spinntisiert | Wenn der Liebste und ich auf dem Hof herumwuseln und etwas Handwerkliches (er)schaffen – etwas reparieren zum Beispiel –, brauchen wir Werkzeuge. Zugegeben, irgendwann habe ich aufgegeben, selbst nach den Dingen zu suchen. Sie sind eh immer wieder woanders. Nein, es ist kein Chaos, aber die Dinge wandern. Selbst Baumeister Irgendlink weiß oft nicht, wohin der Hammer diesmal gewandert ist. Und wo ist bitteschön der Pinselreiniger?
Wir spinntisieren darüber, ob die Wanderung der Dinge ein Problem ist, das einer Lösung bedarf, oder ob es gut ist, wie es ist. Ob die Suche nach dem einen notwendigen Werkzeug, welche durch eine konsequente Ordnung vermeidbar gewesen wäre, Lebenszeitverschwendung ist oder ein entschleunigendes Antidot gegen übertriebene Effizienz.
Und ist Warten denn statt Lebenszeitverlust nicht vielmehr ein unerwartetes Geschenk, frei verfügbare Zeit?
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geträumt | Im Traum waren wir in einer Stadt unterwegs, als Irgendlink einfiel, dass er noch etwas aus dem einen Laden brauchte. Da fielen mir auch noch einige Dinge ein, die ich brauchte und so bot ich an, für uns beide einkaufen zu gehen, während er draußen wartete. (Einkaufen, die Covid-Edition.)
Im Laden war zum Glück wenig los, so dass ich einen Angestellten fragte, wo XYZ, das Irgendlink brauchte, zu finden sei. Er zeigte es mir. Danach suchte ich meine Dinge zusammen und ging mit meinen Schätzen Richtung Kasse. An der Kasse schaute ich meine Dinge genauer an und sah, dass das für Irgendlink gekaufte Dingsi – womöglich durch mein Aufs-Band-Legen? – kaputt war. Ich bat die Angestellte an der Kasse, mir ein anderes, nicht kaputtes zu holen, da im Regal keine weiteren Dingsis mehr gewesen waren. Also holte sie im Lager ein neues, funktionierendes Dingsi. Ein Einkuf also mit einigem Hin-und-Her.
Inzwischen hatte sich der Laden gefüllt und die Menschen standen in einer lange Schlange an. Zwar anständig und mit Abstand, doch mir war das alles furchtbar unangenehm. Nur, weil ich dieses Dingsi gekauft, nur weil Irgendlink dieses Dingsi gebraucht hatte, verloren x Menschen y Minuten Lebenszeit.
dies gelesen |Frau Larapalara denkt nach über Sartres Hölle.
»Die Problematik sah er wesentlich im Blick des anderen. Denn der Blick des anderen objektiviert mich, indem er mich so sieht, wie ich bin, wie ich mich aber niemals sehen werde. Die Hölle ist die Erfahrung der Scham, die durch den Blick des anderen hervorgerufen wird, die Erfahrung des meiner Selbst als ein Für andere. Der Konflikt liegt in der eigenen Abhängigkeit von der Freiheit des anderen, mich zum Objekt zu degradieren und als Mittel für Zwecke zu benutzen, die mir nicht bekannt sind. […]
Wer jemanden fotografiert, sieht ihn so, wie er sich selber niemals sieht. Der Fotografierende erfährt etwas, was der andere von sich selbst niemals erfährt. Das Fotografieren verwandelt Menschen in Objekte, die man symbolisch besitzen kann.«
Quelle: larapalara.wordpress.com
das gedacht | Wenn ich diesen Text in meinem Blog pingbacke, ist das nicht auch irgendwie eine objektivierende und besitzergreifende oder zumindest besitzenwollende Handlung?
Wie verhält es sich mit dem Teilen von Inhalten im Internet? Wie viel Identifikation mit oder Berührtheit durch nicht von uns selbst erstelltem Inhalt braucht es, bis wir etwas teilen?
