Anlachen

Es ist ja nicht so, dass ich nicht gerne lache. Im Gegenteil. Sehr sogar. Manchmal sogar Tränen und manchmal so, dass mir hinterher alles weh tut, insbesondere der Bauch, oder dass ich Muskelkater im Gesicht habe oder ganz dringend aufs Klo muss, um nicht vor Lachen in die Hose zu pinkeln.

Dennoch ist Humor zugegeben, für mich kein wirklich einfaches Ding. Mache ich mal eine wie ich meine lustige/ironische oder zumindest lustig/ironisch gemeinte Aussage, läuft es oft darauf hinaus, dass niemand lacht. Und niemand merkt, dass das jetzt lustig/ironisch oder zumindest lustig/ironisch gemeint war. Kurz: Dass ich nicht verstanden werde. Nun ja. Das war eigentlich schon immer so. Mag sein, dass man mir wegen meiner oftmaligen Ernsthaftigkeit keinen Schalk zugesteht und/oder zutraut oder meine Witze und humorvoll gemeinten Aussagen einfach nicht/s taugen oder vielleicht ist es einfach nur deshalb so, weil mein Humor ein klitzeklein bisschen heyokaesk ist?

Die Heyoka waren, salopp gesagt, die Hofnarren oder Clowns der Lakota. Ihre Art Humor bestand darin, Dinge auf den Kopf zu stellen. Oder, wie Wiki schreibt:, waren sie „… solche Personen, ‚die sich einem außergewöhnlichen Lebensstil widmeten, bei dem sie das Gegenteil von dem ausführten, was andere gewöhnlich taten. Hierbei kehrten sie alle Konventionen ins Gegenteil‘.

Wenn ich also sage Ach, wären doch alle so wie ich, dann wäre alles viel einfacher!, meine ich das natürlich nicht wortwörtlich, sondern ich ziehe die Aussage – bereits indem ich sie mache – ins Absurde. Nur dass das mal wieder niemand merkt (Schöner Mist!).

Vielleicht mag ich deshalb die Songs von Patent Ochsner so!? Nicht nur die Melodien und Kompositionen, meine ich, sondern eben auch, oder wohl ganz besonders, die Texte, die Aussagen, die feinen Dopppelbödigkeiten.

Nun ja, vieles sind definitiv Heyoka-Texte. Das gestern erwähnte Lied Grossbrand ebenso wie das nachfolgend zitierte.
Und viele andere. Die meisten wohl.

no geits
ganz z ersch chumen I
& när chunnt ganz lang nüt
I frisse locker jedes täller läär
& teile nüt mit frömde lüt
ja we’s scho nid für alli längt
so doch de wenigschtens für mi
was gö mi nachbars sorge a
die kümmere mi nid
kümmere mi nid
I weiss
me seit es sig nid guet eso
aber eso geit’s o

(Quelle: Patent Ochsner)

noch geht es
ganz zuerst komme ich
& nachher kommt ganz lange nichts
Ich fresse locker jeden Teller leer
& teile nichts mit fremden Leuten
ja, wenn es schon nicht für alle reicht
so doch dann wenigstens für mich
was gehen mich Nachbars Sorgen an
die bekümmern mich nicht
bekümmern mich nicht
ich weiß
man sagt, es nicht gut so
aber so geht’s auch

Lachen ist wie Lieben eine jener ganz und gar irrationalen Haltungen (Handlungen? Taten?), die gewaltlos Grenzen einreißen kann und vielleicht sind ja Lachen und Lieben ein wenig wie aus Steinen am Fluss Türme zu bauen?

Ich baue sie oft. Im Sommer vor allem und wann immer ich die Gelegenheit dazu habe. In Flussbetten am liebsten, aber eigentlich muss ich noch nicht mal Wasser drumherum haben. Die Ruhe, die mir die Beschäftigung mit Steinen befällt, mag ich sehr. Es ist eine Art Hingabe an sie, an den Moment, an die Beschaffenheit der Steine, an ihre vollkommene Unvollkommenheit, an ihre Kanten und Ecken und Unebenheiten. Ich gebe mich auch meiner Tagesform hin, denn sie entscheidet darüber, wie ruhig meine Hände sind und wie hoch mein Männchen werden wird. Ich gebe mich mir und meinem oft genug instabilen Gleichgewichtssinn hin. So ist Steinmännchenbauen eine jener wunderbar zentrierenden Handlungen – neben Schreiben, Sex, Lachen und Lieben –, wo ich ganz und gar wunschlos bin.

Wunschlosigkeit als Perpetuum mobile? Lachen als dessen erster Impuls?
Wer weiß.

Oder
ein Anlachen gegen,
ein Lachen für.

