Verdichtung

Beobachten, sagt Dürrenmatt, Beobachten ist ein elementar dichterischer Vorgang. Das vermeintlich Beiläufige, Passive ist folglich nicht nur etwas Aktives, sondern etwas sehr Konzentriertes, Wirksames, Zielgerichtetes.

Ich glaube ja, Dürrenmatt hätte getwittert. Nein, hätte er nicht, weil das bestimmt zu kurzlebig für ihn gewesen wäre. Aber ich glaube, seine Art zu beobachten, entspricht der Art vieler Twitternden. Und ich gestehe, dass ich genau diese Art Twitterei mag: Alltagsbeobachtungen, beiläufig Wahrgenommenes in wenige Zeichen zu verdichten, Kürzestgeschichten zu schreiben.

Auch die Wirklichkeit muss geformt werden, will man sie zum Sprechen bringen. Sagt Dürrenmatt auch. Wird Wirklichkeit also erst wirksam, wenn sie in Worte gefasst wird?, frage ich. Ist sie nur dann wirklich, wenn sie eine Form gefunden hat und womöglich  erst dann für uns verständlich, weil in Sprache übersetzt?

Ist letztlich denn nicht jede in Worte gefasste Wirklichkeit – zum Beispiel die Reportage über eine Veranstaltung – immer nur Interpretation; und ist Interpretation noch objektiv? Sind Fakten wirklich Fakten?

Wie objektiv sind, sprechen, schreiben, handeln wir wirklich, sollte das überhaupt unser Ansinnen sein, und sind subjektive Wahrnehmungen weniger wahr als Fakten?

Kurz: Wie verlässlich sind unsere Maßstäbe?

Sind Gefühle, solange ich sie einfach nur wahrnehme, ohne sie zu interpretieren, nicht genauso ehrlich wie ein Litermaß?

Schnitt.

Als ich vor zwei Tagen durch Bern fuhr und kurz bei meinem früheren Wohnhaus anhielt, spürte ich Sehnsucht. Sehnsucht nach dem gelebten, nach dem vergangenen Leben in Bern. Aber halt! Ist Sehnsucht denn nicht bereits Interpretation dessen, was in meinen Eingeweiden vor sich ging, als das Herz höher und farbiger klopfte als sonst und der Bauch ein bisschen vor sich hin murmelte?

Die Erinnerungen trügen. Sie gaukeln vor, dass damals alles ein bisschen einfacher gewesen ist. Sie sprechen von einer Art Unschuld, die ich heute nicht mehr habe. Damals hatte ich weniger verstanden. Weniger Zusammenhänge. Jedes neue Wissen, das ich meinem Lebensarchiv zufüge, vergrößert meine Verantwortung gegenüber dem Leben, der Welt, vergrößert mein Schuldpotential. Je mehr ich weiß, je mehr ich verstehe, desto mehr Last bürde ich mir auf. Mit jedem neuen Wissen wird das Leben schwerer.

Meine Sehnsucht ruft nach Unschuld, nach Nichtwissenwollen, nach Leichtigkeit, nach Nochmalneuanfangenkönnen sogar, obwohl ich vermutlich nicht wirklich so viel anders machen würde. Oder aber ganz viel.

Ich würde wohl weniger glauben, was andere sagen, ja, das würde ich. Und ich würde wohl weniger glauben, was andere glauben. Und ich würde stattdessen mehr glauben, was ich selbst spüre, was ich selbst erkenne, was ich wirklich sehe – außen ebenso wie innendrin. Und ich würde mir mehr trauen.

Meine Leitungen durchspülen würde ich und den ganzen Müll, der herausgeschwemmt wird, kompostieren. Meine Interpretationsfilter würde ich nullen und meine Werte neubewerten. Und den Konjunktiv könnte ich vom Hassfreund zum Schrank machen, in welchem ich meine Gedanken, Erfahrungen und Erkenntnisse archivieren würde. Oder auch nicht.

Aber das Leben wäre endlich wieder beobachtbarer. Jedenfalls, wenn da nicht so viel wäre, das mir die Sicht verstellt.

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Illusion is also a way of reality.

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Ohne passenden Titel

Nein, ich werde heute nicht kommentieren, was jenseits des großen Meeres passiert ist. Noch bin ich zu schockiert. Und zu müde. Zu erschöpft. Außerdem können das manche besser (und ja, manche auch schlechter).

