#Novemberschreiben23 #NaNoWriMo23 | Tage 13-15

»In mir ist ein tiefes Bedürfnis danach, ganz und gar echt zu schreiben. Ungekünstelt, ohne jegliche Effekthascherei.« Das habe ich am dritten November geschrieben. Inzwischen ist da noch eine weitere Erkenntnis dazu gekommen.

Täglich befasse ich mich mit meiner noch frischen ADHS-Diagnose und dem damit einhergehenden Thema ’Masking’ (maskieren = unbewusste Anpassungsleistung an neurotypische Normen, das von ADHS- und Autismusbetroffenen aus Selbstschutzgründen praktiziert wird.)

Ich realisiere – und erschrecke dabei –, dass die meisten meiner Figuren aus meinen alten Romanmanuskripten ’falsch’ waren. Ich habe mir beim Schreiben eine neurotypische Normalität zusammenfantasiert, in der meine Figuren agieren. In meinem aktuellen Text lasse ich alle Figuren so authentisch wie möglich agieren und es gibt natürlicherweise weit mehr Diversität als ich es früher zu schreiben gewagt und gekonnt hätte.

Von außen sieht vermutlich niemand einen Unterschied, aber für mich ist er gefühlt riesengroß.

Meine persönliche kleine Zählmaschine sieht (als Screenshot) so aus:
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Heutiger Wörterstand: 23’129

Screenshot einer Tabelle mit Listen und Grafiken, die die täglichen Fortschritte dokumentiert.
Screenshot einer Tabelle mit Listen und Grafiken, die die täglichen Fortschritte dokumentiert.

#Novemberschreiben23 #NaNoWriMo23 | Tage 10-12

Ein Update. Wenig Worte, denn die meisten sind heute woanders gelandet. Im Novembermanuskript.

Meine persönliche kleine Zählmaschine sieht (als Screenshot) so aus:
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Screenshot einer Tabelle mit Listen und Grafiken, die die täglichen Fortschritte dokumentiert.
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#Novemberschreiben23 #NaNoWriMo23 | Tage 6-9

Wieder mal ein kleines Update.

Ich bin immer noch unter dem mir vorgenommenen Tagesdurchschnitt. Aber das hier ist ja kein Wettbewerb. Steter Tropfen und so. Außerdem ist der Liebste da und es gibt ja auch noch andere Baustellen. Isso.

Meine persönliche kleine Zählmaschine sieht (als Screenshot) so aus:
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Screenshot einer Tabelle mit Listen und Grafiken, die die täglichen Fortschritte dokumentiert.

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#Novemberschreiben23 #NaNoWriMo23 | Tage 4+5

Die Geschichte hat nun ein Gesicht. Ich schichte Schnipsel auf Schnipsel und konzentriere mich auf das, was mir am besten liegt: Ich erzähle Innenwelten.

Alles andere – wie thematische Feinheiten und Details, Umgebung, Atmosphäre und so weiter – kommt dann bei der Aus- und Überarbeitung dazu.

Außerdem überlege ich, die Personen optisch ganz und gar der Phantasie der später Lesenden zu überlassen. Und womöglich sogar die Geschichte gänzlich ohne geografische Anbindung zu schreiben. Weil es um universelle Themen geht.

Dieses Rohfassungschreiben ist einfach so geil. Ich fühle mich sehr frei dabei. Einfach losschreiben.

An einer gestern besuchten Lesung einer Selbstverlegerin ging es in den Gesprächen danach genau auch darum: Der Geschichte Raum geben, sich selbst zu entfalten. Den Figuren Raum geben.

Gestern habe ich am Ende der Schreibzeit falsch gerechnet, respektive mein Libreoffice hat falsch gezählt, so dass ich von einer größeren Wörtermenge ausgegangen bin. Unten die korrigierte Version.

Ich bin noch unter dem mir vorgenommenen Tagesdurchschnitt. Das war bei den früheren Novemberschreiben auch so. Je tiefer ich in der Geschichte gelebt habe, desto länger wurden die Schreibzeiten, meine ich mich zu erinnern. Hoffentlich wird das auch diesmal so sein.

Meine persönliche kleine Zählmaschine sieht (als Screenshot) so aus:
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[EDIT: Jetzt hatte ich doch heute Nachmittag die falsche Grafik eingestellt. Soeben korrigiert. Sorry.]

