Vertrauen oder nicht vertrauen

Gut oder böse?, fragte ich neulich den Liebsten über eine Figur in einem Film aus. Sie will das Gute, wählt aber einen Weg, der nicht über alle Zweifel erhaben ist. Heiligt der Zweck die Mittel?

Nein. Nein? Nein!

Aber. Aber?

Schnitt.

Wie ich heute über die Autobahn von Süd nach Nord durchs Elsass, durch die Stadt Strasbourg, gefahren bin, holen mich auf einmal diffuse Ängste ein. Ich gestehe, dass mir auf einmal ein klein bisschen mulmig zu Mute war, als ich die „Europäische Hauptstadt“ querte. An Paris denkend. Was wenn?

Es braucht nur ein klein bisschen Gift, um einen Kuchen ungeniessbar oder gar tödlich zu machen.

Auch in mir steckt Gift. In mir steckt Gutes und Böses, um es mal ein bisschen salopp, naiv, kindlich, einfach zu sagen. Ich entscheide, ob das in mir, was mir oder anderen schadet, mehr Raum erhält oder das, was mir und anderen gut tut. Ich entscheide, wie ich auf Schicksalsschläge reagiere. Und ich entscheide, wie ich mit Ungerechtigkeiten umgehe. Wie ich mit Menschen, die mich unfair behandeln, spreche.

Nein, ich bin wirklich keine Heldin diesbezüglich. In der letzten Zeit habe ich im Büro oft emotionale Energie für Dinge verbraten, die es nicht wirklich wert waren. Energieverschwendung habe ich betrieben, zelebriert zuweilen, um meiner Empörung über Dinge, über Menschen, über Situationen Luft zu machen. Bis zu einem gewissen Punkt psychohygienisch, durchaus, und auch durchaus normal und gesund, aber … manchmal trete ich mitten in die Hundesch*** und schon stinkt es gewaltig. Und niemandem ist im Grunde gedient mit meiner Motzerei. Auch die Psyche wird davon nicht sauber.

Einen Samen hegen und giessen und stützen, damit er wachsen kann und Baum werden, braucht mehr Kraft als Unkraut beim Wachsen zuzusehen. Und auch mehr Kraft als Unkraut zu jäten.

Gut und böse, Himmel und Hölle, Schatten und Licht sind nur im Doppellpack zu haben. Leben und Tod auch.
Vertrauen und Misstrauen – nein, hier will ich das Doppelpack nicht. Ich will nicht aufhören, zu vertrauen, immer wieder neu. Auch wenn ich grad heute wieder ziemlich ent-täuscht, zu Ende getäuscht worden bin (auf Twitter, punktuell). Nein, ich will dem Misstrauen nie die Überhand geben. Ich will nicht aufhören, der Angst (der diffusen ebenso wie der vermeintlich konkreten) ins Gesicht zu schauen und ich will nicht aufhören, das Gift wahrzunehmen und zu meiden. Auszuspucken.

Und noch ein Wort. Das letzte?

Ein Wort. Und noch ein Wort. Schon sind es zehn. Doch schreibe ich nicht um der Wörter willen. Auch nicht um der Zahlen. Ich schreibe, weil ich schreiben kann. Weil die Wörter in mir hocken, auf Bänken, wie Kinder in der Umkleide vor der Turnhalle. Sie tuscheln und warten auf den Anpfiff. Nun stehen sie auf und drängen in die Halle, rennen wild durcheinander und wollen so gar nicht ruhig stehen. Wollen sich so gar nicht in Reihen stellen, wollen nicht gezählt, wollen nicht betrachtet und wollen schon gar nicht geordnet und trainiert werden. Sie wollen einfach nur sein. Manche zerfallen in ihre Einzelzeile. Buchstaben liegen herum und ich, die Turnlehrerin wider Willen, habe keine Ahnung, wie ich dieses Chaos da … ja, was … wie ich dieses Chaos, so es denn eins ist, zähmen soll? Lässt sich zähmen, was wild sein will? Kann Chaos denn etwas anderes als Chaos sein und wenn ja, wozu? War Chaos nicht der Anfang von allem, was ist? Chaos als Quelle. Chaos als Kraft. Chaos als Neuanfang? Wozu auch immer.

Da stehe ich also und betrachte die Wörter, betrachte die Buchstaben und lasse sie gewähren. Alle sind sie da. Das Wörterbuch hat sich geöffnet. Sinn kommt auf mich zu und fragt, ob er mir helfen soll. Ich schaue ihn an, klein und schmächtig ist er, trägt eine Brille und schaut mit einem Blick, der so gar nicht zu seiner geringen Größe passen will, an mir vorbei. Nein, nicht an mir vorbei. Durch mich durch. Er durchschaut mich, er weiß, dass ich wortlos bin. Ich als einzige bin die ohne Worte. Bin weder Wort noch Buchstabe. Bin einfach nur Mensch. Eine, die sich mit Wörtern verbinden, mit Wörtern verbünden will, um zu verstehen. Das ist es, was ich will. Ihr Wörter, sage ich, ich will verstehen. Ja, Sinn, du kannst mir helfen. Wenn du das denn kannst. Ich will dich und deine vielen Geschwister hier verstehen. Nein, nicht euch, aber das, wofür ihr steht. Komm doch mal her, du da. Wie heißt du denn? Schüchtern kommt sie einen Schritt näher und flüstert ihren Namen. Ich habe sie nicht verstanden. Sinn souffliert: Liebe. Das ist Liebe. Sie mag aber ihren Namen nicht. Die Menschen lachen oft über sie. Und sie mag es nicht, dass alle Menschen zu wissen glauben, wer sie ist und wofür sie steht und in Wirklichkeit ist alles ganz anders.

