Was gut tut

Die Buddenbohms fragten jüngst in ihrem Blog nach unseren Rettungsschirmchen, die uns durch diese Tage helfen. Tage, die für viele schwierig, für manche sehr schwierig und für fast niemanden, den ich kenne, leicht sind.

Mein Rettungsschirmchen ist neben Chats mit lieben Menschen alles, was den Sinnen gut tut. Die Stille der Natur. Spaziergänge, am liebsten durch den nahen Wald. Bärlauch ernten. Daheim helfen mir Malen. Nähen. Lesen. Und Kochen, ja, definitiv auch Kochen. Leider zurzeit ohne den Liebsten, die Grenzen sind noch immer geschlossen.

Gestern habe ich den Rest meiner Bärlauchernte vom Wochenende verarbeitet. Eine grüne Lasagne kam dabei heraus.

Meine Lasagnen werden immer wieder anders, denn ich koche sie nie nach Rezept, probiere immer wieder aus, was als Füllung auch noch funktionieren könnte, variiere bei den Zutaten und nehme das, was gerade im Haus ist. Gestern hatte ich Lust auf Zucchini, eins meiner Immer-da-Gemüse schlechthin.

Im folgenden Rezept stehen keine Mengenangaben. Aber vielleicht ist das ja umso inspirerender für jene, die auch mal etwas Neues ausprobieren wollen?

Mein Rezept ist vegetarisch, nicht vegan. Meine Béchamel habe ich zwar mit Reismilch, aber mit Käse gemacht. Eine vegane Version herauszufinden, stelle ich mir spannend vor.

Bildbeschreibung für Sehbeeinträchtigte: Auf den folgenden Bildern ist immer das zu sehen, was im Rezept steht, inklusive des jeweiligen Textes im Bild.

Hier nun mein Rezept ohne Mengenangaben

1.) Gratinform einfetten
2.) Mit wenig Salzwasser blanchierten Bärlauch in die Form geben

3.) Lasagneblätter auf den Bärlauch geben
(ja, das könnte Irgendlink schöner, nein, das schmeckt man nicht)

4.) Längs gehobelte und vorher kurz in Salzwasser gedämpfte Zucchini einschichten
(ja, das darfst du gerne schöner machen, natürlich!)

5.) Die Hälfte der vorbereiteten Béchamelsauce auf die Zucchini verteilen
(ja, es hat Klümpchen, nein, die schmeckt man nachher nicht)

6.) Lasagneblätter auf die Zucchini-Béchamel-Schicht geben

7.) Mit wenig Salzwasser blanchierten Bärlauch auf die Lasagneblätter geben und mit Lasagneblättern zudecken (ohne Bild)

+ Hier sich ein Bild denken +

8.) Längs gehobelte und vorher kurz in Salzwasser gedämpfte Zucchini einschichten
(ja, schöner ist natürlich schöner, schmeckt aber auch so sehr lecker)

9.) Letzte Schicht Lasagneblätter auf die Zucchini legen
(ja, da hab ich mir ein bisschen mehr Mühe gegeben, aber es waren ja auch nur noch zwei Lasagneblätter)

10.) Zweite Hälfte der Béchamelsauce darauf verteilen und mit Sbrinz oder Parmesan bestreuen
(na, Lust bekommen?)

11.) Im vorgeheizten Ofen gemäß Verpackungsangaben backen (bei mir 20 Minuten bei 220°)

Guten Appetit!


Gewidmet dem Liebsten, auf das wir schon bald wieder durch Wälder streifen können … und zusammen kochen!


EDIT:
Vegan wäre das hier dann zum Beispiel so realisierbar:

(Twitter ist manchmal schon wunderbar!)

Moment mal

Ist es egoistisch, besonders in Krisenzeiten gut zu sich zu schauen? Sich Gutes zu tun, sich kreativ zu betätigen, lesen, lachen, spielen und sich nicht ständig mit den neuesten Infos zur Krise auf dem Laufenden zu halten?

Zum einen ist da die zurzeit alle Kanäle erfüllende globale Krise, doch zum anderen sind da die ganz vielen, ganz persönlichen (und dennoch kollektiven) Krisenherde. Manche köcheln zum Glück nur auf kleiner Flamme, doch manche brodeln über. Die Isolation, die Quarantäne, die erzwungene Ruhe überfordert viele. Ruhe? Ja gern, aber dann lieber nicht mit solchen Vorzeichen und nicht unter diesen Umständen der Unfreiwilligkeit. Ich kenne niemanden, den oder die das alles kalt lässt, doch ich sehe je länger je mehr unterschiedliche Möglichkeiten, mit dem Virus und dem, was es anrichtet, umzugehen.

Über die Trauerphasen, die wir kollektiv durchschreiten, schrieb ich neulich schon. Selbst switche ich zwischen Wut und Akzeptanz. Und manchmal stampfe ich innerlich mit dem Fuß auf und will, dass alles wieder ist, wie …

Nein, Halt, vor der Krise war ja auch schon große Krise. Klimakrise. Die ist auch. Die ist nicht einfach weg, auch wenn Corona dem Klima gut tut. Auch sind da noch ein paar andere Krisen am Brodeln. Also bitte, nein, so wie vorher will ich es auch nicht, ich will es ’wie nachher’, ich will es anders, ich will es besser – für alle, nicht nur für ein paar wenige.

Ich will, dass wir als Gesellschaft aus dem, was jetzt unbefriedigend oder schlecht funktioniert – allem voran das Gesundheitswesen –, Lehren ziehen und die dann auch wirklich umsetzen. Im Großen ebenso wie im Kleinen. Ich will, dass man nicht nur jetzt auf Fachleute hört, sondern auch bei anderen Themen. Besonders in Sachen Klima.

Dass man jetzt, mitten in der Corona-Krise auf wissenschaftliche Fachleute hört, ihnen glaubt und ihren Rat befolgt, obwohl zu diesem Wissensbereich viel mehr Unsicherheit besteht als bei der viel besser erforschten Klimathematik, ist eigentlich verrückt. Denn das hier ist – jedenfalls in dieser Dimension – für die meisten Menschen Neuland.

