Empathie

Die Fähigkeit des Mitfühlschmerzempfindens als Zeichen von Empathie finde ich wunderbar. Ich bin froh, dass um jeden Menschen, der diese Fähigkeit hat. Obwohl ich – wie paradox – ganz besonders bei meinen Liebsten ja nicht will, dass ihnen irgendwer irgendwie weh tut und ihnen irgendwas antut. Empathie ist ein Fluch. Empathie ist ein Segen. Von ihrem Vorhandensein hängt das Wohl einer Gesellschaft ab.

In Bezug auf mein Leben macht es mich sehr dankbar, dass ich Menschen kennen und lieben darf, die meinen Schmerz mitfühlen können. Und die ihren Schmerz mit mir teilen, damit ich ihn mitfühlen kann.

Wenn ich selbst intensive Schmerzphasen habe – seelische oder körperliche –, fliehe ich zuweilen in die Schmerzen anderer, fliehe ich in Bücher, in Filme.

Anderer Mensche Schmerzen kommen mir aber oft sehr nahe – zu nahe? –, so nah als wären sie eigene. Oder sie mischen sich mit den eigenen.

Das sind jene Phasen, wo einfach alles nur weh tut. Das ganze Leben. Diese Fluchten in die Ablenkung sind in diesen Fällen missglückt. Oder auch nicht. Denn manchmal ist Schmerz unausweichlich. Manchmal ist er einfach auch nur Scheiße.

Andere, besonders allerliebste Menschen, mit meinem Schmerz, Teil meiner Geschichte, zu belästigen, zu belasten, lässt mich an Entjungferung denken, an das Ende ihrer Unschuld. Nur in traurig statt in schön. Etwas, das war und nie mehr so sein wird wie vorher.

Vielleicht wird man so zynisch. Bitter. Pessimistisch. Hoffnungslos.
Vielleicht wird man so lebendig. Liebesfähig. Stark. Hoffnungsvoll.
Vielleicht ist der Konjunktiv der Anfang aller Veränderung.

Was zählt und warum

Mein letzter Blogartikel hat eine spannende Diskussion ausgelöst. Ich danke euch allen, die dazu beigetragen haben.

Zu eurer Beruhigung: Ich habe keineswegs vor, zukünftig hier für meine Artikel Geld zu nehmen, das möchte ich nochmals klarstellen. Meine Frage war rein hypothetischer Natur, da ich mir zurzeit sehr viele Gedanken über verschiedene Bereiche und Formen von Werten und Wertschätzung mache; Selbstwertschätzung, Fremdwertschätzung, Ausdrucksformen von Wertschätzung, Marktwerte von Menschen und Dingen wie Dienstleistungen und Kunstobjekten.

Auf Instagram hat mir heute eine Followerin ein wunderbares, ganz und gar unerwartetes Kompliment gemacht. »…es git uf ganz insta nüt wo mir besser gfallt als dini siite! so guet dini gedanke und fotos…. lg yvonne« [Übersetzung: Es gibt auf ganz Insta(gram) nichts, das mir besser gefällt als deine Seite. So gute Gedanken und Fotos.] Von einer mir unbekannten Followerin, wohl verstanden. Und ich sage das jetzt nicht um anzugeben, sondern weil es mich einfach freut und ich diese Freude gerne teilen will. Und ja, auch weil es mir sehr viel bedeutet, dass jemand meine Kunstwerklein wertschätzt, sich auf sie einlässt, sich von meinen Gedanken berühren lässt. Vielleicht ist es genau das, was ich überhaupt will, mit meinen Blogtexten, meinen Bildern: Berühren. Anrühren. Zum Schmunzeln, zum Nachdenken, zum Hinschauen, zum Lachen bringen. Etwas auslösen.

Ja, ich gestehe es: In aller Bescheidenheit wünsche ich mir vermutlich, ein bisschen mehr als x-beliebig und austauschbar zu sein. Und ein klein bisschen verstanden zu werden ist ebenfalls eine meiner leisen Hoffnungen. Und ja, ernst genommen zu werden auch.

Geld oder nicht Geld ist letztlich die Frage nach dem Überlebenkönnen. Ob reich sein glücklich macht, bezweifle ich. Von allem, was wir brauchen, genug zum Leben zu haben, setzt dennoch Energie frei, die nicht da ist, wenn wir immer zu wenig haben. Das gilt in allen Bereichen, nicht nur in monetären. Genug Freiraum ist mir so wichtig wie genug Geld zu haben. Wobei ja auch aus Mangel ganz viel Kreatives geboren wurde, zu allen Zeiten.

Dennoch halte ich die Veredelung von Not und Mangel für zynisch. Auch glaube ich nicht mehr an einen übergeordneten Sinn von Not und Mangel, Leid und Krankheit. Höchstens den, dass solche Umstände uns alle, Betroffene ebenso wie Außenstehende, zum Handeln und Umdenken motivieren sollten.

Ja, genug von allem für alle. Das ist mein allergrößter Wunsch.