Alle meine Wörter

Mein Leben wird nie ohne Staub sein, sagen die Wörter in mir, die ich zuweilen meine Gedanken nenne. Sie sagen es nicht, sie stellen sich auf. und bilden in meinem Kopf gemeinsam diesen Satz. Meine Wörter sagen weiter, dass ich mir meinen Wunsch nach einem Leben ohne Staub & Dreck besser aus dem Kopf schlagen solle. Sie sagen es immer wieder, während ich Staub sauge. Was ich nicht gerne mache. Und weshalb ich froh bin, dass die Wörter da sind. Sie sagen, dass ich dennoch nicht aufhören soll, mich danach zu sehnen, wie es denn so wäre, ohne Staub zu leben, denn nur diese Sehnsucht lasse mich den Staub halbwegs ertragen. Ihr spinnt doch, denke ich. Und ich frage mich einmal mehr, ob sich meine Wörter zuweilen auch so nackt und unbeholfen fühlen, wenn sie sich mir so zeigen wie heute, wie ich mich manchmal fühle, wenn ich mit Buchstaben jongliere.  So wie heute, so wirr, so unvernünftig, ja genau. So verdammt unvernünftig, unlogisch und sinnlos. Wohl ahne ich, dass sie Scham und Hemmungen nicht kennen. Die haben es gut. Ich möchte ein bisschen sein wie sie, wie meine Wörter.

Obwohl ich mir ja eher (unter uns gesagt) manchmal wünschte, dass die andern (nun ja) ein bisschen mehr so wären wie ich. (Natürlich nur, damit es ein wenig einfacher wäre, sie zu verstehen.) [Wobei. Einfach zu verstehen bin ich ja auch nicht wirklich.] Die gemeinsame Schnittmenge wäre halt größer als jetzt, wo ich ganz viele Menschen da draußen, meist sogar solche, die die gleiche Sprache wie ich sprechen und aus meinem Land stammen, einfach nicht verstehen kann. Oke, ich höre wohl, was sie sagen und was sie meinen, aber alle meine Übersetzungstools scheitern. Denn obwohl diese Menschen mir bekannte Wörter verwenden, scheinen sie etwas anderes zu meinen mit den Wörtern als ich. Zum Beispiel sagen Sie: „Wir sind besorgt um unser Land!“ Klar, das bin ich auch. Aber. Eben. Anders. Kurz und gut: Es wäre doch viel einfacher, wenn sie so wären wie ich. Singt ja schon Büne Huber in seinem uralten Song Grossbrand. [Es gieng mängs viu ringer we sie so wär win i ||| Oder i viellech so wie sie … → Lyrics → Song]*

Aber wie war das gleich noch beim kategorischen Imperativ**? Würden denn meine Maximen taugen? Oder wären sie nur ein weiterer Nährboden, um egoistische Ziele zu erreichen, wie wir das neulich auf Twitter diskutiert haben?

Nachtrag:

Ich schweife ab.

Wörter, so bleibt doch mal stehen, drängelt nicht so, ich kann euch ja so gar nicht lesen. Haltet still. Ihr seid ja wie wir Frauen in der Konzertpause vor den beiden einzigen Klos, die nicht verstopft sind.

Wie? Was sagt ihr? Dass ich mir ja immer vorstellen würde, dass kein Menschen von Anfang an böse sei, sondern erst im Laufe seines Lebens böse geworden wäre. Stimmt. Das ist meine These: Menschen werden destruktiv, weil sie zu wenig konstruktive Kraft erlebt haben, will heissen, zu wenig oder falsch geliebt worden sind. Ja, liebe Wörter, das glaube ich. Bis ihr mir das Gegenteil beweist und mir ein von Geburt an böses Neugeborenes zeigt.

Liebe, sagt Jonathan Safran Foer in seinem wunderbaren, herrlich-schräg-weisen Roman Alles ist erleuchtet, Liebe ist womöglich vor allem eine Idee. Die junge Brod begnügte sich jedenfalls in seinem Roman, da nichts ihren Ansprüchen liebenswert genug für ihre Liebe zu sein genügte, mit der Idee von Liebe.

Sie liebte sich selbst als Liebende, sie liebte es, die Liebe zu lieben, so wie die Liebe das Lieben liebt, und war dadurch imstande, sich mit einer Welt zu versöhnen, die allzu weit hinter dem zurückblieb, was sie sich erhofft hatte. Die große, rettende Lüge war nicht die Welt selbst, sondern Brods Bereitschaft, sie schön und gerecht zu machen und ein Leben zweiten Grades zu leben.

