Menschen und andere Menschen

Ich sauge im Schlafzimmer Staub und denke an diesen Nordkoreaner. Shin Dong-Hyuk. Ich bringe ihn einfach nicht mehr aus meinem Kopf, seit ich heute Morgen seine Geschichte gelesen habe. In den frühen Achtzigern geborener Sohn eines wegen politischer Aktivitäten inhaftierten Elternpaares wuchs er hinter Gittern auf. Immer zu wenig zu essen, keine Schulbildung, Zwangsarbeit und Gewalt waren für ihn das Normale. Die Welt jenseits der Stacheldrahtes kannte er nicht, konnte sie sich auch kaum vorstellen. Erst als junger Erwachsener erfuhr er von einem Kameraden mehr über die Welt da draußen und schließlich gelang ihm die Flucht, dem Kameraden nicht. Heute lebt Shin in den USA und in Südkorea. Seine Geschichte*, die Blaine Harden aufgezeichnet hat, ist nun auf Deutsch übersetzt worden und so haarsträubend, dass wir uns das nicht wirklich vorstellen können. Im neuen Magazin von Amnesty International stehen noch viele andere Geschichten, die mich nach Luft ringen lassen. In meiner gemütlichen Wohnküche sitzend spüre ich Tränen auf den Wangen. Und Wut im Bauch. Doch vor allem Hilflosigkeit. Das wenige Geld, das ich AI ab und zu spende, ist ein winziger Tropfen Wasser ins Feuer. Menschen sind es, immer Menschen, die anderen Menschen das Leben zur Hölle machen. Menschen zerstören andere Leben. Manchmal sind es Naturkatastrophen und manchmal sind es Selbstunfälle, die ein Leben von einer Minute auf die andere auf den Kopf stellen. Doch meistens sind es andere Menschen.
Ein Kreislauf, der von Eltern an Kinder weitergeben wird. Wie im Buch Die Perspektive des Gärtners von Håkan Nesser, das ich gestern Abend fertig gelesen habe. Ein Täter, der selbst Opfer war. Wird sein zweites Opfer, ein sechsjähriges Mädchen, das er nicht umgebracht, aber anderthalb Jahre isoliert und gewiss gequält hat, je wieder normal leben können? Oder hat er es für immer zerstört?
Das große Warum? stellen sich alle Menschen irgendwann in ihrem Leben und die Antworten fallen so vielfältig aus, wie die Menschen, die sie stellen.
Ich sauge nun im Wohnzimmer Staub und denke darüber nach, wie es denn richtig sein müsste, das Leben. Ein müßiges Thema, auf das ich, seit ich bewusst denken kann, erfolglos eine Antwort suche. Tage wie heute, die ich mehrheitlich in der „richtigen“ Welt verbringe, sind zurzeit in der Minderheit. Einen großen Teil meiner Arbeitstage verbringe ich in der virtuellen Welt, schreibend oder mit Blogarbeiten und Mailantworten beschäftigt. Haushalt mach ich nebenher. Doch heute war Putzen angesagt – inklusive frische Betten. Ist das richtig? Ist es richtig, meine (scheinbar) heile Welt, zu pflegen? Wäre es nicht richtiger, irgendwo auf der Welt, Feuer zu löschen? Auch solche Fragen habe ich schon rauf und runter gewälzt. Und auch hier habe ich für mich nie eine wirklich befriedigende Antwort gefunden. Antworten auf große Fragen überleben bei mir nie lange. Seifenblasen, die der Wind mitnimmt.
Staubsaugen ist ein Ritual! Auf einmal steht dieser Satz vor mir und will gehört werden.
Ein Ritual?,
frage ich ihn.
Du bringst deine Welt in Ordnung. Diese Welt braucht Ordnung. Alle tun, was sie können. Oder sagen wir mal, die meisten. Viele jedenfalls!,
antwortet mir der Satz.
Ich glaube ihm nicht so ganz, zugegeben. So ein dahergelaufener Satz, kann ja behaupten, was er will. Ob es wohl mehr Menschen gibt, die das Gute anstreben – das ich mit lebensfördernd, rücksichtsvoll, nachhaltig, global, gerecht und dem Kollektiv dienend umschreiben will – oder mehr Menschen, die kurzsichtig, gewissen- und rücksichtslos, egoistisch, korrupt und gewinnorientiert denken und handeln? Schwarzweiß gibt es nicht, wir alle haben alles in uns. Oft können wir wählen. Tun wir es auch, und wie?
Und wie kann ein Mensch wie Shin Dong-Hyuk heute leben? Er sagt, dass er erst in der Freiheit jene Schmerzen erkannte und begriff, die er sein bisheriges Leben lang, immerhin dreiundzwanzig Jahre, einfach, ohne darüber nachzudenken, ertragen hat. Wie kann er heute in dieser Welt leben? (((Adelt Leid wirklich?)))
Wie ich später den Abfallsack zusammenschnüre und nach draußen stelle, denke ich über die ganz persönliche Psychohygiene nach und wie wichtig es für mich ist, dass ich hinschaue: Reflexion meines Lebens in liebevoller Haltung. Wie der tägliche Blick in den Spiegel. Kann ich mir in die Augen schauen?
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* Blaine Harden: Flucht aus Lager 14, DVA Sachbuch Verlag, München 2012
Zitat aus dem erwähnten Interview:

Was treibt Sie an?
Materiell geht es mir heute viel besser. In dieser Hinsicht führe ich ein gutes Leben. Aber ich habe noch immer psychische Probleme. Ich lebe in Washington D.C, und Seoul, doch es gibt keinen Flecken auf der Welt, den ich meine Heimat nennen könnte.

