Am Anfang war das Loch

Blogfrei war gestern. Gestern wollte ich einfach mal wieder in die handfeste Materie eintauchen – ganz ohne Virtualität. Zwar habe ich auf dem iPhone Mails gelesen und ein klitzeklein bisschen gesurft, das war es aber auch schon. Gar nicht mal schlecht, ab und zu offline zu sein. Auch meine saubere Wohnung dankt es mir.
Ein Tag ohne Laptop ist dafür ein Tag mit Notizzetteln. Denken in Echtzeit, steht auf einem von ihnen. In Stichworte gepackte Erkenntnis. Auf einem schönen Novembersonne-Mittwochnachmittagsspaziergang begriff ich, dass für mich Schreiben die einzige Tätigkeit ist, die ich zeitgleich mit Denken tun kann. Eben: Denken in Echtzeit. Jedes andere Tun verhindert gleichzeitiges Schreiben, gleichzeitiges Konservieren von Gedanken. Obwohl ich bei allem, was ich tue und lasse über das Leben nachdenke oder nachfühle. Doch diese Gedanken sind ätherisch. Wie Düfte. Kaum gedacht, schon weg. Wie wichtig diese meine Gedanken sind, sei dahingestellt. Dennoch will ich Gedankenblitze und kleine Erkenntnisse, die mir das Leben begreifbarer machen, eben oft festhalten. Sie festhalten und sie auch gleich schreibenderweise einkochen, um sie später hervorholen zu können. Ich will die gefundenen Spuren zu mir selbst behalten, festhalten, halten.
Gegenteil von Loslassen! Oops, die Gedanken, was sag ich da, die Finger machen sich mal wieder selbständig und tippen schneller, als ich denken kann. Von Loslassen wollte ich hier gar nichts schreiben. Viel zu anstrengend.
Auf einem anderen Zettel steht Innerer Arzt. Er soll mich an jene Sendung, die ich vorgestern spät abends mit meinem Liebsten gehört habe, erinnern. Neulich auf Arte war ein Beitrag zum Thema. Sehr gut gemacht, finde ich. ((Hier klicken zur SendungDanke, Kati, für den Link und den Input!))
Ha, jetzt hat‘s auch die Wissenschaft
endlich begriffen, sagte ich. Uraltes Wissen, das hier! In den Kursen von Luisa Francia haben wir genau diese Erkenntnisse schon vor fünfzehn Jahren praktiziert. Imagination, nennt sich das. Und da steckt das Wort Magie drin, das Außenstehende immer so schön nervös macht. Dabei geht es genau darum, dass wir uns, und damit eben auch unseren Körper, dorthin begleiten, wo wir wahrnehmen, was ist. Und was wir wirklich (= für die Wirklichkeit) brauchen. Wie wir uns heilen können. Uns vertrauen. Dem Körper vertrauen. Darum geht’s. Sogar die in der Sendung vorgestellten Techniken, um solche Prozesse in Gang zu setzen, sind denen ähnlich, die wir damals in unseren Workshops kennengelernt und geübt haben. Doch jetzt ist die Wirkung von Imagination und die Selbstheilungkraft des Körpers endlich auch für Weißröcke und deren Gläubige wissenschaftlich nachgewiesen. Na also, geht doch.
Schade, dass wissen allein nicht genügt. Ich praktiziere all mein Wissen und Ahnen viel zu wenig. Das Asthma zum Beispiel, das ich seit einem Jahr in akuten und latenten Stressphasen habe, wie könnte ich es wohl mit Hilfe meiner Inneren Ärztin lösen? Und würde ein Placebo meine Schilddrüsenfunktion ebenso normalisieren, wie es meine Tabletten (hoffentlich) tun? Und wie wäre es wohl, wenn eine Frau, die schwanger ist, statt Folsäure ein Placebo nähme? Wie verhält sich der Körper zu Informationen, die ihm geliefert werden? Wo ist die Schnittstelle?
Apropos Schnittstelle. Machen wir doch hier mal einen Schnitt.
Neulich habe ich über Sucht gebloggt. Vorgestern, beim Arbeits-/Weihnachtsessen meines ehemaligen Teams, das mich unbedingt dabei haben wollte, kam das Gespräch aufs Rauchen. Ich erzählte im Verlauf der Diskussion, wie ich mir vor ungefähr zweieinhalb Jahren das Rauchen abgewöhnt hatte. Nämlich einzig und allein mithilfe der Erkenntnis, dass ich mir irgendwann mit sechszehn eingeredet haben muss, das Zeug schmecke gut. Natürlich war die Geschichte damals ein klein bisschen komplexer, doch irgendwie und irgendwo muss ich damals irgendeinen Schalter umgelegt haben. Und den gleichen Schalter hatte ich eben vor zweieinhalb Jahren zurückgekippt. Stopp Lebenslügen!, war mein Ansatz damals. Diese eine zu knacken war jedenfalls kein schlechter Anfang.
Jede Sucht ist eine Ersatzhandlung, sagte ich. Kopfnicken rundum und die nächste erzählt eine Episode aus ihrem Leben.
Ersatzhandlung. Ersetzen. Ersatz. Unersetzlich. Ersetzlich. Während ich später nach Hause fahre, beginnt das Wort in mir zu taumeln. Am Anfang war nicht das Wort, nein, am Anfang war das Loch. Sonnenklar! Das Loch. Der Fall aus dem Paradies war nämlich ganz anders. Da war das Loch. Die Sehnsucht. Und Löcher bringen es so mit sich, dass sie gefüllt werden wollen. Sie sind magnetisch. Wie Sehnsüchte. Wir scheitern ständig am Versuch, etwas ersetzen zu wollen, das nie da war – außer als Ahnung, als Erinnerung, als Urinnerung. Das nie mehr war als eine Ahnung von Himmel.
Fast unstillbar dieses Ziehen! Keine Droge kann dieses Loch füllen. Keine Handlung. Nichts.
Außer … dass du das bist und das lebst, was nur du kannst. Auf diese deine Weise. Und das liebst, was du bist. Ganz. Denn das warst du schon immer. Ich auch. Und ja, auch in diesem großen Ganz drin hat es Löcher, doch die müssen sein. Die Löcher gehören dazu.