Besser ist es wohl, dennoch einen Apfelbaum zu pflanzen, selbst wenn morgen – na, ihr wisst schon – … (Wobei: Untergehen wird die Welt zwar vermutlich morgen noch nicht. Irgendwann aber schon. Und vielleicht fängt dann alles wieder von vorne an. Oder anders.

Bis dahin lese ich Treibsand, Henning Mankells Memoiren (Essays, nachdem er von seiner Krebserkrankung erfahren hat). Nährende Texte darüber, was es heißt ein Mensch zu sein. ( ⇒ Link).

Wobei:

Und, falls sich morgen die Welt noch immer dreht, habe ich einen weiteren Artikel von Ksenia für euch vorbereitet.

Gedanken zur Nützlichkeit

Zweiunddreißig Jahre alt ist er. Seit Jahr und Tag lebt er von Sozialgeld. Eine Ausbildung hat er nie gemacht. Nein, zu dumm dazu ist er nicht. Von außen betrachtet ist er wohl das Inbild des sogenannten Gesellschaftschmarotzers, denn auch die Alimente für seine drei Kinder, von drei verschiedenen Müttern, kann er natürlich nicht zahlen. Er lebt einfach sein Leben. Ohne Beruf. Ohne Arbeit. Ob und dass er mit seiner Lebenszeit etwas anfangen kann, steht hier nicht zur Debatte. Von außen betrachtet ist er, wie gesagt, unnütz für die Gesellschaft.

Aber.

Wäre da bloß nicht immer die überall mitschwimmende Frage nach unser aller Nützlichkeit. Für sich, für andere, für die Welt – Hauptsache, du bist nützlich. Die Frage hängt wie ein allgegenwärtiges Damoklesschwert über uns allen; sie schwingt mit
in der Angst vor Überfremdung, die besorgte BürgerInnen auf die Straßen treibt,
in der Angst von Eltern, die ein behindertes Kind erwarten und es nicht abtreiben wollen und dem Druck der Gesellschaft kaum standhalten können,
in der Angst alter Menschen, die auf einmal nicht mehr alles selbst machen können und auf andere angewiesen sind.

Diese Angst davor, in den Augen anderer nicht mehr nützlich zu sein, ist fatal und destruktiv. Sie geht von einem Menschen- und Weltbild aus, das nach dem Ausleseverfahren funktioniert statt nach dem Solidaritätsprinzip, das besagt, dass die Schwachen von den Starken Hilfe bekommen.

Woher kommt dieser Ruf in uns nach größtmöglicher Nützlichkeit für die Gesellschaft? Ist er die Folge von Erziehung/Konditionierung oder ist er in jedem Menschen programmatisch, genetisch mit dabei? Und wie hängt dieser Ruf nach Nützlichkeit mit Empathie und Altruismus zusammen und wieso lassen wir uns/wieso lasse ich mir weismachen, dass zum Beispiel ein Bild zu malen weniger wert/nützlich/sinnvoll ist, als eine Bilanz oder Statistik zu erstellen, eine Unterrichtsstunde zu halten, ein Essen zu kochen, einen Wocheneinkauf zu erledigen? Nützlichkeit in Geld zu messen ist so absurd. Denn Nützlichkeit und Lebenswert/Lebenssinn sind keine Synonyme.

Ich habe nichts gegen und bin sehr für nützliche, sinnvolle Arbeit, die für die Gemeinschaft getan wird. Sie ist es nicht, die ich hier gemeint habe. Ich glaube, eine wachsende generelle Lebensbe- und -entwertung insbesondere von Schwachen, Alten, Behinderten, Kranken, die von einem Großteil der Gesellschaft ausgeht, zu beobachten.

Wer steuert dieses Denken und wie können wir ihm entgegenwirken?

Beim Tod von Kindern sind wir erstmal sprachlos

Tod und Sprachlosigkeit sind ein bekanntes Gespann. Wenn Kinder sterben Kinder, kommt Hilflosigkeit dazu und macht die Situation schier unerträglich. Um dem Trauerschmerz Raum und Worte zu gehen, habe ich ein knappes Jahr nach dem Tod meines Sohnes, vor zwölf Jahren, mit anderen Menschen, die um ein Kind trauern, eine Webseite kreiert.

