getroffen

Es ist Herbst. Sie schießen wieder. Männer! Männer und Motoren! Männer, Motoren und Straßen. Kann das gut gehen?  … in solchen Klischees zu baden, meine ich natürlich … 😉

Nichts böses ahnend, radle ich meine Straße entlang. Richtung Büro. Der erste Schuss trifft mich am Unterschenkel. Gleich darauf einer am rechten Knie. Hey, Mann, pass doch auf!, sage ich. Hören tut er mich nicht. Er trägt Ohrenschützer und ist sich der Gefahr, in der seine Mitwelt schwebt, höchstens am Rand bewusst. Er fräst in Gedanken versunken weiter, ungeachtet der spitzen Steine, die er aufwirbelt. Die Motorsense, mit der er den Grasstreifen zwischen Straße und Radweg bearbeitet, zwischen den Beinen. Potenz der etwas anderen Art. Eben so doof, diese Erfindung, wie der Laubbläser. Als ob es effizienter wäre, mit Luft Laub zu stapeln, als mit einem Laubrechen. Beppo, Momos Straßenkehrer, kommt mir in den Sinn. Schritt – Atemzug – Besenstrich. Und auf einmal ist die ganze lange Straße gekehrt.

Geihts no?, frage ich. Nicht den mähenden Mann von der Straße, nein, doch die Männer, die in solchen Dingen das Sagen haben. Denn das müssen Männer sein. Geihts no? Da reden alle von Klimaerwärmung und C02-Senkung, doch unter dem Strich tun sie nicht. Tun wir nichts. Null Komma gar nichts, wie meine Arbeitskollegin M. bei jeder unpassenden Gelegenheit sagt. Dabei wäre es a.) gesünder, b.) klimaverträglicher, c.) ungefährlicher und d.) lärmfreier, wenn die Männer vom Straßendienst statt Motorsensen richtige Sensen gebrauchen würden. Und, wo wir dabei sind, auch gleich richtige Laubrechen statt den Bläsern. Und natürlich würden wir alle mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren!

Geihts no? – Auch so ein Ausdruck, der zum Grundwortschatz potentieller Bernheimsuchender gehört. Und auch ‚geihts no?‘ ist – wie äuä – multifunktionell. Siehe gestern. Es heißt sowohl ‚Spinnst du?‘ als auch ‚Danke! Was für eine schöne Überraschung! Damit hätte ich nicht gerechnet!‘ Die eigentliche Bedeutung lässt sich nur am Klang heraushören. Und am Glitzern der Augen.

Ja, ja, Bern und seine sprachliche Besonderheiten!

Ach, und übrigens … Hier gibt es ihn noch, den Majestatis Pluralis, den der Rest der Welt als ausgestorben betrachtet! Chöitr mr säge, wo‘s düregeiht zum Bahnhof?, fragt jemand einen ortskundigen Menschen, wenn er sich verirrt hat. Nicht ‚können Sie mir …?‘, sondern ‚könnt ihr mir …?‘. Niemand sagt hier Sie. Höfliche Anrede gleich Ihr.

Dennoch … ich mag natürlich auch viele andere Dialekte. Büündnerdütsch zum Beispiel. Oder wolliserdütsch, obwohl ich davon höchstens die Hälfte verstehe und bei ‚schi chuunt ai‘ an englisch denken muss, obwohl das bloß bedeutet, dass sie auch kommt. Lozärnerdütsch mag ich ebenfalls mit seinen rüdig-derben Ausdrücken.

Mit baaseldiitsch und den Ostschweizer Dialekten habe ich wenig am Hut, obwohl ich ganz liebe Freundinnen und Freunde, die so sprechen, habe.

Doch auch bayrisch gefällt mir, denn so spricht Luisa. Dann mag ich auch schwäbisch. Pfälzisch. Hamburgisch. Berlinerisch. Hach, diese Vielfalt! Gut hinhören, mit dem Herzen! … und auf einmal wird jede Sprache zur Offenbarung. Und zur Übung in Toleranz.

Na ja, Toleranz hin oder her: Wäre es denn nicht einfach schöner, die Berner Straßenkehrer hätten richtige Sensen und Laubrechen?

