Denkfutter

Oke, zu Anfang ein kleiner unbezahlter Werbespot, doch gleich danach gibt es Denkfutter für jene, die sich gerne damit auseinandersetzen, wie wir Europäer:innen kollektiv auf die Pandemie reagiert haben. [Spoiler: Mit Gekränktsein. (Und ja, das darf natürlich. Reflexion finde ich dennoch wichtig.)]

Vor einem Jahr ungefähr habe ich das virtuelle Republikmagazin entdeckt und lese es seither regelmäßig. Das unabhängige, crowdfinanzierte Magazin publiziert nicht nur täglich um 19 Uhr einen kostenlosen Covid-Newsletter, es veröffentlicht auch laufend gut recherchierte und mit Herzblut verfasste Texte zu innen- und außenpolitischen, gesellschaftsrelevanten, kulturellen sowie gesundheits- und sozialpolitischen Themen. Die Artikel und Kolumnen erscheinen gut aufbereitet und mit größtmöglicher Transparenz. Und Demut. Und Humor trotz allem. Bequem sind sie nicht immer, aber immer lesenswert.

So, jetzt aber fertig Werbung. Lest selbst. Am 4. Januar 2021 schrieb Republik-Journalistin Marguerite Meyer im 19 Uhr-Newsletter :

Manchmal gibt es Texte, die bei der Konkurrenz gedruckt werden, welche man gerne selber publiziert hätte. Ein solcher ist am Wochenende bei der NZZ erschienen. Das Gute ist: Wir können hier darauf verweisen – mit einer Leseempfehlung an Sie. Der Autor Konrad Paul Liessmann, Philosoph und Professor an der Universität Wien, geht einem spannenden Gedanken nach. Die Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft macht, sei falsch formuliert, sagt er: «Richtig müsste Sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung?»

Mit einer Kränkung, so Liessmann weiter. Die auf technologischen Fortschritt ausgerichtete Gesellschaft glaube, sie sei unverwundbar. Umso erstaunter sei sie, wenn die Pandemie dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung mache, schreibt Liessmann. Die Seuche wirft uns zurück – am besten funktionieren archaische Massnahmen wie Isolation, Kontaktvermeidung, Desinfektion. Das Virus habe «unser zur Überheblichkeit neigendes Selbstwertgefühl empfindlich verletzt», argumentiert er. Wir reagierten – aus der Kränkung heraus, dass uns schon nichts passiere – mit Trotz und Wehleidigkeit. Und da sei sie auch schon flöten gegangen, die gerne als modische Tugend viel gepriesene Resilienz.

In der Moderne sei Krankheit nur mehr als individuelles Problem präsent, nicht als kollektives Ereignis, auf das politisch reagiert werden müsse, sagt Liessmann. Und so überwögen für manche Mitglieder der Gesellschaft die texteigenen unmittelbaren Bedürfnisse – das Skifahren-Müssen, das unbedingte Weihnachtsfest, die Fernreise. Der Verzicht darauf tut nicht primär deshalb weh, weil man die Tätigkeiten an sich vermissen würde, sondern – folgt man Liessmanns Argumentation – weil man regelrecht empört ist ob der Unvorstellbarkeit des Verzichts.

Und somit zeigt sich das Dilemma einer Gesellschaft, in der sowohl Glück als auch Probleme individualisiert werden: «Die Krise offenbarte, dass viele ihre individuelle Freiheit ohne jenen politischen und sozialen Rahmen denken wollen, der diese überhaupt erst ermöglicht.»

Quelle: republik.ch

Hier nun einige nicht so bequeme Zitate aus dem oben erwähnten Artikel von Konrad Paul Liessmann (Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien) über die gekränkte Gesellschaft:

Corona zerlegt unser modernes Mindset

Es liegt im Wesen einer auf technologischen Fortschritt gebauten Gesellschaft, dass sie sich für unverwundbar hält. Die Corona-Pandemie macht dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung. Es fällt uns schwer, Schwäche einzugestehen.

Die oft gestellte Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft, in der wir leben, macht, war immer schon falsch formuliert. Richtig müsste sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung? Eine naheliegende, aber selten gegebene Antwort wäre: Wir sind gekränkt. All das, was die moderne Gesellschaft im vergangenen Jahr durchmachen musste, war in ihrem Fortschrittsprogramm nicht vorgesehen. Dieses orientierte sich an Parametern wie Wachstum, Beschleunigung, Optimierung, Sicherheit, Offenheit und Austausch. Seuchen gab es höchstens in Weltgegenden, die weder die europäischen Hygiene- und Gesundheitsstandards noch das unbedingte Vertrauen in eine aufgeklärte Wissenschaft kannten.

[…]

Die gekränkte Gesellschaft ist eine ungeduldige Gesellschaft. Sie kann nicht warten. Und sie hat schon lange auf den Verzicht verzichtet. Vorübergehende Einschränkungen werden deshalb nicht als Unannehmlichkeiten wahrgenommen, sondern als dramatische Einschnitte. Bei der ersten Gelegenheit macht man dort weiter, wo man aufgehört hat, und verlängert damit genau diejenige Misere, der man entkommen möchte.

Von der gerühmten Resilienz, die vor der Corona-Pandemie als neue Modetugend propagiert worden war, ist kaum etwas zu spüren. Eher macht sich Wehleidigkeit breit. Während die Tausende von Toten, die das Virus in nahezu jedem Land bisher forderte, lediglich in der Statistik aufscheinen, ohne dass die damit verbundenen Leidensgeschichten spürbar würden, häufen sich die Berichte über Jugendliche, die schweren seelischen Schaden nähmen, weil sie ein paar Monate auf Präsenzunterricht und Partys verzichten müssten.

[…]

Die Kränkung der gekränkten Gesellschaft sitzt so tief, dass manche die nun angebotene Impfung als Zumutung und weiteren Angriff auf ihre Freiheit interpretieren – so, als wollte man der Forschung und der Pharmaindustrie diesen Triumph einfach nicht gönnen. Zwar werden die Vakzine nicht alle Probleme mit einem Schlag lösen, doch manches liesse sich endlich wieder unter einer anderen Perspektive sehen. Aber auch hier gilt: Es kommt nicht darauf an, was die Dinge mit uns, sondern was wir mit den Dingen machen.

[Weiterlesen]

Quelle: nzz.ch

Wem gehört unser Sterben? | Über Ferdinand von Schirachs Verfilmung ’Gott’

Was für ein Film! Ein Kammerspiel, ein Theaterstück, das den provokativen Titel ’Gott’ trägt, geschrieben von Ferdinand von Schirach, gespielt von einer kleinen Gruppe Schauspieler:innen, die allesamt in ihren Rollen überzeugen.

