Ausgelesen #23 | European Angst – Texte aus Europa

Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch
– Friedrich Hölderlin

Dieses Zitat am Buchanfang lässt mich innehalten. Ist das so? Kann in dieser Welt mit all ihren Polarisierungen das eine nicht ohne das andere sein? Und gilt Hölderlins Satz womöglich auch umgekehrt?

Wo Rettendes ist, wächst
die Gefahr auch.

Bedingt oder beschwört sogar unsere relative Sicherheit Gefahren herauf? Ist unsere Sicherheit letztlich nicht unter Lebensgefahr anderer gewachsen?

Angst beschäftigt fast alle auf die eine oder andere Weise. Kollektive Angst ist aus unseren Medien seit einer Weile nicht mehr wegzudenken. Ist European Angst die Ausweitung der German Angst auf einen ganzen Kontinent?

Buchcover zeigt die Großbuchstaben EA in weißer Schrift (im unteren Bilddrittel), darunter den Titel European Angst, ebenfalls in weißer Schrift. Ein bordeauxrot-violett eingefärbtes Schwarzweißbild eines Flurs mit vielen abgehenenden Türen bildet den Hintergrund. In den unteren Ecken die Verlagsnamen in weißer Schrift.
Buchcover European Angst © Goethe-Institut | Frohmann

»Mit German Angst beschreibt man im Ausland oft abschätzig das Problematisieren, Abwägen und Zögern der Deutschen, besonders dann, wenn die Gründe dafür nichtig und klein erscheinen. European Angst aber hat nichts mit stereotyper Bedenkenträgerei zu tun. Sie ist vielmehr ein Bündel starker Emotionen über viele Ländergrenzen hinweg und war deshalb ein treffender Titel für eine Konferenz, auf der über beunruhigende Entwicklungen, über Populismus, Extremismus und Europaskepsis gesprochen werden sollte.«
Quelle: https://www.goethe.de/

Entstanden ist dieses Buch an einer KONFERENZ* ÜBER POPULISMUS, EXTREMISMUS UND EUROPASKEPSIS IN GEGENWÄRTIGEN EUROPÄISCHEN GESELLSCHAFTEN. Das Goethe Institut Belgien und der Frohmann Verlag Berlin haben die entstandenen Essays auf Englisch und Deutsch in diesem Buch zusammengefasst.

Es war ein Zitat aus Herta Müllers Essay, das mich gepackt hatte:

»Als sie den verstümmelten Fuchs sah, hatte meine Mutter auch Angst. Angst um mich und Angst um sich selbst.
Sie sagte: Du liegst eines Tages tot im Graben. Dafür hab ich dich nicht großgezogen.
Und dann schluckte sie, verdrehte die Augen und sagte dazu: Andere applaudieren und verdienen Geld. Und du bringst unsere Familie in Gefahr.
Sie hatte eine doppelte Angst. Angst um mich und Angst vor mir. Diese doppelte Angst ist mir im ganzen Land begegnet. Ich bekam nie wieder eine feste Anstellung und wusste nicht, wovon ich leben soll. Ich hatte überhaupt kein Geld. Gelegentlich bekam ich eine befristete  Aushilfsstelle in irgendeiner Schule. Von der Straße kommend hörte ich das laute Summen der Stimmen aus dem Lehrerzimmer. Sobald ich die Tür öffnete und im Lehrerzimmer erschien, wurde es still wie in einer Kirche.«

Quelle: European Angst, Seite 157, Herta Müller: Freiheit ist etwas, wovor manche Angst haben und andere nicht

Neugierig geworden habe ich mir das eBook European Angst** heruntergeladen*** und bereits den einen oder anderen Aufsatz darin gelesen. Ein Buch für Ängstliche, Mutige und alle, die es wissen wollen.

Lesenswert!


*Infos zur Konferenz: hier → lang.
**Infos: www.goethe.de
***Zum Gratis-Download: hier → lang.

Depression zwischen Buchdeckeln #5 – Sörensen hat Angst von Sven Stricker

Ich kenne nicht viele Romane – insbesondere kaum Krimis –, die glaubwürdig ProtagonistInnen mit psychischen Problemen zeigen. Betonung auf glaubwürdig. Oft werden gerade Krankheiten wie Depressionen und Zwangs- oder Angststörungen oder auch Eigenschaften wie Hochsensibilität oder Autismus in Büchern sehr klischeehaft dargestellt und überstrapaziert. Was wenig zu Aufklärung, Toleranz und mehr Verständnis beiträgt, eher Vorurteilen weiter Vorschub leistet.

Darum möchte ich hier zukünftig in loser Folge das eine oder andere Buch, das sich in dieser Hinsicht von der Masse abhebt, vorstellen und die eine oder andere Figur ein bisschen bekannter machen. Und vielleicht sogar über die für einmal wieder offene Kommentarfunktion einen Buchtipps-Austausch ermöglichen.

Buchcover zeigt im oberen Bildteil den Autornamen in Schwarz, darunter den Buchtitel in Weiß. Das gemalte Hintergrundbild zeigt einen regengrauen Himmel, darunter klassische Friesenhäuschen am Deich und vorne rechts, im Vordergrund, einen schwarzgekleideten Mann mit einer schwarzen Wollmütze, der mit dem rechten Zeigefiger die Haut unter seinem rechten Auge herunterzieht. Sein Blick ist melancholisch.Anfangen will ich mit Sörensen hat Angst von Sven Stricker. Zugegeben, die Geschichte selbst ist trotz ihrer Dramatik nichts wirklich Neues. Die Qualität des Buches macht für mich hier einmal mehr Schreibstil und Figurenzeichnung aus. Strickers Protagonisten und Protagonistinnen sind fühlbar, dreidimensional, ambivalent; auch mag ich die Dialoge.

Auf den ersten Blick schreibt Stricker eher locker, leicht ironisch, abgeklärt. Je näher wir Kriminalhauptkommissar Sörensen jedoch kommen und ihm beim Leben über die Schulter blicken können, desto deutlicher wird, dass seine auf den ersten Blick abgeklärte Fassade reiner Selbstschutz ist. Einzig mit seinem Vater, einem Nerd der ersten Stunde, den er im Laufe der Geschichte um ein paar Recherchen bittet, spricht er explizit über seine Angststörung.  Als Leserin bekomme ich dennoch ein anschaulisches, glaubwürdiges Bild eines Lebens mit Angststörung und Depression. Therapie und Medikation inklusive.

Sörensen hatte sich nach einem Zusammenbruch und der Trennung von seiner Frau nach Katenbüll in Nordfriesland versetzen lassen und gehofft, der kleine Ort würde ihm ein ruhigeres und stressfreieres Leben als in Hamburg bescheren. Es ist Herbst und regnet ununterbrochen in Katenbüll. Die Einheimischen verhalten sich Sörensen gegenüber so kühl wie das Wetter. Als kurz nach Sörensens Ankunft auf dem kleinen Stadtrevier die Meldung eintrifft, Bürgermeister Hinrichs liege tot im eigenen Pferdestall, bleibt Sörensen nichts anderes übrig als hinter die Kulissen der Kleinstadt zu blicken.

Mit Jenni, seiner Kollegin und Malte, dem Praktikanten, macht er sich an die Aufklärung eines Mordes, auf den die Menschen im Ort sehr unterschiedlich reagieren. So richtig traurig scheint allerdings niemand zu sein. Als am gleichen Abend Jan, der zwölfjährige Sohn des Bürgermeisters, verschwindet, am nächsten Morgen eine stadtbekannte Gammlerin tot aufgefunden und tags darauf schließlich auch noch der Hotelier erschossen wird, bekommt es Sörensen wirklich mit der Angst zu tun. Wie soll er dieses Chaos bloß aufklären?

