Voyeurinnen und so

Seit ich erwacht bin, taumeln Gedanken durch meine Gehirnwindungen. Akute krea(k)tive Phase. Bin schon seit Tagen so drauf. Und irgendwie asozial. StilleKämmerchen-Phase nenn ich das.

Ich bin ein relativ intaktes Makrokosmos. Gut zu wissen!, kritzle ich auf einen Zettel.

Später dies:

Meine Bühne bist du. Und alle meine Andern. Deine Bühne bin ich und alle deine Anderen. Ich spiele, wir spielen unsere Lebensrolle(n). Vor Publikum. Mit Neben-Hauptrollen, die uns sehr nahe Menschen innehaben, mit Statistinnen und Statisten (Kolleginnen und Kollegen) und mit dem großen unbekannten Publikum. Wir alle sind – mehr oder weniger, zugegeben – auf Wirkung bedacht, auf Reaktion. Vielleicht auf Wohlwollen. Vielleicht auf Applaus. Zumindest auf irgendeine Resonanz. Wenn wir mit unserem Schauspiel provozieren, provozieren wollen, hoffen wir auf Reibung, auf Gegenkraft, auf Gegenstimmen. Wenn wir mit unserem Schauspiel Schönheit darstellen, hoffen wir darauf, unser Publikum zu berühren jenes große, unbekannte, namenlose Publikum, dessen Meinung uns so unglaublich wichtig ist.

Solcherlei Sätze, auf Zettel gebannt, türmen sich auf meinem Nachttisch, auf dem Küchentisch, auf dem Schreibtisch. Hier noch zwei weitere Zettelphilosophien:

1 – Der Idee, Protagonistinnen und Protagonisten zu erschaffen, was liegt ihr zugrunde? Verbirgt sich hier denn nicht das Bedürfnis, jemandem oder verschiedenen Personen, meine klugen, weisen, sinnlosen, undichten oder gar dummen Gedanken in den Mund zu legen und zu schauen, was mit diesen Worten geschieht, was diese Worte aus- oder anrichten?

2 – Wir Bloggende sind Stellvertreterinnen und Stellvertreter für die Lesenden. Alle Schreiberlinge sind das, alle, die in irgendeiner Form ihre Inputs ausputen, ausdrücken, alle Kunstschaffenden …
Stellvertretend für das Publikum stellen wir dar, was wir wahrnehmen. Wie exhibitionistisch das auch immer sein mag. Die anderen, die Lesenden, sind immer irgendwie – sorry – Spanner, Voyeurinnen. Souffleure oder Souffleusen auch, meinetwegen.
Ich auch. Ich bin beides. Ich wechsle fließend und fleißig die Seiten.

Irgendlinks Reise ist ein gutes Beispiel für das erwähnte Stellvertretertum. Ich reise auf den Karten mit. Ich bin emotional nahe dran. An ihm und an der Reise. In der Trockenheit und Behaglichkeit meiner Wohnhöhle radle ich mit ihm über Berge und durch Täler immer Richtung Süden. Ohne allerdings wie er Hitze, Wind und – wie heute – Regen ausgesetzt zu sein. Wie fernsehen irgendwie.
Das ist meine Arbeit, sie treibt mich voran, meinte J. gestern am Telefon. Zugegeben eine Arbeit, die total Spaß macht. Meistens jedenfalls. Noch lieber würde ich jetzt mit dir durch die Gegend gondeln. Das wäre aber ein ganz anderer Kontext.

Stellvertretend für uns erforscht er Neuland. Terra incognita. Alles ist immer, immer wieder, Neuland. Selbst wenn du auf der Karte oder sogar in Natura die Strecke bereits erforscht hast. Immer wieder neu, weil die Umstände immer wieder anders sind. So ähnlich beschrieb er vor zehn Jahren dieses Unterwegs sein in seinem Reisetagebuch.

Wie gut es jedes Mal tut, den Alltag zu durchbrechen! Andere Gewohnheiten anzunehmen. Anderes auszuprobieren. Es ist nicht der Alltag an sich, der uns abstumpft, es ist das Verharren im immer Gleichen. Statt über den zähmenden, lähmenden, betäubenden Alltag ins Feld zu gehen, will ich ihm Farbe einhauchen. Herausforderung. Übung.