Wir sind als Zuschauer:innen Teil des Publikums in einem großen Tagungszimmer, das einer Verhandlung innerhalb der fiktiven deutschen Ethikkommission beiwohnt. Am Schluss dürfen wir sogar abstimmen, denn am Ende der TV-Ausstrahlungen auf ARD und SRF fand ein Voting, das auf ARD mit einer Zweidrittelmehrheit dem Antragsteller das erhoffte Okay zu seinem Anliegen erteilte. (Das Ergebnis von SRF finde ich leider nicht, gehe aber davon aus, dass es ähnlich ausgefallen ist.)

Screenshot einer Filmszene aus dem besprochenen Film. Links im Bild der Antragsteller Richard Gärtner, rechts im Bild sein Anwalt. Sie sitzen an einem Tisch, schauen nach vorne links und hören aufmerksam jemandem zu.
Screenshot einer Filmszene aus dem besprochenen Film.

Worum es geht?

»Ferdinand von Schirach fragt in ’Gott’, ob der Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf: Ein Mann will nach dem Tod seiner Frau ein Medikament, das ihn tötet. Sein Fall wird vor dem (fiktionalen) Ethikrat diskutiert.  […]

Der 78-jährige ehemalige Architekt Richard Gärtner (Matthias Habich) möchte seinem Leben ein Ende setzen. Dies soll jedoch nicht im Ausland, sondern ganz legal mit der Hilfe seiner Hausärztin geschehen. Für Dr. Brandt (Anna Maria Mühe) kommt es aus persönlicher Überzeugung nicht infrage, ihrem zwar betagten, aber körperlich und geistig gesunden Patienten, ein todbringendes Präparat zu besorgen. Richard Gärtners Fall wird exemplarisch vor dem Deutschen Ethikrat diskutiert. Strittig ist dabei nicht die Frage, welche Formen von Sterbehilfe für Ärzte straffrei sind, sondern ob Mediziner dem Patientenwunsch eines Lebensmüden entsprechen sollten – egal ob jung, alt, gesund oder krank.

Ethikrat-Mitglied Dr. Keller (Ina Weisse) befragt die Sachverständigen und lässt so die unterschiedlichen Experten zu Wort kommen. Die Verfassungsrechtlerin Prof. Litten (Christiane Paul) und Biegler (Lars Eidinger), der Anwalt von Richard Gärtner, stehen Bischof Thiel (Ulrich Matthes) und Ärztekammerchef Sperling (Götz Schubert) dabei mit unterschiedlichen Meinungen gegenüber. Am Ende richtet sich die Ethikrat-Vorsitzende (Barbara Auer) direkt an das Publikum: Soll Richard Gärtner das tödliche Präparat bekommen, um sich selbstbestimmt das Leben zu nehmen?

[…] Der bekannte Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker von Schirach zeigt […], dass die Frage, ob ein Mensch sein Leben nach seinem freien Willen beenden darf, Teil des gesellschaftlichen Diskurses ist, aber die persönliche Entscheidung in jedem Einzelfall schwierig bleibt.«

Quelle: www.srf.ch

Unglaublich berührend und überzeugend spielt Matthias Habich den sterbewilligen Richard Gärtner. Gesund, aber lebenssatt, lebensmüde, seit drei Jahren Witwer, hat er sein Leben zu Ende gelebt. Wie er von seiner langjährigen Liebesbeziehung zu seiner Frau erzählt und wie er sich davor fürchtet, wie sie in einem Krankenhaus dahinzuvegetieren, geht mir unter die Haut.

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich je Lars Eidinger zu seinem Schauspiel applaudieren könnte. Den Anwalt spielt er so hervorragend, dass ich ihn ihm abnehme. Keine sympathische Figur zwar, nein, aber in sich überzeugend und kompetent. Insbesondere bei seinem Schlussplädoyer hatte ich regelrecht Gänsehaut.

Doch am meisten resonierte ich mit der Haltung von Christiane Paul, die als Verfassungsrechtlerin Prof. Litten über das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben referierte.

Ebenfalls zu Wort kamen ein Arzt und ein Bischof. Beide lehnten sie aus unterschiedlichen Gründen den Antrag des Antragsstellers ab. Auch diese Rollen waren hervorragend gespielt, auch wenn ich ihre Sicht der Dinge nicht teilen kann.

Die Frage am Schluss hallt nach: Wem gehört unser Sterben? Schon lange beschäftigt mich das Thema Suizid, habe ich doch so viele Suizide in nächster Nähe erlebt, dass eine Hand nicht mehr zum Aufzählen reicht. Allen voran mein damaliger Mann, der dabei unsern gemeinsamen, dreijährigen Sohn ’mitgenommen’ hat (siehe auch hier). Doch darum geht es mir hier und heute nicht.

Im Film ’Gott’ wird als erste die Hausärztin des Antragstellers, Frau Dr. Brandt, befragt, die dem übrigens legalen Wunsch Richard Gärtners aus ethischen Gründen nicht nachkommen kann. Sie wird vom Anwalt des Antragsstellers zu erfolglosen, missglückten Suiziden befragt und erzählt, wie schwierig das Leben von betroffenen Menschen, die nach einem solchen Unglück oft seelisch und körperlich schwer beschädigt weiterleben, aussehen kann. Daraus leitet der Anwalt über zur Frage, warum es für seinen Mandanten so wichtig sei, auf legalem Weg ein sicheres Mittel zu bekommen.

Genau da will ich anknüpfen. All den verzweifelten Menschen, die sich im Laufe meines Lebens in meiner Nähe suizidiert haben, hätte ich es von tiefstem Herzen gewünscht, dass sie die Möglichkeit gehabt hätten, legal ein todsicheres Mittel zu erhalten. Dass sie mit ihrem Sterbewunsch nicht alleingelassen gewesen wären. Dass ihr Sterbewunsch, der ja vor allem eine So-kann-und-will-ich-nicht-mehr-weiterleben-Sehnsucht ist, kein Tabu mehr hätte sein müssen, kein Verbrechen, keine Verdammnis durch bigotte Menschen, sondern etwas, worüber offen und ohne Scham und Pein gesprochen wird. Und auch ohne, dass mit einer Einweisung in die Psychiatrie gedroht wird.

Im Film werden viele Informationen und Zahlen genannt, die ich jetzt nicht mehr alle zitieren kann, doch geblieben ist mir, dass von jenen Menschen, die in ihrem Staat, rechtmäßig und ärztlich verschrieben, ein Sterbemittel erhalten haben, nur etwa ein Drittel auch tatsächlich davon Gebrauch gemacht hat. Nur schon das Wissen um die Möglichkeit, dass man sich, wenn das Leid unerträglich werden sollte, selbst von der Bürde des Lebens befreien könnte, hilft wohl beim Weiterleben. So schlussfolgere ich.

»Ist ein Mensch krank, darf er das Mittel bekommen, aber ein gesunder Mensch darf das nicht!«, höre ich zuweilen. Auch im Film sagt das jemand. (Ich weiß jetzt leider nicht mehr wer und wann. Vielleicht war es Frau Dr. Keller, die Vertreterin des Ethikrates.)

