Eldorado

Schlaraffenland. Schon als Kind hat es mich unglaublich fasziniert. Jener Ort, wo alles für alle genau so ist, wie wir es uns wünschen. Eine unglaubliche Quelle der Inspiration, der ich im Laufe meines Lebens schon unzählige Bilder und Geschichten gewidmet hatte. Auf den Kinderzeichnungen Bäume mit Spaghetti statt Äpfeln. Rundherum die berühmte Grießbrei-Mauer, die es zuerst – statt eines Einganges – zu überwinden gilt. Sich durch dieses süße Hindernis fressend gelangt mensch ins Reich der wahrgewordenen Träume.

Heute? Den Glauben daran, dass wir uns unser Schlaraffenland kreieren können, ist noch immer recht lebendig. Doch ich glaube nicht an ein zukünftiges Paradies.

Glaube ich überhaupt an die Zukunft? Gute Frage. Ich glaube an den roten Faden in meiner Hand, der mich weiterzieht. Nicht chronologisch zwar, sondern oft genug chaotisch. Von ganz oben nach ganz unten oft genug. Doch dabei kreiere ich meine eigene Gegenwart laufend. Immer wieder.

Schlaraffenland meint Fülle. Fülle – das Ende jeden Mangels. Genug. Für alle. Für mich. Immer genug Herz&Seelen-Nahrung. Frieden auch. Mit mir. Mit anderen. Es meint auch friedvolle Beziehungen. Solche, die aus vielen kleinen Inseln authentischer Begegnung von Mensch zu Mensch – von Mann zu Frau und umgekehrt – besteht. Dazwischen viel Meer und mehr. Um eigene Erfahrungen zu sammeln. Um alleine zu sein. Ich mit mir. Du mit dir.

Auf diesen Inseln sind die Zustände natürlich paradiesisch. In jeder Beziehung. Da ist Gegenwärtigkeit, wie gesagt, und auch Raum für lustvolles, sinnliches Sich-Begegnen. Intimität. Intimität, die viel umfassender auszulegen ist, als sie gemeinhin interpretiert wird. Wörterbücher definieren sie ungefähr so: Ein vertrautes, enges Verhältnis, meist zwischen zwei Personen. Vertrautheit. Na also. Ist doch Paradies.

Kommunikation, Ausdruck, Eindruck. Wirken lassen. Wirken. Werken. Und Pause. Schweigen. Sein. Nicht-Impuls. Nicht-Stimulation. Miteinander sein – doch beide für sich. Sein und sich sein lassen. Und spiegeln. Ohne dabei dem Spiegelbild gleichen zu wollen.

Heiles unterwegs sein – so ungefähr stelle ich es mir vor. Und anders. Möglich ist viel. Doch tun und sein kann ich immer nur jetzt. Alles ist als Same, als Idee da. Raum und Zwischenraum ist genug da. Wir brauchen es nur auszusäen, unser Schlaraffenland.

Und zugleich den Mut, weise Kreiertes genießen und auskosten zu können.

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doch neu?

Regentropfen
wieder einmal
und
alle sind
irgendwann
irgendwo
schon da gewesen
gewiss
doch diesen
Tropfen hier
habe ich noch nie
gekostet
er fühlt sich
irgendwie
neu
an

*********

Ob Rostschäden auf der Autokarosserie oder abgebrochenes Zahnmaterial …
Da muss geschliffen und geschliffen werden, bis kein bisschen faules Zeug mehr da ist. Erst dann können wir neu aufbauen.

nicht vergessen

Ich weiß, dass ich nicht weiß. Gebt es zu, das wissen wir alle. Zumindest theoretisch. Und dass dieses Zitat nicht von Sokrates, sondern von Platon stammt auch. Jedenfalls dank Wiki. Soweit so gut.

Gestern Nacht jedoch – oder war es bereits heute Morgen? -,  zu nachtschlafender Stunde jedenfalls, entstand in Koproduktion von Sofasophia und J. folgende noch nie dagewesene Erkenntnis:
Ich habe vergessen, dass ich weiß, dass ich nichts weiß.
oder kurz:
Ich habe vergessen, dass ich nichts weiß.

Heute Morgen habe ich mich doch tatsächlich wieder an den Satz erinnert. Da ich ihn ja nicht vergessen wollte … Weil er doch so umwerfend wichtig ist!

Doch jetzt, wo ich meine nächtlichen Erkenntnisse niederschreibe, frage ich mich, ob es möglicherweise nicht doch besser ist, zu wissen, dass ich nichts weiß, als dies vergessen zu haben.

