann ist es Station 2. Lies einen Beitrag … verlinke … schreibe drei Zeilen …

Und so noch dreimal. Bis einschließlich Station 5. Deine Arbeit ist fast getan: fünf Reisenotizen zu fünf Blogbeiträgen. Nur noch diese Regeln hier anhängen – fertig!

Nun muss darf jemand anderes den Staffelstab (und vielleicht sogar mehrere) bei der Blogroll des letzten in deinem Beitrag kommentierten Blogs übernehmen – und fünf weitere kommentieren.

Vielen Dank für den gemeinsamen Streifzug durch die Meinungsvielfalt!

Herzlichen Dank an die Quelle der Inspiration, Herr Zeilensturm: Auf zum Blogger-Hürdenlauf!

Gesunder Menschenverstand im Labyrinth

Wir denken über Kurse in Gesundem Menschenverstand nach als wir zum Grenzbahnhof fahren, von wo aus Irgendlink nach ein paar Tagen bei mir in der Schweiz wieder nach Hause fahren wird. Und über Kurse mit Titeln wie ’Mein Weg durch das Labyrinth’ oder ’Wie komme ich da bloß wieder raus?’

Wir hatten uns über das Verhalten der Menschen unterhalten – auf der Straße und im Alltag. Über die Polarisierungen, die je länger je sichtbarer werden. Auf der Straße sind es – zum Beispiel – einerseits die Radfahrenden, andererseits die Autofahrenden. Oder einerseits die Autofahrenden, andererseits die Radfahrenden. Dieses ’Wir’ und ’die anderen’. Dieses Ich-bin-richtig-und-du-bist-falsch-Denken, das sich immer mehr in unseren Lebenshaltungen einschleicht, so leise, so unscheinbar, dass wir es gar nicht wirklich merken.

Die Bereitschaft zur Einsicht, dass wir alle Fehler machen und dass das in den meisten Fällen nicht schlimm ist und man einfach um Verzeihung bitten kann, ist vielen abhanden gekommen, sagt Irgendlink mit Blick auf den Straßenverkehr. Es müsste Fahrkurse geben, bei welchen die Kursteilnehmenden einmal als Radelnde und einmal als Autofahrende agieren, damit man beide Seiten erleben kann. Kursinhalte eigentlich, die sich auf das ganze Leben ausdehnen lassen. Kurse eben in Gesundem Menschenverstand. Und klar, auch bei einem Wechsel der Perspektive und der Position können wir natürlich nie genau wissen, wie es wirklich ist in der Haut des anderen zu stecken. Helfen würde es aber auch jeden Fall.

Gestern wollten wir zu einem Geländelabyrinth radeln, knapp sieben Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Dass ausgerechnet gestern in meinem Wohnort SlowUp war, hatte ich völlig vergessen. Und dass die Route an meinem Haus vorbeiführt, war mir erst recht nicht bewusst gewesen. Für diese Aktionen, die an verschiedenen Sonntagen in der ganzen Schweiz durchgeführt werden, sind die Straßen für den Autoverkehr gesperrt. Dafür stehen sie in ganzer Breite offen für Langsamverkehr wie Fahrräder, Skates und so weiter. Früher, als diese Bewegung noch jung war, hatte ich auch das eine oder andere Mal mitgemacht. Aber seit der Funke auf die Masse übergesprungen ist (was ich im Grunde natürlich gut finde!), mag ich nicht mehr mitmachen. Alles, was mit Masse zu tun hat, gruselt mich.

Dass wir genau in die Richtung, aus der die Masse kam, radeln wollten, machte es nicht besser. Die uns entgegenflutende Menschenmenge hat mich am Anfang ganz schön fertig gemacht (ja, so bin ich). Wir wählten, wo immer möglich, Alternativstrecken, Schleichwege, doch natürlich hatte die Organisation die schönsten und besten Routen ausgewählt, manchmal die einzigen, und so fuhren wir etwa die Hälfte unserer Strecke gegen den Strom. Schließlich verließen wir diesen und fuhren auf Feldwegen. Bei dreißig Grad Hitze. Wir waren bis sechshundert Meter ans Labyrinth, das auf einem Hügel liegt, herangefahren – und kapitulierten. Ich vor allem. Die Hitze und mein Kreislauf werden niemals Freude, befürchte ich. Der Liebste meinte: Kein Problem. Wir müssen da nicht hoch. Wir müssen überhaupt nichts. Wir können einfach zurückfahren.