Ich habe vor etwa einer Woche praktisch aufgehört, mich mit Zahlen und Statistiken verrückt zu machen. Alle paar Tage mal, das muss reichen. Ich will nicht abstumpfen, vor allem aber will ich nicht in Zahlen, sondern an Menschen denken und fühlen. Und daran ändern kann ich nichts.

Ich versuche besonnen zu bleiben. Manchmal kann ich der Angst in meiner Brust mit bewusstem Atmen punktuell Raum geben, sie anschauen, ihr zuhören, wenn sie mir mal wieder die Kehle zudrücken will. Ja, ich will ihr ins Gesicht schauen, aber Wohnrecht bekommt sie nicht. Auch versuche ich, die Verantwortung für die ganze Welt nicht allein zu tragen. (Wer ähnlich tickt wie ich, weiß, was ich meine.) Und ich versuche, aufrecht stehen zu bleiben. Mit beiden Füßen. Wie auf einem Seil. Auf einem Grat.

Uns fehle es an Visionen und Utopien, lese ich, wir lebten inmitten von Dystopien. Ja, ist wohl so.

Andere Frage: Wann hatten wir je eine bessere Gelegenheit dazu die Gesellschaft neu erfinden, wenn nicht jetzt? Ob wir sie nützen?

Schon vor wenigen Wochen, als sich die Corona-Krise gerade erst wie eine kleine Regenwolke vor die Sonne zu schieben begonnen hatte, dachte ich: Wann, wenn nicht jetzt wäre der richtige Zeitpunkt gekommen, das Grundeinkommen einzuführen und – schwupp! –  sind fast über Nacht Initiativen dafür gestartet worden. Wie wunderbar das doch wäre, denn viele Menschen fallen zwischen die Stühle. Leider decken die Hilfspakete nicht alle Nischen ab. Grundeinkommen wäre also DIE Lösung.

Mir fällt auf, dass existentielle Themen auf einmal nicht mehr nur solche Menschen wie mich beschäftigen, die eh immer viel über das Leben und die Welt nachdenken.

Auf einmal wird deutlich, wie existentiell wichtig bildende Kunst, Kunsthandwerk, Handwerk, Literatur, Musik, Tanz, Sport und alles was wir für unsere Gemüter tun und um den Druck in uns zu regulieren. (Was bin ich froh über meine seit zwanzig Jahren (fast) tägliche Yogaroutine, die ich aktuell um einige physiotherapeutische Übungen ergänzt habe, damit mein Fersensporn sich erholt.) Existentiell ist all das, was mir beim Existieren hilft, beim Überleben, beim Leben. Und dazu gehört definitiv  auch die Radreise des liebsten Irgendlink, der aktuell vom Schreibtisch aus höchst velosophisch* von Zweibrücken nach Andorra radelt. Er hat übrigens noch Platz auf dem Gepäckträger, falls du mitradeln willst. Vor zwanzig Jahren das erste Mal, vor zehn Jahren das zweite Mal und heuer das dritte Mal betrachtet er den Weg, die Landschaft, die Orte, die Menschen vom Sattel – respektive vom Bürostuhl –  aus und schreibt sehr anschaulich über die Welt, wie er sie sieht.

Gerade hilft mir diese seine Reise, ihn nicht allzu sehr zu vermissen. Nicht zu wissen, wann wir uns wiedersehen können, ist diesmal allerdings deutlich schwerer auszuhalten als wenn er tatsächlich auf dem Radel unterwegs wäre. Natürlich ist da immer Ungewissheit, weil das Leben überall und immer lebensgefährlich ist, doch diesmal die Ungewissheit anders. Die Dauer des Nicht-Sehen-Könnens ist ungewiss und unfreiwillig, der Verlauf der ganzen Quarantäne ist ungewiss. Außerdem ist Irgendlink für mich systemrelevant und diese Geschlossene-Landesgrenzen-Ungewissheit bindet viel Energie (auch wenn ich das natürlich akzeptieren muss).

Ich weiß inzwischen, dass es aus mentalgesundheitlicher Sicht hilfreicher ist, mir solche Ängste, Unsicherheiten und Ungewissheiten einzugestehen und sie zuzulassen als sie zu unterdrücken. Und ich weiß auch, dass es normal und menschlich ist, an die eigenen Grenzen zu kommen, besonders unter solchen Umständen.

Zusammenreissen erzeugt Überdruck, der in Unterdruck münden kann – Depression und anderes –, und nein, das ist nicht nur ein lustiges Wortspiel. Ich weiß, wovon ich rede.

Was ich sagen wollte? Nein, im Gegenteil! Es ist überlebenswichtig, dass ihr alle gut zu euch schaut. Bitte-bitte tut es. Und ja, ich weiß, manche haben dafür keine Zeit. Vielleicht ist es darum gut, wenn die, die ein bisschen mehr Zeit haben, auch ein bisschen mehr für andere mitschauen. Oder so.

—-

*velosophisch = Ich bin Emil ewig dankbar für dieses wunderbar treffende Wort.

Gemeinsam kunsten trotz Corona

Eine Grafik mit drei Icons. Eine Pinsel auf Leinwand, ein Fotoapparat und ein Briefsymbol.
Col-Art Info

  1. Male ein Bild auf ein Stück Leinwand (offenes Thema: Gemeinsam trotz Corona). Die Leinwand sollte 22×22 cm groß sein. Lasse bitte einen Rand von 1 cm ringsum unbemalt. Alle Bilder des gemeinsamen Kunstprojekts werden später zu einem großen Col-Art Gemälde zusammengenäht oder geklebt. Deshalb der Rand. Signiere dein Bild und schreibe auf die Rückseite: Name, Adresse, Telefonnummer und/oder Mailadresse, deine Webseitenadresse.
  2. Fotografiere Dein Kunstwerk und sende es an Jürgen und Marc per Mail. Die Bilder werden hier im Blog in einer Galerie gezeigt. Wenn Du Deine Webseite angibst, wird dahin verlinkt. Über das Fortschreiten des Projekts informieren wir in der Kategorie Col-Art.
  3. Sende die Leinwand ohne Rahmen per Brief an Marc (M. Kuhn | J. Sesslerstr. 7 | CH-2502 Biel-Bienne). Er wird die Einzelbilder zu einem Gesamtkunstwerk fügen.