Nicht, dass das wirklich wichtig wäre. Ihr könnt es also gleich wieder vergessen.

immer wieder

Alles, was ich fühle, wurde bereits vor mir gefühlt. Und wird soeben irgendwo anders ebenfalls wahrgenommen. Ähnlich, gleich oder anders. Als Reaktion auf irgendeinen, wenn auch nur klitzekleinen Impuls. Ohne Auslöser geht nichts. Alles ist Re-Aktion. Sage ich …

Alles, was ich denke, hat vor mir bereits die Hirnwindungen anderer durchlaufen. Und wird soeben irgendwo ebenfalls gedacht. Ähnlich, gleich oder … siehe oben …

Und auch alles, was ich unternehme, wurde bereits vor mir bereits getan. Und wird soeben erneut in Tat umgesetzt. Auch hier wieder: Als Reaktion auf irgendwas …

Sogar alles, was ich erzähle, wurde bereits irgendwo erzählt. Und wird eben jetzt in Worte gefasst. Die gleichen Geschichten! Sie werden immer wieder neu erzählt. Anders oder ähnlich … ihr wisst schon.

Jene von der Fliege zum Beispiel, die in meinem Schlafzimmer gefangen ist. Sie mag nicht nach dem nahen Ausgang suchen, denn das Leuchten der Glühbirne meiner Lampe fasziniert sie mehr als die Freiheit. Gefährlich nahe kommt sie der Hitze. Auch das nichts neues. Unzählige Insekten erliegen alltäglich dieser Versuchung. Ob es mehr oder weniger sind, die jeden Tag widerstehen und die darum ein paar Stunden länger leben? Nichts neues, nein.

Bei Màrai lese ich Gedanken, die sich der Herr, Màrais Protagonist, über Hundeerziehung macht. Sie gleichen meinen eigenen, vor über dreißig Jahren gedachten und gefühlten Kindergedanken verblüffend. Existentielle Fragen, die nicht einfach mit lauwarmen Antworten aufgelöst werden können. Zum Beispiel diese: Warum kommt mein Hund, wenn ich ihn von der Leine gelassen habe, zu mir zurück? Und warum findet er, selbst wenn er sich verirrt hat, wieder nach Hause! Warum? Bloß des vollen Futternapfes wegen? Wohl kaum.

Nichts neues, nein. Alles Gedachte, Gesagte, Gelesene, Gesuchte, Geliebte, Gefundene, Gefühlte, Gekochte, Verbrannte, Entworfene, Verworfene, Verurteilte kommt irgendwann und irgendwo wieder. Wurde dazwischen kompostiert. Wurde neue Erde.
Auch diese Erkenntnis: Kompost! Tröstlich irgendwie. Auch dass es uns allen so geht.

Wenn ich meine Alltagsaugen schließe, die Innen-Augen öffne und mir die Kreuz- und Querverbindungen, Hyperlinks quasi, zwischen all den gedachten, gefühlten und erlebten Ereignissen zwischen mir und meinen Mitwesen vorstelle, dazu all die Unterverbindungen und die Unter-Unterverbindungen, wird mir beinahe schwindlig. Alles verbunden. Die schamanische Grundlage.

Dazu fällt mir eine weitere Frage ein, die ich mir als Kind oft gestellt habe: Wer hat eigentlich Gott gemacht?

Heute antworte ich dem Kind von damals: Tja, das müssen wohl irgendwelche Männer gewesen sein, denen das Geheimnis des Lebens nicht reichte. Und die den Ursprung allen Lebens vermenschlichen mussten. Gott ist ein Bild. Sollte es jedoch fragen, wer denn all die Göttinnen gemacht hat, würde ich sagen: Guck dir diesen Kreis hier an … er hat keinen Anfang und kein Ende. So ähnlich muss es mit der Erde und allem was darauf herumkrabbelt, sein.

Auch das: Nichts neues. Ich weiss.

Ein Tag im Paradies

„Denken ist nur das Werkzeug, nicht der Garten“, sagte meine Freundin K. . „Ebenso Fühlen. Der Garten ist das Sein, das schlichte Dasein.“ Wir saßen nach getaner Arbeit in ihrem Garten. Im Paradiesgarten.

Zuvor hatte ich  mit Ä., K.s Liebstem, mein Auto auf Vorderfrau gebracht. Psychohygiene für die Rostbeulen. Abschleifen. Spachteln. Grundieren. Lackieren. Nein, nicht vergolden, doch da ich Sternchen* bald mal wieder vorführen muss, soll das Ganze nicht am Rost scheitern. Sein Gnadenbrot hat mein Lebensabschnittgefährtchen allemal in meiner Nähe verdient.