Quelle: Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet

Versöhnung. Da komme ich je länger je mehr drauf. Weil sie der Anfang jeden Friedens ist. Am Anfang ist sie ein Same. Eine Idee. Gerne wird sie zur Aktion: Ich reiche dir meine Hand. Ob du mir deine auch reichst, ist für mich letztlich nicht entscheidend.

Ich habe auch, so sagen mir die Wörter nun sehr aufgeregt und ein bisschen verlegen, ich habe mich die größte Zeit meiner ersten Lebenshälfte aktiv (oder zumindest latent) selbst abgelehnt. Oh. Hm. Stimmt wohl. Doch nun will ich den Rest meines Lebens darauf verwenden, das entstandene Minus auszugleichen. Wozu? Um der Balance willen, um der Ausgeglichenheit und Gesundheit willen.

Und ja, es ist gut, dass wir uns damit abwechseln, die heißen Kartoffeln aus der Glut zu holen, sagen die Wörter als letztes. Mal hole ich sie für dich raus, mal du für mich. (Und machmal andere für dich oder mich, mal ich oder du für die andern.)

Ich klopfe Glut, Ruß und Asche weg. Wie Staub kleben sie an der Haut, die ich wie ein Kleidungsstücke abstreifen kann. Die Kartoffel, mit ein bisschen Salz bestreut, schmeckt wunderbar nach Heimat. Obwohl ihre Grosseltern von weit her gekommen sind.

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* NACHTRAG: Achtung: Ironiemodus! 

**»Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« -Immanunel Kant

Leise Schlagzeilen

Was nicht in den Schlagzeilen steht, müsste
uns interessieren. Und
was geheimgehalten wird und
was verschwiegen und von wem und wozu;
was langweilt.
Daran wäre zu erkennen,
wohin wir nicht unterwegs sind.

Wir?
Teil des Wir bin ich,
obwohl ich mich
oft
(oft genug?)
dafür schäme.

Wohin wir nicht unterwegs sind, wäre,
so ahne ich, dieser Ort,
der uns ein wenig heilen könnte.
Und besser für uns wäre, als
jener, wo wir uns aufhalten,
zu oft,
im Lärm,
ohne den wir
an der Stille,
die sein könnte,
zu ersticken meinen.

Heiliger Konjunktiv, verlass mich nicht,
denn diesem lauten Wir würde ich lieber nicht angehören.

Ich will ein anderes Wir. Das Wir jener Menschen, die
in Respekt miteinander leben. Vor Tieren.
Vor Kindern. Vor Alten.
Vor Frauen. Vor Männern.
Weil nicht zählt,
was wir glauben,
noch was wir essen,
sondern dass wir hier sind. Lebendig.

Ein Wir brauchen wir (sage ich), das die ungedruckten Schlagzeilen liest.

Mich interessiert,
wer du bist, wenn ich
weder Geschlecht noch Hautfarbe,
noch Geburtsort, noch Alter,
noch Sprache, noch Krankheiten,
noch Elternhaus, noch das Land deiner Ahnen
weiß.

Illusion!

Denn du bist nie netto.
Du bist brutto. Immer.
Und ich bin auch nie nur netto.
Ich bin brutto. Immer.

Und das ist
für mich
für uns
manchmal
gar nicht so einfach.

Das Fieberorakel zu Dada

Ich bin nicht der einzige Weg zu einem anderen Land. Und die Kinder sind wir. Uns. In den nächsten Wochen, in den nächsten Jahren. Nicht so viel – zu viel?– für mich. Nicht so viel Geld zu verlangen. Und der andere? Nicht aus den Federn? Zu den Favoriten hinzugefügt, in der Stadt und Land …

Mein Handy kann Dada. Dank des neuen Betriebssystems werden mir, wenn ich etwas schreiben will, immer jene Wörter angezeigt, die ich meinen/denken/schreiben wollen könnte. Es erinnert sich sogar an meine selbstkreierten Wörter und es zeigt sogar dann mögliche Wörter an, wenn ich noch keinen ersten Buchstaben getippt habe. Dann entsteht sowas wie der kurze Text oben. Nur die Satzzeichen habe ich nachträglich eingefügt.

Mein Handy ist ein Orakel? Vielleicht. Ich gestehe, dass zwischen uns eine Art Liebesbeziehung besteht. Eine einseitige allerdings, denn mein Handy hat mir noch nie gesagt, dass es mich liebt. Und weder Liebe noch lieben hat es mir je spontan zu schreiben vorgeschlagen. So weit geht seine Erinnerung noch nicht. Wenn es nur lang genug bei mir ist und meinen Wortschatz besser kennt, vielleicht dann? Ob es lieben kann, steht eh nicht zur Diskussion. Was immer Liebe ist.

