Am Anfang war nichts. Erst später war da ein bisschen mehr. Nach dem Knall drehten irgendwann und irgendwo ein paar Planeten ihre Bahn. Details ahnen wir nur. Letztes Wissen ist eine Frage des Glaubens. Auf einmal stieg Wasser aus den Tiefen der Erde. Wind wehte über das Land. Die Menschen kauerten sich an ihre Feuer und brieten, was sie gejagt hatten. Ich gestehe es: So elementar zu leben, würde mir schwer fallen. Wir haben im Laufe der Evolution gar vieles vergessen, unsere Instinkte sind verkümmert. Überleben hat heute einen gänzlich andern Beigeschmack bekommen.
Wasser
Wenn die Temperaturen in den Minusbereich sinken, verändert sich einiges in Irgendlinks Künstlerbude. Minus heißt, dass er seine Wasserzufuhr unterbrechen muss, damit die Wasserleitungen nicht einfrieren und platzen. Deshalb speichern zwei große Wasserbehälter im noch unvollendeten Bad Brauch- und Trinkwasser, das wir – wie zu Gotthelfs Zeiten – in Becken, Flaschen und Krügen abgefüllt beim Spültrog lagern. Warmwasser wird bei Bedarf gekocht.
Während meiner winterlichen Wochenenden beim Liebsten auf dem einsamen Gehöft, lasse ich mich immer relativ leicht auf diese Umstellung ein. Jedes Mal wird mir neu meine Selbstverständlichkeit bewusst, mit der ich Wasser konsumiere. Fließend warmes und kaltes Wasser – noch gar nicht so lange ist es her, dass das in unsern Breiten Luxus war.
Letzten Freitag waren die Behälter leer. Für kurze Zeit öffnen wir alle Hähne und befüllen per Schlauch die gr0ßen Tanks. Ich fühle mich kurzfristig wie im Wasserparadies und genieße es, dass das Wasser einfach fließt. Geschirr- und Händespülen geht einfacher. Sich waschen auch.
Feuer
Im Winter schrumpft die Künstlerbude auf den Koch- und Schlafbereich, da das große, gemütliche Wohnzimmer nicht beheizbar ist. Während ich Geschirr spüle, holt Irgendlink neues Brennholz hoch. Nicht, dass ich das nicht auch machen kann – und auch tue, natürlich –, doch er kann es besser. Geschirrspülen dagegen übernehmen meistens ich. Meine kleine Reinigungsmeditation, die mir in meinem zentralgeheizten Spülmaschinenalltag zuweilen ein bisschen fehlt. Nicht genug allerdings, gestehe ich, um auf die Maschine verzichten zu wollen. Holzfeuer wärmt mich anders als es Zentralheizungsradiatoren können. Es spendet Wärme, die tief ins Herz dringt. Unter die Haut. Die Schwedenofenwärme schließt auch das Hochbett mit ein. Kuschelwarm ist es da oben.
Erde
Wir kochen uns Kartoffeln – Erdäpfel, Härdöpfu – auf dem Herd. Leider keine eigenen, da diese letztes Jahr an einer Pilzkrankheit zugrunde gegangen sind. Kartoffeln: im Winter eins meiner Lieblingsgemüse. Pellkartoffeln vor allem. Dazu schmelzen wir einen Backofenkäse in der Bratpfanne auf dem Ofen. Einige Champingnons stehen kopfüber – entstielt und mit Streichkäse gefüllt – in drei Raclettepfännchen daneben. Dazu Rosenkohl. Eine wahrhaftig göttliche Mahlzeit.
Luft
Ein eisiger Wind zieht ums Haus und rüttelt am Nussbaum. Wir hören die Äste auf dem Dach knirschen. Wind verweht auch den Schnee, der spärlich, aber beharrlich, das Blitzeis zudeckt und eine neue noch weißere Decke über alles legt. Pfeifender Wind, rüttelnder Wind, Sturmwind, Regenwind – schon fast alle Arten von Wind, auch schmeichelnd-streichelnd sanfter Sommerwind, habe ich hier oben erlebt. Windstille auch.
alles – immer – jetzt
Die Erde kreist weiter. Täglich zieht sie ihre Bahn. Täglich wird ihr Abstand zur Sonne kleiner. Die Tage werden länger. Das Wetter wärmer. Doch jetzt, jetzt genieße ich, dass es so ist, wie es ist.
Nachher ist nachher. Und nachher fahre ich nach Hause, in die Schweiz. Auchnachhause.