Quelle: Amnesty – Magazin der Menschenrechte. Nr. 72/Dezember 2012. Zitiert aus: The Wire (Magazin des Internationalen Sekretariats von Amnesty International)

Die Muffe

Oh, das Wort gibt’s sogar, das ich mir überstülpen wollte. Für Dezember nur, für dreieinhalb Wochen. Als Schutzmauer, bis Weihnachtsklimbim vorbei ist.
Weihnachtsmuffe, meine weibliche Form zu Weihnachtsmuffel. So jedenfalls mein Gedanke. Doch die Suchmaschine wusste es besser. Sie meint, Muffe sei ein Teil zwischen zwei Teilen. Passt ja irgendwie fast besser zu mir. Brücke. Verbindung. Übersetzerin. Überbringerin. Botin. Wie auch immer: Muffe statt Muffel passt besser und sitzt eigentlich wie angegossen.
Ob es das schon als Berufsbezeichnung gibt? Ich könnte Workshops anbieten. Alles besser als so einen Muffeltag wie heute. Nach zwei Wasserschäden an einem Tag – Sofa und Laptop mit Getränken geflutet, nun (auf dem alten Laptop schreibend) das Trocknen abwartend und hoffend, dass er bald wieder mit mir spielen will – habe ich vor, den Resttag mit Bier und Buch auf dem Restsofa (trockene Hälfte) zu verbringen.
Vorher per Mail mit Irgendlink über Deiche philosophiert. Und über Wellenbrecher. Und dass vieles im Leben so tut als wäre es was anderes. Dinge und Menschen. Danach gedacht , dass wir nie wissen, was wirklich ist, weil sich jede Wirklichkeit sogleich von der nächsten überholen lässt. Meereswellen – sie kommen und gehen. Schwemmen Treibholz mit sich mit – Ideen für den nächsten Tag.
Gut, dass du sein Autor bist, nicht ich!, schrieb ich über eine von Irgendlinks Romanfiguren.
Ob meine altvertrauten, schlummernden Romanfiguren, die ich heute zu neuem Leben erwecken wollte, wohl froh sind, mich als ihre Autorin zu haben?

