Buntgewebe

Wecker sind eine unglaublich unhumane Erfindung. Nicht artgerecht! Eigentlich sollten wir so lange schlafen können, wie unser Körper es uns abverlangt. Eigentlich sollten wir ein unseren Talenten, Neigungen und Anlagen entsprechendes Leben führen können. Eigentlich sollten wir so leben können, wie es uns entspricht. Überall. Alle. Pflanzen und Tiere auch. Denke ich am Morgen und möchte am liebsten weiterschlafen.
Das Leben ist nun mal nicht ideal, denke ich auch und stehe auf. Pervers früh. Der zweitletzte Kurstag. Das Leben ist nicht ideal – der Kehrreim meines Lebens, seit mir Freundin M. vor vielen Jahren diesen Satz ein erstes Mal zu bedenken gegeben hat. Kurskollege G., in einem fiktiven Bewerbungsgespräch nach seinem Motto gefragt, meinte heute Nachmittag:
Ich nehme das Leben jederzeit so, wie es ist, und versuche, immer das Beste daraus zu machen.
Könnte von mir sein. Nein, ideal ist es nicht, das Leben. Nicht meins, nicht das der anderen. Kurskollegin M. hat mir heute im Zeitraffer die äußerst dramatischen Ereignisse geschildert, die ihr Leben in den letzten Jahren ziemlich aus der Bahn geworfen haben. Stehauffrauchen ist sie. Wie ich. Immer wieder sind wir aufgestanden. Wie Kinder, die laufen lernen. Nicht aufgeben.
Im Kurs ist mir, so mit all seinen fiktive Bewerbungsgespräche und -sequenzene, oft so, als wäre ich im falschen Film. Und nein, ich bin leider eine miserable Schauspielerin. Bei Rollenspielen bin ich voll schlecht. Jedenfalls nicht, wenn ich die Befragte bin und mich verkaufen soll. Als Befragerin und Feedbackerin dagegen fühle ich mich sehr wohl. Ich sehe bei den anderen (und auch bei mir) sehr gut, was geht und was nicht. Ähnlich, wie ich auch gut Texte korrigieren und lektorieren kann. Nein, es geht mir dabei überhaupt nicht darum, Finger auf Fehler und wunde Punkte zu legen, eher ist es so, dass mir solche Sachen einfach auffallen. Keine einfache Gabe.
In der Mittagspause setze ich mich vom Rest der Gruppe ab, suche mir einen Platz draußen an der Sonne und tanke Licht und Ruhe. Heute saß ich an der Limmat, hackte einige Kommentare über die externe Bluetooth-Tastatur ins iPhone und genoss den Gedankenraum, der sich in mir aufgetan hatte. Für eine Stunde diese Schiene des So-tun-als-ob des Kurses zu verlassen! Ah, herrlich!
Auf einmal steht ein Mädchen neben mir. Sechs oder sieben Jahre alt. Migrationshintergrund. Fernöstliche Wurzeln. Aufgemaltes drittes Auge. In schönstem Aargauerdeutsch fragt es mich, was ich da mache. Und was das sei. Dabei deutete sie auf meine Pausenbrotdose, in der noch ein verpackter Müesliriegel lag.
Aus meinen konzentrierten Schreib-Gedanken gerissen, murmelte ich etwas von Müesliriegel und dass der mir heute Nachmittag das Leben retten werde.
Darf ich ihn haben? Hätte sie nicht so schamlos gefragt, hätte ich ihn ihr bestimmt gegeben, doch ich war so verdutzt, dass ich ablehnte. Nein, weniger aus Geiz und Angst vor einem Blutzuckersturz entsprang meine Reaktion, wohl eher aus einer Art Nacherziehungsbedürfnis. Das Mädchen schien es gewohnt zu sein, um etwas zu bitten. Wohl auch, das Erbetene zu bekommen. Ob sie das regelmäßig auch bei Unbekannten tut, weiß ich nicht. Ungefährlich ist das ja generell nicht. Meine latente Unfreundlichkeit sollte signalisieren:
Pass auf Mädel, nicht alle sind nett!
Hm. Mist. Wie gerne würde ich ihr sagen: Alle sind nett und alle meinen es gut mir dir. Ist aber nicht so. Leider. Nicht ideal – das Leben. Wie gesagt.
Sie deutet auf meine externe Tastatur.
Was ist das da? Nun bin ich freundlicher. Ich kann einfach nicht (lange) böse sein. Damit könne ich über eine unsichtbare Verbindung ins iPhone schreiben, erkläre ich ihr. Dass man auf dem iPhone schreiben kann, weiß sie, denn das erklärt sie mir. Dass das nämlich auch so gehe.
Ja, aber damit noch viel besesr, sage ich. Und schon ist sie wieder weg, rennt mit anderen Kindern, die aus dem Nichts aufgetaucht sind, um die Ecke.
Lernen. Vieles lernen. Immer noch mehr lernen. Niemals aufhören. Und doch habe ich nur zwei Diplome und ein Ausbildungszeugnis. Alles andere, was ich gelernt habe, zählt nicht. Keine Papiere von irgendwelchen tollen Weiterbildungen habe ich, Autodidaktin, die ich bin. Mein Kursleiter kann es beim Abschlussgespräch erneut nicht glauben. War schon beim Erstgespräch so. Muss er aber. Ist halt so. Womit hätte ich auch teure Weiterbildungen zahlen können, wo ich doch immer nur Teilzeit gearbeitet und daneben gekunstet habe?
Später. Yogagruppe. Vorübungen für den Sonnengruß, den die meisten noch nicht kennen. Ein paar Neue sind in die Gruppe gestoßen. Die Stunde ist nicht besonders anstrengend für mich. Weniger als andere zuvor. Wie Yogalehrerin T. den Schritt vom Hund in die nachfolgende Stellung zeigt und alle außer mir ächzen, weil sie das noch nie gemacht haben, fällt mir ein, wie ich damals, vor zehn oder noch mehr Jahren, ebenfalls geächzt hatte.