Kategorie: laut gedacht
Hund, Katz und Maus
Ich schiebe die Computermaus über den Tisch, um dieses Fenster hier anzuklicken. Damit ich mit Schreiben loslegen kann. Und jetzt schiebe ich sie auf dem Tisch herum, um eine Bilddatei einzufügen. Diese hier.
Hier seht ihr Mietze, wie sie ihre guten Vorsätze fürs neue Jahr sehr konsequent und sehr energiesparsam umsetzt. Sie übt Yoga ganz sanft. Im Schlaf. Irgendwie hat sie es voll kapiert mit dem Leben.
(Draufklick für groß)
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Bilder:
Undogmatischer Appspresionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)
Was ich mag
Wenn ich die Augen öffne, dich zu sehen. Meistens erwachen wir praktisch gleichzeitig und liegen ruhig und mit geschlossenen Augen nebeneinander. So heißen wir den neuen Tag willkommen. Dann die Augen öffnen, dich neben mir zu sehen, ein feines Lächeln auf deinem ganzen Gesicht. Ein Tag, der so beginnt, ist einfach schon von vornherein ein besserer Tag als einer ohne dich.
Die ersten Sätze, das erste Lachen, die ersten Wortgespinste des Tages mit dir zu tauschen. Und einen ersten Kuss. Staunen, dass du da bist. Staunen über das Geschenk des Lebens. Du und ich. Ich und du.
Ich mag es, wie du dich bewegst – wie sich deine Gedanken bewegen, wie sich deine Worte, deine Hände, deine Haare, deine Lippen bewegen. Ich mag es, wie du inne hältst. Ich mag das Stillsein mit dir. Ich mag es, wie wir miteinander reden, schweigen, spinnen und lachen, wenn wir zusammen wandern, Rad fahren, Auto fahren. Ich mag den Moment, wenn wir nahe davor sind, einen Geocache zu finden. Diese Spannung! Meine Bereitschaft, dich den Cache finden zu lassen, diese Freude, wenn du mich das Teil finden lässt. Diese Übermut, wenn wir beide im gleichen Moment den richtigen Einfall haben, wo das Versteck liegt.
Ich mag es, wie du selbst tragischen Momenten einen Glanz von Liebe und Hoffnung verleihen kannst – weniger mit Worten als mit deiner Präsenz. Wie du mit deiner Gegenwärtigkeit den Sorgen um die Zukunft, die uns zuweilen zentnerschwer auf den Schultern hocken, ein Schnippchen schlagen kannst und aus Stroh Gold spinnen. Wie du den Wert hinter den Dingen erkennst und ihn in dein Leben holst. Wie du mit einfachsten Mitteln und unter einfachsten Umständen ein zufriedener Mensch sein kannst.
Ich mag es, wie wir zusammen am gleichen Strick ziehen und verrückte Projekte ausdenken – auch wenn die meisten davon mangels Zeit und Geld nie in die Wirklichkeit geholt werden. (Oder doch?)
Deine Verlässlichkeit und Verbindlichkeit mag ich, die neben deiner Abenteuerlust und deiner eremitischen Affinität möglicherweise wie ein großer Gegensatz aussehen. Allerdings nur im ersten Moment.
Ich mag deine immer tiefer werdenden Lachfältchen um die Augen und um den Mund. Und dein Grinsen, das dem eines Schuljungen gleicht, wenn du einen witzigen Text gefunden oder einen schrägen Blogkommentar ausgetüftelt hast – ach, es ist/du bist so lebendig.
Ja, ich mag deine Lebenslust, deine Liebeslust, deine Weisheit und deine Arglosigkeit. Frei von Raffinesse bist du dennoch klug und durchschaust den Lauf der Dinge – und trotzdem gibst du dich dem Leben und deinen Lieben hin.
Nein, ein Engel bist du nicht, weder fehlerlos noch ohne Schwächen – zum Glück! Auch bist du viel mehr als all das. Und all das ist eh nur eine subjektive Momentaufnahme.
Ich danke dir für jede Sekunde, die wir zusammen erlebt haben, ob im Alltag oder auf Reisen. Mit dir ist das Leben farbiger, lebendiger, tiefer, heiterer und jederzeit voller Liebe.
Und den Rest, mein Liebster, den Rest werden wir sehen und erleben. Den ganzen Rest. Doch jetzt gratuliere ich dir einfach dankbar und aus tiefsten Herzen zum neuen Lebensjahr.
Carpe diem.