Mein Handy braucht mich nicht. Doch das erste Wort, das es anzeigt ist immer Ich. Immer. Es braucht mich trotzdem nicht.

Mein Handy ist nicht Ich. Ich bin nicht mein Handy.

 

Es ist das Leben, das zählt. Und das Schreiben ist Teil des Lebens. Ohne Verdauung würde ich krepieren.

Das Leben. Mein Leben. Zählt. Ja. Aber nur für mich. Und immer nur jetzt. Nicht morgen. Nicht gestern. Illusionen nur. Nehmen wir uns nicht zu wichtig. Aber wichtig genug. Denn wir wissen es nicht. Wir wissen nichts. Ich bin nicht der einzige Weg zu einem anderen Land. Wäre ich Weg, wäre ich jenen zu mir. Durch die Fieberträume hindurch. Durch das Dunkel, das nie dunkel genug ist, um nicht irgendwo doch noch ein kleines Lichtlein unter der Tür zuzulassen. Keine Dunkelkammerschwärze. Die gibt es nur künstlich.

Der Schweiß auf der Haut stört mich erst, wenn er den Pyjama erreicht, dann kühlt er mich, und ich föhne mich morgens um fünf Uhr trocken. Kalter Schweiß. Das Fieber sinkt wie ein Mäusebussard und macht mutig, dem Leben zu erlauben, zu sein, wie es ist. Dem Körper auch. Der Liebe sowieso. Und mir. Und die Kinder sind wir. Immer. Auch wenn wir alt sind.

99 Jahre Einsamkeit?

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da ich von den Ereignissen in meinem Leben so sehr aus der Bahn geworfen worden war, dass ich nicht einfach nur depressiv war (obwohl schon einfach nur depressiv zu sein zu viel Leid ist). Damals also gesellte sich zur tiefsten Depression die unverrückbare Gewissheit, dass ich niemals wieder ein normales Leben würde führen können. Normal stand damals bei mir sowohl für die Fähigkeit, je wieder soziale Kontakte pflegen zu können, zu lieben, geliebt zu werden, als auch dafür, mich adäquat um mich selbst kümmern und mein Ein- und Auskommen wieder selbst bestreiten zu können. Meine einzige Perspektive war die, dass ich vereinsamen, verbittern und verarmen würde, in der Gosse landen, ungeliebt und unbeachtet sterben. Keine schöne Aussicht.

IMG_6146Meiner alles übertönenden Angst standen zwar Freundinnen, Freunde und liebe Familienangehörige gegenüber, die in dieser schweren Zeit da waren und mir alle nur erdenkliche Hilfe anboten; doch taten sie das, da war ich mir in meiner damaligen Verblendung sicher, eh nur, weil sie sich mir gegenüber dazu moralisch genötigt fühlten; nicht etwa wegen mir, nicht für mich, nicht, weil sie mich mochten oder gar liebten. Undenkbar!

Suizid war zwar natürlich auch eine Option, doch da ich ja damals an den unmittelbaren Folgen eines erweiterten Suizides litt, war es doch keine zu Ende denkbare Lösung. Zumal irgendwo in mir drin doch eine klitzekleine Hoffnung hinter den Erinnerungen an das Lachen meines toten Sohnes funkelte.

Von meinen drei Hauptängsten – zu vereinsamen, zu verbittern und zu verarmen – war seltsamerweise die vor der Vereinsamung damals die allergrößte. Sie höhlte mich aus und mästete meine Panikattacken zu Monstermaßen. Über diese eine Angst sprach ich kaum, wohingegen ihre beiden Schwestern immer wieder Thema von Gesprächen mit meinen Lieben waren. Wie hätte ich auch mit Freundinnen über die Angst vor der Einsamkeit sprechen können?

Kurz vor besagtem Drama hatte ich die gemeinsame Familienwohnung verlassen und war mit meinem kleinen Sohn in eine neue Wohnung umgezogen. Zum allerallerersten Mal in meinem Leben wohnte ich zeitweise, wenn unser Sohn beim Papa war, allein in einer Wohnung, die weder Partner- noch klassische Familienwohnung war und schon gar nicht WG.

Und auf einmal war ich ganz allein. Allein mit mir. Des Allerliebsten beraubt. Wozu also weiterleben? Einsamkeit und Leere sind mir auf die Pelle gerückt, obwohl wunderbare Menschen in der Nähe waren, die sich offenbar für mein Befinden interessierten.

Natürlich, auch davor war ich hin und wieder alleine gewesen, hatte mich ab und zu zurückgezogen, um in Ruhe zu schreiben, nachdenken oder kunsten zu können, doch waren solche Allein-Zeiten als Familienfrau und Teilzeit-Flüchtlingsbetreuerin damals ziemlich rar gewesen. Und ganz gewiss nicht einsam.

