Siphon und Filter

Heute soll es hier für einmal um Dreck gehen. Also … nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Dreck hätte – abgesehen von Besen, Lappen und Putzmitteln. Eigentlich ist fast alles dreckig. Und außerdem kommt es schwer drauf an, wo der Dreck hockt. Aber können wir uns darauf einigen, dass zu viel zu viel ist? So langsam dünkt es mich nämlich, wir alle kommen nicht mehr mit Putzen hinterher. Wir alle sollten damit anfangen, weniger Dreck zu machen. Finde ich. Und aber auch den, der da ist, abarbeiten.

Ich fange bei meinem Siphon unter der Küchenspüle an (unter dem Schüttstein, wie das hierzulande heißt). Alle paar Monate behandle ich meinen Abfluss mit dem Stöpsel und meiner Geheimwaffe aus Backpulver, Salz, Zitronensäure und heißem Essigwasser. Doch nach einigen Wochen ist alles wieder wie vorher. Trotz Auffangsieb, das ich regelmäßig putze.

Beherzt  beschließe ich also, nicht mehr länger nur an den Symptomen sondern an den Ursachen zu arbeiten. Dazu muss ich mir aber erst einmal den Weg zum Siphon freiräumen, sprich: den Müllbehälter ausbauen und ein Becken darunter stellen. Endlich kann ich den Siphon aufschrauben. (Kleine Notiz an mich: Wo ist eigentlich mein metaphorischer Siphon?)

Boah, wie das stinkt! (Wetten, dass es auch bei euch stinkt, die ihr das hier lest?) Was da alles drin steckt! Ein Netz aus Haaren – wie kommen die da bloß rein? – scheint sich mit allmöglichem Kleinkram in fünfzig Schattierungen von Kaffeesätzen verbündet zu haben. Ich pule alles raus und bürste mit einem Flaschenreiniger ums Eck, pardon: ums Rund, so gut es eben geht. Bis ich zufrieden bin. Von oben spüle ich mit heißem Wasser nach und siehe da: der Weg des Wassers ist wieder frei. Alles fließt.

Und weil ich gerade so schön putzwütend bin, öffne ich auch gleich die WC-Lüftung und putze den dortigen Filter, dessen Flusen vermutlich dafür verantwortlich sind, dass die Lüftung zuweilen viel zu lange nachlüftet, selbst wenn die Lüftung längt wieder aus ist.

Ach, wie schön es wär, wenn wir in diesem Draußen, das gerade so am Durchdrehen ist, auch einfach mal den Siphon durchspülen könnten. Oder den Filter auswaschen oder wechseln.

Diese ganz bestimmte Müdigkeit

Verhaftungen an Kundgebungen wegen nicht getragener Maske gingen ihm zu weit, las ich vorhin. Und dass es schließlich auch andersdenkende Menschen gäbe, die weder Verschwörungstheoriengläubige seien noch Rechtsextreme.

Da frage ich mich allerdings: Wieso geht denn so ein andersdenkender (natürlich nicht rechtsextremer) Mensch überhaupt an eine Demo um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren, wenn sie:er nicht glaubt, dass das, was da an Maßnahmen verordnet ist, nicht einer Art Verschwörung entsprungen ist, also schlicht übertrieben, ganz ohne Hand und Fuß, willkürlich? Würde sie:er nämlich nicht diese ganzen ungaren Infos glauben und sich irgendwie bedroht fühlen, müsste sie:er ja gar nicht demonstrieren? Oder verstehe ich da etwas falsch?

(Abgesehen davon handelt es sich – so vermute ich jedenfalls – nicht um Verhaftungen im klassischen Sinn, sondern eher um Festnahmen zur Feststellung der Identität, um eine Buße gegen Verstoß gegen Schutzmaßnahmen verhängen zu können. Mag sein, dass ich noch immer zu viel Vertrauen zur Polizei habe. Ich halte es jedenfalls für wichtig und notwendig, dass die Schutzmaßnahmenverstöße geahndet und gebüßt werden.)

An alle Menschen, die behaupten, dass es keine seriöse, unabhängige Berichterstattung gäbe:
Habt ihr wirklich schon einmal probiert außerhalb eurer Blase unabhängige Berichterstattung zu lesen und zu verstehen?* Habt ihr wirklich versucht, internationale wissenschaftliche Untersuchungen miteinander zu vergleichen? Habt ihr Quellen überprüft, Fakten gecheckt?

Tatsache ist, dass es inzwischen schon ziemlich viele Fakten gibt, auch wenn die Forschung noch längst nicht fertig ist. Wohl nie sein wird. Ja, das Virus, das uns alle seit Monaten durcheinandergewirbelt hat, ist trotz allem Wissen noch immer sehr wenig erforscht und ja, manches wurde am Anfang so und so gesagt und wird heute anders betrachtet und gehandhabt. aber vergessen wir nicht: Forschung heißt Forschung, weil geforscht wird. Das ist ein Prozess. Das ist etwas Unfertiges.

Auf der einen Seite sind da die Prozesse und Erkenntnisse, die in den Forschungszentren gewonnen werden, auf der anderen Seite sind unsere (sogenannten) Volksvertreter:innen, die ihren Job mal besser mal schlechter machen. Rund um die Welt gibt es da immense Unterschiede, innerhalb der einzelnen Nationen sogar. Natürlich kann man die Politik kritisieren (dass wir das können und tun dürfen, ist immerhin ein gutes Zeichen). Ich finde auch vieles nicht nachvollziehbar, was von Seiten unserer Volksvertretungen verordnet wird. Allerdings eher nicht die Maßnahmen an sich, sondern wie ungleich sie angewendet werden. Persönlich am schlimmsten finde ich ja, dass nicht für alle die gleiche Handhabung gilt. Das Machtgefälle wurde durch die Pandemie sichtbarer denn je. Dass manche Menschen sogar per Gesetz oder Verordnung schlechter geschützt werden als andere und manche mehr gefördert als andere, darf nicht sein. Stichwort: Wirtschaft. Das sind Missstände, die ich anprangere.