Sofasophieren lässt sich, wie wir sahen, auch im Paradiesgarten. Wir haben uns über die Kolumne „Lob der Ataraxie“ von Thomas Widmer gefreut, die im neuen Natürlich leben erschienen ist. Er plädiert gegen die ständige Verfügbarkeit und Nützlichkeit, gegen das ewige Suchen nach noch mehr, nach exzessiver Weiterentwicklung zu Zielen hin, die in zehn, zwanzig Jahren erreicht werden sollen.

Wie gut mir dieser Text tut. Schon immer gehörte ich zu jenen Menschen, die sich danach sehnten, statt des Tuns das Sein zu zelebrieren. Nur erlaubte ich mir nicht, mir dies einzugestehen. Höchstens punktuell: Temporäre Inseln des Nichtstuns sind erlaubt, doch gewiss nicht jene Grundhaltung von „Ich bin zufrieden mit meinem Sein. Aktiv strebe ich keine Veränderungen an“. Zu suspekt! Ich könnte ja als Faultier, als arbeitsscheu, als nicht effizient verstanden werden, was ich auch bin. Ja, auch, aber nicht nur …

Zielstrebigkeit zu leben und Visionen zu haben – wie wichtig scheinen diese Aktivitäten in unserer Gesellschaft zu sein! Wie verd… wichtig uns doch ist, was andere von uns denken! Existentiell sogar?! Denn Weiterentwicklung kann eine höhere Einkommensklasse bedeuten, gleich mehr Kohle, gleich noch mehr Prestige … da capo al fine al fine al fine (wo immer das ist!) Rattenschwanz Zukunft. Konzepte. Auf den Kompost mit euch! So wird aus „al fine“ ein neuer Anfang. Organische Entwicklung …

Ständig vorwärts strebend und vom Fehlenden ausgehend, verpassen wir, dass wir jetzt reich sind. Hier in diesem Garten. Und wir vergessen sogar, jetzt zu leben. Jetzt die Birke da drüben zu bestaunen, ihre Silhouette, ihre Schönheit wahrzunehmen. Jetzt das Zusammensein mit unseren Freundinnen – Freunde sind mit gemeint – zu genießen. Und das Feuer. Die Kartoffeln aus dem eigenen Garten. Dazu frische Tomaten und (Furz-)Salat à la mexicaine.

Der wahre Reichtum ist immer gegenwärtig. Ich bin immer alles, was ich je war und je sein werde. Eine Gerade im grenzenlosen Raum. Ich kann immer nur jetzt SEIN. Hier. Im ureigenen Paradiesgarten mitten in meinem Herz. Mit der Harke des Denkens lockere ich den Boden, mit der Schaufel der Gefühle bringe ich von unten nach oben und von oben nach unten, damit alles schön lebendig bleibt. Ja, auch ohne Fernziele – wozu auch, wo doch alles immer nur jetzt ist? – entwickle ich mich weiter … Rhythmen, Phasen, Jahreszeiten – sie kommen und gehen. Und ich mit ihnen.

Hey, danke K. und Ä., immer wieder. Für eure FreundInschaft! Für euer Dasein!

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C., der Sohn des Hauses, seines Zeichens Hiphoper, hat mir den Link seines YouTube-Auftrittes verraten. Hier reingucken lohnt sich!

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* Nein, fragt bitte nicht nach ihrem Alter. Sie ist diesbezüglich ein bisschen heikel … Stars und Sternchen sind das zuweilen!

W? W? W?

W-Fragen sind heikel. Manchmal tun sie sogar weh. Das heisst, nicht die Fragen, tun weh, natürlich sind es die Antworten. Wir stellen unsere W-Fragen, ohne bereit für die Antworten zu sein. Sodass ich mich frage, ob es sich ohne Antworten nicht besser lebt. Im Ungewissen. Im Reich der Möglichkeiten. Ooops! War das nun eine Frage? Und gleich schon wieder eine! Die Antwort schenken wir uns!

Doch da gibt es ein paar andere Fragen, über die ich mir immer mal wieder den Kopf zerbreche. Und ihn mir auch gleich wieder zusammen setze. Doch diese Fragen sind es nicht wert, mit Scherbe statt Kopf herumzulaufen.