Screenshot einer Tabelle mit Listen und Grafiken, die die täglichen Fortschritte dokumentiert.
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#Novemberschreiben23 #NaNoWriMo23 | Tage 2+3

Erkenntnisse über das Schreiben an sich und den Schreibprozess:

In mir ist ein tiefes Bedürfnis danach, ganz und gar echt zu schreiben. Ungekünstelt, ohne jegliche Effekthascherei.

Ich kann gut Innenwelten schreiben, mittelgut Dialoge und ziemlich schlecht Handlung vorantreiben.

Heute bin ich gut vorangekommen. Tagesziel erreicht.

Meine persönliche kleine Zählmaschine sieht (als Screenshot) so aus:
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#Novemberschreiben23 #NaNoWriMo23 | Tag 1

Endlich ist es November, endlich ist Novemberschreiben, auch NaNoWriMo genannt. Das ist die amerikanische Abkürzung für National Novel Writing Month und aus dem National ist längst ein International geworden.

Auch wenn ich dieses Jahr ganz allein für mich mitmache, so ist es doch auch die Verbundenheit mit anderen Schreibenden auf der ganzen Welt, die mich motiviert.

Hier im Blog erzähle ich ab und zu, wie es mir mit dem Schreiben geht. Ob es fließt, ob es staut. Ob ich voran komme, stagniere, mir die Ideen ausgehen oder mich überfluten …

Der Anfang war zäh. Zwar sehe ich die Figuren, ich fühle sie. Ich habe sie vor mir. Aber wie bringe ich sie ins Spiel, in die Handlung? Der Gedanke, dass es keine Zensur gibt, dass mir niemand über die Schulter guckt, dass das alles nur superprovisorisch ist, hat mir enorm geholfen. Dazu weiß ich inzwischen, dass die meisten Buchanfänge am Schluss neu geschrieben werden. So jedenfalls geht ein Schriftsteller*innen-Gerücht.

Anfänge sind zum Warmschreiben. Zum Reinkommen in die Geschichte. Und ja, da bin ich dann doch moch gelandet. In die Geschichte reingekommen.

Dennoch war der zähe Anfang, das Herumsuchen, das Herantasten wichtig, um ein Gefühl für die Geschichte zu bekommen.

Ich habe mein Tagesziel erreicht. Aber jetzt bin ich für heute leergeschrieben. Hoffentlich wächst die Geschichte über Nacht nach und morgen weiter.

Meine persönliche kleine Zählmaschine sieht (als Screenshot) so aus:
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Screenshot einer Tabelle mit Listen und Grafiken, die die täglichen Fortschritte dokumentiert

Novemberschreiben 2023

Vor siebzehn Jahren habe ich das erste Mal bei einem Novemberschreiben mitgemacht. Boah. Ich glaube, es waren drei oder vier Jahre in Folge, in denen ich mitgeschrieben hatte. Mindestens zweimal habe ich die 50’000 Wörter geschaft. Was ich auch unserer damaligen Schreibgemeinschaft verdanke. Wir hatten damals ein sehr aktives Schreibforum. Außerdem gründeten wir Bernerinnen und Berner schon im ersten Winter eine Schreibgruppe, die Institution, Forum und Schreibszene sogar überdauert hat. Erst die Pandemie und auseinanderdriftende Bedürfnisse haben die Gruppe schließlich aufgelöst. Die freundschaftlichen Kontakte bestehen zum Glück weiterhin, wenn auch eher punktuell.

Sich gemeinsam zum Schreiben zu motivieren, über Schreibtechnisches und Literaturspezifisches auszutauschen, über Handlungsstränge und fiktive Figuren zu fachsimpeln, fand und finde ich noch immer eins der besten Dinge. Ein roter Faden durch mein Leben.

Zwar habe ich, trotz mehrerer fast fertiger Manuskripte noch nie den Mut für eine Roman-Veröffentlichung gehabt, doch die eine oder andere Kurzgeschichte und viele Artikel in virtuellen und Printmedien wurden seither publiziert und viele Fallgruben aus den Anfangsjahren sind bekannt.

Doch wie sieht es denn inzwischen überhaupt bei mir aus? Habe ich noch etwas zu erzählen? Warum schreibe ich eigentlich keine fiktiven Texte und keine Geschichten mehr, wo das doch für mich so eine wichtige und beglückende Tätigkeit ist? Fragen, die ich mir in letzter Zeit immer wieder gestellt habe. Fragen, die nun in der Entscheidung gemündet sind, mit all dem Gelernten und Erfahrenen nochmals neu in den Schreibsee zu springen und einfach drauflos zu schreiben. Die innere Zensorin zu ignorieren. Schreiben, als gäbe es kein Morgen …

Einen Monat lang meinen diesjährigen 50’000 Wörtern, die zu einem Novemberschreiben/Nanowrimo gehören, auf die Spur kommen. Sie aus mir heraus lassen. Den Geschichten Platz machen und den inneren Ideen lauschen.

