Mein Leben in der Blase

Ich switche von Ausnahmezustand zu Ausnahmezustand. War ich vor paar Wochen im Neue Patent Ochsner-CD-Rausch, ist es nun eine Art Reiserausch. Nein, falsch. Anders. Rausch ist das falsche Wort. Blase? Ja, das trifft es wohl besser. Ich halte mich derzeit in Räumen auf, die sich wie Blasen anfühlen. Paralleluniversen. Dazu das ganz normale Alltagsleben mit Büro, Sitzungen, Präsentationen, Problemlösungen, Elternkontakte, Gespräche und Mails allüberall.

Ich reagiere. Ich kommuniziere. Ich denke. Ich sehe hin. Ich rede. Ich höre zu. Ich verstehe. Ich agiere.

Overflow. Ja. Schon. Aber.

Denn meistens fühle ich mich dabei gut, richtig gut sogar. Nun ja, meistens. Gestern jedoch war auf einmal alles zu viel. Schlecht geschlafen wegen zu langer Zu-tun-Listen im Kopf war ich nach einer Sitzung mit den Lehrpersonen, endlich allein in meinem Büro, froh darüber, meine Ruhe zu haben. Beinahe war mir schlecht, aber da war noch so viel zu tun. Dazu noch ein oder zwei letzte ‚Könntest du bitte noch, bevor du ins Wochenende gehst …?‘-Bitten meines Chefs. Schließlich, gestern um halb zwei, endlich Feierabend. Wochenende.

Wieder Freiraum, mein Leben zu leben. Ähm. Wie genau sieht das denn zurzeit aus?
Zuerst waren da einfach mal Kopfweh, Nickerchen und Ruhe.

Overflow, wie gesagt … Und doch – ich lebe gerne. Trotz allem.

  • Als Homebase meines geliebten Artist in Motion betreue ich von zuhause aus auch diesmal wieder, und auch diesmal – trotz weniger Zeit als vor drei Jahren – wieder sehr gerne, Irgendlinks Blog, während dieser langsam aber stetig – in Eile mit Weile sozusagen – Richtung Nordkap kurbelt (mitlesen kann man hier – Blog – und hier – Twitter).
  • Als Selbständige sollte ich endlich mal wieder ein paar Aufträge akquirieren (für deren Erledigung ich zwar aktuell kaum Zeit noch Muße habe).
  • Als Schriftstellerin will ich mein Buchprojekt endlich weiterbringen, es bis Ende Jahr abschließen (und danach verlegen lassen).
  • Als Künstlerin habe ich wie immer zig Ideen, für die mir an allen Enden und Ecken die Zeit fehlt.
  • Als Bloggerin, die einfach nur ein bisschen drauflosschreiben möchte und als Twitterin ebenso. Dort ein bisschen verspielter noch als hier.
  • Als Freundin, als Mitmensch, als Schwester und Tante, habe ich so viele liebe Menschen in Herznähe, mit denen ich Zeit, ganz viel Zeit verbringen möchte – in echt und virtuell.
  • Als die, die ich bin, eben auch bin, außerhalb all dieser Irgendwie-Rollen, sehne ich mich oft einfach nach Alleinsein, nach Ruhe, nach Buchlesen, nach Seelebaumelnlassen, nach Ferien, nach Zeit.

Zeit? Eigentlich bin ich ja auch darum ganz schön froh, dass es Bücher, Blogs und Briefe gibt, denn für alles, was ich je leben wollen würde, fehlt mir die Zeit nämlich. Außerdem tun es ja andere. Ich nenne dieses Phänomen das Stellvertreter-Ding. Ich kann andere jene Dinge tun lassen, die ich nicht tun kann.

Beispiele gefällig?

  • Irgendlink radelt ans Nordkap. Etwas, das ich so nicht könnte. Er geht an meiner Stelle dahin und ich darf teilhaben, lesend und schauend. Er ist mein Stellvertreter.
  • Freundinnen mit Kindern teilen mit mir ihren Mutteralltag. Etwas, das ich so nicht erleben kann und konnte, darf ich über sie miterleben. Ich freue mich (ja, heute kann ich das) über diesen Austausch. Sie sind sozusagen Stellvertreterinnen.
  • Mir fallen so viele Menschen ein, die etwas leben, dass ich so nicht kann: MusikerInnen, politisch engagierte Menschen, Ärzte in Krise- und Notgebieten etc.