Eben noch hatte er dank Adrenalinschub ein Verhör geführt, sich dabei souverän gefühlt und eloquent, hatte sogar seine innere Unruhe integrieren können, und ja, er hatte sogar Spaß gehabt –» und jetzt wieder das. […] Nicht lebenstauglich, das war die Diagnose, immer noch nicht lebenstauglich, egal ob in Katenbüll, Hamburg oder New York, egal, ob mit Tabletten oder ohne, ob therapiert oder nicht.« (S. 116*)

Dass er zwischendurch ziemlich in Schwung kommt, tut ihm gut. Und immer mal wieder ist die Angst auf einmal weg. Doch »… just in dem Moment, als er das dachte, war es auch schon wieder vorbei damit. So war das meistens. In dem Sekundenbruchteil, in dem er bemerkte, dass er angstfrei war, kam die Angst zurück. Die Angst davor, dass alles wieder von vorne losgehen würde. Was es dann augenblicklich tat.« (S. 159*)

Gerade hatte er erfolgreich eine ziemlich merkwürdige Pressekonferenz hinter sich gebracht und war zurück ins Revier gegangen. Dynamisch hatte er zwei Steinstufen aufs Mal genommen, als alles wieder kippte: »… Malte hing schon wieder am Telefon, verzweifelt versuchend den Lärm zu übertönen. Sörensens Selbstvertrauen schwand, die Kraft verließ ihn im gleich Maße wie die Sinneseindrücke ihm schlagartig zu viel wurden. Die Umgebungsgeräusche verschmischten sich, sammelten sich, spuckten sich wieder aus, mit Nachhall und im falschen Raum. Einzelne Stimmen waren nicht zuzuorden, Gesichter verschwammen, der Pulsschlag beschleunigte sich, das Herz klopfte gegen den Brustkorb, der Blutdruck stieg in den roten Bereich, dazu dröhnte die Klimaanlage, war die auch schon vorher da gewesen, diese verdammt noch mal beschissen laute Klimaanlage?« (Seite 287*)

Zum Glück ist da wenigstens noch Cord, ein Mischlingshund vom Nachbarhof, der bei ihm Schutz vor Schlägen sucht und den er darum kurzerhand adoptiert.

Dass er im Laufe der Ermittlung auf ziemlich viel Mist stößt, den Jenni in Katenbüll so nicht erwartet hätte, muss hier natürlich auch erwähnt werden. So viel Mist, dass selbst Jenni die Kotze hoch kommt. Und »… er hatte wieder dieses asthmatische Gefühl, das man so leicht mit echten Lugenproblemen verwechseln konnte, dabei war das doch alles die Psyche. Alles war die Psyche. Sörensen war mittlerweile geneigt, so ziemlich das ganze Leben auf seine Psyche zu schieben, auf sein vegetatives Nervensystem, auf seine Angstzustände.« (S. 295*)

Ole, jener aufmerksame junge Mann, den Sörensen ganz am Anfang der Geschichte als Autostopper kennengelernt hatte, nennt schließlich am Ende des Buches Sörensens Angststörung beim Namen. Uff, durchschaut!

Wie lebt es sich an einem Ort, an dem dich die Leute durchschauen? An dem sie wissen, dass du krank bist?

Sven Stricker hat mit Sörensen eine sympathische, ambivalente Figur geschaffen wie ich sie mag. Selbstreflektierend und humorvoll; und niemals macht sich der Autor über die Krankheit und ihre Symptome lächerlich.

Ich bin schon jetzt gespannt auf die Fortsetzung, die Ende September erscheinen wird.


Sörensen hat Angst gibt es auch als Hörspiel. Es ist noch eine Weile online: hier oder auch hier (direkt).

Rowohlt Taschenbuch/eBook
ISBN: 978-3-499-27118-2
Print: 432 Seiten, *eBook: 317 Seiten
Print/eBook: je € 9,99, Fr. 14,90/12.–

Wochenendimpressionen

Was für ein Wochenende! Am Freitagnachmittag fuhren wir via Bern, meiner alten Heimat, ins Schwarzenburgerland. Ans Schwarzwasser. Einem jener Flüsse, denen ich in meinen Berner Jahren oft einen Besuch abgestattet habe – allein oder mit Freundinnen und Freunden und natürlich auch mit dem Liebsten.

Schon auf der Fahrt hatte sich der Himmel zu überziehen begonnen, doch das hinderte uns nicht daran ins Schwarzwassertal hinunterzusteigen. Unten, bei einer kleinen Brücke, die eine Art Kreuzung in vier Richtungen darstellte, beschlossen wir vor der Brücke nach links zu gehen, als uns von rechts zwei Frauen entgegen kamen. Die rechts sieht ja aus wie R., murmelte ich und es dauerte ein paar Sekunden, bevor ich erkannte, dass es sogar R. war. Was für ein Zufall! Vorhin waren wir an ihrem Haus vorbeigefahren und ich hatte noch laut überlegt, dass wir ja eigentlich …

Nun begrüßten und umarmten wir uns herzlich und ließen uns für später zu einem Tee einladen. Und, falls wir wollten, auch zum Übernachten. Mal schauen, sagten wir, und: Bis später!

Zuerst aber wollten wir einfach das Schwarzwasser begrüßen. Ins Flusstal waten. Uns badend abkühlen. Schwül war es und ab und zu fielen ein paar Regentropfen vom sich bewölkenden Himmel. Die Temperatur fiel ein wenig. Ach, herrliches Schwarzwasser! So viele Steine zum Türme bauen. Steine und Wasser und Bäume und relative Stille. Wie gut das tut!

Auf einem Fels, der aus dem Wasser ragte, baute ich ein Steinmännchen, wie ich es noch nie gemacht hatte. In die Schräge hinein baute ich es, wie ein Terrassenhaus, dabei versuchend, wie ich es im Leben ja oft genug übe, den unidealen Voraussetzungen zu trotzen. Definitiv schwieriger als ein Steinmännchen auf ebenem Untergrund. Es wurde deutlich weniger hoch als manche andere, die ich schon geschaffen hatte, zu fragil war das Gleichgewicht, zu unsicher der Untergrund.

Langsam wurden die Füße dann doch ein bisschen kühl vom Wasser und auch der Regen schien es langsam ernst zu meinen. Wir zogen uns wieder um und wanderten zurück zum Auto. Nach einem kleinen Abstecher nach Schwarzenburg, um noch dies und jenes einzukaufen, fuhren wir auf einen Tee zu R., um mit ihr über das Leben und das Reisen zu philosophieren. Ihr Übernachtungsangebot lehnten wir allerdings ab, obwohl Regen angesagt war, denn wir hatten uns innerlich auf ein Zeltwochenende eingestellt und wollten endlich einmal Bern vom Eichholz-Camping aus erleben.

So fuhren wir nach Wabern auf den Aare-Campingplatz Eichholz. Bisher kannte ich dieses Areal ja nur von unzähligen Spaziergängen zwischen dem Aareufer und ebendiesem Zeltplatz. Jetzt aber wollten wir es wissen. Kaum hatten wir uns angemeldet und Fr. 38.50 für Übernachtung, Duschjetons, Parkkarte und Tickets für den öffentlichen Verkehr bezahlt und uns einen schönen Platz für unser Zelt aussuchen wollen, fing es richtig heftig zu regnen an. Spontan fuhr uns ein Zeltplatzeinweiser mit Fahrrad und Schirm voran und lotste uns in eine schmale Lücke zwischen zwei Wohnwägen, wo wir das Auto kurz, zum Ausladen, abstellen durften. Nachher müsse das Auto aber wieder raus. Unter den Bäumen, in einer vielleicht sechs Meter schmalen Lücke zwischen anderen Zelten, war es relativ trocken und so bauten wir ebendort, mangels Alternativen, in Rekordzeit und halbwegs trocken unser Zelt auf. Während Irgendlink das Auto wieder herausfuhr, befüllte ich unsere Matten mit Luft, packte die Schlafsäcke aus und schon bald hatten wir es schön gemütlich. Im Zelt dem Regen lauschen hat was – echt jetzt! – und so richtig heftig regnete es inzwischen eh nicht mehr. Zwischendurch war sogar das Murmeln der Aare zu hören. Je später und dunkler es wurde, desto aktiver und lauter wurden allerdings die Menschen in den Zelten um uns herum.