Taten wir dann auch. Diesmal sogar ein Stück im SlowUp-Strom. Zu einem wunderbaren Badeplatz am Zusammenfluss von Limmat und Aare. Was für eine Ruhe dort und wie gut das kühle Wasser tat!

Das Labyrinth von Chartres, welches für das Wiesenlabyrinth das Vorbild war.Ich könnte ja eigentlich heute zum Labyrinth fahren, sagte ich zu Irgendlink, als wir heute Morgen frühstückten. Genau … auf dem Rückweg vom Grenzbahnhof könnte ich dort vorbeifahren, es liegt ja fast am Weg.
Oder wir fahren nachher miteinander hin?, antwortete Irgendlink. Wir fahren einfach eine Stunde früher los.

Gesagt, getan. Weil es regnete, als wir das Dorf erreichten, fuhren wir auf Feldwegen direkt zum Labyrinth statt unten zu parken und hochzuspazieren. Kaum oben angelangt, hörte der Regen auf.

Doch was für eine Enttäuschung! Das Labyrinth war nicht wirklich auf den ersten Blick als solches sichtbar; halb zugewachsen, überwuchert lag es da. Wäre da nicht die Info-Tafel gewesen, hätten wir es vermutlich gar nicht bemerkt. Unsere Lust, es zu begehen, hielt sich in Grenzen.

Das Bild zeigt eine Luftaufnahme des Wiesenlabyrinths an einem wolkigen Sommertag unter blauem, wolkigem Himmel. Im Hintergrund Hügel und Wälder.
Quelle: http://www.labyrinth-international.org/labyrinth-remigen-ag.html

Aber es nicht zu begehen war dann doch keine Option. Wenigstens ein paar Schritte hinein mussten wir tun.

Ich wählte den Weg nach rechts, der, wie ich später auf der Grafik sah, eigentlich gar kein Weg war. Weil die Spur nicht wirklich gut sichtbar war, spielte das für mich keine Rolle. Wirklich verlaufen kann man sich in einem Labyrinth ja nicht. Auch Irgendlink schritt das Labyrinth ab. Beide hatten wir den Blick auf die Füße gerichtet, da es nicht immer ganz einfach zu erkennen war, wo eine Kurve oder eine Wendung kam. Mit diesem Blick auf den Boden auf den unmittelbar vor mir liegenden Weg, sagte ich nachher, könnte ich direkt den Blick fürs Ganze verlieren.
Manchmal kamen wir uns nah, kreuzten uns oder waren sogar auf parallelen Wegen unterwegs, manchmal war er genau gegenüber, maximal weit weg von mir. Manchmal entfernte ich mich von der Mitte, mal ging ich direkt auf sie zu, nur um im letzten Moment doch wieder eine Wendung zu nehmen, die mich weg aus der Mitte führte. Und irgendwann erreichte ich sie dann doch. Wie im richtigen Leben halt.

Etwa eine Viertelstunde waren wir still in unser Gehen vertieft. Meditativ.

Was soll ich sagen? Es hat gut getan. Die anschließende Neubewertung fiel positiv aus. Dieses halb zugewachsene Etwas inmitten einer Wiese an einem Hügel in den Fricktaler Hügeln hat mich wieder geerdet, nachdem ich am Morgen eher ein bisschen neben mir gewesen war.

Zweite Chancen haben auch Tage verdient, die in Schieflage anfangen.

Ausgelesen #23 | European Angst – Texte aus Europa

Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch
– Friedrich Hölderlin

Dieses Zitat am Buchanfang lässt mich innehalten. Ist das so? Kann in dieser Welt mit all ihren Polarisierungen das eine nicht ohne das andere sein? Und gilt Hölderlins Satz womöglich auch umgekehrt?

Wo Rettendes ist, wächst
die Gefahr auch.

Bedingt oder beschwört sogar unsere relative Sicherheit Gefahren herauf? Ist unsere Sicherheit letztlich nicht unter Lebensgefahr anderer gewachsen?

Angst beschäftigt fast alle auf die eine oder andere Weise. Kollektive Angst ist aus unseren Medien seit einer Weile nicht mehr wegzudenken. Ist European Angst die Ausweitung der German Angst auf einen ganzen Kontinent?