Nun überlasse ich aber gerne dem Liebsten das Wort. Irgendlink hat zu meinem letzten Artikel folgendes kommentiert:

»Der Markt frisst sich voran bis zur vollständigen Monetarisierung. Es gibt kaum noch kostenlosen Parkraum. An Tankstellen zahlt man für Luft. In China, hoffentlich ist es nur ein Fake, kostet Luft in Flaschen viel Geld. Kinder spielen nicht mehr einfach so wie früher draußen auf den Straßen. In Kitas hütet man sie für viel Geld. Man stirbt auch nicht mehr mit Liebe gepflegt im eigenen Bett. Der letzte Weg führt oft durch eine eiskalt dem Markt unterworfene Krankenhausmaschinerie mit so lange sinnlosen Operationen und Maßnahmen, bis die Krankenkasse endlich den Geldhahn zudreht oder das Privatvermögen aufgebraucht ist.
Der Zugang zum Strand kostete vor dreißig Jahren selten etwas. Der Zugang zu Naturschutzgebieten oder Naturwundern auch nicht.
Die große Geldkrake hat in der Zeit, in der ich auf dem Planeten bin, ihre Arme bis in die entlegensten Winkel des Miteinanders gestreckt.
Es tut weh, das miterlebt haben zu müssen.

Und am wehsten tut das Ringen mit sich selbst, endlich kleinbeizugeben und mitzumachen. Sich dem zu widersetzen, unbezahlbar, heroisch und unglaublich dumm.

Ich habe viele gute Ideen, wofür man Geld nehmen könnte und das Schlimme daran ist, dass andere die Ideen auch irgendwann haben und dass einer sie umsetzt, der nächste ihm folgt und weitere folgen werden und so holt sich der Markt alles, bis es irgendwann nichts mehr gibt, was nicht verrechnet wird, bis kein einziges unbezahltes Ding mehr übrig ist und wir nur noch aus Waren und Dienstleistungen bestehen, sogar das Lächeln wird irgendwann Geld kosten.

Es geht auch nicht um Geld und wieviel, sondern um die Richtung, in die wir Menschheit uns bewegen. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie ein weltweites Armutsgelübde aussähe, was vielleicht genau die entgegengesetzte Richtung zur dämonischen Marktkrake wäre.«

Wie war doch gleich dieser berühmtes Satz?

»Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.«

Quelle: Weissagung der Cree (Ureinwohner Amerikas)

Was nix kostet, ist nix wert

Den Spruch im Titel habe ich das erste Mal gehört als ich vor etwa fünfundzwanzig Jahren, als junge Buchhändlerin, eine Weihnachtsaushilfe übernehmen sollte. Die Geschäftsführerin sagte ihn bei den Lohnverhandlungen. Ich hatte mich vermutlich mal wieder unter meinem Wert verkaufen wollen und wir haben uns vermutlich irgendwo geeinigt; wo habe ich natürlich längst vergessen. Die Stelle war wohl ziemlich stressig, so meine Erinnerung, und ich habe vermutlich einen okayen Lohn bekommen. Ist lange her und bereits sepiafarben im Erinnerungsschublädchen irgendwo in meinem Kopf abgelegt.

Ich gehöre ja zu denen, die am liebsten alles gratis hergeben würden. Und ja, ich gehöre auch zu denen, die am liebsten alles gratis bekommen würden. Dann wäre mir das doofe Geldding nicht immer im Weg. Es bräuchte in meiner utopischen Welt keine Währung und alle hätten alles und Zugang zu allem. Auch alle Ideen wären frei. In meinem Utopia gäbe es weder Neid noch Vergleiche, weil wir dazu keinen Grund hätten, dafür gäbe es ganz viel Solidarität. Leute, die allein sein wollen, würden in Ruhe gelassen und nicht zum Miteinander gedrängt. Andere, die lieber nicht immer alleine wären, fänden Anschluss an Gleichgesinnte. Undsoweiterundsofort. Und ja, natürlich, würde es allen gut gehen und alle wären zufrieden und freigebig.

Steckt womöglich hinter meiner fixen Alles-gratis-Idee der Gedanke, die Angst gar, dass meine Produkte –Texte, Bilder etc. – sowieso nicht markttauglich, nicht gut genug, für andere sowieso nicht interessant und sowieso wertlos sind (siehe Titel)? Und ist, was kostenlos ist, wirklich weniger wert als was kostet?

Wir Bloggerinnen und Blogger verschenken immer wieder ganz viel unserer Zeit, ganz viel Herzblut, ganz viel Arbeit, ganz viel Energie, Wissen, Können, Wollen, Freude, wenn wir einen Blogartikel schreiben. Wir tun das in erster Linie, weil wir es gerne tun. Weil wir das tun wollen. Weil wir denken, etwas zu sagen zu haben manchmal sogar und weil wir womöglich auch ein Quäntchen Sendungsbewusstsein in uns drin haben. Dennoch ist es grundsätzlich so, dass wir teilen, dass wir verschenken. Ich jedenfalls.

Heute fand ich ein Blog mit einer Paywall, einer Zahlschwelle. Eigentlich keine schlechte Idee. Wer einen Monat Zugang will, zahlt 4.99 €. Die ersten drei Tage sind gratis. Ambivalent ist es dennoch. Wird das die Zukunft sein? Wird es bald zwei Blogklassen geben, die wertlosen, kostenlosen und die kostbaren, bezahlten?