Aber ich bleibe dabei: Nicht nachvollziehen kann ich, wie Menschen die Leben anderer Menschen gefährden, weil sie zu bequem sind, weil sie coronamüde sind (bin ich auch!), weil sie ’nicht an die Forschung glauben’, weil sie niemanden persönlich kennen, der oder die Covid hatte, weil sie es bedenklich finden, wenn Youtube manche Infos löscht, weil es ’ja nur eine Grippe ist’, weil … ach.

Vermutlich sind die Menschen, die hier mitlesen, eh nicht die Menschen, über die ich mich immer mal wieder so nerve. Aber manchmal muss ich meinen Unmut in Worte gießen. Danke fürs Zuhören by reading.

Ja, es ist wahr, ich bin coronamüde, aber vor allem bin ich uneinsichtigeMenschenmüde. Das muss es wohl sein. Ach, ach.


*Ich empfehle herzlich folgdende werbefreie und von der Crowd finanzierte Medien Die Republik (Corona-Newsletter kostenlos) und Krautreporter (Paywall). Beide Magazine publizieren täglich einen kostenlosen Newsletter.

Vom Rechthaben

Zugegeben: Ich glaube ja meistens, dass ich Recht habe. Jedenfalls, was das große Ganze betrifft. Zwar verstehe ich nicht wirklich so genau, was da draußen gerade alles passiert und warum, aber ich glaube in der Wahl meiner Informationsquellen richtig zu liegen, recht zu haben. So glaube ich beispielsweise eher an die sich im Laufe der Forschungszeit verändernden Informationen eines Forschers wie Dr. Drosten als einer Astrologin, eher einer Ärztin als einem Politiker. (Verzeihung. Ich wiederhole mich, denn das sagte und schrieb ich bereits an einigen anderen Stellen.)

Es ist dieses gesellschaftliche, dieses menschliche Phänomen an sich – also dieser Glaube in uns, dass wir recht zu haben –, über das ich in letzter Zeit sehr oft nachdenke. Vielleicht hilft es uns gar zu überleben?

Wir haben meist gute Gründe, warum wir auf die eine Information zustimmend und auf die andere ablehnend reagieren. Gründe, die mit unserm Weltbild zusammenhängen, Gründe, die mit unserem Werdegang korrespondieren. Was wir denken und glauben und wie wir leben hängt zusammen. Wissen wir.

Natürlich zweifle ich. Immer. Vielleicht ist ja alles ganz anders. Das Leben. Die Zusammenhänge. Die Geschehnisse und ihre Ursachen. [Als ich noch richtig fest daran glauben konnte, dass es so etwas wie eine ordnende (möglicherweise sogar liebevolle, vielleicht richtende) Macht gibt, hielt ich übrigens ziemlich viele Dinge für möglich, die ich mir heute nicht mehr vorstellen kann. Natürlich war das irgendwie tröstlich, dieses Glauben-und-Hoffen, und ja, diesen Trost vermisse ich zuweilen, doch ich kann den Verlust des Glaubens nicht mehr rückgängig machen. (Und ich will es auch nicht.)]

Tatsächlich gehöre ich zu jene Menschen, die ihren Standort immer wieder neu überdenken. In mancherlei Hinsicht. Physisch ebenso wie mental. Nicht in den Grundfesten, aber doch so, dass ich reflektiere, warum ich etwas so oder so betrachte. Und das durchaus auch kritisch, selbstkritisch. Informationen, die mir merkwürdig vorkommen, lassen mich aufhorchen, denn obwohl ich gutgläubig-naiv bin, bin ich auch misstrauisch. Das beißt sich nicht grundsätzlich. Kurz gesagt bin ich durchaus offen für Argumente aus einer anderen Perspektive und kann auch durchaus meine Meinung und meine Perspektive ändern. Es müssen allerdings wirklich gute Argumente sein.

Zurzeit bekomme ich – zwecks ’Aufklärung und Aufforderung zur Meinungsänderung’ – immer mal wieder durch soziale Medien und Messengerdienste Links zu Videos zugespielt. Vorgestern hat mich eine Freundin zu einem Video gelotst, das Menschen rund um den Globus zeigt, welche gegen die Lockdowns in ihren Ländern demonstrierten. Solche Demos gibt es zurzeit ja überall. Was genau damit gezeigt werden soll, verstehe ich nicht. Sagen wir es mal so: Solche Informationen gehören definitiv nicht zu denen, die mich überzeugen, dass das Virus wahlweise nicht so gefährlich oder eigentlich ja doch nur so ein Grippevirus von vielen sei. Auch überzeugt es mich nicht davon, dass die Lockdowns dieser Welt überflüssig waren. Es überzeugt mich bestenfalls von der Macht der Manipulation und vielleicht noch ein bisschen mehr von der Dummheit der Menschen. Wobei ich zu letzterem eigentlich keine weiteren Beweise gebraucht hätte.

Aber wer etwas nicht glauben will, wird es auch nicht glauben. (Dazu heute ein sehr schöner Text in der Republik**.) »Plumper Positivismus ist keine gute Antwort« (Zitat).

Das Regierungsparadoxon: Hätten die Regierungen keine Lockdowns angeordnet, wäre die Kacke am Dampfen, weil es so viele Tote gibt. Aber sowas von! Weil die Regierungen aber Lockdowns beschlossen haben, dampft die Kacke, weil die Wirtschaft am Boden liegt. So oder so: Die Regierung ist schuld. An allem. Als wäre es die Schuld der Regierung, die per Schwur verpflichtet ist, uns so gut es geht zu schützen, dass da ein Virus um die Welt zieht. (Nein, blind vertraue ich den Regierenden nicht, aber ihnen Verschwörungen andichten, finde ich dann doch ziemlich … naaa ja.)

Klar, es ist nur kleiner Teil der Bevölkerung, der sich querstellt, aber eine kleine Mücke kann ein ganzes Zimmer versauen. Und vor allem kann eine solche Bewegung andere mitziehen und womöglich dazu führen, dass es zu einer zweiten Welle wie in Singapur oder Japan/Hokkaido oder zu einem zweiten Lockdown kommt. Und zum überflüssigen Tod von weiteren Menschen.

Und nochmals: Was wäre, wenn alles ganz anders wäre? Wenn tanzen hülfe oder weltweit meditieren? Gut möglich, dass das hilft. Irgendwie. Wenn schon nicht gegen das Virus an sich, dann doch wenigstens gegen den herrschenden Missmut und die Tristesse Und fürs Immunsystem ist das sicher auch eine gute Sache, echt jetzt.