0 Kommentare zu „Am Anfang war das Loch“

  1. gestern durchforstete ich meine zettel neben dem schreibtisch, zettel auf denen ich einzelne gedanken eingefangen habe, um sie irgendwann mal auszuführen… manche waren schon abgehakt.
    nicht alles findet platz im blog, es gibt ja noch briefe, mails und mein gedankenauffangbuch- schwieriger wird es bei den autofahrten und spaziergängen, da muss ein diktiergerät her oder es gut sein lassen, darauf vertrauen, dass sie schon wiederkommen, die kleinen erleuchtungen, die langen gedankenketten, die dann aber erst einmal wieder ins nichts verschwinden… nein, nicht ins nichts! in den urgrund! damit sie zu gegebener zeit erneut hochsteigen können und sich bannen lassen.
    selbstheilung, ein weites feld! meine erfahrung ist, dass wir viel mehr vermögen, als uns die normalwissenschaft versucht glauben zu machen. wohl der und dem, die skeptisch bleiben und neue wege ausprobieren!
    einen schönen tag wünsche ich dir, mit großen und kleinen gedankenblitzen!
    herzlichst U.

  2. Das ist total verrückt. Ich komme hierhin, um zu schauen, ob du mir geantwortet hast und sehe: Ich habe gar nichts hierzu geschrieben. Wie kann das sein? Mir passiert das schon oft. Ich denke die Antwort, werde aber durch den Alltag unterbrochen und denke im Nachhinein, ich habe geantwortet, tippend geantwortet. So, jetzt bin ich aber zu müde, um dir gebührend zu antworten. Ich verschiebe das auf morgen – hoffentlich. Nicht, dass ich wieder … Aber nein! Gute Nacht, meine Liebe …

  3. „Ersatzhandlung. Ersetzen. Ersatz. Unersetzlich.“ – und mir fiel dann noch ein „Unersättlich“. Dein Beitrag hat soviele Aspekte, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich glaube tatsächlich an die eigene Heilkraft das Körpers, immerhin ist sie ständig von sich aus am Reparieren. Dinge, von denen wir nicht einmal ahnen, dass sie ablaufen, werden einfach korrigiert durch eine gesunde, mentale Haltung uns selbst gegenüber, eine gute Ernährung, eine ruhige Seele. Es gibt vermutlich noch soviele Faktoren, die wir nicht kennen. Aber weißt du, was ich denke? Dass manche Dinge vom Körper alleine nicht mehr ersetzt werden können, weil das Organ, das es tun muss, nun schon recht „zerstört“ ist. Wie z.B. die Sache mit der Schilddrüse. Man könnte mit einer radikalen Ernährungsumstellung vielleicht ein Minimum der Schilddrüsenleistung herstellen, aber vermutlich die Regeneration nicht mehr so voranbringen, dass man nicht ständig müde, abgeschlagen und auf der Waage die zunehmende Tendenz wahrnimmt. Und ein Problem unserer Zeit ist zudem noch das, was ich gerade tue: Verkopfung. So wichtig sie für ein Zusammenleben untereinander ist, damit man Regeln versteht und die Vernunft dahinter akzeptiert und lebt, manchmal hemmt sie uns wirklich sehr, die Wunder unserer Umgebung zu erfassen … Oder wenigstens beobachtend und lächelnd vorüberziehen zu lassen. Nicht wahr?
    Auch dafür liebe ich das Bloggen. Ich darf kitschige Geschichten erfinden, mir eine Kopfmassage bereiten, mich frei machen von all den Daten und Fakten und klinischem Wissen über dies und das. Auch das gehört zum Selbstheilungs- und Selbstreinigungsprozess, oder?
    Ich wünsch‘ dir einen wundervollen Tag …

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