Ich aber sage: Gesundheit ist trügerisch. Weder körperlich noch psychisch gesund zu sein ist aller Weisheit letzter Schluss. Es geht vielmehr darum, ob ein Mensch dieses Leben als für sich grundsätzlich und sehr persönlich als lebenswert erfährt – und zwar langfristig. Wer die Welt und sein/ihr Leben nicht mehr erträgt, ist nicht zwingend psychisch krank.

Auch die psychische Gesundheit oder Krankheit ist ein zu berücksichtigendes Kriterium, denn was nützt ein gesunder Körper, wenn der Seelenmotor langfristig nicht mehr kann, lebensmüde, lebenssatt, erschöpft, kraftlos ist. So war beispielsweise mein Mann zwar körperlich gesund, trotzdem war er immer wieder schwer psychotisch. Eine lange, schwierige, traumatisierende Geschichte, die mit einem legal verschriebenen, tödlichen Barbiturat vielleicht anders geendet hätte, würdiger.

Ich jedenfalls habe großen Respekt vor jenen mutigen Ärzt:innen, die Rezepte für Sterbemittel ausstellen. Sie helfen den Sterbewilligen auf einem schweren Weg. (Für mich ist das übrigens eine ähnliche ethische Diskussion wie das unbedingte Recht jeder Frau auf Abtreibung.) Es ist ein Abwägen zwischen dem einen und dem andern Leid. Dem des betroffenen Menschen und dem seiner Angehörigen. Was zählt mehr? Ich vermute übrigens, dass ein legaler, angekündigter Suizid weniger Verstörung hinterlässt als ein unerwarteter.

Auch wenn es jetzt nicht zum Antragssteller im Film passt, muss ich das hier noch loswerden: Auch einer/einem Psychischkranken darf das Recht auf ein Sterbemittel nicht verwehrt bleiben, finde ich, denn nicht jede:r Psychischkranke ist therapiewillig und wirklich nicht jede psychische Krankheit therapierbar. Manch psychisches Leid ist mindestens genauso unerträglich wie manch körperliches zum Beispiel durch Krebs verursachtes Leid.

Ich weiß nicht, wie die Rechtslage in der Schweiz ist. Dank Organisationen wie EXIT ist hierzulande der Umgang mit dem Thema weniger tabubehaftet als in Deutschland, darum stelle ich mir gern vor, dass ein offener Dialog über Suizid langfristig zu weniger Suiziden führt. Nicht zuletzt, weil es sich in einer offenen Gesellschaft besser lebt als in einer bigotten.


Danke an Frau Croco, denn bei ihr habe ich das erste Mal von diesem Film erfahren, den ich mir gestern Abend in der Mediathek anschaute.

Siphon und Filter

Heute soll es hier für einmal um Dreck gehen. Also … nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Dreck hätte – abgesehen von Besen, Lappen und Putzmitteln. Eigentlich ist fast alles dreckig. Und außerdem kommt es schwer drauf an, wo der Dreck hockt. Aber können wir uns darauf einigen, dass zu viel zu viel ist? So langsam dünkt es mich nämlich, wir alle kommen nicht mehr mit Putzen hinterher. Wir alle sollten damit anfangen, weniger Dreck zu machen. Finde ich. Und aber auch den, der da ist, abarbeiten.

Ich fange bei meinem Siphon unter der Küchenspüle an (unter dem Schüttstein, wie das hierzulande heißt). Alle paar Monate behandle ich meinen Abfluss mit dem Stöpsel und meiner Geheimwaffe aus Backpulver, Salz, Zitronensäure und heißem Essigwasser. Doch nach einigen Wochen ist alles wieder wie vorher. Trotz Auffangsieb, das ich regelmäßig putze.

Beherzt  beschließe ich also, nicht mehr länger nur an den Symptomen sondern an den Ursachen zu arbeiten. Dazu muss ich mir aber erst einmal den Weg zum Siphon freiräumen, sprich: den Müllbehälter ausbauen und ein Becken darunter stellen. Endlich kann ich den Siphon aufschrauben. (Kleine Notiz an mich: Wo ist eigentlich mein metaphorischer Siphon?)

Boah, wie das stinkt! (Wetten, dass es auch bei euch stinkt, die ihr das hier lest?) Was da alles drin steckt! Ein Netz aus Haaren – wie kommen die da bloß rein? – scheint sich mit allmöglichem Kleinkram in fünfzig Schattierungen von Kaffeesätzen verbündet zu haben. Ich pule alles raus und bürste mit einem Flaschenreiniger ums Eck, pardon: ums Rund, so gut es eben geht. Bis ich zufrieden bin. Von oben spüle ich mit heißem Wasser nach und siehe da: der Weg des Wassers ist wieder frei. Alles fließt.

Und weil ich gerade so schön putzwütend bin, öffne ich auch gleich die WC-Lüftung und putze den dortigen Filter, dessen Flusen vermutlich dafür verantwortlich sind, dass die Lüftung zuweilen viel zu lange nachlüftet, selbst wenn die Lüftung längt wieder aus ist.

Ach, wie schön es wär, wenn wir in diesem Draußen, das gerade so am Durchdrehen ist, auch einfach mal den Siphon durchspülen könnten. Oder den Filter auswaschen oder wechseln.

Diese ganz bestimmte Müdigkeit

Verhaftungen an Kundgebungen wegen nicht getragener Maske gingen ihm zu weit, las ich vorhin. Und dass es schließlich auch andersdenkende Menschen gäbe, die weder Verschwörungstheoriengläubige seien noch Rechtsextreme.

Da frage ich mich allerdings: Wieso geht denn so ein andersdenkender (natürlich nicht rechtsextremer) Mensch überhaupt an eine Demo um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren, wenn sie:er nicht glaubt, dass das, was da an Maßnahmen verordnet ist, nicht einer Art Verschwörung entsprungen ist, also schlicht übertrieben, ganz ohne Hand und Fuß, willkürlich? Würde sie:er nämlich nicht diese ganzen ungaren Infos glauben und sich irgendwie bedroht fühlen, müsste sie:er ja gar nicht demonstrieren? Oder verstehe ich da etwas falsch?

(Abgesehen davon handelt es sich – so vermute ich jedenfalls – nicht um Verhaftungen im klassischen Sinn, sondern eher um Festnahmen zur Feststellung der Identität, um eine Buße gegen Verstoß gegen Schutzmaßnahmen verhängen zu können. Mag sein, dass ich noch immer zu viel Vertrauen zur Polizei habe. Ich halte es jedenfalls für wichtig und notwendig, dass die Schutzmaßnahmenverstöße geahndet und gebüßt werden.)