Screenshot der Trauerwebseite Girasol

Beim kürzlichen Relaunch der Seite haben wir neu ein Blog integriert. Heute morgen ist der erste Text einer geplanten Artikelreihe unter dem Sammelbegriff Trauern im Alltag, erschienen, einer Reihe, die wir dort in loser Folge publizieren werden (Interviews, Buchbesprechungen, Nachrufe, Erinnerungen, Trostgeschichten etc.).

Claudia vom „Meine Schwester tot und ich hier“-Blog hat mich, unter dem Pseudonym Jana, interviewt und das Interview heute Morgen aufgeschaltet. Hier lang geht es direkt ⇒ zu diesem Interview auf unserer Trauerwebseite. Gerne dürft ihr unsere Seite besuchen und weiterempfehlen.

Unser Ziel ist es, Menschen, die um ein Kind trauern, Raum für ihre Trauer zu geben, ihnen Trost anzubieten sowie Tipps und Links zur Verfügung zu stellen.
Ziel ist es auch, den Tod von Kindern zu thematisieren. Und über den Tod zu sprechen. Über den Tod, den Verlust, das Loch, die Trauer, den Schmerz.
Denn geteilter Schmerz und geteilte Trauer sind wirklich leichter zu ertragen.

Schreibtagebuch #1

Vor etwas mehr als einer Woche habe ich mit meinem neuen Romanmanuskript angefangen. Aktuell bin ich bei etwa 11’000 Wörtern.

Ich habe gottgleich Figuren erschaffen, fiktive Figuren, Menschen, die ich so nicht kenne, die so und so aussehen, die so und so sprechen, die so und so fühlen. Natürlich schöpfe ich beim Schreiben auch – insbesondere da die abwesende Hauptfigur eine depressive Frau ist – aus meinen eigenen Erfahrungen.

Aber Lea ist nicht ich. Lea ist eine andere Frau mit einer anderen Geschichte als der meinen und mit anderen Erfahrungen. Ich fühle Lea sehr gut. Ich gebe ihr von mir erlittenes Leid und bürde ihr meine Schmerzen auf. So gut sich das anfühlt, so schwer fühlt es sich auch an.

Ich versuche bei den Dialogen und Erzähltexten, zwischen den einzelnen Figuren zu unterscheiden. Ob es mir gelingt? Ich weiß es nicht.

Genial ist die Arbeit mit Scrivener, einem Autorenschreibprogramm, das es mir ermöglicht, einfach zuerst die einzelnen Teile des Buches zu schreiben, um später die richtige, stimmige Reihenfolge zu finden. Zumal die Geschichte ja eh aus einzelnen Stücken besteht. Die Chronologie ist für mich – zumindest jetzt noch – zweitrangig und austauschbar. Ich werde, denke ich, wenn ich alles geschrieben habe, merken, wie ich die Teile zusammenweben soll.

Ich gestehe, dass ich daran zweifle, einen ernstzunehmenden Roman schreiben zu können. Zum einen bin ich eine NoName und alles andere als eine Kämpferin, die Schaut-her! rufen mag und sich selbst gut vermarkten kann, zum anderen ist das Thema alles andere als mainstream (nicht dass ich über coole Mainstreamthemen schreiben möchte, aber es wäre eben sicher einfacher, ein Publikum zu finden …).

Ja, ich will einen ernstzunehmenden Roman schreiben, der gelesen wird, und so einen Beitrag dazu leisten, dass wir Depressiven besser verstanden werden und dass Suizid aus der Tabuzone geholt wird. Dass Suizid besser verstanden wird. Dass sich Menschen mit diesen zwei Themen auseinandersetzen. Mit der Gesellschaft, die sie hervorbringt und füttert, wenn auch eher indirekt.

Daumendrücken erlaubt.

Nichtstun oder nicht Nichtstun, das ist hier die Frage

Ich gestehe, dass mir Nichtstun nicht leicht fällt. Immer hockt da der leise Innere Zensor, der mich antreibt, etwas Sinnvolles zu tun. Jetzt, mit dem neuen Buchprojekt, würde ich allerdings und sowieso am liebsten immer nur an der Kiste hocken und schreiben. Geht natürlich nicht, weil ich ja auch noch anderes tun muss, soll, will. Oder eben auch mal nichts tun.

