Reiseerinnerungen | #nordwärts im Rückspiegel – Teil 4

Schon seit unserem Besuch bei Freunden in Itzehoe geisterte die Idee in unseren Köpfen, dass wir eigentlich auf dem Rückweg aus dem Norden in Kiel ankern und uns Manuel Zints Ausstellung Nawodo anschauen könnten. Die Einladungen dazu hatte er uns bei unserm Treffen anlässlich einer Ausstellung in Itzehoe in die Hand gedrückt.

Dass diese Ausstellung an unsere Erlebnisse auf dem Broager Friedhof anknüpfen würde, ahnte ich natürlich nicht.

Ehrenmal für die gefallenen MännerAuf dem Broager Friedhof in Südjütland haben wir nämlich ein Denkmal der etwas anderen Art gefunden. Dieses Ehrenmal gedenkt der Gräuel und der Opfer des ersten Weltkrieges.  Noch kein sogenanntes Kriegsdenkmal hat mich je so berührt wie dieses.

Auf einem Hügel sind neun? einige Eichen gepflanzt worden. Drum herum, in Gruppen, nach Gemeinden, stehen zig große Steine – je betroffene Familie einer – mit den eingravierten Namen der Gefallenen. Diese Steine haben Jugendliche der Gemeinden 1922 vom Strand geholt, nachdem dieser Landstrich endlich Dänemark angehörte. Wie ich die Steine mit den hundertneunzig Namen abschritt und mir das Leid in den Familien vorstellte, die im Krieg ihre Söhne verloren haben – manche davon zwei, drei, vier, eine oder zwei sogar fünf – konnte ich meine Tränen nicht mehr länger zurückhalten.

Die Unfähigkeit, adäquat mit Konflikten umzugehen und diese, statt konstruktiv in Lösungen in Gewalt umzuwandeln – diese Unfähigkeit ist Mitursache jeden Krieges, ob klein oder groß. Diese Unfähigkeit hat schon so viele Leben gekostet. Lange noch blieben wir auf der Treppe zum Hügel sitzen und sprachen über die Sinnlosigkeit von Krieg.

Zwei Tage später. In Kiel besuchen wir Manuel Zints Denkmal für den Untergang von Nawodo. Manuel Zint, ein Itzehoer Künstler, verwebt Fiktion und Realität wie kein Zweiter. Auf der Facebuuk-Seite zur Ausstellung steht: »Manuel Zint, Arrangeur nachvollziehbarer Parallelwirklichkeiten, zeigt in dieser Ausstellung das Schicksal der Südseeinsel Nawodo. Während des ersten Weltkriegs zerstörte ein deutsches Expeditionskorps die Stadt Nawodo auf der gleichnamigen Südseeinsel – heute Nauru. Ausgehend von dieser Begebenheit spannt die Ausstellung einen Bogen vom Verlust des Paradieses über die nachfolgende Gedenkkultur bis in die gegenwärtigen (inhumanen) Zustände der Ressourcen- und Flüchtlingspolitik der Industrienationen. In der Ausstellung werden die Phänomene von Deutungshoheit und Inszenierung behandelt; die ausgedachte Geschichte im Sinne einer fiktiven künstlerischen Feldforschung untersucht, interpretiert und angeordnet. Das daraus resultierende System fordert zur Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und Selbstwahrnehmung auf.«

Ein Teil der Ausstellung gilt (fiktiven) Ehren-, Mahn- und Denkmalentwürfen teils fiktiver, teil realer Künstler. Hier kommt Manuel Zints technisch-fachliche und kreative Vielseitigkeit voll zum Tragen. Nicht nur bildnerische Techniken (über Kohle und Aquarell zu Fotografie und Acrylgemälde) werden gezeigt, auch dreidimensionale Werke aus Papier, Kunst- und anderen Werkstoffen wie zum Beispiel Ton kommen zur Anwendung.

All das aber ist letztlich – in seiner ganzen Schönheit, Vielseitigkeit und technischen Finesse – doch nur Mittel zum Zweck. Die Botschaft ist unüberhörbar und passt an diesen nicht zufällig gewählten Ort, an welchem die Ausstellung noch bis Dezember stattfindet. Sie lautet: Krieg ist und bleibt sinnlos und destruktiv.