Buchcover zeigt die Großbuchstaben EA in weißer Schrift (im unteren Bilddrittel), darunter den Titel European Angst, ebenfalls in weißer Schrift. Ein bordeauxrot-violett eingefärbtes Schwarzweißbild eines Flurs mit vielen abgehenenden Türen bildet den Hintergrund. In den unteren Ecken die Verlagsnamen in weißer Schrift.
Buchcover European Angst © Goethe-Institut | Frohmann

»Mit German Angst beschreibt man im Ausland oft abschätzig das Problematisieren, Abwägen und Zögern der Deutschen, besonders dann, wenn die Gründe dafür nichtig und klein erscheinen. European Angst aber hat nichts mit stereotyper Bedenkenträgerei zu tun. Sie ist vielmehr ein Bündel starker Emotionen über viele Ländergrenzen hinweg und war deshalb ein treffender Titel für eine Konferenz, auf der über beunruhigende Entwicklungen, über Populismus, Extremismus und Europaskepsis gesprochen werden sollte.«
Quelle: https://www.goethe.de/

Entstanden ist dieses Buch an einer KONFERENZ* ÜBER POPULISMUS, EXTREMISMUS UND EUROPASKEPSIS IN GEGENWÄRTIGEN EUROPÄISCHEN GESELLSCHAFTEN. Das Goethe Institut Belgien und der Frohmann Verlag Berlin haben die entstandenen Essays auf Englisch und Deutsch in diesem Buch zusammengefasst.

Es war ein Zitat aus Herta Müllers Essay, das mich gepackt hatte:

»Als sie den verstümmelten Fuchs sah, hatte meine Mutter auch Angst. Angst um mich und Angst um sich selbst.
Sie sagte: Du liegst eines Tages tot im Graben. Dafür hab ich dich nicht großgezogen.
Und dann schluckte sie, verdrehte die Augen und sagte dazu: Andere applaudieren und verdienen Geld. Und du bringst unsere Familie in Gefahr.
Sie hatte eine doppelte Angst. Angst um mich und Angst vor mir. Diese doppelte Angst ist mir im ganzen Land begegnet. Ich bekam nie wieder eine feste Anstellung und wusste nicht, wovon ich leben soll. Ich hatte überhaupt kein Geld. Gelegentlich bekam ich eine befristete  Aushilfsstelle in irgendeiner Schule. Von der Straße kommend hörte ich das laute Summen der Stimmen aus dem Lehrerzimmer. Sobald ich die Tür öffnete und im Lehrerzimmer erschien, wurde es still wie in einer Kirche.«

Quelle: European Angst, Seite 157, Herta Müller: Freiheit ist etwas, wovor manche Angst haben und andere nicht

Neugierig geworden habe ich mir das eBook European Angst** heruntergeladen*** und bereits den einen oder anderen Aufsatz darin gelesen. Ein Buch für Ängstliche, Mutige und alle, die es wissen wollen.

Lesenswert!


*Infos zur Konferenz: hier → lang.
**Infos: www.goethe.de
***Zum Gratis-Download: hier → lang.

Depression zwischen Buchdeckeln #5 – Sörensen hat Angst von Sven Stricker

Ich kenne nicht viele Romane – insbesondere kaum Krimis –, die glaubwürdig ProtagonistInnen mit psychischen Problemen zeigen. Betonung auf glaubwürdig. Oft werden gerade Krankheiten wie Depressionen und Zwangs- oder Angststörungen oder auch Eigenschaften wie Hochsensibilität oder Autismus in Büchern sehr klischeehaft dargestellt und überstrapaziert. Was wenig zu Aufklärung, Toleranz und mehr Verständnis beiträgt, eher Vorurteilen weiter Vorschub leistet.

Darum möchte ich hier zukünftig in loser Folge das eine oder andere Buch, das sich in dieser Hinsicht von der Masse abhebt, vorstellen und die eine oder andere Figur ein bisschen bekannter machen. Und vielleicht sogar über die für einmal wieder offene Kommentarfunktion einen Buchtipps-Austausch ermöglichen.