Und vielleicht ist alles nochmals ganz anders und es passiert ein Wunder und das Virus stirbt einfach aus. Wie wahrscheinlich das ist, weiß ich nicht. Eins zu einer Billion? Wahrscheinlich noch unwahrscheinlicher.

Erst wenn jemand in der unmittelbaren Bekannt- oder Verwandtschaft betroffen ist oder gar stirbt, werden die Menschen einsichtig, las ich neulich auf Twitter. Bei Krieg ist es ja ganz ähnlich. Je weiter weg, desto weniger sind wir betroffen und desto weniger fühlen wir uns betroffen.

Von Anfang an war ich eine von den Supervorsichtigen. Mag sein, dass ich übertreibe. Zu viel steht auf dem Spiel. Ich kenne zu viele Menschen, die das Virus umbringen könnte. Darum lieber (möglicherweise) übertreiben als das Leben anderer gefährden.

Ich will nicht eine von denen sein, die hinterher sagen (oder zumindest denken) ’Habe ich es nicht gesagt?’. Nein. Ich will keine zweite Welle. Ich will aber auch keinen zweiten Lockdown. Ich will, dass wir uns gemeinsam an die Maßnahmen halten und gut aufeinander aufpassen, einander und uns selbst Sorge tragen. Und ich will, dass das alles hier gut ausgeht und wir alle irgendwie gut neu anfangen können.

Ich will nicht, dass die Leute hinterher sagen: Seht doch, es war doch gar nicht so schlimm! Wir hätten uns den Lockdown sparen können. Nein. Hätten wir nicht. Wie schon angedeutet, hätten wir einen viel höheren Preis bezahlt als den jetzigen. Vielleicht wäre die Wirtschaft nicht so sehr in die Knie gegangen, oke, aber wir hätten mehr Tote gehabt, viel mehr Tote. Und nein, die wären nicht eh alle schon bald gestorben. Gemäß Forschung unter Einbezug von Lebenserwartung und klassischem Krankheitsverlauf bei den Vorerkrankten hätten die durch/infolge von/mit/an Covid19 Verstorbenen durchschnittlich noch 11 Jahre mehr Lebenszeit* haben können.

Oft sagte und schrieb ich in der letzten Zeit, dass wir nur DANK des Lockdowns jetzt die Situation mit den überschaubar wenigen getesteten Neuansteckungen pro Tag haben, die wir eben haben (die Dunkelziffern kennen wir allerdings nicht).

Mit Irgendlink diskutierte ich schon oft all die Unwägbarkeiten. Wir enden immer wieder mit dem Satz: »Nein, wir können es wirklich nicht wissen.«

Niemand weiß es wirklich. Fast in Echtzeit stellt uns diesmal die Wissenschaft ihre Forschungsergebnisse zur Verfügung. Das ist für Nicht-Wissenschaftler:innen gelinde gesagt verwirrend, weil das ja erst einmal ganz neue Informationen für alle sind. Nackte, neu geborene Informationen noch ohne Aussage. Für die meisten von uns ist das wie eine neue Sprache, die wir nicht wirklich verstehen. Dennoch stürzen sich alle darauf und dann  geht es los, das wilde Interpretieren.

Denn ja, das ist tatsächlich eine Frage der Interpretation. Alle blicken wir durch unsere eigenen, selbstgeschliffenen Brillengläser. Alle sehen wir, was wir sehen wollen. Alle sehen wir das, wovon wir glauben, dass es das Richtige ist. Und alle wähnen sich im Recht. Ich auch, zugegeben.


Quellen:

*https://wellcomeopenresearch.org/articles/5-75 und https://www.republik.ch/2020/05/05/covid19

**https://www.republik.ch/2020/05/07/was-wissen-schafft?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=republik%2Fnewsletter-editorial-nl-0705

Kleiner Rant zur aktuellen Virusgefahr-Bagatellisierung

Gleich zuerst: Nein, ich weiß es auch nicht. Ich weiß nicht, ob all die Maßnahmen sinnvoll sind. Ich weiß nicht, ob es übertrieben ist. Womöglich sogar untertrieben? Die Lockerungen zu früh? Und nein, ich weiß nicht, ob das alles mehr nützt oder mehr schadet. Nein, ich weiß es nicht.

Doch etwas weiß ich: Das hier ich keine Glaubensfrage. Sich an Maßnahmen zu halten ist keine Religion und keine Unterwerfung an eine Diktatur.

Das hier ist etwas, womit sich niemand so wirklich auskennt. Es ist etwas Neues. Die, die am meisten wissen, sind jene Menschen, die wissenschaftliche Ausbildungen haben. Logischerweise vertraue ich darum am ehesten diesen Menschen. Ich vertraue ausgewiesenen Virolog:innen und Ärzt:innen mehr als Pfarrer:innen, Prediger:innen, Astrolog:innen, Esoteriker:innen, Medien, Verschwörungstheoretiker:innen und Dummschwätzer:innen.

Vielleicht bin ich inzwischen so diesseitig geworden, dass mir das Jenseitige einfach nur noch abstrus vorkommen kann. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass alles zusammenhängt. Wir alle hängen zusammen, sind verbunden. Der Mensch hat nicht nur darum überlebt, weil er sich ständig mutiert, sich stetig weiterentwickelt hat, er hat vor allem überlebt, weil Menschen sich seit jeher umeinander gekümmert haben.

Gesunder Menschenverstand ist wichtig und natürlich muss jede und jeder abwägen, dennoch ist das alles hier keine Glaubenssache, sondern eine Frage, wem wir vertrauen. Den Forschenden oder den Plappernden.

Selbst wenn ich in meinem Umfeld keine wirklich wirklich sehr gefährdeten Menschen hätte – und ja, natürlich, eines Tages werden wir eh alle sterben! –, könnte ich diese Haltung nicht verstehen, die aktuell so manche vor sich her tragen wie ein Schild.