An alle Menschen, die behaupten, dass es keine seriöse, unabhängige Berichterstattung gäbe:
Habt ihr wirklich schon einmal probiert außerhalb eurer Blase unabhängige Berichterstattung zu lesen und zu verstehen?* Habt ihr wirklich versucht, internationale wissenschaftliche Untersuchungen miteinander zu vergleichen? Habt ihr Quellen überprüft, Fakten gecheckt?

Tatsache ist, dass es inzwischen schon ziemlich viele Fakten gibt, auch wenn die Forschung noch längst nicht fertig ist. Wohl nie sein wird. Ja, das Virus, das uns alle seit Monaten durcheinandergewirbelt hat, ist trotz allem Wissen noch immer sehr wenig erforscht und ja, manches wurde am Anfang so und so gesagt und wird heute anders betrachtet und gehandhabt. aber vergessen wir nicht: Forschung heißt Forschung, weil geforscht wird. Das ist ein Prozess. Das ist etwas Unfertiges.

Auf der einen Seite sind da die Prozesse und Erkenntnisse, die in den Forschungszentren gewonnen werden, auf der anderen Seite sind unsere (sogenannten) Volksvertreter:innen, die ihren Job mal besser mal schlechter machen. Rund um die Welt gibt es da immense Unterschiede, innerhalb der einzelnen Nationen sogar. Natürlich kann man die Politik kritisieren (dass wir das können und tun dürfen, ist immerhin ein gutes Zeichen). Ich finde auch vieles nicht nachvollziehbar, was von Seiten unserer Volksvertretungen verordnet wird. Allerdings eher nicht die Maßnahmen an sich, sondern wie ungleich sie angewendet werden. Persönlich am schlimmsten finde ich ja, dass nicht für alle die gleiche Handhabung gilt. Das Machtgefälle wurde durch die Pandemie sichtbarer denn je. Dass manche Menschen sogar per Gesetz oder Verordnung schlechter geschützt werden als andere und manche mehr gefördert als andere, darf nicht sein. Stichwort: Wirtschaft. Das sind Missstände, die ich anprangere.

Aber ich bleibe dabei: Nicht nachvollziehen kann ich, wie Menschen die Leben anderer Menschen gefährden, weil sie zu bequem sind, weil sie coronamüde sind (bin ich auch!), weil sie ’nicht an die Forschung glauben’, weil sie niemanden persönlich kennen, der oder die Covid hatte, weil sie es bedenklich finden, wenn Youtube manche Infos löscht, weil es ’ja nur eine Grippe ist’, weil … ach.

Vermutlich sind die Menschen, die hier mitlesen, eh nicht die Menschen, über die ich mich immer mal wieder so nerve. Aber manchmal muss ich meinen Unmut in Worte gießen. Danke fürs Zuhören by reading.

Ja, es ist wahr, ich bin coronamüde, aber vor allem bin ich uneinsichtigeMenschenmüde. Das muss es wohl sein. Ach, ach.


*Ich empfehle herzlich folgdende werbefreie und von der Crowd finanzierte Medien Die Republik (Corona-Newsletter kostenlos) und Krautreporter (Paywall). Beide Magazine publizieren täglich einen kostenlosen Newsletter.

Vom Rechthaben

Zugegeben: Ich glaube ja meistens, dass ich Recht habe. Jedenfalls, was das große Ganze betrifft. Zwar verstehe ich nicht wirklich so genau, was da draußen gerade alles passiert und warum, aber ich glaube in der Wahl meiner Informationsquellen richtig zu liegen, recht zu haben. So glaube ich beispielsweise eher an die sich im Laufe der Forschungszeit verändernden Informationen eines Forschers wie Dr. Drosten als einer Astrologin, eher einer Ärztin als einem Politiker. (Verzeihung. Ich wiederhole mich, denn das sagte und schrieb ich bereits an einigen anderen Stellen.)

Es ist dieses gesellschaftliche, dieses menschliche Phänomen an sich – also dieser Glaube in uns, dass wir recht zu haben –, über das ich in letzter Zeit sehr oft nachdenke. Vielleicht hilft es uns gar zu überleben?

Wir haben meist gute Gründe, warum wir auf die eine Information zustimmend und auf die andere ablehnend reagieren. Gründe, die mit unserm Weltbild zusammenhängen, Gründe, die mit unserem Werdegang korrespondieren. Was wir denken und glauben und wie wir leben hängt zusammen. Wissen wir.

Natürlich zweifle ich. Immer. Vielleicht ist ja alles ganz anders. Das Leben. Die Zusammenhänge. Die Geschehnisse und ihre Ursachen. [Als ich noch richtig fest daran glauben konnte, dass es so etwas wie eine ordnende (möglicherweise sogar liebevolle, vielleicht richtende) Macht gibt, hielt ich übrigens ziemlich viele Dinge für möglich, die ich mir heute nicht mehr vorstellen kann. Natürlich war das irgendwie tröstlich, dieses Glauben-und-Hoffen, und ja, diesen Trost vermisse ich zuweilen, doch ich kann den Verlust des Glaubens nicht mehr rückgängig machen. (Und ich will es auch nicht.)]

Tatsächlich gehöre ich zu jene Menschen, die ihren Standort immer wieder neu überdenken. In mancherlei Hinsicht. Physisch ebenso wie mental. Nicht in den Grundfesten, aber doch so, dass ich reflektiere, warum ich etwas so oder so betrachte. Und das durchaus auch kritisch, selbstkritisch. Informationen, die mir merkwürdig vorkommen, lassen mich aufhorchen, denn obwohl ich gutgläubig-naiv bin, bin ich auch misstrauisch. Das beißt sich nicht grundsätzlich. Kurz gesagt bin ich durchaus offen für Argumente aus einer anderen Perspektive und kann auch durchaus meine Meinung und meine Perspektive ändern. Es müssen allerdings wirklich gute Argumente sein.

Zurzeit bekomme ich – zwecks ’Aufklärung und Aufforderung zur Meinungsänderung’ – immer mal wieder durch soziale Medien und Messengerdienste Links zu Videos zugespielt. Vorgestern hat mich eine Freundin zu einem Video gelotst, das Menschen rund um den Globus zeigt, welche gegen die Lockdowns in ihren Ländern demonstrierten. Solche Demos gibt es zurzeit ja überall. Was genau damit gezeigt werden soll, verstehe ich nicht. Sagen wir es mal so: Solche Informationen gehören definitiv nicht zu denen, die mich überzeugen, dass das Virus wahlweise nicht so gefährlich oder eigentlich ja doch nur so ein Grippevirus von vielen sei. Auch überzeugt es mich nicht davon, dass die Lockdowns dieser Welt überflüssig waren. Es überzeugt mich bestenfalls von der Macht der Manipulation und vielleicht noch ein bisschen mehr von der Dummheit der Menschen. Wobei ich zu letzterem eigentlich keine weiteren Beweise gebraucht hätte.

Aber wer etwas nicht glauben will, wird es auch nicht glauben. (Dazu heute ein sehr schöner Text in der Republik**.) »Plumper Positivismus ist keine gute Antwort« (Zitat).