Tun? Lassen. Loslassen. Sein lassen. Die Dinge entschleunigen. Das Tempo drosseln. Ja, das übe ich.

Vermutlich ist das einer der Gründe, warum so viele Menschen sich zurzeit mit uns über Irgendlinks Reise mitfreuen. Ist es die Langsamkeit sogar? Die Art und Weise, wie er sich auf Begegnungen einlässt und das Leben auf sich zukommen lässt? Diese temporäre Freiheit, die er an unserer Stelle praktiziert?

Doch auch wir haben ja die Wahl. Wir können – statt uns täglich von schlimmen Nachrichten aus Tageschau und Zeitungen überfluten lassen – uns auf seine täglichen Inputs mitten aus dem Radleralltagsleben heraus berühren lassen. Good News statt Bad News sozusagen. Ohne dass man dazu den Rest des Weltgeschehens ausblenden müsste.

Botschafter der lobbyfreien Kunst nannte ich ihn heute Morgen am Telefon, auf den Text von Fulbert Steffensky anspielend, der oben auf seiner Fundraising-Seite steht.

Rote Fäden

Es gibt so Themen, sagte Irgendlink gestern vor dem Einschlafen, schon mit Schlaftrunkenheit in der Stimme, diese Themen kleben an uns. Andere kommen aus dem Nichts wollen gesehen werden und werden viel zu oft ignoriert. Weil wir zu faul sind, über sie nachzudenken oder gar über sie zu schreiben.

Ja, rote Fäden habe ich viele. Die Sache mit dem Flow ist so einer – ein Thema wie ein Refrain. Ich suche den Flow, ich lebe ein bisschen für ihn. Insbesondere für den Schreibflow.

Roter Faden? Nun ja, über das Schreiben kann ich schon nicht mehr als roten Faden schreiben, ein rotes Gewebe ist es längst. Auch die punktuellen Themen gibts bei mir zuhauf. Doch selbst sie sind Verwandte meiner roten Fäden, ahne ich.

Glimpflich nennt Irgendlink unsere heutigen und gestrigen Arbeitserfolge. Dinge, die wir zusammen tun wollten und sollten, solange es noch geht. Die linke Lampe meines Autos ist durchgebrannt. Ich kann zwar vieles, vieles selbst reparieren sogar, aber vieles kann Irgendlink besser. Noch besser geht es allerdings zusammen. Im Handbuch lese ich, während er rumwerkelt um an die Lampenapperatur zu kommen, dass man den Kühlergrill rausziehen soll. Klasse Tipp, danke Handbuch! Nun kommen wir wunderbar an die Lampensache heran und ich kann das Birnchen einsetzen. Teamwork. Ich mag es.

Auch für die Access-Sache für die Webseite an der Arbeitsstelle, für die ich zuständig bin – nämlich ein entsprechendes Plugin finden, installieren und verstehen –, hätte ich alleine doppelt oder dreimal so lange gebraucht. Zusammen finden wir einfache Wege: Ich probier mal so, was meinst du? Mach mal so, funktioniert das?

Glimpflich also. Gut. Dennoch ist da Angst. Wie wird es diesmal sein, drei Monate ohne den Liebsten meinen Alltag zu leben – während er mit dem Fahrrad ans Nordkap kurbelt und andere, eigene Ängste und Sorgen vor sich herschiebt. [Weniger diesmal um mich (kein depressiver Schub in Sicht) als um seine Eltern, denen der große Garten, den mein Liebster mehr und mehr übernommen hat, langsam aber sicher zu groß ist. Es muss!, sagen sie; und ich ahne, dass es auch gut so ist.]

Seine Sorgen gelten auch den Finanzen (ein bisschen) und der Sinnhaftigkeit einer Radtour von Süddeutschland ans Nordkap.