Ihr alle hier, die ihr dieses Blog lest, sagt mal gaaanz ehrlich: Würdet ihr – rein hypothetisch – für kommende Artikel zahlen, falls es sie auf einmal nicht mehr gratis gäbe?

Ich bezweifle es. Ihr würdet das Blog einfach nicht mehr besuchen. Oderrr?

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Pssst, allfällige materielle Dankeschöns fürs mein diesjähriges Blogherzfutter sind zurzeit hoch und herzlichst willkommen. Hier lang gehts zum Spendensparstrumpf. Das Passwort gibts hier (Mail an mich).

Ungekünstelt

Neulich hat Jürgen Küsters Alterego Buchalov über Zufall gebloggt. Darüber, dass ihm da, beim Bild unten, ein Fehler unterlaufen sei. Der zweite Druck mit der Farbe Orange sei nicht genau an die vorgegebene Markierungen gelegt worden. Erst habe er über das Ergebnis geflucht und sich geärgert. Irgendwann muss wohl die Einsicht gekommen sein, dass das Ergebnis doch eigentlich ziemlich gut geworden ist.

Zweifarbiger Holzdruck von Jürgen Küster
Bild von Jürgen Küster, frech zu Illustrationszwecken ausgeliehen | per Klick aufs Bild direkt zum Blog/zurBildquelle

UnArt nannte ich solche Bilder in einem Kommentar.

Zufällig oder absichtlich entstanden? Dass der Zufall mitspielt und nicht jede Pinselstrichwirkung voraussehbar ist, wissen wir längst. Auch, dass aus vermeintlichen Abfallprodukten durch Wiederverwendung Gefälliges oder gar richtig Kunstvolles entstehen kann. Ja, darüber, was Kunst ist, habe ich hier, im Blog, schon wiederholt nachgedacht. Ein endloses Thema.

Manchmal fühlt sich das Leben für mich jedenfalls an wie das obige Bild von Jürgen Küster. Mehrere Schichten, die eigentlich synchron, kongruent, deckungsgleich, verbunden sein sollten – jedenfalls nach Plan des Kunstschaffenden –, es aber aus irgendwelchen Gründen nicht sind. Auf dem Bild hier sieht das scheinbar Missglückte toll aus, in mir drin fühlt sich das allerdings eher schief an, unausgewogen, schwindligmachend.

Bildbearbeitungsprogramme wie GIMP & Co. ermöglichen es, verschiedene Bildebenen übereinander zu legen. Für Bildmontagen nutze ich diese Technik regelmäßig.

Im echten Leben mag ich Ebenenverschiebungen nicht wirklich. Obwohl Leben ja auch irgendwie Kunst ist. Oder eben doch eher UnKunst?

Ja und Nein und das Etwas mittendrin – neuaufgelegt

Heute reblogge ich mich selbst. Vor fast genau zwei Jahren habe ich den folgenden Blogartikel geschrieben. Gefunden habe ich ihn vorhin, weil ich nach dem Namen der jährlich stattfindenden Ausstellung gesucht habe, die wir heute besuchen werden. Baz’Artopie heißt sie und findet im lothringischen Meisenthal statt. Sie ist ein Mix aus Ausstellung und Weihnachtsmarkt. Ich bin gespannt, mit welchen Eindrücken wir heute nach Hause kommen werden.

Und nein, der nachfolgende Text hat nur indirekt mit der Ausstellung zu tun.


Eine der vielen Herausforderungen unserer Leben besteht für mich darin, manche Dinge als unabänderlich zu akzeptieren. Vergangenheit zum Beispiel. Oder die Richtung des Wassers, in die es fließt, und wie es die Steine schleift und formt.

Naturgesetze erkennen wir daran, dass sie für alle gleich sind, weder gut noch böse. Einfach da. Gegeben. Eine Grundbedingung unserer physikalischen, unserer materiellen Welt. Einzig sich selbst gehorchend.

Doch warum das Wasser manchmal so leise und manchmal so laut fließt, immer wieder anders, nach Regen, vor Regen, bei Wind, bei Sturm, Ebbe und Flut – wer kann es verstehen? (Wirklich meine ich.) Und können wir die Gewalt der Natur, auch wenn sie scheinbar willkürlich waltet, so ohne Zaudern bejahen, zumal es uns nie gelingen wird, sie zu beherrschen? Selbst alle Dämme und Deiche der Welt vermögen Wind und Sturm nicht zu stoppen.

Ist der Wind darum böse, uns feindlich gesinnt? Ich sage: Nein. Weder Wind noch Feuer, Erde, Sonne und Regen haben gute oder böse Absichten. Sie gehorchen nur ihrem Sein. Sie sind das, was sie sind.

Sollen wir uns den menschengemachten Regeln und Gesetzen gleich vertrauensvoll beugen wie denen der Physik? Sollen wir? Dürfen wir überhaupt? Müssten wir nicht unterscheiden und werten, wem sie dienen, bevor wir ihnen vertrauen? Wohin allzu vertrauensvoller Gehorsam führen kann, wissen wir längst.