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dies gelesen | In Solminores neuem Blog geht es umd das Weglaufen. Darüber, das Haus zu verlassen ohne zurückzuschauen. Ausgehend von Peter Stamms Roman Weit über das Land fragt er sich, was wäre, wenn.
das gedacht | Und – was wäre, wenn? Bei mir? Und bei dir?
herausgefunden | Zuerst dachte ich ja, ich finde den richtigen Autolack-Blauton, um die kleine Beule am Autochen zu kaschieren per Auge. Einfach so, in dem ich im Internet Farben angucke.
Dass es innerhalb einer Automarke sooo viele Blautöne gibt, hätte ich nicht erwartet. Pre-beulede Autos sind praktischer in der Handhabung, meinte der Liebste neulich, da spiele eine Beule mehr oder weniger keine Rolle mehr. Stimmt. Aber da mein Citrönli ansonsten ein unverbeultes Anlitz hat, soll es wieder so werden.
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geappt | Heute habe ich uns ein GIF gebastelt. (Mirror Lap-App und GIMP)
zugehört | Meine Freundin Talitha hat mit ihrer Mutter Ruth einen Podcast gestartet. Gespräche über das Mutter-und-Tochter-Sein. Persönlich, sensibel, bärndütsch.
»Unsere gemeinsame Geschichte beginnt im Jahre 1981. Ruth träumte, sie habe ein Baby in England im Abfall gefunden. Kurz darauf brach sie als junge Aupair nach Manchester auf … wie wir uns schlussendlich fanden, zusammen durch die Hölle gingen und unsere Beziehung durch viele Gespräche stets pflegten, erfährst du, wenn du dir unseren Podcast anhörst.«
gelesen und nachgedacht | Manche sagen und schreiben, die Welt sei klein geworden. Da ist diese Aussage über eine als geschrumpft wahrgenommene Welt, doch was mein dieses Klein eigentlich? Wir konnotieren es spontan mit beengend, langweilig, nicht erstrebenswert.
Möglicherweise könnten wir es, umständehalber, neu mit Begriffen wie natürlicher (als groß), überschaubar, wohltuend, entschleunigt füllen? Nur so als Versuch? Weil sich die Umstände gerade nicht ändern lassen und weil dieses Klein vermutlich, wenn wir auch die Klimakrise ernst nehmen, mehr und mehr Teil unserers zukünftigen Alltags wird? Und weil es uns vielleicht dabei hülfe, uns nicht so hilflos zu fühlen?
Vielleicht ist ja Weniger das neue Viel und Klein das neue Groß (mal abgesehen davon, dass ich diesen Spruch nicht mag).
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entdeckt | Ich habe auf meinem Android-Tablet eine Bildbearbeitungsapp installiert, die süchtig macht (Mirror Lab) und mega entspannt. Wieder einmal zu appen tut gut und bringt den Kopf zur Ruhe.
Eine neue Rubrik ist geboren. Unter Neue Fallmaschen mixe ich (un)regelmäßig Entdecktes, Aufgefallenes, Wahrgenommenes, Gedachtes, Gefühltes, Ärgernisse, Freuden, Bestrickendes, Heruntergefallenes, Aus- und Aufgelesenes.
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gedacht | In einer idealen Welt hätten wir Menschen kollektiv und solidarisch beschlossen, uns alle für fünf Wochen zu isolieren und so das Virus auszuhungern. Den Menschen, die kein Zuhause haben, hätten wir unkompliziert Räume in Hotels zur Verfügung gestellt.
In einer alles andere als idealen Welt brauchen wir Bestimmungen und finden es je länger je schlimmer, wegen ebendieser Bestimmungen ein langfristig eingeschränktes Leben führen zu müssen, um jenen kleinen, besonders anfälligen, gefährdeten, verletzlichen Teil der Menschheit zu schützen.
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aufgeschnappt | Bei HEKS Schweiz fällt mir das Wort Herdensolidarität sehr positiv auf und regt zum Träumen an.