In diesem GIF zeige ich, wie du dir eine Leinwand vorbereiten kannst. 

Das animierte Bild zeigt, wie man ein Stück Stoff über Pappe spannt, hinten verklebt und mit weißer Farbe grundiert.
Eine Leinwand auf Pappe kleben, um sie besser bemalen zu können.

Weitere Informationen über die Kunstrichtung Col-Art, die 1968 vom Schweizer Maler Marc Kuhn ins Leben gerufen wurde, findest Du auf dieser Seite. Wir freuen uns auf viele Teilnehmende, Laien wie Profis, Alt und Jung. Wenn mehr als Hundert Menschen mitmachen wird es das größte Col-Art Kunstwerk aller Zeiten.

Das hier ist eine Col-Art-Kunstaktion von Jürgen Rinck, Deutschland, Rossana Duran, Mexico und Marc Kuhn, Schweiz. (Ich teile es hier nur.)

Marc Kuhn schreibt in seinem gestern verschickten Rundbrief: »Unsere Idee: Jede und Jeder – von alt bis Jung – mit Lust mitzumachen malt auf ein kleines Stück Leinwand bei sich zu Hause ein Acrylbild, mit dem offenen Titel: Gemeinsam trotz Corona. […] Wir in Biel stellen dann auf einer Fläche von 100×100 cm die ersten 25 eingesandten Bilder zu einer ‚Col-lage‘ so zusammen, dass die entstandene Komposition optimal stimmt.

Jürgen seinerseits in Zweibrücken stellt die neu entstehenden Col-Collagen ins Netz (https:irgendlink.de/col-art), wo auch Du und andere sie besichtigen können. […] Gerne kannst Du dieses Projekt auch weiteren Bekannten weitersagen, die womöglich Freude hätten, beim Projekt mit dabei zu sein.

Sollten über 100 Menschen bei dieser Riesencollage mitmachen – und wir wünschen es natürlich von Herzen – so wäre es in der über 50-jährigen Geschichte von Col-Art die Realisation mit den meisten Teilnehmern ever.

In der Hoffnung, bald von Dir Post mit Bild zu kriegen und zuvor am besten ein Foto Deines Werkes per Mail, grüssen wir Dich herzlich.«

Sei dabei!

Mein Klopapier ist Ingwer

Aber nicht so, wie ihr denkt. Nö, nicht Klopapier, das ist zu banal. Ingwer ist mein Kryptonit sozusagen. Oder mein Anti-Kryptonit. Egal, das eine kann eh nicht sein ohne das andere. Stark nicht ohne schwach.

Was ich sagen will: Ich brauche Ingwer. Ingwer ist mein Antidot. Er geht zur Neige, reicht vielleicht noch für zwei Tage.

Was ich eigentlich sagen will: Heute werde ich einkaufen gehen müssen.

Ich gestehe, ich trage mich mit der Absicht, heute Ingwer zu hamstern, Bio-Ingwer. Meine Herz- und Nervennahrung. Und – insbesondere bei Halsweh – mein Lieblingsgetränk.

Diesen Frühling will ich versuchen, ihn selbst anzupflanzen. Für schlimme Zeiten. Ich meine für noch schlimmere Zeiten natürlich. Weil es ja immer ‘noch schlimmer‘ werden kann, denn wir sind noch längst nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. Jedenfalls was die äußeren Einschränkungen betrifft. Noch können wir unsere Wohnungen verlassen, noch wird von unseren Regierungen (D und CH zumindest) auf unsere Vernunft vertraut. Noch können wir in den Wald. (Bitte nehmt mir nie den Wald weg!)

Manchen, vielleicht sogar ganz vielen, ist das alles schon zu viel. Für manche ist das hier schon die Vorhölle. Für ‚normalen Menschen‘, die normalerweise einen Alltag mit vielen Menschen, vielen Begegnungen, viel Ablenkung – kurz: viel Input – haben, ist das hier gerade eine sehr grenzwertige Erfahrung. Für sie ist das jetzt, diese Entschleunigung, purer Horror. Sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen und drehen im Kreis. Viele halten es kaum aus.

Für Menschen, die – wie ich – gesundheitlich eh eingeschränkt sind und dieses Höhlenleben bereits Alltag nennen, ist die Übung im Eingeschränktleben auf einmal eine Ressource.

Für mich ist anderes schwierig: Ich leide am Wissen, dass es ganz vielen Menschen genau jetzt, gleichzeitig, ganz verdammt schlecht geht und ich – wie meistens – nicht wirklich viel dagegen tun kann. Oder nur in kleinen Häppchen.

Da ist gerade so viel Leid. Genau jetzt.

All die Menschen in den Flüchtlingslagern zum Beispiel, die neben ihres ganz individuellen persönlichen Leid politisch längst zu Instrumenten geworden sind.
Ja, und all die Klimaflüchtlinge überall.
All die Menschen, die in Ländern ohne unsere doch zweifellos trotz allen Spardrucks recht gute medizinische Versorgung leben.

Ich fühle dieses ganze Leid mal wieder so verdammt schwer, unerträglich schwer auf meinen Schultern. Ich ziehe es mir an wie ein Kleid, ein viel zu enges Kleid, das mir nicht gehört. Jedenfalls gehört es nicht mir allein. Es gehört uns allen und wenn wir es uns gemeinsam anziehen, dann wird es auf einmal groß und weit und passt sich an und wir können etwas tun. Vielleicht jedenfalls. Ich hoffe es.

Gehöre ich eigentlich eher zu denen, die Hilfe brauchen oder zu denen, die Hilfe geben können?, fragte ich mich gestern. Die Antwort ist in meinem Fall (jetzt und noch) ein Sowohl-als-Auch.

Auf jeden Fall täte ich mich schwerer damit, Hilfe zu erbitten, denn anzunehmen. Das war immer schon so. Und damit bin ich vermutlich nicht allein.