Vieles schmeckt mir nicht, aber weil ich hungrig bin, esse ich es doch. Weil es einfacher, billiger und bequemer ist, als mir etwas besseres zu suchen. Aber ich gestehe es: vieles was ihr mir vorsetzt, ist mir zu salzig. So salzig, dass ich dennoch nicht aufhören kann, es zu verschlingen, obwohl es meine Geschmacksknospen beleidigt. Ich weiß und ich merke, dass es mir nicht gut tut, aber etwas in mir, etwas, worüber ich keine Kontrolle habe, ruft nach mehr. Will mehr. Es hat viele Namen, das Etwas, das Phänomen. Ich nenne es Glutamat. So heißt es manchmal. Auch. Aber nicht nur. Das Etwas mit den vielen Namen hat auch viele Gesichter. Für viele heißt es auch Normalität. Ja, klar, auch ich bin normal. Wenn auch ein wenig anders normal als die normalen Normalen, die das Etwas von Herzen lieben. Dieses Etwas, das sie auf dem Mainstream hält, weil es da so einfach ist.

Tout le monde il est gentil* | Dieses Bild habe ich an der Baz’Art** fotografiert. Wer es erschaffen hat, weiß ich leider nicht.

Nein, wenn man nur schnell genug mitläuft, ist es kein Problem. Wenn man nur schnell genug schlingt, schnell genug springt, schnell genug arbeitet, schnell genug rennt, schnell genug Ja sagt, schnell genug leistet, scheißt, trinkt, mitschreit, mitmacht, mitläuft. Mitten drin im guten alten Großen Hamsterrad. Die Große Masche. Die Straße der normalen Norm ist schmal geworden. Rechts und links vom Mittelstreifen, wo früher breite Wege waren, ragen nach ein bisschen Teer und Beton schon bald scharfe Ränder aus der Erde. Sie schneiden tief, wenn du drauf trittst, und werfen dich aus der Bahn. Einmal draußen, auf dem grünen Streifen – wo es sich sehr angenehm liegt, wenn du ehrlich bist – ist es schwer, wieder ins Hamsterrad zu kommen. Erstens weil dieses immer schneller dreht, zweitens weil du merkst, dass du es nicht mehr willst. Nicht das Rad, nicht das Tempo, nicht das Etwas. Obwohl du weißt, dass du es solltest. Du kennst ja nichts anderes. Und du weißt ja, dass du, wenn du im Großen Hamsterrad mitrennst, vom Großen Hamster Ende Monat Futter bekommst. Damit deine Backen nie leer werden.

Da. Nimm noch ein bisschen Etwas. Hier. Schau. Es hat genug. [Es ist billig. Da drüben steht die Fabrik. Die Rohstoffe sind einfach hergestellt, vollsynthetisch.] Da, nimm.

Zu salzig!, sagst du. Aber nein, doch nicht salzig. Das muss so! Ehrlich. Glaub mir, das hier ist der Geschmack der Menschen. So wollen sie es. Sie lieben es. Iss!

[Es ist eben nicht alles ein Naturgesetz, was schon immer irgendwie so und nicht anders funktioniert hat.]

__________________________

* Tout le monde il est beau, tout le monde il est gentil (deutsch: Die Große Masche) ist eine französische Komödie mit Jean Yanne aus dem Jahr 1972, die sich schon damals über die Gehirnwäsche aus der Welt der Medien mokierte.

https://dailymotion.com/video/xko3d3

** Baz’Art in Meisenthal: hier klicken


Quelle: Ja und Nein und das Etwas mittendrin
by Sofasophia am 12.12.2014

Das Ungleichnis vom Autobahntroll

Gestern Nachmittag. Ich fahre auf der A35 von Basel nordwärts Richtung Haguenau. Mein Ziel ist, wie immer einmal monatlich, das einsame Gehöft des Liebsten unweit der französischen Grenze, im Süden von Rheinland-Pfalz. Wie immer fahre ich durch Frankreich. Eine Strecke, die sich inzwischen fast wie von selbst fährt, jedenfalls, wenn das Wetter okay ist.

Kurz vor Colmar, es ist halb zwei, wechsle ich wegen der vielen Brummis  und des dichten Verkehrs auf den Überholstreifen, wie es vor mir die meisten Personenwagen tun. Da in Frankreich und der Schweiz ja keine Rechtsfahrpflicht gilt, bleibe ich dort, denn das Reinraus, das manche veranstalten, stört meines Erachtens den Verkehrsfluss eher als dass es ihn fördert. Außerdem sind die Lücken zwischen den Brummis zu kurz als dass es sich wirklich lohnt. Obwohl als Höchstgeschwindigkeit hundertdreißig Stundenkilomenter kommuniziert sind, fahren alle vor mir weniger schnell. Immer wieder scheren nämlich Brummis aus, um ihre Vorbrummis zu überholen. Brummirennen nenn ich das. Oder Elefantenrennen.

Ich fahre konzentriert, höre dabei Musik und halte mindestens eine Wagenlänge Abstand zum Auto vor mir, um potentielle Bremsreaktionen abfedern zu können und nicht plötzlich im Heck meines Vorfahrers zu landen. Bremsweg und so. Durchschnittsgeschwindigkeit des Autotrosses sind also ungefähr hundert bis hundertzwanzig Stundenkilometer. Mittleres Verkehrsaufkommen. So fließt es sich aber eigentlich ganz gut.