Dieser Schritt ins Leere, zwischen die am Boden aufgestützten Hände, ist nicht einfach. Ich habe vergessen, wie schwer das war.
Wir vergessen oft, dass das, was wir können, uns einst nicht bekannt war. Dass wir es einst nicht gekonnt haben. Dass das längst nicht alle können. Kunst kommt von Können. Gute alte Binsenwahrheit.
Oh weh, schon wieder so ein Text aus einzelnen Puzzleteilen. Ein Flickenteppich. Ein Buntgewebe. Output vieler Inputs. Buchstäbliches Stoffwechselprodukt. Wörtliches Furzen. Kopfausschüttung. Bloggründüngung. Herzgespinst.
Am besten ist wohl, ich schleich mich einfach – dankend fürs Lesen – auf leisen Sohlen davon, wie es Emil immer so schön schreibt.

Post aus der fünften Dimension

Hätte sich jemand vor, sagen wir mal, siebzig Jahren vorstellen können, dass wir heute Daten in irgendwelchen virtuellen Clouds im Cyberspace speichern können? Dass wir Bilder aus dem unsichtbaren Nichts abrufen und auf dem Bildschirm eines Plastikdings, das wie ein Fenster aussieht das wir souverän mit Tasten und einem weiteren handtellergroßen Plastikteilchen namens Maus bedienen –, betrachten können?
Möglicherweise gab es Visionärinnen und Visionäre, für die solche Gedanken vorstellbar gewesen sind, doch die meisten hätten den Kopf geschüttelt und dir den Vogel gezeigt, wenn du – zu Besuch aus der Zukunft – mit solcherlei Schwachsinn aufgetaucht wärst. Flächenland lässt grüßen.
Sage ich dir heute, dass ich mir die Welt (alles, was ist), ähnlich vernetzt wie Internet vorstelle, schüttelst du womöglich den Kopf und redest von Evolution, Darwin und Zufall. Oder du redest von Gott und Bibel und heiligem Geist. Oder du redest von Allah. Oder von Quantenphysik. Ach, sag mir, Gretchen …
Dass ich mir die Welt, sichtbares ebenso wie unsichtbares, vorstelle wie eine Art geisiges, ideelles Internet, hängt damit zusammen, dass ich Erfahrungen und Erlebnisse gemacht habe, die auf solche Zusammenhänge hinweisen. Wissen, das nicht gewusst werden kann, war auf einmal da. Informationen, die nicht gewusst werden konnten, wurden auf einmal gewusst.
Eine Information von einer Wissensquelle (Wikipedia zum Beispiel) auf einen Datenträger (den Rechner zum Beispiel) holen, ist heute Alltag. Irgendwo hat jemand eine Quelle mit Wissen gespeist, das eigentlich schon immer da war. Aber dieser Jemand fasst es in Worte und lädt es für alle zugänglich ins Internet hoch. So einfach funktioniert Wissenstransfer in der Jetzt-Zeit. Datentransfer. Einsen und Nullen.
Das gesamte Wissen über alle Dinge, über die großen und die kleinen, ist da. Unfassbar. Doch nur deshalb unsichtbar, weil uns die Sinne fehlen, es zu sehen. Alles ist in uns, oder sagen wir es so: wir sind – via geistiges WLAN an alles Wissen angeschlossen, das irgendwo-nirgendwo-überall in einem unermesslichen Datenspeicher, der ohne Glasfaserkabel auskommt, lagert. Innen und außen. Wie außen so innen. Auch das Wissen über mein und dein Leben – irgendwo ist es. In mir. In dir. Und überall. Glücklicherweise nicht für alle zugänglich und abrufbar. Zumal nicht alle Menschen in der Lage sind, Daten abzurufen. Zum einen, weil sie das Talent dazu nicht haben, und zum zweiten, weil sie die Passwörter nicht kennen. Ja, die gibt es, die Passwörter und Codes. Und ich, ich habe es in der Hand, wem ich meine Passwörter verrate.
Für einen Schreibauftrag habe ich die spannende Aufgabe bekommen, Menschen mit solcherlei Talent zu testen. Skeptisch habe ich mich an die Arbeit gemacht. Zwei medialen Künstlerinnen habe ich einige wenige Codes verraten, damit sie meine unsichtbaren Ordner öffnen können. Die eine hat mir bereits geantwortet, gestern, und die Antwort der zweiten erhalte ich am Freitag.
Gestern morgen ein persönliches Gespräch mit einer älteren, weisen Frau. Wir schneiden dies und das an und auf einmal plingt es bei mir. Der Groschen fällt. Ich verstehe einen meiner vielen Fingerhüte (siehe Artikel Monokultur und.).
Am Nachmittag gehe ich mit Freundin L. spazieren. Wieder zuhause, bei Vermicelles und Tee, erzähle ich ihr von meinem Wunsch, eines Tages Australien oder Neuseeland zu bereisen. Eine unbenennbare Sehnsucht, ein Fernweh, wie ich es auch bei Skandinavien hatte, bevor ich zum ersten Mal in den Norden gereist bin. Vor allem das fehlende Geld hielt mich bisher von einer Reise nach Downunder ab. Und wohl auch mein ökologisches Gewissen. Doch der Traum ist alt. Zwanzig Jahre mindestens.
Als L. abfährt, öffne ich erwartungsvoll das Paket, das mir die erste Künstlerin per Post geschickt hat. Finde Bild und Text. Post aus der nächsten Dimension, auf gut Flächenländisch gesagt.
Alles zu zitieren würde viel zu weit führen und natürlich weiß ich, dass solche Texte mit Vorsicht zu genießen sind. Auch sind Interpretationen nie vor Übersetzungsfehlern gefeit. Skepsis gut und schön. Misstrauen auch. Aber … großes Aber. Da heißt es nämlich: „Als Land ist Australien und Neuseeland gut für dich, […] tanke diese Energie auf.“
Ich bin verblüfft. Bei nicht wenigen weiteren Textpassagen muss ich leer schlucken, da einige Sätze erstaunliche Ähnlichkeit mit meinen Tagebuchnotizen und Gedanken haben. Und da steht auch etwas ganz ähnliches, wie das, was ich gestern Morgen auf einmal und mit großem Pling verstanden habe. Obwohl ich selbst mediale Fähigkeiten und diesbezügliche Erfahrungen gemacht habe, bin ich berührt. Betroffen. Erstaunt. Obwohl ich weiß, dass und wie es funktioniert. Alles ist vernetzt.
Nun bin ich gespannt auf Freitag. Auf das zweite Bild und den zweiten Text. Irgendwie hoffe ich auf eine unübersehbare gemeinsame Schnittmenge. Und darauf, dass ich verstehe. Dass ich endlich verstehe, was mir das Leben sagen will. Nichts anderes als Übersetzerinnen sind sie, die beiden Frauen, die für mich die Codes in den unsichtbaren, morphogenetischen Rechner eingegeben und meine Ordner geöffnet haben. Ordner, deren Inhalt sich immer wieder ändert. Überschrieben wird von Updates. Was bin ich neugierig!
Doch vorher heißt es, meine beiden letzten Kurstage zu ertragen, morgen und übermorgen, und von dort bestmögliche Erfahrungen mitzunehmen. Und vielleicht sogar ein paar weitere Erkenntnisse über das Leben.

