Was ist Wahrheit? Ist eine fiktive Geschichte, wie die eben im Film „Me too – Yo también“ gesehene deshalb unwahr, weil sie nicht eine Lebensgeschichte zeigt, die sich wirklich in allen Details genau so wie gezeigt ereignet hat? Angelehnt sei die Geschichte, nur angelehnt an die Lebensgeschichte der Hauptfigur. Und die Hauptrolle spielt dieser Mann gleich selbst. Ein Mann, der über sich selbst sagt:
Es ist keine Krankheit! Es ist eine Kondition, ein Zustand. So wie der eine blond ist, habe ich eben das Down-Syndrom.
Quelle: Die Presse.com, 17. Juli 2010: Pablo Pineda: „Ich bin nicht krank!“
Als Psychologe mit Universitätsabschluss weiß er, wovon er redet, wenn er gegen die Gleichmachung einer Gesellschaft spricht, zugleich sich aber für die Gleichstellung aller einsetzt.
Aber nicht aus moralischen Gründen, sondern aus Gründen der Erfahrung. Es sind harte Erfahrungen, aber extrem bereichernde, die man durch eine Abtreibung eines behinderten Kindes niemals erleben würde. Eltern mit Kindern, die „anders“ sind, verbessern sich auch als Eltern. Sie werden toleranter und solidarischer. Das ist doch eine Chance, die man nützen sollte. Die Auswahl des Kindes à la carte ist nicht gut. Denn schlussendlich wählen wir das Perfekte. Und wenn dann alle gleich sind, sind wir um vieles ärmer. Auch Blumen sind verschieden, und alle sind schön. Der Drang zur sozialen Homogenisierung ist ein Übel der Gesellschaft. Wenn alle gleich denken, gleich aussehen, alle „uniform“ sind, dann ist das Faschismus.
Quelle: Die Welt Online, 10. Juni 2009: Pablo Pineda: „Und wenn dann alle gleich sind, sind wir um vieles ärmer.“
Schnitt.
Die Betrachtung der Dinge, so wie sie sind, ohne Ersatz oder Betrug, ohne Irrtum oder Unklarheit, ist eine edlere Sache als eine Fülle von Erfindungen.
sagte Francis Bacon.
Mit diesem Satz, den die Künstlerin und Fotografin Dorothea Lange, von Frau Mützenfalterin vorgestellt, gemäß Wikipedia in ihrem Fotolabor aufgehängt hatte, kann ich mich darum nur bedingt anfreunden. Mit großem Respekt vor jenen KünstlerInnen und DokumentaristInnen, die sich der Abbildung der Wirklichkeit verschrieben haben, wage ich zu behaupten, dass jede Abbildung letztlich ein Zerrbild ist. Natürlich ist der Versuch edel. Doch ist nicht auch der Versuch, mittels einer Fiktion, wertvolle Inhalte transportieren zu wollen, edel zu nennen? Edel im Sinne von ehrenwert. Altes Wort. Staubig. Im Grunde etwas, das wir heute belächeln. Wie Gutmensch. Den Versuch ist es allemal wert.
Erfindung – Imagination … sie kann, wie ich neulich schon bloggte, ein Wegbereiterin in eine heilere, menschlichere und tolerantere Mitwelt sein.
Was den Film angeht, bin ich tief beeindruckt, von dem was ich gelesen habe, das ist ein ganz wichtiger Asprekt, der damit angesprochen wird, dass wir wenn wir wählen, das Perfekte wählen und uns so um viele Möglichkeiten der Entwicklung bringen! Gut, dass Du das gebloggt hast.
Was das Zitat von Herrn Bacon angeht, glaube ich ihn anders zu verstehen und zwar so, dass sein Zitat gar nicht mit Deiner Auffassung kollidiert, sondern damit übereinstimmt. Ich glaube, er meint es geht darum, die Dinge zu betrachten wie sie wirklich sind, ohne sie mittels erfundenem Ersatz, Betrug, Irrtum oder Unklarheit dem anzupassen, was in unser Weltbild gehört.
Danke für einen nachdenkenswerten Beitrag.
Jetzt versehe ich. Jetzt verstehe ich sowohl deine Kritik, als auch den Zusammenhang zum Film. Und Du hast natürlich Recht, wir brauchen unbedingt Phantasie, viel mehr als wir zulassen, um uns vorstellen zu können, wie anders die Dinge oft sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen, um das überhaupt erst einmal zulassen zu können, als Grundvoraussetzung für eine heilere, tolerantere und damit lebenswertere Welt.
„ist eine edlere Sache“… hier liegt für mich der Knackpunkt, wer will sagen was edler, als etwas anderes wäre? hier wohnen Vergleich und Bewertung, beides versuche ich hinter mir zu lassen!
die Verschiedenheit des Seins macht das Leben bunt. Im Bunt findet sich Gemeinsamkeit, aber Gleichheit…? der Film macht mich neugierig, die Zitate arbeiten noch nach- danke für diesen Artikel!