Nur weil sie und ihr Umfeld bis jetzt nicht betroffen waren, halten sie die Krankheit für ungefährlich und behaupten, dass sich manche Menschen viel zu sehr und unnötigerweise einschränken sich. Kann man so sehen. Man kann sich die Welt immer schön einfach und einfach schön reden. Und die andern von Angst Dominierte nennen, ist auch ganz einfach. Doch ehrlich gesagt ist das meiner Meinung nach einfach furchtbar ignorant. Es ist sehr einfach, nur weil man bisher Glück hatte, nicht über den Tellerrand zu schauen. Vielleicht glaubt man sogar, es verdient zu haben, dass man verschont blieb. Die andern sind eben selbst schuld, wenn es ihnen nicht gut geht.

Ehrlich: Ich kann nicht, nur weil ich nicht an die Maßnahmen ’glaube’, die Gesundheit mir lieber Menschen (und notabene meine eigene) aufs Spiel setzen. Hier geht es um ein noch sehr unbekanntes, noch sehr unvorhersehbares Virus, das noch niemand wirklich so genau kennt und von dem noch niemand voraussagen kann, wie es sich weiter entwickeln wird.

Über den Klimawandel las ich neulich ein Textbild, das sinngemäß besagte, dass wir jetzt all die wichtigen und im Moment als angezeigt notwendigen Maßnahmen umsetzen und dann schon bald feststellen würden, dass das Klima auf einmal wieder gut sei und das Leben wieder viel angenehmer für alle. Im Rückblick würden wir womöglich feststellen, dass es die Maßnahmen gar nicht gebraucht hätte. Aber hey: Das Leben ist wieder viel angenehmer für alle. Also: Scheiß auf die vielen vielleicht überzogenen Maßnahmen. Es geht uns allen besser. Aber was genau alles geholfen hat, wissen wir nicht.

Dieses Gedankenspiel übersetze ich für mich auf die Coronakrise. Selbst wenn das alles hier überzogen sein sollte – ich weiß es nämlich wirklich nicht! –, so haben wir alle zusammen doch dafür gesorgt, dass sich Menschen wie unser rollstuhlfahrender Freund M., unser chronischkranker Freund S., all die alt gewordenen Verwandten sich wertgeschätzt und erwünscht wissen dürfen und nicht ständig in Ansteckungs- und damit in Todesangst leben müssen, sondern miterleben können, wie sich eine ganze Gesellschaft um sie sorgt und sie nicht der Wirtschaft opfert.

Ja, richtig, dafür ziehe ich mir eine Maske an, halte Abstand und wasche mir die Hände. Obwohl ich Masketragen ziemlich unangenehm finde. Und auch wenn ich nicht weiß, ob es übertrieben ist.


Hier zwei Links zu Faktencheck-Seiten:

Coronavirus: Die Stunde der fragwürdigen Youtube-Doktoren

https://www.swr3.de/aktuell/fake-news-check/index.html

Vorsätze und Sehnsüchte

Die Vorsätze waren ziemlich gut gewesen. Endlich wieder fiktiv schreiben wollte ich. Mehr jedenfalls. Geschichten. Weil ich mich nach diesem Erlebnis sehnte, hatte ich mir sogar extra ein Spiel ausgedacht. Ich hatte richtig was vor. Ich hätte Spaß haben können. Aber nein. Der Alltag kam dazwischen. Es will nicht so recht fließen, das fiktive Schreiben. Überhaupt ist alles verlangsamt. Und ich mir hinterher. Da ist gerade so ein großes Viel-zu-Viel in mir, so ein Lärm, so ein Überfließen, dazu das wieder schriller gewordene Geläute vom Tinnitus obendrauf. Doch weil es mir ja immer noch schlechter gehen könnte – und weil es mir schon wirklich deutlich schlechter gegangen ist –, sage ich auf Nachfrage: Es geht mir oke. Dabei halte ich es im Grunde schlecht aus, dieses Aushalten, Ausharren, Warten. Auf andere Zeiten. Nein, nicht das Normal von vorher. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis Corona uns nicht mehr so sehr gefährdet wie jetzt. Noch ist erst ein kleiner Teil der Bevölkerung immun, die Kurve ist zwar flacher geworden, zum Glück, aber die Gefahr ist noch lange nicht gebannt. Ein Narr, wer das behauptet. Es ist schwierig. Für alle. Für manche mehr, für andere weniger. Aber auch für die, denen es leichter fällt als anderen, ist dies nicht die Zeit für Leichtsinn. Es tut mir weh, wenn ich Menschen zuhöre oder sehe, wie sie die Pandemie klein reden. Menschen, die so zu tun, als sei alles nur halb so schlimm, als wären die Maßnahmen übertrieben, nur weil sie selbst nicht direkt betroffen sind und weil sie niemanden kennen, der schon Corona hatte und es überlebte oder – wahlweise – daran (fast) gestorben ist. Wie kann man so egoistisch sein? Das macht mich wütend. Aber vielleicht verbirgt sich hinter ihr ja auch nur meine Angst, dass diese aus meiner Sicht leichtsinnigen Menschen an Corona sterben könnten? So oder so. Das hier ist die hohe Zeit der Absurditäten, der Über- und Unterreaktionen. Vernüftig geht anders. Wie gesagt, ich finde die Maßnahmen unserer Regierungen grundsätzlich in Ordnung. Die Pandemie ist mit größtem Respekt zu behandeln, keine Frage. Es hapert allerdings jen- und diesseits von Landesgrenzen immer wieder beim Herunterbrechen der Beschlüsse in den Alltag. Wo ich hinschaue, sehe ich fragende Gesichter. Ja, auch ich habe Fragen: Warum  zum Beispiel dürfen sich binationale Paare ohne Trauschein nicht treffen, während es solche mit Trauschein inzwischen (via BaWü) dürfen? Die beiderseitige Ansteckungsgefahr zwischen Paaren ist doch mit Grenze nicht größer als ohne, und so ein Trauschein macht ja auch nicht covidimmun so viel ich weiß? Kann mir das bitte jemand erklären, lieber Bundesregierungen? Eine internationale Petition läuft übrigens seit einer Weile, und wie gesagt, können sich binational Verheiratete zumindest in der Schweiz wieder treffen. Na also. Geht doch. Aber warum, zum Geier, gilt diese Regel nur für Angetraute? Wie wäre es, wenn Paare an der Grenze zum Beispiel mittels einer Liste mit Referenzpersonen drauf –  die Hausärztin von mir aus oder sonstwie Bekannte – nachweisen, dass sie tatsächlich jenseits der Grenzen einen Liebsten, eine Liebste haben? Und diese:n unter den üblichen Sicherheitsmaßnahmen, die im jeweiligen und im eigenen Land gelten, besuchen dürfen? Heute ist Tag 39 ohne den Liebsten. Ich finde, das reicht. Wir leben seit Wochen in sorgfältiger Selbstquarantäne und werden das auch weiterhin tun. Weil es sinnvoll ist. Aber ohne einander? Dafür fehlt mir das Verständnis.