Patchwork
Wir fühlen uns richtig gut, wenn wir tun, was uns gut tut. Und wir tun uns und anderen gutes, damit wir uns gut fühlen. Soweit so gut, denn wir fühlen uns gerne gut. Eigentlich. Dumm nur, dass wir uns auch gut fühlen, wenn wir tun, was uns nicht gut tut, weil wir es zum Beispiel tun und taten, um uns selbst zu bestrafen. Was uns nur vermeintlich gut tut. Und dumm auch, dass wir uns oft schlecht fühlen, wenn wir tun, was uns eigentlich richtig gut tut. Weil wir es uns nicht gönnen.
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Sie hütet sie gut, ihre Geheimnisse. Längst hat sie dicht gemacht. Ihre Schutzhaut gleich einer Jeans, jahrelang getragen, bequem, doch dünn da, wo wieder und wieder an ihr herum gerieben, gedrückt, gedrängt und gezwängt worden ist. Beinahe durchsichtig an besonderen Stellen. Berührbarer dort mehr als anderswo. Besonders dort. Ausgerechnet dort. Abgewetzte Schutzhaut. Anfällig für neue Wunden, wo es am meisten schmerzt. Empfindlicher, empfänglicher. Zum Glück auch für Glück.
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Baustelle betreten auf eigene Gefahr. Schutzhelm obligatorisch. Ist das Kunst, oder was? Darf man Baustellen sehen, das Making-of, den Prozess, bevor etwas veröffentlicht wird und muss etwas, das veröffentlicht wird, perfekt sein? Was ist mit Ready-mades/Objets trouvés? Ist es eine Abwertung, wenn man den Vorhang öffnet, bevor …? Wird Kunst künstlich verklärt? Ich sag nur Fluxus*, John Cage, Marcel Duchamp. Von ihm übrigens der wunderbare Satz:
Der Betrachter vervollständigt das Kunstwerk.
Lebe deine Kunst, verkunste dein Leben.
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Kontraste
mich sein – Sofasophia sein
eine Rolle spielen – keine Rolle spielen
das spielt keine Rolle!, denken – ja oder nein?, mich fragen
hinter dem Laptop sitzen – auf dem Sofa ein Buch lesen
spazieren gehen – im Internet surfen
Bewerbungen schreiben – hoffen, dass die geschriebenen Bewerbungen endlich Früchte tragen
Geschichten schreiben wollen – Blogartikel schreiben sollen
Erwartungen anderer an mich erfüllen, oder nicht – Erwartungen an mich haben, oder nicht
schwermütigen Gedanken nachhängen – mir vorstellen, dass ich wieder ganz fit und initiativ bin
im Internet eine Literaturclub-Konserve gucken – am eigenen Buch schreiben
begreifen, dass zu jedem Buch eine Pro- und eine Contra-Meinung möglich ist –
mich darüber freuen, dass ich denken kann
denken – nicht denken
nicht wissen – wissen
die beiden Seiten der Medaille bejahen – die beiden Seiten von allem verfluchen
von Ideen beiläufig geküsst werden – Ideen umsetzen
Bilder im Kopf – Bilder gestalten
an Freundin M. denken – Freundin M. eine Mail schreiben
Eremitin sein – gesellig sein
zweifeln daran, dass ich … – glauben daran, dass ich …
mich verkriechen – mich zeigen
dem Leben anderer zuschauen – mein eigenes Leben leben
Yoga machen – Pause machen
schweigen – erzählen
erzählen – zuhören
Blogs lesen – diesen Blogartikel schreiben
Ist tun besser als nicht tun?, mich fragen – nichts mehr fragen
nichts
neunzig und eins
Heute wäre der neunzigste Geburtstag meines Vaters. Sein Todestag jährt sich im Sommer zum zwölften Mal. Was sich doch seit seiner Geburt und nur schon seit seinem Sterben alles auf dieser Welt verändert hat! 1923 waren Atombombe und Internet bestenfalls Visionen einiger kranker Spinner. Als Vater geboren wurde – mitten zwischen zwei Kriegen, was er aber noch nicht wusste, als er Kind war – da war die Welt zwar nicht eine andere (zumindest der Mensch ist sich in etwa gleich geblieben), doch sie drehte sich doch noch ein klein bisschen langsamer.
In letzter Zeit lese ich immer häufiger Artikel über die digitale Verdummung, über die Sucht nach Internet und ewiger Verfügbarkeit. Als Handys aufkamen, gab es bald das Lager der VerweigererInnen, dem ich bis vor bald neun Jahren auch angehört hatte, und das derjenigen, die immer lauter das Segenslied der ständigen Erreichbarkeit sangen. Nein, ein Handy hatte mein Vater keins, doch Internet hat er am Rand miterlebt, ohne selbst im Netz gefischt zu haben.