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gefühlt und erinnert | Ich fühle mich zuweilen wie ein einst feingeschliffener Stein, der sich zurückverwandelt in seine kantige, ungeschliffene Urform. Obwohl ich zugleich und dennoch das Gefühl habe, nebenbei ein bisschen weiser und ein wenig reifer geworden zu sein und es noch zu werden.
ausgelesen | Tove Ditlevsens ersten Teil der Trilogie Kindheit, Jugend und Abhängigkeit. Eine Kindheit, die in vielem – trotz einem halben Jahrhundert Abstand – meiner ähnelt im Gefühl des Sich-selbst-Fremdseins.
(Durchnummeriert wird mit der Zahl der gelebten Tage des jeweiligen Jahres.)
Das neue Blog fordert mich zum Innehalten auf. Zum Nachdenken.
Seit knapp 17 Jahren blogge ich – das hier war der fünfte Umzug. War es am Anfang noch eine Art Trauertagebuchschreiben gewesen, füllte sich das Blog nach und nach im Laufe der Jahre mit Reise- und Alltagsabenteuerberichten, Gemeinschaftsprojekten, Geschichten, Buchbesprechungen, sofasophischen und politischen Essays – und neuerdings sogar, gesundheitsbedingt, mit Rezepten. Was es immer war: ein Ausschnitt aus meinem gelebten Leben, und damit auch ein Zeitdokument.
Mehr und mehr abhanden gekommen sind mir das Spontane, Banale, Alltägliche, das früher so anwesende, ungehemmte Drauflosschreiben und Mich-Warmschreiben.
Es fehlt mir der Fluss, der Antrieb. Kann sein, dass das letzte Jahr mit all seinen Herausforderungen nicht ganz spurlos an meinem Schreibbedürfnis vorbeigezogen ist. Was wurde da doch alles geschrieben, geredet, gemeint, behauptet, in Zweifel gezogen, auf den Kopf gestellt. Ganz allmählich ist dabei die eigene Stimme stiller und stiller geworden.
Doch da gibt es zum Glück ein paar feine Blogger:innen, die das tägliche Schreiben pflegen. Manche habe es auch eben erst für sich reanimiert. Sie pflegen ihre Blogs wie einen Garten, der täglicher Pflege bedarf.
Warum also nicht auch ich? Wieso also nicht auch dieses Blog reanimieren, es wieder bewohnen, es wieder mehr und mehr als Wohnraum betrachten, als Terrasse oder Wintergarten?
Seit ein paar Tagen ist es frühlingshaft. Auch wenn die Welt Kopf steht und ganz vieles im Argen ist, möchte ich hier ein neues, kleines Pflänzchen setzen und ihm beim Wachsen zuschauen.
Andere Wortmenschen in meinem Umfeld schreiben zuweilen, dass es nichts zu erzählen gäbe, weil ja nichts passiere, was die Frage aufwirft, wie viel Stimulanz wir von außen brauchen, um etwas erzählen zu können.
Wie steht es mit der bildenden Kunst? Ist Erzählen, ist Kunstschaffen wirklich nur eine Reaktion auf Geschehnissem, auf die sich verändernde Welt in Resonanz, in Relation und in gleichsam planetarischer Konjunktion zur:m Kunstschaffenden?
Brauche ich zwingend – und wenn ja wie viele – Reize, um zu kreieren? Brauche ich gar Reize um zu überleben?
Dieses ’Nichts’ ist – so behaupte ich – in unserer dualen, materiellen, sich ständig wandelnden Welt eine Illusion. (Möglicherweise taugen statt ’nichts’ Begriffe wie ’reizfrei’ oder ’reizarm’.)
Diese für viele verlangsamte, ereignisarme Zeit, die wir gerade durchleben, lässt sich möglicherweise künstlerisch als Chance begreifen, wieder mehr auf die leisen Reize zu hören und zu blicken.
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Irgendlink bloggte gestern über Altlasten in Abstellkammern, unspaltbare Holzstapel und das Altwerden am Holzofen.