Während wir uns etwas Feines kochten, überlegten wir, ob es wirklich so eine tolle Idee gewesen war, mitten in der Hochsaison auf einen vollen Stadt-Camping zu gehen. Zumal für uns zwei Schwedenverwöhnte. Nun denn … Wir haben ja zum Glück einen Fußball … und auch sonst geht es uns gut.

Zwei Finger in kleinen Fußballschuhen, die einen kleinen Fußball gegen einen Fuß als Tor schubsenUnd  tatsächlich wurde es gegen 23 Uhr still und in der Nacht hätte man kaum glauben können, dass hier einige hundert Menschen schlafen.

Geplapper im Nachbarzelt, es war noch vor sieben Uhr, weckte mich. Wie ein angestoßener Dominostein setzte sich das Geplapper fort und schon bald war der Campingplatz wach.

Beim Tee- und Kaffeetrinken beschlossen Irgendlink und ich, dass wir das Zelt abbauen und doch bei den Freunden, die uns zum Abendessen und Übernachten eingeladen hatten, übernachten würden. Jedenfalls, wenn sich der Wetterbericht für Sonntag doch noch zum Guten wenden sollte. Außerdem gab es die Option, nach dem Abendessen bei unseren Freunden auch einfach nach Hause zu fahren. Mal schauen.

Irgendlink fotografiert den Zytglogge-Turm, eins der Wahrzeichen Berns

Um zwölf trafen wir uns mit Freundin M. (2) auf der Münsterplattform, einem beliebten zentralen Treffpunkt hinter dem Münster, von welchem aus man ’von oben herab’ auf die Aare und die Quartiere am Fluss blicken kann. Gemütliches Zusammensein. Einfach schön, solche Menschen zu kennen!, dachte ich, wie schon oft.

Dank des Citytickets für den öffentlichen Verkehr konnten wir ohne Parkplatzsorgen vom Stadtzentrum zur Col-Art-Austellung fahren, wo wir an einem Col-Art-Workshop teilnahmen. Zu neunt malten wir an acht verschiedenen Bildern. Demokratisch, gemeinschaftlich, miteinander – so der Grundgedanke der Kunstrichtung Col-Art/Kollektive Kunst, die heuer 50 Jahre alt wird.

Acht bunte Bilder auf Holzboden mit vielen sehr unterschiedlichen Bildelementen, Acryl auf Papier.Gründer Marc Kuhn stellt einen Monat lang mit großem Engagement im alten Tramdepot Bilder aus fünfzig Jahren Col-Art aus. Diese Ausstellung läuft noch bis Ende Juli.

Mehr Infos gibt es hier: https://agenda.bernerzeitung.ch

Später holen wir das Auto auf dem Campingplatz und parken im Quartier unserer Freunde. Gemütlich ist es. Die kleine Tochter giggelt uns fröhlich und die inspirienden Gespräche und das feine Essen tragen ebenfalls zu einem tollen Abend bei. Müde legen wir uns schlafen. Am Morgen werden wir vom Singsang des Töchterleins sanft aus dem Schlaf gelotst. Wir freuen uns über das gute Wetter und beschließen, die Idee, im Jura wandern zu gehen, umzusetzen. Nach all den vielen nährenden Gesprächen der letzten beiden Tage ist es uns nach Natur und Stille. Und Bewegung.

Nach einem gemütlichen Frühstück und einem Schlenker zum nahen Friedhof fahren wir ins Traverstal, wo die Areuse schluchtet und der Creux du Van das Staunen lehrt.

Eine natürliche Felsenarena gewaltigen Ausmaßes ist er, der Creux du Van. Um die hundertsechzig Meter hohe, senkrechte Felswände umschließen einen vier Kilometer langen und über einen Kilometer breiten Talkessel. Gewaltig, wunderbar, ehrfurchtgebietend!

Über vierzehn Kurven wanderen wir von Noiraigue aus zum Plateau hoch und genießen hier eine Weite, die es so nur in den Bergen gibt.

Auf dem Weg bergauf wünschten wir allen Leuten, die unsere Wege kreuzten, freundlich Bonjour. Kaum oben auf dem Plateau angekommen, hören wir schnell damit auf. Viele Menschen teilen mit uns die Fernsicht und das spektakuläre Erlebnis. Viele allerdings fahren mit dem Auto zum Bergrestaurant hoch und flipflopen sich am Abgrund entlang um das ultimativ spektakulärste Bild schießen zu können. Zum Glück hat es genug Platz für alle.

Wir umrunden den Krater an seiner Oberkante und steigen auf der anderen Seite der Felsarena wieder abwärts. Die ersten drei oder vier Kilometer sind wieder sehr steil, wie schon beim Aufstieg, auch der Rest hat es in sich. Und geht ganz schön in die Beine. Ich bin auch langsam müde von all den vielen Eindrücken, Begegnugen und Gedanken.

Auf den letzten Kilometers des Abstiegs verbiege ich mir dummerweise irgendwie das Knie, sodass ich, wegen der stechenden Schmerzen, nur noch ganz langsam gehen kann, doch wir haben es zum Glück nicht eilig.

Auf der Rückfahrt nach Hause bin ich tief entspannt. Und sehr dankbar für dieses nährende Wochenende.


*Hier der Streckenlink  zu unserer Wanderung und hier eine Karte:

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Mehr Infos:
Wiki
http://wegwandern.ch
www.schweizmobil.ch
www.wanderungen.ch

Dass du nicht mehr leben willst. Ein Brief | #Depression #notjustsad

Lieber Mensch

Du sagst, dass du keine Kraft mehr hast, weiterzuleben. Dass das Leben so weh tut, dass du es kaum mehr erträgst. Ich sehe deine Tränen. Ich spüre deinen Schmerz. Ich höre dir zu, halte dich und weine mit dir. Ich versuche, zu verstehen, auch wenn ich weiß, dass das nicht wirklich geht.

Du magst nicht mehr leben. Immer wieder sagst du es.

Die Fragen, die ich mir stelle, wenn ich dich das sagen höre, sind vielleicht nicht die, die sich die meisten anderen stellen. Ich studiere zum Beispiel definitiv nicht über deine Zwangseinweisung in die Psychiatrie nach. Und nein, ich studiere auch nicht darüber nach, wie ich dich retten könnte.

Ich versuche einfach nur zu fühlen, wie du dich wohl fühlst. Ich nehme dabei wahr, was dir jetzt weh tut, aber ich nehme auch wahr, was früher war. Was du schon alles erlebt hast. All das, was dich schon als sehr junger Mensch immer wieder aufgerieben hat. (Natürlich gelingt mir das nicht ohne Vergleiche mit meinen eigenen Wunden, doch solange ich mir dessen bewusst bin und nicht von mir auf dich schließe, ist das in Ordnung. Zumal ich ja deine Wunden nicht heilen kann. Ich kann bestenfalls Salbe auftragen.)