Vor einigen Tagen habe ich endlich mit dem Buch Die Wand von Marlen Haushofer, drei Jahre vor meinem Vater geboren, zu lesen begonnen. Aus der Perspektive dieser surrealen und doch unglaublich glaubwürdig erzählten Geschichte aus den frühen Sechzigern kommen mir Dinge wie Internetabhängigkeit oder Zentralheizung äußerst seltsam vor. Mit der Protagonistin frage ich mich: Was zählt wirklich? Sie hat alles verloren, was ihr einst lieb war, und lebt seit Jahren allein in einer Waldhütte. Hinter einer unsichtbaren Wand, die einfach eines Morgens da war. Wegen der Wand hat sie alles verloren. Und sie hat dank der Wand alles gewonnen. Ihre Hände als Werkzeuge. Dazu einen Hund, eine Kuh, die bald kalbt und eine Katze. Ich stecke noch mittendrin und kenne das Ende der Geschichte nicht (doch ist es nicht immer so, irgendwie?).
Womöglich hätte die Ich-Erzählerin, als sie am Tag nach ihrer Ankunft in der Hütte auf der Suche nach ihren verschwundenen Freunden die tödliche Wand entdeckte, aufgegeben, wären da nicht die Tiere gewesen – und ihr Verantwortungsgefühl. Und wohl auch ihre Neugier. Sogar Hoffnung hatte sie noch, natürlich, am Anfang jedenfalls. Hoffnung, dass das alles nur vorübergehend inszeniert worden ist – die Wand als solche und ihre Gefangenschaft allein im Wald im besonderen.
Allmählich verändert sie sich und passt sich den neuen Umständen an. Sie lernt, unter Schmerzen und mit Schwielen und Blasen, einen Kartoffelacker anzulegen und zu bepflanzen, Holz zu sägen und zu spalten, die Kuh, die eines Tages auf der Wiese steht, zu melken, Gras zu mähen, Wild zu jagen. Zu überleben. (Ob ich das alles könnte? Rein handwerklich? Rein kräftemäßig?)
Noch spannender als der äußere Prozess, den sie durchläuft, finde ich den inneren. Die Veränderung ihrer Werte. Wenn eine Pinzette, die früher der (eitlen und sinnlosen) Augenbrauenzupferei diente, auf einmal notwendig für die Entfernung der vielen Splitter vom Holzhacken wird. Zum Beispiel.
Wäre ich sie, die Protagonistin, hätte ich wohl bald aufgegeben. Hätte sie auch aufgegeben ohne Tiere? Wie lange kann man autark leben? Wie lange klebt das zivilisierte Leben an einer und einem? Die Ich-Erzählerin verbietet sich müssiges Nachdenken über die Wand. Sie konzentriert sich auf das Überleben. Doch wie ich mich kenne, hätte ich wohl meine ganze Energie darauf verwendet, über die Wand und ihren Sinn nachzudenken. Herauszufinden, was sie für mich ist, wie ich mit ihr umzugehen habe, ihre Grenzen auszuloten. Ich hätte die Wand viel persönlicher genommen als die Protagonistin, da bin ich mir sicher. Doch wie die Figur im Buch hätte ich wohl auch Äste in die Erde gesteckt. Mir gefällt zum einen das Bild der allmählich austreibenden Äste, die sich der Mauer emporranken. Ich denke dabei ans Dornröschenschloss und seinen Zauber. Zum anderen veranschaulicht die Hecke das Eingesperrtsein nur umso deutlicher.
Was haben wir wirklich in unserer eigenen Hand? Wer sind unsere Verbündeten? Wer bekämpft uns? Wie können wir am besten leben? Wieso wollen wir weiterleben?
Hin und wieder denke ich an meine Geschichte Hinter dem Horizont. An die Parallelen. Überlebende (bei mir war es eine Weltüberschwemmung) versuchen sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen – sobald die Grundbedürfnisse gestillt sind. Die Grauzone zwischen Grundbedürfnissen und Wohlfühl-Ansprüchen ist breit. Nur ein Minimum Wasser (für Kochen und Trinken) zu haben, wäre für mich ein großer Stressfaktor, denn Waschen ist für mich wichtig. Zum Beispiel. Was würde ich noch vermissen? Puh … Unsere Protagonistin vermisst im ersten Sommer Süßigkeiten sehr. (Oh ja, Süßes würde ich gewiss auch vermissen!) Der Zuckervorrat ist schnell aufgebraucht, doch allmählich lässt das Bedürfnis nach (der Entzug ist überstanden). Und sie beschreibt sich gesünder als je. Kein Kopfweh mehr. Weniger wird mehr. Eine Grenze wird zur Chance, sich zu finden.