Warum Marius der Richtige sein könnte

Verflixt! Natürlich will ich! Nichts lieber. Vorwärts. Drauflos ohne zu denken. Eintauchen. Genießen. Schwimmen. Mit dem Strom und gegen ihn. Ich sitze am Küchentisch in der Künstlerbude. Auf dem einsamen Gehöft. Novembernachmittag und der Liebste unterwegs in Sachen Kunst, als Hüter einer laufenden Ausstellung.
Schreiben wolle ich, endlich mal wieder, sagte ich, bevor er sich auf den Weg machte. Doch zuvor hole ich mir einen Becher Joghurt – Reiseproviant muss sein. Ich setze mich wieder hin und lasse meine Gedanken zur Klippe hin spazieren, an den Rand. Dorthin, wo das Meer unter mir rauscht und riecht und wo ich den Rand der Welt sehen kann. Dort, wo meine Ideen sich am liebsten tummeln. Dort, wo sie oft auf mich warten. Dumm nur, dass meine Kehle brennt. Ein Schluck kalter Tee schafft Abhilfe.
Gut. Wo waren wir gleich? Ah, ja, mental gehe ich erneut den Weg zur Klippe. Los, los …
Doch nun friert es mich. Ich stehe auf und lege Holz nach und erneut die Finger auf die Tasten. Stopp, eben ist eine Mail angekommen. Von wem sie wohl ist? Nur schnell gucken … bin gleich wieder da, versprochen!
So, Mädel, jetzt aber … spann das Netz auf! Fang sie endlich ein, die Wörter! Tauch ein ins Buchstabenmehr. Schwimme! Lass dich ein, genieß die Trance. Oh, das Handy bimmelt. Eine SMS von Irgendlink. Ausschalten? Oder doch spazieren gehen? Es klopft. U. und N. sagen kurz Hallo!, bleiben aber nicht lange, richten Grüße aus.
Und wieder stehe ich am Rand der Klippe. Nein, zuerst schaue ich auf die Uhr. Was, schon fast fünf! Nein. Vergiss die Zeit. Schreib! Jetzt.
Schreiben ist melken. Die Ideenkuh um ihre Milch erleichtern, die sie aus grünem Sommergras, längst Heu geworden, geschaffen hat. Weil es ihre Natur ist. Mein Gras sind die Buchstaben und meine Natur die Wörter, Sätze, Geschichten. Alle Wörter aus allen Geschichten, die ich auf meiner Festplatte hüte – die angefangenen, angedachten, beinahe fertigen, erst geplotteten, gesponnenen, gewobenen – alle zusammen in einen Topf schnippeln, Wasser dazu und Salz, Zwiebeln und Knoblauch … umrühren, aufkochen … Wie es wohl schmecken würde?
Ich lese mich ein, da und dort, zappe mich zum nächsten Ordner und treffe Altbekannte. So viele Texte! So viele Ideen! Ein zauberhafter Vormittag in meinen Kellerräumen geht wie im Flug vorbei.
Nach dem Essen machen wir ein Nickerchen. Während Irgendlink schnell abtaucht, steht meine Kellertüre viel zu weit offen, als das ich schlafen könnte. Ist ja logisch, dass alle hinauf kommen, wenn die Türe geöffnet ist:
Stephanie, die soziopathische Lehrerin und Ivan, die Romanfigur setzen sich nebeneinander in den Warteraum in meinem Kopf und betrachten sich verstohlen. Kennen wir uns?, fragt sie. Nun kommt Lia, die als versponnene Bloggerin Clio das WWW aufmischt und dabei Henrik den Kopf verdreht. Nein, halt, Henrik ist doch der Autor jener Liebesgeschichte, die Stephanie im Internet gelesen hat – wo Ivan die Hauptfigur ist? Hm. Nein, Ivan war doch … und wie hieß gleich der schräge Leser von Clios Blog? Benno? Nein, Benno ist der Musiker, der von Marc verfolgt wird, nachdem seine Freundin Birgit diesen indirekt für den Suizid ihrer Mutter verantwortlich gemacht hat. Und Rona, Olivia und Camilla? Ach ja, die drei haben auch einiges erlebt. Zum Glück ist Marius aufgetaucht – und Nonna war zur Stelle, als es Camilla so schlecht ging. Und Elena! Elena, die nicht mehr konnte – Dario könnte eigentlich ihr Bruder sein. Auch er hat aufgegeben. Doch Christa und Irène werden es schaffen, da bin ich fast sicher. Wie genau, weiß ich allerdings noch nicht. Vermutlich werde ich es erst wissen, wenn ich es selbst geschafft habe.
Von allen Figuren sind mir Christa und Rona am ähnlichsten. Rona, die mir vorgemacht hat, wie man zurück ins Leben findet, die mir gezeigt hat, dass der erste Schritt nicht immer so schwer sein muss, wie ich immer dachte. Rona, die über ihren Schatten gesprungen ist. Ihre Liebesgeschichte, die ich vor langem geschrieben habe, wurde Jahre später durch meine eigenen Wirklichkeit sozusagen verwirklicht. Sowas soll vorkommen. Ach, ja, wo wir schon dabei sind … all die Liebesszenen, die ich in meinem Keller gefunden habe, schön sind sie. Ich staune über Texte, die ich längst vergessen habe. Erotische ebenso wie witzig-ironische. Längst nicht alle sind depressiv, längst nicht alle Figuren stehen am Abgrund.
Und jetzt sitzen sie alle da, warten auf ihren Auftritt, warten darauf, dass ich ihnen das Skript in die Hand drücke. Wie es wäre, sie alle im gleichen Stück auftreten zu lassen? Wie es wäre, alle diese angedachten Geschichten – schon geplottet und zum Teil geschrieben – miteinander zu verweben?
Mir fällt ein Schreibprojekt aus meinem Deutschunterricht ein. Wir Siebzehnjährigen hatten die Aufgabe, uns eine Figur auszudenken und über sie drei oder vier kurze Alltagsszenen zu schreiben. Einzige Vorgabe war eine bestimmte, per Los ermittelte Tageszeit. Was genau tut meine Person um 14:15? Und was tut sie um 18:30 und um 22:45? Unsere Szenen fügten wir anschließend zu einem ganzen Tag zusammen. Eine tolle Geschichte haben wir da gewoben. Sie lässt mich an Short Cuts denken, jenen Film aus den Neunzigern von Altman: Ausschnitte aus den Leben von Menschen, die einzig durch wenige Gemeinsamkeiten miteinander verbunden sind: Alle wohnen sie in Los Angeles und alle waren betroffen von einem Erdbeben am Schluss des Filmes. Auch kommt in allen Eröffnungesszenen ein Helikopter vor. In meiner Geschichte ließen sich mindestens so viele Gemeinsamkeiten finden. Nur schon, dass fast alle in Bern spielen. Oder spielen könnten.
Die Lust, zu spinnen ist da. Zugegeben, die Arbeit scheue ich, die Planungsarbeit vor allem, die Kopf- und Denkarbeit, obwohl … die Lust, einen übergreifenden Plot aus all den Geschichten zu weben, wabert bereits durch Herz und Kopf. Hey, warum nicht gleich eine Trilogie? Think big, Sofasophia! 🙂
Ähm, und das soll ich jetzt bloggen? Okay … ist ja schließlich mein Blog.