Das Regierungsparadoxon: Hätten die Regierungen keine Lockdowns angeordnet, wäre die Kacke am Dampfen, weil es so viele Tote gibt. Aber sowas von! Weil die Regierungen aber Lockdowns beschlossen haben, dampft die Kacke, weil die Wirtschaft am Boden liegt. So oder so: Die Regierung ist schuld. An allem. Als wäre es die Schuld der Regierung, die per Schwur verpflichtet ist, uns so gut es geht zu schützen, dass da ein Virus um die Welt zieht. (Nein, blind vertraue ich den Regierenden nicht, aber ihnen Verschwörungen andichten, finde ich dann doch ziemlich … naaa ja.)

Klar, es ist nur kleiner Teil der Bevölkerung, der sich querstellt, aber eine kleine Mücke kann ein ganzes Zimmer versauen. Und vor allem kann eine solche Bewegung andere mitziehen und womöglich dazu führen, dass es zu einer zweiten Welle wie in Singapur oder Japan/Hokkaido oder zu einem zweiten Lockdown kommt. Und zum überflüssigen Tod von weiteren Menschen.

Und nochmals: Was wäre, wenn alles ganz anders wäre? Wenn tanzen hülfe oder weltweit meditieren? Gut möglich, dass das hilft. Irgendwie. Wenn schon nicht gegen das Virus an sich, dann doch wenigstens gegen den herrschenden Missmut und die Tristesse Und fürs Immunsystem ist das sicher auch eine gute Sache, echt jetzt.

Und vielleicht ist alles nochmals ganz anders und es passiert ein Wunder und das Virus stirbt einfach aus. Wie wahrscheinlich das ist, weiß ich nicht. Eins zu einer Billion? Wahrscheinlich noch unwahrscheinlicher.

Erst wenn jemand in der unmittelbaren Bekannt- oder Verwandtschaft betroffen ist oder gar stirbt, werden die Menschen einsichtig, las ich neulich auf Twitter. Bei Krieg ist es ja ganz ähnlich. Je weiter weg, desto weniger sind wir betroffen und desto weniger fühlen wir uns betroffen.

Von Anfang an war ich eine von den Supervorsichtigen. Mag sein, dass ich übertreibe. Zu viel steht auf dem Spiel. Ich kenne zu viele Menschen, die das Virus umbringen könnte. Darum lieber (möglicherweise) übertreiben als das Leben anderer gefährden.

Ich will nicht eine von denen sein, die hinterher sagen (oder zumindest denken) ’Habe ich es nicht gesagt?’. Nein. Ich will keine zweite Welle. Ich will aber auch keinen zweiten Lockdown. Ich will, dass wir uns gemeinsam an die Maßnahmen halten und gut aufeinander aufpassen, einander und uns selbst Sorge tragen. Und ich will, dass das alles hier gut ausgeht und wir alle irgendwie gut neu anfangen können.

Ich will nicht, dass die Leute hinterher sagen: Seht doch, es war doch gar nicht so schlimm! Wir hätten uns den Lockdown sparen können. Nein. Hätten wir nicht. Wie schon angedeutet, hätten wir einen viel höheren Preis bezahlt als den jetzigen. Vielleicht wäre die Wirtschaft nicht so sehr in die Knie gegangen, oke, aber wir hätten mehr Tote gehabt, viel mehr Tote. Und nein, die wären nicht eh alle schon bald gestorben. Gemäß Forschung unter Einbezug von Lebenserwartung und klassischem Krankheitsverlauf bei den Vorerkrankten hätten die durch/infolge von/mit/an Covid19 Verstorbenen durchschnittlich noch 11 Jahre mehr Lebenszeit* haben können.

Oft sagte und schrieb ich in der letzten Zeit, dass wir nur DANK des Lockdowns jetzt die Situation mit den überschaubar wenigen getesteten Neuansteckungen pro Tag haben, die wir eben haben (die Dunkelziffern kennen wir allerdings nicht).

Mit Irgendlink diskutierte ich schon oft all die Unwägbarkeiten. Wir enden immer wieder mit dem Satz: »Nein, wir können es wirklich nicht wissen.«

Niemand weiß es wirklich. Fast in Echtzeit stellt uns diesmal die Wissenschaft ihre Forschungsergebnisse zur Verfügung. Das ist für Nicht-Wissenschaftler:innen gelinde gesagt verwirrend, weil das ja erst einmal ganz neue Informationen für alle sind. Nackte, neu geborene Informationen noch ohne Aussage. Für die meisten von uns ist das wie eine neue Sprache, die wir nicht wirklich verstehen. Dennoch stürzen sich alle darauf und dann  geht es los, das wilde Interpretieren.

Denn ja, das ist tatsächlich eine Frage der Interpretation. Alle blicken wir durch unsere eigenen, selbstgeschliffenen Brillengläser. Alle sehen wir, was wir sehen wollen. Alle sehen wir das, wovon wir glauben, dass es das Richtige ist. Und alle wähnen sich im Recht. Ich auch, zugegeben.


Quellen:

*https://wellcomeopenresearch.org/articles/5-75 und https://www.republik.ch/2020/05/05/covid19

**https://www.republik.ch/2020/05/07/was-wissen-schafft?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=republik%2Fnewsletter-editorial-nl-0705

Kleiner Rant zur aktuellen Virusgefahr-Bagatellisierung

Gleich zuerst: Nein, ich weiß es auch nicht. Ich weiß nicht, ob all die Maßnahmen sinnvoll sind. Ich weiß nicht, ob es übertrieben ist. Womöglich sogar untertrieben? Die Lockerungen zu früh? Und nein, ich weiß nicht, ob das alles mehr nützt oder mehr schadet. Nein, ich weiß es nicht.

Doch etwas weiß ich: Das hier ich keine Glaubensfrage. Sich an Maßnahmen zu halten ist keine Religion und keine Unterwerfung an eine Diktatur.

Das hier ist etwas, womit sich niemand so wirklich auskennt. Es ist etwas Neues. Die, die am meisten wissen, sind jene Menschen, die wissenschaftliche Ausbildungen haben. Logischerweise vertraue ich darum am ehesten diesen Menschen. Ich vertraue ausgewiesenen Virolog:innen und Ärzt:innen mehr als Pfarrer:innen, Prediger:innen, Astrolog:innen, Esoteriker:innen, Medien, Verschwörungstheoretiker:innen und Dummschwätzer:innen.

Vielleicht bin ich inzwischen so diesseitig geworden, dass mir das Jenseitige einfach nur noch abstrus vorkommen kann. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass alles zusammenhängt. Wir alle hängen zusammen, sind verbunden. Der Mensch hat nicht nur darum überlebt, weil er sich ständig mutiert, sich stetig weiterentwickelt hat, er hat vor allem überlebt, weil Menschen sich seit jeher umeinander gekümmert haben.