Mein Klopapier ist Ingwer

Aber nicht so, wie ihr denkt. Nö, nicht Klopapier, das ist zu banal. Ingwer ist mein Kryptonit sozusagen. Oder mein Anti-Kryptonit. Egal, das eine kann eh nicht sein ohne das andere. Stark nicht ohne schwach.

Was ich sagen will: Ich brauche Ingwer. Ingwer ist mein Antidot. Er geht zur Neige, reicht vielleicht noch für zwei Tage.

Was ich eigentlich sagen will: Heute werde ich einkaufen gehen müssen.

Ich gestehe, ich trage mich mit der Absicht, heute Ingwer zu hamstern, Bio-Ingwer. Meine Herz- und Nervennahrung. Und – insbesondere bei Halsweh – mein Lieblingsgetränk.

Diesen Frühling will ich versuchen, ihn selbst anzupflanzen. Für schlimme Zeiten. Ich meine für noch schlimmere Zeiten natürlich. Weil es ja immer ‘noch schlimmer‘ werden kann, denn wir sind noch längst nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. Jedenfalls was die äußeren Einschränkungen betrifft. Noch können wir unsere Wohnungen verlassen, noch wird von unseren Regierungen (D und CH zumindest) auf unsere Vernunft vertraut. Noch können wir in den Wald. (Bitte nehmt mir nie den Wald weg!)

Manchen, vielleicht sogar ganz vielen, ist das alles schon zu viel. Für manche ist das hier schon die Vorhölle. Für ‚normalen Menschen‘, die normalerweise einen Alltag mit vielen Menschen, vielen Begegnungen, viel Ablenkung – kurz: viel Input – haben, ist das hier gerade eine sehr grenzwertige Erfahrung. Für sie ist das jetzt, diese Entschleunigung, purer Horror. Sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen und drehen im Kreis. Viele halten es kaum aus.

Für Menschen, die – wie ich – gesundheitlich eh eingeschränkt sind und dieses Höhlenleben bereits Alltag nennen, ist die Übung im Eingeschränktleben auf einmal eine Ressource.

Für mich ist anderes schwierig: Ich leide am Wissen, dass es ganz vielen Menschen genau jetzt, gleichzeitig, ganz verdammt schlecht geht und ich – wie meistens – nicht wirklich viel dagegen tun kann. Oder nur in kleinen Häppchen.

Da ist gerade so viel Leid. Genau jetzt.

All die Menschen in den Flüchtlingslagern zum Beispiel, die neben ihres ganz individuellen persönlichen Leid politisch längst zu Instrumenten geworden sind.
Ja, und all die Klimaflüchtlinge überall.
All die Menschen, die in Ländern ohne unsere doch zweifellos trotz allen Spardrucks recht gute medizinische Versorgung leben.

Ich fühle dieses ganze Leid mal wieder so verdammt schwer, unerträglich schwer auf meinen Schultern. Ich ziehe es mir an wie ein Kleid, ein viel zu enges Kleid, das mir nicht gehört. Jedenfalls gehört es nicht mir allein. Es gehört uns allen und wenn wir es uns gemeinsam anziehen, dann wird es auf einmal groß und weit und passt sich an und wir können etwas tun. Vielleicht jedenfalls. Ich hoffe es.

Gehöre ich eigentlich eher zu denen, die Hilfe brauchen oder zu denen, die Hilfe geben können?, fragte ich mich gestern. Die Antwort ist in meinem Fall (jetzt und noch) ein Sowohl-als-Auch.

Auf jeden Fall täte ich mich schwerer damit, Hilfe zu erbitten, denn anzunehmen. Das war immer schon so. Und damit bin ich vermutlich nicht allein.

Seit über drei Wochen bin ich krank. Nichts Schlimmes. Immer Schluckweh. Zuweilen Fieber, aber immer nur ein wenig. Zuweilen Schnupfen, aber ohne Fließnase, die dafür oft ganz schön juckt. Hui, bin ich plötzlich pollenallergisch? Die Symptome klingen jedenfalls nicht nach Covid19, dennoch lebe ich ‚mit Abstand‘ und das schon seit über zwei Wochen, mit wenigen Ausnahmen. Termine habe ich längst alle abgesagt und ich verlagere Soziales auf Messengerdienste und Socialmedia. Videotelefonie wird schon bald die physischen Therapiegespräche ablösen.

Doch heute werde ich einkaufen gehen müssen. Wegen Ingwer. Und Bier. Und ich werde der Kassierin danken, dafür dass sie da ist. Und ich werde ihr wünschen, dass sie gesund bleiben möge.

Hoffentlich geht es meiner Lieblingskassiererin, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat, gut, ihr und ihren Lieben auch.

Und gerade wünsche ich mir sehr, das Wünsche helfen.

Neue Wirklichkeiten

Über Sollbruchstellen nachgedacht. Denn:

»Es sind merkwürdige Zeiten, in denen alles unglaublich beschleunigt passiert aber gleichzeitig auch alles in einer unglaublichen Klarheit reduziert ist, alle Sterne brillieren, alle Sollbruchstellen brechen, es gibt sehr wenig ’dazwischen’ im Moment«,

schreibt Frau Novemberregen.

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Wo breche ich, wo brichst du?
Wo setzen wir uns neu zusammen, wenn der Sturm vorbei ist?

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Viele verhalten sich so normal, als könnten sie mit ihrem Ignorieren der Maßnahmen, die Veränderungen aufhalten.

Andererseits brauchen wir Normalität und Rituale. Nutzen wir doch die Chance, diese zu überdenken.