fremdes Selbst

Was sehe ich nicht, was andere sehen? Was bin ich, das andere nicht sehen? So authentisch ich zu sein glaube, deckt sich doch das, was mir andere über mich rückmelden nie mit meiner eigenen Perspektive. (Ja, ich weiß, der größte Teil unserer Persönlichkeit ist unbekannt, aber trotzdem …)
Du stellst dein Licht unter den Scheffel, sagte Kurskollege P., der ein fiktives Bewerbungsgespräch lang meinen zukünftigen Chef gemimt hatte. Du kannst so viel, doch du zeigst es nicht. Zwei 5,4 in zwei verschiedenen Abschlusszeugnissen sagen viel über deine Qualitäten aus. (Für meine deutschen LeserInnen: Das nennt sich bei euch, so meine ich verstanden zu haben, wohl Einserzeugnis. In der Schweiz gilt: Je näher bei Note 6 desto besser …)
Mit deiner Stimme schaffst du eine Stimmung, die – obwohl du nicht laut sprichst – unsere volle Aufmerksamkeit erhält. Man muss dir einfach zuhören, sagt Kollege G.. Ich spüre, wie mir das Blut in den Kopf schießt.
Zum Rotwerden habe ich auch allen Grund. Göttin, war das peinlich! Die ersten fünf Minuten des imitierten Vorstellungsgespräches mit meinen beiden gefakten Personalverantwortlichen  Kollegin S. und Kollege P.  und einem Beobachter  Kollege G.  hatte ich das totale Blackout. So nervös war ich selten in meinem Leben und das, obwohl ich doch hier, in der vertrauten Runde, gar nichts zu verlieren hatte. Wie gut, dass ich in der kameralosen Gruppe gelandet bin! Hätten sie mich gefilmt, wäre es noch schlimmer gewesen. Dreimal hintereinander stoppte ich verzweifelt meine Rede. Sagte:
Delete. Ich fange noch einmal an. Klappe die nächste. Erst allmählich gewann meine Professionalität – oder was auch immer – wieder die Oberhand und das Gespräch machte sogar Spaß.
Kollegin S. meinte hinterher, dass ich bei ihr nach meiner offenbar überzeugenden Performance auf jeden Fall in die zweite Runde käme. Authentisch sei ich. Das lass ich gelten. So fühle ich mich. Dennoch. Die vollständige Kongruenz zwischen Fremd- und Selbstbild will und will sich nicht einstellen. Selbst wenn ich mir Komplimente gerne anhöre, lieber möchte ich endlich in mir das sehen, was andere sehen.
Trotz vielem Denken, Reden und Arbeiten – die zwei letzten Kurstage mit den intensiven „Rollenspielen“ haben total Spaß gemacht. Nun stehen uns Stellensuchenden bloß noch zwei Kurstage bevor. Bis dahin gilt es, das Gelernte konkret umzusetzen.
Juhu, zwei Wochen Pause. Verdauen. Und wer weiß, vielleicht habe ich bis dahin meinen Traumjob bekommen, für den ich ja bereits heute das Vorstellungsgespräch geübt habe. Wenn die Hauptprobe missglückt, wird die Première erfahrungsgemäss ein großer Erfolg … 😉
Was kann DA noch schief gehen?