»Unsere Räume und Umgebungen, Sphären unseres materiellen Seins sind zugerümpelt mit Ideen und Könntemanmals. Vor ein paar Tagen dachte ich, Aufgeben, nur Aufgeben, oder um es positiver auszudrücken, Loslassen, kann dich noch retten und sieh dich doch mal um hier, es sind ja nicht nur die eigenen Träume und Ideen, die auf dich eindreschen, da ist ja noch das Erbe deiner Vorfahren. […] Es gibt alleine sieben Schubkarren, teils uralte Dinger, vermutlich gar welche, mit denen die ersten Reichsautobahnen schon gebaut wurden … zuviel zuviel zuviel. Zuviel Dinge. Zuviel Träume. Zuviel Blockaden.
Nicht so gestern. Komischerweise waren sich Hirn und Körper einmal einig und so spaltete ich das gesamte Pappelholz – wirkliche Schufterei. Geht doch, dachte ich.« (Zitat)
Ich antworte:
»Geht doch, aber nur manchmal, nämlich dann wenn es zu einer Konjunktion von Geist und Körper kommt, die wie Planeten ihre ganz eigenen Umlaufbahnen haben, ihre ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten.«
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Ich beobachte bei mir, dass ich bei Menschen, die ich persönlich kenne, weniger Angst habe, mich von ihnen mit Covid anzustecken als bei mir unbekannten Menschen.
Eine trügerische Annahme, wenn man bedenkt, dass sich mutmaßlich die meisten Menschen im privaten Umfeld anstecken.
Natürlich spielt es eine große Rolle, wie sich jede und jeder Einzelne verhält, aber letztlich können wir uns überall anstecken.
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In meinem Kanton kann man sich seit zwei Wochen auch als Normalsterbliche:r für die Covid-Impfung registrieren. Hab ich gemacht. Online. Vermutlich wird nach Dringlichkeit geimpft und danach nach dem Prinzip Wer-zuerst-kommt-kriegt-zuerst. Das finde ich zwar ethisch fragwürdig, weil so Menschen, die keinen Internetzugang haben und/oder von dieser Möglichkeit nichts mitbekommen, benachteiligt sind. Andererseits sehe ich es auch aus einer anderen Perspektive. Viele wollen eh erstmal abwarten, heißt: wenn die Versuchskaninchen es gut überleben, lassen sie sich auch impfen.
Oke, dann bin ich halt ein Versuchskaninchen. Die braucht es ja auch, sonst könnten die andern ja noch lange warten. Ich betrachte nämlich diese pandemiebedingte Impfung nicht nur als Schutzmaßnahme für mich allein, sondern und vor allem als notwendiger Solidaritätsakt, damit wir bald eine Herdenimmunität erreichen und wieder ’normaler’ leben können. Ich sehe es als (m)ein Dienst für die Gemeinschaft sozusagen.
Wie werden wir diese aktuelle Zeit wohl später im Rückblick betrachten? Ich hoffe sehr, dass wir uns daran erinnern werden, dass wir alles für uns und die Mitwelt Machbare und Beste getan haben werden. Und dass wir uns nicht für unsere Begrenztsein verurteilen werden.
Ich finde ja, dass diese aktuell auf Teufel-komm-raus praktizierte ’Normalität um jeden Preis’ für uns alle nicht unbedingt das Hilfreichste und Gesündeste ist, auch wenn vertraute Strukturen natürlich dabei helfen, auf dem Weg, den wir gehen, zu bleiben.
Wie auch bei einer Krankheitsdiagnose, die Klarheit schafft und dabei hilft, die passende Therapie zu finden, fände ich es allgemein gesünder, wenn wir als Gesellschaft akzeptieren, dass wir in einem Ausnahmezustand leben. Und dass wir nicht die gleichen Maßstäbe benutzen sollten wie im Normalmodus – bezogen auf Corona ebenso wie auf die Klimakrise.
Ich bin der Meinung, dass wir uns nicht um jeden Preis und schon gar nicht auf Kosten der Gesundheit ’normal’ verhalten müssen, sondern Wege für uns suchen, die uns dabei helfen, so gesund wie möglich zu bleiben und zu werden, mental und physisch.