Schwestern

Eine Weile her. Angefangene Geschichte. Unvollendet wie viele. Über Clio schrieb ich, die mit ihren Selbsten zusammensitzt, sich mit ihnen austauscht. Nein, dazu muss eine nicht schizophren sein, überhaupt nicht. Wir alle sind viele. Schon Pessoa wusste es. Und vor ihm andere, gewiss. Ach, möge sie in Frieden ruhen, meine Clio, denn heute erzähle ich von uns. Vom siamesischen Zwillingspaar. Ich bin sie. Sie sind ich. Alle. Mehrere. Viele. Ich bin die depressive Schwester, nennen wir sie Dolorosa, und ich bin ihre lebensfrohe Schwester, Allegrina. Eine, die sich traut und eine die vor jedem neuen Ding erst einfach mal Schiss hat, sich nichts zutraut. Und immer ist eine von beiden ein bisschen mehr am Ruder. Doch sag, ist eine von beiden nun weniger real als die andere, nur weil sie im Augenblick stiller und ein bisschen anders ist?
Ach hör nur, wieder nörgelt Dolorosa an Allegrina herum, weil diese den Dingen, so behauptet sie, nicht mit dem nötigen Ernst begegnet. Und Allegrina? Ach, sie nervt sich, ein klein bisschen jedenfalls, über die Behäbigkeit und Schwermut Dolorosas, weiß aber, denn darin ist sie ihrer Schwester überlegen, in ihrer heiteren Weisheit, dass es nichts bringt, sich zu nerven. Verlorene Energie. Verschwendete Kraft. Besser vorwärts gehen.
Doch geht zusammen vorwärts gehen, zumal wenn man nur zwei Beine hat, am besten, wenn man sich über die Richtung einig ist. Ach, wie oft wir schon gestolpert sind! Wie oft wir schon gefallen sind! Immer wieder haben wir uns hochgerappelt, manchmal allein, manchmal uns gegenseitig unterstützend, manchmal war auch Hilfe anderer notwendig.
Doch noch mehr bin ich, noch mehrere. Auch die, die ich vor einem Jahr war, als ich in Deutschland lebte. Und die auch, die vor sechszehn Monaten durch Schweden reiste. Vor zehn Jahren war ich die Mutter eines kleinen Jungen. Vor vierzig Jahren ging ich in der ersten Klasse. Und auch die, die im Bauch meiner Mutter der Geburt entgegen wuchs, war ich. Davor die Ungezeugte. Die Idee. Ein Funke. Ein Tropfen. Ein Punkt. Davor weniger als ein Punkt. Die Nicht-Idee. Die Nichtseiende. Nichts.
Im Nichts ist immer auch alles. Jetzt.

ich müsste platzen

Machen uns Illusionen möglicherweise zu besseren Menschen? Weil sie uns das Leben von seinen schönsten Seiten zeigen? Weil sie unseren Glauben an das Schöne-Gute-Heilsame aufrecht erhalten? Weil sie uns glücklich machen? Es sind ja auch die guten Menschen in unserem Leben, die uns zu besseren Menschen machen (können). Gut ist ansteckend. Schlecht allerdings auch. Was ist es, was uns wie entscheiden lässt und ist dieses Es außen oder innen? Huhn oder Ei?
Schreibend verbinde ich meinen ganz persönlichen Hühnerstall mit dem Ei in der Pfanne. Schreiben ist für mich ein notwendiger Stoffwechselprozess. Nicht das Geschriebene an sich zählt primär, sondern der Prozess. Er ist unabdingbar und überlebensnotwendig. Wie das Scheißen.

Wir gehören einer Sippe an, die mit Wörtern um sich wirft. Wir produzieren mehr Kultur, als wir verdauen können.