Einsamkeit riecht nach Niemand-mag-mich, nach abgeschoben, nach unwichtig, nach Sinnlosigkeit, nach abgestempelt, unwichtig, unwürdig, unwirklich. Wäre das erwähnte kleine Flämmchen der Hoffnung nicht dagewesen, ich hätte resigniert, hätte meine drei Hauptängste mich auffressen lassen.

Wo genau und wann genau ich den Schalter umlegen konnte, weiß ich nicht mehr so genau. Das Wissen um die Notwendigkeit des Akzeptierens muss mit im Spiel gewesen sein. Und ja, gewiss hatte ich mich auch irgendwie an meinen neuen, anderen Alltag gewohnt, den ich − vorerst als Krankgeschriebene später als Stellensuchende − neu gestalten lernen musste. Lernen wollte. War es im Trauerseminar gewesen, als ich das erste Mal wieder herzhaft gelacht hatte?

Einsamkeit. Irgendwann hat sie ihre Maske ausgezogen und sich von mir umarmen lassen. Ich habe das Bedürfnis, gerne und viel alleinsein zu wollen, zu meiner bevorzugen Lebensform gemacht. Nicht, weil ich keine andere Wahl hatte, sondern bewusst-unbewusst, weil ich gemerkt habe, dass ich die Freundschaft mit mir nur im Alleinsein pflegen kann. Und nur wenn ich diese Freundschaft pflege und lebe, bin ich wirklich fähig, anderen eine wahre Freundin sein zu können.

Happy End? Nein. Noch immer hocken da ein paar Ängste. Dass ich eines Tages verbittern werde, halte ich im Moment für ziemlich ausgeschlossen, denn dazu ist meine Werkzeugkiste zu gut mit mentalem Zöix und Lebenserfahrungen bestückt. Dass ich verarmen werde, ist hingegen nicht auszuschließen. Obwohl ich in einem Land lebe, dessen Sozialsystem mehr oder weniger gut funktioniert. Heute. Aber wer weiß heute schon, was übermorgen ist?

Mehr noch als über meine Ängste vor dem Leben denke ich heute allerdings darüber nach, wie ich gut älter und alt werden kann. Wie ich möglichst gesund und möglichst lebendig leben kann, möglichst echt und aufrichtig, wahrhaftig, übermütig und beherzt.

Gestern las ich in einem Artikel über Gesundheit, wie wichtig eine basische Ernährung, genug Entspannung und Bewegung seien. Stimmt sicher alles, aber für mich gehört da noch eine vierte Säule dazu: Die seelische Ausgeglichenheit, die sich aus Zufriedenheit, Gelassenheit, Verbundenheit mit allem, Verantwortung für die Mitwelt und einigen anderen Essenzen zusammensetzt. Der Frieden mit mir selbst ist das größte Geschenk, das ich mir in den letzten sagen wir mal anderthalb bis zwei Jahren gemacht habe. Ich habe mir erlaubt, dieses Geschenk, das vermutlich immer da, vor meiner Nase lag, endlich auszupacken.

Ich habe Frieden mit dem Wissen gemacht, dass ich vergänglich bin. Dass ich nicht alles verstehen kann. Dass ich nie alles geschafft haben werde, wenn es eines Tages mit mir zu Ende geht.

Auf dieser übergeordneten, inneren Ebene lebe ich endlich gerne. Auf der ganz alltäglichen materielle Ebene tue ich mich allerdings noch immer schwer. An Baustellen fehlt es mir nicht.

Aber gut und sehr gut sind gut genug; perfekt ist etwas für Außerirdische.

Wir sind ja nicht hier, um perfekt zu sein, sondern menschlich.

Du bist hier, um menschliche Liebe zu lernen.
Allumfassende Liebe. Schmuddelige Liebe. Schwitzige Liebe.
Verrückte Liebe. Gebrochene Liebe. Ungeteilte Liebe. […]
Dass Du leuchtest und fliegst und lachst und weinst
und verwundest und heilst und fällst und wieder aufstehst.
und spielst und machst und tust und lebst und stirbst als unverwechselbares DU.
Das genügt. Und das ist viel.

(Quelle: Courtney A. Walsh. Dear human, ins Deutsche übertragen von Kai-Uwe Scholz)

[Den ganzen wunderbaren Text, den ich allen sehr ans Herz lege, gibt es bei Ulli auf Deutsch. Danke, dass du ihn neulich in deinem Blog geteilt hast (hier → klicken).]