Buchcover zeigt im oberen Bildteil den Autornamen in Schwarz, darunter den Buchtitel in Weiß. Das gemalte Hintergrundbild zeigt einen regengrauen Himmel, darunter klassische Friesenhäuschen am Deich und vorne rechts, im Vordergrund, einen schwarzgekleideten Mann mit einer schwarzen Wollmütze, der mit dem rechten Zeigefiger die Haut unter seinem rechten Auge herunterzieht. Sein Blick ist melancholisch.Anfangen will ich mit Sörensen hat Angst von Sven Stricker. Zugegeben, die Geschichte selbst ist trotz ihrer Dramatik nichts wirklich Neues. Die Qualität des Buches macht für mich hier einmal mehr Schreibstil und Figurenzeichnung aus. Strickers Protagonisten und Protagonistinnen sind fühlbar, dreidimensional, ambivalent; auch mag ich die Dialoge.

Auf den ersten Blick schreibt Stricker eher locker, leicht ironisch, abgeklärt. Je näher wir Kriminalhauptkommissar Sörensen jedoch kommen und ihm beim Leben über die Schulter blicken können, desto deutlicher wird, dass seine auf den ersten Blick abgeklärte Fassade reiner Selbstschutz ist. Einzig mit seinem Vater, einem Nerd der ersten Stunde, den er im Laufe der Geschichte um ein paar Recherchen bittet, spricht er explizit über seine Angststörung.  Als Leserin bekomme ich dennoch ein anschaulisches, glaubwürdiges Bild eines Lebens mit Angststörung und Depression. Therapie und Medikation inklusive.

Sörensen hatte sich nach einem Zusammenbruch und der Trennung von seiner Frau nach Katenbüll in Nordfriesland versetzen lassen und gehofft, der kleine Ort würde ihm ein ruhigeres und stressfreieres Leben als in Hamburg bescheren. Es ist Herbst und regnet ununterbrochen in Katenbüll. Die Einheimischen verhalten sich Sörensen gegenüber so kühl wie das Wetter. Als kurz nach Sörensens Ankunft auf dem kleinen Stadtrevier die Meldung eintrifft, Bürgermeister Hinrichs liege tot im eigenen Pferdestall, bleibt Sörensen nichts anderes übrig als hinter die Kulissen der Kleinstadt zu blicken.

Mit Jenni, seiner Kollegin und Malte, dem Praktikanten, macht er sich an die Aufklärung eines Mordes, auf den die Menschen im Ort sehr unterschiedlich reagieren. So richtig traurig scheint allerdings niemand zu sein. Als am gleichen Abend Jan, der zwölfjährige Sohn des Bürgermeisters, verschwindet, am nächsten Morgen eine stadtbekannte Gammlerin tot aufgefunden und tags darauf schließlich auch noch der Hotelier erschossen wird, bekommt es Sörensen wirklich mit der Angst zu tun. Wie soll er dieses Chaos bloß aufklären?

Eben noch hatte er dank Adrenalinschub ein Verhör geführt, sich dabei souverän gefühlt und eloquent, hatte sogar seine innere Unruhe integrieren können, und ja, er hatte sogar Spaß gehabt –» und jetzt wieder das. […] Nicht lebenstauglich, das war die Diagnose, immer noch nicht lebenstauglich, egal ob in Katenbüll, Hamburg oder New York, egal, ob mit Tabletten oder ohne, ob therapiert oder nicht.« (S. 116*)

Dass er zwischendurch ziemlich in Schwung kommt, tut ihm gut. Und immer mal wieder ist die Angst auf einmal weg. Doch »… just in dem Moment, als er das dachte, war es auch schon wieder vorbei damit. So war das meistens. In dem Sekundenbruchteil, in dem er bemerkte, dass er angstfrei war, kam die Angst zurück. Die Angst davor, dass alles wieder von vorne losgehen würde. Was es dann augenblicklich tat.« (S. 159*)

Gerade hatte er erfolgreich eine ziemlich merkwürdige Pressekonferenz hinter sich gebracht und war zurück ins Revier gegangen. Dynamisch hatte er zwei Steinstufen aufs Mal genommen, als alles wieder kippte: »… Malte hing schon wieder am Telefon, verzweifelt versuchend den Lärm zu übertönen. Sörensens Selbstvertrauen schwand, die Kraft verließ ihn im gleich Maße wie die Sinneseindrücke ihm schlagartig zu viel wurden. Die Umgebungsgeräusche verschmischten sich, sammelten sich, spuckten sich wieder aus, mit Nachhall und im falschen Raum. Einzelne Stimmen waren nicht zuzuorden, Gesichter verschwammen, der Pulsschlag beschleunigte sich, das Herz klopfte gegen den Brustkorb, der Blutdruck stieg in den roten Bereich, dazu dröhnte die Klimaanlage, war die auch schon vorher da gewesen, diese verdammt noch mal beschissen laute Klimaanlage?« (Seite 287*)

Zum Glück ist da wenigstens noch Cord, ein Mischlingshund vom Nachbarhof, der bei ihm Schutz vor Schlägen sucht und den er darum kurzerhand adoptiert.

