Störungen

Am liebsten beheben sie Störungen. Dauernd eigentlich. Immer sind sie dran, etwas zu reparieren, zu flicken, zu heilen, auf etwas zu reagieren und zu handeln … Und wenn endlich alle Störungen behoben sind und sie genießen könnten, dass alles rund läuft, sehnen sie sich nach dem nächsten Problem, das sie lösen könnten. Komische Wesen, diese Menschen!, sagte die eine Kuh zur anderen und fraß weiter, während die Milchmaschine an ihrem Euter saugte.

Dem Spatz, der an der offenen Türe gelauscht hat, ist es zu verdanken, dass sich dieses Gerüchte in Windeseile auf der ganzen Welt verbreitet und sich seither hartnäckig gehalten hat: Dass Menschen Störfälle lieben.

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Wenn ist eine Türe. Kurz vor dem Zuschlagen oder eben geöffnet. Verheißungsvoll oder bedrohlich.

in den Zeitungen …

die beim finanzamt scheinen irgendwie was von magie zu verstehen. oder sitzt da jetzt auch schon die percht während ihre hunde mit den beamten spielen? irgendwie hab ich so ein gefühl. manchmal, wenn ich eine viertelstunde im gitarrengedudel von einem amt gewartet habe, hab ich mir schon überlegt, ob es den staat überhaupt noch gibt? mein einziger beweis dafür ist ja, dass die zeitungen über ihn schreiben.

Luisa Francia (Quelle: salamandra.de am 14.12.2009)

Ist, was wir wahrnehmen, wirklich wahr? Stehen die Berge wirklich auch nachts an ihrem Platz? Und ist ihr Platz wirklich ihr ewig gleicher Platz oder werden sie womöglich über Nacht reingenommen, geputzt und neu gepudert, wie ich es mit J. schon oft zusammen spinntisiert habe?

Büne Huber singt in einem seiner uralten Lieder, Niemer im Nüt (Niemand im Nichts), dass er nicht mehr glaubt, was er nur sieht. Recht hat er. Glaub ich jedenfalls …

Ist Papa Staat, ist meine Phantasie, sind die Berge wahr und wahrhaftig existent? Oder nur dann, wenn ich mit ihnen in Kontakt trete? Und wie steht es mit Freundschaft, mit Solidarität, mit Liebe? Ist womöglich alles, was wir denken, wahr, weil wir es ja nicht denken könnten, wenn es nicht wäre? Wenn es nicht wahr wäre. Anders gefragt: Können wir irgendetwas denken, was nicht ist? Und ist, was ist, wahr, weil es ist?

Nun ja, wahr ist, dass ich müde bin. Oder bilde ich mir das wohl bloß ein? Vielleicht stimmt es gar nicht, dass Menschen keinen Winterschlaf machen können …

Lasst uns, was als wahr gilt, öfters mal … aber das wisst ihr ja selbst … nicht wahr?

schön hässlich

Ein klein bisschen fürchte ich manchmal jenen Tag, da mir nichts mehr zu sagen oder zu schreiben einfällt. Denn, ich gebe es zu, ein klein bisschen fürchte ich die Leere.

Nein, nicht jene Stille, die mehr ist als die Abwesenheit von Geräuschen und Betriebsamkeit und die mit friedlichen Gefühlen einher geht. Denn habe ich jene Stille erst erreicht, hat sich meine Furcht bereits aufgelöst.

Ich fürchte mich wohl eher immer wieder ein wenig vor der Brücke dazwischen. Vor dieser Loslösung vom Lärm und Aktivität. Vor diesem Weg über die Brücke, diesem Weg durch den engen Tunnel, diesem Weg von da nach dort … nicht mehr hier, noch nicht da. Irgendwo dazwischen. Schweben. Kriechen. Sein im Nichts zwischen zwei Nichts. Keine Sicherheiten.