Ja, es ist eine verdammte Scheiße, was dir da alles passiert ist, was du alles erlebt hast. Was dich alles geprägt hat. Schrecklich auch, dass damals niemand da war, der dir geholfen hat. Nein, niemandem dürfte das passieren, auch nicht Teile davon. Kein Mensch darf einem anderen Menschen solche Dinge antun! (Auch wenn man selbst kaputt ist, darf man andere Menschen nicht kaputt machen.) Es geschieht dennoch. Tagtäglich.

Ich spüre dein Leid. Manchmal ist es für mich als Zuhörerin schier unerträglich schmerzhaft. Wie viel schlimmer muss es dann für dich sein?

Ja, ich verstehe, dass du nicht mehr leben magst.

Die Fragen, die ich mir stelle, sind nicht: Wie kann ich dich retten? Wie kann ich verhindern, um jeden Preis, dass du dir etwas antust, dass dir das Leben nimmst?

Damit wäre dir nicht geholfen, nicht wirklich. Ich darf dich nicht zum Leben zwingen.

Die Fragen, die ich mir stelle, lauten: Womit kann ich dich überzeugen, dass sich ein Weiterleben lohnt, trotz all des erlebten Bullshit, trotz all der Feindseligkeiten auf dieser Welt und in deiner Umgebung, trotz all der existentiellen Ängste, die in deinem Leben sehr real sind? Wie kann ich dir erlebbar machen, dass du um deinetwillen ein liebenswerter Mensch bist, auch wenn du keine Kraft mehr hast? Wie kann ich dich unterstützen? Wie kann ich dazu beitragen, dass die Welt ein Ort ist, auf dem es sich auch für Menschen, die keine Kraft mehr haben, erträglich leben lässt.

Ich bin die Letzte, die es verurteilen oder nicht verstehen würde, wenn du eines Tages genug hast und den Tod wähltest. Du würdest eine große Lücke hinterlassen, nicht nur bei mir, bei anderen, aber ich würde es akzeptieren.

Ich wünsche mir, dass du nicht in erster Linie aus Rücksicht auf andere hier bleibst, am Leben. Ich wünsche dir, dass du in erster Linie dir zuliebe leben kannst.

Ja, das ist es, worüber ich nachdenke, während ich dir zuhöre. Während ich deine Tränen sehe. Während ich deinen Worten und deinem Schmerz lausche.

Mögest du entdecken, wie gut es sich anfühlt, dir zuliebe zu leben.
Mögest du dich lieben, von Kopf bis Fuß, immer ein bisschen bedingungsloser, immer ein bisschen befreiter vom Denken und den Rückmeldungen anderer.

Du bist es wert. Du bist liebenswert.


Ich habe diesen Brief für dich geschrieben – und für dich und dich auch. Und ja, ich habe ihn auch für mich selbst geschrieben. Für den Fall, dass ich es mal wieder vergessen sollte, dieses Liebenswertvollsein.

Inspiriert hat mich unter anderem ein Text, den ich heute im Blog Dare to be mad gelesen habe. Er heißt Ein paar Worte zu Suizid:

Ich zitiere:
»Es macht mich unendlich traurig, wenn ein Mensch so lange gekämpft hat, eine Zeit lang sogar glücklich war, therapeutisch an sich gearbeitet hat, für andere viel bedeutet hat, anderen Betroffenen helfen konnte und so viel zu geben hatte und am Ende doch unter der Last seiner seelischen Wunden zusammenbricht. Chester Bennington wurde als Kind sexuell missbraucht. DAS hat ihn umgebracht. Wenn einer schuldig ist, dann die Täter aus seiner Kindheit. Manchmal ist das, was Menschen erleben und erleiden mussten, so unendlich furchtbar, dass sie nicht mehr damit leben können. Therapie hin, liebevolle Familie her. Es zerreißt mir das Herz, wenn ein Mensch psychisch so schwer verletzt ist, dass ihn nichts Heilendes mehr erreicht.«

Du fehlst | Die Anthologie

Ohne dich

Als du auf einmal nicht mehr da warst, blieb die Welt nicht stehen. Auch mein Atem floss weiter und sogar mein Herzschlag setzte nicht aus. Heute jedoch bekomme ich kaum Luft, wenn das Leben besonders scharfkantig auftritt. Auch das Holpern kam erst später.

Als du auf einmal nicht mehr da warst, sah meine Welt noch fast gleich aus wie vorher. Aber nichts passte mehr.

Seit du nicht mehr da bist, ist da, wo du warst, nur noch dieses Loch. Auch nach all den Jahren ist deine Absenz zuweilen schier unerträglich.

Du fehlst mir.

Deine Stimme, wenn du „Mama!“ sagtest. Wie du es sagtest. Wie ein Lied. Ach, und deine Stimme, wenn du beim Spielen mit deinen Kuscheltieren vor dich hin gesungen hast.

Und wie du mir vorgesungen hast, dass du mich lieb hast. Nur wenige Wochen, bevor du für immer gegangen bist.

Weiterlesen?

Am 20. Juli erscheint das Buch DU FEHLST, für welches ich obige Geschichte geschrieben habe. Eine von fünfzig Geschichten, die aus 730 Beiträgen für das Buch DU FEHLST ausgewählt wurde.

60% des Erlöses gehen an Hospize und helfen so Menschen dabei, Leben, Abschied und Sterben so würdig wie möglich zu gestalten

Buchcover mit Titel, Untertitel, Herausgeberschaft und in der Mitte einer verblühten weißen Lilie, halb fotografiert, halb gezeichnet.
Buchcover

Einen Blick ins Buch gibt es auf der Verlagsseite > q5-verlag.de
Zu kaufen wird diese Anthologie in allen Buchhandlungen sein.

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Ich mag die Texte, die ich bisher gelesen habe, sehr. Das Buch eignet sich gut als Geschenk für Menschen, die einen lieben Menschen verloren haben.

Dass neben dem Text einer lieben Freundin auch einer von Irgendlink mit im Buch ist, freut mich ganz besonders und obwohl ich die anderen Autorinnen und Autoren nicht kenne, stehe ich voll und ganz hinter diesem Buch.

Ich hoffe, dass es viele Menschen lesen, teilen, verschenken und sich bewusster und intensiver mit unser aller Vergänglichkeit auseinandersetzen.

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In eigener Sache:
Dieser Tage bestelle ich einige Exemplare beim Verlag. Wer das Buch gerne über mich beziehen möchte, damit ich (und/oder Irgendlink) eine kleine Widmung hineinschreiben kann, darf mir gerne eine Mail schreiben.

(Die Preise sind die gleichen wie im Buchhandel: € 19.99/ca. 24 Fr. zuzüglich Versandkosten.)

Plädoyer fürs Umvollkommene

Ja, das muss so. Dieses M im Titel war eigentlich ein der Müdigkeit geschuldeter Tippfehler, doch als ich ihn korrigieren wollte, lachte er mich aus:
Du plädierst für Unvollkommenheit und willst mir an den Kragen? Wie konsequent ist das denn bitte?

Seit bald zwei Wochen steht dieser Text hier. So ungefähr jedenfalls. Als Entwurf. So lange schon tüftle ich also an Sätzen und Aussagen herum. Gestern habe ich sogar statt ’speichern’ versehentlich ’veröffentlichen’ angeklickt und darum war der Artikel etwa zehn oder zwanzig Sekunden online. Schnell habe ich ihn wieder aus dem Netz geholt, denn er war ja noch gar nicht fertig. Noch nicht perfekt genug. Äh …

Ob Vollkommenheit im umvollkommenen Zustand nicht doch irgendwie viel erträglicher ist?
Anders gefragt: Sind wir denn nicht alle schon irgendwie vollkommen. Alles da. Eigentlich. Aber eben. Es gibt da so viel zu feilen, so viel zu perfektionieren, so viel zu bedenken, zu verändern, zu machen. Obwohl alles da ist. (Schrödingers Vollkommenheit sozusagen.)