KriegsspielzeugbehälterDer Flandernbunker, in welchem diese Ausstellung gezeigt wird, ist schon für sich genommen ein Mahnmal – Mahnmal Kilian e. V. – und hat sich zur Aufgabe gemacht, Krieg und seine Gräuel zu thematisieren. In einer Glasbox vor dem Bunker können zum Beispiel Kinder ihr Kriegsspielzeug antikriegsgerecht entsorgen. (Leider ist die Box erst wenig gefüllt … da geht noch mehr!)

Ein Ehrenmal, ein Denkmal erinnert in der Regel an Menschen, die sich geopfert haben. In Kiel haben wir ein U-Boot-Denkmal gesehen, das den deutschen U-Boot-Soldaten, die ums Leben gekommen sind, gewidmet ist. Ich schlucke schwer. Denkmale für Menschen, deren Machthaber den Krieg angezettelt haben, lösen bei mir immer äußerst ambivalente Gefühle aus. Sind nicht auch sie letztllich Opfer und darum würdig geehrt zu werden? Wie viel haben sie gewusst? Hätten sie sich weigern können in den Krieg zu ziehen oder wollten sie es sogar?

Manuel Zint hat einem fiktiven Soldaten, der bei den Gräueln auf Nawodo dabei gewesen ist, eine spätere Kriegszeichner-Karriere angedichtet, da er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kämpfen konnte. Von diesem Soldaten stammt die (fiktive) Zeichnung eines toten Kindes am Strand, das für die spätere Anti-Krieg-Propaganda verwendet wurde (siehe Bilder).

Die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen damals und heute verlaufen in dieser Ausstellung fließend. Kolonialismus und die Flucht in eine vermeintlich bessere, sicherere Welt sind heute so aktuell wie damals. Zint verwebt gekonnt und lässt mich betroffen, erschüttert, berührt zurück.

Die Bilder stammen teils von Irgendlink und teils von mir. Sie werden durch Draufklicken groß [Galerie].

Reiseerinnerungen | #nordwärts im Rückspiegel – Teil 3

Heute noch ein paar teils recht konfuse, eben gefundene Reisenotizen:

  • Wer nicht deichen will, muss weichen. (Weis- und Wahrheit aus dem Alten Land Niedersachsen)
  • Wie wohl die Welt heute aussähe, wenn sie damals den gordischen Knoten statt zerhauen aufgedröselt hätten?
  • Stöberstübchen, das: Jener Ort in meinem Kopf, wo alles drunter und drüber ist.
  • In meinem nächsten Leben werde ich Stöberstubenhocker.
  • Aus Jux ’isst’ statt ’ist’ zu schreiben ist ja sowas von abgelutscht. Ausgegessen sozusagen.
  • Wir alle reden so viel und wir sagen so wenig.
  • Die Warwerorter Küstenschafe grasen im Regen.
  • Büsum: Krasse Strandkorbinflation. Der Mensch als Nutzvieh.
  • Meldorf: Wattwandern in der Nordsee: Der Stoff aus dem meine Glücke sind.
  • Was in Skandinavien das Rentier, ist in Nordsee-Schleswig-Holstein das Schaf.
  • – Was ich an Deutschland lustig finde?
    – Wie jetzt? Gibt es in Deutschland etwas Lustiges?
    – Ja. Aber nur ein bisschen. Die Nummernschilder nämlich.*
  • Mit dem Dreigänger im ersten Gang auf den Deich: Der Gotthard des kleinen Mannes.
  • Dieser radelnde Schweizer am Deichtor auf Nordstrand: Wie lange er wohl noch in Gesprächen mit immer neuen Radlern hängenbleibt, nachdem wir Tschüss gesagt haben? Das Deichtor als Wurmloch.

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Und hier nun noch die versprochenen Bilder der zweiten Woche unserer Nordwärts-Tour.