Seit über drei Wochen bin ich krank. Nichts Schlimmes. Immer Schluckweh. Zuweilen Fieber, aber immer nur ein wenig. Zuweilen Schnupfen, aber ohne Fließnase, die dafür oft ganz schön juckt. Hui, bin ich plötzlich pollenallergisch? Die Symptome klingen jedenfalls nicht nach Covid19, dennoch lebe ich ‚mit Abstand‘ und das schon seit über zwei Wochen, mit wenigen Ausnahmen. Termine habe ich längst alle abgesagt und ich verlagere Soziales auf Messengerdienste und Socialmedia. Videotelefonie wird schon bald die physischen Therapiegespräche ablösen.

Doch heute werde ich einkaufen gehen müssen. Wegen Ingwer. Und Bier. Und ich werde der Kassierin danken, dafür dass sie da ist. Und ich werde ihr wünschen, dass sie gesund bleiben möge.

Hoffentlich geht es meiner Lieblingskassiererin, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat, gut, ihr und ihren Lieben auch.

Und gerade wünsche ich mir sehr, das Wünsche helfen.

Neue Wirklichkeiten

Über Sollbruchstellen nachgedacht. Denn:

»Es sind merkwürdige Zeiten, in denen alles unglaublich beschleunigt passiert aber gleichzeitig auch alles in einer unglaublichen Klarheit reduziert ist, alle Sterne brillieren, alle Sollbruchstellen brechen, es gibt sehr wenig ’dazwischen’ im Moment«,

schreibt Frau Novemberregen.

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Wo breche ich, wo brichst du?
Wo setzen wir uns neu zusammen, wenn der Sturm vorbei ist?

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Viele verhalten sich so normal, als könnten sie mit ihrem Ignorieren der Maßnahmen, die Veränderungen aufhalten.

Andererseits brauchen wir Normalität und Rituale. Nutzen wir doch die Chance, diese zu überdenken.

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Verhalte dich so, als hättest du das Virus.
Oder verhalte dich wenigstens so, als würdest du lieben. Als würdest du jemanden sehr lieben, dem das Virus voraussichtlich sehr schaden könnte.

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Fast fünf Jahre her. Irgendlink und ich hatten für eine Woche ein Häuschen in Falun gemietet. Ich flog nach Stockholm und traf ihn, der mitten in seiner Live-Kunst-Rad-Tour ans Nordkap unterwegs war, für eine kleine Auszeit in Örebro, von wo aus wir uns mit zwei Campingplatz-Zwischenstopps Richtung Falun durchschlugen, ich mit ÖV, er mit dem Radel.

Wir überlegten damals auf unseren kleinen und größeren Touren durch die schwedische Pampa, wie es wäre, wenn seine Reise statt mit Muskelkraft auf seinem Fahrrad nur in seinem Kopf stattfände. Wenn er sich mit dem Blick auf Karten und virtuellen Weltbetrachtungstools seine Reise zusammenfantasieren würde. Wenn er aus den tiefen seiner Erfahrungen schöpfen und eine Reise rein virtuell rein fiktiv erzählen würde. Täglich. Als wäre er unterwegs.

Diese Phantasie hat uns eingeholt. Diese Phantasie ist seit drei Tagen Wirklichkeit geworden. Andorra, das Irgendlink in diesen Tagen mit dem Rad hatte anpeilen wollen, ist weiter weg denn je. Die Grenzen sind geschlossen. Die äußeren Grenzen ja … vergessen wir nicht die inneren Grenzen. Kraft unserer Phantasie können wir um die Welt reisen. Oder nach Andorra. Mit Irgendlink. Täglich neu. Täglich ein bisschen weiter. Hier.

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Gestern war ich im Wald. Es waren mehr Menschen unterwegs als auch schon. Und alle in respektvollem Abstand.

Ich pflückte Bärlauch und begriff, wie alles zusammenhängt.
Obwohl es letztlich unbegreiflich ist.

(Über die Natur der Natur schrieb Ulli heute hier.)

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Leben, so gut es geht.
Es jeden Tag üben, dieses Leben.
Jeden Tag von neuem.

Rasante Verlangsamung

Hast du Angst vor dem Virus?, fragte ich vor einer Woche in meinem letzten Blogartikel. Und verneinte meine eigene Frage. Nun ja, vor einer Woche war das Virus ja auch noch viel weiter weg.

Was wird in einer Woche sein? Noch immer befinden wir uns alle in etwas ganz Neuem drin, da ist etwas, das wir so noch nie erlebt haben. Wir kennen uns nicht aus. Wir haben keine Kontrolle. Wir haben wenig Erfahrungswerte. So wie für jede*n von uns das Älterwerden immer wieder neue Wendungen bereithält – etwas geht unwiederbringlich zu Ende, während etwas Neues entsteht –, fordert uns alle dieses eine Virus heraus, unsere Gewohnheiten komplett auf den Kopf zu stellen.

Es ist näher gekommen. Es betrifft uns mehr denn je. Schulen schließen, soziale Kontakte sollen, um Kontaminierung zu reduzieren, auf ein Minimum heruntergefahren werden. Bei uns noch auf Basis von Vernunft, noch ohne Ausgangssperren, doch kulturelles Leben findet je länger je weniger auf Bühnen und immer mehr online statt. Das Gebot der Stunde lautet, die Ansteckungskurve flach zu halten. Die Rasanz zu verlangsamen.

Bevor Irgendlink heute Morgen losgefahren ist, um einem kranken Freund zu assistieren, haben wir einmal mehr über die Risiken gesprochen und über die Was-wenns. Sein Freund, der mindestens zweimal zur Conora-Risikogruppe gehört, könnte – so überlegen wir – das Virus längst wegen seiner häufigen Klinikaufenthalte mit sich herumtragen. Symptome gibt es ja nicht immer. Wir sind alle verletztlich, niemand weiß, wie unser Körper auf das Virus reagieren wird, wie stark unser Immunsystem ist, wie viel unsere Lungen verkraften. Apropos Lunge: Auch Irgendlink ist Teil der Risikogruppe. (Wie hatte ich so lange verdrängen, dass er vor einigen Jahren fast tödlich an einer ’systemischen Erkrankung mit einer verstärkten Immunantwort’ erkrankt war. Betroffen bei ihm waren vor allem die Lungen. Zwar waren alle Nachsorgeuntersuchungen seither ohne nennenswerten Befund gewesen, doch reagiert seine Lunge sehr sensibel, besonders auf Feinstaub.)