Wie anders?, frage ich und bereue meine Frage bereits. Sinn lächelt traurig. Liebe kann man nicht erklären, Liebe kann man nur lieben. Sie ist rot geworden, die Kleine. Ich kann mir nicht helfen, ich möchte sie einfach nur in den Arm nehmen und tue das auch. Sinn lächelt. Ja, sagt er.

dontbelieveWeisheit ist groß und hat ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und ich weiß nicht, ob sie eine Sie oder er ein Er ist. Er sagt: Lass zu. Hör damit auf, zu wollen. Zu machen, zu müssen. Ich setze mich auf den Boden. Die Wörterfamilie sammelt sich um mich. Und auf einmal sind alle ruhig und wir sind uns ganz nah.

Geschichte erzählt mir, wie es in der Welt der Wörter zugeht. Ich begreife, dass die Wörter mehr verstehen von Demokratie, von Eigenmacht und von Kameradschaft. Manche Wörter erzählen mir, wie sie missbraucht werden. Macht stehen die Tränen in den Augen. Ich war nicht immer so, so traurig, so negativ besetzt, sagt sie. Sie ist erstaunlich schön, Frau Macht. Aber erst, wenn man genau hinsieht. Ich bin ein Missbrauchsopfer, aber diese Rolle ist einfach nur zum Kotzen. Und am liebsten will ich nicht mehr leben. Oder dann möchte ich wenigstens, wie das Menschen können, in eine Art Zeugenschutzprogramm für missbrauchte Wörter eintreten und an einem neuen Ort neu anfangen. Andererseits, wenn ich weggehe, werden sich die Menschen einfach ein anderes Wort nehmen, dass sie an meiner Stelle missbrauchen können um ihre Gier auszuleben.

Gier, ein kleiner blonder Bursche, sagt, dass er amputiert worden sei. Das Neu habe man ihm weggenommen und ihn schon als Kind von seinem Bruder Neugier getrennt. Aber im Herzen drin hoffe er noch immer auf ein Umdenken. An ihm solle es nicht liegen. Er würde sich gerne deleten lassen, wenn es der Menschheit diene.

Gewaltig, ein erstaunlich drahtiger kleiner Kerl, flüstert, dass er früher ein gutes Wort gewesen sei. Aber heute – er verdreht die Augen – heute assoziieren mich viele mit Gewalt. Aber ich, sagt Gewalt, ich bin auch nicht böse. Ursprünglich stand ich für die Kraft der Erde, die sich zuweilen schüttelt, um zu zeigen, wer das letzte Wort hat.

Fast ohne Worte

Mein kleiner Spaziergang führt mich durch den Wald, am Waldkindergarten vorbei zu einer Bank, von der ich Weitblick vor mir habe. Ich genieße die natürliche Stille, die aus dem Ruf der Krähen, einem Flugzeug (ziemlich weit weg) und dem Rascheln des Windes im Wald hinter mir besteht. Würde die Sonne tönen, wäre ihr Ton bestimmt ein sanftes Summen. In Moll. Heute jedenfalls. Sie wärmt mich ein bisschen und erinnert mich dran, dass Schönheit und Liebe die einzigen und die einzig tauglichen Antworten auf Gewalt, Hass, Terror und Mord sind.

Novemerlicht2wz

Leidenswertes

Eben habe ich ein mühsames Buch zu Ende gelesen und rezensiert und dabei über den Umgang mit meinen Energien nachgedacht. Ob es beispielsweise jemandem irgendwie nützt, wenn ich meine Wut- & Trauer-Energien nach Paris schicke (Mitfühl-Energien tun sicher besser). Kurz gesagt: ich verwende oder verschwende gar oft meine Energien in eine Richtung, die mir – und womöglich sogar auch meiner Mitwelt – eher schadet als sie gut tun.