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Verhalte dich so, als hättest du das Virus.
Oder verhalte dich wenigstens so, als würdest du lieben. Als würdest du jemanden sehr lieben, dem das Virus voraussichtlich sehr schaden könnte.

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Fast fünf Jahre her. Irgendlink und ich hatten für eine Woche ein Häuschen in Falun gemietet. Ich flog nach Stockholm und traf ihn, der mitten in seiner Live-Kunst-Rad-Tour ans Nordkap unterwegs war, für eine kleine Auszeit in Örebro, von wo aus wir uns mit zwei Campingplatz-Zwischenstopps Richtung Falun durchschlugen, ich mit ÖV, er mit dem Radel.

Wir überlegten damals auf unseren kleinen und größeren Touren durch die schwedische Pampa, wie es wäre, wenn seine Reise statt mit Muskelkraft auf seinem Fahrrad nur in seinem Kopf stattfände. Wenn er sich mit dem Blick auf Karten und virtuellen Weltbetrachtungstools seine Reise zusammenfantasieren würde. Wenn er aus den tiefen seiner Erfahrungen schöpfen und eine Reise rein virtuell rein fiktiv erzählen würde. Täglich. Als wäre er unterwegs.

Diese Phantasie hat uns eingeholt. Diese Phantasie ist seit drei Tagen Wirklichkeit geworden. Andorra, das Irgendlink in diesen Tagen mit dem Rad hatte anpeilen wollen, ist weiter weg denn je. Die Grenzen sind geschlossen. Die äußeren Grenzen ja … vergessen wir nicht die inneren Grenzen. Kraft unserer Phantasie können wir um die Welt reisen. Oder nach Andorra. Mit Irgendlink. Täglich neu. Täglich ein bisschen weiter. Hier.

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Gestern war ich im Wald. Es waren mehr Menschen unterwegs als auch schon. Und alle in respektvollem Abstand.

Ich pflückte Bärlauch und begriff, wie alles zusammenhängt.
Obwohl es letztlich unbegreiflich ist.

(Über die Natur der Natur schrieb Ulli heute hier.)

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Leben, so gut es geht.
Es jeden Tag üben, dieses Leben.
Jeden Tag von neuem.

Rasante Verlangsamung

Hast du Angst vor dem Virus?, fragte ich vor einer Woche in meinem letzten Blogartikel. Und verneinte meine eigene Frage. Nun ja, vor einer Woche war das Virus ja auch noch viel weiter weg.

Was wird in einer Woche sein? Noch immer befinden wir uns alle in etwas ganz Neuem drin, da ist etwas, das wir so noch nie erlebt haben. Wir kennen uns nicht aus. Wir haben keine Kontrolle. Wir haben wenig Erfahrungswerte. So wie für jede*n von uns das Älterwerden immer wieder neue Wendungen bereithält – etwas geht unwiederbringlich zu Ende, während etwas Neues entsteht –, fordert uns alle dieses eine Virus heraus, unsere Gewohnheiten komplett auf den Kopf zu stellen.

Es ist näher gekommen. Es betrifft uns mehr denn je. Schulen schließen, soziale Kontakte sollen, um Kontaminierung zu reduzieren, auf ein Minimum heruntergefahren werden. Bei uns noch auf Basis von Vernunft, noch ohne Ausgangssperren, doch kulturelles Leben findet je länger je weniger auf Bühnen und immer mehr online statt. Das Gebot der Stunde lautet, die Ansteckungskurve flach zu halten. Die Rasanz zu verlangsamen.

Bevor Irgendlink heute Morgen losgefahren ist, um einem kranken Freund zu assistieren, haben wir einmal mehr über die Risiken gesprochen und über die Was-wenns. Sein Freund, der mindestens zweimal zur Conora-Risikogruppe gehört, könnte – so überlegen wir – das Virus längst wegen seiner häufigen Klinikaufenthalte mit sich herumtragen. Symptome gibt es ja nicht immer. Wir sind alle verletztlich, niemand weiß, wie unser Körper auf das Virus reagieren wird, wie stark unser Immunsystem ist, wie viel unsere Lungen verkraften. Apropos Lunge: Auch Irgendlink ist Teil der Risikogruppe. (Wie hatte ich so lange verdrängen, dass er vor einigen Jahren fast tödlich an einer ’systemischen Erkrankung mit einer verstärkten Immunantwort’ erkrankt war. Betroffen bei ihm waren vor allem die Lungen. Zwar waren alle Nachsorgeuntersuchungen seither ohne nennenswerten Befund gewesen, doch reagiert seine Lunge sehr sensibel, besonders auf Feinstaub.)

Seit dieser Erkenntnis heute Morgen bin ich doppelt froh um meine Vorsicht. Vielleicht ist es  mir jetzt sogar noch wichtiger als zuvor, dass ich mich nicht anstecke. Um ihn nicht anstecken zu können.

Was ich sagen will? Sobald die Risikogruppe ein Gesicht hat, wirds persönlich. Und oft beginnen wir erst zu handeln, wenn etwas persönlich wird. Nicht, dass wir nicht vorher schon ein wenig gehandelt hätten, doch wird das Handeln je persönlicher desto betroffener wir sind. Es wird zielgerichteter, es wird konkreter, schält sich aus der Abstraktion, die so ein Virus hat, heraus.

Inzwischen soll es (in der Schweiz) übrigens bereits Schnelltests geben, die innerhalb weniger Stunden erste Ergebnisse liefern können. So können Ansteckungsgefahren schneller gebannt werden. Und natürlich, wie gesagt, durch das konsequente Einhalten der behördlichen Empfehlung, soziale Kontakte, insbesondere Menschenansammlungen, möglichst zu vermeiden.

Ob ich immer noch keine Angst vor dem Virus habe? Hm. Doch. Vielleicht schon. Irgendwie. Großen Respekt auf jeden Fall. In Panik zu verfallen, vermeide ich.

Parallel zur wachsenden Angst und zum Ansteigen der Fallkurven sind in den letzten Tagen aber auch einige erfreuliche Dinge geschehen. Ich beobachte da etwas, das ich vorsichtig ein Aufkeimen von mehr Solidarität in der Gesellschaft nennen möchte.