Wir brauchen  unsere ganz persönliche Mischung von Vertrautem und Neuem, um lebendig zu bleiben. Ins Neue lassen wir schon bald Vertrautes Einzug halten. Wir füllen die Winkel des Neuen mit Vertrautem auf. Damit es vertraut wir und uns keine Angst (mehr) macht. So schaffen wir ständig Gleichgewicht. Leben ist Balancieren.

Gestern am Telefon mit meiner Schwester – als sie mir von ihrer geisttötenden Arbeit, die zwar ziemlich anspruchsvoll, doch immer gleich ist , erzählte – begriff ich wie abwechslungsreich und herausfordernd mein Job eigentlich ist. Na ja, eigentlich ohne eigentlich. Oder doch mit? Das eigentlich meint: Ich träume eben von anderem. Ob mit Sehnsüchten leben einfacher ist als ohne, lässt sich schwer sagen. Es ist weniger anstrengend, das bestimmt. Wie ein Land ohne Berge. Irgendwie langweilig.

Ach, übrigens, das Land ohne Sehnsüchte gibt’s. Davon schreiben Andreas Altmann („Sucht nach Leben“ irgendwo im hintersten Teil des Buches) und Amélie Nothomb („Biografie des Hungers“, ganz am Anfang des Buches). Eine Insel namens Vanuatu, früher Neue Hebriden genannt, 1606 entdeckt und der katholischen Kirche einverleibt. Die Menschen, die dort aufwachsen, haben alles. Von allem immer genug. Kein leichtes Los. Weil den Menschen dort buchstäblich alles in den Schoß fällt, die Sonne, das Obst, ebenso Milch und Honig, sind sie dauersatt. Nichts da, das sie vorwärts treibt. Vanuatu als Synonym von abstumpfender Fülle. Nothomb beschreibt in ihrer oben erwähnten Autobiografie als Kontrast zu Vanuatu ihren Überhunger, der sie voran treibt. Diese Kraft in ihr, der sie nach Antworten, nach Seelennahrung, nach Abenteuern, nach Erfahrungen und nach Süßem hungern lässt. Sinnigerweise und irgendwie zufällig hatte ich diese Bücher gleich hintereinander gelesen.

Na ja, Überhunger ist jedenfalls bestimmt nicht langweilig.

Den Alltag durchbrechen? Den Alltag bunt machen, wie es zuweilen Pflanzen tun, deren Samen irgendwie in eine Ritze zwischen Teer, Beton oder Platten geraten sind. Das Grau aufweichen. Die Seele weich klopfen. Wieder hinsehen.

Schichten II

Eine neue Geschichte. Neue Schichten. Eine auf die andere. Wie Steinmännchen, Steinfrauchen. Am Fluss des Lebens. Wenn er in sich zusammenfällt der Turm, war es nicht nur der letzte Stein, der schief lag. Vielleicht war es der unterste. So genau wissen lässt sich das nicht. Wissen. Eine Geschichte lässt sich nicht wissen. Sie lässt sich nicht voraussagen. Sie lässt sich nicht machen. Sie lässt sich nicht schönen. Sie ist. Eine Schicht. Dann die nächste.

Die erste wäre ein rauer Stein. Einer mit Dellen. Die Kindheit. Vielleicht. Chronologie lassen wir mal außer Acht. Wer weiß schon, was wirklich zuerst war? Ich glaube an den Kreis. Auch bei Geschichten. Sie fangen nirgends ans und hören nirgends auf. Happy-Ends? Forget it! Fortsetzungsgeschichten!

Die alte Frau, die vorbei geht, da draußen, sie trägt ihre Geschichte. Jede Falte ein Jahrring, wie ihn Bäume haben. Jede Falte eine eigene Geschichte. Genau so, nicht anders. Der nächste Stein. Unten oder oben. Okay, bauen lässt sich besser nach oben. Und auch Bäume wachsen so. Dem Licht entgegen. Auch die Blumen.

Der nächste Stein schön flach und glatt. Großflächig. Nett. Praktisch. Da lässt sich ganz schön viel drauf packen. Schicksale, Tiefschläge. Enttäuschungen. Abstürze. Tränen. Aber auch Glück. Glück hat Punkte. Glück hat ganz viele Knubbel auf der Oberfläche. Es muss sich in der Hand so anfühlen, als wäre alles drauf, was es an Glücksempfinden überhaupt gibt. Komprimiert. Ein Handschmeichler voller Glück. Entkomprimierbar, wenn ich ihn von Hand zu Hand reiche. Von der linken zur rechten. Und zurück. Und in die Hände meiner Freundinnen und Freunde. Oder eben, wenn ich ihm im Turm, im Steinfrauchen mit einbaue. Das immer größer, immer höher, immer wackliger wird, je länger ich lebe, je länger ich baue. Fällt es zusammen, ist nicht, wie ich schon sagte, der letzte Stein schuld. Keiner. Alle. Egal. Vielleicht ist die Höhe egal.