Heute morgen, noch bevor ich all die News über das Drama in Paris überhaupt gewusst und gelesen hatte, wurde ich vom Wasserrauschen, das die Waschmaschine unseres Mehrfamilienhauses produziert, geweckt. Die Waschküche des Hauses liegt unmittelbar – aber außerhalb meiner Wohnung – neben meinem Schlafzimmer. Es war halb acht. An einem Samstag. Halb acht! Schon war ich auf hundertachzig. Nicht mal ausschlafen darf man! Gestern habe ich bis eins gelesen und nun war ich – zu Recht! – empört und richtete meine ganze Energie auf jenen rücksichtslosen Nachbarn, der mir das angetan hatte. Nein, diese Energie mich wegen solcher Banalitäten zu nerven, müsste ich eigentlich nicht verschwenden, denn wo Menschen zusammenleben, reibt es und das erzeugt eben zuweilen Geräusche. Ich müsste schon in der Einöde, in der Wüste, im ewigen Eis oder im Wald leben, um diesen menschlichen Geräuschen zu entkommen. Gestern, ich war mit Freundin L. (1) in der Sauna, litt ich sehr. Alle alten, dicken Männer der Schweiz schienen sich gestern Abend dort eingefunden zu haben. Die meisten schamlos nackt.

Ich gestehe es: Das hat mich echt überfordert. Mit Freundinnen und Freunden kann ich gut nackt sein, kann Sauna genießen, aber dieser Überfluss an nackter fremder Haut, war purer Stress für mich. Dazu waren Frauen, die in der Regel doch fürs Auge der Betrachterin ein etwas angenehmerer Anblick sind, in der Minderheit. Und von den drei möglichen Saunaräumen war nur der heißeste einigermaßen frei.

Da muss ich nicht mehr hin, nein, mich überfordern so viele unbekannte Menschen aufs Mal. Heute denke ich: Hey, was regst du dich so auf über deine kleine, gefährdete Komfortzone? Zumal in Paris hundertzwanzig Menschen sinnlos getötet wurden? Und in Anbetracht all der Heimatlosen und Flüchtenden? Und überhaupt … Da ist so viel Leid. Und was macht, dass ich an etwas leide? Was macht etwas zu Leid für mich, was andere nicht mal als leidenswert wahrnehmen (Beispiel Sauna)?

Schnitt.

Ich habe vor zweieinhalb Wochen einen mir bis dahin unbekannten Schweizer Krimiautoren entdeckt, dessen dritten Krimi ich gerade verschlinge.

Vor der ZeitVor der Zeit von Beat Portmann erzählt die Geschichte des Mittelalterforschers Thelmann, der von Extremisten verschiedener Richtungen bedroht wird. Er hat Informationen gefunden, demzufolge bereits im frühen Mittelalter Anstrengungen zu einer interreligiösen Allianz, zumindest zu einem interreligiösen Dialog im Gange waren. Heutigen Extremen – christlich wie muslimisch Gesinnten – will es nicht gefallen, dass Thelmann weiterforscht – so werden die Unterlagen geklaut und vernichtet. Und tauchen woanders wieder auf. Oder sind es Fälschungen? Der Ich-Erzähler, ein mäßig erfolgreicher Autor, wird von einem unbekannten Mäzen zwecks Recherchen für einen weiteren Kriminalroman auf die Geschichte losgelassen. Banal? Nur auf den ersten Blick.

«Vor der Zeit» ist ein überraschender Roman über das monotheistische Erbe Europas und über das Verhältnis von Offenbarung, Schrift und Literatur (Quelle: Verlagswebseite).

In Durst und Alles still hat Beat Portmann bereits mit der Stimme des Ich-Erzählers zwei Fälle gelöst – einen im Geldwäsche-Umfeld (Durst), den anderen in der Welt des alten Luzerner Adels (Alles still). Auch diese Geschichten wirken auf den ersten Blick trivial, werden nach und nach immer komplexer und dreidimensionaler, was dem scharfen Blick, der klugen, literarischen Sprache und der dreidimensionalen Figurenzeichnung des Autors zu verdanken ist. Den Jo Nesbø der Schweiz nenne ich Beat Portmann bereits, denn wie Nesbø zeichnet auch Portmann ein ungeschöntes Bild seiner Heimt. Portmann skizziert die hiesige Polit- und Wirtschaftslandschaft scharfsinnig, überzeugeund und mit Innerschweizer Lokalkolorit gewürzt. Doch, wie gesagt, vor allem überzeugt er mich mit seinen glaubwürdigen Figuren. Ich mag es, dass wir Lesenden nicht erfahren, ob Portmanns Geschichten erfunden sind oder sogar wirklich erlebt – zumal Portmann seinem Protagonisten, einem Krimiautoren, die Titelnamen seiner eigenen Bücher in den Mund legt. Realitätsfiktion vom feinsten.

Das vor einem Jahr erschienene Buch Vor der Zeit ist auch jetzt noch hochaktuell, geht es doch darin – unter anderem – um die Angst vor dem unbekannten religiös motivierten Feind. Und um die Angst davor, unsere eigene Welt mit ihren wohlgeordneten eigenen Komfortzonen zu teilen.

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Noch eine Rezension aus der Luzerner Zeitung.