 


*Anmerkung für andere Auch-Nicht-Deutsche wie ich: Das deutsche Kennzeichen lässt sich teilweise selbstbestimmen. In Kiel zum Beispiel sind KI vorgegeben, danach können zwei Buchstaben gewählt werden, und dahinter die drei Zahlen ebenfalls. Also KI-FF 123 oder so …

Reiseerinnerungen | #nordwärts im Rückspiegel – Teil 2

Zwischen all der Kunst in Stade, Itzehoe und Kiel und all den Begegnungen mit lieben Menschen in Bielefeld, Itzehoe und unterwegs haben wir uns sehr oft auf Deichen fortbewegt. Und wir haben an all den weiten Stränden den Möwen beim Fliegen zugeschaut und den Schafen beim Grasen. Der Flut beim Abebben und der Ebbe beim Steigen. Wir haben Städte, Städtchen und Dörfer besucht und in Südjütland Minigolfkugeln in Löcher geschubst. Und gebadet in der Nordsee habe ich auch. Allerdings nur einmal. Auf einem Radausflug auf Nordstrand.

Ach, und all die Schafe. Und Schiffe. Und Leuchttürme. Und Häfen. Und ja, auch Fähre sind wir gefahren, zweimal. Von Wischhafen nach Glücksstadt und von Heikendorf nach Kiel Bellevue. Das war schön. Hach. Und überhaupt … ich weiß schon nicht mehr, wann ich das letzte Mal so weit ins Meer hinaus gewatet bin. Ach, Wattenmeer, dich lieb ich sehr.

Zeltauf- und -abbau war schon nach dem zweiten Mal ein fließendes Ballettstück zwischen uns beiden. Wie das Kochen auf dem Trangia. Das Glück, immer kleine, feine, günstige Campingplätze zu finden. Und nette Einkaufsläden. Und Ruhe, viel Ruhe.

Heute eine kleine Bilderschau von der ersten Woche, morgen dann von der zweiten.

Reiseerinnerungen | #nordwärts im Rückspiegel – Teil 1

Etwas mehr als zwei Wochen lang sind wir nordwärts gefahren. Mit Auto und Zelt haben wir uns über Bundes- und Landstraßen treiben lassen. Sind geblieben, wo es uns gefallen hat; sind weitergezogen, wenn die Möwen uns weiter nordwärts gerufen haben. So fuhren wir aus dem Süden – der Schweiz resp. der Südpfalz – über Bielefeld ins Alte Land Niedersachsen, nach Itzehoe in Schleswig-Holstein, an die Nordseeküste Schleswig-Holsteins, auf Nordstrand, weiter ins dänische Südjütland (nach Broager um genau zu sein), weiter an der Ostsee bleibend nach Kiel und von da aus schließlich wieder zurück.

Vor zweieinhalb Wochen haben wir im niedersächsischen Stade, das sich als sehr kulturaffine Stadt mit einem richtig schönen Ortsbild entpuppt hat, im dortigen Kunsthaus die Ausstellung von Wolfgang Herrndorf besucht. Sie hängt übrigens noch bis Anfang Okotober und ist echt empfehlenswert. Diese Bilderschau zeigt das bildnerische Schaffen Herrndorfs, der ja vor allem durch seine Romane und sein Blog, in welchem er über seine Tumorerkrankung und deren Auswirkungen auf sein Leben geschrieben hat, bekannt geworden ist. Vor vier Jahren hat er sich entschieden, seinem Zerfall und Leiden mit einem selbstgewählten Tod ein Ende zu setzen. Die gezeigten Bilder stammen aus seinem Nachlass. Sie zeigen seine unglaubliche künstlerische Weite und Vielseitigkeit, die ja auch in seinen Gedanken und Texten sichtbar geworden ist.

Dass er sich als bildnerischer Künstler hauptsächlich mit Auftragsarbeiten – für Satiremagazine ebenso wie für Verlage – über Wasser halten musste, hat ihn, wenn ich seine Texte richtig verstehe, sehr frustriert. Vielleicht darum hat er eines Tages das Malen gelassen und sich dem Schreiben zugewendet. Einen Teil seiner Bilder hat er, so lese ich auf Informationstexten, sogar ein Jahr vor seinem Tod zerstört.