Stell dir vor, Liebster, wie du am Montag losradelst, nachdem du alles erledigt hast. Wie nach und nach alle Sorgen von dir abfallen und auf einmal ist er wieder da, der Flow! Selbst wenn dich niemand unterstützt, selbst wenn niemand die geplante Zeitungsartikelserie über deine Reise liest, selbst wenn niemanden deine Blogartikel oder Tweets interessieren: du tust das trotz und vor allem für dich. Du sammelst dabei neue Erfahrungen, erfährst neue Perspektiven, lernst neue Menschen kennen, denkst neue Gedanken und fühlst neue Gefühle. Es ist dein Leben. Und der Sinn ist das Reisen an sich, das Unterwegssein.

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Mehr Infos über #AnsKap finden sich hier:
Irgendlinks Blog
Irgendlinks Twitteraccount (mitlesen ohne eigenen Account jederzeit möglich)
Crowdfunding, u. a. mit iDogma-Kunst-Postkarten-Aktion 

Geniessen lernen

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Zwei Tage feiern, da, dort, am Hallwilersee, auf dem Tête de Moine und anderswo.

I lov‘ it!

Lieben Dank euch allen für all die lieben Wünsche!

Fast 50 Geburtstagsblüten und -häppchen

 

Auf der Fahrt in die Südwestpfalz gefundene Alltagskunst
 
 

 

  
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Geografische Infos zum Tête de Moine-Gebirge gibt’s hier => klicken.

Ausnahmezustand. Ausklaar?

Alle paar Jahre gibt es ihn, diesen Zustand. Diese Phase. Immer, wenn Patent Ochsner eine neue Platte releasen. Ausnahmezustand.

Schon gegen Ende meiner ersten Ehe, so Mitte-Ende Neunziger, habe ich diese Rockband, die Berndeutsch zelebriert wie keine zweite, für mich entdeckt. Damals hatten sie ihre ersten zwei oder drei Platten veröffentlicht und waren noch Insider-Tipps. Doch schon damals sah ich: Das hat etwas mit mir zu tun. Und schon damals erkannte ich mich in der Sprache, in den Melodien, in der Melancholie, im Überschwang und auch in der Opulenz dieser Band wieder. Keine andere Band hat es je geschafft, dieses Heimat-in-mir-Gefühl zu reanimieren, eine Reflexion, die ich bis dahin bei Musik weder gekannt noch bewusst vermisst hatte.

Doch als ich sie fand, wusste ich: Diese Musik ist mir ab jetzt Hafen. Einer, den ich vermisst hatte, ohne es zu wissen. Genau wie es in einem ihrer Lieder heißt.

Patent Ochsner also. Ja, ich habe alle Tonträger und ich habe auch jene Songs auf meiner Festplatte, die nur eine Zeitlang, kostenlos, im Netz gehangen haben. Dennoch bin ich keine Stalkerin und auch keine Groupie. Es sind nicht die Menschen als einzelne, sondern das Ganze, das, was diese Band zusammen mit mir teilt. Als ich jung war, gab es dieses eine Wort, Fan, das ich noch heute mag. Ein Wort, das heute wieder leer ist, weil heute wieder alles drin Platz hat.

Gestern ist die neue Platte, Finitolavoro, erschienen. Irgendlink hat sie mir zum Geburtstag bestellt – ein zu frühes Geschenk zwar – und das muss so, weil es gestern höchste Zeit für dieses Ohrenfutter war. Zwischen Bürokram, Steuererklärung und Einkauf habe ich sie gestern erst zweimal gehört.

Ja, es ist Liebe, Liebe auf den ersten Ohrenblick sozusagen. Eine Liebe, die noch wachsen wird … Patent Ochsner-Songs haben meistens einen doppelten Boden, ein Geheimnis, das sie mir erst nach und nach enthüllen, eine Geschichte hinter der Geschichte. Einen tieferen Sinn. Ob der so oder anders angedacht war, ist mir dabei egal. Ich erkenne diese Geschichten und ihren Bezug zu meinem Leben ganz unabhängig von der Absicht. Aber vielleicht ist ja genau das die Absicht?

So möchte ich auch schreiben können. So möchte ich vermutlich gelesen werden. Von Menschen, die den Vorhang zur Seite schieben können und dahinter blicken. Vermutlich schreibe ich für diese Menschen. Und vermutlich schreibe ich also in erster Linie doch nur für mich, die ich so ein Mensch bin, und die so etwas wie das hier lesen würde.