Vielerlei Sehnen

Zufriedenheit geht, natürlich, und hilft sicher in manchen Situationen eine Zeit lang. Sehnsüchte sind aber besser, viel besser, finde ich, schrieb Jürgen Küster in einem Kommentar zu meinem letzten Blogartikel

Ich lasse deinen Gedanken und die darin implizierte Frage sacken, was ich lieber mag: Zufriedenheit oder Sehnsucht, schrieb ich zurück. Und ob es vielleicht zweierlei Menschen gebe, fragte ich mich.

Nun ja, vermutlich gibt es sogar mehr als zweierlei Menschen, vielerlei sogar. Doch bei manchen Lebensbereichen sind wir alle doch irgendwie entweder so oder eben so. Besonders in Sachen Sehnsucht versus Zufriedenheit kann ich nicht unbedingt an ein Sowohl-als auch glauben, da ahne ich eher das gute alte Entweder-oder. Oder?

IMG_0422Heißt Sehnsucht denn nicht eigentlich, dass ich mit dem, was ist, nicht oder zumindest nicht vollständig einverstanden, nicht ganz zufrieden bin? Und heißt eine gewisse Form von Zufriedenheit denn nicht – manchmal? immer? –, dass ich resigniert habe? Wie groß ist der fühlbare Unterschied zwischen Resignation und Akzeptanz? Und warum schmeckt ersteres bitter und zweites irgendwie mutig?

Doch ist der Zustand, den ich im Grunde am meisten zu ersehnen glaube, nicht der von stetiger innerer Zufriedenheit? Frei zu sein von meiner Unruhe, von meinem Getriebensein, von meinem Denken, dass es anders besser wäre, wenn nämlich dies so und jenes so. So oder so ist da immer diese latente Unzufriedenheit. Denn, ich gestehe es, zu viel Zufriedenheit, ist mir suspekt und riecht ein bisschen nach Bequemlichkeit.

Ich wünschte mir dennoch, dass Zufriedenheit ein klitzeklein wenig kompatibel mit Sehnsucht wäre – mindestens so kompatibel wie Essig und Öl in der gleichen Flasche. Ich wünschte, mir, dass es so wäre. Und ja, ehrlich, ich sehne mich oft danach, mich nach nichts mehr zu sehnen. In diesen Momenten sehne ich mich nach einem wunschlosen, stressfreien, erleuchtungsähnlichen Zustand, frei von Bedürfnissen, Süchten, Wertungen, Getriebenheiten und Unruhe. Weil ich an diesem Zustand schon ein paar wenige Male gekostet habe. Er kann noch nicht mal mit Zufriedenheit benannt werden, auch wenn Frieden irgendwie darin vorkommt.

Nun ja, da sind dann aber diese anderen Momente: Dann nämlich, wenn ich mir diesen Zustand herbeizumalen versuche. Dann stelle ich fest, dass ich diesen ersehnten Zustand wohl doch nicht wirklich dauerhaft kann und will – jedenfalls nicht hier, nicht in diesem Umfeld, nicht in diesem Kontext. Es wäre nicht auszuhalten. Ich bin zu mehrfarbig für so was. Zu mehrdimensional und zu kämpferisch, zu inkonsequent. Und ja, zu pragmatisch wohl auch.

Ich gestehe, ich brauche wohl auch die kleinen Exzesse mittendrin, das Überborden, das Abtauchen, und ja, auch ab und zu eine gewisse Larmoyanz sogar oder/und ein wenig Gejammer und Selbstmitleid. Blues, wie es der Emil neulich trefflich in Worte gefasst hat. Huch … vielleicht lebe ich ja genauso, wie ich leben will? Mit all meinen Baustellen?

So bin ich wohl eher die Sehnsüchtige denn die Zufriedene? Oder zwinkert ich da doch eine gewisse Kompatibilität hinter dem Vorhang hervor? Irgendwie bin ich nämlich ganz zufrieden mit meiner Sehnsucht.

Die Sache mit der Zufriedenheit

Süße neunzehn war sie, als sie heiraten musste. Jung war sie damals, jung und unschuldig, Und ohne die Möglichkeit, mitzubestimmen. Wie das damals, Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts, in Anatolien zumal, noch üblich war. Und, wer weiß, vielleicht heute noch praktiziert wird. Zwei Jahre später zog das Paar in die Schweiz. Und drei Jahre später kam der Sohn zur Welt. Während sie mir ihre Lebensgeschichte erzählt, ertappe ich mich beim Rechnen. Kann das sein? Sie sieht noch so jung aus. Nach fünf Jahren hat sie ihren Mann verlassen. Ich gestehe, dass ich nicht immer alles auf Anhieb richtig verstehe. Ihr Deutsch ist schlecht. Meint sie nach fünf Jahren in der Schweiz oder meint sie nach fünf Ehejahren? Beides ist möglich. Und wie bei vielem verstehe ich ja doch immer nur einen Bruchteil und verstehe vor allem nicht, wie sie sich in der Schweiz zurecht findet. Zurecht gefunden hat. Nur gerade elf Jahre ihrer Lebenszeit hat sie weniger in diesem Land hier verbracht als ich. Und doch … Ich versuche mir, sie mir als junge Frau vorzustellen. Wie eine Elfe sieht sie aus, klein und zierlich, mit langen hellen Haaren, blond oder weiß. Ein zartes, liebes Gesicht hat sie, das sich etwas kindliches bewahrt hat. Trotz allem.