Ja, ich bin bereit. Sowas von.

Auf der Suche nach einer Zählmaschine habe ich mich vor einigen Wochen auf der offiziellen amerikanischen NaNoWriMo-Webseite angemeldet. Das dortige Forum erschloss sich mir leider nicht und als ich feststellte, dass diese Seite vom großen A. gehostet wird, meldete ich mich wieder ab.

Gestern habe ich stattdessen auf Etsy ein Statistiktool, eine komplexe Tabelle mit Grafiken, gekauft und heruntergeladen, damit ich ab nächstem Mittwoch meine Schreiberfolge dennoch dokumentieren kann. Meine eigene Zählmaschine sozusagen, so als kleine Motivationshilfe. Diesmal schreibe ich also ohne Zahlen-Vergleich mit anderen Schreiberlingen. Ich hoffe, ich kann mich trotzdem motivieren. Irgendwann wird eh die Geschichte den Motivationspart übernehmen.

Ich freue mich auf den Flow, der hoffentlich nicht auf sich warten lassen wird.

Diversität, so wichtig

Wie ist das jetzt eigentlich mit dieser neuen Etikette mit den vier Großbuchstaben an meiner linken Zeh, was macht sie mit mir? Obwohl ich insgeheim schon längst geahnt hatte, dass ich ein ADHS-Hirn habe, ist es doch irgendwie anders, diese Diagnose endlich hochoffiziell zu wissen. Auch wenn Diagnosen letztlich nur Werkzeuge, nur Hilfsmittel sind, um uns Verständnis für unsere Verschiedenheiten, unsere Diversitäten zu verschaffen.

»Es gibt keine zwei Gehirne, die sich gleichen. Menschen denken unterschiedlich und stellen auf verschiedene Weisen Bezug zur Welt her. Was ist Neurodiversität, und wie gehen wir damit um?«, fragt André Frank Zimpel, Psychologe und Professor mit dem Schwerpunkt ’Lernen und Entwicklung’. Er fragt es in einem Podcast, den neulich Herr Buddenbohm in seinem Blog empfohlen hat.

Neurodiversität | Zwar anders, aber völlig richtig im Kopf

Bei dieser Podcastfolge handelt es sich um einen Vortrag, den Zimpel am 3. April 2023  im Rahmen der ’Vorlesung für alle’ der Uni Hamburg im Dialoghaus Hamburg gehalten hat.

Er vergleicht das menschlich Gehirn mit Schneeflocken. Von weitem sehen sie alle gleich aus, aus der Nähe betrachtet ähnelt keins dem anderen. »Wir können mit wissenschaftlicher Sicherheit sagen, es gibt keine zwei Personen, deren Gehirn sich gleicht. Und das ist die Grundlage für Neurodiversität.«

André Frank Zimpel ist Psychologe, Erziehungswissenschaftler und leitet das Zentrum für Neurodiversitätsforschung in Hamburg Eppendorf. Dort erforscht er mit seinem Team, wie unterschiedlich Menschen denken, lernen, wahrnehmen oder Probleme lösen. »Neurodiversität überfordert unsere Gesellschaft oft, hauptsächlich die Menschen, die es betrifft, aber auch die Umgebung, wenn Neurodiversität nicht erkannt wird und nicht verstanden wird.« (Ich zitiere hier die Podcast-Webseite des Deutschlandfunks Nova (Hörsaal), wo der Podcast direkt gehört werden kann.)

Dass wir alle auf ganz verschiedene Weisen der Welt begegnen, ist an sich kein Problem. Doch […] unserer Gesellschaft orientiert sich in vielen Hinsichten an der Gruppe der so genannten ’neurotypischen’ Menschen.

