In den Pyrenäen #6 – Gestern: Die heissen Quellen von Thuès-les-Bains

Irgendwo da oben müssen sie sein. Aber es ist schon verdammt lange her. Und wir hatten ja ziemlich getankt. Und die Wanderkarte, auf der ich den Ort markiert habe, liegt daheim. Schon vor fünf Jahren wollte uns Irgendlink, als wir zur selben Jahreszeit ein bisschen östlicher von hier eine Gîte bewohnt hatten, mithilfe seines wirklich guten Orientierungssinnes zu seinen wunderbaren heißen Quellen lotsen. Damals fanden wir andere Quellen, wirklich ganz wunderbare. Gestern auch nicht, oder auch – meine ich. Aber deswegen waren auch diese nicht weniger schön. Sag ich mal, die ich seine heißen Quellen nicht kenne. Für einmal war unsere abenteuerliche Bergtour nicht einmal von Regenfall getrübt. Klasse! Und was für Wetter!

Unsere Wetteraussichten
Unsere Wetteraussichten

Im Schatten minus zwei Grad, an der Sonne vielleicht vier oder fünf?

Beim Thermal-Badehotel von Thuès-les-Bains parkten wir. Auch ein paar französische Jungs um die dreißig hatten neben uns geparkt und wir würden sie später wiederholt treffen.

Voller Vorfreude auf ein Bad in heißen Steinbecken stiegen wir bergan. Gehorsam folgten wir einem Wanderwag, da jener Weg, den der Liebste intuitiv genommen hätte, mit einem durchgestrichenen gelben Kreuz markiert war. Tolle Bergtour.

Ganz schön gefährlich wäre es gewesen, wenn wir dort, wo wir auf halber Höhe umdrehen mussten, weitergeklettert wären. Von oben kommen wir offenbar nicht in das Becken heran, das wir – mit Menschen gefüllt – gefunden haben. Also zurück zur letzten Verzweigung? Gesagt, getan. Auch die französichen Jungs, die wir unterwegs bereits ein- oder zweimal gekreuzt haben, wissen nicht weiter. Sie folgen uns, vermutlich weil wir so zielstrebig aussehen. Nein, sie haben auch keine Koordinaten, sagen sie, und folgen auch nur einem Gerücht. Diesem hartnäckigen Gerücht von wunderbaren heißen Quellen, in denen es sich wunderbar baden lässt. Von denen ich je länger je mehr vermute, dass sie wirklich nur ein Gerücht sind.

Wir nehmen eine Abzweigung, die steil bergab führt und mit ein paar gefährlichen rutschigen und schlammigen Partien aufwartet. Der nahe Bach rauscht, wir sind auf der richtigen Spur, keine Frage.

Auf einmal haut es mich um. Und zwar richtig. Aufs Steißbein. Ich jaule kurz auf, was die Jungs etwa zwanzig Meter hinter uns offenbar in die Flucht schlägt.
Wenn schon diese taffe Schweizerin umfällt, wie dann wir fünf Stadtbuben?, werden sie sich gesagt haben. Macht nichts, denn das Becken ist genau richtig für zwei.

[Ähm, ja, danke der Nachfrage, es tut noch immer weh. Aber nur, wenn ich mich bewege. Sitzen geht. Liegen zum Glück auch. Wird schon wieder.]

Nach einem herrlichen Bad und einem kleinen Picknick wandern wir zurück und betreten die zivilisierte Welt genau auf dem durchgekreuzten Weg.

So einfach wäre das Leben, wenn man nicht immer den Wegweisern und den vorgegebenen Wegen folgen würde. 🙂

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Auch Irgendlink bloggte soeben über unsern gestrigen Ausflug: Hier!

In den Pyrenäen #4 – Gestern: Heldenzöix

Gestern vor der Wanderung. Nach-dem-Frühstück-Tischtuch-Quatscherei …

Fast zur Quelle hoch sind wir gestern gestiegen. Immerhin bis zum zweiten Wasserfall. Und das womöglich nur, weil ich mich in diesen Ferien entschlossen habe, mich nur rudimentär an der Planung unserer Aktivitäten zu beteiligen. Andernfalls hätte ich uns vielleicht ausgebremst? Mir so eine Tour nicht zugetraut? Was das Tagesprogramm betrifft, hat ja Irgendlink immer so tolle Ideen, dass ich mich diesen gerne anschließe. Einerseits, weil ich bis jetzt damit immer gut gefahren – und gewandert! – bin und andererseits auch, weil es meiner aktuellen Entscheidungsunlust so toll entgegen kommt.

Schon vorgestern zog es ihn zu den Wasserfällen, doch weil die Sonne uns auf die sonnige Bergseite gelockt hatte, waren wir ihrem Ruf gefolgt.

Vernet-Cascades_19Gestern nun war Regen angesagt, über Mittag und gegen Abend wieder. Wir sollten also wohl möglichst bald raus, wenn wir Regen vermeiden wollen. Na ja, möglichst bald heißt bei uns so gegen Mittag. Nach Regen sieht es nicht aus. Trockenen Fußes durchqueren wir das unter einer Wolkendecke liegende, verschlafen wirkende Dorf und fotografieren uns bergan.

Einzig eine süße Katze und später eine Frau in unserm Alter, die Holz auf ihre Karre lädt, treffen wir unterwegs. Die Holz ladende Frau meint, es sei den Leuten draußen zu kalt. Bei acht Grad ist Winter angesagt und gemütliches Zuhauseherumsitzen. Niemand mag dann draußen sein.

C’est la vie.

Bald finden wir das Wanderwegzeichen zu den Cascades, den Wasserfällen.
Die sind hier in der Nähe, sagt Irgenlink seit Tagen, und da hat’s zwei Geocaches.
Wir wandern also gemütlich bergan. Bald schwitzen wir. Bald setzt leichter Regen ein. Bald kommt die Gabelung, von wo an es zur Sache geht, denn bis hierher war es ein schöner Waldspaziergang, ab jetzt eine Bergwanderung.