Die Ochsen im Rückspiegel

Das Konzert in der Kupferschmiede, das Patent Ochsner gestern gegeben hat, war echt eine der besten Liveshows, die ich je gesehen habe. Nicht zuletzt, weil wir – dank Freundin B. (2) – einen Platz direkt vor der Bühne gefunden habe. In Spuckweite der Band sozusagen. Sehe ich die Bilder, höre ich die Songs gleich wieder.

Hier noch ein paar visuelle Impressionen Irgendlinks, die er mir freundlicherweise fürs Blog zur Verfügung gestellt hat.

Nicht angeleint

Letzten Montag um Mitternacht lief mein WLAN-Abo aus, das ich vor einem Jahr, um Geld zu sparen, abgeschlossen hatte, nicht ahnend, wie viele Zusatzkosten ich mir damit an Land geholen würde. 

Mein neues Abo läuft allerdings erst ab nächsten Dienstag. Bis dahin improvisiere ich mit einem mobilen Router mit Datenkarte und dem Prepaid-Guthaben auf meinem Handy. 

Ohne Fixnetz (nur die Combox läuft weiterhin) und allzeit bereitem Netz zu leben, fühlt sich ein bisschen wie Ferien an – trotz der latenten Angst, nicht wirklich gut erreichbar zu sein. Nun ja, auf Reisen praktizieren wir ja diese reduzierte Online-Anbindung regelmäßig, doch daheim ist es doch sehr ungewohnt.

Und ausgerechnet letzte Woche spülte mir das Schicksal ein Lektorat ans Ufer. Thema: Panikattacken. Lektorieren geht offline problemlos, klar, doch die fertig bearbeitete Arbeit zu verschicken, die auf der offlinen Festplatte liegt, stellte mich heute Morgen vor einige Probleme, zumal die Datenkarte … Nein, lassen wir das.

Abhängigkeit. Mir wird bewusst, wie schnell ich mal eben ein Wort in Suchmascinen nachschlage, auf Twitter, Blogs oder Instagram ein Bild hochlade, dies und das über Laptop, Tablet und Handy recherchiere. So ganz selbstverständlich und ohne darüber nachzudenken. Aber auch, wie oft ich mich virtuell mit anderen verbinde, wird mir dabei klar. Verbundensein. ja, denn gerade auch das erlebe ich dank Internet.

Gewss, ich sehe auch Vorteile in dieser unfreiwilligen Offlinephase: Ich surfe bewusster. Ich schaue weniger Filme (Mediathek, TV hab ich ja keinen) und ich lese noch mehr Bücher als sonst. Mit dem Liebsten gemütlich auf dem Sofa abhängen, wie gestern Abend, macht mit Büchern statt Filmen noch mehr Freude. Nein, nicht mehr, eher einfach anders.

Apropos Freude: Da ist auch Vorfreude mit dabei. Auf morgen Abend. Da sind wir in Langnau am Patent Ochsner-Konzert. Meine Lieblingsband ist auf Tournée. Hach.

Fazit: Das Leben außerhalb des weltweiten Netzes lebt sich durchaus angenehm. Und wenn ich, wie nachher, mit dem Liebsten Pizza backen werde, kommt kein Tweet und kein Blogartikel mehr mit.

{Dennoch: Ich freue mich darauf, bald wieder bei euch mitlesen und kommentieren zu können.}

Feiern, trauern, leben …

Gestern habe ich mit lieben Menschen, nennen wir sie Auch-Familie oder Wahlfamilie, Geburtstag gefeiert. Große und kleine Menschen sind gekommen. Gemeinsam haben wir gelacht, geblödelt, gegessen, getrunken, politisiert, über unsere Ängste gesprochen und über unsere Freuden. Und über Veränderungen, vollbrachte und bevorstehende, persönliche, regionale und globale …

Veränderungen zu- und liebe Menschen loslassen sind ganz ganz große, ganz wichtige, ganz existentielle Themen. Fragen tauchen auf, auf die es keine universellen Antworten gibt. Außer vielleicht die, in der Liebe zu bleiben. Nicht zu verbittern. Sich nicht von den Ängsten auffressen zu lassen. Leichter gesagt als getan, denn wir stehen alle mittendrin in diesen Umbrüchen. Da taucht Trauer auf, überall und immer wieder anders. Dennoch ist sie universell. Trauern zu können ist eine Fähigkeit, die jeder Mensch in sich trägt. Eine not-wendige, eine heilsame Fähigkeit. Und eine sehr wichtige.

Logisch, dass wir trauern; logisch, dass wir Angst davor haben, nicht zu wissen, was ist und was wird.