Er erzählt von sich als Synästhesie-Betroffenem und spricht das Bilddenken an. Ich höre zu und weiß ganz genau, wovon er spricht. Ja, hier geht es um Menschen wie mich und um meinesgleichen. Mit vielen anschaulichen Beispielen illustriert er, was ich genau verstehe. Wie unterschiedlich Lernen sein kann. Und wie wichtig es ist – für uns alle, insbesondere aber für Eltern und Lehrende –, diese Unterschiede zu kennen und zu verstehen, denn wenn es um Schule und Erziehung geht, passt das klassische Schema des Unterrichtens und Lernens für viele Menschen nicht. In den regulären Schulen sind Unterricht und soziale Erwartungen vor allem an Sprache orientiert. In Förderschulen ist jedoch der Anteil von Kindern, die stark bildbezogen denken, besonders hoch. Das gleiche gilt für die Gruppe der Hochbegabten, auch bei ihnen dominiert das Bilddenken. Das sollte uns zu denken geben, sagt Zimpel.

»Wenn Neurodiversität ignoriert wird, dann haben wir viele Probleme. Immer wieder stellen wir fest, dass wir keine Lernbehinderung oder keine geistigen Behinderungen vorfinden, sondern dass wir Menschen haben, die einen anderen Bezug zur Welt herstellen«, so Zimpel und illustriert, wie anders zum Beispiel gerechnet wird, wenn sich jemand die Welt über Bilder erschließt.

Wenn wir mehr Diversität zulassen, wenn […] Schulen sich auf unterschiedliche Lernwege einstellen, führe das auch zu größeren Lernerfolgen. Bei seinen Studien stellten sie immer wieder fest, dass Menschen mit verschiedenen Syndromen – ADHS, Lese-Rechtschreibschwäche, Trisomie 21 oder Dyskalkulie – keine Lernbehinderung oder geistige Behinderung hätten, sondern einen anderen Bezug zur Welt herstellten.

Diversitäten sind von der Natur vorgesehen, Diversitäten sind wichtig, ohne sie leidet das Gleichgewicht. Wir Menschen sind unglaublich unterschiedlich und genau das macht uns reich. Und auch die nichtmenschliche Natur ist divers. Und das soll auch so bleiben.

Darüber erzählt die Biologin und Autorin Jasmin Schreiber in ihrem Artikel Ecological Grief, oder: das Unfassbare fassbar machen.

Jasmin erzählt, wie wir biologische Vielfalt besser verstehen können. Ein Artikel, der sehr grundlegende Themen anschneidet und den ich hier herzlich gern weiterempfehle.

Wie ein sich ausbreitender Tintenfleck

Mir ist richtig elend zumute. Ein umfassendes ’Alles geht den Bach runter’-Gefühl von beinahe misantropischer Hoffnungslosigkeit erfüllt mich. Was für eine Welt, in der eine dumpfe Mehrheit lieber konservativ und rechts wählt (Hessen, Bayern), statt sich dem Neuen zu öffnen, dem Aufbruch zu widmen. Ich befürchte, dass es in der Schweiz in weniger als zwei Wochen so ähnlich aussehen wird.

Das Bild eines sich immer mehr ausbreitenden Tintenflecks drängt sich mir auf. Eine leicht beeinflussbare Masse. Erinnerungen an den Geschichtsunterricht. An die Zeit zwischen den Weltkriegen, die Zwanziger- und Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts. Eine verunsicherte Masse, die irgendwann zur Mehrheit wurde. Demokratie, die gezielt mit Feinbildern destabilisiert wird. Wiederholt sich alles?

Nein, ich werde jetzt keine Politanalyse verfassen, das überlasse ich anderen Menschen, die das besser können.

Mir bleiben Traurigkeit und Wut. Und Fragen: Was kann ich konkret tun? Was liegt in meiner Macht? Meine geringen Einflussmöglichkeiten sind mir sehr bewusst. Außerdem werden die Menschen, die ich kenne, richtig wählen; und die Menschen, die ich nicht kenne, kann ich eh nicht erreichen. Also bleibt der Alltag. Rückgrat bewahren. Klar sein. Widersprechen, wo ich kann. Nicht mit Nazis diskutieren, das nicht. Aber vielleicht dort, wo Menschen unsicher sind, Einfluss nehmen.

Sind wir insgesamt genug, die das alles so nicht wollen, nicht den Zerfall der Demokratie, nicht diese Fremdenfeindlichkeit, all diese Ismen, die Minderheiten, Menschengruppen, Eigenschaften zu Feinbildern stilisieren. Sind wir genug, sind wir noch mehr, sind wir noch viele?

Und da hinein noch eine weitere Schreckensbotschaft. Ein lieber Freund hatte einen Herzinfarkt und liegt auf der Intensivstation. Er ist jünger als wir zwei. Er hat es wohl gerade nochmal geschafft und ist dem Tod von der Karre gesprungen. Hoffentlich.