Jostein Gaarder in: Der Geschichtenverkäufer
Natürlich stellt mich Gaarder mit diesem Buch ganz schön in Frage. An einer Schlüsselstelle des Buches lässt sich Gaarders Protagonist Petter genau über meine Spezies Mensch aus: Über (uns Möchtegern-)Autorinnen und Autoren. Nicht eben rühmliches lese ich. Da ist von Eitelkeit die Rede, von Einfallslosigkeit und von solchen Schreiberlingen, die zwar ihr Handwerk, das Schreiben, beherrschen, aber nichts zu sagen haben. Die in der Mittelmäßigkeit und Alltäglichkeit vor sich hin dümpeln. Denen verkauft Petter seine Ideen. Jeder und jedem einzelnen vermittelt er das Gefühl, die oder der Einzige zu sein. Auserwählt. Und natürlich wird eine Autorin nach einem Bucherfolg niemals verraten, dass sie die maßgeschneiderte Idee (den Plot, das Sujet) auswärts eingekauft hat. Petter ist sicher mit seinem Geschäft. Jedenfalls bis ihn jemand ablehnt und auch nur so lange niemand seinen Schriftstellerkumpels erzählt: Da hat mir doch neulich einer versucht, eine Synopsis zu verkaufen.
Die Frage steht ebenfalls im Raum (und im Buch), ob eine Erzählung wirklich ohne Einflüsse von außen werden kann. Nur aus dem Innern eines Menschen geboren. Petter, der Ich-Erzähler dieser immer abstruser werdenden Geschichte, stellt sich quasi als unermesslichen Brunnen dar, der aus den tiefsten Tiefen der unermesslichen Ideenquelle stetig schöpft und ständig neue Geschichten zu erzählen in der Lage ist. Ich denke immer wieder über diesen Ansatz nach, seit Tagen schon. Seit ich das Buch lese. Wir haben sogar schon darüber diskutiert, in Blogs irgendwo, dass alles, was wir von uns geben, irgendwelchen Einflüssen geschuldet ist. Einer Inspiration.
Scheiden wir aus, was wir mehr oder weniger autonom verdaut haben oder plappern wir zuvor Aufgenommenes einfach nur nach? Wie sähe wirkliche Originalität ohne jegliche Außeneinflüsse aus?
Ein kreativer Ansatz, originelles Denken, ungewöhnlich witzige oder ernsthafte Herangehensweisen an Themen, scharfsinniges Infragestellen sind mögliche Verdauungsvorgänge, die dafür sorgen, dass das erzeugte Stoffwechselprodukt unverwechselbar mit mir (mit dir, mit ihr) in Zusammenhang gebracht wird. Bildsprache nennt sich das in der bildenden Kunst. Beim Schreiben ist es nicht anders.
Petter durchschaut den Buchmarkt, erkennt die Zeichen der Zeit, hängt die Fahne nach dem Wind (und ich reihe hier Klischee an Klischee). Petter weiß darum, was gefragt ist. Und das liefert er (also auch er den jeweiligen Einflüssen gehorchend?). Er ist käuflich und er lebt gut von seinen Ideen. Er verzichtet auf den Ruhm, weil er lieber Ideen als ganze Romane gebärt und dafür erst noch Geld bekommt. Viel weniger anstrengend als ganze Romane schreibenund danach im Rampenlicht stehen zu müssen. Lieber sieht er „seinen“ Schriftstellerinnen und Autoren zu, wie sie mit seinen Geschichten Bestseller schreiben.
Er zeugt Kinder, sozusagen, doch er sieht ihnen nicht, oder nur aus der Ferne, beim aufwachsen zu. Das tut er, im Laufe der Geschichte sogar in seinem wirklichen Leben. Eine einzige Frau, Maria, die ihm das Wasser reichen kann (nein, bescheiden ist Petter nicht), lässt sich von ihm – von ihr gewünscht doch in gegenseitiger Absprache – schwängern und verschwindet anschließend nach Schweden. Seine Tochter sieht er nur wenige Male, mit dreijährig das letzte Mal. Eine Metapher und eine Realität, die zu Petters Leben passen. Sein Hühnerstall.
Nein, ich schreibe in erster Linie nicht, weil ich etwas zu erzählen habe (also mit dem Publikum vor Augen, das gebannt an meinen Lippen hängt, nicht missionarisch getrieben also), sondern ganz einfach, weil ich schreibend verdaue. Ich werfe, mit Gaarder gesagt, mit Wörtern um mich, weil ich sonst ersticken würde. Weil ich platzen müsste. Erst zweitens, weil es mir Freude macht, meinen Gedanken eine schriftliche Form zu geben und drittens, weil zuweilen dabei etwas entsteht, das geteilt werden will. Eitelkeit? Nenn es wie du willst, Petter, ich nenne es überlebensnotwendig.

Dünne Wände

Allerheiligen steht vor der Tür. Der Todestag meiner Tante M. jährt sich zum ersten Mal. All Hallows‘ Eve. Die Türe nach drüben ist dünner als sonst, diesseits und jenseits rücken zusammen und die Toten winken. Egal, ob sie das wirklich tun oder ob ich einfach nur anders, sensibler auf die Anderswelt reagiere.
Wie viel wiegt Liebe? (siehe dazu auch den gleichnamigen Blogartikel von letztem Jahr über das Leben, den Tod und meine Tante: hier klicken)
Die Welt, wie sie ist. Die ganze. Die Ausschnitte von ihr, in denen ich mich bewege. Ist Australien Wirklichkeit, obwohl ich noch nie dort war? Ist wirklich nur das, was ich kenne, was ich anfassen und anschauen kann? Ist Denken eine Lüge?
Wie wirklich, wie wirksam bewirke ich? Meine zähe und oft genug halbherzige Stellensuche – mangels wirklicher Kenntnis dessen, was ich wirklich will. Viel Zeit, die ich für mich und mein Ding habe. Hätte, wenn ich es denn bloß mehr genießen könnte. Denn eigentlich könnte ich gut immer so leben. Von Langeweile keine Spur. Schmarotzerin? Ich arbeite viel, denke ich, in rechtfertigendem Ton, Kind einer Gesellschaft, in der Arbeit und Tun eine heilige Kuh ist. Ich arbeite viel, ja, doch fast immer ohne Lohn, fast immer an brotlosen Projekten und ja, ich beziehe Arbeitslosenentschädigung. Eine Schande ist das zum Glück hierzulande und heutzutage nicht mehr. Ein Makel dennoch. Und die Zeit, die Rahmenfrist, läuft. Gegen mich.
Immer wieder träume ich vom bedingungslosen Grundeinkommen. Ich habe hier schon früher darüber geschrieben. Hätten wir es bereits eingeführt, würde es mir den Rücken freihalten (dir auch). Damit ich weiter in diesem sehr organischen, friedlichen Rhythmus des künstlerischen Schaffens und Müßigganges leben könnte, den ich – wenn auch nur auf Zeit – für mich gefunden habe.
Lebendiges, waches und einfaches Leben statt eins im Hamsterrad von Leistung und Kommerz.
Die Welt, wie sie ist. Ausschnitte. Alles. Immer. Heute. Allerheiligen.
**********
Liebe Blogleserinnen und Blogleser aus der Schweiz
Bitte unterschreibt die Eidgenössische Volksinitiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ bis spätestens in einem Jahr. Nicht nur mir zuliebe, auch für dich, euch und für eine friedliche Gesellschaft in der der Lebenswert eines Menschen nicht mehr an seiner Arbeitsleistung festgemacht wird.
mehr: bedingungslos.ch