Eine Stunde zwanzig Minuten bis zu den Fällen, sagt die Tafel, und es regnet nun schon stärker. Vernunft versus Abenteuerlust? Wir gehen weiter, keine Frage eigentlich.

Links der Bach, tosend und wild, der Weg immer wilder, immer steiniger, immer steiler. Tolle Wanderung. Eigentlich. Bloß nicht an noch mehr Regen und an Abstieg denken, ermahne ich mich innerlich.

Bild um Bild nehmen wir mit. Wunderbare Natur. Köstliche Luft. Stille. Immer öfter müssen wir auf abenteuerlichen Brücken und Furten den Bach queren, mal von rechts nach links, dann wieder zurück.

Und auf einmal finden wir ihn, den ersten Wasserfall. Der Cache ist vergessen. Atemlos vom Anstieg bestaunen wir dieses Naturkunstwerk, das kein Künstler schöner hinbekommen hätte. Ich hebe die Kamera. Genau in diesem Moment pustet mir ein frecher Windstoß, im Verein mit der Schwerkraft, meinen Schirm weg, den ich als Kameraschutz aufgespannt hatte. Mist! Doch schon klettert mein Held behände ins Flussbett und holt den Schirm. Nur die Melone fehlt, Charme dafür im Überfluss.

Das Wegstück zur zweiten Kaskade ist das bisher gefährlichste, steilste, nasseste und ich frage mich, ob wir bei solch verrückten Wanderungen eigentlich immer Regen als Background-Sound gebucht haben. Irgendlink macht Bild um Bild, Film um Film, während ich mich an einer trockenen Stelle, an eine Felswand gelehnt, ein bisschen ausruhe.

Beim Abstieg über die klitschnassen und glatten Felsen rutsche ich gleich zweimal aus. Autsch. Zum Glück ohne Schaden. Und zum Glück ist mein Held da und reicht mir immer mal wieder die Hand. Meine Beine sind kürzer als seine, was ich besonders deutlich merke, wenn es um die Querung von Furten geht. Bergwandern, das hat uns spätestens die Pilgerwanderung auf den Gotthard gelehrt, ist ein dauerndes Ausbalancieren. Jeder Schritt will geplant sein. Nur so kommen wir voran. Oder abwärts. Noch immer regnet es, doch irgendwann sind wir unten. Und der Regen hat auch endlich aufgehört.

Nach einem kleinen Einkauf im Dorfladen machen wir es uns daheim im Studio gemütlich. Hach, toll war das, und ich bin einmal mehr froh, die Strecke nicht im Voraus gekannt zu haben. Es geht doch nichts über keine Recherche und viel Vertrauen. Besser als jede Vorschuss-Angst!

Ich gehe um des Gehens willen. Ich lebe um des Lebens willen.

In den Pyrenäen #3 – Bilder von heute Nachmittag

Eine wunderbare Bergwanderung mit Fernsicht.
Auf 900 m ü. Meer sieht die Welt einfach ein klein bisschen anders aus … 🙂

Wanderung 26-12-14_Route
Nachmittagswanderung – zum Vergrößern draufklicken
screenie Waderung auf hikebike
Kartenausschnitt auf hikebike – zur Originalkarte draufklicken

Link zum heutigen Kartenausschnitt

In den Pyrenäen #2

Schon hat uns der Ferienalltag wieder, dieses Wir-Ding, das sich um und ins uns entfaltet, wenn wir zusammen unterwegs sind. Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit, Vertrauen.

Wir gehen aus dem Haus ohne einen Plan zu haben. Oder höchstens den: Schauen, was wird. Gut, gestern war es immerhin so, dass Irgendlink – noch zuhause in der Pfalz – via Geocache-App die Umgebung ein wenig gescannt und ein paar Geocache-Infos auf sein Handy geladen hatte. Außerdem war er in der näheren und weiteren Gegend schon öfters. Genug Neues gibt es aber alleweil. Wir verlassen das Dorf Richtung Süden, was einfach ist, da wir dazu einfach unserer Straße folgen müssen. Schon bald ist uns klar, dass wir viel zu warm angezogen sind. Ich suche die Sonnenbrille, ziehe den Faserpelz unter der Winterjacke aus und schwitze, denn unser Waldweg steigt sanft hügelan. Wir folgen Irgendlinks Idee, den Cache, der da und da liegen müsste, zu finden.

Zu unserem Ferienalltag gehört das Staunen. Falls ich das eines Tages nicht mehr kann, werde ich nicht mehr verreisen. Nicht, dass wir es „machen“, das Staunen, es passiert uns einfach. Und auch wenn ich schon oft in Südfrankreich war, ist es jedes Mal neu: Dieses Ergriffensein von dieser für diese Gegend hier typischen Weite, den Bergen und Hügeln, der Vegetation, diesen wilden Wegen hier.

Ich stöhne und juble und jaule also wandernd über diese Schönheit, die fremd und vertraut zugleich ist und als uns eine Gruppe Menschen, Erwachsene und Kinder, mit zwei Eseln kurz vor dem Zielort des ersten Caches überholen, geht mein Herz noch weiter auf. Wir treffen die Gruppe, später bei ihrer Rast auf einem Hügel. Wir in der Nähe befindet sich auch unser erster Cache, doch zuerst betrachten wir die Marienkapelle – oder was immer es ist. Ich bin begeistert von den Plastikmarien, die aus PET, aus Flaschenplastik, geschaffen sind, und die ich darum Geist in der Flasche nenne. Die Marienkrönchen sehen schließlich irgendwie wie Flaschendeckel aus. Das Einzige, was ich am Katholentum mag, ist dass sie das mit der weiblichen Göttlichkeit integriert haben.

Maria in der Flasche
Maria in der Flasche

Die beiden Eselchen haben Siesta und wir plaudern mit der Esel-Halterin über Esel als Pilgergefährten. Knuddelweiche gutmütige Gesellen sind die beiden Tiere.

Vergeblich suchen wir über eine halbe Stunde nach dem Cache, ziehen weiter und finden einen Dolmen, ein aus unbehauenen Steinblöcken errichtetes Bauwerk. Manche Dolmen, erfahre ich später, dienten als Grabstätten. Ob es diese hier auch tat, weiß ich nicht. Aber mich beeindruckt das Werk sehr und ich stelle mir vor, wie es vor langer Zeit von Menschen errichtet worden ist.