Ist nicht letztlich jedes gelebte Leben ein Leben hinter einer Wand? Ist nicht die Welt eine einzige große, schöne, hässliche Illusion und sind nicht all die Möglichkeiten, die wir meinen zu haben, nichts als Augenwischerei? Einmal blinzeln, schon sind wir wieder weg. Trotzdem sind wir als Einzelne und als Kollektiv extrem auf uns fixiert, auf unsere Bedürfnisse, auf unser Vorankommen, auf Karriere, Reichtum, spitze Ellbogen, Leistung und Erfolg. Die Wand macht mir klar, dass ich noch immer nicht begriffen habe, was das Leben wirklich meint. Mehr auf alle Fälle.
Weil sich die Protagonistin das Grübeln über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbietet, verbietet sie sich auch zu trauern. Die Welt hinter der Wand, so erkennt sie, wenn sie auf dem Berg mit dem Fernrohr die Gegend absucht, ist tot. Alle ihre Lieben sind gestorben. Darum wird sie im ersten Winter von schrecklichen Albträumen heimgesucht, denen sie erst entgehen kann, nachdem sie sich ihren schweren Gedanken und der Trauer stellt, alles zulässt, Trauer, Schmerz, Sehnsucht Platz schafft. Wie beim Eiterherd, den sie im Kiefer hatte und eines Tages endlich aufzuschneiden wagte, wird auch nach dem Entschluss, alles zuzulassen wie es ist, ihr Leben erträglich.
Ich schweife ab. Mein Vater. Sein Neunzigster. Was würde er zur heutigen Welt sagen, er, der er dem neuen immer sehr aufgeschlossen gegenüberstand, obwohl er früher seine Freizeit und später, als Pensionierter, die meiste Zeit seines Lebens der Erforschung von Vergangenheit, von gelebter Geschichte, gewidmet hatte, was würde er sagen? Mit seiner elektrischen Schreibmaschine hackte er mit zwei Fingern seine Forschungsberichte und Archivtranskriptionen, die ihm viel Anerkennung und Aufmerksamkeit eingebracht hatten. Würde er noch immer forschen?
Danke, Vati, für all das, was ich von dir lernen durfte. Fragen stellen und an Lösungen glauben, zum Beispiel. Und improvisieren. Und Nägel einschlagen. Ich hoffe, dass ich das nie verlerne.
Heute ist Baby-N. bereits ein Jahr alt. Was wohl sein wird, wenn sie neunzig ist?
Gibt’s einen andern Grund ein Kind in Welt zu setzen, als die Hoffnung, damit ein klein wenig die Welt zu verbessern?, gedacht, als ich ihrer Mama, Freundin C.(2), heute Morgen meine lieben Wünsche smste.
Leise gedacht
Auch ich hake die vergehenden Tage ab bis … nein, nicht bis Weihnachten, sondern bis wir endlich im Tessin angekommen sind. Ferien. Auszeit. Friedliche Stille. Weg vom Feiertagsrummelgliltzerkram. Nur zu zweit sein. Ankommen.
Ist es das Ankommen, das uns Suchende glücklich macht? Ist aber nicht jedes Ankommen bereits wieder ein Abstoßen ins Nächste, so wie ich, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, bereits die nächste Runde starte, wenn ich am Ende der Bahn angekommen bin?
Meereswellen. Es ist nur ein klitzekleiner Bruchteil einer Sekunde, bevor die Welle bricht. Ein kaum sichtbarer Moment, da sie innehält. Da alles still steht.
Ein Musikstück ohne Pausen – undenkbar.
Ein Text ohne Leerschläge – unvorstellbar.
Ein Tag ohne Pausen – nicht auszudenken.
Ein Leben ohne freie Tage – lebensgefährlich.
Ich brauche sie, die Lücken, und ich brauche auch die Vorfreude auf sie und dabei vergesse ich zuweilen, dass ich auch jetzt und jetzt und jetzt bin.
Möglich, dass meine Mitmenschen die Pausezeichen in meinem Leben sind, aber die Melodie kann nur ich selbst komponieren. Meine Lieben sind vielleicht die Leerschläge auf meinen Zeilen, doch die Wörter und ihre Geschichten schreibe ich. Und wenn sie meine Pausen sind, dann ist das Leben drumrum zwar ohne sie undenkbar, doch es ist mein Leben.