Alles bleibt unfertig. Jedes Leben. Zusammenfallende Türme – Mut zur Lücke. Mut zum Scheitern. Mein Plädoyer für jene, die am Boden sind. Steine. Menschen. Wieder aufstehen dennoch. Den Staub abklopfen. Den nächsten Stein in die Hand nehmen. Weiterbauen. Immer weiter. Diese Sehnsucht, etwas zu hinterlassen, deine Spur. Deinen Namen. Deine Steinskulptur meinetwegen. Deine Geschichte. Keine neue Geschichte also, immer nur deine. Immer nur meine. Alle gleich, denn in allen ist alles drin. In mir drin ist ein bisschen von Leonardo da Vinci, der das gleiche Wasser getrunken hat wie ich. In mir drin ist auch ein bisschen Gahndi, ein bisschen Lenin auch und sogar Hitler. Shame on me.

Der nächste Stein? Seine Oberfläche fühlt sich glatt an. Seine Farbe … keine Farbe. Einfach nur steingrau. Okay, das ist auch eine Farbe. Seine Farbe. Wie meine Farbe meine Farbe ist und meine Muster meine Muster sind. Mit ein bisschen Mutter Teresa und mit ein bisschen Stalin mit drauf. Und drin. Steingrau also. Fühlt sich kühl an, wird warm an der Sonne, im Feuer porös. Jurastein. Kalkhaltig. Hat schon viel gesehen. Wie er wohl hierhergekommen ist? In der Tasche eines kleinen Mädchen vielleicht, denn er sieht anders aus als die Steine, die sonst hier liegen. Er ist steingrauer, er ist glatter. Alt. Uralt. Älter als ich je werden kann.

Ich lege ihn auf den Turm. Ganz oben drauf. Der letzte Stein.
Vorläufig …

wie innen so aussen

zur Nacht der Hexen …

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magic … there’s a little witch in evry women today!

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Y_S93xMn_uo&feature=related]

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… wie hier üblich werden die Bilder durch anklicken groß.
Pix und Copyright by sofasophia.

Zipfelchen

Gopf, jetzt hatte ich doch diese kleine Idee … und – PLOPP – schon ist sie wieder weg.

Ist ins große Becken gefallen. Ins große alles Nichts und nicht Alles. Dahin, wo ich mir alle Ideen aller Menschen denke. Und die Ideen aller Tiere auch gleich. Und wenn wir schon dabei sind, auch die Ideen aller Pflanzen. Was, du meinst, dass Pflanzen keine Ideen haben? Falsch, denn wenn Pflanzen sich vermehren können, müssen sie doch auch Ideen haben. Zumindest eine. Die der Fortpflanzung. Das sei keine Idee? Sagst du! Definitionsfrage. Ich behaupte, dass Fortpflanzung die eigentliche Idee ist. Die Idee vom Leben überhaupt, welches es ohne sie längt nicht mehr gäbe. Ohne die Idee der Fortpflanzung und ohne die Fortpflanzung. Ich theoretisiere? Sagst du! Schau doch mal um dich. Alles was lebt, vermehrt sich. Schau doch mal die Uhr. Wie sie Minuten schafft. Jede Minute gebärt Sekunden. Und jede Idee eine neue. Und jede Fliege legt ein Ei. Oder zwei, drei. Eins wird viele. Immer mehr.

Da stehe ich nun also, am Beckenrand, und blicke hinein, trauere dem Zipfel jener Idee nach, die mich vorhin erfüllt hatte. Sie hatte sich vor mich hingestellt, nicht aufdringlich, aber durchdringend. Hatte mich angeschaut. Nimm mich, hatte sie geflüstert. Gefleht? Wenn du willst können wir zusammen eine Geschichte bauen. Ich helfe dir. War es Unaufmerksamkeit gewesen, dass sie wieder verschwunden war?

Ich habe eine Idee, eine neue, eine andere: Ich könnte doch einfach etwas schreiben, was es noch nicht gibt. Wie bitte, das gibt es nicht?