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EDIT: Eben als ich vorhin auf Veröffentlichen geklickt habe, ging draußen der Lärm los. Na? Was wohl? Das Gärtnerteam bläst Laub! *grmpf*

Phase 4

Am liebsten mag ich Phase 3. Alle sind müde, entspannt, die Zungen schwer, die Gedanken dickflüssig. Nach dem dritten Grappa schimmert  bei mir ein wenig Vernunft durch. Genug! Muss ja noch fahren, nuschle ich, staune dabei von neuem, wie viel meine eher kleine Freundin B., deren Geburtstag wir feiern, tanken kann. Und dabei noch immer relativ grad in der Landschaft stehen. Sollte es mich beunruhigen, wie viel ich selber tanken kann? Okay, aus genannten Gründen bin ich – irgendwo in Phase 2 – nach drei Gläsern Rotem zu Sauser übergegangen. Na ja. Trotzdem.

Phase 1. Ankommen. Mich irgendwo an der Peripherie bewegen. Da und dort grüßen. Anstoßen. Wie geht’s auch? Die meisten kenne ich ein wenig. Wir sehen uns alle Jahre wieder an B.s Festen. Same time, same place. Kleine Gespräche sind nicht wirklich mein Ding, überspringen kann ich diese Phase trotzdem nicht. J., B.s Nachbar, sieht sich als genialer Sprücheklopfer. Gut. Dann ist ja für – wenn auch eher zweifelhafte – Unterhaltung gesorgt. B. und ich zwinkern uns unauffällig zu. Leute kommen, andere gehen. Ach, sieht man dich auch mal wieder. Ich beobachte. Rede wenig. Schnappe mir ein paar Häppchen, um den Wein innen drin aufzutunken.

Phase 2. Wir sitzen am Tisch und da und dort entspinnen sich erste spannende Gespräche. Kleine Fenster werden geöffnet. Ich höre zu. Nehme Teil. Sage auch ein paar Sätze. Gehe auf der Spirale ein bisschen weiter nach innen. Oha,  I., ein feiner Kerl, der durch Abwesenheit glänzt und E.s Freund, wurde am Donnerstag von der freiwilligen Katastrophenhilfe nach Sumatra beordert. Als IT-Fachmann sei er da sehr gefragt. Um zehn Uhr morgens erhielt er den Anruf, um zwei Uhr ging das Flugzeug.

Endlich zieht J. ab, mit Frau, Kind und Kegel, denn Little L. ist in R.s Armen eingeschlafen. Es wird gleich viel ruhiger. Auch einige der anderen gehen. B. und ich wenden uns ein wenig von den anderen ab, um über persönliche Dinge zu sprechen. Damit haben wir Phase 3 eröffnet. Später – noch zu viert – diskutieren wir über Lebensträume, Beruf und Berufung, erfüllte Sehnsüchte und die Konsequenzen. Ob es womöglich nicht besser sei, nach Plan B zu leben … Ich habe weder Plan A noch Plan B, gestehe ich. Hatte ich wohl nie. Und schon gar keinen Plan C oder so. Ooops. Dennoch habe ich nicht das Gefühl, nicht gelebt, nicht gewählt zu haben. Vielleicht hatte ich, vielleicht habe ich einfach nur ein paar Plänchen statt grosse Pläne für mein Leben?

Zwischendurch spielen wir Gaga, ein witziges Kartenspiel, das B.s jüngste Tochter T. (7), von E., ihrer Patentante erhalten hat. Ich gewinne ständig, obwohl ich mich absolut nicht anstrenge. Eine simple Strategie: Der Gedanke, dass es mir nichts ausmachen würde, zu verlieren. Ich gehe alle möglichen Risiken ein und gewinne trotzdem. Ooops, doch eine Art Plan? Fatalismus.

Auf einmal sprechen wir über Suizid. Als Möglichkeit. Doch irgendwann nächstens werden wir – vor allem bei solchen Themen – garantiert unter den Tisch fallen. Noch ein Grappa? Okay, aber nur ein ganz kleiner. Muss ja noch fahren. M. nach Hause bringen, den ich ebenfalls seit Jahren kenne, doch keine Ahnung hatte, dass er praktisch um die Ecke wohnt.

Mein Auto fährt wie von allein. Und wie von allein findet mich später der Schlaf. Gut so. Phase 4.

Codes

Habe heute Nacht von Buchstaben geträumt. Dass das Alphabet der Schlüssel zum allem sei. Wenn wir es denn dechiffrieren könnten.