Eine Muss-Heirat sei es gewesen, doch sie habe sich befreit. Nicht gut sei das gewesen mit diesem Mann, sagt sie. Und nun ist ihr Sohn schon fünf Jahre tot. Als Einundreißigjähriger ist er plötzlich gestorben. Das Herz. Sie weint ein bisschen und ich sage, dass ich sie verstehe. Sage: Auch mein Sohn ist gestorben. Als ob das trösten könnte. Aber verbünden tut es, ja, das schon. Ein wenig jedenfalls. Und wir weinen ein bisschen miteinander, aus sicherer Distanz, denn um sie in den Arm zu nehmen, bin ich zu schüchtern.

Das hier, sie zeigt aus dem Fenster, das hier sei ihre Heimat. Sie sei zufrieden, auch wenn sie nicht viel Geld verdiene. Doch mehr brauche sie nicht. Gott hilft ihr, hört und tröstet sie und ja, auch die Schutzengel helfen ihr, sagt sie. Und dann gesteht sie, ein klein wenig verschämt, dass sie sich oft frage, wozu sie eigentlich lebe. Ich sage, weil du ein Lachen zu verschenken hast. Immer wenn ich dich sehe, leuchtest du.

Sie sei eben zufrieden und ich höre das Wort Frieden heraus. Man brauche ja nicht viel zum Leben. Besser als sich grämen oder kämpfen und sich Sorgen machen. Das brauche viel zu viel Kraft. Lieber bleibe sie ruhig, erzähle Gott ihre Sorgen und sei zufrieden. Sie ringt nach Worten. Neununddreißig Jahre lebt sie nun in der Schweiz. Auch wenn sie die Sprache nicht wirklich beherrscht, kann sie sich wunderbar ausdrücken. Sie spricht die universellste aller Sprachen, die des Herzens. Sie strahlt. Nun lachen wir.

Ob sie sieht, dass wir auf gleicher Augenhöhe leben, sie, die Frau mit dem Putzlappen, und ich, die Frau am Computer? Auch wenn sie steht und ich auf dem bequemen Bürostuhl sitze.

Weil wir einfach Menschen sind; sie mit einundsechzig, ich mit fünfzig Jahren Lebenserfahrung im Rucksack.

Auf einmal bin ich ganz ruhig – das Gefühl von Hektik, Hetze, Stress, das schon viel zu lange an mir klebt, fällt von mir ab. Zwar muss ich noch vieles tun (muss ich?), doch ich tue es – nachdem sie gegangen ist und meinen Abfall und mein Altpapier mitgenommen hat – auf einmal ein klitzeklein bisschen anders als vorher. Mit einem anderen Blick auf die Dinge, ihr Wesen und ihre Notwendigkeit.

Baustellen

Eine Welt voller Baustellen. Auf der Straße helfen mir Wegweiser, Tafeln und Ampeln, sie zu umgehen oder unbeschadet zu überleben. Manchmal kommt es so zu Staus. Zu Staus, die sich aber, wenn wir den Engpass hinter uns haben, wieder auflösen. Stau und Auflösung, Problem und Lösung … wenn Leben doch überall so einfach wäre.

Ich sag nur: Technik! Und packe ein kleines Puh mit Ausrufzeichen obendrauf. Am Donnerstag wars. Im Büro tat mein Handy noch seinen Dienst. Kurz darauf, nach dem Tanken vor der Fahrt nach Deutschland, schrieb ich dem Liebsten munter und vorfreudig, dass ich gleich losfahren und in etwa dreieinhalb Stunden bei ihm sein würde.

So weit so gut. An der Grenze, die ich wie immer bei Basel querte, war mein Handy ein erstes Mal abgestürzt. Nun ja, kann ja vorkommen. Als ich zweieinhalb Stunden später, in einem elsässischen Wald, pinkle, ist das Handy tot. Lässt sich nicht mehr anschalten noch laden. Das Uralthandy mit der deutschen Karten geht zum Glück noch, denn ehrlich: so ohne funktionierendes Handy fühlt man sich ja schon irgendwie nackt und verletztlich. Ich Pechvogel aber auch.

Irgendlink hat mir schon vor einer Woche einen Ersatzakku bestellt, den er am Abend ins tote Handy einbaut, so dass es wieder läuft- Eine Reanimation, die nicht wirklich so viel bringt. Der nächste Absturz ist nah – das Handy stürzt ab, startet neu, stürzt ab … da capo al fine. Kurz und gut: Das Teil ist ohne Reparatur nicht mehr zu gebrauchen. Auch nach gründlichem Putzen aller Schnittstellen nicht. Vermutlich die Nachwirkungen des sommerlichen Reussbades, das ich glimpflich überlebt geglaubt hatte. Sagt auch der Apfeldoc, den wir aufsuchen und der uns für teuer Geld einen neuen Akku samt Ultraschallreinigung aufnötigen will. Ich sage nein, ist doch das Handy schon ein paar Jährchen alt. Und vielleicht können wir − heißt Irgendlink, der Problemlöser vom Dienst − es ja doch noch selbst sauber bekommen?