Gestern hat mir Irgendlink gezeigt, wie das geht. Und was tue ich, derweil er auf dem Nichtstu-Sofa nichts tut? Ich zeichne. Ihn. Beim Nichtstun.

Skizze. Jürgen mit unter den Kopf gelegten Armen. Gescannt und eingefärbt.
Irgendlink beim Nichtstun. Skizze gescannt, digital nachbearbeitet und eingefärbt.

Heute habe ich den Vorsatz gefasst, jeden Tag mindestens eine Stunde zu schreiben. Am Buch. (Inzwischen habe ich schon mehr als 2000 Wörter.) Oder etwas anderes Kreatives zu tun.

Wenn ich schon nicht Nichtstun kann, dann will ich wenigstens etwas tun, das mir Freude macht und mir ein gutes Gefühl gibt. Ich habe viel zu lange nichts Kreatives mehr getan – weder sinnlos noch absichtlich. Höchste Zeit also, wieder mit Farben und Buchstaben rumzuwerkeln.

[Aber nun gehen wir raus, ziehen dem Autochen die Winterschuhe an und genießen den sonnigen Tag.]

Zettelzöix

Ich verzettle mich in der vielen Zeit, die wie eine große Leere und wie eine große Fülle zugleich um mich herum Platz genommen hat. Ich verzettle mich auf Zetteln. In Büchern. Draußen ebenso wie drinnen. Wie zum Beispiel vorhin, als ich auf der Suche nach dem Namen einer Person, mit der ich vor zwölf Jahren Kontakt hatte, ein, zwei Stunden in alten Tagebüchern gelesen habe.

Verzettelung ist auf den Punkt gebracht mein großes Problem auf dem Weg des Vorankommens. Sagte meine Kursleiterin im Schlussgespräch letzten Freitag zu mir.

Aber was wäre, frage ich, aber was wäre, wenn sich zu verzetteln eine Gabe wäre? (Gibt es keinen Beruf, in dem sich zu verzetteln die gefragteste aller gefragten Fähigkeiten ist?) Was wäre, wenn Vorankommen, Ziel, Erfolg, wie sie unsere Gesellschaft anbetet, vielleicht gar nicht Dasjenigewelches ist, dass wir so dringend brauchen. Wenn alles anderes wäre? Und wie würde es sich wohl anfühlen, das Leben, ohne voranzukommen?

Ich versuche es mir vorzustellen, aber es geht irgendwie nicht. Voranzukommen steckt uns in den Genen, behaupte ich mal.

Aber irgendwann kommt der Wendepunkt und das Vorankommen kippt und verwandelt sich in ein Zurückkommen. Kippt es dort, wo wir uns auf dem Lebensweg zurück in die Mitte zu bewegen anfangen? Bin ich schon dort? Darf ich mich aufs Zurückkommen konzentrieren oder muss ich noch vorankommen? Und was genau ist dieses Zurückkommen?

Vor langer Zeit, in einem Vortrag, erzählte ein weiser Mensch, dass das Leben einem Labyrinth gleiche. Die erste Lebenshälfte gehen wir den Weg von der Mitte nach außen, in der zweiten gehen wir den Weg wieder zurück ins Zentrum.

Wir kommen aus der Mitte, wir gehen in die Mitte. Dazwischen ist Leben.

Zurückkommen in die Mitte scheint mir zurzeit weit erstrebenswerter als das Vorankommen.

Vielleicht ist es doch gar nicht so wichtig, was wir tun, sondern wie wir uns dabei verhalten, in welcher Haltung wir tun was wir tun. Vielleicht ist es ja so, dass das Leben eine Art Geduldsspiel ist, ein lebenslängliches Experiment womöglich, bei dem es nicht darum geht, dass wir es möglichst schnell und möglichst fehlerfrei lösen, sondern in einer friedlichen Haltung.

Nein, soweit bin ich noch nicht. Obwohl ich mit dem einen oder anderen umständlichen Umstand Frieden geschlossen habe. Und ja, mit meiner Tendenz zur Verzettelung, die mir schon von Kind auf attestiert wurde – mit hübschen Umschreibungen wie ’sie hat viel Phantasie‘ und ’sie träumt gerne‘ garniert –, hadere ich zuweilen immer noch. Wie gerne würde ich klarer priorisieren können. Klarer durchblicken. Nicht alles nebeneinander, nicht alles gleich schwer, gleich bunt, gleich wichtig wahrnehmen, sondern … ja, wie? Ich hadere aber eigentlich, wenn ich ehrlich bin, damit nicht wirklich, oder möglicherweise nur darum, weil mich meine Verzettelung daran hindert, ein nützliches, wertvolles und arbeitssames Mitglied der Leistungsgesellschaft zu sein, an die ich nicht wirklich glauben kann.