Dass er im Laufe der Ermittlung auf ziemlich viel Mist stößt, den Jenni in Katenbüll so nicht erwartet hätte, muss hier natürlich auch erwähnt werden. So viel Mist, dass selbst Jenni die Kotze hoch kommt. Und »… er hatte wieder dieses asthmatische Gefühl, das man so leicht mit echten Lugenproblemen verwechseln konnte, dabei war das doch alles die Psyche. Alles war die Psyche. Sörensen war mittlerweile geneigt, so ziemlich das ganze Leben auf seine Psyche zu schieben, auf sein vegetatives Nervensystem, auf seine Angstzustände.« (S. 295*)

Ole, jener aufmerksame junge Mann, den Sörensen ganz am Anfang der Geschichte als Autostopper kennengelernt hatte, nennt schließlich am Ende des Buches Sörensens Angststörung beim Namen. Uff, durchschaut!

Wie lebt es sich an einem Ort, an dem dich die Leute durchschauen? An dem sie wissen, dass du krank bist?

Sven Stricker hat mit Sörensen eine sympathische, ambivalente Figur geschaffen wie ich sie mag. Selbstreflektierend und humorvoll; und niemals macht sich der Autor über die Krankheit und ihre Symptome lächerlich.

Ich bin schon jetzt gespannt auf die Fortsetzung, die Ende September erscheinen wird.


Sörensen hat Angst gibt es auch als Hörspiel. Es ist noch eine Weile online: hier oder auch hier (direkt).

Rowohlt Taschenbuch/eBook
ISBN: 978-3-499-27118-2
Print: 432 Seiten, *eBook: 317 Seiten
Print/eBook: je € 9,99, Fr. 14,90/12.–

Wochenendimpressionen

Was für ein Wochenende! Am Freitagnachmittag fuhren wir via Bern, meiner alten Heimat, ins Schwarzenburgerland. Ans Schwarzwasser. Einem jener Flüsse, denen ich in meinen Berner Jahren oft einen Besuch abgestattet habe – allein oder mit Freundinnen und Freunden und natürlich auch mit dem Liebsten.

Schon auf der Fahrt hatte sich der Himmel zu überziehen begonnen, doch das hinderte uns nicht daran ins Schwarzwassertal hinunterzusteigen. Unten, bei einer kleinen Brücke, die eine Art Kreuzung in vier Richtungen darstellte, beschlossen wir vor der Brücke nach links zu gehen, als uns von rechts zwei Frauen entgegen kamen. Die rechts sieht ja aus wie R., murmelte ich und es dauerte ein paar Sekunden, bevor ich erkannte, dass es sogar R. war. Was für ein Zufall! Vorhin waren wir an ihrem Haus vorbeigefahren und ich hatte noch laut überlegt, dass wir ja eigentlich …

Nun begrüßten und umarmten wir uns herzlich und ließen uns für später zu einem Tee einladen. Und, falls wir wollten, auch zum Übernachten. Mal schauen, sagten wir, und: Bis später!

Zuerst aber wollten wir einfach das Schwarzwasser begrüßen. Ins Flusstal waten. Uns badend abkühlen. Schwül war es und ab und zu fielen ein paar Regentropfen vom sich bewölkenden Himmel. Die Temperatur fiel ein wenig. Ach, herrliches Schwarzwasser! So viele Steine zum Türme bauen. Steine und Wasser und Bäume und relative Stille. Wie gut das tut!

Auf einem Fels, der aus dem Wasser ragte, baute ich ein Steinmännchen, wie ich es noch nie gemacht hatte. In die Schräge hinein baute ich es, wie ein Terrassenhaus, dabei versuchend, wie ich es im Leben ja oft genug übe, den unidealen Voraussetzungen zu trotzen. Definitiv schwieriger als ein Steinmännchen auf ebenem Untergrund. Es wurde deutlich weniger hoch als manche andere, die ich schon geschaffen hatte, zu fragil war das Gleichgewicht, zu unsicher der Untergrund.