Auch hier in der Nähe versteckt sich ein Cache. Wir finden ihn kurz bevor wir aufgeben wollen. Wie weiter? Nach Villefranche und von da mit einem Bus zurück, der vielleicht – weil Feiertag ist – gar nicht fährt? Oder runter nach Corneilla und von da zurück nach Vernet-les-Bains wandern? Wir steigen abwärts und finden ein herziges Bergdorf. Sonne satt. Siesta. Es ist kurz nach drei Uhr.

Ein gefundener Cache ...
Ein gefundener Cache …

Meine Wanderkarten-App zeigt einen Wanderweg zurück, doch es ist nicht ganz klar ersichtlich, wo genau sich der Einstieg befindet. Die Alternative wäre der Straße entlang zu gehen, die zwar eng, aber heute wenig befahren ist. Schließlich finden wir den Ein- und Aufstieg. Hätten wir den Weg genommen, wenn wir vorher gewusst hätten, dass es ein zweites Mal um die zwei- bis dreihundert Höhenmeter sind, wie wir zuerst hoch- und dann wieder absteigen würden? Vermutlich nicht. Gut, wenn man im Voraus nicht immer alles weiß.

Die Wanderung ist kolossal. Wir finden sogar Spuren Heiko Moorlanders, der ja eine Zeitlang in Südfrankreich gelebt hat. Mont Canigou ist zum Küssen nah.

Von oben herab
Von oben herab

Abendglühen gibt’s nicht nur in den Alpen. Immer weiter aufwärts steigen wir. Irgendwann geht es aber dann doch wieder abwärts und ich spüre, dass ich doch seit der Gotthard-Wanderung ein wenig meiner Kondition eingebüßt habe. Macht nichts. Wir sind ja bald daheim. Quer durchs Dorf geht es und Irgendlink zeigt mir, wo er am Morgen, auf seiner ersten Erkundungstour entlang spaziert ist. Tolles Dorf, so richtig französisch eben. Ein Meer aus Dächern tut sich unter uns auf.

Dächermeer2
Dächermeer

Später, wir kochen auf zwei Herdplatten unser Abendessen, Kurzschluss. Davor haben uns die Hauswarte gewarnt. Wenn zu viele Geräte gleichzeitig laufen. Aber so viel läuft doch gar nicht? Zwei Lampen. Die beiden Handys zum Laden, Kühlschrank, Modem, Heizung und Herd. Offenbar zu viel. Die zweite Platte war der das Fass zum Überlaufen bringende Tropfen. Wir finden den Hauptsicherungskasten nicht. Im wohnungsinternen Kasten findet sich keine kaputte Sicherung. Das Hauswartspaar kommt auf einen Schwatz vorbei und zeigt, wo – im Treppenhaus draußen – sich der Hauptkasten verbirgt und wo der Hauptschalter umzulegen ist. Tja. So werden wir nun Stromtetris spielen müssen, immer nur so und so viele Geräte. Schlecht ist das eigentlich nicht. Eine kleine Bewusstseinsübung sogar. Und umso dankbarer sind wir, als der Herd wieder läuft und der Rosenkohl aus Irgendlinks Garten gar kochen kann.

Ferienalltag? Ja, diesen Alltag mag ich von allen Alltagen definitiv am liebsten.

Une randonnée à Vernet-les-Bains
Une randonnée à Vernet-les-Bains

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Mehr auf Irgendlinks Blog
Ungefähre Wanderroute auf Guuglmäps
Touristeninfos über Vernet-les-Bains

In den Pyrenäen #1 oder Weil ich Lust habe und Gratis-WLAN …

Gestern waren wir den ganzen Tag unterwegs in die Pyrenäen. Woran ich Tage zuvor nicht im Traum gedacht hätte. Beide sind wir eher knapp bei Kasse, ich noch mehr als er. Doch manchmal geschehen eben doch Wunder und Türen fallen auf, ohne dass wir den Schlüssel dazu haben.

Und auf einmal hatten wir eine winzige, herzige, saugünstige Wohnung gebucht. In den pyrenäischen Bergen, einer Gegend, die Irgendlink noch länger ins Herz geschlossen hat als ich, die mir aber in den letzten Jahren auch ein Stück Heimat geworden ist. Ich kann mein Glück kaum fassen. Ein Geschenk!

Am Abend des 23. Dezember ist fast fertig gepackt. Wir gehen spät schlafen, denn zuvor erledigen wir noch letzte Dinge im Internet in der sicheren Annahme, die nächsten zehn Tage offline zu sein.

Gestern früh ist es wirklich noch pervers früh, als wir aufstehen, das Auto laden und losfahren. Rauhreif das Land. Rauhe Weihe-Nacht. Das passt. Wunderbar halbleer sind die sonst vollen Schweizer Autobahnen und bald fahren wir bei Genf über die Grenze.

– Wieso fährst du eigentlich links, wenn es rechts Platz hat?, fragt der Liebste zwanzig Kilometer südlich von Genf.
– Warum sollte ich? Es hat ja auf beiden Spuren massenhaft Platz. Du weißt doch, ich bin keine von diesen nervenden Dauernd-die-Spur-Wechslerinnen.
– Aber du wusstest schon, dass es ein Rechtsfahrgebot gibt?
– Nö, never heard. … Was ist das denn? … Ein deutsches Gebot vermutlich? Aber wir sind ja hier nicht in Deutschland. Wir sind in Frankreich.
– Keine Ahnung, ob das in Frankreich auch greift, aber bei uns muss man immer rechts fahren, wenn die rechte Spur frei ist. Es ist strafbar, grundlos die linke Spur zu benutzen. Zumal man ja auch andere behindert, die noch schneller fahren wollen. Kurz: Man verwendet grundsätzlich den rechten Fahrstreifen.
– Wie jetzt? Du meinst, bei euch MUSS man rechts fahren?

