Gästebettgedanken

Dienstagabend. Ich habe mich ins Gästebett meiner Freundin L. gekuschelt. Mein Kopf dröhnt. Die lange Strecke, die ich gefahren bin, lässt meine Ohren rauschen. All die Begegnungen und Gespräche waren durchwegs bereichernd. Obwohl meine Tante doch alleinstehend und schon sehr alt war, sind erstaunlich viele Menschen zur Abschiedsfeier im Andachtsraum des Alters- und Pflegeheimes, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbracht hatte, erschienen.
Meine Schwester, der Pfarrer und ich, die wir die Feier vorbereitet hatten, waren der Ansicht, dass es schöner wäre, statt frontal, gemeinsam im Halbkreis zu sitzen. Gesagt, getan. Der Organist entlockte dem Klavier wunderbare Klänge, die persönlichen Texte und Erzählungen, die geteilt wurden und sogar die Kirchenlieder und der nette Bibeltext hätten meiner Tante bestimmt gefallen. Will heißen, haben ihr bestimmt gefallen. Mir war nämlich mittendrin so, als säße sie in unserer Mitte. Mein Cousin R. meinte später, er sei noch nie an einer so persönlich gehaltenen Beerdigung gewesen.
Anschließend gingen wir zu neunt mit einigen Gästen und Verwandten in ein nahes Restaurant. Meine angeheiratete achtzigjährige Tante – sie ist die Witwe meines jung verstorbenen Onkels, die ich, ebenso wie ihre Söhne, seit viel zu vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte – und ich saßen uns im Restaurant vis-à-vis. Ihren Augen sind die achtzig Jahre nicht anzusehen. Eine ansteckende Kraft strahlt sie aus, Tante E., und als sie von ihren beiden Reisen ans Nordkap erzählte, schlug mein Herz gleich noch höher. Einer ihrer drei Söhne lebt mit seiner Familie in Skandinavien. Sie ist eine wilde starke Frau, die Altwerden in ein neues Licht rückt.
Bei L. ist nun Ruhe im Haus. Alle sind wir schlafen gegangen, die anderen drei müssen früh auf. Im Dorf ist es still, vereinzelt, in der Ferne, höre ich Autos, denn das Dachfenster steht offen. Auf dem Nachttisch liegt ein Band von Calvin & Hobbes. Wie gut, Freundinnen zu haben, die wissen, was mir nach einem solchen Tag gut tut.

0 Kommentare zu „Gästebettgedanken“

  1. ja, wilde alte frauen brauchen wir als vorbilder, als mutmacherinnen, dass es gut ist die eigene wildheit zu leben! ich freue mich gerade mit dir über diese begegnung, und dass du eine freundin hast, die weiß, was dir gut tut…
    wünsche dir eine gute rückreise

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