Dazu erzähle ich euch eine kleine Geschichte vom gestrigen Fest. Mein lieber Freund M (1), gestriger Jubilar und Gastgeber, ist seit drei Jahren Papa, später Papa, einer feinen kleinen Tochter. Auch unser gemeinsamer Freund N. hat eine dreijährige Tochter. N.s Tochter schaute sich nun ein herumliegendes Bilderbuch von M.s Tochter an, ein Buch, das die Welt der Gefühle für Kinder nachvollziehbar macht, frohe Gefühle und bedrückende Gefühle. Auf einer Buchseite mittendrin liegt ein kleiner Junge im Bett und versucht zu schlafen, doch er kann nicht, weil er Angst vor dem Monster auf seinem Stuhl hat. Im Dunkeln sieht es jedenfalls so aus. Sein zotteliges Halstuch, das dort liegt, sieht wirklich genau wie ein Monstergesicht aus. Das Buch hat aufklappbare Teile: Unter dem Monstergesicht, dem geträumten, liegt die Wahrheit und zeigt uns, dass das zottelige Halstuch kein Monster ist. Wir kennen zwar die Wahrheit, doch die Angst ist dennoch da. Die Kleine erzählte mir nämlich, dass sie manchmal nachts auch Angst habe. Wir überlegten zusammen, was man dagegen machen könnte: Ein Lämpchen aufstellen, zu Papa und Mama gehen. Weinen. Genau hinschauen.

Auf dem Rückweg auf der regennassen Autobahn erkenne ich, dass es wohl am wichtigsten ist, unsere Angst zu benennen. Ihr in die Augen zu schauen.

Wohl ist die Angst vor Verlust die zurzeit am weitesten verbreitete Angst: Angst zum Beispiel davor, die vertraute Lebensart zu verlieren, diese (vermeintliche) Sicherheit, Geborgenheit, Vertrautheit, Gewohnheit …

Zulassen. Benennen. Hinschauen. Der Angst nicht erlauben, dass sie ohne Gesicht bleibt. Der Angst mit Trauer begegnen kann helfen, und mir eingestehen, dass ich traurig darüber bin, dass sich und weil sich etwas verändert. Dass sich mein Leben verändern wird, weil sich meine Lebensumstände verändern. Ich übe, Trauer nicht mehr zu unterdrücken, weil sie sich sonst einen Weg über den Körper (Krankheiten) suchen muss, um gehört und gesehen zu werden.

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(Ich widme diesen Text meinen Freundinnen K., E. und U. und allen, die trauern, loslassen müssen und Angst haben …)

Zu verstummen wird immer eine Option sein

Ich begegne
_so vielem
_so vielen
mir begegnen
_so viele
mir begegnet
_so vieles
Ich höre hin
höre zu
höre weg
höre nicht
verstehe
verstehe nicht
will
will nicht
mag
mag nicht
kann
kann nicht

Begegnen braucht Kraft
Begegnen gibt Kraft
Beziehung
beziehen
ziehen
gegen
für
mit

Verstummen ist immer eine Option

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Nachts im Halbschlaf habe ich den Titel im Dunkeln auf den Block gekritzelt. Was ich drum herum geträumt habe? Ich weiß es nicht mehr. Obige Zeilen sind frei assoziiert.

Das Gerechtigkeitsding

Wir haben es alle, vermute ich jedenfalls, und ich glaube zuweilen, dass meins überdurchschnittlich spitze Ellbogen hat. Oder dass ich es bin, die mich ihm überdurchschnittlich verpflichtet fühle. Und zuweilen dabei vergesse, dass es ziemlich subjektiv ist. Es ist so geworden, weil ich mit diesen und jenen Maßstäben groß geworden bin, weil ich diese und jene Erfahrungen gemacht habe. Und darum zu wissen glaube, was gut und richtig, was falsch und schädlich ist. Im großen Ganzen jedenfalls, denn für mich selbst ist das nicht immer so einfach. Was mir gut tut, ist womöglich nicht immer das, was dem großen Ganzen gut täte. Diesem würde es vielleicht gut tun, wenn ich ein bisschen kämpferischer wäre, ein bisschen aktiver, politischer womöglich auch. Ich selbst mag ja lieber Ruhe, Rückzug, Stille. Meine Lasst-mich-doch-alle-in-Ruhe-Gedanken widersprechen massiv meinem die-Welt-verbessern-wollenden Anspruch an mich selbst. Womöglich wissen sie aber einfach besser, dass meine Wahrheit, dass meine Gerechtigkeit, dass mein Bedürfnis nach Ordnung keineswegs für alle und alles kompatible Dinge sind.

SteinweisheitenEs mag einen gemeinsamen Nenner geben – Liebe und Hass, Schaden und Nutzen als Maßstab nehmend –, doch sind diese nicht womöglich auch nur eine Frage der Definition?