Nein, eine Geschichte ist nicht unwahr, nur weil sie erfunden ist. Meistens sind erfundene Geschichten bezüglich eines Themas – wie mein Buch „Little Bee“ z.B. – eine Art „Durchschnitt“ von allen möglichen Geschichten, die auf diesem Terrain statt fanden und statt finden (könnten). Das macht die Sache nicht weniger realistisch, denn im Spektrum all der Möglichkeiten ist genau diese Geschichte möglich. Und vielleicht, oder nein, ich bin mir sogar sicher, muss man die Realität, um sie wie einen Hammer auf die Köpfe der Menschen niederprasseln zu lassen, damit sie aufwachen, komprimieren und in grotesker Fülle servieren, damit sie an ihrer eigenen Kost Erstickungsgefühle bekommen und aufwachen. Es muss sein, in manchen Themen muss das sein! Aber dennoch sind die Geschichten nicht gelogen. Sie geben nur mit der Note der eigenen Subjektivität wieder, wie eine Sache ist. Wie eine Sache von der Künstlerin dazu noch wahrgenommen wird.
Auch der Zusammenschnitt einer Doku verzerrt schon die Realität. Die Entscheidung, welche Aspekte man rein nimmt, welche nicht. Welchen man mehr Zeit widmet, welchen nicht. Wie die Stimme, die das erklärt, sein soll. Betroffen, sachlich oder auch berührt. Ob schwarz-weiß oder in Farbe. Mit Szenen des Elends, oder eher auf etwas anderes fokussiert. Das sind alles Realisierungen der subjektiven Wahrnehmung eines Themengegenstandes. Man hat zwar nichts dazu erfunden, aber man hat die Gewichtungen verändert, entsprechend der eigenen Wahrnehmung und Agenda.
Das ist nicht viel anders. Es ist wie der, der eine Geschichte schreibt und aus all den Geschichten, die er je über ein bestimmtes Thema gehört oder recherchiert hat, einige herausholt, sie gewichtet, sie nutzt, weil er als Subjekt empfunden hat, dass Anteil a, b, c, d doch die wichtigeren sind, die, die mehr greifen, die andere mehr Interesse für das Thema aufbringen lassen.
Auch das ist edel.
hach, das sind ja mal spannende ergänzungen. echt genial, was sich bloggenderweise alles erfahren lässt.
@ frau mützenfalterin: ich kritisiere den satz von herrn bacon nicht grundsätzlich in seiner aussage, doch ich finde halt, dass er heute nicht mehr weit genug greift. es muss eben dazu beachtet werden, dass er in einer ganz anderen zeit entstanden ist und hinter einem ganz anderen hintergrund – in bezug auf kunst und die damaligen ausdrucksmittel gemeint. danke für deine kostbare rückmeldung.
@ frau li ssi: wenn ich den film nicht selbt ausgeliehen hätte, könntest du ihn gerne haben. ja, hier passt das stichwort „nicht vergleichen und bewerten“ perfekt. beides – der versuch des reinen abbildens ebenso wie der fiktive ansatz – hat seine berechtigung. nicht entweder-oder, sondern sowohl-alsauch.
@ frau sherry: ich sehe es auch so, wie du das schreibst. eine geschichte ist ein konzentrat der wahrgenommenen wirklichkeit des oder der schreibenden. und wir dürfen dabei nicht vergessen, dass jeder text und jedes bild (auch ein super reales) immer nur ein ausschnitt der wirklichkeit darstellt.
ich danke euch für die inspiration, die ich aus diesem virtuellen austausch ziehen darf. und aus euren blogs!
herzlich, d.
Letztens irgendwann hörte ich den Satz: …leidet an dem Down Syndrom…
Ich dachte nicht richtig gehört zu haben.
Heute hatte ich wieder eine sehr schöne Therapiestunde mit einem 10 jährigen Jungen mit DS. Er hat so viel Lebensfreude, da kann ich mir ein Beispiel dran nehmen.Meine kleinen und auch größeren Patienten mit Down Syndrom leiden nicht an dem Syndrom, da bin ich mir sehr sicher!!
Wenn sie geboren werden haben sie oft mit Herzfehlern oder anderen Erkrankungen zu tun – dann sind sie krank, aber das Down Syndrom bezeichne ich auch nicht als Krankheit.
Der Film würde mich auch interessieren, muss mal schauen, ob man ihn noch irgendwo bekommt.
..grüßt dich Monika
ich habe auch viel mit ds-menschen zu tun gehabt und das immer sehr positiv erlebt. und wenn sie leiden oder litten, dann an der reaktion der umwelt und nicht an ds direkt!