Langsam wurden die Füße dann doch ein bisschen kühl vom Wasser und auch der Regen schien es langsam ernst zu meinen. Wir zogen uns wieder um und wanderten zurück zum Auto. Nach einem kleinen Abstecher nach Schwarzenburg, um noch dies und jenes einzukaufen, fuhren wir auf einen Tee zu R., um mit ihr über das Leben und das Reisen zu philosophieren. Ihr Übernachtungsangebot lehnten wir allerdings ab, obwohl Regen angesagt war, denn wir hatten uns innerlich auf ein Zeltwochenende eingestellt und wollten endlich einmal Bern vom Eichholz-Camping aus erleben.

So fuhren wir nach Wabern auf den Aare-Campingplatz Eichholz. Bisher kannte ich dieses Areal ja nur von unzähligen Spaziergängen zwischen dem Aareufer und ebendiesem Zeltplatz. Jetzt aber wollten wir es wissen. Kaum hatten wir uns angemeldet und Fr. 38.50 für Übernachtung, Duschjetons, Parkkarte und Tickets für den öffentlichen Verkehr bezahlt und uns einen schönen Platz für unser Zelt aussuchen wollen, fing es richtig heftig zu regnen an. Spontan fuhr uns ein Zeltplatzeinweiser mit Fahrrad und Schirm voran und lotste uns in eine schmale Lücke zwischen zwei Wohnwägen, wo wir das Auto kurz, zum Ausladen, abstellen durften. Nachher müsse das Auto aber wieder raus. Unter den Bäumen, in einer vielleicht sechs Meter schmalen Lücke zwischen anderen Zelten, war es relativ trocken und so bauten wir ebendort, mangels Alternativen, in Rekordzeit und halbwegs trocken unser Zelt auf. Während Irgendlink das Auto wieder herausfuhr, befüllte ich unsere Matten mit Luft, packte die Schlafsäcke aus und schon bald hatten wir es schön gemütlich. Im Zelt dem Regen lauschen hat was – echt jetzt! – und so richtig heftig regnete es inzwischen eh nicht mehr. Zwischendurch war sogar das Murmeln der Aare zu hören. Je später und dunkler es wurde, desto aktiver und lauter wurden allerdings die Menschen in den Zelten um uns herum.

Während wir uns etwas Feines kochten, überlegten wir, ob es wirklich so eine tolle Idee gewesen war, mitten in der Hochsaison auf einen vollen Stadt-Camping zu gehen. Zumal für uns zwei Schwedenverwöhnte. Nun denn … Wir haben ja zum Glück einen Fußball … und auch sonst geht es uns gut.

Zwei Finger in kleinen Fußballschuhen, die einen kleinen Fußball gegen einen Fuß als Tor schubsenUnd  tatsächlich wurde es gegen 23 Uhr still und in der Nacht hätte man kaum glauben können, dass hier einige hundert Menschen schlafen.

Geplapper im Nachbarzelt, es war noch vor sieben Uhr, weckte mich. Wie ein angestoßener Dominostein setzte sich das Geplapper fort und schon bald war der Campingplatz wach.

Beim Tee- und Kaffeetrinken beschlossen Irgendlink und ich, dass wir das Zelt abbauen und doch bei den Freunden, die uns zum Abendessen und Übernachten eingeladen hatten, übernachten würden. Jedenfalls, wenn sich der Wetterbericht für Sonntag doch noch zum Guten wenden sollte. Außerdem gab es die Option, nach dem Abendessen bei unseren Freunden auch einfach nach Hause zu fahren. Mal schauen.

Irgendlink fotografiert den Zytglogge-Turm, eins der Wahrzeichen Berns

Um zwölf trafen wir uns mit Freundin M. (2) auf der Münsterplattform, einem beliebten zentralen Treffpunkt hinter dem Münster, von welchem aus man ’von oben herab’ auf die Aare und die Quartiere am Fluss blicken kann. Gemütliches Zusammensein. Einfach schön, solche Menschen zu kennen!, dachte ich, wie schon oft.