Tatorte und andere Baustellen

Was bin ich verkatert! Ich habe geschlafen wie Schweizer Käse, mit vielen Löchern drin. Und viel zu wenig. Kate Atkinson mit ihre Buch Liebesdienste hat mir das Einschlafen schwer gemacht, der gestrige Tatort nicht minder. Eine gut erzählte und gut gespielte Geschichte mit dem sympathischen Münchner Ermittlerduo. Geld und Gier, Eifersucht und Machtkämpfe sind doch immer wieder gute Elemente für einen Krimi. Auch wenn sich die RezensentInnen wie immer uneinig über den angeblichen Gähn-Faktor des Filmes sind.
Kaum sind wir wach (sind wir das?), skizziert mir Jürgen seinen neuen Romanplot. Ich werfe ein paar kleine Anregungen ein und das Ganze wächst buchstäblich vor meinen Augen.
Schreib!, denke ich, schreib-schreib-schreib! Der Plot überzeugt und lässt sich beliebig ausbauen. Die Struktur der Geschichte ist simpel, die Figuren lebendig und alles miteinander hat das Zeug zu einem guten Buch. Nur: ob es je geschrieben wird?
Wir haben beide ein ähnliches Problem, seufze ich über meinem Trinkglas, wir beiden haben immer so viele Ideen und so viele Baustellen, dass wir kaum etwas wirklich abschließen können. Dafür fangen wir immer wieder neue Projekte an. Zu viele Fäden ohne Ende …
Irgendwie ist da einfach zu wenig Lebenszeit, all das, was mir wichtig ist, anzufangen, umzusetzen, zu vollenden. Weil ich das erkannt habe, fange ich oft mit dem Neuen gar nicht erst an. Oder höre mittendrin auf. Die Zeit …
Die Zeit rennt!, seufzt der Liebste, der heute Nachmittag wieder in die Pfalz zurück muss. Abends eine Sitzung. Derweil der Drucker die noch leeren DVDs für den Ums-Meer-Film mit einem kunstvollen Cover bedruckt (bestellbar ist der Film bei homebase(at)europenner.de, für mehr Infos: hier klicken).
Baustellen – ich frage mich, wie andere das schaffen. Oder eben auch nicht. Oft fühle ich mich im Leben drin wie ein Stück Stoff, an dem von all meinen Ideen – und auch von den Pflichten und diesem und jenem Ding oder Menschen – nach allen Seiten hin gezogen wird. Wohin auch immer.
Mehr zu mir hin, hoffentlich.

Belohnungen

Ein heikles Thema, zugegeben, doch Strafen als Thema wäre noch heikler.
Nachdem ich heute und gestern und am Montag schon total viel geschuftet habe, im Haushalt ebenso wie am Rechner an einem Artikel und einer spannenden Bewerbung, bin ich nun bereit für die Belohnung.
Es gab eine Zeit, da habe ich mich alle paar Stunden mit einer Zigarette belohnt – Tempi passati! Oder mit einer Reihe Schokolade (gut, das tu ich noch immer, sehe es aber nicht mehr als Belohnung, sondern gönne es mir einfach. Weil ich es mag).
Heute sehe ich Belohnungen weniger im Zusammenhang mit erbrachten Leistungen als dass ich mir einfach hin und wieder etwas gönne, was ich gerne mache und was mir gut tut. Die Kür nach der Pflicht sozusagen. Blogschreiben nach einem Bewerbungsbrief zum Beispiel. Buchlesen nach Artikelschreiben. Stopp! Artikelschreiben ist ja Kür. Und doch Arbeit. Was mich auf den Gedanken bringt, dass das Konzept Arbeit = Pflicht zum Himmel stinkt. Sehr sogar. Arbeit = Kür wäre doch eigentlich viel toller. Und das ist das Artikelschreiben ja. Na also.
Was ich mir jetzt gönne? Dreimal raten …
1.) …
2.) …
3.) …
(ja, richtig, ich besuche den Baumarkt (siehe zum Beispiel hier) – Fortsetzung folgt …)
Und übermorgen – nur noch zweimal schlafen – belohne ich mich und meinen Liebsten mit dem tollsten Highlight dieses Herbstes:
Patent Ochsner live in der Mühle Hunziken, dem ge***sten Lokal der Welt.  >>> DER Klick zum Sound!
—-
Und du – womit und wie belohnst du dich?