Oke, zu Anfang ein kleiner unbezahlter Werbespot, doch gleich danach gibt es Denkfutter für jene, die sich gerne damit auseinandersetzen, wie wir Europäer:innen kollektiv auf die Pandemie reagiert haben. [Spoiler: Mit Gekränktsein. (Und ja, das darf natürlich. Reflexion finde ich dennoch wichtig.)]
Vor einem Jahr ungefähr habe ich das virtuelle Republikmagazin entdeckt und lese es seither regelmäßig. Das unabhängige, crowdfinanzierte Magazin publiziert nicht nur täglich um 19 Uhr einen kostenlosen Covid-Newsletter, es veröffentlicht auch laufend gut recherchierte und mit Herzblut verfasste Texte zu innen- und außenpolitischen, gesellschaftsrelevanten, kulturellen sowie gesundheits- und sozialpolitischen Themen. Die Artikel und Kolumnen erscheinen gut aufbereitet und mit größtmöglicher Transparenz. Und Demut. Und Humor trotz allem. Bequem sind sie nicht immer, aber immer lesenswert.
So, jetzt aber fertig Werbung. Lest selbst. Am 4. Januar 2021 schrieb Republik-Journalistin Marguerite Meyer im 19 Uhr-Newsletter :
Manchmal gibt es Texte, die bei der Konkurrenz gedruckt werden, welche man gerne selber publiziert hätte. Ein solcher ist am Wochenende bei der NZZ erschienen. Das Gute ist: Wir können hier darauf verweisen – mit einer Leseempfehlung an Sie. Der Autor Konrad Paul Liessmann, Philosoph und Professor an der Universität Wien, geht einem spannenden Gedanken nach. Die Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft macht, sei falsch formuliert, sagt er: «Richtig müsste Sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung?»
Mit einer Kränkung, so Liessmann weiter. Die auf technologischen Fortschritt ausgerichtete Gesellschaft glaube, sie sei unverwundbar. Umso erstaunter sei sie, wenn die Pandemie dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung mache, schreibt Liessmann. Die Seuche wirft uns zurück – am besten funktionieren archaische Massnahmen wie Isolation, Kontaktvermeidung, Desinfektion. Das Virus habe «unser zur Überheblichkeit neigendes Selbstwertgefühl empfindlich verletzt», argumentiert er. Wir reagierten – aus der Kränkung heraus, dass uns schon nichts passiere – mit Trotz und Wehleidigkeit. Und da sei sie auch schon flöten gegangen, die gerne als modische Tugend viel gepriesene Resilienz.
In der Moderne sei Krankheit nur mehr als individuelles Problem präsent, nicht als kollektives Ereignis, auf das politisch reagiert werden müsse, sagt Liessmann. Und so überwögen für manche Mitglieder der Gesellschaft die texteigenen unmittelbaren Bedürfnisse – das Skifahren-Müssen, das unbedingte Weihnachtsfest, die Fernreise. Der Verzicht darauf tut nicht primär deshalb weh, weil man die Tätigkeiten an sich vermissen würde, sondern – folgt man Liessmanns Argumentation – weil man regelrecht empört ist ob der Unvorstellbarkeit des Verzichts.
Und somit zeigt sich das Dilemma einer Gesellschaft, in der sowohl Glück als auch Probleme individualisiert werden: «Die Krise offenbarte, dass viele ihre individuelle Freiheit ohne jenen politischen und sozialen Rahmen denken wollen, der diese überhaupt erst ermöglicht.»
Hier nun einige nicht so bequeme Zitate aus dem oben erwähnten Artikel von Konrad Paul Liessmann (Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien) über die gekränkte Gesellschaft:
Corona zerlegt unser modernes Mindset
Es liegt im Wesen einer auf technologischen Fortschritt gebauten Gesellschaft, dass sie sich für unverwundbar hält. Die Corona-Pandemie macht dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung. Es fällt uns schwer, Schwäche einzugestehen.