Dank des Citytickets für den öffentlichen Verkehr konnten wir ohne Parkplatzsorgen vom Stadtzentrum zur Col-Art-Austellung fahren, wo wir an einem Col-Art-Workshop teilnahmen. Zu neunt malten wir an acht verschiedenen Bildern. Demokratisch, gemeinschaftlich, miteinander – so der Grundgedanke der Kunstrichtung Col-Art/Kollektive Kunst, die heuer 50 Jahre alt wird.

Acht bunte Bilder auf Holzboden mit vielen sehr unterschiedlichen Bildelementen, Acryl auf Papier.Gründer Marc Kuhn stellt einen Monat lang mit großem Engagement im alten Tramdepot Bilder aus fünfzig Jahren Col-Art aus. Diese Ausstellung läuft noch bis Ende Juli.

Mehr Infos gibt es hier: https://agenda.bernerzeitung.ch

Später holen wir das Auto auf dem Campingplatz und parken im Quartier unserer Freunde. Gemütlich ist es. Die kleine Tochter giggelt uns fröhlich und die inspirienden Gespräche und das feine Essen tragen ebenfalls zu einem tollen Abend bei. Müde legen wir uns schlafen. Am Morgen werden wir vom Singsang des Töchterleins sanft aus dem Schlaf gelotst. Wir freuen uns über das gute Wetter und beschließen, die Idee, im Jura wandern zu gehen, umzusetzen. Nach all den vielen nährenden Gesprächen der letzten beiden Tage ist es uns nach Natur und Stille. Und Bewegung.

Nach einem gemütlichen Frühstück und einem Schlenker zum nahen Friedhof fahren wir ins Traverstal, wo die Areuse schluchtet und der Creux du Van das Staunen lehrt.

Eine natürliche Felsenarena gewaltigen Ausmaßes ist er, der Creux du Van. Um die hundertsechzig Meter hohe, senkrechte Felswände umschließen einen vier Kilometer langen und über einen Kilometer breiten Talkessel. Gewaltig, wunderbar, ehrfurchtgebietend!

Über vierzehn Kurven wanderen wir von Noiraigue aus zum Plateau hoch und genießen hier eine Weite, die es so nur in den Bergen gibt.

Auf dem Weg bergauf wünschten wir allen Leuten, die unsere Wege kreuzten, freundlich Bonjour. Kaum oben auf dem Plateau angekommen, hören wir schnell damit auf. Viele Menschen teilen mit uns die Fernsicht und das spektakuläre Erlebnis. Viele allerdings fahren mit dem Auto zum Bergrestaurant hoch und flipflopen sich am Abgrund entlang um das ultimativ spektakulärste Bild schießen zu können. Zum Glück hat es genug Platz für alle.

Wir umrunden den Krater an seiner Oberkante und steigen auf der anderen Seite der Felsarena wieder abwärts. Die ersten drei oder vier Kilometer sind wieder sehr steil, wie schon beim Aufstieg, auch der Rest hat es in sich. Und geht ganz schön in die Beine. Ich bin auch langsam müde von all den vielen Eindrücken, Begegnugen und Gedanken.

Auf den letzten Kilometers des Abstiegs verbiege ich mir dummerweise irgendwie das Knie, sodass ich, wegen der stechenden Schmerzen, nur noch ganz langsam gehen kann, doch wir haben es zum Glück nicht eilig.

Auf der Rückfahrt nach Hause bin ich tief entspannt. Und sehr dankbar für dieses nährende Wochenende.


*Hier der Streckenlink  zu unserer Wanderung und hier eine Karte:

[googlemaps https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m48!1m12!1m3!1d12957.644763816841!2d6.719252184244211!3d46.94185714983779!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m33!3e2!4m3!3m2!1d46.952214!2d6.7259079999999996!4m3!3m2!1d46.946290999999995!2d6.7170217999999995!4m4!2s46.93637%2C+6.72082!3m2!1d46.93637!2d6.72082!4m4!2s46.9309%2C+6.725294!3m2!1d46.9309!2d6.725294!4m4!2s46.9322%2C+6.731075!3m2!1d46.932199999999995!2d6.731075!4m3!3m2!1d46.9418759!2d6.7351404!4m4!2s46.951683%2C+6.726872!3m2!1d46.951682999999996!2d6.726871999999999!5e0!3m2!1sde!2sch!4v1532349413979&w=600&h=450]

Mehr Infos:
Wiki
http://wegwandern.ch
www.schweizmobil.ch
www.wanderungen.ch