bei null

Da ist dieses ätzende Gefühl von Unzulänglichkeit. Häufig, allzu häufig die Wahrnehmung, immer nur grad noch im allerletzten Moment auf den bereits fahrenden Zug aufgesprungen zu sein. Glück gehabt. Die Unzulänglichkeit bezieht sich darauf, dass ich glaube, aktuell nichts wirklich ganz tun zu können, weil ich zu wenig Zeit habe. Überall Baustellen.

Vielleicht ist deshalb mein Immunsystem in den letzten Monaten so fragil gewesen? Meine ArbeitskollegInnen haben heute in der Pause nach meinem heftigen Hustenanfall ihre wildesten Thesen, Antithesen und Projektionen für meine neuerliche Erkältung von sich gegeben. Na ja. Gut und recht, doch meine eigene ist viel  trivialer. Darum habe ich sie für mich behalten:
Ich habe die Nase voll vom ganzen Stress – deshalb läuft sie über. Ich mag nicht reden – darum huste ich. Kommt mir nicht zu nahe, ihr Lieben, sonst stecke ich euch an …

Und das obwohl ich sie mag. Alle. Vom Scheff bis zur Raumpflegerin. Tolle Menschen. Und auch die Arbeit ist okay. Doch, wie Kollegin A. neulich sagte:
Wenn du nicht gekündigt hättest, wärest du über kurz oder lang hier nicht mehr glücklich gewesen. Du brauchst etwas anderes. Dennoch werde ich dich vermissen.

Nein, dieses Hamsterrad hier ist kein schlechtes. Ich bin satt, habe schön warm, bin im Trockenen und kann meine Rechnungen zahlen. Ich habe meine vier Wände, ein Dach über dem Kopf und eine Steckdose für dem Laptop. Ein WLAN-Modem ebenfalls. Und haufenweise liebe Menschen in  erreichbarer Nähe. Und viele, viele Bücher. Was will frau mehr?

Schnitt.

Tatort: Scheffs Büro. Gestern.

Während wir zu viert um seinen Sitzungstisch hängen und eine von uns – zum Glück nicht ich – von den drei anderen, also auch von mir, nach Strich und Faden und gegen den Strich gekämmt wird, damit wir herauszufinden, ob sie als meine Nachfolgerin taugt, schweifen meine Gedanken auf einmal ab und ich höre ihre Antworten nur noch wie das berühmte entfernte Rauschen. Im Film würde jetzt der Vordergrund unscharf werden, verschwimmen, ein bisschen wackeln, schließlich verschwinden und allmählich würde das neue Bild eingeblendet werden.

Schnitt.

Es war einmal ein Spermium. Mit anderen Spermien zusammen machte es sich auf den Weg. Das Ziel war allen klar. Wer würde als erstes die Eizelle erreichen und deren Wand durchdringen um mit ihr ein neues Leben anzufangen? Nur einigen wenigen würde es überhaupt gelingen, den Eileiter zu erreichen. Unterwegs schon die erste Selektion. Das große Mehr würde im sauren Milieu der Scheide zu Grunde gehen. Gut zu wissen übrigens, dass die Spermien erst zeugungsfähig werden, nachdem bestimmte Proteine im Sperma und an den Spermien durch weibliche Enzyme entfernt wurden (Wikipedia). Von den Hunderten im Eileiter würde nur das schnellste, das gewandteste, das cleverste das Rennen machen. So gesehen sind wir alle Elite.

Das eine Spermium. Die Auswahl. Brutal. Nur eine, eine einzige, würde zukünftig dort an meinem Schreibtisch sitzen. Wir stellen ihr Leben auf den Kopf. Wir setzen einen Marchstein in ihrem Leben. Und wir wünschen uns eine, die gerne und lange dort sitzen wird. Die lange dort glücklich sein wird. Länger als ich.

Als ich in unserer kleinen Runde nach dem dritten der drei Gespräche am Dienstagabend sage, dass ich mir zwei der drei Frauen als Nachfolgerin vorstellen kann, nicken Kollegin G. und der Scheff. Wir sind uns einige. Doch auch die vier Frauen, die morgen kommen werden, haben tolle Qualifikationen. Einfach machen wir es uns nicht.

Hilfe, jetzt kommt dann eine, die noch viel besser ist als ich!, sage ich. Ihr werdet froh sein, dass ihr mich los seid. Und ihr werdet mich bald vergessen haben.

Genau!, frotzelt Kollegin G.. Und wir werden ein Fest machen, wenn du gehst. Weil wir dich endlich los sind. Wir lachen.
Nein, spinnsch eigentli!, fügt sie sofort an. Niemand hier will, dass du gehst. Ich werde rosa.

Heute am Schreibtisch. Nach der Sitzung. Der Pflichtenberg wächst über Nacht von selbst nach. Deshalb räume ich manchmal meinen Tisch so auf, dass es aussieht, als hätte ich nichts zu tun. Reine Selbstverar…ng, doch gute Instant-Medizin. Die Medizin der Illusion. Der Illusion von Neuanfang, denn danach fällt es mir jedes Mal ein klein bisschen leichter, zu arbeiten. Bei null anfangen.

Immer wieder bei null anfangen. Auch alle meine Unzulänglichkeiten auf null fahren. Gutes Gefühl irgendwie.

4 Kommentare zu „bei null“

  1. Die Illussion vom Neuanfang …. vielleicht habe ich deshalb so viele neue Jobs angefangen …. auch um meine Unzulänglichkeit zu verbergen …. wie gut kann ich Dich verstehen. Und in vielen Jobs habe ich angefangen, gegen eine unfehlbare Vorgängerin anzustinken …. irgendwann stellte sich aber raus, dass auch sie ihre Unzulänglichkeiten hatte.

  2. leidensgenossin du! danke.
    hm, in der tat wird meine nachfolgerin keinen leichten anfang haben. selbst wenn sie supergut ist. aber sie wird es schaffen 🙂
    habe mich nach dem hochladen des obigen textes gefragt, ob ich wohl immer „flüchten“ muss, wenn sich die leute zu sehr an mich gewöhnt haben und meine stellung zu selbtverständlich geworden ist? ob es wohl dann für mich in einer stelle zeit zum gehen ist, wenn ich alles gesehen habe?
    tja, neugier wohl auch und vor allem, neugier auf andere lebensaspekte und das wissen – nennen wir es mal urvertrauen – auf den füßen zu landen. wie die katzen.

  3. es gibt wandergene und es gibt fluchtgene und es gibt auch neuanfangsgene… zusammen ergeben sie eine moosfrau, die, hat sie erst einmal ihren Raum eingenommen, dann in Langeweile ertrinkt… Neues muss her… von daher winkt das Moosfrauenschwesterherz dir zu

    gute Besserung übrigens….

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