Begrüßenswertes geschieht derzeit insbesondere in der kulturellen Szene und der Klimakrise-Bewegung. Hier entstehen in diesen Stunden wertvolle Online-Aktionen. Eine sehr wichtige Entwicklung! (Und wie schon so oft, wünschte ich mir, dass das Bedingungslose Grundeinkommen schon Realität wäre. Existenzsicherung!)

Wir haben mehr in der Hand als wir denken, geht es mir durch den Kopf.

Bei allem, was wir tun, sollten wir immer alle anderen mitdenken, die, die womöglich gerade jetzt mehr gefährdet sind als wir. Kollektiv vor Individuum.


Veranstaltungen

Musik (für Klassikfans)
Igor Levit spielte gestern online für sein virtuelles Publikum. Link
Heute geht es hier weiter: Link
Tägliche Konzerte, weiterhin täglich um 19:00 hier: Link

Lesung
Jasmin Schreiber liest heute Abend um 20:00 aus ihrem Bestseller Marianengraben, den ich neulich rezensiert habe, moderiert von Natascha Strobl: Link.
Allgemeine Infos hier: Link.
Zukünftige Lesungen von Jasmin Schreiber auf ihrem Twitchkanal: Link.

Klimademos
Wegen Corona wird ab sofort online demonstriert. Hier zum Beispiel: Link.

Notizen am Rande #5

Hast du Angst vor dem Virus?

Nun ja, vor dem Virus, respektive davor, die Viruserkrankung selbst zu bekommen, habe ich eigentlich noch immer keine Angst, auch wenn ich hoffe, sie nicht so bald zu bekommen. Weil ich – wie wir alle – eine potentielle Multiplikatorin bin und eine Person treffen könnte, die zur Risikogruppe gehört, versuche ich, so hygienisch wie möglich zu leben. Gesunder Menschenverstand und so.

Wovor ich aber wirklich in den letzten Tagen immer ein bisschen mehr Angst bekommen habe, ist vor der Menschheit.

Mir fiel ein Gespäch ein, dass ich vor etwa zehn Jahren mit dem Liebsten geführt hatte. Es war an einem Wochenende bei ihm, wir hockten am Ofen und philosophierten über die Welt. Ich hatte die These formuliert, dass die Menschen zu Tieren werden und nur an sich selbst und ans eigene Überleben denken würden, sollte es irgendwann hart auf hart kommen. Irgendlink hoffte, dass wir alle aus der Geschichte gelernt hätten und rechnete darum mit einem gewachsenen Solidaritätsbewusstsein. Gerne hätte ich damals seine Hoffnung geteilt, aber mit Hoffen tat ich mich ja schon immer eher schwer.

Dieses Gespräch haben wir wie gesagt vor etwa zehn Jahren geführt. Vor dem ’Erstarken der neuen Rechten’ in vielen westlichen Ländern, aber auch vor dem Erwachen der neuen Willkommenskultur und bevor dieselbe wieder wegpolitisiert wurde. Es war vor der weltweiten Klimakrise und es war vor allem vor dem flächendeckenden Smartphone-Zeitalter. Die Welt war, mit Verlaub, damals noch ein klein bisschen humaner. (Oder vielleicht waren wir auch einfach noch ein bisschen hoffnungsvoller?)

In unserm Gespräch überlegten wir uns verschiedene Krisen-Szenarien und wie wir damit umgehen könnten. Wir sprachen – so erinnere ich mich – vor allem über Kriege, Lebensmittelknappheit und darüber, selbst aus irgendwelchen Gründen flüchten zu müssen. Ich glaube, weder Klimakrise, Erderwärmung noch Pandemien kamen in unseren Überlegungen vor. Warum auch immer. Zwar war ich politisch immer klar positioniert – sprich: rot-grün –, aber damals dachte, las und verfolgte ich deutlich weniger mit, was auf der Welt so alles geschieht und geschehen könnte, als ich es heute tue. Und daran ist definitiv das Handy schuld. Socialmedia. (Ich gestehe, dass ich mir in besonders dünnhäutigen Momenten diese ’Unschuld’ zurückwünsche.)

Wir sprachen damals am Holzofen darüber, was wir tun würden, wenn. Wir sprachen über Humanität und Solidarität.

Heute geschieht das alles unmittelbar vor unser aller Augen. Kriege tobten immer schon, doch gab es noch nie so viele Kriegsherde weltweit wie aktuell. Und auch im Netz herrscht vielerorten Krieg. Im eigenen Land geht der Hass um, er ist alltäglich geworden. Dazu sind wir Zeuginnen und Zeugen einer schon bald nicht mehr aufhaltbaren Klimawandels, der menschliches Leben auf der Erde in wenigen Jahren unerträglich machen wird.

Mittenhinein nun diese Krankheit – ausgelöst durch ein neues Virus –, die aktuell ungefähr zehnmal so viele Todesopfer wie eine normale Grippe fordert. Ja, schlimm, sehr schlimm. Klar. Aber schlimmer, viel schlimmer ist für mich, wie wir mit alldem umgehen. Die Verhältnismäßigkeiten. Oder besser die Unverhältnismäßigkeiten. Wenn ich Richtung Lesbos blicke, wo EU-Beauftragte Menschen erschießen, deren einziges Verbrechen darin besteht, dass sie sich ein Leben in Sicherheit wünschen, wird mir schlecht.

Wie geht Liebe in Zeiten von Corona? Besteht (Selbst-)Liebe in Zeiten von Krisen aller Art darin, Desinkfektionsmittel zu klauen, Vorräte zu hamstern, sich mit dem Verkauf gehamsterter Schutzmasken eine goldene Nase zu verdienen? Ich könnte kotzen. Und schreien. Und um mich schlagen. Das alles macht mich so wütend.

Nein, ich habe keine Angst vor dem Coronavirus, ich habe Angst vor dem Virus Egoismus, gegen den es nie eine Impfung geben wird. Ich habe Angst vor dem Virus Mensch.