Jedenfalls bis hinter mir im Rückspiegel ein fetter Mercedes-SUV auftaucht und so nahe an mich aufschließt, dass ich denke: Hoffentlich muss ich nicht unvorhergesehen bremsen (siehe Galerie unten: erstes Bild). Zugegeben, solche Typen nerven mich, aber ich habe mir inzwischen abgewöhnt, mich über sie allzu sehr zu ärgern. In der Regel lasse ich sie bei passender Gelegenheit überholen. Oder eigentlich nur noch bei sehr-sehr passender Gelegenheit, denn ich habe echt keine Lust mehr, für nervende VerkehrteilnehmerInnen meine Ruhe zu opfern und unnötig zu beschleunigen und Bußen zu riskieren. Wenn es passt, lass ich sie natürlich schon vorfahren, aber ich quetsche mich nicht mehr extra für ungeduldige und rasende FahrerInnen in winzige Lücken, für die ich abbremsen müsste. Also bleibe ich auch heute, wie all die Autos vor mir, auf der Überholspur. So weit so gut.

Auf einmal bremst das Auto vor mir brüsk ab. Für mich kein Problem, da ich genug Abstand halte, dennoch muss ich bremsen. Das Problem hat nun der Graue SUV mit Kennzeichen F 405 AK J67 (siehe letztes Bild in der Galerie). Er muss sehr brüsk bremsen und straflichthupt mir zu. Doofmann!, denke ich, und fahre weiter wie gehabt. Als es ein bisschen lockerer wird, kann ich sogar wieder hundertdreißig Stundenkilometer fahren, halt so schnell, wie es die Situation zulässt und die Autos vor mir möglich machen. Noch immer hat es Brummis. Darum bleiben die meisten vor mir auf dem linken Streifen.

Endlich tut sich hinter den Brummis, die ich gerade überhole, eine Lücke auf, die der Graue SUV für ein Rechtsüberholmanöver nutzt um sich dann in die kleine autolange Lücke vor mir einzufädeln. Fast berührte er die Chassis meines Autos. Logisch, dass ich darum heftig auf die Bremse muss, was wiederum den hinter mir in Stress versetzt. Zum Glück hält der aber genug Abstand. Ich lichthupe nun auch den vor mir an. Kindisch zwar und sinnlos, aber menschlich.

Ganz schön gefährlich, was du da machst!, denke ich und fahre weiter. Will heißen, ich will weiterfahren. Kann ich aber nicht, denn jetzt fängt die Trollerei erst richtig an. Der Graue SUV fährt nun nur noch etwa hundert Stundenkilometer, obwohl vor ihm freie Bahn ist. Kurz gesagt: Er bremst mich absichtlich aus.

Blödmann!, denke ich, und wechsle nun doch die Fahrspur, weil ich solche Spielchen nicht leiden kann und weil es jetzt nicht mehr so viel Verkehr hat. Colmar liegt hinter uns. Ich habe nicht mit dem Grauen SUV gerechnet. Der wechselt auch. Direkt vor mich. Ich muss wieder brüsk bremsen.

Mann-mann-mann! Noch immer bin ich so naiv, dass ich mir sage, dass der einfach nur ein bisschen spielen will und nun sicher gleich aufhört. So versuche ich ihn via Überholspur loszuwerden, zumal nun, wie gesagt, der Verkehr lockerer geworden ist und man gut aneinander vorbeikommen könnte. Denkste! Wieder wechselt er vor mir die Spur und lässt mich nicht vorbei. Wieder muss ich brüsk bremsen.

Ich fahre also wieder auf die Normalspur. Diesmal oder vielleicht auch erst beim nächsten Mal – es wiederholt sich ein paar Mal, ich will ihm schließlich ausweichen – lasse ich ein Auto zwischen uns kommen. Doch der Depp lässt sich nun demonstrativ von diesem Auto überholen, damit wieder nur noch er und ich in diesem idiotischen Spiel sind.

Mir ist es längst zu blöd. Keine Ahnung, wie ich anders reagieren könnte. Schließlich lasse ich mich regelrecht zurückfallen, lasse viele Autos zwischen uns kommen, und bin ihn so endlich los. Auf der Raststätte Koenigsbourg muss ich dringend stresspinkeln und mich beruhigen. Ich zittere, Adrenalin strömt durch meine Blutbahnen (oder wo auch immer), und ich bin zu gleichen Teilen wütend und traurig.

Schnell wird mir klar, dass das hier, das eben Erlebte, ein Abbild der Gesellschaft ist.

Nein, ich habe den SUV-Fahrer nicht absichtlich provoziert, aber ich habe mein Ding gemacht, bin in meinem Tempo gefahren, rücksichtsvoll und zielstrebig, aber offenbar hat das Unabsichtliche gereicht, ihn gegen mich aufzubringen. Selbst wenn ich weniger Abstand zu meinem Vordermann gehabt hätte, wäre mein Hintermann nicht wirklich schneller ans Ziel gekommen. Hätte ich ihn vorgelassen (und das habe ich ja schlussendlich), hätte er das gleiche Spiel mit jedem vor ihm gemacht und wäre mit Engaufschließen und Lichthupen weiter und weiter voran gerast. Vermutlich hat er das auch getan, nachdem er von mir abgelassen hat. Und vermutlich lebt er genauso und kommt damit gut zurecht, weil ihn die Leute, dem Frieden zuliebe, vorlassen und oder oder es nicht wagen, sich mit ihm anzulegen. Wieso lassen wir solche Menschen gewähren? Was könnten wir tun?