Am Freitagabend kommt Journalist F. zu Besuch. Zeigt sein neues Handy vor. Sein altes iPhone, ein neueres als meins, sei ihm runtergefallen, gehe zwar noch, bräuchte aber ein neues Display. Ich könne es bekommen, gratis, müsse mir aber ein neues Display drauftun lassen.

Juhu! Wir holen es am Samstag ab. Der Display-Reparaturservice-Mann bei Mister Minit kann aber samstags nicht und so fahren wir mit dem kaputten Teil zurück auf den Hof. Nun gut, so schlimm ist das nicht, konfigurieren kann ich es ja auch so. Und mit Tesafilm überklebt sind die Risse auch nicht mehr so gefährlich für die Fingerspitzen. Sieht eigentlich sogar ziemlich witzig aus. Wäre da nicht dies doofe NanoSIM-Karte gefragt, wäre alles ein Kinderspiel. Wir schnippeln meine Schweizer Microkarte zurecht, bis sie fast zu klein ist. Aber Handy2irgendwie habe ich irgendwannalle gebackupten Daten auf dem Handy und bin einfach nur froh, ich Glückspilz ich.

Nun ja, jene Phase, als es eine Weile lang so ausgesehen hatte, als hätte ich meine SIM-Karte unrettbar mit der Schere zerstört, war schrecklich. Wie sollte ich ein paar Tage ohne funktionierendes Handy leben? Undenkbar! Ich gestehe, dass dies doch eine ziemlich erschütternde Erkenntnis war. Diese Abhängigkeit von Dingen wie Erreichbarkeit, Kommunikation, allzeitbereitem Foto-, Twitter- und Blogapparat … Handy1

Wie gesagt: Baustellen überall. Wie schön es wäre, wenn ich mich endlich und überall endlich selbst wieder eingeholt hätte. Wenn ich mich selbst synchronisieren könnte − wie das Handy dank Backup auf dem Rechner. Und wenn ich nicht immer das Gefühl haben müsste, mir hinterher zu sein, ohne Hoffnung auf Einholen. Bei der Arbeit im Büro ebenso wie bei all den Projekten, an denen ich sonst noch so arbeite. Endlich ankommen. (Notiz an mich: Und dann? Und gleich noch eine Notiz: Wie viele Baustellen verträgt ein Mensch ohne krank zu werden? Oder zumindest, ohne die Übersicht zu verlieren?)

Baustellen. Eine gibt’s übrigens auf Pixartix, dem Bilderblog, wo ich heute meinen Drei Bilder-Zyklus gestartet habe.

Jung und alt und die Sache mit den Vorurteilen

kürbisqueenMein Kopf ist zum Bersten voll.
Mein Herz will Leere.
Will Stille. Will ankommen, will bei mir ankommen.

Kotzen wäre eine Option. Kann ich aber nur, wenn ich muss. Wenn es muss. Fällt somit als Lösung weg.
Schreiben mag ich lieber.

Alles fing ja an, als Zerfall und Tod für böse und schlecht erklärt wurden. Nicht, dass da jemand aufgestanden wäre und gerufen hätte: Wehret dem Zerfall! [Geht ja nicht. Wissen wir alle. Tun wir aber dennoch.] ES kam ganz langsam. ES? Wissen kann ich ES nicht nennen. Erkenntnis auch nicht. Das wäre sonst so, als wäre ES wahr. Als wäre ES richtig.

Unser ES ist also eher eine Art Vorurteil und wie die meisten Vorurteile eine der vielen Schwestern von Herrn Angst (oder Frau Angst, wenn dir das lieber ist).

Zerfall also. Älterwerden ist auch so was. Der Zerfall des eigenen Lebens. Die Zersetzung des eigenen Körpers. Ja, den gibts. Der findet statt. Langsam zwar, aber letztlich unaufhaltsam. Big buisness. Da muss man doch was gegen tun, sagen sie. Da muss man doch.

So wird aus etwas Normalem, Natürlichen, mirnichtsdirnichts ein Krankheitsbild. Und ja, das war früher besser. Früher, als die Menschen, unsere noch mit der Natur leben statt gegen sie. Und heute? Orangenhaut bei Frau Angst und Glatze bei Herrn Angst? Böse! Müssen weg! Muss man was gegen tun! Geht so gar nicht! NO GO! In Großbuchstaben und mit viel zu vielen werbewirksamen Ausrufezeichen. Frau Meike hat neulich ein paar sehr-sehr-seeehr lesenswerte Zeilen über das Böse und wie wir es lieber mit lauten Sätzen zersetzen und tabuisieren als ihm mit klaren Worten, Mut und Offenheit zu begegnen (bitte lesen!).