Aller Anfang ist Traum

Ich sitze im sonnigen Park des Pflegezetrums B.. In einer halben Stunde werde ich mich hier vorstellen, denn das Thera-Team braucht administrative Unterstützung. Mich?
Mein Kopf summt ob all der Eindrücke aus dem Kurs, von der Zug- und von der Busfahrt. Ich bin nervös. Obwohl ich nichts zu verlieren habe. Vermutlich ist die Stelle nichts für mich. So einen langen Arbeitsweg möchte ich nicht. Sollte die Stelle wider Erwarten super sein, müsste ich wohl ernsthaft darüber schlafen. Muss ich eh, will ich eh. Am liebsten wäre mir, wenn ich sofort merken würde, ob ich sie will oder nicht. Während des Gesprächs. Oder gleich hinterher.
Natürlich MUSS ich die Stelle nicht nehmen. Das heißt, ich müsste natürlich, denn sie ist zumutbar. Doch mein Berater ist ja kein Unmensch. So betrachte ich dieses Gespräch als Übung. Ich sammle Erfahrungen. Kein schlechter Ansatz.
Später.
Noch immer brummt der Kopf. Das Gespräch ist verlaufen wie alle meine bisherigen Vorstellungsgespräche. Nämlich gut. Offen. Transparent. Die Nervosität hat mich fünf Minuten vor dem Gespräch verlassen. Auch gut. Nur Klarheit habe ich keine. Der Lohn stimmt, doch die Arbeit ist relativ einseitig, zahlenlastig. Weiteres (großes) Minus ist der Arbeitsweg. Zu lang. Fünfundsiebzig Minuten oder länger. Das Team? Kann ich nächste Woche beschnuppern, falls ich nicht absage. Das Büro würde ich mit meiner direkten Vorgesetzten teilen. Sie sei etwa so alt wie ich. Mutter eines sieben Jahre alten Kindes. Sehr lebendig. Leider in den Ferien, also unbeschnupperbar.
Ich könnte natürlich einfach mal anfangen (falls die mich überhaupt wollen). Innerhalb der Probezeit abspringen geht ja immer, falls ich erkenne, dass der Job nicht mein Ding ist. Doch das ist nicht meine Art. Keine gute Voraussetzung. Zudem würde ich da weder ihnen noch mir einen Gefallen tun. Absagen? Auf die Traumstelle warten? Ja, gerne. Da läuft schließlich eine hoffnungstriefende Bewerbung. Fast um die Ecke. Oder soll ich gar einen Schritt in die Selbständigkeit wagen?
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STOPP! Was ist das für ein langweiliger Artikel, Sofasophia? So etwas kannst du deinen Leserinnen und Lesern nicht zumuten. Erzähl lieber vom Kurs!
Na ja, ob das interessanter ist?! Okay …
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Wir haben heute eine typische Sequenz aus dem ebenso typischen Vorstellungsgespräch geübt. Vor laufender Kamera. Vor der ganzen Klasse. Mit Feedback-Möglichkeit. Jene Sequenz nämlich, die auf die berühmt-berüchtigte Aufforderung folgt, die da heißt:
Erzählen Sie uns bitte von Ihrem Werdegang! Ganz schön tricky, muss ich sagen. Zum Glück war ich bisher erst Zuschauerin. Puh …
Parallel dazu gab’s Einzelcoaching-Gespräche mit dem zweiten Kursleiter. Dort wurde mir klar, dass ich mehr kann, als ich denke. Licht unter dem Scheffel und so. Wie oft denke ich:
Das können doch alle, das hier ist ja nix Spezielles. Doch das stimmt so nicht. Fachlich mag ich ja durchschnittlich sein (oder?). Doch ich kann mehr als nur Fachliches – ich kann das Fachliche vernetzt einsetzen. Ich kann verbinden, innerhalb von Teams Brücken bauen, ich kann Ansprechperson sein. Ich bin saugut in Recherche. Und ich bin Generalistin statt Spezialistin. Und so, wie ich das kann, kann nur ich es. Jawohl.
Und immer wieder die Träume von der Selbständigkeit. Apropos … Da sagt doch in der Pause R. in die kleine Runde vor dem Aschenbecher ( ja, genau! Jener R., der mich letzte Woche mit seinen unausgesprochenen Pünktchen im Ungewissen gelassen hat), dass er eine Vision von Selbständigkeit habe. Dass es in ihm gäre und immer konkreter werde. Ich könne ihm dann die Webpage erstellen, wenn ich wolle.
Gerne! Brauchst du auch gleich noch eine gute Managerin?, fragte ich.
Durchaus, ich muss einfach erst anfangen, sagte er.
Träumen darf doch erlaubt sein. Zumal jede Wirklichkeit mit so was (Unfassbarem) angefangen hat.

Scharfe Kanten

Ich erwache perversfrüh. Sechs Uhr. Lange vor dem Wecker. Wildes Herzklopfen. Der fünfte Kurstag. Halbzeit schon. Die Aufgaben habe ich mehr oder weniger erledigt. Bis auf die Blätter mit den beruflichen Visionen, die es auszufüllen galt. Doch ob ich die im Kurs breitschlagen will, weiß ich nicht so genau.
Ich wünsche mir schlicht und einfach und ganz (un)bescheiden ein Arbeitsumfeld, das hinsichtlich Arbeitsinhalten, Arbeitsweg, Arbeitszeit und -pensum, Teamenergie und Lohn „perfekt“ ist – so wie ein paar neue Schuhe oder Hosen, die einfach wie angegossen zu mir passen. Nicht nur in der Größe, sondern eben auch in Bezug auf den Tragekomfort und den Stil sozusagen. Doch eine inhaltliche Definition dieser Arbeitstelle, eine Vision, zu formulieren, fällt mir verdammt schwer. Zumal sich immer öfter die Frage in den Vordergrund drängt, wie (und ob) ich mich als Selbständige ernähren könnte. Alles, was ich sehr gerne mache und gut kann, ist auf dem „Markt“ (wer oder was immer das ist!) wenig wert oder schlecht verkäuflich. Auch müsste ich zuerst von der No-Name zur With-Name werden … (Werde erst mal was! Werd erst mal groß!, haben sie gesagt, früher.) Will ich das, kann ich das? Und: wie geht das überhaupt?
Fakt eins ist, dass ich Geld brauche.
Fakt zwei: Ich kann vieles, will aber nicht alles, was ich kann und gelernt habe, beruflich ausüben.
Fakt drei, vier, fünf und so weiter: Ich will nicht den Rest meines beruflichen Lebens fremdbestimmte Hamsterrad-Runden drehen, sondern mich mit dem Inhalt meiner Arbeit (und der potentiellen Arbeitsgeberin) größtmöglich identifizieren können.
Fakten versus Träume. Scharfe Kanten treffen auf Ungefähres. Dahinter ein Abgrund im Nebel – das Schreckensgespenst von uns NonkonformistInnen. Das Nichts. Der freie Fall. [Habe ich an dieser Stelle bereits gesagt, dass mir das Leben (in Bezug auf das existentielle Überleben sprich Auskommen und Einkommen) manchmal mehr Angst macht als der Tod?]
Der Wecker klingelt und das Rad dreht sich erneut, das ein paar Stunden ruhen durfte. Das Rad in meinem Kopf.
Anderthalb Stunden später. Auf dem Bahnhof. Habe um fünf Sekunden den Zug verpasst, das Ticket noch nicht entwertet. Habe gebummelt auf dem Weg. Geträumt. Macht nichts. In acht Minuten fährt der nächste – zwar ein bisschen knapp, aber die meisten meiner KurskollegInnen sind nicht wirklich pünktlich. Vier Minuten Verspätung sind normal.
Eine junge Mutter mit ihrem vielleicht anderthalbjährigen Kind will auf den gleichen Zug. Ich überhole sie in der Unterführung. Das Kind will partout nicht mit dem Lift fahren, so gehen sie die Treppe hoch. Geht doch. Dem Kind gefällt der neue Morgen noch nicht wirklich. Nicht heute. Es will sein Nuscheli, ein witziges oranges Wundertüchlein-Tier, das sofort seine Tränen trocknet. Nun will es auf Mamas Arme, von wo aus es die Welt mit neuer Gelassenheit betrachtet. Sein weiser Blick bleibt an mir hängen. Ich kämpfe mit den Tränen. In solchen Momenten vermisse ich meinen Sohn am allermeisten.
Im Zug liegt „20 Minuten“ auf der Fensterbank.
Nein, das tut mir nicht gut!, denke ich noch. Zeitung lesen am Morgen ist Gift für mich. Doch schon lese ich. Wer tut schon, was gut für ihn oder sie ist? Ich lese von Mord (drei Wochen nicht vermisste Frau wird ermordet in der Wohnung gefunden), Totschlag, Betrug, Tratsch, Intrige. Bin froh, dass der Zug nur acht Minuten braucht bis ans Ziel und lege das Blatt angewidert zurück.
Im Schulungsgebäude angekommen, fühle ich mich beinahe fiebrig. Zwei Plätze sind leer. Auch der Kursleiter ist krank, obwohl physisch anwesend. Er unterrichtet und mir ist, als sitze ich hinter einer Art Nebelwand. Ich höre und höre doch nicht. Auch mein Tinnitusohr sirrt mal wieder ziemlich laut, zur Feier des Tages sozusagen. Irgendwie beteilige ich mich sogar am Unterricht, beantworte Fragen richtig, doch alles ist weit weg von mir und ich fühle mich wie ein Roboter (falls sich Roboter irgendwie befinden können). Weil wir am Nachmittag Bewerbungswerkstatt haben und dabei an den Laptops arbeiten, beschließe ich, heimzufahren. Ich lasse mir die Aufgaben erklären und schon bald sitze ich im nächsten Zug nach Hause.
Kaum daheim fühle ich mich bereits fast wieder gut. Ein wenig fiebrig, ja, das schon, aber die Watteschicht ist wieder weg. Ich brauchte wohl einfach meine vier Wände. Im Zug, wie angeflogen, der Gedanke: wir müssen uns mit dem, was wir sind und was wir tun, größtmöglich identifizieren, sonst gehen wir kaputt. Ich zumindest.
Inzwischen ist es Abend geworden, ich habe geschlafen und nun fühlt sich mein Kopf zwar noch immer schwer und heiß an, doch nicht mehr ganz so arg. Doch müde bin ich, unendlich müde …