Seit dieser Erkenntnis heute Morgen bin ich doppelt froh um meine Vorsicht. Vielleicht ist es  mir jetzt sogar noch wichtiger als zuvor, dass ich mich nicht anstecke. Um ihn nicht anstecken zu können.

Was ich sagen will? Sobald die Risikogruppe ein Gesicht hat, wirds persönlich. Und oft beginnen wir erst zu handeln, wenn etwas persönlich wird. Nicht, dass wir nicht vorher schon ein wenig gehandelt hätten, doch wird das Handeln je persönlicher desto betroffener wir sind. Es wird zielgerichteter, es wird konkreter, schält sich aus der Abstraktion, die so ein Virus hat, heraus.

Inzwischen soll es (in der Schweiz) übrigens bereits Schnelltests geben, die innerhalb weniger Stunden erste Ergebnisse liefern können. So können Ansteckungsgefahren schneller gebannt werden. Und natürlich, wie gesagt, durch das konsequente Einhalten der behördlichen Empfehlung, soziale Kontakte, insbesondere Menschenansammlungen, möglichst zu vermeiden.

Ob ich immer noch keine Angst vor dem Virus habe? Hm. Doch. Vielleicht schon. Irgendwie. Großen Respekt auf jeden Fall. In Panik zu verfallen, vermeide ich.

Parallel zur wachsenden Angst und zum Ansteigen der Fallkurven sind in den letzten Tagen aber auch einige erfreuliche Dinge geschehen. Ich beobachte da etwas, das ich vorsichtig ein Aufkeimen von mehr Solidarität in der Gesellschaft nennen möchte.

Begrüßenswertes geschieht derzeit insbesondere in der kulturellen Szene und der Klimakrise-Bewegung. Hier entstehen in diesen Stunden wertvolle Online-Aktionen. Eine sehr wichtige Entwicklung! (Und wie schon so oft, wünschte ich mir, dass das Bedingungslose Grundeinkommen schon Realität wäre. Existenzsicherung!)

Wir haben mehr in der Hand als wir denken, geht es mir durch den Kopf.

Bei allem, was wir tun, sollten wir immer alle anderen mitdenken, die, die womöglich gerade jetzt mehr gefährdet sind als wir. Kollektiv vor Individuum.


Veranstaltungen

Musik (für Klassikfans)
Igor Levit spielte gestern online für sein virtuelles Publikum. Link
Heute geht es hier weiter: Link
Tägliche Konzerte, weiterhin täglich um 19:00 hier: Link

Lesung
Jasmin Schreiber liest heute Abend um 20:00 aus ihrem Bestseller Marianengraben, den ich neulich rezensiert habe, moderiert von Natascha Strobl: Link.
Allgemeine Infos hier: Link.
Zukünftige Lesungen von Jasmin Schreiber auf ihrem Twitchkanal: Link.

Klimademos
Wegen Corona wird ab sofort online demonstriert. Hier zum Beispiel: Link.

Notizen am Rande #5

Hast du Angst vor dem Virus?

Nun ja, vor dem Virus, respektive davor, die Viruserkrankung selbst zu bekommen, habe ich eigentlich noch immer keine Angst, auch wenn ich hoffe, sie nicht so bald zu bekommen. Weil ich – wie wir alle – eine potentielle Multiplikatorin bin und eine Person treffen könnte, die zur Risikogruppe gehört, versuche ich, so hygienisch wie möglich zu leben. Gesunder Menschenverstand und so.

Wovor ich aber wirklich in den letzten Tagen immer ein bisschen mehr Angst bekommen habe, ist vor der Menschheit.

Mir fiel ein Gespäch ein, dass ich vor etwa zehn Jahren mit dem Liebsten geführt hatte. Es war an einem Wochenende bei ihm, wir hockten am Ofen und philosophierten über die Welt. Ich hatte die These formuliert, dass die Menschen zu Tieren werden und nur an sich selbst und ans eigene Überleben denken würden, sollte es irgendwann hart auf hart kommen. Irgendlink hoffte, dass wir alle aus der Geschichte gelernt hätten und rechnete darum mit einem gewachsenen Solidaritätsbewusstsein. Gerne hätte ich damals seine Hoffnung geteilt, aber mit Hoffen tat ich mich ja schon immer eher schwer.

Dieses Gespräch haben wir wie gesagt vor etwa zehn Jahren geführt. Vor dem ’Erstarken der neuen Rechten’ in vielen westlichen Ländern, aber auch vor dem Erwachen der neuen Willkommenskultur und bevor dieselbe wieder wegpolitisiert wurde. Es war vor der weltweiten Klimakrise und es war vor allem vor dem flächendeckenden Smartphone-Zeitalter. Die Welt war, mit Verlaub, damals noch ein klein bisschen humaner. (Oder vielleicht waren wir auch einfach noch ein bisschen hoffnungsvoller?)

In unserm Gespräch überlegten wir uns verschiedene Krisen-Szenarien und wie wir damit umgehen könnten. Wir sprachen – so erinnere ich mich – vor allem über Kriege, Lebensmittelknappheit und darüber, selbst aus irgendwelchen Gründen flüchten zu müssen. Ich glaube, weder Klimakrise, Erderwärmung noch Pandemien kamen in unseren Überlegungen vor. Warum auch immer. Zwar war ich politisch immer klar positioniert – sprich: rot-grün –, aber damals dachte, las und verfolgte ich deutlich weniger mit, was auf der Welt so alles geschieht und geschehen könnte, als ich es heute tue. Und daran ist definitiv das Handy schuld. Socialmedia. (Ich gestehe, dass ich mir in besonders dünnhäutigen Momenten diese ’Unschuld’ zurückwünsche.)

Wir sprachen damals am Holzofen darüber, was wir tun würden, wenn. Wir sprachen über Humanität und Solidarität.