Wie damals als Teenie, als ich eine kleine Jungschar (ist so was ähnliches wie Pfadi) leitete und den Kids Geheimschriften beibrachte, versuchte ich im Traum die jeweiligen persönlichen Codes zu knacken. Ich sollte die Codes meiner Freunde erraten, um so bestimmte Texte übersetzen zu können, die wiederum irgendwelche Gefahren bannen würden. Krimi pur.

Hab mich später, erwacht, gefragt, wie wohl die Codes meiner Freundinnen und Freunde im realen Leben aussehen. Und wie mein eigener? Ist nicht in allem, was ich tue, eine Art Code verborgen, ein Muster, dem ich folge? Dass ich so handle, wie ich handle … all die Alltagsrituale, Vorlieben, Aversionen, Sympathien, Antipathien.

In Krimis werden jeweils die Festplatten der Ermordeten und der Verdächtigen untersucht. Diese PolizeibeamtInnen – und natürlich auch alle HackerInnen  – müssen ganz schön Ahnung von Psychologie haben! Wie tickt dieser Mensch?, fragen sie sich, während sie an der Festplatte rumbasteln. Was der wohl für ein Passwort hat? Dann die ganze Auslegeordnung …

Wie schnell wäre ich selbst wohl dechiffriert? Wie schnell würde jemand meine Passwort-Datei finden? Gibt es in der virtuellen Welt überhaupt noch Geheimnisse? Der gläserne Mensch. Und so. Und wäre ich, trotz meiner scheinbaren Transparenz, wirklich so leicht zu durchschauen? Zu verstehen? Wo ich mich doch oft genug selber nicht verstehe, meine ich.

In jenem Traum, so fällt mir jetzt weiter ein, verfasste ich ein Who-is-who über die wichtigen Menschen meines Lebens. Als Werkzeug um die Codes zu finden. Es galt, das unbewusste Muster, das hinter der ebenso unbewussten Wahl meiner Freundinnen und Freunde steckt, zu verstehen und mir nicht verständlichen Zusammenhänge zu erkennen. Um, wie gesagt, irgendwelche Gefahren zu bannen. Ich sollte mich dazu an jedes Detail erinnern. Wo ich wen kennen gelernt hatte. Was uns verbindet. Ob wir uns schon mal gestritten hatten und wenn ja, weswegen.

Wo sich wohl solche Träume tagsüber versteckt halten?

BioSophien

Das Messer hatte offen dagelegen. Seit Wochen schon. Es zu sehen, hätte bedeutet, sich die Verletzungsgefahr bewusst zu machen. Mit ein paar Eiswürfeln stillt sie das Blut, betäubt sie den Schmerz. Wir wissen nicht, weshalb sie weint, denn die Wunde ist nicht tief. Schmerzen tut sie trotzdem, doch sie beißt auf die Zähne.

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Durchs Teleobjektiv sieht jedes Jetzt – deins, meins – aus wie ein gerades Stück Weg. Aus Distanz erst erkennen wir Mäanderschlaufen: Bögen, Kurswechsel und Umwege. Mal kantige, mal weichgezeichnete. Dickere und dünnere. Jahresringen gleich.

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Was gäbe ich zuweilen darum, in mir drin einen Schredder zu haben. Was im Büro eine Selbstverständlichkeit ist, müsste doch auf unserer BioFestplatte auch serienmäßig installiert sein! Wo bitte kann ich mich aufrüsten lassen?

Bürosophien

Was wohl ein Couvert so ganz ohne Fenster fühlt? Neid womöglich auf jene mit Fenster?

Fühlt Gold seinen Wert und wie fühlt es sich wohl an, so wertvoll zu sein?
(Bin ich das wirklich für meinen Scheff, wie A. behauptet hat? Und will ich das überhaupt sein?)

Corporate Design versus Anarchie. Dienstwege versus Abkürzungen.

Den Farbdrucker streicheln, ihm gut zureden und die richtigen Taste drücken – jene, die rot blinkt -, damit er seine Arbeit wieder tun mag. Doch was kann ich für meine überarbeitete Kollegin tun?