Den Dingen den richtigen Platz geben. Über- oder unterbewertet ist etwas schnell und eigentlich werten wir – auch wenn wir es nicht wollen – immer und alles. Sei es emotional, subjektiv, oder eher nüchtern und analytisch. Aber wir tun’s. Wie ich Objektivität misstraue! Wer kann schon objektiv leben und wer will das überhaupt? Büne Huber, der Kopf von Patent Ochsner, der während der aktuellen Tournee wieder Tour-Tagebuch schreibt, hat den Soundcheck vor einem Konzert beschrieben: Wie sie alle in der minimalistischen Musik, die sie zu neunt – ohne Publikum – gespielt haben, miteinander eins geworden sind. Das muss ein phantastisches Erlebnis sein. So ähnlich wie guten 6 stell ich mir das vor. Ankommen. Miteinander beieinander.
Leben ist lebendig-sein. Nicht nur die Fuktion von Herz und Niere, von Darm und Lunge meine ich. Lebendig-sein ist Emotion. Ist Betroffenheit. Ist Unvollkommenheit. Ist Ja-sagen zu meinen Grenzen und sie bei Gelegenheiten dennoch ausdehnen. Ist Unvernunft und ist vor allem eins: Liebe.
Ich schaue mir beim Schreiben zu und begreife: Alle von mir gedachten Gedanken gibt’s so oder ähnlich oder anders, bei mir und bei andern längst und immer wieder.
Wäre es da nicht besser zu schweigen?
Was darunter liegt
Erst im August, nachdem mich Windows mit ständigen Aufhängern und Abstürzen im Stich gelassen hat, bin ich – dank Irgendlinks technischem Support – endlich auf freie Software umgestiegen. Heute fühle mich mit Ubuntu und Co. mehr als glücklich. Einzig Photoshop habe ich nachgetrauert, ich gestehe es, denn mit Gimp bin ich einfach nicht warm geworden. Besonders verwirrt hat mich die dreiteilige Benutzeroberfläche. Auch die Benutzung der Werkzeugkiste empfand ich nicht selbsterklärend. Letzte Woche fasste ich, dank eines Youtube-Tutorials, den Mut, Gimp eine reale Chance zu geben, denn Nikonbilder auf dem iPhone zu appen macht nun wirklich keinen Spaß. Überraschend schnell begreife ich, wie ich Ebene auf Ebene setzen kann und die einzelnen Elemente abschließend zu einem einzigen neuen Bild vereinen kann.
Der Hintergrund, so begreife ist, gibt die Form vor. Er sagt, wie breit, wie hoch. Er sagt, ob transparent oder bunt und wenn ja, wie bunt oder welches Bild zuerst. Er ist das große JA! Ich lege andere Bilder darüber, übe das Handwerk von Gimp allmählich. Ja, es ist anders und nein, so anders als andere Programme ist es auch wieder nicht. Zuweilen ähnlich sogar wie die eine oder andere iPhone-App. Ich bin immer wieder fasziniert von der Vielschichtigkeit, verzaubert von den unmöglichen Möglichkeiten der Technik.
Die unterste Bildebene, der Hintergrund, ist meine Herkunft. Eltern. Geschwister. Kindheit.
Formgebung. Halt. Eingrenzung. Gefängnis.
Weitere Ebenen, die ich über die erste, zweite, dritte lege, heißen Beziehungsnetz, Beruf und Berufung, persönliche Identität als Frau, Vorlieben. Spannungsfelder. Jede einzelne Bildebene ist zustande gekommen, weil ich irgendwann irgendwo irgendwas gesehen, gespürt, erlebt und abgespeichert habe. Inklusive Wunden.
Ich bin viele. Bin jetzt, war gestern, werde morgen sein. Verschiedene Zeit- und Seinsschichten aufeinander.
Meistens arbeite ich an den einzelnen Schichten, oft an mehreren gleichzeitig, bewege sie, skaliere sie, drehe oder spiegle sie oder verändere ihre Farben, die Oberflächenstruktur oder die Intensität des Lichts.
Nur in ganz besonderen Momenten lassen sich alle Ebenen zu einem einzigen Bild vereinen. Mein kleines Nirwana: Einssein mit mir, das ein klein bisschen nach Erleuchtung riecht. Der letzte Akt. Vollendung.