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Musste ich nahezu 50 werden, um von einem solchen Gebot zu erfahren, nach über fünf Jahren regelmäßigem Autofahren in Germanien? Und auf einmal verstehe ich. Alles. Alle. Alle Deutschen. Denn mitnichten betrifft das Rechtsfahrgebot auf deutschen Autobahnen nur die Straßen.

Ein Land verstehen zu wollen, umfasst viel mehr als nur die Sprache einigermaßen zu verstehen und sprechen zu können. Da sind ganze gesellschaftliche Codes, die es zu verstehen gilt.

Das Rechtsfahrgebot zum Beispiel, so deklamiere ich südwärts fahrend, das Rechtsfahrgebot macht sich in allen Lebensbereichen breit. Es prägt euer Denken.

Heute Morgen, nach dem ersten Frühstück in unserm herzigen Studio in den Pyrenänen, schneide ich das Thema erneut an. Weil ich gegoogelt habe, ob ich womöglich viele Jahre ein Gebot, das auch in der Schweiz gültig wäre, ignoriert habe. Habe ich aber nicht. Sowas gibt es echt nur im Land der unlimitierten Höchstgeschwindigkeit. Ich lese Irgendlink vor, was Wiki zum Thema meint.

– Da siehst du mal, in was für einem restrikiven Land ich lebe!, moniert er.
– Erinnerst du dich an jenen Glaubenskrieg, damals, als wir über Spielregeln diskutierten, M (1), S, du und ich?, frage ich. Und uns nicht einigen konnten, weil wir alle verschiedene Grundregeln voraussetzen?
– Genau. Weißt du was? Daran geht die Welt zugrunde, dass wir alle verschiedene Spielregeln haben.
– Noch schlimmer: jeder meint, seine sei die einzig Richtige! Ist ja wie mit der Schrift auf dem Modem!
– Genau. Wer ahnt schon, dass das französische kleine r aussieht wie eine deutsche oder eine Schweizer Zwei.

Gestern schon hätten wir ins Gratis-WLAN einsteigen können, von dem wir nicht im Traum geahnt haben, dass es uns hier erwartet und das der Grund dafür ist, dass ich nun doch blogge. Gestern habe ich meiner Interpretation der französischen Buchstaben und Zahlen nicht getraut. Deshalb mussten wir bis heute warten. Bis uns der Wohnungsvermieter das handgeschriebene Passwort auf dem Modem per Mail entschlüsselte. Nur weil ich gedacht habe, ich kann das nicht, nicht mehr. Obwohl ich ja in Frankreich gelebt habe und obwohl ich französischen Handschriften normalerweise lesen kann. Aber eben. Doch wer schreibt schon ein 10 Zeichen langes Passwort in Schreibschrift? Na ja, schlimm wars ja nicht, das Offline-sein, zumal Irgendlinks Tagespass ja noch lief, aber es zeigt mal wieder, wie ich manchmal meinem Können misstraue (und obwohl ich alle Buchstaben und Zahlen – wie sich herausstellt – richtig gelesen habe). Und es zeigt, wie sehr ich den Spielregeln anderer misstraue. Da war noch was banales: Unklar war, als wir daheim unsere Sachen packten, ob es Bettwäsche habe in der Wohnung oder nicht. Für einmal beschlossen wir, die Zeile „Bettwäsche geliefert“ wörtlich zu nehmen. Dennoch folgte ich einem Impuls, bevor ich meine Wohnung abschloß, und nahm kurzentschlossen den alten schweren wunderbar warmen Riesenschlafsack, der schon ewig zum eigentlich baldigen Verstau auf dem Dachboden herumstand, mit.

Als wir nun in der Ferienwohnung eingetroffen waren und vom Hauswartspaar in die Wohnung eingeführt wurden, erkannte ich, dass es keine Bettwäsche hatte. Für einen kleinen Aufpreis konnten wir zwar welche bekommen, kein Problem, dennoch begriff ich einmal mehr, wie unterschiedlich Ländercodes und Sätze zu interpretieren sind. „Geliefert“ bedeutete in diesem Fall nicht Standard sondern Möglichkeit. Irgendlink schläft nun also unter einem Leintuch und zwei Wolldecken und ich unter meinem zur Decke geöffneten, warmen Schlafsack. Gut also, wenn man auf seine Intuition hört.

Nun sitze ich hier, in der gemütlichen Wohnung, blicke auf das herzige Bergdorf heraus, das recht hügelig in einer hügeligen, lieblich-kargen Landschaft klebt und hacke diese Zeilen, derweil der Liebste das Dorf erkundet. Später werden wir es gemeinsam erforschen, es uns vertraut machen.

Während die einen sich Orte so vertraut machen, indem sie die kürzesten Wege zum Laden, zur Bäckerei, zur Tanke und zur Apotheke suchen, suchen andere Wege zu schönen Aussichtsorten, wieder andere suchen den kürzesten Weg aus dem Dorf in den Wald. Manche hören auf mit Weitersuchen, wenn sie die wichtigen Wege kennen und bewegen sich dann nur noch in diesen Bahnen, wieder andere versuchen, neue Wege zu finden. Immer wieder andere.

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Und du? Wie machst du dir deine Umgebung vertraut?

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Link zum Blogartikel betreffend Spielregeln: http://sofasophia.wordpress.com/2014/02/16/kleiner-glaubenskrieg-am-spieltisch/
Auch Irgendlink wird über unsere Ferientage in den Pyrenäen wieder live bloggen. Der erste Artikel findet sich hier: http://irgendlink.de/2014/12/25/strasse-je-taime/
Auch seine Tweets sind sehr lesenswert: Twitter-Account
Was Wiki zum Rechtsfahrgebot meint: http://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsfahrgebot
Unser Domizil hier: http://www.france-voyage.com/frankreich-ferienhauser/location-appartement-vernet-les-bains-79032.htm

Die echte und die echte Welt dicht an dicht in der Galerie Beck – reblogged

Wenn die Welt im Kopf ein genauso starkes Bild ist, wie die “echte” Welt, ist es dann nicht verkehrt, sich an den Parametern der echten Welt zu orientieren, und krampfhaft daran festzuhalten, anstatt an der Realisierung der Parameter der selbst erzeugten Welt zu arbeiten?