Bruchstücke

Wenn es um unsere Essenz geht, sollen wir alles geben. Immer.
Wenn es um Visionen geht, sollen wir nicht vernünftig sein.
Wenn es darum geht, unser Ding zu tun, steht uns Himmelsmanna zu, statt für Brot jobben zu müssen.
Wenn es um den eigenen roten Faden geht, den eigenen Kunst-Weg, den eigenen Ausdruck, sollen wir den Mut haben, uns treu zu sein. Immer.
Nicht Konjunktiv.

Nicht käuflich sein.
Nicht kleinkünstlich handeln.
Nicht kleingeistig denken.

WIRKLICH sein.
Wirklich SEIN.

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Roter Faden Diskrepanz:
Ich bin anders – auf der einen Seite.
Ich will gleich sein – auf der anderen.
Das Glück in der Anpassung?
Tut anders sein weniger weh?

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Noch etwas: Wir gehorchen ihr. Wir vertrauen ihr. Wir liefern uns ihr aus. Wir überlassen ihr das Denken. Wir vertrauen ihr unser Leben an.
Gibt es etwas mächtigeres als eine Verkehrsampel?

Und zu guter Letzt noch dies: Habe große Kleinkunst geschaffen heute. Eine neu geteerte Straße mit Kaugummi – made in Schweden – verziert. Gespuckt in hohem Flug aus fahrendem Auto. Für eine Signatur hat es leider nicht gereicht. Spucken für die Ewigkeit.

Schichten I

… dass jeder Mensch das Recht hat, seine Lebensgeschichte zu erzählen, dass es aber nicht jedem Menschen vergönnt ist, es zu tun. Sowie diverse Tricks, wie man es dennoch schaffen könnte, jemandem seine Lebensgeschichte zu erzählen. Indem man zum Beispiel ein Teil seines Lebens dem Postboten erzählt und einen anderen dem Pflegepersonal im Krankenhaus … (Irgendlink am 23.9.09)

Wieso erzählen mir aktuell (siehe auch gestern) alle Menschen ihre Geschichten? F., mein Berliner Nachbar, zum Glück auf höchst unterhaltsame Weise. Von der DDR – nicht zum ersten Mal. Und von den Nonnen, die er im Altersheim gepflegt hat. Anekdoten, bei denen ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll.

Bin weder Pflegepersonal noch Postbotin, doch ganz Ohr. Und womöglich ist es ja meine Aufgabe, aus alledem was zu machen? (Ums Himmelswillen: WAS machen?) Steckt bei jenen, die mir ihre Geschichten erzählen, wohl das gleiche banale Bedürfnis dahinter, das mich Blogtexte weben lässt?

Gestern Nacht notiert:
Für wen schaffen wir Kunst?
Für wen denken wir, was wir denken und aufschreiben?
Für wen schreiben wir?

Und wozu?

Urbedürfnis danach, sich im anderen gespiegelt zu sehen.
Verstanden werden wollen.
Verstehen.
Es versuchen zumindest.

hier

Gestern, als ob es nichts wichtigeres im Leben gäbe, offline einen Blogtext in den Laptop gehakt. Zwischen Basel und Mannheim. Über das von mir und Kollege P. organisierte Betriebsfest wollte ich schreiben, das unter dem Strich – trotz Murphys Stolpersteinen – für alle zu einem tollen Erlebnis wurde. Über Pannen und vergessene Pfannendeckel habe ich erzählt und über meine unzähligen Verkehrsübertretungen, die eigentlich Zeit hätten sparen sollen. Über das zuhause vergessene Portemonnaie und darüber, dass ich beim Rückweg – mit dem vergessenen Pfannendeckel – bei allen Ampeln (gewohnt an die Farbe Rot) bereits prophylaktisch auf die Bremse ging. Kollege P. lernte schnell und sagte mir die jeweilige Farbe rechtzeitig an. Kommt davon wenn der Scheff eine mit Grappa abfüllt. Tststs. Doch das versifftes Pfadiheim verdient keine Erwähnung. Ich sage nur Murphy. Über die Illusion des Scheiterns wollte ich schreiben. Und über das Potential darin. Dass es sich mit Mut zum Unperfektsein besser leben lässt.

Doch jetzt, zwei Tage nach dem Fest, einen Tag nach dieser achsowichtigen Schreiberei, ist jener Text kalter Kaffee. Obige Kurzfassung muss reichen. Punkt.