Ausnahmezustand ist bei mir also, wenn ich ein- bis zweimal im Jahr vielleicht, an ein Konzert gehe. Früher war es anders. Früher war es mehr. Heute ist es so. Aber Musik ist für mich noch immer lebensnotwendig. Klassische ab und zu, aber eigentlich ist meine Musik der Rock, Reggae auch, Punk hin und wieder, Indie, Singer-Songwriter …

Nun ja, eigentlich ist es egal was, Hauptsache ich mag die Stimmen, den Instrumentemix, die Melodien und Rhythmen. Hauptsache ich werde berührt – von Texten, von Inhalten, vom Ausdruck. Nicht anders eigentlich als bei Büchern, als bei Filmen. Der Ausdruck muss mich meinen. Es muss eine Resonanz in mir entstehen, eine Interaktion, ein Echo. Ich muss mich beim Hören in der Musik auflösen können.

Tanzen ist auch so etwas. Das freie Tanzen und dabei eins werden mit mir selbst und mit den Tönen, die mich in mich und aus mir raus bringen – weil ich es zulassen kann, weil ich mich loslassen kann.

AUSKLAAR?

Und heute, heute ist nun Konzert. Nicht irgendeins. Patent Ochsner eben. Eins, auf das ich mich seit vielen Wochen gefreut habe.

Quasi der Prolog der Tournee, den die Band unter einem Inkongnito-Bandnamen zeigt. Vielleicht wird es noch ein bisschen harzen, vielleicht wird es noch ein wenig holpern? Macht nichts. Wir sind ja unter uns. Auch das mag ich an dieser Band. Es ist ein bisschen wie Familie, wenn ich an einem Konzert bin – auch wenn alle Plätze meistens schon lange im Voraus ausverkauft sind.

Heute treffe ich Freundin T (2)., eine liebe Ex-Arbeitskollegin aus Bern, die meine Tochter sein könnte. Wir mögen uns sehr und wir lieben beide ähnliche Musik. Patent Ochsner unter anderem. Obwohl sie eine Generation jünger ist. Bei Patent Ochsner ist eben alles ein bisschen anders. Ausnahmezustand, wie gesagt.

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Platte testhören und/oder kaufen? → hier klicken.

 

Das Leben wie gedruckt

Ist sie womöglich ein Teilaspekt von Fragmentexaktkunst, wie Emil gewisse Kunstbereiche im Kommentarstrang seines gestrigen Artikels neu benamste? Irgendlink nennt es Liveprint. Aber eigentlich hat das Kind bis jetzt noch keinen richtigen Namen. Weil ihm die Anerkennung der Kunstgurus fehlt. Weil es diese Art Kunst noch gar nicht wirklich gibt. Nicht offiziell jedenfalls. Was immer offiziell bei Kunst heißen mag.

Ist Kunst, ist ein Kunstwerk, ist eine Kunstform erst dann anerkannt und offiziell, wenn es an Kunsthochschulen darüber Vorlesungen gibt?

Ob es darüber je Vorlesung geben wird, wissen wir nicht. Und im Grunde interessiert mich das auch nicht.

Fakt ist, dass es diese Kunstform gibt. Weil wir sie praktizieren. Weil wir mit unseren Smartphones durch die Gegend laufen und von unterwegs Bilder und Texte an den Drucker senden, der – und nun kommt’s – in einer Galerie vor leeren Wänden steht. Dort befindet sich ein zweiter Kunstspinner und entnimmt dem Drucker die Bilder, die eben noch auf dem Smartphone des zweiten Kunstspinners nur rein virtuell existiert haben.

Im Moment des Druckens werden sie wirklich, wirklich (an)fassbar, diese heute noch inexistenten Werke. Texte. Kurze Sätze. Aphorismen vielleicht. Bilder. Collagen. Was beweist, dass sich Technik und Kunst ergänzen können.

Kultursonntag in DahnMorgen sind wir in Dahn und agieren im Rahmen einer interaktiven Gruppenausstellung, als Bild- und Text-Schaffende. Vor weißen Wänden.