Wie die Trapezkünstlerin, die durch die Luft fliegt. Ihre einzige, fragile Sicherheit ist der Glaube an die eigene Fähigkeit, die ausgestreckten Hände zu ergreifen, die im richtigen Moment am richtigen Ort auftauchen werden. Noch aber fliegt sie. Noch sieht sie die Hände nicht. Und bevor sie dies konnte – fliegen und vertrauen gleichermaßen –, fiel sie tausendundeinmal ins Netz. Übte so in den eigenen Fall zu vertrauen. Und ins Netz, das trägt. Vertrauen ins eigene Scheitern. Ein Leben lang üben wir es, jenes Vertrauen in uns selber. Fallen und aufstehen. Weitergehen. Darum fürchte ich mich wohl nur ein ganz kleines bisschen vor der Leere. Und dies ist auch nicht wirklich schlimm. Ich weiß ja längst, wie aufstehen geht.

Apropos Stille und Leere: Das Buch von Jón Kalman Stefánsson, Das Knistern in den Sternen, ist genau das Richtige für spätherbstliche Schweige- und Lesestunden auf dem Sofa, wenn draußen die Flocken tanzen.

Der längst erwachsene Erzähler erinnert sich in an seine Kindheit. Glasklar ist seine Sprache, lyrisch, und voller Bilder und Andeutungen. Wir befinden uns im Island der Siebzigerjahre. Erst vor kurzem ist die Mutter gestorben. Der Vater, ein einfacher Mann, Maurer von Beruf, ist von heute auf morgen wieder liiert. Eines Tages ist die schweigende Frau einfach da, steht auf und kocht Hafergrütze. Die notabene weder Vater noch Sohn mögen. Das Synonym für Fremdheit.

Die Macht des Schweigens

Das Schweigen der Frau ist ein weites Meer, das man nur schwer überwinden kann. Papa räuspert sich am Abend und lobt das Essen. Papa räuspert sich am Abend und lobt das Wetter. Papa räuspert sich am Sonntag und verkündet, er brauche eine neue Wasserwaage. Papas Räusperer sind kleine Steine, die das Meer verschluckt, seine Worte Vögel, die unstet über der Meeresoberfläche flattern und in der Ferne verschwinden. Manchmal nickt die Frau mit dem Kopf und man glaubt, sie habe eine Rede gehalten. Es hat wirklich eine besondere Bewandtnis mit diesem Schweigen. Ich komme langsam auf den Gedanken, es könne manchmal ganz gut sein, zu schweigen. Mir dämmert allmählich, Schweigen verleihe einem Macht. Also gehe ich in einen neuen Tag hinaus und schweige; die anderen Jungen weichen vor meinem Schweigen zurück. Da kommt der fiese Frikki, der schon elf ist und mindestens drei Jungen pro Tag verprügelt. Er packt mich, dreht mir den Arm um und spuckt mir in die Haare, ich aber blicke ihn nur unbewegt und schweigend an. Völlig verwirrt lässt er mich los. Ich nehme mir vor, viele Tage lang zu schweigen. Das Schweigen ist eine Eisenkeule. Der Teufel erhebt sich mit seiner schrecklichen Fratze aus dem Boden. Ich aber stampfe ihn mit meinem Schweigen zurück in die Erde.

Ein Buch über die Einsamkeit, über die Spurensuche, über das, was war, das, was ist und das, was kommt. Ein Buch voller Bilder und existentielle Themen. So beiläufig und zugleich eindringlich erzählt, dass es mich von der ersten Zeile an gefangen nimmt. Geschrieben in einer Sprache, die der Hässlichkeit mit Metaphern, die so schön sind, dass sie beinahe schmerzen, entgegensteuert.