Also wohl doch keine neue Geschichte? Nicht heute jedenfalls. Dafür den neuen Artikel schreiben, solange er noch in den Fingerspitzen tanzt und juckt und aufs Geborenwerden wartet!

Let’s go.

wohin?

wo versteckt sich das dunkel am
morgen, wenn die sonne sich über
das dach drängt? wohin entweicht die
farbe, wenn die sonne die buntheit der
decke auf dem gartenstuhl
bleicht und wohin schwingt sich der ton, wenn
er verklungen ist? sag mir doch, wohin
meine gedanken fließen, wenn ich
einschlafe!

ach, und wo ist der raum, wo alles
nichts ist?

nein, sag
nichts. ich liebe
geheimnisse.

oder- und unterwex

Schon bald hat J. alias Irgendlink die halbe Strecke nach Andorra geschafft. Obwohl … Es spielt keine Rolle, wann er ankommt. Er strampelt sich zurzeit glücklich durch das Südburgund und aus diesem heraus Richtung Süden. Und findet dabei wunderbare Fotosujets. Schön für ihn. Für mich auch.

Ich reise mit und teile sein Glück über dieses sein abenteuerliches Unterwegssein. Über die Bilder, Geschichten und Erfahrungen, die er sammelt und mit mir teilt. Doch da ist, ich gestehe es, auch Vermissen. Und Fernweh, ganz viel Fernweh. Zugleich besitze ich, mein Scheff dankt es mir, jenes Quäntchen Realismus, die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Job. Materie. Alltag. Büro. Hier und jetzt gut zu leben, fällt mir zuweilen nicht ganz leicht.

Mein Job ist grad sehr intensiv. Ich schaffe es immer nur, das oberste Zipfelchen meines Berges abzutragen. Vieles wie Gesuche, Anträge, Bewerbungen, die es zu bearbeiten gäbe, liegen schon seit vielen Wochen unberührt und rutschen im Stapel immer tiefer.

Es kommt zuweilen soweit, dass ich – wie heute –  sogar Arbeit nach Hause nehme. Habe allerdings zuerst, statt der Arbeit, ein Nickerchen gemacht. Und jetzt ruft der Wald. Joggen macht den Kopf frei. Und das Herz. Die Lunge ebenfalls.

Ach, und da ist ja noch der neue Artikel (Auftrag) für „meine Zeitschrift“ … Diesmal geht es um eine ganzheitliche Heilmethode, die ich am Donnerstag testen und darüber berichten werde. Abgabe Mitte Mai. Und dann? Ferien!!!

Loch

Es tat weh. Warum hatte sie es nicht gesehen, nicht bemerkt. Ein großes Saugen und Ziehen. Und Schmerz. Großer Schmerz. Großes Loch. Große Lücke. Kann, was fehlt, weh tun?

Ja, sagte er. Sehr wohl kann fehlendes wehtun. Denk bloß an den viel erwähnten Phantomschmerz nach Amputationen. Sie nickte, dachte an ihren Onkel, dessen Bein weg war. Und an die zwei Finger ihres Bruders. Nicht dass sie wirklich wusste, wie sich das anfühlte, das nicht. Und die Frage war noch immer da: Warum hatte sie dieses Loch bis jetzt nicht gesehen hatte. Sie schnappte nach Luft, doch da war nichts als Leere.

Schnitt.

Geht doch bitte zur Seite, sagte er, ich komme nicht durch. Macht Platz. Die Kühe drehten den Kopf und schauten ihn wiederkäuend an. Blieben, wo sie waren. Er zwängte sich zwischen den schwerfälligen Leibern vorbei und schloss den Viehzaun hinter sich. Warum die Viecher aber auch ausgerechnet hier grasen mussten. Der Weg war steil. Nach dem nächsten Viehzaun – draußen – setzte er sich außer Puste auf einen Felsen. Wie still es hier war! Er zog die Kamera aus der Tasche und zoomte den Hexenkreis an. So viele Fliegenpilze wie hier, hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Er würde ein paar mitnehmen. Einen nur. Aber keinen von diesem wunderschönen Hexenkreis hier. Einen der für sich stand.

Schnitt.