Wie sie denn lauten?
> Warum spitzen wir die Ohren, wenn getratscht wird? Warum tratschen wir aktiv oder passiv, obwohl es doch, weiß Göttin, Spannenderes zu reden gibt? Warum lese ich Blogs? Und warum lese ich bei meiner Coiffeuse Hochglanzmagazine mit Hollywood-Dramen? Jedes Mal! <

Müsste die Fragen womöglich anders lauten?
> Was genau interessiert uns an den alltäglichen Peinlichkeiten und Unheimlichkeiten unserer Mitmenschen? Ist es die Erkenntnis, dass die anderen auch bloß Menschen sind? Interessiert uns das Schräge und erleichtert uns die Erkenntnis, dass die andern ebenso schräg in der Landschaft stehen wie wir? Tarieren wir auf diese Weise die Wasserwaage neu aus, die wir hinter unserer Stirn in uns herumtragen? <

Vielleicht besser, die Antwort nicht zu kennen!

Spiralen

Nein, die Zeit ist nicht linear. Sie hüpft im Kreis. Sie tanzt Spiralen. Und Tango oder Salsa. Oder zu Reggae ;-). Oder sie krabbelt im Krebsgang. Hin und wieder träumt sie vor sich hin. Dabei vergisst sie, den Zeiger zu bewegen. Oder sie dreht ihn rückwärts.
Warum ich mir da so sicher bin?
Weil ich am Morgen älter bin als am Abend. Das ist meine Wahrheit!

Na ja, was wirklich wahr ist, wissen wir nicht.

Vorgestern, im Gespräch mit Pfarrer H. – bei den Vorbereitungen für die Lesung im Oktober – sagte ich:
„Einer Erkenntnis ist es letztlich egal, ob du sie durch dieses oder jenes Weltbild gefunden hast. Erstens ist sie eh eine vergängliche Besucherin und zweitens spielt es keine Rolle, warum und um wessen willen jemand ethisch korrekt handelt. Hauptsache er oder sie tut es …“.

Ist also doch das Ziel wichtiger und wirklicher als der Weg? Öhm …?

Was wahr ist, ist wahrlich nicht einfach zu sagen … Gar gänzlich unmöglich, wie Monsieur Bredenberg ahnt?

Von Spatzen und Menschen

Er landet im Sturzflug und schnappt sich, noch bevor er zu stehen kommt, das kleine weisse Teil, das auf dem Boden liegt. Spukt es wieder aus, weil es nicht wirklich essbar ist. Obwohl es für ihn so ausgesehen hat. Nichts ist, was es scheint, darum packt er es erneut. Spukt es nochmals aus. Es schmeckt noch immer nicht. Schade. Da landet Spatz Nummer zwei neben ihm und interessiert sich ebenfalls für das weisse Teilchen.

Jetzt, wo Spatz Nummer eins Konkurrenz hat, wird das Ungeniessbare spannend, obwohl er fast schon akzeptiert hat, dass es weder als Nist- noch als Futtermaterial taugt. Nummer zwei hopst neben Nummer eins her und will das Ding ebenfalls. Nummer eins hält es fest. Er spukt es erst wieder aus, nachdem er sich hüpfend aus der unmittelbaren Nähe von Nummer zwei entfernt hat. Und so weiter und so fort.

Mein Zug fährt ein und ich kann die Szene nicht weiterverfolgen. Hat Nummer eins beschlossen, Nummer zwei das Teil zu überlassen? Oder hat er es mit in sein Nest genommen? Wie Menschen irgendwie, denke ich, während ich den Zug nach Fribourg besteigen will. Wie Menschen?

Allerdings nicht wie die beiden Clowns auf dem Perron … Eine rote Nase, ein bisschen weisse Schminke, roter Schal und Hut, weisses Hemd, rote Schlabberhose – so wenig braucht es, um Menschen zu erheitern und Freude zu teilen. Die beiden Clowninnen tun nichts anderes, als uns Aus- und Einsteigende lächelnd zu motivieren, das zu tun, was wir eh tun würden: aus- und einzusteigen. Kein Gesicht bleibt starr. Auf einmal lächelnd sich alle zu und plaudern mit Herr und Frau Unbekannt. Ob die beiden Frauen dafür bezahlt werden?, frage ich mich. Ob sie das für die SBB machen? Für die Stadt Bern? Wozu? Machen sie es womöglich einfach für sich selber, aus Spass, aus Freude am Freude schenken? Zeit und Lachen verschenken, wer macht das noch?

Na ja. Etwas ähnliches tut die Fribourgerin N. Und ich auch. Wir schenken einander von unseren Talenten. Sie gibt mir eine Behandlung und ein Interview, ich schreibe dafür über sie und ihr Heilerinnen-Netzwerk im nächsten Spuren. Und beide lächeln wir uns beim Abschied zu. Auch ohne rote Nase.