Ich mag mich doch für mein korrektes Verhalten nicht rechtfertigen müssen. Auch will ich mir nicht von andern diktieren lassen, wie schnell ich fahren soll. Jedenfalls nicht, solange ich mich korrekt verhalte und niemanden gefährde,

Stell dir vor, ich wäre der männliche Flüchtling, der eine hiesige Frau eine Sekunde zu lange anschaut. Oder ich wäre die Linke, die dem Nazi im Einkaufsladen eine Sekunde im Weg steht. Ich wäre … ach, es gäbe viele Beispiele. Hier geht es um willkürliche Gewalt, um absichtliche Schikane, darum, Gefahren für andere auf sich zu nehmen, um einen Menschen auszubremsen.

Seine Motive, die Motive von Trollen, sind mir schlicht unklar. Ich gestehe, meine geheime Hoffnung in solchen Momenten ist die Nacherziehung, die Hoffnung, einen anderen – in meinen Augen fehlprogrammierten – Menschen, zum Nachdenken zu bringen. Aber eigentlich wüsste ich ja, dass das nichts bringt. Dass solche Idioten zu sehr von ihrer Art zu handeln überzeugt sind, als dass sie ihr Handeln reflektieren würden.

Um nicht ebenso kindisch, biblisch, dogmatisch, fanatisch zu reagieren – Aug’ um Auge, Zahn um Zahn –, müsste ich eine bessere Strategie kennen. Im Leben ebenso wie auf der Straße.

Im konkreten Fall denke ich über eine allfällige Anzeige nach. [Doch reichen meine Fotos und die beiden Filmchen denn als Beweise? Und wo müsste ich das machen? Schweiz? Frankreich? Deutschland da EU?] Außerdem will ich doch nicht für einen Idioten wie diesen SUV-Fahrer soviel Energie aufwenden, die ich ja gar nicht habe. Doch genauso denken die meisten von uns. Dann regen wir uns wieder ab und alles geht genauso weiter wie zuvor.

Kurz taucht die Frage auf, ob ich um mein Leben – oder doch um meine Ruhe – bangen müsste, wenn ich dem Idioten eine Buße verursachen würde?

Auf dem weiteren Weg denke ich über die Kräftespirale nach, über die der Liebste schon oft in seinen Blogs geschrieben hat. Kräfte und Gegenkräfte, die sich gegenseitig hochschaukeln. Und am Schluss hat doch niemand gewonnen.

Habe ich etwas gelernt? Vielleicht, dass man Trolle nicht ausbremsen kann? Nein, ich mag einfach nicht akzeptieren, dass es solche Arschlöcher gibt, gegen die man nichts tun kann.

Er hat vermutlich erst recht nichts gelernt, außer, dass schlussendlich jeder seiner Dummheit weicht, außer er oder sie lasse sich auf einen Krieg mit ihm ein.

Sag mir, wie du dich im Straßenverkehr verhältst und ich sage dir, wer du bist.

Zentrifugalkraft

Es dreht sich das Karussell und nimmt uns mit.
Dreht uns im Kreis. Im Kreis, im Kreis. Immer im Kreis.
Manche kreischen.
Da ist ganz viel Lärm in mir drin.
Und da sind Ängste, die mit Kirmesgewehren herumballern.
Noch lachen alle. Jubeln. Kreischen lauter. Rufen schneller.
Schneller, schneller, und lauter und wilder und mehr, mehr, mehr.
Da. Auf einmal fliegen die ersten heraus. Schließlich immer mehr.
Nur die ganz Starken, jene, die ein paar Tricks kennen, um der Schwerkraft zu trotzen, und die mit den spitzen Ellbögen können sich halten. Sie drängen sich in die Mitte.
Am Rand steht bald niemand mehr.
Da draußen, am Boden, liegen schon ganz viele.

Drüberreden hilft – Depression im Alltag

Nach der vorgestrigen zdf-Sendung Viel mehr als Traurigkeit (siehe gestrigen Blogartikel) habe ich mir zwei Apps für Depressive geladen. Die eine, Arya, wurde im Film, resp. nachträglich auf Twitter, empfohlen und ist eine Art Stimmungstagebuch. Bei beiden Apps beschreibt man seinen aktuellen Zustand ein- bis mehrmals täglich. Bei beiden Apps klicke ich zurzeit jeweils das ’Mir geht’s mittelmäßig’-Emoticon an. (Die zweite App heißt übrigens Moodpath.) Wobei: Würde ein gesunder Mensch ohne Vorwarnung aus seiner Haut in meine fahren, würde er das vermutlich eher nicht so kuhl finden. Ich vermute nämlich, dass mein normaler Nullpunkt, könnte man ihn denn messen, tief unter dem Nullpunkt einer/s Nicht-Depressiven liegt. Stichwort Leidensgewöhnung.