Nochmals zum Mitschreiben: Die Kunst, die wir morgen ausstellen, gibt es heute noch nicht. Kann das Kunst sein? Womöglich sogar Fragmentexaktkunst (siehe oben), denn sie zeigt ja einen Ausschnitt gelebten Lebens, einen Ausschnitt des Ganzen, assoziativ, exakt, gegenwärtig, lebendig – eben noch Idee, schon gedruckt. Unmittelbarer Audruck im doppelten Wortsinn.

Kunst sind nicht nur die einzelnen Werke, die unterwegs entstehen werden, Kunst ist vor allem das ganze Konzept. Die Verbindung von Idee und Materie. Von Zeit und Raum. Von Assoziation und RezipientInnen/Betrachtenden.

Kunst wird erst durch die Betrachtung zu Kunst? Daran glaube ich nicht.

Kunst ist Akt, ist Bewegung, Handlung, Leidenschaft, Ausdruck.

Die Rose blüht auch, wenn niemand ihr zuschaut.

Die Rose blüht, auch wenn niemand ihr zuschaut.

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Ja, richtig: Liveprint-Aktionismus gab es hier im Blog bereits: hier →  klicken!

Als es ruckelte

Mein Auto … seit Samstag fährt es seltsam. Ich hatte den Liebsten an die deutsche Grenze gefahren und am Bahnhof verabschiedet, von wo aus er mit dem Zug zum einsamen Gehöft, wo er lebt, fuhr. Auf dem Rückweg fing das Gestotter und Geruckel an. Gab ich Gas, fiel die Geschwindigkeit. Der Motor ließ sich einfach nicht mehr so beschleunigen, wie ich es gewohnt war. Im einen Augenblick schien alles wieder in Ordnung zu sein, im nächsten kroch ich nur noch mit 80km/h über die Autobahn. Am Sonntagabend schließlich, bei einer kleinen Inspektion des Motorraums, fand ich ein Plastikteilchen, das vermutlich auf der Straße gelegen hatte, von dort hochgeworfen worden war und sich dabei im Gestänge verfangen hatte. Ein blauer Klostein. Nachdem ich das Ding entfernt hatte, hoffte ich, die Lösung gefunden zu haben. Stellte mir vor, dass dieses Ding vor einer Lüftungsritze gehangen hatte.

Gestern, auf meiner Fahrt ans Schreibtreffen in der Nähe von Bern, ruckelte mein Auto jedoch noch immer. Oder immer mal wieder. Ich lernte zwar, dass es fuhr, doch unheimlich war es trotzdem ein wenig. Die Angst, dass das Auto plötzlich stehen bleiben könnte, konnte ich nicht ganz abschütteln. Sie war zwar nicht mehr so stark wie am Samstag, nach der ersten Fahrt, doch sie war da.

Nun ist es Dienstagmorgen und ich werde nachher in die Werkstatt gehen. Fragen, was das sein könnte. Ob sie mir helfen können.

Wäre das hier eine Parabel würde ihre Übersetzung vielleicht so lauten: Eile mit Weile. Rasen oder schneller als erlaubt fahren geht zurzeit nicht. Was im Grunde ja nicht schlecht ist. Für die Umwelt und für den Geldbeutel: Keine Bussen.

Das Auto, das Selbst, so die wörtliche Übersetzung und ich frage mich, was denn zurzeit in meinem Leben ruckelt. Bin ich zu schnell unterwegs? Mache ich zu viel? Will ich zu viel? Sollte ich die Spur wechseln, sollte ich eine Weile besser auf der rechten Spur fahren, damit ich näher am Pannenstreifen bin? Was spricht das Leben jetzt zu mir? Ich horche.

Ich gehorche, auch wenn ich nicht verstehe. Ich will es zumindest. Und am liebsten will ich verstehen. Denn wenn ich verstehe, ist es einfacher, etwas zu verändern. Ist mein Auto wieder einmal eine Metapher für mein Leben?

Nun ist es Abend. Mein Auto fährt wieder. Der Luftmassemesser war defekt, ein kleines elektronisches Ding, ein Sensor, der die Masse der pro Zeiteinheit hindurch strömenden Luft, den sogenannten Massenstrom, bestimmt. Der Sensor misst, wenn er kaputt ist, den Massestrom falsch, und bestimmt darum auch die Menge des einzuspritzenden Kraftstoffes verkehrt. Darum fehlt dem Motor in diesem Fall die Leistung. Beschleunigung ist auf einmal nicht mehr möglich, oder nur ruckelnd, und dass mein Auto nicht auf offener Straße stehengeblieben ist, ist ein großes Geschenk. Denn manchmal könne, erfahre ich, der Motor einfach ausschalten – allerdings geschehe das vor allem im Leerlauf.