Solltet ihr also eines Tages länger nichts von mir lesen, kann es also gut sein,

a.) dass ich, Stefánssons Buch lesend, in den Winterschlaf gefallen bin,
b.) dass ich nach Island ausgewandert bin,
c.) dass mir nichts mehr zu schreiben einfällt oder (am wahrscheinlichsten)
d.) dass ich verreist bin (26.12. – 2.1.) und kein Internet habe …

Schön und hässlich sind ganz nahe beieinander. Aus dem gleichen Material. Wie Glück und Unglück. Hatten wir auch schon. Wer mir das nicht glaubt (und alle anderen auch), gucke sich dies hier an. Etwas vom schönsten, das ich in der letzten Zeit gesehen habe. Oder vom hässlichsten?

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=518XP8prwZo]

Grenzgang

I

Einen Notizzettel in meinem Bett gefunden. Abkühlen und auftauen. Immer. Alles, steht drauf. Ein Traumfetzen war das. Oder besser einer dieser Gedanken, die kurz vor dem Schlafen oder nach dem Aufwachen vorbeispazieren. Mitte finden, heißt das. Mit Wörtern kühlen wir ab, tauen wir auf. Erwärmen wir, was zu kalt ist, kühlen wir ab, was zu heiß ist. Immer sind wir am Balancieren und am Regulieren. Auch im Jahreskreis. Festtage sind Mast-Tage. Alles ist erlaubt. Genuss und so. Die Reue-Tage folgen auf den Fuß. Diäten allerorten.

Den ganzen Stress könnten wir vermeiden, wenn wir immer schön brav in der Mitte gehen würden.

II

Was immer du auf einen Grat oder eine Grenze legst oder stellst, es wird nicht dort bleiben. Die Schwerkraft sorgt dafür, dass es früher oder später auf die eine oder andere Seite fällt. Besser also, du sorgst rechtzeitig dafür, dass es zufälligerweise so fällt, wie du es willst. Falls du weißt, was du willst.

du auch!

Schwester Gewohnheit, wieso nur mache ich dich immer so mies? Obwohl du mir dabei hilfst – falls ich dich ernst nehme und akzeptiere -, bei mir zu bleiben und nicht von all den neuen Reizen, die mich ständig überfluten, weggespült zu werden. Hilfst mir zum Glück den Bodenkontakt zu behalten. Willkommen! Haben wir dich nicht, suchen wir dich nämlich. Oder vermissen dich zumindest.

Ohne Abwechslung, ohne neue Impulse wäre Gewohnheit unerträglich. Ohne Gewohnheit wäre das Neue unerträglich. Ohne Zuhause wäre die Fremde nichts als fremd. Ohne Fernweh wäre das Zuhause ein tristes Gefängnis. Unterwegs zu sein ist darum immer auch anzukommen. In unsren Gewohnheiten. In der Ferne ebenso wie zuhause.

Ich bin nie und nirgends nur das eine ohne das andere. Kein Gaspedal ohne Bremse. Keine Bremse ohne Gaspedal. Und keine Metapher ohne reale Entsprechung. Das Ganze ist beides, nein, nicht nur beides, alles! Denn es gibt immer mehr als bloß hinten und vorne oder oben und unten. Und auch ich bin immer alle und alles. Und du auch. Und du und du und du ebenfalls!

Dieses Zitat aus meinem diesjährigen Novemberschreiben-Manuskript  namens Keine Ahnung passt irgendwie zu meiner aktuellen Stimmung. Zu den zwei Herzen, die heute Nachmittag in meiner Brust schlugen. Nun schlägt nur noch eins, denn irgendwann musste ich mich schließlich entscheiden: Zürich oder nicht?

Mein lieber Freund M. und ein gemeinsamer Freund, P., hatten zu einer Lesung mit Impro-Konzert geladen. Soll ich fahren? Soll ich nicht? M., ein weiterer gemeinsamer Freund, hätte mich sogar begleitet. Doch schließlich siegte meine innere Faulpelzin. Nach einem langen Tag unterwegs im Oberland hatte ich ihr das Ruder überlassen. Ist okay … Nein sagen ist okay.