Heute geschieht das alles unmittelbar vor unser aller Augen. Kriege tobten immer schon, doch gab es noch nie so viele Kriegsherde weltweit wie aktuell. Und auch im Netz herrscht vielerorten Krieg. Im eigenen Land geht der Hass um, er ist alltäglich geworden. Dazu sind wir Zeuginnen und Zeugen einer schon bald nicht mehr aufhaltbaren Klimawandels, der menschliches Leben auf der Erde in wenigen Jahren unerträglich machen wird.

Mittenhinein nun diese Krankheit – ausgelöst durch ein neues Virus –, die aktuell ungefähr zehnmal so viele Todesopfer wie eine normale Grippe fordert. Ja, schlimm, sehr schlimm. Klar. Aber schlimmer, viel schlimmer ist für mich, wie wir mit alldem umgehen. Die Verhältnismäßigkeiten. Oder besser die Unverhältnismäßigkeiten. Wenn ich Richtung Lesbos blicke, wo EU-Beauftragte Menschen erschießen, deren einziges Verbrechen darin besteht, dass sie sich ein Leben in Sicherheit wünschen, wird mir schlecht.

Wie geht Liebe in Zeiten von Corona? Besteht (Selbst-)Liebe in Zeiten von Krisen aller Art darin, Desinkfektionsmittel zu klauen, Vorräte zu hamstern, sich mit dem Verkauf gehamsterter Schutzmasken eine goldene Nase zu verdienen? Ich könnte kotzen. Und schreien. Und um mich schlagen. Das alles macht mich so wütend.

Nein, ich habe keine Angst vor dem Coronavirus, ich habe Angst vor dem Virus Egoismus, gegen den es nie eine Impfung geben wird. Ich habe Angst vor dem Virus Mensch.

Doch wie sagt Irgendlink, der noch immer hofft? »Wenn wir dem leidenden Nächsten so viel Aufmerksamkeit schenkten wie einem Virus und noch ein Schuss Anteilnahme beigäben, könnte die Welt in Ordnung kommen.«


Herzliche Leseempfehlungen:

»Stellen Sie sich vor, Solidarität wäre der allerhöchste gesellschaftliche Wert, und wir wären statt auf Egoismus darauf trainiert, immer die Schwächsten zu schützen. Und – stellen Sie sich vor, das würde nicht alles so wahnsinnig naiv und utopisch klingen. Das wär was.«
-Margarete Stokowski
Quelle: www.spiegel.de

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»Die Geschwindigkeit, mit der es ein Virus vom einen Ende der Welt ans andere schafft, gehört zu unserer Zeit. Es gibt keine Mauern, die es aufhalten könnten. In früheren Jahrhunderten passierte das genauso, nur etwas langsamer. Allgemein ist das größte Risiko in solchen Situationen […] ist die Vergiftung des gesellschaftlichen Lebens, der menschlichen Beziehungen, die Barbarisierung des zivilen Umgangs.«
-Alessandro Volta
Schulleiter des Mailänder Liceo (übersetzt von Andrea Dernbach)
Quelle: christachorherr.wordpress.com

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»In Wahrheit leben wir immer noch wie die Maden auf dem Grabhügel des Verschweigens. Einen Schlussstrich kann man nur dort ziehen, wo Schluss ist. Hier ist aber kein Schluss, weder im Großen noch im Kleinen.«
-Andreas Maier
Quelle: www.zeit.de

»Definiere Bank« oder warum Begriffe immer mehrdeutig sind

Als ich neulich dem Lied der Krähen lauschte, das ich so gern höre, dachte ich spontan über Schönheit nach und realisierte einmal mehr, wie relativ sie ist. Mein Schön ist nicht dein Schön. So ist es auch mit anderen Begriffen wie zum Beispiel Wahrheit. Ja, jeder solche komplexe Begriff bedarf, um ihn halbwegs zu verstehen, einer Definition. Zuerst einmal einer persönlichen, vielleicht familiären Definition, danach aber auch einer gesellschaftlichen. Es bedarf kollektiver Absprachen. Wir brauchen Narrative.

Traditionelle Überlieferungen mit ihren Geschichten wie es sie zum Beispiel in Religionen gibt, gelten in der jeweiligen Kultur als wahr, als Wahrheit, weil Menschen aus ihnen wahrhaftig seit Menschengedenken Trost schöpfen. Und weil wir Menschen uns eher aus Dingen, die außerhalb von uns selbst definiert werden, Weisheit erhoffen statt den Dingen in uns zu trauen. Wir erhoffen uns aus den als wahr definierten Erzählungen Wegweisung, Erkenntnis, Freispruch, Rechtsprechung, Rückhalt, wir sehnen uns nach etwas Endgültigem, Absolutem, Verlässlichem.

Wir? Nun ja manche. Viele. Einige. Ich nicht mehr wirklich. Aber manchmal ertappe ich mich beim Gedanken, wie einfach das Leben sein könnte, wenn man an etwas Absolutes glauben kann.

Aber dann fällt mir schnell wieder ein, dass ich das nicht will, nicht mehr. Auch wenn ich natürlich nicht wirklich an nichts glaube, denn ich glaube an Zusammenhänge, ich glaube an die Natur und all das Sicht- und Unsichtbare, das zwischen allem, was lebt und was ist, geschieht. Doch an etwas Absolutes – an ’die eine einzige Wahrheit’ – zu glauben, finde ich je länger je gefährlicher.

Glauben vergrößert in aller Regel die blinden Flecken, die wir alle haben. Irgendwann fängst du nämlich an, jene Dinge, die du von Natur aus hinterfragen würdest, nicht mehr zu hinterfragen (Rassenlehren zum Beispiel, Diskriminierungen von Minderheiten und so weiter). Solche blinden Flecken können fatale Folgen haben. Vielleicht hörst du auf, zu hinterfragen. Vielleicht hörst du auf, hinzuschauen.

Hinschauen tut oft weh. Aber auch Nicht-Hinschauen kann quälend sein.

Schaue ich nicht mehr hin, quält mich die Ungewissheit, beim Hinschauen die Gewissheit. Beides tut weh. Leben tut oft weh.

Und dabei sehen wir ja immer nur einen Ausschnitt vom Ganzen. (Doch was ist schon das Ganze?)