Heute morgen, in der Werkstatt, hat der junge Mechaniker zuerst vor Ort probiert, den Schaden, der das Ruckeln verursacht, zu beheben, doch bald gingen ihm die Ideen aus. Er müsse das Auto da behalten, sagte er, und mir tat das Herz weh. Mein Auto in fremden Händen lassen, fühlt sich immer ein bisschen seltsam an.

Am Nachmittag, als ich im Büro war, klingelte mein Handy und ich erfuhr, dass der Mechaniker den Schaden gefunden und behoben hatte. Und dass ich das Auto am Abend, bis halb sechs, abholen könne. So machte ich für einmal pünktlich um fünf Uhr Feierabend, schloss mein Fahrradschloss auf und wollte losradeln. Doch weit kam ich nicht. Der Hinterreifen war platt.

Ohne lange zu zögern, spazierte ich mit dem Rad zum nahen Bahnhof. Mit dem Rad in der einen, dem Handy in der andern fand ich heraus, dass gleich ein Zug fuhr. Ich löste ein Ticket aufs Handy und lud – während die App das Ticket löste – das Rad in den Zug, der zum Glück ein paar Minuten Verspätung gehabt hatte. Der nächste wäre erst in zehn Minuten gefahren und es wäre knapp geworden mit Autoabholen.

Zum Glück ist meine Werkstatt gleich beim Bahnhof in der Nähe. Ich schob mein Rad schnell neben mir her und erreichte rechtzeitig den Schalter. Da ich aber dummerweise die Karte meines Sparkontos nicht dabei hatte und zu wenig Geld im Portemonnaie, musste ich zuerst nach Hause, um die andere Karte holen. Ich konnte, obwohl die Werkstatt schloss, nochmals kommen und die Rechnung am Kiosk, der zur Werkstatt gehörte, bezahlen. Toller Service!

Dass mein Rad einen platten Reifen hatte, fand der Werkstattleiter so richtig schlimm. Er bat zwei junge Mechaniker, das Rad aufzupumpen. Was sie auch, ohne zu Murren, obwohl es schon fast halb sechs war, machten. Sie unterstützten einander, und, mit einem Gummischläuchlein improvisierend, da sie keinen passenden Adapter hatten, füllten meinen Reifen mit Luft. So viel Freundlichkeit auf einen Haufen! Klasse war das.

Und später, als ich die Rechnung bezahlt hatte und mein Auto bestieg, sah ich, dass sie es auch gleich noch geputzt hatten.

Die Luft im Fahrrad hat zwar nicht bis nach Hause gehalten, der Reifen ist noch platt, aber – hey, es gibt Schlimmeres.

Früher haben mich solche Alltagsdramen sofort aus dem Stand gebracht. Heute dachte ich kaum etwas anderes als: Was soll ich als nächstes tun? Kein Hadern. Es ist, wie es ist.

Im Marathon geschrieben

Endlich mal wieder so ein richtig toller Schreibtag war das. Ich sag nur: Meine Schreibgruppe! Auch wenn ich nicht mehr regelmäßig dabei sein kann, ist gemeinsame Textarbeit mindestens so inspirierend, wie das Schreiben allein im stillen Kämmerchen.

Dieses Jahr hatten wir unsere alte Tradition wieder aufgenommen und den Pfingstmontag zum Schreibtag erkoren. Und geschrieben, was die Tasten hergaben.

Marathonschreiben … I love it!
Einfach schreiben, ohne Zensur, ohne Kritik. Vorher wird die Schreibdauer definiert, und ob man sich von Themen oder Bildern inspirieren lassen soll. Achtung, fertig, los … und dann wird geschrieben … ohne abzusetzen! Nachher lesen alle vor. Zur Inspiration … und so weiter und so fort.