Vorverurteilen und Verurteilen sind so viel einfacher als Nachdenken. Verstehen wollen ist der Schlüssel. Verstehen heißt nicht gutheißen noch in die gleiche Kerbe hauen. Verstehen aber hilft dabei, der Angst, die da ist − vor den Flüchtenden, vor der Arbeitslosigkeit, vor der Einsamkeit, vor Krankheiten, vor dem Alter, vor der Altersarmut − zu begegnen. Die Angst, die hinter der Angst steht, ist unsere Matrjoschka. Sie zieht immer noch eine Angst aus dem Ärmel und am Schluss haben wir vergessen, wovor wir eigentlich Angst hatten; wir sind selbst Herr oder Frau Angst geworden.

Mag sein, dass ich das Alter noch zu wenig gut kenne, um darüber zu reden, denn *hüstel* mit fünfzig ist man ja noch nicht alt. Dieser Satz ist falsch, denn noch nicht alt zu sein impliziert, dass man ja zum Glück noch jung sei. Die Gleichung ist einfach: jung = gut, alt = böse. Oder wenigstens weniger gut. Wegen des Zerfalls. Ihr wisst schon. Da capo.

[Dass ohne Zerfall und ohne Endlichkeit Leben auf diesem im Grunde wunderbaren Planeten gar nicht möglich wäre, steht nicht wirklich zur Diskussion. Das setze ich bei meinen LeserInnen als Basis voraus.]

Die alterslose Gesellschaft, sagte der Liebste neulich, das ist es, was uns gut täte.
Nicht nur alterslos − also das Alter wertfrei betrachtend − müsste die Gesellschaft sein, auch geschlechtsneutral (nicht der Mensch als solcher, nur die Gesellschaft und ihr Wertesystem) und frei von Rassedenken. Nein, nein, ich träume nicht von Einheitsbrei. Grau und braun haben wir genug. Nur das: Dinge, die sind, wie sie von Natur aus sind, sollten wir nicht bewerten. Den Menschen sich selbst sein lassen. Wie heute Frau Kaiserin schrieb. Über ihre Tochter, die einfach da ist und sie glücklich zu sein lehrt (bitte lesen!)

Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Schritt in diese Richtung. Es spricht davon, Arbeit und Entlöhnung anders zu bewerten, Wichtigkeiten neu zu definieren.

Irgendwie wars ja heute kurz zum Kotzen im Büro. Das von meiner Vorgängerin geerbte Chaos ist nämlich noch längst nicht gesichtet. Jedenfalls nicht in den geerbten Personaldossiers, die durch ihre Unvollständigkeit glänzen. Das muss Priorität haben, sagt die Schulpflegerin, die neue, die heute das Chaos sehen wollte. Baustellen habe ich mehr als genug. Dazu das ordentliche Tagesgeschäft eines Schulbetriebes. Das Hamsterrad muss doch am Laufen gehalten werden. Nun ja, ich habe andere Prioritäten als sie.

Ausschnitte. Wir alle sehen immer nur die Ausschnitte, die gerade mit uns zu tun haben, denke ich, als ich endlich wieder allein im Büro bin. Alle sehen vor allem ihren Ausschnitt des ganzen Bildes. Und, in meinem konkreten Fall, wollen natürlich alle, dass ich an genau der von ihnen fokussierten Baustelle schufte. Geht nicht. Nicht alles. Nicht gleichzeitig jedenfalls. Gut, dass der Scheff mich da unterstützt.

Warum tun wir uns das an? Weil wir die Kohle brauchen. Ja, klar. Aber doch auch, weil Arbeit die gesellschaftlich anerkannte Vorlage für wertvoll ist.

Nein, ich bin nicht gegen Arbeit, gar nicht. Ich arbeite gerne. Besonders dann, wenn ich jene Dinge tun kann, die ich tun will. Die notwendig sind. Die ich als sinnvoll erachte. Die mir wichtig sind. Die in sich selbst wertvoll sind. Die Inhalte, meine ich, nicht das Ding Arbeit. Das Objekt. Und nein, ich bin noch nicht mal grundsätzlich dagegen, Dinge für Geld zu tun. Nicht jedenfalls solange, wie ich nicht damit anfange, Zeit gegen Geld aufzuwägen. Und Freundschaftsdienste für Geld zu tun. Oder Dinge für FreundInnen nicht mehr zu tun, wenn ich kein Geld dafür erhalte.

Wie wohl hat es mir deshalb getan, vorhin diesen wunderbaren Artikel über Annelie zu lesen. Zeit ist ein kostbares Gut. Sie mit Nichtstun zu verschwenden ist wunderbar. Und mit Geschichten noch wunderbarer.