Hm. Und jetzt?

Meine Gedanken bündeln und mich auf etwas konzentrieren, im Flow sein kann ich natürlich schon. Gut sogar. Wenn ich auf der Kür- statt auf der Pflichtstraße gehe besonders gut. Wenn ich wählen könnte, was ich tun wollte. Wenn ich tun könnte, was ich gewählt hätte. Wenn ich …

Ach Konjunktiv, du wieder, du Verzettler erster Güte du!

Dabei wollte ich ja bloß erzählen, dass unser Rheinwanderundradelprojekt Flussnoten seit letztem Mittwoch abgeschlossen ist, Irgendlink mich überraschenderweise danach direkt von der Rheinmündung in Holland aus heimgesucht hat und mich das Zusammensein mit ihm – wie immer – total inspiriert.

Alle unsere Gummibänder

Es ist mir, als wäre in mir ein Gummiband, das ich viele Jahre lang überdehnt habe, gerissen, dachte ich gestern, als ich am Nachmittag, nach einem kleinen Spaziergang in die Dorfbäckerei, total kaputt war und unterwegs auf einer Bank Pause machen musste. Mein Gummiband steht einerseits für Leistungsdruck, andererseits aber für meine bisherige Unfähigkeit, Nein sagen, Stopp sagen zu können.

Heute denke ich, dass mein Gummiband nicht wirklich gerissen ist, sondern dermaßen überdehnt, dass es mich nicht mehr zusammenhalten kann. Und so ausgeleiert kann es mich auch nicht mehr auf Kurs halten. Ob uns unsere Gummibänder wirklich so gut tun, wie die Wirtschaft uns weismacht? Was wären wir ohne sie? Und warum sind sie – jedenfalls die, die ich kenne – so verdammt eng und drückend in ihrer angeblichen Elastizität?

Dass wir etwas brauchen, das uns zusammenhält, stelle ich nicht grundsätzlich in Frage. Und dass ich mir jetzt ein neues Band weben soll, dass mich irgendwie zusammenhält, erkenne ich ebenfalls. Ich hoffe darum um Weisheit bei der Auswahl des Materials und der Farben.

Auf einmal stelle ich mir aber auch einige ungemütlichen Fragen. Und ich denke über all diese Bänder um all diese Menschen nach, die uns alle irgendwie in Form halten. Und warum wir sie tragen. Warum wir sie brauchen. Was sie mit uns machen. Und ob und wenn ja, wie bewusst wir sie selbst gewählt haben.

Artgerecht und eigen-artig

»Dürfen Depressive lachen?«, fragte neulich jemand auf Twitter. Und wie sieht das Leben Hochsensibler aus?  »… konstante Leistung – was ist das?«, fragt die Bloggerin Julia, die ich auf Twitter kennengelernt habe in einem ihrer Blogartikel zum Thema Hochsensibilität. Weiter schreibt sie, dass viele Hochsensible sehr leistungsstark sein können. » … aber diese Leistungsstärke konstant zu halten, das geht bei manchen HSP nicht bzw. ist sehr schwierig. Wenn es denn so scheint, dann setzen HSP eine Maske auf – denn sie wissen ganz genau, wer was von ihnen erwartet … Nur dann besteht die Gefahr, seine eigenen Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren und somit sich selbst.«

Quelle: hochsensibel1753.wordpress.com

Sie spricht mir aus dem Herzen. Ein Kommentator schreibt: »Sollte es einen guten Trick geben, das zu regulieren, wäre ich mehr als dankbar.«

Dazu seufze ich. Weil. Eigentlich finde ich selbst es ja nicht wirklich schlimm, dass ich mal so mal so bin. Nur so für mich und meine Nächsten ist das nicht schlimm. Schlimm daran ist, dass unsere Gesellschaft auf konstante Leistungsfähigkeit aufgebaut ist. So gehen wir, andere ebenso wie ich, immer wieder an unsere Grenzen. Äußerlich sieht man uns die Überstimulation und die Reizüberflutung nicht an. Wir haben unsere Masken früh zu tragen gelernt. Fast sind sie mit uns verwachsen, aber sie jucken und sie drücken zum Glück.

Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich feststelle, dass ich nicht die Kraft für mehrere Dinge habe. Mehrere größere, mehrere wichtige Dinge meine ich. Die Kraft reicht nicht für mehr. Weil ich nicht einfach ohne großen Energieaufwand vom einen zum anderen großen Thema mir-nichts-dir-nichts wechseln kann. Nun ja, mit der Maske auf kann ich es natürlich schon, aber es kostet mich unglaublich viel Kraft. Kraft, die mir dann fehlt für anderes, das mich wieder aufbauen würde.

Dazu schreibt Julia: »… warum fällt es uns Hochsensiblen denn (manchmal) so schwer, eine – für Muggels (Normalsensible) – vermeintlich einfache und schnell abzuarbeitende Arbeit zu erledigen?

Ursache: Unser (HSP-)Fokus ist gerade ganz woanders. Ein Muggel würde sagen: „Dann lenk den doch einfach auf das, was gerade ist und mach einfach. Machs doch einfach!“

Danke – das würde ich ja gerne tun. […]

Eindrücke bleiben bei Hochsensiblen länger bestehen. Man stelle sich einen gewöhnlichen Knautschball vor – auch bekannt als „Anti-Stress-Ball“ oder Knetball – den manche Kollegen ab und an tatsächlich durchwalken – weil gerade zu viel los ist – oder anderen Kollegen an den Kopf werfen *Spaß*

Diese Knetbälle benötigen ein bisschen Zeit, sobald sie zerknautscht wurden, bis sie sich wieder in ihrem Ursprungszustand befinden.

Also: Wenn EinDRÜCKE von außen (oder innen!, z.B. Hunger) kommen, wird der Knetball von Hochsensiblen und Muggels ein-ge-drückt… Nur: Bei Hochsensiblen wird er oft tiefer eingedrückt, weil einfach mehr Informationen bei ihm ankommen – und das Zurückverformen in den Ursprungszustand dauert unter Umständen auch länger. Was bedeutet das genau? Wenn man mit zu vielen Eindrücken und Gedanken beladen ist – egal ob hochsensibel oder nicht – kann man nur schlecht etwas Neues aufnehmen bzw. mit etwas Neuem beginnen oder das Bestehende weiterführen bzw. auf bestehendes Wissen zugreifen. Der Fokus ist in diesem Moment nur schwer steuerbar.«

Quelle: hochsensibel1753.wordpress.com

Hochsensibilität, die eigentlich eine Gabe, eine Ressouce sein könnte, ist mir zurzeit Last und Fluch. Ich möchte oft einfach nicht so viel fühlen, doch fühlen kann man nicht abstellen. Mir hilft es, mich durch Julias Blog zu lesen und mich in Ihren Berichten und den Kommentaren anderer wiederzufinden.

Oder in diesem Comic hier (bitte aufs Bild klicken)

hsp-comic

Zu früheren Zeiten und in anderen Kulturen waren wir Hochsensiblen die HeilerInnen, TänzerInnen, WandlerInnen, KünstlerInnen einer Gesellschaft und ihre Gaben waren selbstverständlich. Und heute?

Fazit: Ja, auch Hochsensible können feiern und schuften, genauso wie auch Depressive lachen und sich freuen können. Und genauso, wie Normalsensible zuweilen reizüberflutet sein können und sich zurückziehen müssen.

Wir alle können fast alles. Wichtig ist es aber doch, dass wir genau hinfühlen. Und unsere persönliche Art nicht verleugnen. Und dass wir den Mut haben, uns so zu verhalten, wie es unserer Art entspricht. Artgerecht. Und respektvoll dem Anderssein anderer gegenüber.

Halb oder ganz und unsere Interpretationen

Sehen wir etwas Halbes, denken wir es uns ganz. Fehlende Buchstaben in der Leuchtschrift sind ein typisches Beispiel. Unbewusst folgen wir einem inneren Gesetz der Ergänzung.

Sehen wir einen Menschen und seine offensichtlichen Eigenschaften, denken wir ihn uns ganz. Ergänzen ihn. Unbewusst folgen wir auch hier einem inneren Gesetz der Ergänzung, das auf unserer Erfahrung mit anderen Menschen beruht. Auf Erfahrungen, auch Menschenkenntnis und vor allem auf eins: Auf Interpretation.