Ist Perfektionismus womöglich eine Vermeidungsstrategie, die darauf hinzielen soll, uns unverletzbar zu machen?
Unverletzbarkeit, Unangreifbarkeit – zwei Schutzbedürfnisse, denen wir mit viel und gleich noch mehr Selbstoptimierung entsprechen wollen. Je schneller die Welt sich dreht, desto besser müssen wir sein. Meinen wir, sein zu müssen.

Ich kenne vor allem junge Frauen, die der Selbstoptimierung, dem Selbstoptimierungswahn verfallen. Noch besser, noch schöner, noch bezaubernder, noch erotischer, noch deeper wollen sie sein. Dass die sozialen Medien diesem Wahn Vorschub leisten, ist bekannt. So viel Schein ist mir suspekt …

Wie las ich neulich?

»Das polierte Glück der andern schmälert das eigene

Soziale Plattformen, auf denen «schöner leben» zelebriert wird, wirken in dieser Hinsicht wie mächtige Neidgeneratoren. Allein schon die schiere Zahl an Vergleichsmöglichkeiten mit hunderten von Freunden kann unser Selbstbewusstsein strapazieren.«

Quelle: www.srf.ch/kultur/netzwelt/

Wir messen und vergleichen. Ständig. Und wir setzen uns ständig unter Druck. Und noch mehr Druck. Ob bei der Arbeit oder in der Freizeit – Hauptsache wir haben eine glatte Fassade. Alles dreht sich darum, den Ansprüchen zu genügen, die wir denken, dass andere sie an uns haben. Oder wir selbst. Denn auch das ist Perfektionismus: Wir halten uns nur bedingt liebenswert, solange wir nicht unsern hohen Ansprüchen genügen, die wir an uns haben. (Dieses Wir meint alle, die sich betroffen fühlen. Ich kenne da so einige …). Ich behaupte, dass das hier eine Ursache für viele Krankheiten ist.

Bis zu einem gewissen Grad kann uns Konkurrenzkampf ja inspirieren und herausfordern, etwas Neues auszuprobieren, aber jener Konkurrenzkampf, der heute oft praktiziert wird, ist lebensfeindlich, lebensgefährlich. (Vergessen wir dabei aber nicht, dass am meisten Druck von uns selbst kommt.) Bei all dem aus Angst geborenen, oft sehr existentiellen Druck, dem so viele Menschen ausgesetzt sind, ist uns das Miteinander abhanden gekommen. Im Blick auf den eigenen Kampf verlieren wir den solidarischen Blick aufs große Ganze. Und ja, das meine ich durchaus auch politisch.

Umso mehr freue ich mich immer, wenn ich inmitten all der Schlammschlachten in den Medien eine Perle finde. Menschen, die einander unterstützen. Wie in diesem kleinen Film, den ich neulich schon auf FB und Twitter geteilt habe.

Das ist der > Spendenlink.

Oder, oder, oder …
Ja, es gibt sie, diese Menschen. Und ich ziehe vor ihnen dankbar meinen Hut, auch wenn ich selbst im Moment aktiv nicht viel tun kann.

Was ich zu tun versuche:

  • Nicht wegschauen, aber beim Hinschauen den Fokus immer wieder auf Heilsames zu richten versuchen (was mir oft nicht gelingt)
  • Mir bewusst machen, woher der ganze Druck kommt, der so viele Menschen erfasst und sich an Feindbildern vollfrisst. Es ist die Angst mit all ihren Gesichtern. Angst vor dem Fremden, Angst vor dem Unbekannten, Angst vor der Zukunft. (Sie wirkt auf viele wie eine Droge, sagte Irgendlink neulich. Sehe ich auch so.)
  • Mir bewusst machen, dass wir alle miteinander verbunden sind.
  • Mir bewusst machen, dass wir alle eine Art Werkeinstellung in uns haben, die auf ’Lebenserhaltung und Gemeinschaft’ programmiert ist. Wäre. Ist. (Leider ist dieses Programm bei ganz vielen Menschen aus vielerlei traurigen Gründen nie installiert und konfiguriert worden, viele von uns haben stattdessen mehr oder weniger ständig den Notfall- und Überlebensmodus eingeschaltet.)
  • Mir bewusst machen, dass ich mit meinem ’göttlichen Kern’ (Seele, innere Mitte etc.) verbunden sein kann, wenn ich das will.
  • Mich mit meinem ’göttlichen Kern’ verbinden.

Ich ahne, dass es letztlich die Verbundenheit mit diesem ’göttlichen Kern’ in uns ist, die uns hilft, wenn wir Hilfe brauchen. Verbundenheit mit mir selbst, mit meiner Mitte, mit meinem göttlichen Inneren, mit diesem mit allem und allen verbundenen weisen Zellkern. Könnte er es gar sein, der auf uns aufpasst, der uns unterstützt, wenn wir ihn brauchen, zumal er ja nicht an Zeit und Raum gebunden ist? (Von all den göttlichen Theorien scheint mir das eigentlich die Nachvollziehbarste. Zumal ich nicht an einen Gott außerhalb von uns Wesen glauben kann. Aber ich kann auch nicht an nichts glauben.)

Schon seit längerem bin ich davon überzeugt davon, dass jegliche Religion, jeder Glaube, jede Spiritualität, jede Lehre, jedes Dogma, jeder kluge Gedanke und jede esoterische oder sonst wie geartete Weisheit ein Flop ist, wenn wir sie praktizieren ohne mit uns selbst – mit unserm weisen Kern – verbunden zu sein. Und damit meine ich jetzt weder Hokuspokus, noch Gebete, noch Rituale (die können, müssen aber nicht, dabei helfen). Ich meine schlicht und einfach diese innere Selbstverbundenheit: Auf sich hören. Sich spüren. Sich selbst wahrnehmen. Sich vertrauen. Klingt einfach. Der Weg dorthin ist allerdings zäh, denn wir haben möglicherweise Erfahrungen gemacht, die dazu beitragen, dass wir den Zugang nach innen nach und nach verbarrikadiert haben.

Du musst nicht dem Leben vertrauen, sagte einst sinngemäß eine kluge Frau zu mir, denn das Leben ist gefährlich. Du hast selbst erlebt, dass sich von einer Minute auf die andere alles verändern kann. Das Leben ist unberechenbar. Die Natur, die Welt, die Erde ist unparteiisch, neutral, wild. Es ist ratsamer, wieder dir selbst zu vertrauen, wieder Vertrauen in dich zu finden. Den Mut finden, dich in deinem So-Sein, in diesem Schwachsein, in diesem Unvollkommensein anzunehmen.

Dich auszuhalten in deinem So-Sein.
Zulassen statt verändern.
Sein statt werden.
Das Chaos in dir tolerieren.
Im Frieden sein, mit dem, was ist.

Und genau darum geht es mir, bei diesem meinem Plädoyer zum Umvollkommenen: Lasst uns wieder menschliche Menschen sein. Menschen, die es wagen, andere um Hilfe zu bitten. Die es wagen, zu sein. Die es wagen, schwach zu sein. Und die es wagen, zu fallen. Lasst uns einander Raum geben, zu fallen. Und einander aufzufangen.

Ein vollkommenes Leben gibt es nicht. Keine noch so schöne Blüte ist vollkommen, und wenn auch nur darum, weil sie eines Tages verblüht. Und auch die Hochglanzmenschen in den Medien, die so tun, als ob alles gut sei, haben ihre wunden Stellen.