Die Depression ist eine persönliche (und wohl auch gesellschaftliche) Reaktion oder Antwort auf all die Diskrepanzen, die ich im Leben erkenne. Mich erdrückt zuweilen und ich leide daran, dass ich all die Erwartungen, die ich an mich, die ich ans Leben habe, nicht erfüllen kann. Ich habe den Hoffnungsvorrat – darauf, dass es sich je ändern könnte –, allmählich aufgebraucht. Andererseits füllt sich dieser Vorrat zuweilen aus irgendwelchen, in mir schlummernden Quellen und aus unerfindlichen Gründen wieder auf. Vermutlich, weil das Leben so funktioniert. Stichwort Selbstheilung.

Und ja, ich glaube, dass es eher heilsam als kontraproduktiv ist, über Depression zu reden und zu schreiben. Das Argument, dass dadurch, dass ich drüber rede, alles nur noch schlimmer werde, weil ich dadurch ja ständig über das Thema, über die Krankheit, nachdenke, entkräfte ich so: Eine Wunde, die du ignorierst, blutet ja nicht weniger, wenn du sie nicht anschaust.

Depression ist eine Krankheit. Wie ein chronischer Herzfehler vielleicht, oder wie ein Bandscheibenschaden. Etwas, das bei guter Behandlung nicht unbedingt die Lebensqualität beeeinträchtigen muss, jedenfalls nicht immer. Aber eben: Dieses Etwas ist da. Und geht nicht davon weg, dass wir es ignorieren oder totschweigen.

Drüberreden hat dazu den Nebeneffekt, dass ich lerne, dazu zu stehen, dass ich bin, wie ich bin. Und dass meine Umgebung sensibilisiert wird für meine Symptome und für die Tatsache, dass das Leben nicht ideal ist. Dass ein Mensch keine Maschine ist. Auch dass die Berührungsängste meiner Mitmenschen gegenüber dem Thema schwinden können, ist ein möglicher Effekt und dass Nicht-Betroffene, jene Menschen, die depressiv sind, anders als nur als Versager, Opfer, Unfähige betrachten lernen. Sind wir nämlich nicht. Wie sagte Herr Bock noch mal so schön? ’Als depressiver Mensch kannst du alles, nur nicht einfach so. Und schon gar nicht immer. Und manchmal gar nicht.’

Und dass ich immer mal wieder über den Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Depression nachdenke, verwundert euch sicher nicht.

»Viel mehr als Traurigkeit« – Depression und das Leben mit ihr

Gestern habe ich mir auf zdf die Sendung 37 Grad angeschaut. Viel mehr als Traurigkeit hieß die gestrige Folge. Schon im Vorfeld war auf Twitter darüber gesprochen worden, denn die Sendung porträtiert zwei depressive Twitternde. Leider ist auf Twitter neulich einmal mehr über Depression gespottet worden. Über das heutige Mimosentum. Über eine Gesellschaft, die nichts mehr abkann.

Jana Seelig aka @isayshotgun und Uwe Hauck aka @bicyclist, die über ihr Leben als Depressive twittern, haben in Viel mehr als Traurigkeit über ihren Alltag, über ihr Zuweilen-Nichts-Fühlen, über die Krankheit, über Hoffnungen und Ängste gesprochen. Ich bin dankbar, dass sie das getan haben und bewundere ihren Mut.

Was mir im Kontext mit diesem Film endlich klar geworden ist: Jede Depression hat ein anderes Gesicht. Bei manchen fängt es erst später an, bei manchen früher; fast jeder zweite Mensch hat in seinem Leben mindestens einmal eine depressive Episode. Bei den meisten bleibt es dabei, bei anderen kommt der Schwarze Hund, das Monster, immer wieder. Und Medikamente, ja, die helfen. Manchmal. Nicht allen. Nicht immer. Vor allem hilft der Placebo-Effekt. Aber auch der nicht immer.

Manche spotten leider über Depressive.
Manche verstehen nicht. Viele geben Tipps, ohne zu wissen, wie es wirklich ist, wenn nichts mehr geht. Auch hängt über der Krankheit eine schier undurchdringliche Schamwolke, die auch mich daran gehindert hat, hier bisher deutlicher davon zu sprechen, dass ich eine Betroffene bin.
Manche glauben, dass Depressive selbst dran schuld sind, weil sie … Manche denken, dass man nur auf die Zähne beissen muss und dann wird alles wieder gut.
Manche glauben sogar, dass man nur das Richtige denken, glauben, wissen muss, damit es gut wird.

Ach, wenn es so einfach wäre … und wenn wir Betroffenen doch denen, die zu wissen glauben, was für uns gut ist, weniger Gehör schenken würden.
Ach, Konjunktiv!

Die Rolle, die Aufgabe, die Botschaft von Uwe Haucks Frau Sibylle hat mich aufgerüttelt:
Was macht die Depression mit unseren nächsten Mitmenschen? Wie schwer belasten wir unsere Partner, Partnerinnen, Freundinnen und Freude? Und lastet auf ihnen nicht die subtile Erwartung, dass sie für uns Depressive so etwas wie die WunderheilerInnen sein müssten? Anders gefragt: Lastet auf ihnen nicht der latente Anspruch, dass sie zu wenig gut sind, wenn wir wieder eine depressive Episode durchwandern? Wie gehen sie mit dieser Belastung um, die wir Depressive für sie sind? Für Depressive, die keine Freundinnen und Freunde habe, stelle ich es mir noch brutaler vor.