Buntes Ding

Was läuft da eigentlich ab und wieso greifen aktuell alle Ereignisse und Informationen mühe- und nahtlos ineinander über, als hätten sie etwas miteinander zu tun? Weil alles zusammenhängt?
Alle sagen und alles sagt mir dieser Tage, dass ich gut zu mir schauen soll. Dabei geht es um meine Ressourcen. Um mein Wohl. Um meine Seele. Was immer das ist. Ob das Leben mich auf diese Weise auffordert, etwas zu tun? Doch kaum schreibe ich diesen Satz, wird mir klar, dass ich diesmal nichts unternehmen, dafür ganz viel los- und zulassen darf.
Zwar steht die Seele nicht grundsätzlich im Widerstreit zu Kopf, Verstand und Vernunft, doch so, wie ich mich zuweilen verhalte, reiben sich diese beiden Instanzen oft aneinander. Diese unsichtbare Etwasse, die niemand fassen, definieren und messen kann. Dass die Seele 21 Gramm wiegt, ist nur eine These. Und dass es sie überhaupt gibt, auch. Allerdings eine wenig umstrittene.
Für mich ist sie unter anderem das Licht oder das Energie-Kraftwerk des Menschen. Liegt ein Mensch im Koma, dann, weil die Seele verschwunden ist. Vielleicht liegt sie nur zusammengerollt auf dem Dachboden oder im Keller oder aber sie hat sich ganz und gar aus dem Staub gemacht. Das zeigt sich daran, ob der komatöse Mensch eines Tages wieder aus seinem Koma erwacht. Tut er das, dann darum, weil das Licht, die Energie, wieder da ist. Oder erwacht er und dann kommt das Licht wieder? [Huhn oder Ei?] Nein, das sind keine medizinisch fundierten Erkenntnisse. Nur Gespinste.
Wo geht sie hin, die Seele, wenn sie mich verlässt? Ist sie unsterblich, wiederkehrend, endlich, sterblich? Oder sich im Großen Ganzen auflösend? Ins Große Meer sich ergießend? Oder womöglich sich zerlegend und in einzelnen Teilen wiederkehrend? Ich habe in meinem Leben diesbezüglich schon viele unmögliche und mögliche Ansätze betrachtet, geglaubt, verworfen. Ob ich mich in diesem Bereich wirklich nach einer wissenschaftlichen Antwort sehne, nach einer letzten, unumstößlichen Antwort? Nein. Ich mag die vorläufigen. Die austauschbaren. An letzten Antworten auf solche Fragen bin ich nicht interessiert. Ich würde ihnen misstrauen. Da suche ich mir lieber eigene.
Dass die Seele das Licht des Menschen sei, ahne ich. Das Licht jedes Menschen ist aber nicht nur in der Seele, auch die Schatten nicht. Und umgekehrt ist die Seele für mich mehr als nur der Ort, wo das Licht des Menschen wohnt. Weitere Aufgaben der Seele sind für mich das Senden und Empfangen nonverbaler Inhalte. Wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wie wir auf Dinge reagieren, wie wir Dinge anpacken. Worauf wir uns einlassen und warum. Und auch all das, was hinter und unter diesen Wahrnehmungen und Wies und Wos liegt.
Die Seele, so glaube ich, ist ein äußerst fragiles Nicht-Ding, das bei kleinster Grobheit bereits wackelt. Was der Grund ist, warum viele Menschen ihre Seelen dick einpacken und hinter selbstgebauten Mauern verbergen. Natürlich gibt es für Mauerbau noch viel mehr Gründe, Seelenschutz ist nur einer. Oder wollen wir es Antispürenmüssen-Massnahme nennen? Spüren ist suspekt. Ist kompliziert. Bringt Scherereien. Hat in dieser Gesellschaft wenig Platz. Und Stellenwert kaum. Hindert uns nur daran, voran zu kommen. Ist weiblich. Und unprofessionell sowieso.
Jene Menschen, die ihre Seele direkt unter der Haut tragen, bekommen immer wieder zu hören, dass sie nicht belastbar genug seien für … Dass sie besser nicht zu viel spüren sollten. Dass sie ein bisschen mehr dies werden und ein bisschen weniger jenes sein sollten. Anders. Denn sowas ist doch nicht normal.
Eine seelenlose, coole Welt – ist es das, was wir wollen?
Meine Seele ist bunt. Und deine?

Die Welt retten – eine Anleitung.