(28. September 2009 – im Vorwort zu “Schon wieder ein Jakobsweg – Yet Another Saint James”)

Was ist überhaupt echt?, muss ich heute fragen. Oder unecht? Oder ist die Grenze zwischen Echt und Unecht nur ein individuelles Empfinden? Ein Prozess jahrelanger Prägung, der einen nach dem Irgendwann-ist-aber-mal-Schluss-Prinzip einen Strich auf der imaginären Landkarte ziehen lässt, auf deren einer Seite die vermeintlich echte Welt ist und auf deren anderer Seite die unechte, virtuelle Welt?

screenie appspressionismusMit einem eigenartigen Gefühl betrete ich gestern die Galerie Beck zur Eröffnung der Ausstellung “Geschichte und Geschichten”. Die Galerietür aus Kirschbaumholz quietscht wie eh und je, genauso wie damals 2007, als meine erste Ausstellung bei den Becks präsentiert wurde. Es ist geraten, wenn man die Galerie betritt, die Tür am Knauf ein bisschen anzuheben, um das Quietschgeräusch zu vermeiden. Scherzhaft mutmaßte man einst, das sei passiver Diebstahlschutz. Neben den vielen Hunden, die überall auf dem Gelände ein eingeschworenes Rudel bilden ist es eine weitere Sicherungsmaßnahme, um den Heiligen Gral der feinen Künste zu schützen.

(Text von Jürgen Rinck | Irgendlink)

Weiterlesen? Gerne! Bei Irgendlink drüben gehts weiter …

Patchwork | Textklau, Kunst oder Hommage?

Gestern schrieb ich auf fb ungefähr folgende Zeilen:

Wenn ich jetzt aus all den heute gelesenen wunderbaren Blogartikeln meine Lieblingssätze nehmen würde, nur mal angenommen, und damit – aus diesen veredelten Rohstoffen sozusagen – eine neue, eigene Geschichte schreiben würde, wäre das eine Hommage, Klau, Kunst gar oder alles aufs Mal? Und funktioniert – so ähnlich jedenfalls – nicht alles irgendwie? Everything Is A Remix?

Heute Morgen dachte ich mir: Warum eigentlich nicht. Und hier ist er nun, mein Remix mit Textelementem von Lakritze, Fürhilde, Demenz für Anfänger, Mützenfalterin, Der Emil, Andreas Glumm, Irgendlink und mir selbst. Die Text-Verbindungen stammen ebenfalls von mir. Teilweise habe ich einzelne Wörter und/oder Wort- und Satzteile gelöscht oder eingefügt, damit es als Ganzes sinnvoll ist.
Selbstverständlich freue ich mich, wenn auch andere diese Idee umsetzen. Vielleicht auf der Dada-Schiene oder …?

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Damals, die Geschichten mit gutem und schlechtem und die ohne Ende, das liegt schon tief innen. Wollte ich das loswerden, ich müsste mich aushöhlen. Diese Schwebe trägt mich von kleinen Glücken in die Nischen aus Kämpfen. Ständig muss man um irgendwas kämpfen, man muss andauernd sicher sein, und sichergehen, während man glaubt eigentlich unterzugehen, während man sicher ist, dass man gar nicht weitergehen kann, dass nur noch eine Pille deine Neurotransmitter überlisten kann. Aber du musst ja. Du musst ja atmen, wenn du das Gefühl hast unter dem tristen Alltag zu ersticken. Atmen. Atmen. Und ruhen. Schlafen. Ich könnte immer schlafen. Heute hätte ich sogar problemlos eine Stunde länger schlafen können, hätte eine Stunde weniger schwitzen müssen, mich eine Stunde weniger so angefressen gefühlt. So recht weiß ich grad nicht, wie und was das hier werden soll. Der Impuls, einfach meinen Krempel zu nehmen und wieder heimzugehen, ist stark …

Um fünf Uhr in der Früh schreckte ich auf. Nachdem ich vielleicht zwanzig Minuten am Stück geschlafen hatte, wachte ich von der Stille auf. Mutters Atem hatte ausgesetzt. Nach einigen Sekunden röchelte sie. Dann atmete sie weiter. Ich verliere alle Erwartungslosigkeit. Und die Schwellen, an denen auf einmal alles schwierig scheint, voraussetzungsvoll ist, weh tut. Und die Liebe, die alles überwindet. Vielleicht sogar den Tod. Mein Blick gleitet aus dem Fenster. Die Kinder auf der Bank am Bahnhof. Bewegungslos. Still. Eines dick und ganz grau gekleidet, das andere schmal und bunt. Sommerkleider, die gegen den Regen antreten.

Die Frage für wen man schreibt und warum. Und dass das nie folgenlos bleibt. Ein rosa Raunen, das dem Finger entschlüpft, überzeichnet das Alter – mein wahres Gesicht.

Wir müssen weinen und laut lachen. Wir müssen anhalten, einatmen und auch wieder aus. Wir müssen ausscheiden und unsere Schuhe binden, wir müssen Material vorzeigen und Emotionen beseitigen. Wir müssen so tun als ob, auch wenn dahinter eine Horde Rabauken wüten, die wir verschließen sollen, weil: wir müssen ja Anstand haben, und Werte, und wir müssen ja sittlich sein und solide. Wir müssen ja schreiben was die anderen lesen wollen, und sagen was die Menschen hören wollen, wir müssen ja lachen, wenn man lachen soll und weinen, wenn jemand bestattet wird.

Seit einer Woche verfällt Vater zusehends. Da ist nicht nur die runterhängende, an einen Schlaganfall gemahnende Backe, das Gesicht insgesamt wirkt schief und instabil, ein versinkendes Reich: Man hat wieder einmal versäumt, ihm die obere Zahnprothese einzusetzen. Ich löse die Bremsen seines Rollstuhls und schiebe ihn über den Gang in sein Zimmer.
„Da tun wir dir erst mal die Zähne rein.”