Dazwischen Pausen, essen, trinken (, rauchen) und erzählen …

Eine Textkostprobe? Gerne. Hier …

2. Schreibphase [Schreibzeit: 15 Minuten, mit sechs zu verwendenden Wörtern, (die fettgedruckten Wörter)]

Am Falafel-Stand blieb sie stehen. Sie war außer sich. Sie war außer Atem. Sie konnte nicht mehr. Warum hatte er sie nicht gewarnt?

Die Kapuze, die sie sich über den Kopf gezogen hatte, schob sie zur Seite, um besser sehen zu können. Offenbar hatte sie Pete abgehängt. Und nun stand sie da. Ohne Plan. Wohin sollte sie?

Zu den Eltern zurück war eine Option, die keine mehr war. In ihrem Rucksack war nur das Allernötigste. Ein bisschen Geld. Ihr Handy. Ein paar Kleider. Sie würde sich jetzt erst einmal ein paar frittierte Kichererbsenbällchen gönnen, um wieder zu Kräften zu können. Hier, am Bahnhof, mitten in den vielen Menschen, fühlte sie sich sicher.

Sie zahlte den Falafel und setzte sich auf die Treppe der Heiliggeistkirche. Aber das war keine gute Idee. Kaum hatte sie sich gesetzt, wollte ein Mann, der ziemlich lange zottige Haare hatte, mit ihr Geschäfte machen. Roten Libanesen hätte er. Saubere Ware. Sie stand auf und ließ ihn stehen. Schlenderte über den Platz zum Loebegge. Knabberte an ihrer Brottasche. Versuchte, möglichst so auszusehen, wie alle hier. Wie eine Wartende. Was sie ja auch war. Immer wieder blickte sie auf ihr Handy. Die Ortungsfunktion hatte sie ausgeschaltet, Ob man sie trotzdem finden konnte? Konnten die das überhaupt? Aber wenn sie das Handy ausschaltete, würde sie Toms Anruf verpassen. Er war der einzige, dem sie noch vertraute.

An ihn zu denken, ließ ihr Herz vibrieren. Wie war das gewesen? Hatte nicht er ihr gesagt, dass sie Amir und Pete trauen könne? Und hatte nicht er ihr gesagt, dass sie in der Schweiz sicher wäre?

Konnte sie Tom wirklich trauen? Natürlich war sie illegal hier, spätestens, seit sie ihr die Papiere abgenommen hatten, aber das war doch kein Grund für …

Sie schlenderte so schnell, wie man es noch schlendern nennen konnte Richtung Altstadt. Auf dem Kirchturm jene Uhr, die immer nur die Stunden anzeigte. Doofe Kirchen hatte es hier, in diesem kalten Land.

In den Lauben fühlte sie sich einigermaßen unsichtbar. So unsichtbar, wie man sich mit eben mit der falschen Hautfarbe im falschen Land fühlen kann. Taxis hielten. Türen knallten. Besoffene verließen Bars. Setzten sich auf die Stufen und steckten sich Kippen an. Bis sie ganz unten in der Altstadt angelangt war, hatten sie fünf Typen angemacht, zweimal wollten man ihr Kiffe verkaufen, einer wollte ihr Geld geben, wenn sie ihm …

Was war das für ein Land? Sie ging und ging und ging weiter und wusste doch nicht wohin. Beim Bärenpark angelangt stellte sie fest, dass sie hier fast allein war. Sie bog ab und beschloss, irgendwohin zu gehen, wo es viele Menschen hatte. Die Altstadt war, wie immer an Samstagabenden, sehr belebt. Da, vor dieser Bar dort drüben, hatte sie Tom das erste Mal gesehen. Kreißsaal hieß sie. Was, wie ihr Tom erzählt hatte, mit Babys zu tun habe. Das hatte sie nicht verstanden. Nicht, was Babys und Bars gemeinsam hatten. Aber egal, sie würde dieses Land nicht verstehen. Nie.

Sie sehnte sich nach ihrer Heimat. Nach den Düften im Garten ihrer Eltern. Sie sehnte sich nach ihren Freundinnen. Sie sehnte sich nach einem Ort, an dem sie heute Abend sicher würde schlafen können. Sie schuldete dem Schlepper viel Geld. Er würde ihren Eltern etwas antun, wenn … Sie musste zurück. Aber sie konnte nicht.