Ist mein Hintergrund wirklich fix oder lässt er sich möglicherweise doch verändern? Wie viel Freiraum gibt er mir? Wie wäre mein Lebensbild, wenn er … und muss er darum bleiben, wie er ist? Ist er es …, ist er dieser ewig dunkle Ton, der meinem Leben seine Melodie vorgibt?
Bis zum letzten Klang?
Ganz unten liegt der Schatz
Unerzählte Geschichten sind in der Mehrzahl. Nicht alle können sich vor dem Vergessen retten. Diese hier hat sich in den letzten Tagen ans Licht gedrängt. Sie will erzählt werden, auch wenn bereits Schnee über ihr liegt.
Schon mehr als zwei Wochen ist es her. Bei Irgendlink auf dem einsamen Gehöft war es, wo wir einmal mehr per Zufallsgenerator Himmelsrichtung und Distanz bestimmten, um unser Ausflugsziel zu definieren und mit diesen Vorgaben auf geocaching.com einen schönen Geocache ganz in der Nähe des von uns ermittelten Punktes zu suchen.
Die Wanderschuhe sind schnell geschnürt und schon geht’s los. Auf einem kleinen Hügel parken wir das Vierrad und machen uns von dort aus zu Fuß auf die Suche. Unten im Tal liege der Schatz, sagen unsere Kompassnadeln und sagt auch die Karte, unten, ganz tief unten, in einer waldigen Schlucht. Die Wanderwege machen Schlenker über Felder und Wiesen, die das Waldgebiet umgeben, weshalb ich vorschlage, querfeldein zu gehen. Zumal die Felder und Wiesen ziemlich trocken und ausgetreten sind. Und noch ganz und gar schneefrei. Wir gelangen problemlos an den Waldrand, wo jegliche Wege enden. Die Schlucht unter uns ist wirklich kein Sonntagsspaziergang. Feuchtes Laub. Steil abfallendes Terrain. Sehr steil abfallendes Terrain.
(das Smiley zeigt die Koordinaten des Geocaches)
Zwar haben wir beide ausgezeichnetes Schuhwerk, dennoch schlägt Irgendlink vor, zurückzugehen und den Wanderwegen zu folgen.
Wir müssen ja nicht immer den mühsamsten Weg nehmen, wenn es einen anderen gibt, sagt er. Recht hat er, dennoch überlegen wir hin und her, und entscheiden uns schließlich doch dafür, versuchsweise ein paar Schritte ins Waldinnere zu tun. Um zu testen, wie gefährlich die Steigung wirklich ist. Einmal im Wald drin, gibt es aber kein Zurück mehr. Mehr rutschen wir als wir gehen und es macht richtig Spaß, sich von Baum zu Baum zu schlängeln. Ganz unten angelangt, erwartet uns ein herbstbuntes Märchenland. Stille. Ein wilder Bach am Talboden, den wir überqueren. Nun folgen wir einem Trampelpfad, der uns wieder ein wenig aufwärts führt.
Unsere digitalen Kompassnadeln lotsen uns Richtung Quelle. Zehn oder zwanzig Meter vor uns liegt der gesuchte Schatz versteckt, doch hier ist vor uns unter uns. Etwa fünfzehn steile, felsige Luftlinie-Meter unter uns, um genau zu sein.
Hier eine Kletterpartie zu wagen, grenzt schon ein wenig an Verrücktheit!, sagt Irgendlink. Doch schon bald ziehen wir die zuvielen Jacken und Rucksäcke aus und klettern vorsichtig über die glitschigen Steine. Denn natürlich sind wir verrückt genug für so was. Kurz darauf stehe ich auf einem letzten hohen Stein. Irgendlink hat sich mit seinen langen Beinen bereits zwei Ebenen tiefer geschoben, doch ich hänge fest. Wie kann ich diesen Graben von der oberen zur tiefer liegenden Zwischenebene bloß überwinden ohne zu stürzen? Was gäbe ich jetzt für längere Beine! Ich habe Schiss davor, mich ins Leere fallen zu lassen. Irgendlink überlegt, dass er mich einfach auffangen könnte, doch das geht nun gar nicht. Zwei müssen nun wirklich nicht stürzen.
So überlegen wir hin und her, bis ich den Einfall habe, dass er sich doch einfach in den Spalt stellen könnte. Ich kann nun problemlos den Graben zwischen oberer und mittlerer Ebene mit meinem rechten Bein überwinden, denn dieses ist auf einmal lang genug und die Distanz von unüberwindbar zu überwindbar geworden. Irgendlink tut nichts weiter als dastehen.