Na ja … nun gilt es allerdings weitere Entscheidungen zu treffen. Lesen? Oder Schreiben? Oder mal wieder einen Film gucken? Gopf, wieso müssen wir uns eigentlich ständig für oder gegen etwas entscheiden?

Vielleicht werde ich mich einfach aufs Sofa legen und einfach wieder mal NICHTS tun!

Keine Apartheid in der Werkzeugkiste

Ja, genau so muss der Titel dieses Artikels lauten. Ob der Text, den ich jetzt gleich dazu schreiben werde, wohl zu ihm passen wird? Mal gucken. Doch wo anfangen? Was ist relevant und darf ich nur titelrelevantes erzählen. Oder darf ich dort anfangen, wo ich mich heute Nachmittag in den „Mahlstrom“ von Berns Einkaufsüchtigen eingespeist habe, um J.s Worte zu plagiieren? Obwohl das alles keine Relevanz zum Titel hat.

Mal sehen, ob sich übrhaupt etwas über meine zwei Stunden in der Stadt sagen lässt … (selber schuld, wenn du weiterliest …) Meine Liste der in Berns Innenstadt zu besorgender Dinge war täglich gewachsen, so dass ich mir heute ein Herz gefasst und mich in die Höhle der Löwinnen und Löwen gewagt hatte. Mitten ins Getümmel! Besser jetzt noch, dachte ich mir, als in einer Woche. Besser nicht schon wieder verdrängen und verbummeln. Von prokrastinativen Rachefeldzügen habe ich im Moment genug.

Item. Erster Punkt auf der Liste: Buchladen. Buch für Patensohn. Ja, ein Weihnachtsgeschenk, ich gestehe es. Das einzige. Auch das gestehe ich freimütig. Alles andere waren Dinge des täglichen Bedarfs und fürs Büro. Papeterie, Bioladen und Naturapotheke wurden angepeilt. Nur genau zwei Stunden habe ich gebraucht und kein bisschen Stress, kein bisschen Hektik kamen auf. Auch waren noch waren alle Verkäuferinnen und Verkäufer freundlich. Und noch war ein Durchkommen in den Läden.

Mantrisch und meditativ arbeiten, möge ich heute. Was für ein Wort zum Tag! Gefischt aus einer Mail von J. und mutig umgesetzt. Sogar in der Freizeit.

Zurück zuhause hängte ich endlich meinen goldgelben Vorhang auf, den ich am Sonntag im Schrank gefunden hatte. Damit mein Gästezimmer, auch wenn es Nacht geworden ist, freundlich aussehen darf und ich beim Crossen nicht immer schwarze Fensterlöcher anstarren muss.

Also los. Das Ding montieren … Werkzeugkiste auf, Bohrmaschine, Schraubenzieher … Schon bald hängt das Teil und ich will das ganze Zöix wieder wegräumen. Dazu klappe ich den Deckel meiner Werkzeugkiste auf. Super-Gau: Lärmend poltern auf einmal Hunderte von Schrauben und Nägeln, die im Deckel der Kiste eingelegt und normalerweise mit einem speziellen verschließbaren Klappdeckel geschützt sind, zu Boden. Darunter solche, die über mindestens zwanzig meiner Lebensjahre berichten könnten. Hach, was nützt schon ein verschließbarer Deckel, wenn er offen steht! Wie war das doch gleich? Meditativ und mantrisch leben!

Ich atme aus und kann mir ein Kichern nicht verkneifen. Ich verlasse das Chaos und gehe erst mal in die Küche. Wo das nächste Chaos lauert. Schmutziges Geschirr im Spültrog. Ich schaue einfach nicht hin, ignoriere alles, denn jetzt brauche ich erst einmal eine Pause. Muss was essen und trinken. Aufräumen geht nach einer Pause eh immer viel besser.