Noch mehr Schätze

Seit Tagen haben wir den Plan gefasst, eine Wanderung der Reuss entlang zu unternehmen, denn da sind ziemlich viele Geocaches versteckt (siehe letzten Artikel). Eine Tour über ungefähr acht Kilometer. Einen Multi habe es dort, sagt geocaching.com, eine Schatzsuche mit mehreren Stationen. Doch weil uns von einer gestern gefundenen Multiserie noch die Zielstation, das Final, fehlte – ohne den eine Schatzsuche nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann –, beschlossen wir, zuerst diesen zu suchen, also wieder, wie gestern, zum Bruggerberg zu radeln, diesmal allerdings von der andern Seite her kommend. Nicht zuletzt auch, weil Irgendlink dort in der Nähe Hinweise auf einen Mystery entdeckt hatte.
Mystery? In meiner gestrigen Aufklärung über unsere Geocaching-Leidenschaft habe ich diese Gattung bewusst bei der Aufzählung ausgelassen. Ich gestehe, dass ich vor Mysterys einigermaßen Respekt habe. Schnell mal überfordern mich die kniffligen Rätsel, die es zu lösen gilt, um an die Zielkoordinaten und somit an den Schatz zu gelangen.
Auch heute stellte sich uns ein beinahe unlösbares Rätsel. Wir mussten einen Code knacken, der es in sich hatte. Nach einer halben Stunde Geländebegehung und einem kleinen Apfelwähe-Picknick wollten wir schon beinahe aufgeben. Doch wir wären nicht die, die wir sind, wenn wir es nicht noch einmal versucht hätten. Zurück zum Start. Wie beim Leiterspiel sozusagen. Das Muster, wir müssen das Muster finden, sagten wir wiederholt zueinander. Es muss so und so aussehen.
Wir gehen um das kleine Häuschen und auf einmal wissen wir die Lösung. Was für ein tolles Team wir sind, doch wir haben mal wieder viel zu weit gesucht. Und wir haben zu viel und zu groß überlegt, statt einfach nur genau hinzuschauen. Schnell haben wir nun den Code entschlüsselt und just als wir beim Versteck eintreffen, fährt eine Mountain-Bike-Familie vorbei. Die Frau ruft schon von weitem, ob wir den Geocache suchten. Wir bejahen. Gelb, sagt sie, sucht nicht zu weit. Gut sichtbar! Sie winkt und schon sind alle wieder weg. Und wir? Um ein weiteres originelles Cacheversteck bereichert!
Weiter gehts zum Final von gestern, der Endstation eines Geocaches zum Thema Wasserschloss. Kleine Heimatkunde gefällig? Bei Brugg, meinem Nachbarort, fließen die drei großen Flüsse der Schweiz zusammen und heißen fortan nach dem größeten der drei, nämlich Aare. Dieses Naturschauspiel heißt Wasserschloss. So, wie die Reuss und die Limmat aufeinander treffen, inspirieren sie den Liebsten schon bald zu verrückten Geschichten, die zu erzählen ich ihm aber gerne selbst überlasse.
Was für eine tolle Aussicht! Blick aufs Wasserschloss, vom Bruggerberg aus.