Ich darf so sein – du darfst so sein.
Ich muss nicht erst etwas werden – du musst nicht erst etwas werden.
Ich bin – du bist.
Unvollkommen.
Unperfekt.
So what?

»Manchmal frage ich mich, ob wir statt Durchhalteparolen zu verbreiten, nicht besser daran täten, jemandem weich aufzufangen, damit er sich endlich fallen lassen kann«, twitterte ich neulich.

Und jetzt klicke ich einfach auf ’Veröffentlichen’, auch wenn dieser Text noch sehr umvollkommen ist.
So what?

Ein Ferienreise-Bilderbuch | #kursnord

In meinem Bildern reise ich hier nochmals von Süddeutschland nach Nordschweden, südwärts durch Mittelschweden, Norddänemark und zurück nach Hause.

1. Etappe (11. Mai – 15. Mai 2018)
An den ersten beiden Tagen reisten wir durch Deutschland und Süddänemark und erreichten am zweitern Abend die Öresundbrücke und Malmö. Von dort aus fuhren wir an den nächsten Tagen immer weiter der Ostseeküste entlang nordwärts.

Link zur ungefähren Karte: hier klicken.

Mehr Infos zur historischen Steinuhr in Kåseberga gibt es hier.

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2. Etappe (16. Mai – 22. Mai 2018)
Von Oknö aus ging es weiter an die Hohe Küste. Vorbei an Stockholm – zum Frühstück nach einer Wildzeltnacht nach Uppsala – und weiter Richtung Hudiskvall, Härnösand und Norrfällsviken, dem ’Kern’ unserer Reise.

Zum ungefähren Kartenlink: hier klicken.

Screenshot der Reisekarte

Mehr Infos zu Axmar bruk gibt es hier.

Mehr Infos über die Hohe Küste und den Nationalpark Skuleskogen gibt es unter anderem hier.

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3. Etappe (23. Mai – 27. Mai 2018)
Von der Hohen Küste fuhren wir südwärts über Uskavigården und Örebro nach Göteborg.

Zum ungefähren Kartenlink: hier klicken

Screenshot des Kartenausschnittes

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4. Etappe (28. Mai – 1. Juni 2018)
In Göteborg nahmen wir die Fähre nach Frederikshavn in Dänemark. Am dänischen Nordzipfel haben wir eine Nacht gezeltet und sind schließlich der Nordseeküste entland via Rømø zurück nach Deutschland gefahren.

Zum ungefähren Kartenlink: hier klicken

Ich bedanke mich bei allen, die mitgereist sind.

Wieder daheim | #kursnord – im Rückblick

Würden wir überhaupt wegfahren, wenn wir über das Land, das wir bereisen wollen, im Voraus schon alles wüssten? Ich meine: so richtig wissen. Wissen, wie die Menschen in diesem Land, wie die Politikerinnen und Politiker ticken. Wie sie über Flüchtlinge denken zum Beispiel, oder wie sie mit ihren Ärmsten umgehen, mit Randgruppen, mit Kranken. Wie sie sich wirtschaftlich – gegenüber anderen Staaten und in eigenen Land – verhalten. Wie sie Umweltschutz konkret umsetzen. Wie sie mit ihren Minderheiten umgehen. Wie sie forschen und wie sie lehren. Was für ein Schulsystem sie haben. Wie sie über Fremde denken.

Hätte ich Schweden bereist, wenn ich alles über dieses Land wüsste. Oder auch nur schon mehr wüsste als ich tatsächlich weiß? Anders gefragt: welche Fakten und welches Wissen würden mich hindern?

Das perfekte Land gibt es nicht. Vieles an Schweden mag ich, vieles betrachte ich heute – nach meiner fünften längeren Reise durch Schweden – deutlich weniger weichgezeichnet als noch vor Jahren. Und manches hat sich eben schlicht auch verändert in den letzten Jahren. (Ich schrieb darüber, ansatzweise zumindest.)

Dennoch erlaube ich mir auf Ferienreisen auch mal einfach nur das Offensichtliche zu sehen. Die Natur zum Beispiel. All die schönen Plätze. Die fast überall sehr freundlichen Menschen. Ich verhalten mich unkritischer, als ich es sonst bin und erwarte für einmal nicht hinter jedem Glücksmoment einen Hammer. Uafassend wahrnehmend, ja, das schon, aber für einmal nicht alles hinterfragend. Natürlich könnte ich nicht auf Dauer so leben – so unkritisch, so oberflächlich – aber für die Dauer von drei Wochen habe ich es mir erlaubt.

Ich habe es mir erlaubt, zu genießen. Das fast ständig gute Wetter. Die Schönheit der Natur. Die Weite. Die gute Meerluft. Das Barfußlaufen über Sand- und Felsstrände. All die Sonnenuntergänge. Die Kiefernwälder. Die Gerüche von all den vielen Blumen und Blüten. Der Wind auf meiner Haut. Das entspannte Fahren auf ruhigen Straßen. Die Sprache mit ihren fremden Lauten und Buchstaben. Spaziergänge durch Wälder und Städte. Unsere Wanderungen.

Im Sieb der Erinnerung bleiben letztlich diese kraftspendenden Erlebnisse. Obwohl es all die anderen natürlich auch gab. Die kalten Nächte an der Hohen Küste zum Beispiel oder die müden Beine nach unserer Zwanzigkilometer-Wanderung, doch schon jetzt stelle ich fest, dass die mühsamen Momente schon fast nicht mehr abrufbar sind.

Well done, Sofasophia!

Meine Batterien fühlen sich seit langem das erste Mal wieder so richtig aufgefüllt an und ich hoffe, dass ich diese Energie halten kann.

Ferien machen ist nicht schwer,
Alltagsleben umso mehr?

Wir werden sehen.


[Die Bilder sind nun auf unseren Rechnern und vielleicht werde ich in den nächsten Tagen noch eine Galerie einstellen. Mal schauen.]

Deutschland, dein Bier | #kursnord

Die Tastatur auf den Oberschenkeln, das Handy zwischen ebendiesen ein bisschen weitervorn eingeklemmt – gerade so weit weg, dass die kleinen Buchstaben noch lesbar sind, die aus den Fingern via Bluetooth auf das digitalweiße Notizbuchblatt purzeln. Links Irgendlink, der das letzte Stück, noch an die zweihundert Kilometer, angepackt hat, rechts von mir die rechte Fahrspur. Obendrüber blaue Tafeln mit Namen von Orten, wo Menschen wohnen. Vielleicht sogar solche, die das hier lesen.

Deutschland, deine Autobahnen!

So hatte ich gestern schon bald geseufzt. Sehr bald schon nachdem wir Dänemark verlassen hatten. Noch in Dänemark hatten wir – von Rømø kommend – die E45 erreicht, doch dort war das Fahren noch kein Gemetzel gewesen.

Der Schock kam – wie immer – gleich nach der Grenze. Am liebsten hätte ich ganz viele Fahrerinnen und Fahrer zurück in die erste Klasse geschickt, damit sie die Zahlen neu lernen. Da steht 80 nicht 120!, hätte ich ihnen beigebracht, nur so als Beispiel, was ist daran so schwer zu verstehen? Schulmeistern will ich nicht, und schnell – will heißen zügig – vorankommen will ich natürlich auch. Aber das hier?

Deutschland, deine RaserInnen!

Die erste Pinkelpause. Raststätten-WC. Ohne Papier, was mich nicht wirklich wundert, während es mich in Schweden wunderte, wenn es mal kein Papier hatte. Nun denn, ich hatte ja noch welches in der Tasche. Alter Camperinnentrick.

Deutschland, deine Raststättentoiletten!