Doch wie sagt Irgendlink, der noch immer hofft? »Wenn wir dem leidenden Nächsten so viel Aufmerksamkeit schenkten wie einem Virus und noch ein Schuss Anteilnahme beigäben, könnte die Welt in Ordnung kommen.«


Herzliche Leseempfehlungen:

»Stellen Sie sich vor, Solidarität wäre der allerhöchste gesellschaftliche Wert, und wir wären statt auf Egoismus darauf trainiert, immer die Schwächsten zu schützen. Und – stellen Sie sich vor, das würde nicht alles so wahnsinnig naiv und utopisch klingen. Das wär was.«
-Margarete Stokowski
Quelle: www.spiegel.de

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»Die Geschwindigkeit, mit der es ein Virus vom einen Ende der Welt ans andere schafft, gehört zu unserer Zeit. Es gibt keine Mauern, die es aufhalten könnten. In früheren Jahrhunderten passierte das genauso, nur etwas langsamer. Allgemein ist das größte Risiko in solchen Situationen […] ist die Vergiftung des gesellschaftlichen Lebens, der menschlichen Beziehungen, die Barbarisierung des zivilen Umgangs.«
-Alessandro Volta
Schulleiter des Mailänder Liceo (übersetzt von Andrea Dernbach)
Quelle: christachorherr.wordpress.com

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»In Wahrheit leben wir immer noch wie die Maden auf dem Grabhügel des Verschweigens. Einen Schlussstrich kann man nur dort ziehen, wo Schluss ist. Hier ist aber kein Schluss, weder im Großen noch im Kleinen.«
-Andreas Maier
Quelle: www.zeit.de

Wie Menschsein sein könnte

Ich habe da schon lange so ein Ideal vom Menschen und vom Menschsein in mir drin. Mein Ideal, wie wir sein könnten. Wie wir sein sollten. Wie ich gern wäre.

So ist mein idealer Mensch liebevoll und geht sowohl mit sich selbst als auch mit seinen Mitmenschen achtsam um. Selbstliebe und Liebe sind seine innere Haltung, die sein Handeln steuert. Ungekünstelte Liebe, die aus dem Selbstverständnis und dem Verständnis vom eigenen Wert und dem Wert jedes anderen Wesens gewachsen ist.

Mein idealer Mensch handelt respektvoll, kreativ, reflektierend und auch wenn er Fehler macht – denn die macht er, und nicht zu knapp! –, bleibt er den anderen und sich selbst gegenüber liebevoll. Er verzeiht sich selbst.

Je nachdem, was mein idealer Mensch für ein Temperament und für einen Charakter hat, arbeitet er eher still vor sich hin oder macht sich sichtbar. Er setzt sich für eine lebenswertere Welt ein, im Bewusstsein, dass alles vergänglich ist. Er ist gegenwärtig, ist sich aber sein Vor- und sein Nachher jederzeit bewusst. Mein idealer Mensch ist in der Lage, jetzt aus Überzeugung zu agieren und auf Umstände zu reagieren.

Dieser ideale Mensch ist sich nicht zu schade, den Dreck aufzuwischen, den andere verursacht haben – zum Wohl aller. Er tut es ohne jede Servilität, weil er weiß, dass alle zusammen im gleichen Boot sitzen. Aber er tut es auch in einer kritischen Haltung, denn er lässt sich nicht ausnützen. Er hat Rückgrat und eine klare innere Haltung.

(Ja, ich weiß, ich habe sehr hohe Ideale. Geht das auch in kleiner?, fragen manche. Nö, geht nicht.)

Ein solcher Mensch gedeiht natürlich nicht von allein und das ideale Umfeld um darin ideal aufzuwachsen gibt es natürlich auch nicht, so wie es auch die ideale Kindheit nicht gibt. Und auch die idealen Lebensbedingungen gibt es nicht.

Außerdem haben manche mehr Glück als andere. Und manche haben tauglichere Krücken als andere. Manche können mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen besser umgehen als andere. Manche haben von Natur aus ein sonnigeres Gemüt als andere. Und vergessen wir nicht: Ganz viel, was geschieht, mit uns geschieht, können wir nicht beeinflussen. Und alle erleiden wir im Laufe des Lebens Verletzungen, die uns beeinflussen. Unser Denken, unser Handeln.

Kurz: Wir alle leben nicht unter idealen Bedingungen und unsere Befindlichkeiten sind selten ideal. Darum können wir oft nicht unseren Idealen gemäß denken und handeln. Ich jedenfalls bin von meinem Ideal weit entfernt. Dennoch und vielleicht auch darum bin ich froh, dass ich ein paar Vorbilder habe, die Selbstliebe, Schwachseindürfen, Empathie leben. Ja, ich weiß, Vergleiche sind müßig und ja, auch diese Menschen sind nicht ideal. Dennoch denke ich, dass wir alle Vorbilder und Ideale brauchen, um uns vorwärts zu entwickeln.

Es braucht Menschen wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer. Oder auch wie die neuseeländische Präsidentin und viele andere, die im Stillen handeln. Es braucht Menschen, die nicht aus Profiliersucht Gutes tun, denen es egal ist, was die andern von ihnen denken, die ihr Handeln am Nutzen für andere messen, nicht am Nutzen fürs eigene Ego.

Es braucht einen Wertewandel. In allen Lebensbereichen. Je länger je dringender.

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Apropos Wertewandel:
Gestern habe ich das neue Asterix-Heft – Die Tochter des Vercingetorix – verschlungen. Ich kann es nur herzlich empfehlen.

Hier gibts einen kleinen Happen zum Anfixen:

Die vier abgebildeten Comic-Strips aus dem neuen Asterix-Band zeigen eine Szene auf dem Schiff. Im ersten Bild sieht man zwei alte und einen jungen Gallier, die darüber reden, dass sie die Tochter des Häuptlings in Sicherheit bringen müssen. Der junge Mann ist Kapitän des Schiffes und heißt Letibix. Normalerweise transportiert er Blumen. Er zitiert im dritten Bild den Beatles-Song Imagine. Ihr mögt sagen, ich bin ein Träumer, doch wie ihr, glaube ich, dass eines Tages Frieden herrschen wird.  Im vierten Bild sagt er: Stellt euch vor, es gibt keine Grenzen mehr, Römer und Gallier tauschen ihre Waffen gegen Saatgut und pflanzen überall gemeinsam Getreide und Blumen ...
Halbe Seite aus dem neuen Asterix-Band (Bildbeschreibung im Quelltext)