„Gerade Ihr Vater ist so ein netter Mann,“ sagt die Schwester mit dem dunklen Teint. „An guten Tagen macht er immer seine Späßchen mit mir. Weil wir beide den gleichen orangefarbenen Schlüsselanhänger um den Hals tragen, stellt er sich mir in den Weg, wie ein Bandit, und ruft: He, rück meinen Zimmerschlüssel raus! Verdammte Italienerin! Dabei bin ich gar nicht aus Italien, ich seh nur südländisch aus.”
Ich muss lachen. Verdammte Italienerin beschimpfte Vater Zeit ihres Lebens meine Mutter, eine Halbitalienerin.

Kein guter Tag. Ich bin froh, als ich mich verabschiede, und im Dunkeln auf den Bus warte. Ein scheiß Tag. Mit einem Ende, das einen glauben machen kann, der Herrgott erlaube sich seine Späßchen mit uns Menschen.

Unsere Unzufriedenheit – ist sie nicht in erster Linie die Unzufriedenheit mit uns selbst. Weil wir nicht wirklich handeln, wie wir wollen. Weil wir nicht wirklich sind, wer wir sind. Weil … oh, nun köchelt meine Gedankensuppe. Die Suppe dickt ein. Die Essenz kommt zum Vorschein. Ihr Name ist Inkonsequenz. Darum, begreife ich, darum sind wir mit uns nicht im Frieden. Mit uns nicht. Mit der Welt nicht. Banal? Gut möglich. Mir egal, denn in mir drin habe ich diese Erkenntnis, die ja nun wirklich nicht neu ist, bisher nie so ganz mit allen Sinnen begriffen. Der Kopf reicht eben nicht um zu verstehen. Nicht ganz. Er ist nur ein Teil und selbst mein aktuelles Verstehen ist immer nur ein Anfang. Verstehen wollen ist nur ein Weg, eine Möglichkeit, das Leben irgendwie zu schaffen.

Nicht, dass nicht jeder Mensch grundsätzlich ganz viele Möglichkeiten hätte. In der Regel verbringt man aber sein Leben derart kanalisiert, dass die Möglichkeiten nicht so möglich erscheinen, dass man sie wählen könnte. Im kanalisierten Leben verbirgt sich die Unzahl dessen, was man alternativ zu der einen Sache, die man tut, machen könnte hinter einem dicken Vorhang namens Es-hat-ja-doch-keinen-Sinn. Und so laufen wir immer weiter auf unserer Sinnsuche. Auch ich laufe. Ich laufe immer wieder durch die Mittelstraße und denke: Mittelweg. Ob es den überhaupt gibt? Aufschreiben sollte ich das. Ein Buch schreiben. Einen Roman gar? Ein Roman ist ein anderes Kaliber. Fiktion, plotten, Geschichten weben, Personage lebendig werden lassen. Das ist echte Strafarbeit – im Vergleich dazu ist das Liveschreiben wie wenn man in der Schule eine Klassenarbeit schreibt, während der Lehrer mal eben den Raum verlässt und man nach Herzenslust abschreiben kann.

Oder vielleicht doch lieber selbst etwas erfinden? Eine Nachbarin, die mich kennt. Weiß sie etwa, dass ich die Bilder kenne, dass ich alles von ihr auf den Bildern gesehen habe? Ist in den Bildern vielleicht ein Programm verborgen, das die Betrachter der Bilder über die Webcamera des Notebooks überwacht?

Nein, ich verstehe nicht, wie das alles hier zusammenhängt, nur dass es das tut. Auch wenn da ganz bestimmt nicht überall Kameras hängen. Nicht so, wie ich es als Kind dachte, wenn ich Streiche spielte – dass nämlich immer jemand alles sieht, was ich tue. Einen allwissenden Big Brother gibt es nicht und auch keinen Liebgott, der alles sieht. Nicht meine Gedanken jedenfalls. Und auch nicht meine Phantasien. Schlimmstenfalls das, was ich hier in die Zeilen hacke und publiziere. Aber meine Gedanken und Träume? Nein. Nie. Vielleicht, weil ich sie selbst oft genug nicht sehe, nicht verstehe, sie mir nicht glaube?

Und ich kann auch oft nicht glauben, dass ich noch an mich glaube, ich kann nicht verstehen, dass Menschen das hier lesen. Ich kann nicht einfach nicht wissen, wieso manches passiert und weshalb nie etwas endet, was mich kaputt macht. Ich kann nicht und das ist das Problem.

Doch ich gehe weiter. Ob Mittelweg oder Umwege. Nein, ich bleibe nicht stehen. Ich fülle mir auf dem Weg nach Hause die Taschen mit Kastanien und Nüssen und ich bin nicht die einzige: mich beobachten Mäuse, ein prächtiges Eichhorn und Dohlen mit Eissplitteraugen. Unmäßig bin ich nicht, und es gibt genug, beruhige ich sie und ziehe meines Wegs.

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Ich bedanke mich für die Text-Anleihen hiermit allerherzlichst bei Lakritze, Fürhilde, Demenz für Anfänger, Mützenfalterin, Der Emil, Andreas Glumm, Irgendlink. Verzeiht, dass ich nicht vorher gefragt habe. Oder verzeiht mir auch nicht. Ich wollte einfach. Ich musste … Danke!

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Quellen in alphabetischer Reihenfolge:
http://demenzfueranfaenger.wordpress.com/2014/10/17/der-nachste-tag/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/16/privattagebuch-tagesklinik/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/17/kunstfuegung/
http://deremil.wordpress.com/2014/10/18/kennenlernen/
http://fuerhilde.wordpress.com/2014/10/17/du-bist-was-du-musst/
http://glumm.wordpress.com/2014/10/17/geplant-war-ewigkeit-13-die-letzten-tage/

http://lakritze.wordpress.com/2014/10/16/jahresringe/
http://lakritze.wordpress.com/2014/10/17/fulle/
http://muetzenfalterin.wordpress.com/2014/10/17/grau-und-grun/
http://sofasophia.wordpress.com/2014/08/15/10223/

Saltstraumen-Trauma reblogged

Heute reblogged aus Irgendlinks Blog:

Teil 1 bei Sofasophia

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte, die Frau SoSo und ich vor einigen Tagen (im August 2014) angestiftet haben. Ich gab ihr drei Stichworte und das Genre „Horror“ und sie schrieb daraufhin den oben verlinkten ersten Teil. Mich fordernd, die Stichworte Espresso, Lofoten und Tippfehler in einem nächsten Kapitel zu verwenden.