Gesunder Menschenverstand ist wichtig und natürlich muss jede und jeder abwägen, dennoch ist das alles hier keine Glaubenssache, sondern eine Frage, wem wir vertrauen. Den Forschenden oder den Plappernden.

Selbst wenn ich in meinem Umfeld keine wirklich wirklich sehr gefährdeten Menschen hätte – und ja, natürlich, eines Tages werden wir eh alle sterben! –, könnte ich diese Haltung nicht verstehen, die aktuell so manche vor sich her tragen wie ein Schild.

Nur weil sie und ihr Umfeld bis jetzt nicht betroffen waren, halten sie die Krankheit für ungefährlich und behaupten, dass sich manche Menschen viel zu sehr und unnötigerweise einschränken sich. Kann man so sehen. Man kann sich die Welt immer schön einfach und einfach schön reden. Und die andern von Angst Dominierte nennen, ist auch ganz einfach. Doch ehrlich gesagt ist das meiner Meinung nach einfach furchtbar ignorant. Es ist sehr einfach, nur weil man bisher Glück hatte, nicht über den Tellerrand zu schauen. Vielleicht glaubt man sogar, es verdient zu haben, dass man verschont blieb. Die andern sind eben selbst schuld, wenn es ihnen nicht gut geht.

Ehrlich: Ich kann nicht, nur weil ich nicht an die Maßnahmen ’glaube’, die Gesundheit mir lieber Menschen (und notabene meine eigene) aufs Spiel setzen. Hier geht es um ein noch sehr unbekanntes, noch sehr unvorhersehbares Virus, das noch niemand wirklich so genau kennt und von dem noch niemand voraussagen kann, wie es sich weiter entwickeln wird.

Über den Klimawandel las ich neulich ein Textbild, das sinngemäß besagte, dass wir jetzt all die wichtigen und im Moment als angezeigt notwendigen Maßnahmen umsetzen und dann schon bald feststellen würden, dass das Klima auf einmal wieder gut sei und das Leben wieder viel angenehmer für alle. Im Rückblick würden wir womöglich feststellen, dass es die Maßnahmen gar nicht gebraucht hätte. Aber hey: Das Leben ist wieder viel angenehmer für alle. Also: Scheiß auf die vielen vielleicht überzogenen Maßnahmen. Es geht uns allen besser. Aber was genau alles geholfen hat, wissen wir nicht.

Dieses Gedankenspiel übersetze ich für mich auf die Coronakrise. Selbst wenn das alles hier überzogen sein sollte – ich weiß es nämlich wirklich nicht! –, so haben wir alle zusammen doch dafür gesorgt, dass sich Menschen wie unser rollstuhlfahrender Freund M., unser chronischkranker Freund S., all die alt gewordenen Verwandten sich wertgeschätzt und erwünscht wissen dürfen und nicht ständig in Ansteckungs- und damit in Todesangst leben müssen, sondern miterleben können, wie sich eine ganze Gesellschaft um sie sorgt und sie nicht der Wirtschaft opfert.

Ja, richtig, dafür ziehe ich mir eine Maske an, halte Abstand und wasche mir die Hände. Obwohl ich Masketragen ziemlich unangenehm finde. Und auch wenn ich nicht weiß, ob es übertrieben ist.


Hier zwei Links zu Faktencheck-Seiten:

Coronavirus: Die Stunde der fragwürdigen Youtube-Doktoren

https://www.swr3.de/aktuell/fake-news-check/index.html

Vorsätze und Sehnsüchte

Die Vorsätze waren ziemlich gut gewesen. Endlich wieder fiktiv schreiben wollte ich. Mehr jedenfalls. Geschichten. Weil ich mich nach diesem Erlebnis sehnte, hatte ich mir sogar extra ein Spiel ausgedacht. Ich hatte richtig was vor. Ich hätte Spaß haben können. Aber nein. Der Alltag kam dazwischen. Es will nicht so recht fließen, das fiktive Schreiben. Überhaupt ist alles verlangsamt. Und ich mir hinterher. Da ist gerade so ein großes Viel-zu-Viel in mir, so ein Lärm, so ein Überfließen, dazu das wieder schriller gewordene Geläute vom Tinnitus obendrauf. Doch weil es mir ja immer noch schlechter gehen könnte – und weil es mir schon wirklich deutlich schlechter gegangen ist –, sage ich auf Nachfrage: Es geht mir oke. Dabei halte ich es im Grunde schlecht aus, dieses Aushalten, Ausharren, Warten. Auf andere Zeiten. Nein, nicht das Normal von vorher. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis Corona uns nicht mehr so sehr gefährdet wie jetzt. Noch ist erst ein kleiner Teil der Bevölkerung immun, die Kurve ist zwar flacher geworden, zum Glück, aber die Gefahr ist noch lange nicht gebannt. Ein Narr, wer das behauptet. Es ist schwierig. Für alle. Für manche mehr, für andere weniger. Aber auch für die, denen es leichter fällt als anderen, ist dies nicht die Zeit für Leichtsinn. Es tut mir weh, wenn ich Menschen zuhöre oder sehe, wie sie die Pandemie klein reden. Menschen, die so zu tun, als sei alles nur halb so schlimm, als wären die Maßnahmen übertrieben, nur weil sie selbst nicht direkt betroffen sind und weil sie niemanden kennen, der schon Corona hatte und es überlebte oder – wahlweise – daran (fast) gestorben ist. Wie kann man so egoistisch sein? Das macht mich wütend. Aber vielleicht verbirgt sich hinter ihr ja auch nur meine Angst, dass diese aus meiner Sicht leichtsinnigen Menschen an Corona sterben könnten? So oder so. Das hier ist die hohe Zeit der Absurditäten, der Über- und Unterreaktionen. Vernüftig geht anders. Wie gesagt, ich finde die Maßnahmen unserer Regierungen grundsätzlich in Ordnung. Die Pandemie ist mit größtem Respekt zu behandeln, keine Frage. Es hapert allerdings jen- und diesseits von Landesgrenzen immer wieder beim Herunterbrechen der Beschlüsse in den Alltag. Wo ich hinschaue, sehe ich fragende Gesichter. Ja, auch ich habe Fragen: Warum  zum Beispiel dürfen sich binationale Paare ohne Trauschein nicht treffen, während es solche mit Trauschein inzwischen (via BaWü) dürfen? Die beiderseitige Ansteckungsgefahr zwischen Paaren ist doch mit Grenze nicht größer als ohne, und so ein Trauschein macht ja auch nicht covidimmun so viel ich weiß? Kann mir das bitte jemand erklären, lieber Bundesregierungen? Eine internationale Petition läuft übrigens seit einer Weile, und wie gesagt, können sich binational Verheiratete zumindest in der Schweiz wieder treffen. Na also. Geht doch. Aber warum, zum Geier, gilt diese Regel nur für Angetraute? Wie wäre es, wenn Paare an der Grenze zum Beispiel mittels einer Liste mit Referenzpersonen drauf –  die Hausärztin von mir aus oder sonstwie Bekannte – nachweisen, dass sie tatsächlich jenseits der Grenzen einen Liebsten, eine Liebste haben? Und diese:n unter den üblichen Sicherheitsmaßnahmen, die im jeweiligen und im eigenen Land gelten, besuchen dürfen? Heute ist Tag 39 ohne den Liebsten. Ich finde, das reicht. Wir leben seit Wochen in sorgfältiger Selbstquarantäne und werden das auch weiterhin tun. Weil es sinnvoll ist. Aber ohne einander? Dafür fehlt mir das Verständnis.