Geht das jetzt immer so weiter mit diesen häufiger werdenden Einschlägen, während wir alle älter werden? (SPOILER: Ja.)

Mir ist schlecht.

Über das Älterwerden

In vielerlei Lebensbereichen stelle ich fest, wie ich mich verändere. Nicht dass. Dass wir uns ständig verändern, ist ja keine Frage. Ich denke über das Wie nach und über das Was.

Wie heißt es so schön? Was an neuer Musik nach 40 dazu kommt, bleibt nicht mehr hängen. Na ja, das gilt natürlich nicht nur für Musik. Es gilt für alles. Wobei 40 natürlich eine Variable ist. Bei mir ist – nicht nur in Sachen Musik – zwischen 40 und 50 nochmals richtig viel Neues dazugekommen. Es war ein Mich-einfinden-in-meinem-eigenen-Geschmack. Manches flog raus, das nicht passte, nicht mehr passte, eigentlich nie gepasst hat.

Manches blieb und wuchs. Gucken wir uns mal meine Lieblingsrockband an. Ihr ist schon vor einer Weile der Sprung in die oberste Liga (schweizweit zumindest) gelungen. Ihre Tickets kann ich mir längst nicht mehr leisten. Das letzte besuchte Konzert war nahezu am Vorabend des Lockdowns. Dann die neue CD. Die Musik hat mich weit weniger berührt als die auf den Platten davor. Die Band geht neue musikalische Wege. Abhandengekommen sind mir dieser Geschmack von wilder Jugend und dieses Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammenälterwerden.

Ein bisschen fühle ich mich ja schon abgesägt, abgehängt, dabei hat die Band ganz einfach den Sprung zur jüngeren Generation der Fans vollzogen – sich weiterentwickelt und angepasst. An den Konzerten – früher, damals, als ich es mir noch leisten konnte – war das Publikum bunt gemischt, bestand halb aus Menschen meiner Generation wie die Band selbst, halb waren es deren Kinder … Der Funke ist von Generation zu Generation weitergesprungen, die Jungen haben aufgeholt. Sie machen mit beim Wettrennen um die Tickets, die ein halbes Jahr vorher – exakt auf Zeitpunkt terminiert – angeboten werden und innert Minuten ausverkauft sind. Ich mag da nicht mehr mitmachen. Das ist nicht mehr meine Welt.

Das ist nur ein Beispiel, eins von vielen Dingen, denen ich anmerke, wie sich in mir drin dieser Wandel vollzieht. Bewusst und unbewusst. Inhaltlich und strukturell. Laufende Prozesse.

Ich muss inzwischen nicht mehr alles verstehen und ich vermutlich bin jetzt eine von denen, die ich früher als alt wahrgenommen habe. (Auch wenn jetzt Ü70-Jährige bestimmt schmunzeln und meine noch nicht mal sechzig Jahre als geradezu jung empfinden.)

Das mag vielleicht eher sentimental oder traurig, nach Abgesang, klingen, doch ehrlich, ich empfinde es durchaus nicht grundsätzlich negativ. Eher wie eine Befreiung. Ich muss nicht mehr … Ich muss immer weniger.

So langsam kommen wieder Dürfen und Wollen in mir auf. Mich weiterentwickeln will ich gern. Aber nicht mehr in Richtung Mehr-Größer-Höher, sondern eher in die Tiefe. Und nur noch bei manchen Themen und Fertigkeiten. Bei allem mitreden muss ich nicht mehr.

Dass sich die Welt und unser aller Lebensgefühl in den letzten vier Jahren krass verändert hat, ist natürlich nicht ohne Einfluss auf mich und meine Prozesse geblieben. Alles beeinflusst uns, alle beeinflussen sich gegenseitig – auf die eine oder andere Weise. Gesellschaftliches, Persönliches, Politisches – alles ist dich miteinander verwoben. Niemand ist eine Insel.

Manchmal stelle ich mir das ganze Leben wie ein  sehr großes Tetris-Feld vor. Und die Klötzchen, die es zu stapeln gilt, sind all die Dinge, die uns bewegen, sind all Menschen, die uns begegnen, sind die Gedanken, die wir uns machen und die Gefühle, die wir empfinden … manches passt, manches sperrt sich in uns.

Unsere Herausforderung besteht darin, in uns drin die zu uns passende, uns im Wesen ausmachende Ordnung zu finden. Und den Frieden damit, ja, den auch.