Kurz vor neun. Der letzte Kurstag. Alle sind wir in seltsam aufgekratzter Stimmung. Strafgefangene, die am Abend entlassen werden. Ex-Zwangsbeglückte, die in die graue Tristesse des Alltags zurückkehren müssen. (Dürfen! Wollen! Jaaa!)
B. bringt eine Kiste Schokoküsse, die wir hierzulande noch immer politisch unkorrekt Mohrechöpf nennen – und so sind sie auch beschriftet. Shameonus. Nach Deutschland dürften wir diese Dinger nicht exportieren, sagt Kursleiter E., der halb in Deutschland lebt. Statt Gipfeli (Hörnchen) oder Kekse gibt’s von mir zum Abschied Seelenfutter. Ich habe für alle meine Sandsteinparabel ausgedruckt.
Kurskollegin S. rechts von mir blödelt mit Kurskollege R. links von mir, derweil ich diese Zeilen hacke. Dass sie nicht wirklich Arbeit suche, sondern eine Stelle, sagt sie. Leider sei aber ihre letzte doch in Arbeit ausgeartet. Mist!
Endzeitstimmung.
Ach, wärs doch schon Abend!, denke ich. Na ja, eigentlich ist es ja okay.
Nun geht’s gleich los. Zwei Minuten nach neun Uhr.
***
Zehn Stunden später. Intensiver letzter Tag. Rückblick. Spannend war es. Besonders diese halbe Stunde Assessment-Training. Assessment? Kannte ich nicht. Mögliche Übersetzung: Stresstest: Wie reagieren wir, wenn wir innerhalb vorgegebener Strukturen und einer definierten Frist eine klar definierte schwierige Aufgabe lösen sollen?
Zuerst separierte der Kursleiteruns uns fünf anwesende Frauen in einen zweiten Kursraum und instruierte danach, in unserer Abwesenheit, die sieben Männer über die durch uns zu lösende Aufgabe. Um uns die Wartezeit zu verkürzen, erzählte ich meinen Kurskolleginnen vom Milgram-Experiment. Über die Rolle der sogenannten ExaminatorInnen. Ich orakelte sogleich, dass in Wirklichkeit vielleicht gar nicht wir getestet würden, sondern die Männer. Und dass wir uns bloß nichts gefallen lassen dürfen …
Unser Assessment bestand nun darin, dass wir Frauen je fünf gleichgroße dem Tangram ähnliche, quadratische Puzzles zusammensetzen sollten. Jede eins. Die einzelnen Teile steckten durcheinandergebracht in fünf Umschlägen. Umschläge, die wir erst auf Kommando ziehen dürfen. Die wir exakt mit Beschriftung nach oben vor uns hinlegen müssen. Die wir erst auf Kommando öffnen dürfen. Und natürlich dürfen wir überhaupt nicht miteinander kommunizieren, weder mit noch ohne Worte. Eine Stimmung wie beim Pokern macht sich breit. Die Gesichter der uns beobachtenden Männer hochkonzentriert. Die Luft zum Schneiden und wir fünf Frauen kichern unisono vor uns hin. Wir nehmen es locker, doch mich nervt der ungewohnt autoritäre Klang in Kursleiter E.s Stimme. Sie provoziert mich. Trotzig gucke ich in den Umschlag, den ich nicht vorschriftsmäßig vor mich hin gelegt habe. Betrachte die Teile. Ignoriere souverän Kursleiter E.s Tadel.
Doch danach halte ich mich weitestgehend zurück. Unterlasse weitere Trotzaktionen. Schließlich haben wir ja eine gemeinsame Aufgabe zu lösen. Ein bisschen zivilen Ungehorsam erlaube ich mir dennoch und schiebe Kollegin C. eins meiner überflüßigen Teile zu, das zu ihrem Puzzle passen könnte. Denn darum geht es. Alle zusammen haben wir alle nötigen Teile. Zuerst sehen wir das nicht. Glauben, es habe zu wenige. Oder zu viele. Fühlen uns gar ausgetrickst. Erst allmählich schieben alle ihre überflüssigen Teile in die Mitte. Wildes Tauschen geht los. Gemeinsames, wortloses Puzzlen. Zugegeben, bis wir das begriffen haben, vergeht eine Weile. Ich bin nicht die erste. C. und S. verständigen sich mit Blicken, Kopf- und Handbewegungen, um den Prozess voranzutreiben. Nach über zwanzig Minuten haben wir es schließlich geschafft. Nein, hier ging es weniger um Gehorsam und Geometrie, auch nicht um mathematische Intelligenz, als um kreatives, lösungsorientiertes Verhalten in einer Gruppe unter Stress. Unsere Ungehorsamkeiten werden sogar eher positiv aufgenommen.
Bei mir zu beobachten, wie ich meinen inneren Schalter irgendwann auf Analyse-Modus kippte, war witzig. Mein Quadrat lag bereits fertig vor mir. Den anderen beim Finden der richtigen Teile zuzuschauen und nicht wirklich eingreifen zu können, war ganz schön anstrengend. Ich versuchte, die richtigen Teile in Gedanken zueinander zu bringen. Meine Form von Unterstützung. So hat jede auf ihre Weise einen Beitrag zum Gelingen geleistet. Und wir gemeinsam einen ersten Schritt zur Rettung der Welt und zur Umverteilung der Ressourcen. Klein, aber nicht ohne …
Darauf trinken wir nach dem offiziellen Abschied in der Bar um die Ecke ein Bier. Spannende Gespräche weben sich über die Stehtische. Schließlich ein herzliches Tschüss in die Runde. Wir hören voneinander, wir schreiben uns, du liest von mir …
Und jetzt bin ich einfach nur froh, dass das Ganze vorbei ist. Und endlich Wochenende. Mein Kissen ruft.