Bald ist es Zeit zum Tanken und für eine kleine Erfrischungs- und Picknickpause und wir halten in Handewitt, nahe Flensburg, wo wir schon letztes Jahr auf unserer Norddeutschland-Süddänemark-Tour gehalten hatten. Nach dem Tanken entdeckt Irgendlink unter der Motorhaube eine Pfütze und ein Rinnsal. Alarmiert bückt er sich nach der Flüssigkeit und ist erleichtert, dass es weder Benzin noch Öl ist. Wasser? Er kontrolliert die Kühlwasserflüssigkeit und stellt fest, dass wir ziemlich wenig davon haben. Ein Leck im Kühlwassertank? Schnell kaufen wir noch eine Flasche destilliertes Wasser und füllen es nach. Ich finde im Internet eine nahe Autowerkstatt und lotse uns dorthin. Unterwegs finden wir aber erst mal einen Park und machen Pause. Und weitere Wassertests. Es tropft nur, wenn die Klimaanlage läuft, findet Irgendlink heraus. Und wenn die Lüftung läuft. Fazit: Wenn wir ohne beides fahren, verlieren wir kein Wasser. Wir zwei Klimaanlageungewohnten überlegen, dass vermutlich ein Schlauch, der die beiden Kühlungsmaschinen bedient, undicht ist und verzichten auf einen Werkstattbesuch. Sicherheitshalber kauft Irgendlink noch eine Flasche destilliertes Wasser, während ich auf Twitter den Stoßseufzer teile, dass wir ohne Kühlung (bei 30 Grad) südwärts fahren werden. Wir kurbeln die Fenster auf und essen das Eis, das der Liebste mitgebracht hat. Und wir schicken uns in das Unvermeidliche: Brutofenhitze. LAUT Ist es und HEISS, schreib es groß!

Deutschland, deine Twitternden! (Und ja, auch eine Schweizerin hat uns mitgecoacht).

Nach und nach trudeln auf Twitter Entwarnungen ein, die uns Klimaanlangebanausen erleichtern: Die Wasserpfütze sei normal; einfach nur Kondenswasser. Die Kühlmaschine schwitzt und tropft dann eben. Das mus so. Je heißer, desto mehr. Wie wir. Nach kurzen Tests mit Kimaanlage und Kühlerwasserstandzwischenmessungen sind wir überzeugt: Unsere Twitterfreundinnen und -freunde haben recht. Da ist nichts kaputt.

Ich danke euch, ihr Lieben, für die Soforthilfe!

Inzwischen haben wir die Plätze getauscht und ich hangle mich von Stau zu Stau. Eigentlich hatten wir den Campingplatz Düderode als letzte Zeltnachtlagerstätte angedacht, doch in diesem Tempo würden wir frühestens um acht, neun, ähm, zehn Uhr oder gar noch später dort ankommen. Alternativen müssen her. Stichwort Querdenken und entschleunigen.

Deutschland, deine Gaststuben!

Wir entscheiden uns für eine Pause. Etwas essen. Die Füße vertreten. In einem kleinen Dorf knabbern wir auf einer Bank ein paar Karotten und schmieden Pläne: Auf der Sitzbank etwas kochen versus etwas zu essen kaufen versus essen gehen. Wir wählen die zweite Option und steuern den Dorfladen an. Aber es ist fast sieben und der Laden ist schon zu. Am Dorfplatz stehen massenhaft Gasthäuser. Gerade als es zu tropfen anfängt, huschen wir in jenes, das uns am nettesten angelächelt hat. Eine Zeitreise vom feinsten. Gaststube trifft es wahrlich, die Holzböden knarren, die Wirtin trägt Tracht und die Atmosphäre ist gediegen. Wir schielen in die Menükarte und finden etwas Zahlbares. Wir teilen unsere beiden Menüs – einmal großer Salatteller und einmal panierte Rote Beete-Scheiben mit Kartoffeln, Dip und Salat –, die köstlich schmecken und uns Kraft für die Weiterfahrt geben. Denn die brauchen wir. Schon bald schleichen wir nämlich wieder im Stop-and-Go-Modus Richtung Süden.

Deutschland, deine Staus!

Bei Essel, vor Hannover, fängt ein neuer Stau an. Vollsperrung des Autobahnabschnitts sagt die Guugl-App, viele Kilometer. Gründe sind nicht ersichtlich und erst kurz vor Stauende sehen wir, dass das Ganze ein Rückstau ist. Drei Spuren werden auf eine zusammengeschrumpft und auf Bundesstraßen umgeleitet. Reißverschlussverfahren. Können leider nicht alle, was das ganze Staumonster zusätzlich in die Länge zieht.

Die Straße als Metapher. Der Stau auch. Fürs Menschsein. Für die Mitverantwortung der Einzelnen fürs Kollektiv – oder eben nicht.

Endlich – eine knappe Stunde später – haben wir die Ampel erreicht, die uns wieder in eine Art Freiheit – auf eine Bundesstraße – entlässt. Noch sind wir Teil der Riesenraupe, die Hannover ansteuert oder auch einfach die eben verlassene Autobahn, die es auf Umwegen wieder zu finden gilt.

Ausscheren. Eine kleine Atempause. Platzwechsel. Weiter gehts durch schmale Alleen, durch Dörfer, die wir sonst nie berührt hätten, und schließlich lotst die Handystimme uns wieder auf die E7 zurück. Gut so. Eine Weile rollt es richtig gut. Wir haben inzwischen beschlossen, immer weiter zu fahren, bis wir müde sind, und uns dann irgendwo unter freiem Himmel schlafen zu legen.

Wäre da bloß nicht das aufziehende Unwetter! Die Alternative, eine Pension zu finden, schrumpft mit fortschreitender Uhrzeit und war eh nur so eine Art Rettungsleine für alle Fälle. Auch die Option, im Auto zu schlafen, spielen wir durch. Die Sachen vom Kofferraum müssten dazu in den Fahrbereich umgeladen werden. Könnte gehen. Selbst die ganze Nacht durchzufahren könnte klappen. Dann halt daheim, auf dem Hof, ein paar Stunden nachschlafen. Dieses Spiel mit all den Möglichkeiten schafft Raum im Kopf und gebietet potentiellen Ängsten Einhalt. Auch die Tatsache, dass es die letzte Nacht dieser Reise ist, hat entspannende Wirkung. Dennoch bin ich langsam müde und es ist ja auch schon elf, halb zwölf. Ein leises Kopfweh bahnt sich an. Das Wetterleuchten am Nachthimmel wird intensiver. Erste Tropfen prasseln auf die Frontscheibe und keine MInute später regnet es so heftig, dass mit auch mit stärkster Scheibenwischerleistung kaum etwas zu sehen ist.

Fahr an den Rand!, flehe ich und bin froh, dass es Nacht ist, dass man sich an Lichtern orientieren kann, dass nicht mehr so viel Verkehr ist. Zum Glück kommt eine Ausfahrt, wir haben eben Hildesheim passiert, und so landen wir unweit der Autobahn auf einem kleinen Camping. An einem kleinen See. Direkt an der E7.

Deutschland, deine Campingplätze!

Zuerst starkregnet es nur, die Blitze sind noch weit weg, die Donnerschläge kaum zu hören. Doch schon blitzt und donnert es kurz hintereinander. Manchmal nur Sekunden nacheinander. Das Wissen, dass das Auto als faradayscher Käfig gilt, hilft ein wenig. Unheimlich ist es trotzdem. Wir legen uns bequem hin, Beine quer übereinander aufs Armaturenbrett, und versuchen, ein wenig zu dösen. Viel anderes als abwarten, können wir ja nicht. Schließlich twittern wir gegen unser Unbehagen an und bekommen zum zweiten Mal an diesem Tag Zurspruch.