Warum ich genau so denke, fühle und bewerte und du so? Warum dich das stört und mich jenes? Der Versuch, dich von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen, scheitert fast immer. Nein, überzeugen können wir wohl niemanden. Nicht wirklich. Nicht jemanden, der schon eine festgebackene Meinung hat (außer jemand lasse sich, aus welchen Gründen auch immer, auf eine Gehirnwäsche ein. Was vielleicht leichter ist als ich denke. Doch das ist ein anderes Thema.)

Schnitt.

Mein unermüdlicher Einsatz in Sachen Sprachsensibilität – sei es nun im Bereich Rechtschreibung/Grammatik oder im Bereich des geschlechtsspezifischen und -sensiblen Umgangs mit Worten – verhallen oft in Gelächter und Spott, in Übertreibungen, in Absurdheiten. Allerdings weniger in meiner Schweizer Heimat, wo das Thema selten noch wirklich eins ist (da eine gleichberechtigte Sprache im großen Ganzen umgesetzt ist). Nein, ich spreche jetzt von Deutschland, wo ich inzwischen viele Menschen kennen darf und viele Beziehungen pflege. Gerade gestern habe ich mit dem Liebsten mal wieder über dieses Thema gesprochen.

Er meinte sinngemäß, dass jene Menschen, die Gleichwertigkeit lebten, diese Sicht selbstverständlich, jedenfalls ohne groß darüber nachzudenken und/oder fast so nebensächlich in der Sprache umsetzten, dass das Ganze für sie kein wirkliches Thema mehr sei. Im Grunde hocke die Haltung, die es zu bewegen gälte, in den Köpfen. Da kommst du schwer hin, sagte er, da ändern alle Diskussionen leider nichts.

Er mag recht haben, doch ich gebe nicht auf, meine Mitmenschen auf einen sensibleren Umgang mit der Sprache hinzuweisen.

Mich verletzt, wie viele Menschen mit ihrer explizit männlichen Sprache (die dieses generische Maskulinum hervorgebracht hat) eben auch eine explizit männliche Energie verbreiten. Nichts gegen männliche Energien. Wenn als ausgleichende Energie die weibliche gleich viel Raum hat. Ja, hat! Nicht bitte-bitte haben darf! Denn es geht nicht um Raum, den die Männer den Frauen gefälligst oder bitte abzutreten haben, sondern darum, dass dieser Raum zu gleichen Teilen von beiden Geschlechtern belebt werden soll – und von allen Rassen auch.

Hast du nichts besser zu tun? Gibt es denn nichts wichtigeres als dich über männliche und weibliche Wortendungen zu echauffieren?, magst du dich fragen.

Nun ja, es geht mir nicht nur um die Sprache, jedenfalls nicht primär. Sprache ist ein Eisbergzipfel, der den meisten Menschen halbwegs vertraut ist, darum ist sie ein guter Bereich mit einer Veränderung alter, verkrusteter Denkmuster anzufangen, antworte ich. Es geht mir um ein sich stets wandelndes Konzept hin zu einer gleichwertigen Kommunikation.

Aber ich schweife ab. Ich träume mal wieder von Utopia. Gerechtigkeit war das Stichwort.

Wir alle empfinden sie anders, Gerechtigkeit ebenso wie Ungerechtigkeit. Ich kollidiere zuweilen mit mir selbst. Mit meinen unterschiedlichen Anspruchsebenen an mich. Anarchistisches verinnerlichtes Gedankengut trifft auf die schier unkaputtbare Hoffnung, dass die Gesetze, die meine Ahnen und Mitmenschen definiert haben, nicht einfach alle per se am Menschen vorbei geschaffen worden sind. Sondern ein bisschen sinnvoll sind. Und gerecht. Obwohl ich nicht mehr wirklich an eine allgemeingültige Gerechtigkeit glaube. Kollision, wie gesagt.

Doch irgendwo in der Mitte, in meiner Mitte, wohnt ein kleiner Kern, so stelle ich es mir zuweilen vor, den ich mit allen Lebewesen gemeinsam habe. Ein Kern – einem Zellkern gleich –, der alle Informationen gespeichert hat. Alles Wissen, alle Weisheit. Alle Erfahrungen auch und allen Schmerz. Die Freude auch und vor allem aber die Liebe.

Alles da. Oft genug zugemüllt und bis zum Gehtnichtmehr erstickt. Aber da. In allen.

Und dieser winzige Kern kennt jene Gerechtigkeit, nach der ich mich sehne. Und jene Freude, die sich manchmal (immer öfter, je älter ich werde) in mein Leben verirrt, und ja, er kennt auch die Liebe.