Sie starrte ins Loch. Gebannt. Mehr und mehr auch fasziniert. Hatten der Schmerz und das Ziehen wirklich nachgelassen oder hatte sie sich bloß daran gewöhnt? Das Sirren der Farben war, wenn möglich, eher noch stärker geworden. Schönheit und Hässlichkeit tanzten nun so schrecklich wunderbar, dass sie ihnen nicht konnte. Mit den Augen nicht, noch weniger mit den Gefühlen. Unglaublich schnell drehte sich alles. Und noch immer dieses große Fehlen. Etwas fehlte. Keine Frage. Ein Fakt. Und noch immer hatte sie nicht den blassesten Schimmer, was es sein könnte. Dieses Gefühl von Sehnsucht hatte kein Gesicht. Diesmal nicht.

Irgendwo auf einer Ebene ihres Verstandes scannte sie alle Gesichter, die alle ihr bis anhin bekannten Sehnsüchte je gehabt hatten. Keines ließ sich verknüpfen, keines roch vertraut, keines hatte auch nur im geringsten mit dem Schmerz dieser gegenwärtigen Abwesenheit zu tun, der sich nun in einer neuen Welle in ihr ausbreitete. Innen und außen.

Ich habe Angst, sagte sie, worauf er ihr seine eine Hand auf den Oberschenkel legte. Vielleicht sterben wir. Sie zitterte. Brechreiz. Schwindel. Noch immer die Farben, innen und außen. Überall. Keine Chance dieser bunten Flut, die aus dem Loch zu ihr hervorquoll, zu entkommen.

Schnitt.

Kurz bevor er den ausgewählten Pilz abschneiden wollte – seine Lunchbox hatte er extra dafür leergemacht, die Brote gegessen, die Dörrfrüchte in einen kleinen Beutel gesteckt –, beschloss er auf einmal, den Pilz da stehen zu lassen, wo er war. Mitten auf der Wiese. Und weiterzugehen.

Schnitt.

Da war was. Es zieht. Ein Loch, flüsterte sie.
Was?, fragte er schlaftrunken.
Ich glaub, ich habe bloß Durst, sagte sie, trank einen Schluck aus dem Glas, dass wie jede Nacht auf dem Nachttisch stand, drehte sich auf die andere Seite und schmiegte sich dicht an ihn.

Schnitt.

Um 7:07 klingelte der Wecker. Wie immer standen sie auf und frühstückten. Das Brot und den Käse hatte er einem Bauern abgekauft. Auf seiner gestrigen Bergtour. So gut konnte nur Käse aus den Bergen riechen.

mit eigenen Augen

11.11. Eine Sternschnuppe. Schnapszahlen und sich wiederholende Zahlen wie 12:12 zum Beispiel, waren ihre Sucht. Schon lange. Angefangen hatte es am Feuer. Vor bald fünfzehn Jahren. In Frankreich. Martina und sie hatten gleichzeitig zum Himmel hochgeschaut und die gleiche Sternschnuppe gesehen, als Beni, der stattdessen – ohne vom Himmelsphänomen etwas mitbekommen zu haben – auf die Uhr geschaut hatte, sagte: Es ist 22:22. Seither waren Schnaps- und Doppelzahlen für Martina und Annika ebenfalls Himmelsbotinnen. Sie tüftelten das Gesetz aus, dass man sich, wie bei Sternschnuppen am Himmel, etwas wünschen dürfe. Natürlich. Im Moment, wo aus der 22 eine 23 würde, PLING, müsse der Wunsch allerdings fertig gedacht worden sein und damit er sich erfüllen konnte, musste die oder der Wünschende den Sprung der einen Zahl zur nächsten mit eigenen Augen gesehen haben. So weit so gut. Natürlich glaubten die Freundinnen nicht wirklich an diesen am Feuer einer Herbstnacht erdachten Blödsinn. Dennoch kann Annika seither nicht umhin, hinzustarren, wenn sie irgendwo eine Doppelzahl sieht.

Hinstarren auf den Wecker. Auf den Bildschirm des Computer. Auf das Handy. Hinstarren, bis die Zahl, PLING, wechselt und der Zauber sich wieder auflöst. Und sich dabei etwas wünschen. Kann denn ein Mensch so viele Wünsche haben und wünscht sie sich überhaupt etwas? Jedes Mal? Wünscht sie sich nicht vielmehr, dass sie den Wechsel miterlebt? Ist sie gar nur süchtig nach dem Wechsel geworden. Nach der Sternschnuppe selber?

Schnitt.