Szenenwechsel: Irgendlinks Garten auf dem einsamen Gehöft. Gartenküche-Bar. Am Tresen. Laptop auf dem Lap. Samstagmittag. Monsieur Irgendlink duscht, während Madame S. ein paar Lebensstunden zu ein paar Zeilen verdichtet.

Im Fall! So einsam ist es hier oben gar nicht. Ich habe bereits die Herren S. und T. kennen gelernt – besser bekannt als Journalist resp. Patient F. und Kollege T., den Tacker-Santiagopilger. Auch habe ich die Stadt mit der größten Krebsrate heimgesucht (und ihr zugehört! Ich sag nur Oktoberfest!). Habe ebendort Bilder und Skultpuren verschiedenster Künstler und Künstlerinnen betrachtet. Und später in Irgendlinks Garten ein Feuer entfacht, das ohne ihn verlöscht wäre. Und MinkaMiez gestreichelt. Und so.

soll ich wollen?

1. Sofasophie
Identifikation macht glücklich.

2. Sofasophie
Solange mich meine Faulheit und Ziellosigkeit nicht daran hindern, kreativ zu sein, ist alles okay.

3. Sofasophie
Ich bin mein eigener Zufall.

4. Sofasophie
Meine Faulheit und mangelnde Ziellosigkeit verhindern, dass ich Ambitionen entwickle. Und das ist wohl auch in Ordnung.

5. Sofasophie
Ich bin mein eigenes Schicksal.

So, genug kluggescheissert …
… ab ins National … Ursus & Nadeschkin werfen uns ihre Perlen und Freaks in den Schoss …

Amnesie und Alchemie

Kurz nach dem Aufstehen. Aus dem Spiegel blickt mir eine Unbekannte entgegen. Eine uralte Schwester. So werde ich also später mal aussehen, denke ich kurz. Na ja, schlafen tu ich zurzeit einfach zu wenig. Und ich sehne mich jeden Morgen von neuem nach einer Welt ohne Wecker. Und ohne Uhren, wenn ich schon am Wünschen bin.

Gopf, war das peinlich gestern Abend. Ich saß gemütlich an meinem Tisch und las Zeitung. Viertel nach sieben oder so. Ich war eben aus dem Wald zurückgekehrt, löffelte ein Joghurt und freute mich auf einen Leseabend, als mein Handy bimmelte. Auf dem Display steht „S.“
Ist heute Dienstag?, denke ich. Siedendheiße Erinnerung an einen Eintrag in meiner Agenda.
Na? Kommst du? Ich habe langsam Hunger!,
sagt sie. Na ja. Um sechs Uhr hatten wir abgemacht. Eigentlich. Bei ihr. Zum Abendessen. Und ich hatte mich, riesiges Ehrenwort!, total gefreut. Denn ich mag meine Freundin S. sehr.
Aber ja doch!,
sagte ich. Verzeih. Hab’s vergessen. Minuten später saß ich auf dem Fahrrad und flitzte nach Bümpliz. Und eine Viertelstunde später konnte ich mit S. bereits über mein Versäumnis lachen … Und auf das Leben und unsere Freundschaft anstoßen. Wir genossen den milden Abend bei Kerzenlicht auf der windgeschützten Veranda und freuten uns darüber, dass es uns beide und diesen Abend gab. Einfach weil wir da waren und nicht an Morgen dachten. Der würde eh kommen. Früh genug. Er kommt immer.

Freundinnen und Freunde sind wahrhaftig die beste Erfindung seit es Menschen gibt. Menschen, die mich selbst dann noch umarmen, wenn ich sie vergessen habe und anderthalb Stunden zu spät komme. Und darüber lachen können. Wie S. Oder sie sagen Sachen wie: Mit dir kann frau einfach über alles reden! Wie meine Freundin C., ihres Zeichens Hof-Frisöse, gestern Nachmittag. Oder sie lesen mir die Leviten: Bist du verrückt, Sofasophia? (Worauf ich eifrig nicke. Natürlich. Aber ich nehme ihre Levitenlesung trotzdem ernst.) Manchmal klagen sie mir auch ihr Leid, meine Freundinnen. Freunde mitgemeint. Oder ich ihnen meins.