Endlich, etwa zwanzig, dreißig Minuten dürften vergangen sein, zieht das Gewitter ab und lässt der Regen langsam nach. Wir beschließen, doch noch nach Düderode zu fahren, jenem Camping, wo wir vor einem Jahr geschlafen hatten. Kurz vor eins parken wir vor dem Schwimmbad, das ebenfalls zum Campingplatz gehört und machen uns ein feines Lager unter freiem Himmel. Hier hat es wohl auch ein wenig geregnet, doch der Boden ist schon fast wieder trocken und regnen, so verhieß die Wetterapp, regnen würde es auch erst wieder gegen neun Uhr morgens. Kaum habe ich mich hingelegt, bin ich auch schon eingeschlafen.

Irgendlinks Nacht ist ein bisschen weniger entspannt und er ist es denn auch, der mich um sechs Uhr weckt, weil es tröpfelt. Die Sachen sind schnell verstaut und bald darauf fährt auch schon das erste Auto auf den Parkplatz. Dass das Schwimmbad schon um halb sieben geöffnet wird, haben wir ja nicht erwartet. Es ist ein Glücksfall. Herrliches Bad in fünfundzwanzig Grad warmem Wasser, während sich die Luft mit neunzehn Grad fast kühl anfühlt. Wohltuend ist es, mir so die kurze Nacht und die intensiven Träume aus den Gliedern zu waschen.

Deutschland, deine Brezel!

Später frühstücken wir in Northeim, wo wir nochmals volltanken und dann sind wir auch schon bald wieder auf der Straße. Es flutscht. Dazu Musik. Mein Unterwegs-Mix, eine Reise durch meine Plattensammlung quasi … Fahrflow. Ja, ich mag das. Fast fühle ich mich in solchen Momenten unbesiegbar. Für immer im Jetzt des Fahrens geborgen.

In der Streckenmitte wechseln wir und jetzt sind wir bald da. Also bald dort meine ich. Bald wieder sesshaft. Bald wieder in Betten Schlafende. Die schwedische Lakritze ist auch alle und ich bin traurig, froh, glücklich und dankbar aufs Mal. Und ich lächle vor mich hin.

Dieser Text sei (roh) hundertzwanzig Kilometer lang, sagt der Liebste soeben.

Eben haben wir Bier gekauft. Deutsches Bier. Willkommen zurück.

Friss Kilometer, aber langsam | #kursnord

Was soll ich sagen? Da dachte ich, das wars jetzt mit schön und so. Schließlich sind wir auf dem Heimweg. Autobahnen. Kilometerfresserei. Südwärts. Und dann das.

Noch in Løkken entscheiden wir uns, statt auf die Nord-Süd-Autobahn zu fahren, die Küstenhauptstraße Richtung Süden zu nehmen. Etwa die gleich lange Strecke, wenn auch bei weniger hoher Geschwindigkeit. Passt, denn wir wollen ja eine letzte Nacht in Dänemark campen. Bei Ribe vermutlich, da wir für den Campingplatz dort, der zur Kette des letzten Platzes gehört, eine Gutschrift mit auf den Weg bekommen. Unterwegs halten wir mal da mal dort – pinkeln, picknicken –, essen auf einem kleinen Campingplatz mit den letzten dänischen Kronen ein Leckeis und beschließen dort, weiter nach Rømø zu fahren. Weil ein Instagram- und Twitterfreund am Vortag von dort ein Bild gepostet hat. Und weil das Bild so schön war. Und weil Irgendlink sich an einen Ausflug dorthin vage zu erinnern meint. Oder so.Mir ist ein bisschen schlecht. Schwindlig. Müde Augen vom Gegen-die-Sonne-fahren. Also setzt sich Irgendlink ans Steuer und ich schlafe fast sofort ein. Erst als er eine Stunde später verlangsamt, um vor einem Laden anzuhalten, wache ich auf.

Gleich Rømø!, sagt er. Ich bin extra supersanft gefahren (als ob er das nicht auch sonst täte, der Gute!), damit du nicht aufwachst.

Danke!

Während ich langsam aufwache, holt er schnell noch zwei Flaschen Bier (nein, kein schwedische Leichtbier mehr, sondern malziges, leckeres, richtig feines), Milch und so weiter.

Ich gestehe übrigens freimütig, dass ich bis vorgestern noch nicht einmal wusste, dass es Rømø gibt, geschweige denn, was es ist. Eine Insel nämlich, eine, die nur über einen Straßendamm zu erreichen ist. Rechts und links Meer. Wir aaahen und ooohen und freuen uns wie kleine Kinder und ich bin so froh darüber, mich so freuen zu können.

Einmal geradeaus zum Meer bitteschön. Was für ein Strand! Sooo breit, sooo lang. Mit Autos befahrbar. Was wir auch tun. Aber nicht zu weit, sonst kommen wir womöglich da nie mehr wieder weg. Was auch nicht sooo schlimm wäre, eigentlich.

Nach einem kurzen Temperaturcheck des Wasser sind wir zu allem bereit, ziehen uns die Badeklamotten an und … ach, es tut sooo gut und ist nach der Tageshitze sooo erfrischend. Der Wellengang ist moderat, ein kühles Lüftchen macht die Hitze erträglich und das Wasser ist, weil der Strand ziemlich flach ist, perfekt: nicht zu kalt, aber auch nicht lauwarm.

(Wann immer ich etwas so herzhaft genießen kann, denke ich an Freundinnen und Freunde die aus ganz unterschiedlichen Gründen solche Reisen nicht machen können und genieße herzhaft für sie mit. Und hoffe dabei, dass sie nicht neidisch sind, sondern mein Mitgenießen spüren können.)

Später fahren wir zum Campingplatz am Südzipfel der Insel. Nicht so mondän wie jener beim großen Strand, dafür genau wie für uns gemacht. Viel Platz. Ein relativ einfaches Badehaus. Der nahe Strand, den wir nach Zeltaufbau und Abendessen aufsuchen. Direkt am Meer ein Islandpferde-Gestüt. Magisch ist es, wie da im abendlichen Dämmerlicht die Pferde über die Wiese wogen. Am kurzen Gras zupfen. Fliegen mit den Schwänzen abwehren. Eine Stute mit Füllen nimmt dankbar ein bisschen abgerupftes Gras aus meiner Hand an.

Da ist sie wieder, immer wieder, diese Dankbarkeit darüber, dass ich genau im richtigen Moment von einer Versicherung Geld zurückerstattet bekommen habe. Es ist gut investiert: In Erlebnisse, in diese Reise!

Ja, reden wir Klartext: unser Reisebudget ist klein und ja, unser Lebensstil ist einfach. Und ja, Zelten mögen nicht alle. Aber: Hätten wir diese ganzen Strecke im Voraus so geplant – womöglich in vollklimatisierten Hotelzimmern, alle Orte, alle Plätze, alle diese wunderbaren Strände, Sonnenuntergänge, Berge, Hügel, Seen … es hätte mich gestresst. Es wäre für mich eine einzige Hetze von Ort zu Ort geworden, ein einziges Abhaken von Programmpunkten. So aber, in diesem Schauen-wir-mal-Modus ist jeder Tag eine Wundertüte. Und – wie so oft – liegen die besten Dinge zuunterst. (Das Beste am Schluss stimmt aber auch nicht wirklich, denn ich möchte keinen Tag missen.)

Fällt mir ein, dass ich ganz unten in meiner schwedischen Goodiestüte noch eine Toffeestange und eine Lakritzeschnecke liegen habe! Die soll uns die Rückkehr versüßen.

Meerbilder und eine Ansicht von Tisch, Auto und Zelt als Collage