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Schätze finden

Gib mir Lieblingsmenschen, gib mir eine schöne Landschaft, gib mir Wald und schon bin ich glücklich. Ich sollte vielleicht mal eine Gebrauchsanweisung schreiben, eine für mich, sage ich heute, auf dem Bruggerberg, zum Liebsten. Damit die dann im Altersheim wissen, was ich mag.
Wir sind auf der Suche nach dem letzten der fünf Geocaches dieses Tages. Da einige Multis und ein paar Tradis ganz in der Nähe voneinander liegen, konnten wir auf unserer Tour gleich einige Fundstücke miteinander verbinden. Einzig den einen Final ließen wir für heute liegen, da das noch zweieinhalb Kilometer Luftlinie zusätzlich gewesen wären.
Vor drei Jahren, ich gestehe es, hätte ich vom letzten Textabschnitt knapp die Hälfte verstanden. Am allerwenigsten die Motive, die Menschen zu GeocacherInnen machen, zu Erdverstecke-Suchenden. Mein Liebster hat mich jedoch vor knapp drei Jahren, bei unserem Urlaub in den südfranzösischen Bergen, in den Pyrénées, infisziert. Auf unsern Skandinavienreisen haben wir uns zeitweilig vor allem an diesen Wegmarken orientiert und so wunderbare, nirgends verzeichnete Plätze gefunden. Kurz: Wer diesen Virus einmal hat, bekommt ihn nicht so schnell wieder weg. Geocaching, Erdverstecke suchen und finden, gleicht einer Art Schnitzeljagd, die dank GPS-Geräten und Internet zu einer weltweiten Bewegung geworden ist. Bei Tradis wird mit einer einzigen Koordinate verraten, wo sich das genaue Versteck befindet – mit einer Genauigkeit von ungefähr zehn Metern. Je nach der Qualität des Satellitenempfangs des Gerätes. Multis bestehen, wie klassische Schnitzeljagden, aus mehreren Stationen, wo jedes Mal ein bisschen mehr über die Endstation, den Final, zu erfahren ist.
Der Reiz, eine simple unterschiedlich große Tupperwaredose irgendwo in einem besonders schönen Waldstück oder einer besonders spannenden Ecke einer Stadt aufzusuchen, besteht nicht in der Dose selbst, nicht in deren Inhalt und nicht im Logbuchschreiben, sondern darin – jedenfalls für mich – in neuen oder auch bekannten Landstrichen oder Stadtteilen mit andern Augen unterwegs zu sein. Mit jeder gefundenen Dose wächst die Erfahrung und jedes besonders originelle Versteck – wie jenes heute beim Brugger Hexenplatz – lässt eine Art Sammlerfreude aufkommen. Die gefundenen Dosen allerdings bleiben, wo sie sind. Genauso gut versteckt, werden sie schon bald wieder von anderen GeocacherInnen gefunden. Einzig das Logbuch in der Dose erhält eine Bereicherung: meine Unterschrift.
Auch gestern, am spätern Nachmittag, radelten wir los, die Aare abwärts, um Schätze zu finden. Statt wie geplant nach Zürich zu fahren und das Theater „Gipfeltreffen CH – D“ anzuschauen. hatten wir beschlossen, den vielleicht letzten warmen Spätsommerabend mit Feuer und Picknick zu geniessen.
Den Platz, an dem wir uns schließlich niederließen, war ganz in der Nähe eines Geocaches, den wir aber vorerst noch nicht suchen konnten, weil Muggel – so heißen nicht in Geocaching eingeweihte Menschen – in der Nähe saßen.
Auf einer Kiesbank direkt am Fluss finden sich ein paar selbstgebaute Feuerstellen.
Hier habe ich als Jugendliche jeweils meine Samstagabende mit meiner Clique verbracht. Auf einmal tauchen Erinnerungen auf, wie wir mit Gitarren und Grillsachen hier unzählige laue Sommerabende erlebt hatten.
Schon bald hatten wir genug Holz für ein kleines Feuer beisammen um unsere Vegischnitzel sowie die Paprikas und Tomaten zu grillen. Zum Glück hatten wir überhaupt Streichhölzer – in früheren Noch-Raucherinnen-Zeiten war das nie ein Thema gewesen, gestern aber hatten wir noch schnell an einem Kiosk anhalten müssen, um uns welche zu besorgen. An Papier jedoch hatten wir beide nicht gedacht. Ich durchforstete darum mein Portmonnaie nach entbehrlichen Brennbarkeiten. Nein, Geld habe ich keins verbrannt, dafür fand ich ein paar von Irgendlinks kostbaren Visitenkarten, die seit der Mainzer Kunstmesse da ihr Dasein fristeten.
Die brennen bestimmt gut, meinte der Liebste. Mit dürrem Gras, kleinen Zweigen und den wenigen Papierfetzen entfachten wir ein tolles Feuer und genossen das Zigeunerleben.
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Schon dunkelte es ein, als wir uns wieder an den noch ungefundenen Geocache erinnerten, der uns hierher geködert hatte. Die Muggel waren weg. Wann also, wenn nicht jetzt …? Ich watete durch ein herrlich duftendes Impatiens-Feld, während Irgendlink sich von der Wegseite her dem Baum näherte, den unsere beiden iPhone-GPS unisono als Versteck anzeigten. Im Halbdunkel erkannte ich eine Art Vogelnest in zwei Meter Höhe, kletterte hoch, barg die Dose und im letzten Licht konnten wir unsere Namen ins Logbuch setzen. Keine fünf Minuten später hätten wir nichts mehr gesehen.
Auf dem Rückweg setzt leichter Fahrregen ein, doch so richtig fängt es erst an, als wir zuhause im Trockenen sind.
Was für Glückspilze wir mal wieder sind! Noch immer müssen wir uns über Irgendlins Glück-im-Unglück staunen, der wegen einer Unachtsamkeit vom Rad gestürtzt war, sich aber – trotz der nicht sehr weichen Landung – nicht wehgetan hat.
Fast ein Wunder eigentlich!, versichern wir uns immer wieder. Da fährst du 7663 Kilometer rund ums Meer und stürzst beinahe vor meiner Haustüre vom Rad.
Heute nieselte es nur noch ein klein wenig, als wir mit den Rädern zum Fuße des Bruggerberges fuhren. Schließlich hörte es ganz auf und wir konnten eine richtig schöne Wanderung mit herrlicher, wenn auch wolkenverhangener Aussicht geniessen. Bis zum Alpenzeiger hoch und zurück zum Hexenplatz.
Gib mir einen Wald und ich bin zufrieden. Gib mir einen lieben Menschen und alles ist gut. Eigenlich wäre es doch ganz einfach, das Leben …
Collage des Tages …
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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Das offene Fenster – nur kurz