So viele Schrauben und Nägel! Wieso werden die eigentlich immer im Dutzend oder so verkauft? Wo wir doch meistens nur zwei bis zehn Stück brauchen? Was für eine Verschwendung! Kunstwerke nehme in mir drin Gestalt an. Kunstwerke, die aus all dem Überschuss aus all den täglich gekauften Großpackungen entstehen könnten. Müssten!

Ich beginne, die mit der Kehrschaufel vom Boden gefischten Schrauben und Nägel meditativ und mantrisch nach Größe in die sechs kleinen Fächer umzuverteilen. Am Schluss würden so nur noch Nägel in der Schaufel liegen. Denke ich mir so. Hm.

Wäre ich lieber Schraube oder lieber Nagel? Nur ein einziges Mal zu gebrauchen, dafür lebenslänglich am gleichen Platz? Oder doch lieber immer wieder? Und wäre ich lieber stabil oder biegbar? Drehbar? Einfach so ein Teil zum Reinhauen? Beim Rausgeholtwerden jedoch würde ich achtlos verbogen und vermutlich weggeworfen. Dann doch lieber Schraube!, entscheide ich. In einen Dübel geschmiegt, Lasten tragend? Na ja … vielleicht doch lieber Mensch. Am liebsten mich selber.

Irgendwann wird mir das Sortieren zu bunt. Fertig meditiert. Bin ja nicht in der Psychi. Und überhaupt: Wozu? Wenn ich eine Schraube oder einen Nagel brauche, wühle ich ja ganz gerne in der Fülle. Außerdem ist mir eh jegliche Form von Ausgrenzung zuwider. Es lebe die Vielfalt! Integration statt Segregation! Her mit den Minaretten!

Ha. Und nun habe ich es sogar geschafft, ungefähr das zu schreiben, was der Titel verheißt … und erst noch ganz meditativ.

Prokrastination Vol. 2

oder Die Rache des Aufschiebens

Alle tun es, nein, falsch, alle lassen es. Alle schieben Dinge vor sich her. Über das Warum zu diskutieren, ist müßig. Über die Rache dieser vermutlich in unseren Genen verborgenen Strategien zu reden vermutlich ebenso. Sie hat genauso viele Facetten, diese Rache, wie die Palette jener Dinge, die wir aufzuschieben belieben, Farben hat.

Zu meinen ganz persönlichen Lieblingsaufschiebereien gehören Prozesse, die aus mehreren aneinanderzureihender Details bestehen. Also nicht bloß: Erledige A.! Sondern so: Erledige A., doch das geht erst, wenn du A.1 und davor A.2  geklärt – wahlweise auch erledigt oder organisiert – hast. Und gleich darauf folgt auch schon B und B.1. Als logische Konsequenz dann C.1, weil … da muss ja  …

Na, Ihr wisst schon … So Dinge eben, wo der Prozess erst losgehen kann, wenn dies und das zusammenpasst. Dazu bin ich vermutlich einfach zu faul. Und zu wenig ambitioniert. Und leider gibt es davon in unserem Büro einiges. Und netterweise sucht sich so Zöix immer meinen Schreibtisch zum Warten aus. Wie gerne ich da Dinge, die aus einer von A bis Z überschaubaren Handlung bestehen und die natürlich und zum Glück auch wichtig sind, dazwischenschiebe!

Aber ebe, die anderen Dinge, aktuell der Weihnachtskartenversand, erledigen sich leider nicht allein. Im Privatleben meide ich so Sachen ja geflissentlich, doch im Büro gehört das in den Bereich Öffentlichkeitsarbeit, der immer schwerer auf meinen Schulter lastet und auf meinem Schreibtisch hockt. Heuer habe ich schlicht und einfach die Beschaffung der diesjährigen Karten verdrängt verbummelt. Immerhin habe ich mich mit dem Inhalt der Karte auseinander gesetzt. Aber ebe … Verdrängen lohnt sich nicht. Machen muss ich es ja doch. Rache, dein Name ist Druck, Stress, Hektik.