Von der mittleren Ebene auf die unterste ist es nun nur noch ein kleiner Sprung und von unten sehen wir sofort, dass der Cache genau unter meinem großen Felsen versteckt ist, sorgfältig mit Ästen und Steinen zugedeckt. Unsern geübten Geocacheraugen entgehen solche Verstecke nicht. Wir tragen schon bald unsere Namen ins Logbuch ein, das in der Tupperdose liegt, und machen uns wieder an den Aufstieg. Viel undramatischer ist dieser, denn nun entdecken wir einen einfacheren Weg. Zwar ist er ein bisschen länger ist, doch gefährliche Kletterpartien bleiben uns erspart. Zurück bei den Rucksäcken, wird mir auf einmal klar, dass uns am Waldrand oben eine Rückkehr auf den Wanderweg nichts gebracht hätte. Die Schlucht kann nicht anders als kletternd erreicht werden, ob nun von Norden, von Westen oder von Osten – der Weg ist einfach steil und auch von Süden, dem Flussbett entlang, nicht einfacher zu begehen.
Wie war das gleich? Das Leben ist nicht ideal.
Vom Ankommen. Irgendwann.
Eben erfahren wir, dass es in wenigen Minuten weitergehen soll. Ungefähr fünfundzwanzig Minuten nach dem Stopp. Wir befinden uns irgendwo vor Olten. Auf der Rückreise von Bern, die wir extra mit dem Zug unternommen haben, um unterwegs keine bösen Überraschungen auf der Straße zu erleben. Keine billige Reise, doch wir haben sie uns geleistet, um Stress zu vermeiden. Stressen kann aber auch zugreisen. Was zu beweisen war. Den ersten Zug haben wir um eine Minute verpasst, im zweiten hängen wir nun fest.
Seit ich Kind war, habe ich ähnliches nicht mehr erlebt. Ein Schweizer Zug, der für unbestimmte Zeit auf offener Strecke stehen bleibt. Ein vor uns fahrender Zug sei wegen Bremsproblemen auf der Schiene stehengeblieben, sagt die Ansagestimme. Alle fünf bis zehn Minuten werden wir über den Stand der Dinge informiert.
Wären wir doch in Bern „James Bond“ gucken gegangen, dann wären wir bestimmt nicht auf offener Strecke stehen geblieben, sage ich.
Zugegeben, Pannen riechen immer auch nach Abenteuer. Wir Menschen verlassen das geplante Gedankengebäude und werden ungefragt Teil eines Konzeptes, das wir nicht beeinflussen können. Natürlich lassen wir uns nicht gerne von geplanten Wegen abbringen, wir wollen, dass die Dinge so funktionieren, wie wir sie uns vorstellen, aber ein bisschen Abenteuer geht. Wenn es gut ausgeht, jedenfalls.
Bei der ersten Verspätungsankündigung hatte ich noch damit gerechnet, dass wir den Anschlusszug in Olten erwischen. Diese Hoffnung habe ich längst aufgegeben. Wir stehen nun seit einer halben Stunde, doch noch fahren letzte Züge nach Hause. Wann wird es zu spät sein? Was wäre, wenn …? Der nächtliche Supergau: Ein Zug, der einfach nicht mehr weiterfährt. Der in alle Ewigkeit stehen bleibt.
Ich denke an Freund S., Mitglied unserer Berner Schreibgruppe, der früher nach jedem Schreibtreffen die abstrusesten Heimkehrer-Stories ins Schreibforum stellte, das wir damals noch regelmäßig frequentiert haben. Heute haben wir darüber mal wieder gewitzelt, bei unserm traditionellen Treffen am Berner Glühweinstand mit ihm und all den andern Schreiberlingen unserer Gruppe.
Ein bisschen ein „Weißt du noch?“-Abend ist es geworden, natürlich, wie immer, wenn sich die einen oder andern eine Weile nicht mehr gesehen haben, ein bisschen ernst war es auch und philosophisch, wie immer, doch haben wir auch viel gelacht. Hach, ich mag diese Bande einfach.
Ooops, wir fahren ja wieder! Wie schön. Irgendwann werden wir heute Nacht wieder zuhause sein.
Wie schön, in einem Land zu leben, wo Pannen behoben werden können und auch ein Nachtzug irgendwann irgendwo ankommt. Obwohl Irgendlink mosert, dass fünfundreißig Minuten für eine Schweizer Panne geradezu skandalös sind.
Später. Wieder zuhause. Irgendwann kommt man eben immer an … irgendwo.