Was immer du liest, ist immer nur eine Perspektive, so gut recherchiert und so objektiv diese auch sein mag. Die endgültig richtige Sichtweise gibt es nicht.

Ob es auch für Liebe verschiedene Sichtweisen gibt? Vermutlich. Und vielleicht ist auch Bedingungslosigkeit letztlich nicht einfach nur das, was du dir darunter vorstellst, denn jeder Begriff ist, ich erwähnte es bereits, von deiner persönlichen Geschichte geformt worden, angelehnt an so etwas wie jene bereits erwähnte kollektive Absprache der jeweiligen Gesellschaft.

Höre ich das Wort BANK sehe ich spontan diese eine rote Bank auf einem Spazierweg meiner Kindheit. Gleich danach sehe ich Irgendlinks selbstgebaute, die lange unter den drei Birken stand. Und ich rieche Sommer und Heu.

Jede*r sieht eine andere Bank, manche sehen vielleicht kein inneres Bild, manche sehen etwas Abstraktes. Manche haben Wörter und manche fühlen die Bank unter sich, wenn sie das Wort hören, andere riechen den Wald, während sich andere einen Park drumrum vorstellen.

Unsere Geschichte schreibt sich in uns weiter und weiter. In jedes Wort hinein. Ist das nicht faszinierend? Schön?

Ah, was war da gleich noch mit der Schönheit?

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Auf Twitter bat ich gestern darum, zum Thema BANK frei zu assoziieren. Sehr spannend, was dabei herausgekommen ist.

Ein herzliches Dankeschön, an alle, die geantwortet und/oder den Tweet geteilt haben.

Von Hundespazierganz bis Korruption und Banküberfall ist fast alles dabei. Guckt selbst:

Das fleissige Huhn und der gute Apfelbaum

Wie ich gestern mit Irgendlink einen Freund besuchte, der schon länger gesundheitlich sehr eingeschränkt ist, sprachen wir zwangsläufig einmal mehr über all die ganz und gar überflüssigen Behinderungen durch die Gesellschaft, die sich vordergründig sozial nennt, doch vor allem eins will: wirtschaftlich sein.

Irgendlinks Huhn beim Eierlegen

Heute las ich im Internet von einem Antrag jener deutschen Partei, deren Namen ich in meinem Blog nicht nennen will. Sie will Kosten bei der Förderung kranker Kinder sparen.

Ach, und da ist ja auch noch dieser unsägliche deutsche Politiker, dessen Namen fast wie Wahn klingt und der Menschen, die einen Großteil ihrer Lebensqualität dem Zuhausewohnen trotz Beatmungsmaschinen verdanken, in Heime stecken will. Ebenfalls um Kosten zu sparen.

Ja, kranke Menschen kosten viel.

Dieser Satz ist je länger je mehr negativ statt wertfrei mit der Botschaft konnotiert, dass  kranke Menschen auf Kosten anderer leben und dass dass eben nicht gut sei. Denn die Andern, die Gesunden, die Normalen, die Guten wollen schließlich nicht ihr ganzes Geld den Kranken in den Rachen werfen. Die können schließlich nichts dafür, dass die Kranken krank sind und die Andern anders.

Sozial und solidarisch war gestern, heute ist Profit und Geiz.

Ohne zu übertreiben könnte ich aus dem Stehgreif ziemlich viele sehr persönliche Geschichten aus erster Hand erzählen, Geschichten von Menschen, denen der politisch verordnete Spardruck die Lebensqualität immer weiter in den Keller schraubt. Menschen, die sich darum unwert fühlen. Menschen, die über Suizid nachdenken. Die ihres Lebens im Kampf gegen die Windmühlen des Sozialstaats müde geworden sind. Die sich diesen Schuh angezogen haben und sich, obwohl sie für ihre Krankheit – körperlich oder mental – nichts können, als Schmarotzer fühlen. Nein, gesund wird davon niemand.

Druck. Überdruck. Spardruck. In den reichsten Ländern, die Überschüsse wie noch nie erwirtschaften. Für wen da Geld gespart wird, ist doch die große Frage. Ein Schelm, wer sich hier Übles denkt. Nicht.

Gestern, vorm Einschlafen, fiel mir auf einmal ein Song ein, den ich vor vielen Jahren kannte, als ich noch jung war und an den lieben Gott aus jenem Märchenbuch namens Bibel glaubte. Das Lied besang eine Bibelstelle worin dieser liebe Gott wie ein Gärtner seine Bäume pflegte und die schlechten Bäume, also jene, die keine Früchte bringen, abschneidet und ins Feuer wirft. So weit so schlecht. Als ich über das mir inzwischen ganz und gar fremdgewordene biblische Menschenbild nachdachte, realisierte ich wieder einmal, wie ableistisch es im Grunde ist.

In der Bibel kommen behinderte oder sonst wie andere zum Beispiel queere Menschen eigentlich nur darum vor, um vom lieben Gott oder seinen Jungs repariert zu werden. Aber nur, falls sie oder ihre Mitmenschen genug glauben.

Der Sprung zu den sogenannt christlichen und/oder noch mehr rechts angesiedelten Parteien, die behinderten und anderswie aus dem Raster fallenden Menschen ans Eingemachte gehen, ist klein. Kapitalismus wächst auf dem Boden von Christentum und Nationalismus bestens. Und umgekehrt. Einer der Gründe, warum ich letztlich diesem Weltbild den Rücken gekehrt habe.

Folgendes schrieb ich neulich auf Twitter:

»Ein kleiner Rant über Scheinheiligkeit:
Gucken wir uns doch mal die sehr bibelgläubigen Freikirchler*innen oder auch die sogenannt christliche Politiker*innen an. Menschen halt, die sich den ’Richtlinien der Bibel’ verschrieben haben. Diese Menschen bezeichnen Homosexualität des Teufels. Gleichzeitig aber häufen viele von ihnen Reichtum auf ihre Konten an. Ich bin zwar nicht bibelfest, meine mich aber zu erinnern, dass Jes^s im Neuen Testament sagt, dass kein*e Reiche*r in den Himmel kommt. Ob er etwas über Homosexuelle sagte, weiß ich grad nicht, aber vor allem redete er über Liebe und Selbstliebe. Nicht, dass ich an solche Überlieferungen noch glaube, aber an Liebe glaube ich. Dennoch. An bedingungslose Liebe. Götter, die dieses ’Bedingungslos’ nicht können, kann ich nicht ernstnehmen.«

Ach, und was war da gleich noch mit dem fleißigen Huhn im Titel? Es legt noch immer fast jeden Tag ein Ei, obwohl es schon recht betagt ist. Als einziges von Irgendlinks drei Hühnern. Futter bekommt es nicht mehr als die beiden anderen. Für alle gleich viel. Denn solange sie leben, sollen sie es gut haben. So gut wie möglich. Sie sind es wert.