Doch zu merken, dass mich meine Kolleginnen und mein Boss nicht alleine den Karren aus dem Dreck ziehen lassen und mich sogar tatkräftig unterstützen, tut echt gut. Du hast mir ja auch schon oft geholfen, sagte G. gestern. Wirklich, so was tut gut.

Und nach Feierabend auf meinem Crosstrainer zu rennen, ist ebenfalls wohltuend. Ich lasse alle meine Gedanken des Tages los. Die ganze Hektik fällt von mir ab, während ich ganz und gar in die Musik und den Rhytmus meiner Bewegungen eintauche. Heute meine Brücke zwischen Arbeit und Feierabend. Und diesen aufzuschieben wäre doch wirklich jammerschade!

Was ich niemals aufschieben möchte …

  • den Feierabend
  • Ferien
  • ein gutes Gespräch
  • ein herzliches Kompliment
  • ein ermutigendes Wort
  • jemandem sagen, dass ich ihn oder sie mag
  • eine Massage geben oder bekommen
  • einen Kuss
  • eine Umarmung
  • guten 6+++
  • alles, was gut tut, zu tun
  • ein feines Bier
  • Genüsse aller Art
  • jetzt leben
  • … und natürlich meinen MitbloggerInnen hin und wieder ermutigende Kommentare schreiben 🙂 (… selbst wenn es bloss Zitate wären aus Bredenbergs Buch 1000 Kommentare originell, neutral, freundlichst und wiederverwendbar)

weihnachtsmuffeln

Ein Stück für zwei.

Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne eine Waldlichtung, dargestellt durch ein paar Tannenbäume in Töpfen. Sie erinnern zufällig und entfernt an jene Bäume, die es zurzeit überall zu kaufen gibt. In weißen Netzen auf Autodächer festgebunden gehören sie zum dezemberlichen Alltagsbild. Ich gehe hektisch vom rechten zum linken Bühnenrand, halte dort kurz inne, drehe mich auf dem Absatz um und peile, hektisch ausschreitend, den rechten Bühnenrand an. Dort die selbe Spitzkehre. Immer hin und immer her.

Zwischen den Bäumen erkennt das Publikum eine Person, die sich von hinten links nähert, langsam, leise, locker. Ihr Aussehen androgyn und alterslos. Das Stammpublikum kichert und seufzt. Es weiß. Nur die Stimme verrät das Geschlecht der Person, die nun in der Mitte der Bühne stehengeblieben ist und wie ein Tennistrainer dem Ball, mir mit den Augen bei meiner Wanderung folgt.

Ich stelle mich taub, hoffend, die Type, die mich früher schon heimgesucht hat und die ich seither XeNö nenne, verziehe sich wieder. Ich suche Ruhe. Dringend. Keine Chance.

Ich (in übertrieben genervtem Tonfall, weiterhin ruhelos von links nach rechts und von rechts nach links wandernd): Was willst du denn diesmal?

XeNö: Na, ich denke, es ist mal wieder Zeit für ein paar Fragen …

Ich (verdrehe die Augen): …

XeNö: Zum Beispiel wollte ich schon lange mal fragen, warum …

Ich: Warum-Fragen beantworte ich nicht, vergessen? Außerdem habe ich eh so viel um die Ohren, dass ich keine Zeit und keine Lust auf deine Fragen habe! Siehst du denn nicht, wie beschäftigt ich bin?

XeNö: Okay, schon gut. Weißt du, ich frage mich einfach, – übrigens bin ich nicht allein mit dieser Frage! – ob du nicht ein klein bisschen zu elitär bist, was deine Aversion gegen Weihnachten und den ganzen Geschenke-Rummel betrifft.

Ich: Und wenn?

XeNö: Und wenn? Du plädierst doch ständig für Toleranz, bist aber gegenüber all den Menschen, denen Weihnachten oder das Schenken etwas bedeutet, sehr intolerant. Arrogant sogar, mit Verlaub.