Die oft gestellte Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft, in der wir leben, macht, war immer schon falsch formuliert. Richtig müsste sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung? Eine naheliegende, aber selten gegebene Antwort wäre: Wir sind gekränkt. All das, was die moderne Gesellschaft im vergangenen Jahr durchmachen musste, war in ihrem Fortschrittsprogramm nicht vorgesehen. Dieses orientierte sich an Parametern wie Wachstum, Beschleunigung, Optimierung, Sicherheit, Offenheit und Austausch. Seuchen gab es höchstens in Weltgegenden, die weder die europäischen Hygiene- und Gesundheitsstandards noch das unbedingte Vertrauen in eine aufgeklärte Wissenschaft kannten.
[…]
Die gekränkte Gesellschaft ist eine ungeduldige Gesellschaft. Sie kann nicht warten. Und sie hat schon lange auf den Verzicht verzichtet. Vorübergehende Einschränkungen werden deshalb nicht als Unannehmlichkeiten wahrgenommen, sondern als dramatische Einschnitte. Bei der ersten Gelegenheit macht man dort weiter, wo man aufgehört hat, und verlängert damit genau diejenige Misere, der man entkommen möchte.
Von der gerühmten Resilienz, die vor der Corona-Pandemie als neue Modetugend propagiert worden war, ist kaum etwas zu spüren. Eher macht sich Wehleidigkeit breit. Während die Tausende von Toten, die das Virus in nahezu jedem Land bisher forderte, lediglich in der Statistik aufscheinen, ohne dass die damit verbundenen Leidensgeschichten spürbar würden, häufen sich die Berichte über Jugendliche, die schweren seelischen Schaden nähmen, weil sie ein paar Monate auf Präsenzunterricht und Partys verzichten müssten.
[…]
Die Kränkung der gekränkten Gesellschaft sitzt so tief, dass manche die nun angebotene Impfung als Zumutung und weiteren Angriff auf ihre Freiheit interpretieren – so, als wollte man der Forschung und der Pharmaindustrie diesen Triumph einfach nicht gönnen. Zwar werden die Vakzine nicht alle Probleme mit einem Schlag lösen, doch manches liesse sich endlich wieder unter einer anderen Perspektive sehen. Aber auch hier gilt: Es kommt nicht darauf an, was die Dinge mit uns, sondern was wir mit den Dingen machen.
Was für ein Film! Ein Kammerspiel, ein Theaterstück, das den provokativen Titel ’Gott’ trägt, geschrieben von Ferdinand von Schirach, gespielt von einer kleinen Gruppe Schauspieler:innen, die allesamt in ihren Rollen überzeugen.
Wir sind als Zuschauer:innen Teil des Publikums in einem großen Tagungszimmer, das einer Verhandlung innerhalb der fiktiven deutschen Ethikkommission beiwohnt. Am Schluss dürfen wir sogar abstimmen, denn am Ende der TV-Ausstrahlungen auf ARD und SRF fand ein Voting, das auf ARD mit einer Zweidrittelmehrheit dem Antragsteller das erhoffte Okay zu seinem Anliegen erteilte. (Das Ergebnis von SRF finde ich leider nicht, gehe aber davon aus, dass es ähnlich ausgefallen ist.)
Screenshot einer Filmszene aus dem besprochenen Film.
Worum es geht?
»Ferdinand von Schirach fragt in ’Gott’, ob der Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf: Ein Mann will nach dem Tod seiner Frau ein Medikament, das ihn tötet. Sein Fall wird vor dem (fiktionalen) Ethikrat diskutiert. […]
Der 78-jährige ehemalige Architekt Richard Gärtner (Matthias Habich) möchte seinem Leben ein Ende setzen. Dies soll jedoch nicht im Ausland, sondern ganz legal mit der Hilfe seiner Hausärztin geschehen. Für Dr. Brandt (Anna Maria Mühe) kommt es aus persönlicher Überzeugung nicht infrage, ihrem zwar betagten, aber körperlich und geistig gesunden Patienten, ein todbringendes Präparat zu besorgen. Richard Gärtners Fall wird exemplarisch vor dem Deutschen Ethikrat diskutiert. Strittig ist dabei nicht die Frage, welche Formen von Sterbehilfe für Ärzte straffrei sind, sondern ob Mediziner dem Patientenwunsch eines Lebensmüden entsprechen sollten – egal ob jung, alt, gesund oder krank.