Noch mehr Seerosen

Was passiert mit all den Wörtern, die nicht geschrieben werden? Was mit all den Buchstaben, die sich in mir zu Wörtern verdichten, zu Sätzen verweben und nicht outgeputet werden? Die im Herz bleiben, im Kopf, im Bauch, im Hirn, im Darm oder sonst wo. Ob es so was wie Wörterverstopfung gibt und ob auch Bloggende darunter leiden können, obwohl sie doch regelmässig outputen? Und wie das wohl nichtschreibende Menschen auf die Reihe bringen? Könnte so eine Verstopfung gar der Anfang einer körperlichen, einer chronischen Krankheit sein? Oder gibt es Menschen, die sich nicht ausdrücken? Hab ich gestern Abend notiert. Am Gerzensee.

Gerzensee2

Heute beim Lesen der Notiz an eine Stelle aus „Wintergewölbe“ gedacht. Jean, die Protagonistin, spinntisiert an einem Heilpflanzen-Ratgeber für fiktive Krankheiten herum. Diese oder jene fiktive Pflanze für diese oder jene Krankheit: Beinwelltinktur dreimal einatmen, wenn der linke Zeh schmerzt, weil der Nachbar nicht gegrüsst hat. Zum Beispiel. Oder wie wäre es mit etwas, das dabei hilft, nichtausgedrückte Gedanken zu verdauen? Anne Michaels Beispiele sind viel allerdings witziger. Eine ganze Seite voll, die ich kopieren wollte. Aber vergessen habe. Womit wir beim Nachteil von Bibliotheksbüchern wären:  Sie müssen termingerecht losgelassen, zurückgelassen werden. Was mir jeweils richtig weh tut. Vor allem bei jenen Büchern, die mich einige Zeit begleitet haben und die ich, wie „Wintergewölbe“, der definierten Leihfrist wegen gestern zurückbringen musste. Ich lege solche Bücher jeweils ganz schnell auf den Tisch und schaue weg, um mir den Abschied erträglicher zu machen. Schnell und schmerzlos. So wie ich alle Abschiede am liebsten hinter mich bringe.

Apropos Abschiede und Sentimentalitäten … War ja witzig! Gestern, am Gerzensee, sass ich die ganze Zeit keine zwei Meter neben einer Frau, die ich über einige Ecken, doch auch persönlich, kenne! Erst um neun, kurz bevor die Sonne im Gerzensee versank, erkannten wir uns wieder. Okay, ich war im Wasser und habe gelesen (Eveline Haslers neuestes).  Also nacheinander, nicht gleichzeitig natürlich.

Wiedersehensfreude. Weisst du noch … Sogar ihre Kollegin half: Warst du nicht damals …? Ja, stimmt. Da war ich. Vor fünf Jahren. An einem Ritual. Und schon kannten wir alle einen Haufen gemeinsame Leute. Wie immer.

Jaja, diese „Weisst du noch!“ Mein Leben scheint aus zahllosen Damals!“ zu bestehen. Nur schon auf dem Weg zum Gerzensee, wenn ich durch die Dörfer fahre, steigen unzählige Erinnerungen auf. Sentimentalität. Sentiment. Sehnsucht? Wehmut? Nein, ich will, was war, nicht mehr zurück. Warum tut es dann doch so weh? Gopf.

Erinnerungen sind abgebrochene Zweige. Absichtlich oder versehentlich. Oder aus Notwendigkeit. Um Not zu wenden. Doch Abbrüche sind eben Wunden. Wie viele Zweige ich wohl schon abgebrochen habe?

Wir drei Frauen sind jedenfalls bald in der Gegenwart angelangt. Und auch diese wird irgendwann ein „Weisst-du-noch“ abgeben.

Seerosen

Eigentlich sind es vor allem die „sinnlosen“ Tätigkeiten, die mich am meisten beglücken. 😉 Was beweist, dass nicht Materielles und Messbares über Wert und Sinn entscheidet.

Gerzensee

Plaudern … Diskutieren … Lesen … Schreiben … Schwimmen …
Musik hören … Schlafen … und schon ist Sofasophia glücklich!

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Heute haben wir den Scheff in die Ferien geschickt. Auch gut. Nach dem Abschiedskuss, schon unter der Türe, entdeckten wir, über die einheimischen Naherholungsgebiete fachsimpelnd, dass er wie ich fürs Gerzenseeli schwärmt … Witzig, wo das doch sonst kaum jemand kennt. Während er nun nach XYZ düst und im engen Flieger sitzen muss, gönn ich mir ein genüssliches Bad  …
Gerzensee, ich komme!