 

Kapitel 2 – Sommer 1990

Gibt es etwas bescheuerteres, als nördlich des Polarkreises mit einem gelben Cabrio über die Landstraße zu jagen? Sie waren zu fünft. Die Mauer war im letzten Jahr gefallen und mit dem Fall des antiimperialistischen Schutzwalls hatte es neben vielen ganz normalen Menschen auch diejenigen in die DDR getrieben, vor denen man sie in der FDJ leider nie gewarnt hatte: Verkäufer, Vertreter für Staubsauger, Satellitenanlagen, Espressomaschinen, Landkäufer, Spekulanten und allen voran Autohändler. So gelangte ein frisch lackierter, nach Neuwagen riechender, glänzender, blitzesauberer VW-Golf-Cabrio in Egons Besitz. Die Egon. Ihren Spitznamen hatte sie an der Feier zum vierzigjährigen Bestehen der DDR erhalten, weil sie Egon Krenz die Hand drücken durfte. Dass das Schnäppchen für nur 9990 DM Baujahr 1979 war und seine besten Tage schon hinter sich hatte, bemerkte die Egon erst, als sie an der schwedisch-norwegischen Grenze darauf angesprochen wurde. Wie mutig sie seien, mit einer solchen Klapperkiste rauf zu den Lofoten … und das Kunststoffdach, ob das wohl dem Wetter standhalten würde. Was hatten sie gelacht, die Sonne im Rücken am Rande des skandinavischen Hochdruckgebiets, das sie seit zwei Wochen von Warnemünde bis hierher begleitet hatte. Kurz nach der norwegischen Grenze trübte der Himmel ein und als sie die Brücke über den Saltstraumen hinaufschossen, fielen die ersten Regentropfen. Wo ist der Scheibenwischer?, rief Leif nach hinten, während Frank vom Beifahrersitz aus alle Hebel neben dem Lenkrad ausprobierte. Die Egon zuckte mit den Schultern, den habe ich nie gebraucht. Die Brücke war eng. Die Druckwelle eines Lasters rüttelte am Wagen. Aber Leif trat beharrlich auf’s Gas und hielt die Tachonadel bei konstant hundert. Mach‘ langsam, schrie die Egon, wie sollen wir bei der Geschwindigkeit das Dach drüberziehen. Mit den beiden finnischen Trampern mühte sie sich an dem alten Kunststoffetzen. Leif blieb stur, drehte die Musik lauter, der Wagen röhrte. Binnen Sekunden der Gleichzeitigkeit geschah folgendes: Platzregen, ein weiterer LKW, das Dach von einer Böe abgerissen, Blaulicht von irgendwo, Come On Baby Light My Fire im Radio, KEIN Scheibenwischer, Schluss mit Wehendes-Haar.

Dann schob sich in Zeitlupe dieses Wohnmobil direkt auf sie zu. Viel zu spät zum Bremsen, Lenkradrumreißen, Vor-Angst-in-die-Hose-machen oder gar Beten. Die Egon schloss die Augen und als sie sie wieder öffnete, stand der Wagen, Leif, kreidebleich, klammerte zitternd die Hände ans Lenkrad. Dadidüdeldü-dadidüdeldü-dadidüdeldü-dümm, hauchten die letzten Takte der Doors aus dem Radio. Das Wohnmobil war verschwunden. Klatschnass saßen sie in dem Cabriolet und starrten auf das Loch im Brückengeländer. Ein Polizeiauto stoppte hinter ihnen. Es mochten Minuten vergangen sein. You can not stop here for sightseeing hörte die Egon den Polizist sagen. Sie war ausgestiegen und starrte hinunter ins trudelnde Auge des Saltstraumens. The Caravan … stotterte die Egon. It’s there, zeigte sie in die Fluten. Der Polizist ging zu dem Loch im Geländer. Sorry, Lady, we have to repair it. There was an accident a few days ago. Nobody was injured. A truck passed here and hit the fence. But we had an accident with a caravan and it disapeared here, keuchte die Egon. Der Polizist lächelte: A caravan? We did not see any caravan and we passed the bridge directly behind you … by the way, you might have been a little bit fast. And: WHERE IS YOUR ROOF?

Mein Gott, wieviele Jahre ist das jetzt her, dachte Leif. Immer, wenn er in existenzielle Situationen kam, lebensbedrohlich, besorgniserregend,  beängstigend, kam ihm die Sache auf der Saltstraumenbrücke in den Sinn. Obschon über die Jahre die Erinnerung nach und nach verblasste, blieb das Bild von dem Wohnmobil eine unheimliche Konstante. Wie ein nicht tilgbarer Tippfehler zog es sich durchs Buch seines Lebens. Wie das Wohnmobil auf sie zuraste und die Brücke zum Tunnel geriet, die Zeit zur Ewigkeit machte. Mit den Jahren verblasste alle Erinnerung an jenen Tag und übrig geblieben war nur das Wohnmobil, das womöglich nie existiert hatte. Eine zum Monument gemeiselte Schrecksekunde. Nun fand er sich wieder in einer ähnlichen grotesken Situation. Aus dem Nichts und ohne zu wissen, wie das überhaupt möglich ist vom Büro in diesen Kerker. Von der Arbeit an der A20 Brücke, die ihm wegen der Sandgründung alle Ingenieurskünste, die er sich je angeeignet hatte, abverlangte, in ein dunkles Loch, von dem er weder wusste, wer es gebaut hatte, noch, wer der Kerkermeister war. Eine Fesselung ist nur eine andere Form der Statik, erinnerte er sich. Alles Leben ist Statik. Es besteht aus Querstreben und Längsstreben, aus Zug-, Druck- und Scherkräften und wenn man über die Kräfte bescheid wusste und wie sie einander aufheben, so konnte man fast jedes Problem lösen. Das Rohr, an dem seine Hand festgebunden war, war einbebettet in das Kräftegefüge des Kerkers, das er mit Bordmitteln wohl nicht berechnen konnte, aber die andere Hand, die, die am Gürtel festgezurrt war, die konnte er berechnen. Nicht nur das, sie war auch beweglich.