Mein Klopapier ist Ingwer

Aber nicht so, wie ihr denkt. Nö, nicht Klopapier, das ist zu banal. Ingwer ist mein Kryptonit sozusagen. Oder mein Anti-Kryptonit. Egal, das eine kann eh nicht sein ohne das andere. Stark nicht ohne schwach.

Was ich sagen will: Ich brauche Ingwer. Ingwer ist mein Antidot. Er geht zur Neige, reicht vielleicht noch für zwei Tage.

Was ich eigentlich sagen will: Heute werde ich einkaufen gehen müssen.

Ich gestehe, ich trage mich mit der Absicht, heute Ingwer zu hamstern, Bio-Ingwer. Meine Herz- und Nervennahrung. Und – insbesondere bei Halsweh – mein Lieblingsgetränk.

Diesen Frühling will ich versuchen, ihn selbst anzupflanzen. Für schlimme Zeiten. Ich meine für noch schlimmere Zeiten natürlich. Weil es ja immer ‘noch schlimmer‘ werden kann, denn wir sind noch längst nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. Jedenfalls was die äußeren Einschränkungen betrifft. Noch können wir unsere Wohnungen verlassen, noch wird von unseren Regierungen (D und CH zumindest) auf unsere Vernunft vertraut. Noch können wir in den Wald. (Bitte nehmt mir nie den Wald weg!)

Manchen, vielleicht sogar ganz vielen, ist das alles schon zu viel. Für manche ist das hier schon die Vorhölle. Für ‚normalen Menschen‘, die normalerweise einen Alltag mit vielen Menschen, vielen Begegnungen, viel Ablenkung – kurz: viel Input – haben, ist das hier gerade eine sehr grenzwertige Erfahrung. Für sie ist das jetzt, diese Entschleunigung, purer Horror. Sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen und drehen im Kreis. Viele halten es kaum aus.

Für Menschen, die – wie ich – gesundheitlich eh eingeschränkt sind und dieses Höhlenleben bereits Alltag nennen, ist die Übung im Eingeschränktleben auf einmal eine Ressource.

Für mich ist anderes schwierig: Ich leide am Wissen, dass es ganz vielen Menschen genau jetzt, gleichzeitig, ganz verdammt schlecht geht und ich – wie meistens – nicht wirklich viel dagegen tun kann. Oder nur in kleinen Häppchen.

Da ist gerade so viel Leid. Genau jetzt.

All die Menschen in den Flüchtlingslagern zum Beispiel, die neben ihres ganz individuellen persönlichen Leid politisch längst zu Instrumenten geworden sind.
Ja, und all die Klimaflüchtlinge überall.
All die Menschen, die in Ländern ohne unsere doch zweifellos trotz allen Spardrucks recht gute medizinische Versorgung leben.

Ich fühle dieses ganze Leid mal wieder so verdammt schwer, unerträglich schwer auf meinen Schultern. Ich ziehe es mir an wie ein Kleid, ein viel zu enges Kleid, das mir nicht gehört. Jedenfalls gehört es nicht mir allein. Es gehört uns allen und wenn wir es uns gemeinsam anziehen, dann wird es auf einmal groß und weit und passt sich an und wir können etwas tun. Vielleicht jedenfalls. Ich hoffe es.

Gehöre ich eigentlich eher zu denen, die Hilfe brauchen oder zu denen, die Hilfe geben können?, fragte ich mich gestern. Die Antwort ist in meinem Fall (jetzt und noch) ein Sowohl-als-Auch.

Auf jeden Fall täte ich mich schwerer damit, Hilfe zu erbitten, denn anzunehmen. Das war immer schon so. Und damit bin ich vermutlich nicht allein.

Seit über drei Wochen bin ich krank. Nichts Schlimmes. Immer Schluckweh. Zuweilen Fieber, aber immer nur ein wenig. Zuweilen Schnupfen, aber ohne Fließnase, die dafür oft ganz schön juckt. Hui, bin ich plötzlich pollenallergisch? Die Symptome klingen jedenfalls nicht nach Covid19, dennoch lebe ich ‚mit Abstand‘ und das schon seit über zwei Wochen, mit wenigen Ausnahmen. Termine habe ich längst alle abgesagt und ich verlagere Soziales auf Messengerdienste und Socialmedia. Videotelefonie wird schon bald die physischen Therapiegespräche ablösen.

Doch heute werde ich einkaufen gehen müssen. Wegen Ingwer. Und Bier. Und ich werde der Kassierin danken, dafür dass sie da ist. Und ich werde ihr wünschen, dass sie gesund bleiben möge.

Hoffentlich geht es meiner Lieblingskassiererin, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat, gut, ihr und ihren Lieben auch.

Und gerade wünsche ich mir sehr, das Wünsche helfen.

Neue Wirklichkeiten

Über Sollbruchstellen nachgedacht. Denn:

»Es sind merkwürdige Zeiten, in denen alles unglaublich beschleunigt passiert aber gleichzeitig auch alles in einer unglaublichen Klarheit reduziert ist, alle Sterne brillieren, alle Sollbruchstellen brechen, es gibt sehr wenig ’dazwischen’ im Moment«,

schreibt Frau Novemberregen.

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Wo breche ich, wo brichst du?
Wo setzen wir uns neu zusammen, wenn der Sturm vorbei ist?

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Viele verhalten sich so normal, als könnten sie mit ihrem Ignorieren der Maßnahmen, die Veränderungen aufhalten.

Andererseits brauchen wir Normalität und Rituale. Nutzen wir doch die Chance, diese zu überdenken.

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Verhalte dich so, als hättest du das Virus.
Oder verhalte dich wenigstens so, als würdest du lieben. Als würdest du jemanden sehr lieben, dem das Virus voraussichtlich sehr schaden könnte.

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Fast fünf Jahre her. Irgendlink und ich hatten für eine Woche ein Häuschen in Falun gemietet. Ich flog nach Stockholm und traf ihn, der mitten in seiner Live-Kunst-Rad-Tour ans Nordkap unterwegs war, für eine kleine Auszeit in Örebro, von wo aus wir uns mit zwei Campingplatz-Zwischenstopps Richtung Falun durchschlugen, ich mit ÖV, er mit dem Radel.