Gleicher Tag. Stunden später. Nachmittag. Sofasophia im Büro. Noch immer müde. Chaos – will heißen zehn handgekritzeltes Protokollseiten mit Pfeilen und Fußnoten (und Fußnoten von Fußnoten) und dergleichen mehr – auf dem Schreibtisch. Das Telefon irgendwo darunter. Die Sonne stößt sich den Kopf an den Scheiben meines Terrariums. Unbarmherzig ist sie – für alle da. Aus der Büroküche nebenan der Geruch von Kaffee.

Der Donnerstag (unser Synonym für Wochenende) kommt bald!, sagt Kollegin K. zu mir.
Er kommt immer. Sage ich. Und ich glaube daran. Aus langjähriger Erfahrung. Und merke, dass ich mich wiederhole. Endlosschlaufe. Warteschlaufe. Worauf?

Papierkram. Tastatur. Ich kaue an Reizwörtern wie Strategie. Deadline und Event. Und an einem Projekt, das wir gut verkaufen sollen. Würge an Arbeits- und Zielgruppen. Nage an Floskeln wie generieren, akquirieren und aufgleisen. Stelle fest, dass ich bei der frühmorgendlichen Sitzung auf Autopilotin protokolliert habe. Hieroglyphen.

Ich frage mich, was ich hier mache und wieso ich immer so schnell – meistens nach einem Jahr – die Freude an der Herausforderung einer neuen Arbeitsstelle verliere. Obwohl es mir ja ausgesprochen wohl hier ist. Paradox. Meine bisher längste Anstellung dauerte bloß zweieinviertel Jahre. Nein, gekündigt wurde mir noch nie. Von jener pauschalen Team-Kündigung wegen der Schliessung eines Flüchtlingszentrums mal abgesehen.

Leide ich, wie meine Freundin und Leidensgenossin Cs. und ich vor einer Weile analysiert und diagnostiziert haben, an einer Art Arbeitsinsuffizienz? Denn arbeite ich erst eine Weile am selben Ort, fangen jene uralten Sinnfragen von vorne an: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun?

Ich erinnere mich an sterbenslangweilige Französisch-Stunden. Aus dem Fenster blickend, bekam ich nichts mit. Außer dem Wechsel der Jahreszeiten in den Bäumen vor dem Schulhaus. Schluckte dabei schwer an der alles entscheidenden Frage: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun? Und so weiter. In jedem Job.

Mein Refrain?

Obwohl ich doch schon jahrelang behaupte, dass es nicht auf den Inhalt meines Tuns ankomme, sondern auf Haltung und Hingabe gegenüber diesem Tun! Will heißen, ich könnte als glückliche Putze gehen, würde meine innere Haltung stimmen. Bin wohl dazu einfach nicht erleuchtet genug. Na ja, ich will einfach nicht bloß für Kohle arbeiten, sondern ich will mich mit meinem Tun identifizieren. Siehe „Das Wesen der KünstlerInnenseele“.

Dabei gehört alles, was ich tue, zu mir. Hat mit mir zu tun. Die französische Sprache ebenso wie das Bearbeiten der Materie, die sich über meinen Bürotisch schiebt. Hauptthema und roter Faden meiner beruflichen Tätigkeit: Integration. Immer wieder. Und eigentlich eine gute Sache. Woher also der Widerstand? Sind es das Involviertsein in Dinge, das Nachdenken über Vorgänge, das Grübeln über Prozesse,  kurz gesagt: die Abstrahierung des Lebens auf Abläufe, die mir zuwider laufen? Müsste ich wieder zurückkehren in den sozialen Kuchen, zurück an die Basis, zurück zu den Menschen? Denn natürlich sind es die Menschen, die mich am meisten faszinieren. Menschen und Buchstaben. Metaphern. Analogien. Gegenteile. Geschichten. Wie ich es doch liebe, tagzuträumen. Zu denken und zu spinnen. Und zu schreiben.

Später. Noch immer im Büro. Noch eine Stunde bis Feierabend. Vorsatz: Will heute früh ins Bett. Mit Fledermausmann. Jo Nesbøs Erstling.

Doch nun zapp ich mich ins Protokoll zurück.

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Später. Zuhause. Ich gestehe, dass mir das Protokollieren gegen Feierabend plötzlich wieder Spass gemacht hat.
Vielleicht, weil ich zwischendrin diesen Text gewoben habe?

Der Rätsels Lösung?
Alchemie: Auf die richtige Mischung kommt es an.