Depression zwischen Buchdeckeln #8 | Ausgelesen #31 | Marianengraben von Jasmin Schreiber

»Es geht um Depression, Trauer, kleine Brüder und um die langsamste Verfolgungsjagd in der Geschichte der Verfolgungsjagden.« So beschreibt die Autorin Jasmin Schreiber ihr Buch Marianengraben auf ihrer Webseite. Was irgendwie stimmt, aber irgendwie auch viel zu tief stapelt. Denn das Buch ist mehr. Es ist eine Liebeserklärung an das Leben. Nun ja, nicht von Anfang an, denn am Anfang wird gestorben. Paulas zehnjähriger Bruder Tim ertrinkt. In den Ferien. Und Paula, die Ich-Erzählerin, ist nicht da, um ihn zu retten.

Das Buchcover hat einen dunkelblauen, tiefseefarbigen Hintergrund. Darauf in hellviolett die Tentakeln eines Tintenfisches. In der Bildmitte in hellblau der Buchtitel, darüber kleiner der Name der Autorin, darunter der Begriff Roman, ganz unten am Bildrand der Verlagsname.
Cover des vorgestellten Buches

Paula, die kurz vor ihrer Doktorarbeit als Biologin steht, fällt in eine tiefe Depression. Zwei Jahre lang mäandert sie in tiefer Trauer durch ihr Leben und beginnt schließlich und endlich mit einer Therapie. Ihr Therapeut, mit dem sie – um dem Kern ihres Schmerzes nicht in die Augen schauen zu müssen – stundenlang über Kochrezepte diskutiert, gibt Paula den entscheidenden Schubser, der dazu führt, dass Paula eines Nachts Helmut kennenlernt. Eine turbulente Begegnung mit Folgen, die weder Paula noch Helmut hätten ahnen können. Und Hündin Judy schon gar nicht.

Paula begibt sich spontan zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise. Und es wird eine von jene Reisen, die Menschen zuweilen brauchen, um zu sich selbst zurückzufinden. Paula, von Helmut zuweilen Heulboje genannt, da sie beim kleinsten Anlass in Tränen ausbricht, erzählt hier von ihren Erlebnissen nach dem Tod ihres Bruders und so ist dieses Buch letztlich ein einziger langer Brief an Tim, in welchem sie sich immer wieder an Gespräche mit ihm erinnert. Und an seine Begeisterung für das Meer, deren tiefste Stelle, der Marianengraben, den Titel für das Buch liefert. Aus Gründen. (Und ganz nebenbei lernen wir auch viel über die Tiefen der Tiefsee.)

Weil sich Paula an Gespräche erinnert, erfahren wir viel über die Dynamik ihrer Beziehung zu Tim. Ihre Kapitel benennt Paula nach der jeweils aktuellen Tiefe ihres persönlichen Marianengrabens, dem Synonym für ihre Trauer.

»Jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem Tod ein Leben und danach nur noch ein Zustand war.« (S. 9.)

»Ich hatte schon oft in meinem Leben das Gefühl, einsam zu sein. […] Aber erst jetzt verstand ich, dass man nur wirklich einsam ist, wenn man zurückbleibt, wenn man übrig ist. Und dann fährt man in die Berge, weil sie so unendlich groß und mächtig sind und man selbst so klein, und man hofft, dass das irgendetwas kompensiert. Dass die Weite des Gebirges den Raum ausfüllen kann, den der andere zurückgelassen hat, dass das Schmelzwasser der Gletscher in alle kleinen Ritzen und Lücken eindringt und alles wieder mit Leben befüllt. Aber kein Gebirge der Welt kann diese Leere kompensieren.« (S. 52)

Jasmin Schreiber, ursprünglich Biologin wie Paula, schöpft, was das Sterben betrifft, aus einem tiefseetiefen Erfahrungsschatz. Sie begleitet ehrenamtlich Eltern, deren Kinder im Sterben liegen oder gerade gestorben sind. Als ehrenamtliche Trauerbegleiterin weiß sie, wovon sie redet. Und auch Depressionen sind ihr persönlich bekannt.

Ihre beiden Figuren hat sie sehr glaubwürdig und vielschichtig gezeichnet. Helmut und Paula kommen sich im Laufe der Reise, die sie zusammen unternehmen, innerlich näher und teilen Gefühle und Gedanken um geliebte und verstorbene Menschen. Sie sprechen sozusagen die gleiche Sprache, die Sprache der Trauer.

»Wenn Trauer eine Sprache wäre, hätte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.« (S. 96)

Wer jetzt aber meint, dass Marianengraben ein furchtbar trauriges Buch sein muss, täuscht sich. Und zwar mega. Noch nie habe ich über Trauer so ein witziges Buch gelesen, und das ohne jegleiche Plattheiten, Geschmacklosigkeiten oder Kitsch. Wer allerdings Heile-Welt und Happy End sucht, ist hier falsch.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gleichzeitig so viel gelacht und geweint habe. Trotz aller Situationskomik erzählt die Autorin hier eine sehr schmerzhafte Geschichte, eigentlich sogar mehrere. Geschichten aber,  die mich allesamt – mit meinen eigenen Trauergeschichten – ein bisschen getrösteter zurücklassen. Und die mir Hoffnung schenken. Und immer wieder ein Lächeln.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei der Autorin und beim Eichborn-Verlag für das nicht nur innen, sondern auch außen wunderschön gestaltete Buch.


Eichborn Verlag

Webseite der Autorin: www.jasmin-schreiber.de