Ich: Und wenn?

XeNö: Oho! Dir scheint es egal zu sein, dass du gewisse Leute brüskierst? Vielleicht sogar verletzest?

Ich: Und wenn?

XeNö: Gopf. Heute bist du nicht sehr kommunikativ.

Ich: Und wenn?

XeNö: Undwenn-undwenn-undwenn! Ist dir alles egal geworden? Und jetzt bitte kein und wenn?!

Ich: Ich frage mich, mit welchem Recht du mir solche Fragen stellst. Aber da du ja nicht locker lässt, bis ich dir antworte, hör bitte gut zu: Ich feiere gerne! Ich liebe gemütliche Feste! Ich schenke gerne. Und ich zünde gerne Kerzen an. Ach, und übrigens: Ich singe auch gerne. Wenn auch nicht unbedingt Weihnachtslieder …

XeNö: Oho!

Ich: Ach und noch was: Ich liebe Sonnwende. Sie ist das, was ich am Dezember mag: Die Rückkehr des Lichts! Aber …

XeNö: Aber?

Ich: Aber!!! Aber ich feiere und schenke und entzünde Kerzen nicht und singe nicht DANN, wenn im Kalender steht, dass ich das jetzt tun soll. Ich will dann Feste feiern und schöne Sachen verschenken, wenn ich Lust dazu habe. Ich will dann Karten schreiben und Lieder singen und Kerzen anzünden, wenn ich das Bedürfnis dazu habe. Meine Freundinnen und Freunde wissen das längst. Geschenke gibt’s von mir nicht. Und dieses Jahr bleibe ich dabei.

XeNö: Keine Kompromissbereitschaft?

Ich: Nein.

XeNö: Keine Ausnahmen?

Ich: Hm, für meinen Patensohn vielleicht. Weil er noch ein Kind ist.

XeNö: Wie konsequent.

Ich: Und wenn? Du jedenfalls bekommst nichts.

XeNö: Nein?

Ich: Nein!

XeNö: Na dann. Schöne Weihnachten … (verschwindet nach hinten rechts zwischen den Tannen).

Ich (bleibe mitten auf der Bühne stehen und schaue mich erstaunt um): War das jetzt alles echt?

Prokrastination

Jippie! Bald ist Weihnachten! Endlich haben wir alle mal wieder Gelegenheit, sämtliche übers Jahr angestauten Gewissensschulden böstenfalls auf einen Chlapf abzutragen. Bei Tante E. haben wir uns ja das ganze Jahr nur einmal gemeldet, endlich können wir ihr eine Karte schreiben. F. haben wir sträflich vernachlässigt, er bekommt ebenfalls Post von uns. Und was wohl aus H. geworden ist? Von ihm haben wir auch schon lange nix mehr gehört. Wie gut, dass es Weihnachtskarten gibt!

Am liebsten sind uns jene, wo wir bloß noch unterschreiben müssen. Alles andere ist vorgedruckt. Nein, nicht nur „Fröhliche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr“! Inzwischen gibt es schon richtig tolle Karten für Prokrastinative wie uns. Offenbar gibt es also noch andere? Offenbar ist das ganze Theater normal? Wohl denn … Auf zum fröhlichen Kartenschreiben. Und ein paar klitzekleine Geschenke sind auch nicht zu verachten. Da und dort. Und hier auch noch.

Oh du fröhliche … Die Grafikerinnen und Grafiker freuen sich, die Druckereibetriebe ebenfalls. Und die Postbotinnen und Postboten erst! Ja, und natürlich freuen sich die Typen und Typinnen von der Wirtschaft. Und die von der Industrie. Die von den Banken sowieso und so sind wir alle, alle froh.

Hach, wie gut, dass es Weihnachten gibt. Wie gut, dass wir alle an Aufschieberitis erkrankt sind.

Gute Besserung.