Eine Fledermaus flatterte vorbei, da, noch eine. Das musste ein Zeichen sein. Als Kinder hatten sie immer aus dem Flug der Vögel und dem Gang von Tieren Botschaften gelesen, hatten einander erzählt, was es bedeute, wenn der Kranich so, wenn der Hund so und wenn die Ratten so gingen, so klangen, so pfiffen. Sie hatte die Welt verstanden. Alles war einfach gewesen.

Und hier, hier war alles so schlimm. Hier war alles kalt. Hier wollten alle, dass sie tat, was sie von ihr wollten. Am Anfang hatte sie mitgemacht. Doch nach diesem Freier, der ihr mit einer Flasche … nein, sie wollte nie mehr daran denken. Sie war davongelaufen. Einfach davon. Eigentlich war es gar nicht so schwer gewesen. Aber nun, nun wusste sie nicht wohin.

Es war kalt. Der Springbrunnen auf dem Bundesplatz verströmte eine seltsame Stimmung. Das Licht war falsch. Das Licht tat, als meine es sie. Aber dieses Licht hier, dieses Geld hier, diese Menschen hier, die meinten nicht sie. Die meinten ihren Körper. Diese Menschen hier kannten den Duft im Garten ihrer Eltern nicht und nicht das Lachen ihrer kleinen Schwester und auch nicht die Liebe und Zärtlichkeit ihrer Großmutter.

Zufällig

Ob zufällig oder nicht, zurzeit stolpere ich über Bücher, die keine Krimis und weder belletristische noch hochgeistige Literatur sind, auch nicht klassische Biografien. Eher so Bücher, wie das, woran ich selbst arbeite. Bleuel_raushier Biografische Essays, Ausschnitte, Lebensabschnitte, Hinblicke, Einblicke. Das eine habe ich heute auf Onleihe entdeckt: Ich will raus hier. Nataly Bleuel beschreibt den Moment in ihrem Leben, als sich alles wendete und das, was danach kam. Diese Sehnsucht nach dem Leben, das sich vom Leben im Hamsterrad unterscheidet.

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Auch Milena Mosers neues Buch geht in eine sehr ähnliche Richtung. Sie schreibt in Das Glück sieht immer anders aus über ihre Reise durch die USA, in der sie sich von ihrer Erschöpfungsdepression oder was immer es war, erholt und sich selbst und ihrer inneren Stimme wieder gehorchen will.

Bücher über Wandlungen mochte ich schon immer.

Und nun übergebe ich Nataly Bleuel das Wort:

bleuelraus

Und ihr? Was braucht es, damit ein Buch, ein persönliches Buch, euch berührt?

Freude teilen

In eigener Sache heute mal wieder …

Ich arbeite im Moment sehr viel, so viel, dass das Blog zurzeit ein bisschen pausiert. Ich arbeite an wunderbaren Dingen:

  • An einem Buchmanuskript, das sich täglich weiterentwickelt und mir beim Schreiben zwar viel abverlangt, aber auch sehr gut tut.
  • An einem Schreibworkshopangebot …
  • Im Büro …
  • An Aufträgen, die meine Selbständigkeit ans Ufer gespült hat …
  • An einer neuen Webseite – zusammen mit Jürgen Rinck, die euch die lebenswertvollen Seiten des Lebens näher bringen will … bitte → hier klicken!
    Wir freuen uns sehr über und auf eure Besuche!

Und ja, es geht mir gut dabei, auch wenn einiges aus Zeitgründen auf der Strecke bleibt. Aber auch damit muss ich leben lernen.

Lärm

Immer. Lärm. Immer. Überall.
Nicht nur für die Ohren, für die Augen ebenso:
Ablenkung. Immer. Überall.

Außen.
Innen?

Der Stille lauschen. Jetzt.

Keine Zeit!?

Ist es unsere Angst vor ihr,
die so viel größer und mächtiger ist als jeder Lärm?

Denn mächtiger und weiser als jeder Spiegel ist sie.

Was würde sie uns verraten?
Welche Geheimisse kennt sie?

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EDIT: Emils virtuelle Antwort gibt es hier (klicken).

Danke von Herzen!