Die nächsten Stichworte sind Staubsauger, Hackklotz und verflixt

Frau Blau möchte wohl gerne das dritte Kapitel schreiben, habe ich mir sagen lassen.

Die Geschichte ist offen.

Personnage:

Er (Leif)
Putzfrau
Die Egon
Zwei finnische Tramper
Frank
Norwegischer Polizist

Zeitlinie:

Jetzt und 1990

Kapitel:

Teil 1 (Sofasophia)

Teil 2 (Irgendlink)

… den Kopf nach links, nur ein bisschen …

Kapitel 1

Wenn er die Luft anhält und den Kopf ein bisschen nach links dreht, kann er das Tropfen besser hören. Sein Herzschlag scheint sich dessen Klang angepasst zu haben. Tuff-tuff-tuff. Ob sein Herz zu schlagen aufhören wird, wenn der Wasserhahn verstummt. Falls er verstummt? Woher das Wasser kommt, weiß er so wenig, wie wo er ist. Es ist dunkel. Sehr dunkel. An die alten Jutesäcke, in welchen sein Onkel Kartoffeln abgefüllt hat, denkt er. Hier riecht es nach Ernte. Der Boden ist rau. Stroh vielleicht. Holz. Wenn seine Hände frei wären, könnte er es herausfinden, doch seine linke Hand ist mit einem breiten Kabelbinder an einem Metallrohr festgebunden. Nicht so fest, dass es weh tut, aber zu fest, um sie herauszuziehen. Die rechte Hand liegt auf seinem Bauchnabel und ist mit einem zweiten Kabelbinder am Gurt festgebunden. Er hat sich halb liegend, halb sitzend auf die linke Seite gedreht, um herauszufinden, was tropft.

Mehr noch als die Frage, wo er ist, quält ihn die Frage, warum er ist, wo er ist. Filmrisse hat er sich anders vorgestellt. In den Filmen und Büchern reißen Filme, wenn sich Leute besaufen, wenn sie zu viele Medikamente nehmen, wenn sie einen Unfall haben. Oder wenn sie einen Schlag auf den Kopf bekommen. Weder das eine noch etwas anderes hat er erlebt. Er erinnert sich, dass er länger im Büro geblieben ist. Wegen der Besichtigungen. Dummerweise hatte er sein externes Ladegerät zu Hause vergessen. Ausgerechnet heute, wo er gleich drei Wohnungen besichtigen soll. Doch mit zehn Prozent Akku-Ladung kann man keine Bilder machen. Nach Hause zu fahren lohnte sich nicht, also stöpselte er sein Handy in die Steckdose. Arbeit hatte er ja genug.

Um halb sieben hatte es geklingelt. Die Raumpflegerin. Ach ja, stimmt, Freitagabend! Sie hatte den Schlüssel vergessen und war erleichtert, dass noch jemand da war. Zuerst hatten sie ein bisschen geplaudert, über dies und das, ein paar Kekse, die sie mitgebracht hatte, geknabbert und schließlich hatte er, während sie sich mit dem Staubsauger durch die Büroräume arbeitete, die Präsentation für morgen fertiggestellt und eine Statistik aktualisiert. Gegen halb acht war sein Handy fast voll. Er zog seine Lederjacke an, schloss die Tür ab, das Fahrradschloss auf und radelte Richtung Altstadt – zur ersten Wohnung.

Geregnet hatte es nicht. Da war er sich ganz sicher. Es war weder warm noch kalt gewesen. Noch nicht ganz dunkel, nicht mehr ganz hell. Ein ganz normaler Spätsommerabend in der Stadt. Ja, und an das Holpern auf dem Kopfsteinpflaster erinnerte er sich noch sehr genau und wie er sein Fahrrad abgestellt und an eine Parkbank angekettet hatte. Er musste eine Weile nach dem Zettel mit den Adressen suchen. Haus Nummer dreiunddreißig hat einen leicht nach hinten versetzten Eingang, so dass er eine Weile nach der Tür suchen musste. Ein Altbau war es. Er hatte, wie abgemacht, zweimal kurz geklingelt. Irgendwo muss jemand einen Schalter gedrückt haben, im ersten Stock zuerst, dann im Flur. Licht drang durch die vergitterte Scheibe an der schweren Holztüre. Schritte auf der Treppe. Ja, daran erinnert er sich noch genau. Doch was dann?

Denk nach! Verdammt, was war dann? Er will die Zunge befeuchten, doch da ist nichts außer Trockenheit. Er räuspert sich. Das Tropfen hat aufgehört, der Herzschlag nicht. Schritte … irgendwo hörte er Schritte. Flüstern?

© by Sofasophia

[Fortsetzung folgt]

[Irgendlink hat mir drei Wörter und ein Genre zugeworfen: Horror (huch, ich und Horror?). Er schreibt demnächst den zweiten Teil dieser Geschichte.
Dies hier sind meine drei Wörter, die er verwenden soll: Tippfehler, Lofoten, Espresso.]

Und du, liebe Leserin, lieber Leser, machst du auch mit bei unserm Schreibspiel? Melde dich bitte bei mir oder Irgendlink per Kommentar oder Mail. Herzlich willkommen!

Rückblick nach Oberösterreich

Wie versprochen nun noch ein paar Bilder von der Reise nach Oberösterreich, wo ich Irgendlink letzten Donnertstag nach seiner fast zweiwöchigen Rad-Kunst-Liveblog-Reise nach Hallstatt getroffen habe. Zusammen haben wir dort Martin Kunze und das MOM (Memory of Mankind) in den SalzWelten von Hallstatt kennengelernt und zwei tolle Tage in der Umgegend verbracht.

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Bilder:
Nikon (mit DigiKam verkleinert und wassergezeichnet)