Vereinsamung ist ja das Huhn und das Ei innerhalb der Depression: Ziehen wir uns zurück und vereinsamen wir, weil wir depressiv geworden sind, oder sind wir einsam und werden deshalb erst depressiv? Da capo al fine.

Kurz und gut: Wir tragen Verantwortung füreinander.

Oder wie es Uwes Frau Sibylle sagt: »Wir profitieren auch von Uwes Krankheit, weil wir in Tiefen eindringen können, wo normalerweise Menschen wahrscheinlich gar nicht hinkommen.«

Das Vielleicht-Ding namens Leben

Vielleicht muss man ja die Vergeblichkeit des Lebens akzeptieren um wirklich sinnvoll leben zu können.

Und vielleicht ist Leben eins dieser Puzzles da mit all den vielen kleinen einzelnen Stücken, die überall herumliegen.

In seinem letzten Buch, Treibsand*, schreibt Henning Mankell über sein Leben als an Krebs Erkrankter. Er schreibt über Vergänglichkeit und Vergeblichkeit, über Eitelkeiten beim Gedanken an die Nachwelt und er schreibt auch über all die Spuren, die wir für jene legen, die nach uns kommen. Und darüber, wie schnell wir alle vergessen sein werden. Und dass das vielleicht gar nicht mal so schlecht ist.

Vielleicht ist ja manches, das im Leben ist, wie es ist, ein wenig wie mit Javascript? Vorhin, als ich meinen Rechner gestartet hatte, glaubte ich zuerst an eine WordPress-Panne. Mein Editor, in welchen ich diesen Text hier einfügen wollte, zeigte mir nur noch die Text-Version (= html) an, der Kommentarknopf blieb stumm und als ich auf Twitter um Lösungen fragen wollte, blieb auch dort der Textknopf stumm. Also versuchte ich über den neuen WordPress-Editor, den verhassten, zu bloggen, doch selbst dieser tat keinen Wank. Er könne nicht geöffnet werden, weil javascript nicht installiert sei, sagte die Seite, die auftauchte. Javascript ist kurzgesagt eine Art (Geheim-)Sprache, die interaktive Elemente liest und für uns sicht- und nutzbar macht.

Aber wie soll das gehen? Ich habe doch seit gestern nichts deinstalliert und Java ist auf meinem Browser Standard? Keine Ahnung, wie das geschehen konnte. Nach einigen Recherchen konnte ich über die Browsereinstellungen Java wieder als true statt als false konfigurieren. Ein einziger Klick in einer verborgenen Welt machte aus einem Nicht-möglich ein Möglich. Ich mag ja solche Metaphern aus der technischen Welt.

Seltsame Hintergrundkonfigurationen haben wir alle. Warum ein Knopf gestern noch ON und heute OFF ist, weiß ich nicht. Ich kenne nicht alle Mächte und Kräfte, die auf mein Leben einwirken. Manche kann ich, wenn ich sie doch irgendwie erkennen kann, beeinflussen, manche nicht.

Darüber dachte ich nach, gestern, im Wald. Und wie es kommt, dass ich an manchen Tagen das Leben ganz okay finde, während ich es an anderen knapp schaffe, sie zu überleben.

Was mir hilft, ist, ein bewusstes Leben im Augenblick zu üben. Tage, an denen ich bewusst lebe, fühle, denke, hinschaue, nachspüre, sind anders als Tage, an denen ich versuche wegzufühlen, nicht hinzuschauen, Schmerz von vornherein zu vermeiden. Obwohl bewusste Tage manchmal viel mehr wehtun als unbewusste, hinterlassen sie einen Abdruck, ein Echo. Unbewusste vergehen ungefühlt, stumpfen mich ab, klagen mich zuweilen im Nachhinein sogar an, behaupten, ich hätte sie ignoriert (womit sie recht haben).

Bewusst leben heißt, mir der Vergeblichkeit jeden Strebens bewusst zu sein. Nicht dass ich nicht streben könnte, dürfte, zuweilen wollte, manchmal müsste, aber – und das macht vermutlich den Unterschied – wenn ich weiß, dass letztlich alles vergeblich ist, tut leben weniger weh.

Für Mankell liegt das Einzigartige des Lebens in seiner Endlichkeit, in seiner Einmaligkeit. Ich persönlich teile seine Sicht nicht, dass das Leben mit dem Tod zu Ende geht. Zwar bin ich nicht religiös, das nicht, aber ich glaube dennoch, dass auch der Tod zu den Grundbedingungen des Lebens gehört. Die Rückseite von Hier und von Jetzt. Alles, was ist, ist immer auch sein Gegenteil. So sinnierte ich gestern auf meinem Waldspaziergang.

Erst am Abend entdeckte ich Irgendlinks Artikel über Die schönste Straße der Welt, worin er sich ebenfalls, wie so oft, Gedanken zum Leben macht. Und meinen gar nicht mal so Unähnliche …


Zitate aus Treibsand von Henning Mankell:

1. Zitat auch Treibsand von Henning Mankell2. Zitat auch Treibsand von Henning Mankell3. Zitat auch Treibsand von Henning Mankell