Sehe ich einen Menschen, der schuftet wie ein Wahnsinniger, halte ich ihn für besonders leistungsfähig.

So gesehen müssen mich die anderen Menschen, drehe ich das Ganze hier einmal um, für klug, stark und fit halten – wenn ich die Rückmeldungen meiner GruppenkollegInnen so höre.

Und ich begreife, dass wir auf Menschen das Gesetz der Ergänzung nicht anwenden dürfen. Zu viele Unbekannten!

Natürlich bin ich relativ gebildet, und manchmal bin ich stark. Und manchmal bin ich sogar ziemlich fit. Aber. Wie habe ich neulich doch Herrn Bock zitiert? ’Als depressiver Mensch kannst du alles, nur nicht einfach so. Und schon gar nicht immer. Und manchmal gar nicht.’

Unter gewissen Vorzeichen gehe ich leider und noch immer regelmäßig über meine Grenzen. Bin auf Adrenalin und Cortisol sozusagen, unruhig, ruhelos. In Kontexten wie Arbeit oder dem Kurs, den ich aktuell besuche, spüre ich das gleich doppelt. In zeitlich absehbaren Situationen kann ich noch weniger als im Arbeitsalltag halbe Sachen machen. Entweder blende ich mich aus und halte ich mich heraus (wie das geht, weiß ich aber allerdings nicht wirklich) oder ich gebe alles. Normalerweise gebe ich alles. Und danach bin ich kaputt.

Ich kann meine Kräfte nicht wirklich einteilen, gehe immer an die Grenzen und darüber. Und so bin ich entsprechend dauerausgelaugt. Anders, als wenn ich vom Wandern, vom Kunsten, vom Kreativsein müde oder erschöpft bin. Dort baut mich das Tun auf, auch wenn ich müde bin. Es kommt aus meiner Mitte und nährt mich, während ich etwas erschaffe.

Es ist wohl der Fokus, der den Unterschied macht zwischen diesem auslaugenden, erschöpfenden, anstrengenden, ich-gebe-alles-haften Tun und dem kreativen, nährenden Schaffen bei dem ich ebenfalls alles gebe, oder wenigstens so viel, wie ich noch habe.

Beim kreativen Schaffen synchronisiere ich innen und außen, beim auslaugenden Tun stehe ich gleichsam neben mir, sehe mir beim Hampeln, beim Leisten zu und kippe das Adrenalin und Cortisol-Füllhorn über mir aus, damit ich es durchstehen kann. Okay, ich übertreibe ein wenig. Und es ist ja auch nicht immer gleich. Aber während mich das eine aufbaut und beruhigt (sogar das Kritzeln und Zeichnen in den Kursstunden), macht mich das andere hibbelig.

Nun überlege ich, wie ich dem Adrenalin und Cortisol beikommen könnte?


Zur Information

Bei Hochsensibilität werden »in akuten Stresssituationen die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ins Blut ausgeschüttet. Ersteres bereitet den Körper auf eine Flucht- oder Kampfsituation vor, zweiteres ist ein Neurotransmitter, der das Gleiche mit dem Gehirn macht – es wird für schnelle Bewertungen und Entscheidungen in Schwung gebracht. Erfährt der Metabolismus innerhalb einer gewissen Zeitspanne mehrere Adrenalinstöße, so wird das für Dauerstress zuständige Hormon Cortisol ausgeschüttet, was Körper und Geist in nachhaltige Alarmbereitschaft versetzt. Wie viele bzw. wie starke Aufregungen oder Störungen dafür notwendig sind variiert von Mensch zu Mensch, bei manchen hochsensiblen Personen (HSP) können jedoch schon drei relativ geringfügige Unterbrechungen der Konzentration innerhalb einer halben Stunde dazu führen. Untersuchungen an einer amerikanischen Universität haben gezeigt, dass hochempfindliche Kleinkinder schon bei einer einzigen Konfrontation mit etwas Unbekanntem in den Cortisolzustand wechseln, wenn sie davor zwei Stunden lang mit einer nur mäßig aufmerksamen Betreuungsperson verbracht haben, war die Betreuungsperson jedoch sehr aufmerksam, sind die Kinder viel belastbarer.«

Quelle: www.zartbesaitet.net