Dass sie auf Drogen war, begriff ich in diesem äußerst seltsamen Traum erst ungefähr in der Mitte. Ich weiß auch nicht so genau, ob ich Mann oder Frau war, auch nicht, ob wir mehr als nur ein freundschaftliches Verhältnis hatten. Sie wohnte – wie ich – hier in der Gegend, ging aber immer nach Zürich, um sich Stoff zu beschaffen. Da ihre Wohnung einen sehr ordentlichen, um nicht zu sagen sehr bürgerlich-ordentlichen Eindruck machte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass sie H spritzt. Sie sah gut aus, hatte glatte dunkle, fast schwarze, ein wenig rötlich schimmernde Haare, die aber, wie ich später im Traum feststellte, entweder eine Perücke waren oder aber, zuweilen von einer (anderen) Perücke überdeckt wurden. Einmal war sie mit blonden Locken aufgetreten. Ich lernte sie als souveräne, kontrollierte, selbstbewusste Frau kennen …
Das Radfahren war auch so eine Sache. Sie war ausgesprochen sportlich, obwohl sie, wenn sie nicht auf dem Rad saß, um sich Stoff zu besorgen, immer ziemlich chice Kleider trug, mit Vorliebe schwarz. Auf dem Rad war sie wie ein Kind. Wild und furchtlos fuhr sie alle Wege, die ihr Mountain Bike zuließ. Da ich im Traum ein Country Bike fuhr, musste ich zuweilen absteigen, wenn es zu gefährlich wurde. Schmale, steil abfallende Uferwege waren eher die Regel als die Ausnahme. Ich fuhr immer hinten ihr. Fühlte mich ein bisschen wie ihr Schutzengel, dochl ich wäre wohl in Notfall kaum hilfreich gewesen. Da waren auch ein paar schnelle Szenen, Flashes, im Traum. Wie sie ihren Körper für Geld verkaufte.
Die feinen Risse in ihrer Fassade erkannte ich erst allmählich. Dahinter sah ich einen zutiefst verzweifelten Menschen. Einmal erzählte sie mir von ihrem Kind, das man ihr weggenommen hatte. War sie nahe dran an jenem Ort in sich drin, wo sie wirklich bei sich war, wo sie wirklich mit dem Herzen dachte und wirklich fühlte, was sie fühlte, kam die Verzweiflung. Stieg auf wie Holz aus den Tiefen eines dunklen Sees. Nur mit dem Gift war das alles zum Schweigen zu bringen.
Diese Wirkliche war sie auch, als sie mir von ihrer Wohnsituation erzählte. Während sie redete, zitterten ihre Hände, denn es war wieder Zeit für eine Radtour in die Metropole.
Das ist alles falsch!, sagte sie. Sie zeigte auf Wohnung mit Sofa und Fernseher. Es ist falsch, weil das ein Leben repräsentiert, das ich gar nicht lebe. Das bin nicht ich. Ich versuche so zu werden und darum ist es eben zugleich auch richtig. Ich versuche es so sehr, bis ich eines Tages auch so sein werde. Bis ich hierher passe. Bis ich auch dazugehöre. Bis ich richtig bin.
Wenn sie so war, war sie wahr. Liebenswert in ihrer ganzen Verzweiflung und Traurigkeit und Echtheit. Als wäre da ein kleines Fenster geöffnet worden.
Schnell genug wurde es wieder geschlossen und wir saßen wieder auf unseren Rädern und kurbelten nach Zürich.
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(((Jetzt, wo ich wach bin und den Traum aufschreibe, glaube ich, dass ich wohl eine Figur des Buches „Für den Rest des Lebens“ von Zeruya Shalev in meinen Traum geholt habe. Rochele, die Pflegerin der sterbenden Mutter, von der aus sich der Romanplot ausbreitet, erzählt Dina, der Tochter, ihre Geschichte. Rochele ist definitiv mit meiner Traumfigur verwandt.)))

Nussknacker, Rasenmäher und andere Alter Egos

Fang schon an. Drauf los, immer drauf los. Schreib! Denk nicht nach, grüble nicht, lass los, schreib los, lass fließ, halt nicht an, zögere nicht, zaudere nicht, bremse nicht. Stell dir vor, auf einer Straße zu fahren, die unendlich breit ist. Keine weißen Streifen, die dich rechts und links beschränken, stell dir vor, du kannst so schnell fahren, wie du schon immer mal wolltest. Kein Risiko, weil du nirgends rein fahren kannst. Einfach losfahren? War das nicht eine deiner Phantasien neulich, wie du von der Pfalz nach Hause gefahren bist? Einfach mal schauen, wie schnell du kannst.
Hm, willst du nicht? Musst du nicht. Aber eigentlich willst du ja doch, du traust dich nur nicht, und das gibt es ja sowieso nicht, so eine lange Straße, so eine Situation, nein, gibt es nicht. Denk sie trotzdem, verlass die Denkschranken nach links, rechts, oben und unten und stell dir mal vor, alles sei möglich, einfach weil es in deinen Gedanken möglich ist. Zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen für alle sei Realität. Was machst du dann morgen? Was machst du heute? Und auch die bedingungslose Liebe sei Realität. Für alle. Niemand ist mehr neidisch, niemand vergleicht mehr.
Weiterschreiben, nicht aufhören, weiter … keine Pause, keine Leere zulassen, nicht jetzt, kannst später wieder langsam sein, kannst später wieder grübeln, geh weiter … was noch, was noch? Was könnte sein, wenn die Grenzen nicht wären, die im Kopf, was wäre, wenn und es wäre dann wirklich so?
Schon fertig? Du hörst auf? Du weißt nicht mehr weiter? Keine Träume mehr, keine Visionen? Und das nennst du Tagträumen, das nennst du drauflos schreiben? Das nennst du …
Der Rasenmäher vor dem Haus ist schuld. Er lärmt, er lenkt mich ab. Anschließend kommt er auch auf die Rückseite des Hauses und dann guckt der Mann in mein Schlafzimmer und sieht mich auf dem Bett sitzen und schreiben. Oder er guckt mir beim Yoga zu. Ich müsste die Läden wieder halb zuziehen. Ich denke über den Mann und den Rasenmäher nach und vergesse dabei, dass ich drauflos schreiben soll. Will. So läuft das bei mir. Nix mit grenzenlos. Geht nicht bei mir so was. Ich lass mich zu schnell ablenken.
Und? Fang einfach immer wieder an. Eines Tages wird es dir gelingen und du wirst schreiben, einfach schreiben, ohne innezuhalten, ohne Tippfehler laufend zu korrigieren, einfach nur schreiben, dich ausleeren, und dann, wenn alles leer ist und groß und weit, wirst du endlich anfangen zu erzählen. Das, was du immer wieder getan hast, und neues, und anderes, und dann wirst du keinen Gedanken mehr an die da draußen verschwenden, die mit Rasenmähern und anderem dein Leben stören. Störfaktoren wird es immer geben, es ist an dir, ob du dich stören lässt.
Nun ist er auf der anderen Seite, und ich habe es verpasst die Läden zuzuziehen. Er wird vor meinem Fenster auf und ab gehen.
Na und?