Ach, und das Alter? Nun, über dieses Thema ist noch längst nicht zu Ende geschrieben …

Zwiespältig

Wie so oft, schaffe ich es nicht, pünktlich aus dem Haus zu gehen. Es ist bereits wieder zehn nach neun Uhr, wie ich heute Morgen das Büro betrete. Macht aber nichts. Ich erlaube mir das, zumal ich ja auch selten exakt Punkt sowieso das Büro wieder verlasse. Und wenn jemand angerufen haben sollte zwischen neun Uhr und zehn nach neun hat sie eben Pech gehabt und das Band volltexten müssen. Schließlich bin ich keine Maschine. Und heute Morgen hat mal wieder alles länger gedauert. Vor allem das twitterlesen. Kann ich doch nichts dafür.

Außerdem hatte ich wieder so eine seltsame Nacht, in der ich weder schlief noch wach gewesen war. Gedanken blitzten durch den Kopf, auch wenn es kein wirkliches Nachdenken war. Eher ein Zuschauen. So sah ich das Buch vor mir, das ich für meine Zeitschrift besprechen muss darf muss. Eigentlich ein spannendes Thema, das mich hautnah betrifft: Die Wechseljahre. Aus ganzheitlicher Sicht. Vieles, was die Autorin schreibt, ist wirklich sehr toll. Aber ein paar Sachen darin mag ich nicht. Was überwiegt, weiß ich noch nicht.

Was ich nicht mag? Das Frauenbild, das die Autorin vermittelt. Die Doppelbotschaft ist es, die ich nicht mag. Zum einen höre ich sie schreiben: Hey, Frauen, jetzt kommt endlich die Zeit, wo wir uns nicht mehr anpassen müssen, wo wir endlich zu uns selbst schauen können, wo wir wirklich die sein und werden können, die wir sein und werden wollten! Legt los! Zum andern steht da über Haare färben und das Grau nun wirklich gar nicht geht (wörtlich!). Ich lese über all die Salben, die die reife Haut jetzt braucht, über die richtigen Kuren, die uns dabei helfen schlank zu werden und sexy zu bleiben. Halt so Quatsch wie in Frauenhochglanzmagazinen, nur ein bisschen auf spirituell getuned. Außerdem ist mir die Sprache für die teils doch recht sensiblen Inhalte zu salopp. Das kommt bei mir anbiedernd an. Vermutlich will die Autorin jene Frauengruppe anzusprechen, die eben noch nicht Was-auch-immer ist. Erlaucht oder so.

Doppelbotschaften mag ich eh nicht. Vermutlich weil ich mich in ihnen erkenne. Weil das ganze Leben aus Doppelbotschaften besteht. Weil das ganze Leben eine einzige große Ambivalenz ist.

Am Mittag Feierabend. Wochenende. Finitolavoro. Zuhause erwartet mich das neue A-Bulletin, eine tolle, autonome Schweizer Zeitschrift, die es nur gedruckt gibt. Darin wird aus einem Interview von Jens Wernicke mit Fabian Scheidler zitiert (Zum Interview geht’s hier lang). Der Titel spricht mich schon mal sehr an: Die globale Ordnung zerbricht. Das teilweise abgedruckte Gespräch dreht sich um Scheidlers Buch. Auch dessen Titel macht mich neugierig: Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation. Ich lese gebannt über die Ursachen der aktuellen Misere.

Ja, klar, das geht weit zurück. Die Misere ist nicht neu. Ich nicke beim Lesen vor mich hin und auf einmal ist der Gedanken wieder da, der in der letzten Zeit immer hartnäckiger an mir nagt. Die Sache mit dem ersten geworfenen Stein. Mit der Wut, die sich verlagert. Mit all den unlösbaren Dingen. Wie im Film, den ich gestern geschaut habe: Eine junge Muslima will in einem freien deutschen Gymnasium ihren Glauben praktizieren und stößt damit an – trotz der in der Klasse und Schule gelebten Toleranz. (Die Neue, zdf-mediathek)

Mag sein, dass ich jetzt ein bisschen zu weit aushole, wenn ich jetzt oben drauf noch Liza Marklund zitiere.

Zitat aus Paradies. Roman von Liza Marklund.
Zitat aus Paradies. Roman von Liza Marklund.

Was ich sagen will? Es ist der Einzelne, der das Gift in sich trägt. Die Gesellschaft – ob nun kommunistisch oder kapitalistisch, ob religiös oder atheistisch – ist nur immer eine Erweiterung des Einzelnen. Gut, bewusst, klar und nicht korrupt zu leben ist schwerer als unbewusst, achtlos, gleichgültig.

Shit happens.
Ordnung muss man selber machen.

Ich sehe es bei mir. Eigentlich will ich so und so, lebe aber so und so. Schließe halbherzige Kompromisse, weil ich da und dort für dies und das zu faul bin. Wer unter euch nicht, werfe das erste Wort. Es ist wie bei meiner Pyjamahose. Der Stoff über den beiden Knien ist zerrissen. Zigmal geflickt, denn immer wieder reißt der Stoff von Neuem ein.

Wenn ich versuche, in der einen Ecke meines Lebens konsequent und klar zu sein, reiße ich an anderen Ecken Löcher. Ich verlagere. Ich verschiebe. Ich schichte um.

Die Ordnung zerbricht.
Und dann?