Ethikrat-Mitglied Dr. Keller (Ina Weisse) befragt die Sachverständigen und lässt so die unterschiedlichen Experten zu Wort kommen. Die Verfassungsrechtlerin Prof. Litten (Christiane Paul) und Biegler (Lars Eidinger), der Anwalt von Richard Gärtner, stehen Bischof Thiel (Ulrich Matthes) und Ärztekammerchef Sperling (Götz Schubert) dabei mit unterschiedlichen Meinungen gegenüber. Am Ende richtet sich die Ethikrat-Vorsitzende (Barbara Auer) direkt an das Publikum: Soll Richard Gärtner das tödliche Präparat bekommen, um sich selbstbestimmt das Leben zu nehmen?
[…] Der bekannte Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker von Schirach zeigt […], dass die Frage, ob ein Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf, Teil des gesellschaftlichen Diskurses ist, aber die persönliche Entscheidung in jedem Einzelfall schwierig bleibt.«
Unglaublich berührend und überzeugend spielt Matthias Habich den sterbewilligen Richard Gärtner. Gesund, aber lebenssatt, lebensmüde, seit drei Jahren Witwer, hat er sein Leben zu Ende gelebt. Wie er von seiner langjährigen Liebesbeziehung zu seiner Frau erzählt und wie er sich davor fürchtet, wie sie in einem Krankenhaus dahinzuvegetieren, geht mir unter die Haut.
Ich hätte ja nie gedacht, dass ich je Lars Eidinger zu seinem Schauspiel applaudieren könnte. Den Anwalt spielt er so hervorragend, dass ich ihn ihm abnehme. Keine sympathische Figur zwar, nein, aber in sich überzeugend und kompetent. Insbesondere bei seinem Schlussplädoyer hatte ich regelrecht Gänsehaut.
Doch am meisten resonierte ich mit der Haltung von Christiane Paul, die als Verfassungsrechtlerin Prof. Litten über das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben referierte.
Ebenfalls zu Wort kamen ein Arzt und ein Bischof. Beide lehnten sie aus unterschiedlichen Gründen den Antrag des Antragsstellers ab. Auch diese Rollen waren hervorragend gespielt, auch wenn ich ihre Sicht der Dinge nicht teilen kann.
Die Frage am Schluss hallt nach: Wem gehört unser Sterben? Schon lange beschäftigt mich das Thema Suizid, habe ich doch so viele Suizide in nächster Nähe erlebt, dass eine Hand nicht mehr zum Aufzählen reicht. Allen voran mein damaliger Mann, der dabei unsern gemeinsamen, dreijährigen Sohn ’mitgenommen’ hat (siehe auch hier). Doch darum geht es mir hier und heute nicht.
Im Film ’Gott’ wird als erste die Hausärztin des Antragstellers, Frau Dr. Brandt, befragt, die dem übrigens legalen Wunsch Richard Gärtners aus ethischen Gründen nicht nachkommen kann. Sie wird vom Anwalt des Antragsstellers zu erfolglosen, missglückten Suiziden befragt und erzählt, wie schwierig das Leben von betroffenen Menschen, die nach einem solchen Unglück oft seelisch und körperlich schwer beschädigt weiterleben, aussehen kann. Daraus leitet der Anwalt über zur Frage, warum es für seinen Mandanten so wichtig sei, auf legalem Weg ein sicheres Mittel zu bekommen.