Annika sitzt im Büro, saugt sich irgendwelche klugen Sätze aus den Fingern um die Präsentation einigermaßen verständlich zu machen, um dem ganzen theoretischen Gesülze ein verständliches Kleid überzuziehen, doch eigentlich ist sie in Gedanken ganz woanders. Sie träumt sich ans Meer. Nein, in den Wald. An die Sonne. In die Natur. Jetzt draußen sein. Im Gras liegen. Oder spazieren. Wandern. Radfahren. Einfach weg aus dieser Enge. Sie schaut auf die Uhr und stellt fest, dass sie noch drei Stunden und fünfunddreißig Minuten hier ausharren muss. Ausharren? Das kann es nicht sein! Nein, nicht so. Du kannst doch nicht ständig subtrahieren, Annika, du kannst deine Lebenszeit doch nicht damit verbringen, Zeit totzuschlagen! Mit Ausharren. Mit Hinstarren.

Sie schaut auf die Uhr. 14:14. Was wünsche ich mir?. Mich hier wegwünschen geht nicht! Dass ich gerne machen, was ich tue, jetzt, das wünsch ich mir. Spaß haben an der Arbeit, das wünsche ich mir. Hier sein als gut sein, als richtig sein akzeptieren. Ja, auch das wünsche ich mir. PLING 14:15.

Schnitt.

Abend. Wie schnell es auf einmal Abend geworden ist. Auf dem Heimweg summt Annika vor sich hin, lacht die Leute an, denen sie beim Fussgängerinnenstreifen den Vortritt lässt, grinst über eine besonders gelungene Werbung und fühlt sich für einmal gar nicht ausgelaugt wie nach anderen Arbeitstagen.

Schnitt.

Stillstand. Ganz ruhig ist es in ihr drin.

Von Pfützen und anderen Fallmaschen

Was für einen Stuss ich da schreibe. Wieso mir wohl nix kluges einfällt? Vielleicht weil ich mir erlaube, mal absichtslos drauflos zu schreiben. Einfach schreiben. Ist anfangen wirklich so einfach? Ich zweifle. Aufhören wäre jetzt einfacher. Obwohl unfertig. So unfertig wie alles im Leben. Jeder Tod kommt zur Unzeit, las ich einmal. Wir sollen drum immer so leben, dass uns der unzeitige Tod nicht zur Un-Unzeit ereilen könne. So ein Quatsch. Das will ich nicht, nicht mehr. Will so leben, als würde ich ewig leben und mir dennoch der Vergänglichkeit, meiner Sterblichkeit bewusst sein. Weniger weniger weniger, statt immer mehr mehr mehr. Wäre besser. Geh in deinem Kreis zurück. In die Mitte. Dahin, wo du herkommst. Und lebe dennoch mit ganzer Hingabe ans Leben.

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Wieder begann sie zu hüpfen. Wenn es doch schon so Tage gab, wo sie hüpfen mochte, dann musste sie hüpfen. Sah ja niemand hin. Hier nicht. Später, unten im Dorf, konnte sie noch immer normal gehen. Normal. Schon wieder so ein Wort. Eins das sie am Hüpfen hinderte. Normale hüpfen nicht. Normale gehen normal. Schritt für Schritt. Normale schlugen keine Haken, wie sie das jetzt tat, wo der noch immer regennasse Weg, sie doch dazu aufforderte. Pfützen hatte sie schon als Kind gemocht. Im Gegensatz zu heute war sie damals aber dem trockenen Land um die Pfützen herum ausgewichen. In die Pfützen hinein gesprungen. Wer am weitesten spritzen konnte, hatte gewonnen. Gedanken, die sie wieder hüpfen ließen. Verspielte Gedanken machten sie hüpfen, normale Gedanke ließen sie gehen. Normal sein war gezähmt sein. Hatte sie wirklich sechsundzwanzig Jahre alt werden müssen, um das zu begreifen? Das Mädchen, das noch immer in ihr lebte, kicherte.

Ob ich Sabine und Alina dazu überreden soll, statt ans Fest mit mir in die Jakobshöhle zu gehen?, fragt sie sich. Ob die Kerzenstummel noch da waren? Vielleicht war sogar die alte Decke noch hinter dem Felsvorsprung versteckt, wo sie immer gelegen hatte. Vielleicht waren inzwischen andere Kinder dort eingezogen? Wie lange sie schon nicht mehr dort gewesen war! Kinderzeug, würde Alina sagen. Lass uns ans Fest gehen. Dort läuft was.

Und sie würde mitgehen. War das die Freiheit? Was wollte sie wirklich? Jetzt? Ihr Schritt hatte sich verlangsamt.

(Schreibmarathon 2010, 24.4.)