Wir überlegten damals auf unseren kleinen und größeren Touren durch die schwedische Pampa, wie es wäre, wenn seine Reise statt mit Muskelkraft auf seinem Fahrrad nur in seinem Kopf stattfände. Wenn er sich mit dem Blick auf Karten und virtuellen Weltbetrachtungstools seine Reise zusammenfantasieren würde. Wenn er aus den tiefen seiner Erfahrungen schöpfen und eine Reise rein virtuell rein fiktiv erzählen würde. Täglich. Als wäre er unterwegs.

Diese Phantasie hat uns eingeholt. Diese Phantasie ist seit drei Tagen Wirklichkeit geworden. Andorra, das Irgendlink in diesen Tagen mit dem Rad hatte anpeilen wollen, ist weiter weg denn je. Die Grenzen sind geschlossen. Die äußeren Grenzen ja … vergessen wir nicht die inneren Grenzen. Kraft unserer Phantasie können wir um die Welt reisen. Oder nach Andorra. Mit Irgendlink. Täglich neu. Täglich ein bisschen weiter. Hier.

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Gestern war ich im Wald. Es waren mehr Menschen unterwegs als auch schon. Und alle in respektvollem Abstand.

Ich pflückte Bärlauch und begriff, wie alles zusammenhängt.
Obwohl es letztlich unbegreiflich ist.

(Über die Natur der Natur schrieb Ulli heute hier.)

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Leben, so gut es geht.
Es jeden Tag üben, dieses Leben.
Jeden Tag von neuem.

Rasante Verlangsamung

Hast du Angst vor dem Virus?, fragte ich vor einer Woche in meinem letzten Blogartikel. Und verneinte meine eigene Frage. Nun ja, vor einer Woche war das Virus ja auch noch viel weiter weg.

Was wird in einer Woche sein? Noch immer befinden wir uns alle in etwas ganz Neuem drin, da ist etwas, das wir so noch nie erlebt haben. Wir kennen uns nicht aus. Wir haben keine Kontrolle. Wir haben wenig Erfahrungswerte. So wie für jede*n von uns das Älterwerden immer wieder neue Wendungen bereithält – etwas geht unwiederbringlich zu Ende, während etwas Neues entsteht –, fordert uns alle dieses eine Virus heraus, unsere Gewohnheiten komplett auf den Kopf zu stellen.

Es ist näher gekommen. Es betrifft uns mehr denn je. Schulen schließen, soziale Kontakte sollen, um Kontaminierung zu reduzieren, auf ein Minimum heruntergefahren werden. Bei uns noch auf Basis von Vernunft, noch ohne Ausgangssperren, doch kulturelles Leben findet je länger je weniger auf Bühnen und immer mehr online statt. Das Gebot der Stunde lautet, die Ansteckungskurve flach zu halten. Die Rasanz zu verlangsamen.

Bevor Irgendlink heute Morgen losgefahren ist, um einem kranken Freund zu assistieren, haben wir einmal mehr über die Risiken gesprochen und über die Was-wenns. Sein Freund, der mindestens zweimal zur Conora-Risikogruppe gehört, könnte – so überlegen wir – das Virus längst wegen seiner häufigen Klinikaufenthalte mit sich herumtragen. Symptome gibt es ja nicht immer. Wir sind alle verletztlich, niemand weiß, wie unser Körper auf das Virus reagieren wird, wie stark unser Immunsystem ist, wie viel unsere Lungen verkraften. Apropos Lunge: Auch Irgendlink ist Teil der Risikogruppe. (Wie hatte ich so lange verdrängen, dass er vor einigen Jahren fast tödlich an einer ’systemischen Erkrankung mit einer verstärkten Immunantwort’ erkrankt war. Betroffen bei ihm waren vor allem die Lungen. Zwar waren alle Nachsorgeuntersuchungen seither ohne nennenswerten Befund gewesen, doch reagiert seine Lunge sehr sensibel, besonders auf Feinstaub.)

Seit dieser Erkenntnis heute Morgen bin ich doppelt froh um meine Vorsicht. Vielleicht ist es  mir jetzt sogar noch wichtiger als zuvor, dass ich mich nicht anstecke. Um ihn nicht anstecken zu können.

Was ich sagen will? Sobald die Risikogruppe ein Gesicht hat, wirds persönlich. Und oft beginnen wir erst zu handeln, wenn etwas persönlich wird. Nicht, dass wir nicht vorher schon ein wenig gehandelt hätten, doch wird das Handeln je persönlicher desto betroffener wir sind. Es wird zielgerichteter, es wird konkreter, schält sich aus der Abstraktion, die so ein Virus hat, heraus.

Inzwischen soll es (in der Schweiz) übrigens bereits Schnelltests geben, die innerhalb weniger Stunden erste Ergebnisse liefern können. So können Ansteckungsgefahren schneller gebannt werden. Und natürlich, wie gesagt, durch das konsequente Einhalten der behördlichen Empfehlung, soziale Kontakte, insbesondere Menschenansammlungen, möglichst zu vermeiden.

Ob ich immer noch keine Angst vor dem Virus habe? Hm. Doch. Vielleicht schon. Irgendwie. Großen Respekt auf jeden Fall. In Panik zu verfallen, vermeide ich.

Parallel zur wachsenden Angst und zum Ansteigen der Fallkurven sind in den letzten Tagen aber auch einige erfreuliche Dinge geschehen. Ich beobachte da etwas, das ich vorsichtig ein Aufkeimen von mehr Solidarität in der Gesellschaft nennen möchte.

Begrüßenswertes geschieht derzeit insbesondere in der kulturellen Szene und der Klimakrise-Bewegung. Hier entstehen in diesen Stunden wertvolle Online-Aktionen. Eine sehr wichtige Entwicklung! (Und wie schon so oft, wünschte ich mir, dass das Bedingungslose Grundeinkommen schon Realität wäre. Existenzsicherung!)

Wir haben mehr in der Hand als wir denken, geht es mir durch den Kopf.

Bei allem, was wir tun, sollten wir immer alle anderen mitdenken, die, die womöglich gerade jetzt mehr gefährdet sind als wir. Kollektiv vor Individuum.


Veranstaltungen

Musik (für Klassikfans)
Igor Levit spielte gestern online für sein virtuelles Publikum. Link
Heute geht es hier weiter: Link
Tägliche Konzerte, weiterhin täglich um 19:00 hier: Link

Lesung
Jasmin Schreiber liest heute Abend um 20:00 aus ihrem Bestseller Marianengraben, den ich neulich rezensiert habe, moderiert von Natascha Strobl: Link.
Allgemeine Infos hier: Link.
Zukünftige Lesungen von Jasmin Schreiber auf ihrem Twitchkanal: Link.

Klimademos
Wegen Corona wird ab sofort online demonstriert. Hier zum Beispiel: Link.