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Pillangó hat mich inspiriert. Gestern hat sie einen Ausschnitt aus ihren Morgenseiten verbloggt. Andere bloggen hin und wieder Ausschnitte aus ihren Automatisch-Schreiben-Séancen. Und ich wage es heute einfach auch einmal, so was ungefiltertes zu bloggen, wie meine heutige Morgenseitenschreibe (die ich ein klitzekleinwenig redigiert habe: enttippfehlert, ein paar Satzzeichen und zwei-drei Wörter eingefügt). Neuestens schreibe ich meine Morgenseiten mit der externen Bluetooth-Tastatur ins iPhone. Ich schreibe nämlich auf Tasten schneller als auf Papier.
Das unmittelbare Schreiben soll mir helfen, ein paar Nüsse zu knacken. Ich habe ein neues Manuskript angefangen, eins wie ich es noch nie gemacht habe. Normalerweise wenn ich eine Geschichte zu schreiben beginne, weiß ich, worum es gehen wird. Den Plot. Und ich habe mich bereits mit den Figuren angefreundet, habe ihnen diese und jene Biografie angehängt und weiß, was sie mögen und was sie nervt. Noch nicht im Detail, doch das wird im Laufe des Schreibens dann immer klarer. Sie werden ihr Eigenleben entwickeln, keine Frage, doch im großen Ganzen weiß ich, was geschehen wird.
Dieses eine Mal will ich die Figur ganz bewusst eins meiner Alter Egos sein lassen. Ich – wie ich gerne wäre. Eine Figur, die vor mir hergeht, die mir die Steine aus dem Weg räumt, entschlüsselt, was ich nicht verstehe, tut, was ich nicht zu tun wage. Mein mutiges Alter Ego. Nein, weder habe ich den Plan, dass daraus ein Buch wird, das ich eines Tages veröffentlichen will, noch habe ich die Absicht, etwas „richtig gutes“ zu schreiben, ich will einfach schreiben. Mein Drehbuch? Vielleicht.
Die unmittelbare, automatische Schreibe hat den Vorteil, dass ich so schnell schreibe, dass ich mich dabei nicht zensurieren kann. Ich höre meinen Gedanken zu und schreibe sie auf noch während ich sie denke. Gut, dass mache ich auch, wenn ich an einer Geschichte schreibe … Doch bei einer Geschichte hat die Straße bereits weiße Linien. Und Leitplanken rechts und links.
Wie viele Gespräche habe ich schon mit Irgendlink über die Chancen und Grenzen des Liveschreibens und die zeitliche Verzögerung geführt! Sein aktueller Versuch gilt dem Live-Twittern, wobei das einzelne Tweet seine Leitplanke für eine spätere Vertiefung des Textes sein könnte. Sich immer näher an die Gegenwart heran tasten …

Fang schon an. Drauf los, immer drauf los. Schreib!

Aus der Zeit gefallen

Wenn ich auf dem einsamen Gehöft bin, beim Liebsten, habe ich nach ganz wenigen Stunden bereits das Gefühl, gar nie weggewesen zu sein. Besonders jetzt, wo es sommerlich-hochsommerlich ist und wir mehr oder weniger die ganze Zeit draußen sind.
Am Freitag wars, wo ich zu J. sagte, dass ich gestern auf dem Weg hierher darüber nachgedacht hätte, dass, und er mich unterbricht und fragt gestern?, und ich sage ja!, und er fragt, bist du erst gestern gekommen? Das Fluidum Zeit wird hier oben auf dem Berg – im Zerrspiegel der Ewigkeit – neu geformt, neu gegossen, und verspottet alle Uhren.
Wie Irgendlink gestern auf dem Dach herumklettert, um die schwarzen Wasserschläuche, die die Dusche zukünftig wieder mit Heißwasser versorgen sollen, zu befestigen, war mir, als sei eben erst noch Frühling gewesen und es werde wieder Sommer, diesmal zu zweit zu erleben. Jetzt.

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Doch als wir später auf einer Geocache-Tour durch den nahen Wald spazieren, schimmert unverkennbar frühes Herbstlicht durch die Äste. Elf Caches auf einen Streich gilt es zu finden. Zehn davon pflücken wir praktisch ohne Anstrengung, einer verbirgt sich erfolgreich vor uns.

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Hach, wie freue ich mich auf eine Dusche, Liebster, wie ich schwitze! Ein Satz, den ich unterwegs immer mal wieder mit glückseligen Lächeln ausspreche. Wie ich mich freue! Endlich hat die Dusche im schon vor Jahren zum Badehaus umgebauten Silo wieder Warmwasser – und erst noch sonnengewärmt. Wie wenig ich zuweilen brauche, um glücklich zu sein. Und wann habe ich eine Dusche je genossen als diese dreieinhalb Minuten gestern Abend.
Später eine sternklare Nacht am Lagerfeuer. Vega am Westhimmel. Zeit, die einfach irgendwann stehengeblieben ist.
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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).