Genau da will ich anknüpfen. All den verzweifelten Menschen, die sich im Laufe meines Lebens in meiner Nähe suizidiert haben, hätte ich es von tiefstem Herzen gewünscht, dass sie die Möglichkeit gehabt hätten, legal ein todsicheres Mittel zu erhalten. Dass sie mit ihrem Sterbewunsch nicht alleingelassen gewesen wären. Dass ihr Sterbewunsch, der ja vor allem eine So-kann-und-will-ich-nicht-mehr-weiterleben-Sehnsucht ist, kein Tabu mehr hätte sein müssen, kein Verbrechen, keine Verdammnis durch bigotte Menschen, sondern etwas, worüber offen und ohne Scham und Pein gesprochen wird. Und auch ohne, dass mit einer Einweisung in die Psychiatrie gedroht wird.
Im Film werden viele Informationen und Zahlen genannt, die ich jetzt nicht mehr alle zitieren kann, doch geblieben ist mir, dass von jenen Menschen, die in ihrem Staat, rechtmäßig und ärztlich verschrieben, ein Sterbemittel erhalten haben, nur etwa ein Drittel auch tatsächlich davon Gebrauch gemacht hat. Nur schon das Wissen um die Möglichkeit, dass man sich, wenn das Leid unerträglich werden sollte, selbst von der Bürde des Lebens befreien könnte, hilft wohl beim Weiterleben. So schlussfolgere ich.
»Ist ein Mensch krank, darf er das Mittel bekommen, aber ein gesunder Mensch darf das nicht!«, höre ich zuweilen. Auch im Film sagt das jemand. (Ich weiß jetzt leider nicht mehr wer und wann. Vielleicht war es Frau Dr. Keller, die Vertreterin des Ethikrates.)
Ich aber sage: Gesundheit ist trügerisch. Weder körperlich noch psychisch gesund zu sein ist aller Weisheit letzter Schluss. Es geht vielmehr darum, ob ein Mensch dieses Leben als für sich grundsätzlich und sehr persönlich als lebenswert erfährt – und zwar langfristig. Wer die Welt und sein/ihr Leben nicht mehr erträgt, ist nicht zwingend psychisch krank.
Auch die psychische Gesundheit oder Krankheit ist ein zu berücksichtigendes Kriterium, denn was nützt ein gesunder Körper, wenn der Seelenmotor langfristig nicht mehr kann, lebensmüde, lebenssatt, erschöpft, kraftlos ist. So war beispielsweise mein Mann zwar körperlich gesund, trotzdem war er immer wieder schwer psychotisch. Eine lange, schwierige, traumatisierende Geschichte, die mit einem legal verschriebenen, tödlichen Barbiturat vielleicht anders geendet hätte, würdiger.
Ich jedenfalls habe großen Respekt vor jenen mutigen Ärzt:innen, die Rezepte für Sterbemittel ausstellen. Sie helfen den Sterbewilligen auf einem schweren Weg. (Für mich ist das übrigens eine ähnliche ethische Diskussion wie das unbedingte Recht jeder Frau auf Abtreibung.) Es ist ein Abwägen zwischen dem einen und dem andern Leid. Dem des betroffenen Menschen und dem seiner Angehörigen. Was zählt mehr? Ich vermute übrigens, dass ein legaler, angekündigter Suizid weniger Verstörung hinterlässt als ein unerwarteter.
Auch wenn es jetzt nicht zum Antragssteller im Film passt, muss ich das hier noch loswerden: Auch einer/einem Psychischkranken darf das Recht auf ein Sterbemittel nicht verwehrt bleiben, finde ich, denn nicht jede:r Psychischkranke ist therapiewillig und wirklich nicht jede psychische Krankheit therapierbar. Manch psychisches Leid ist mindestens genauso unerträglich wie manch körperliches zum Beispiel durch Krebs verursachtes Leid.
Ich weiß nicht, wie die Rechtslage in der Schweiz ist. Dank Organisationen wie EXIT ist hierzulande der Umgang mit dem Thema weniger tabubehaftet als in Deutschland, darum stelle ich mir gern vor, dass ein offener Dialog über Suizid langfristig zu weniger Suiziden führt. Nicht zuletzt, weil es sich in einer offenen Gesellschaft besser lebt als in einer bigotten.
Danke an Frau Croco, denn bei ihr habe ich das erste Mal von diesem Film erfahren, den ich mir gestern Abend in der Mediathek anschaute.