»Es ist Herrndorfs unbestechlicher Blick gewesen, der die Schönheit der Natur, aber auch die Skurrilität des Lebens und die bizarren Facetten der menschlichen Gesellschaft aufdeckte. Er war auch als bildender Künstler ein Beobachter, Gestalter und Erzähler
Quelle: www.museen-stade.de

Wie auch immer: Die Ausstellung zeigt eine Vielseitigkeit, die ich selten so bei einem Künstler gesehen habe. Herrndorf zitiert Klassiker ebenso gekonnt wie er simple Redewendungen in Wortbilder und Comics übersetzt. Von Skizzen zu opulenten Gemälden ist alles da und fast kann ich nicht glauben, dass seine göttliche Komödie ein zeitgenössisches Gemälde ist und kein antikes.

Uns beiden hat es richtig Spaß gemacht, uns in die Bilder einzulesen, ihre Geschichten zu hören, sie zu betrachten.

Die Bilder stammen teils von Irgendlink (leider unabsichtlich mit einer etwas gelbstichigen Fehleinstellung aufgenommen) und teils von mir. Sie werden durch Draufklicken groß [Galerie].

Tipp: Mit der Eintrittskarte zum Kunsthaus können auch das städische Museum und das Freilichtmuseum besucht werden.

Zurück aus dem Norden

Gestern Nachmittag sind wir wieder auf dem einsamen Gehöft angekommen, dem Zuhause meines Liebsten. Die lange Rückfahrt aus Dänemark, will heißen aus Kiel, haben wir uns auf zwei Tage aufgeteilt. Haben so das Ferienende sozusagen hinausgezögert.

In der Nähe von Northeim, wo wir schon auf unserer ersten gemeinsamen Reise in den Norden eine Nacht  – damals unter dem Sternenhimmel, wild, zwischen Feldern verborgen – eingeschoben hatten, fanden wir diesmal einen kleinen feinen Zeltplatz. Mit dazu gehörte diesmal sogar ein Freibad, so dass ich zum zweiten Mal in diesen Ferien doch noch ein wenig schwimmen gehen konnte. Das erste Mal war vor acht Tagen gewesen, in der Nordsee. Auf Nordstrand, während unserer kleinen Inselradtour.

Vielleicht ist das das Einzige, das ich auf dieser Reise vermisst habe: warm genuge Gewässer am Wegrand. Und vielleicht auch warm genuge Luft, um baden zu wollen. Durchschnittlich hatten wir so um die 18-20 Grad gehabt, nachts kühlte es manchmal wohl bis auf zehn Grad runter. Obwohl es – verglichen mit den südlicheren Gefilden – eine doch eher kühle Zeit war, fand ich das nicht schlimm. Das Wetter war nämlich immer besser als die Prognosen. 😉 Wir hatten eh totales Wetterglück. Geregnet hat es immer nur nachts oder morgens, wenn wir sowieso nicht draußen sein wollten oder mussten.

Neben viel Meer, Natur, Watt-, Deich- und Strandwanderungen und den Spaziergängen durch die Orte am Wegrand, kam auch die Kunst nicht zu kurz. In Stade besuchten wir die Ausstellung von Wolfgang Herrndorf, in Itzehoe die Ausstellung der über Ecken mit uns bekannten Malerin Theresa Fritz, im Flandernbunker Kiel die Ausstellung Nawodo des Künstlers Manuel Zint aus Itzehoe, den wir aus Itzehoe kennen und der – wie Herrndorf – ein wahres Multitalent ist. Über die Ausstellungen und die Reise an sich werde ich hier in den nächsten Tagen noch ein wenig mehr erzählen.

Hafen in der Kieler Förde – Heikendorf
Der Möwenfotograf Irgendlink am Werk

Kurz und gut: Wir haben uns prächtig erholt, nicht zuletzt auch, weil wir diesmal nicht gebloggt und nur wenig getwittert haben. Einzig auf Instagram habe ich ein paar Bild-Spuren hinterlassen. Hier und heute einfach mal nur dieses kleine Lebenszeichen. Sagen, dass ich wieder da bin.

Manches schon, manches nicht – Gedanken zum Heilwerden

Bei einem Auto spricht man ja davon, ob es sich noch lohnt, es zu reparieren. Etwa dann, wenn sich die Kosten für die Reparatur denen für die Anschaffung eines neuen (Gebraucht-)Wagens annähern oder sie gar überschreiten. Selbst dann, wenn der Schaden womöglich mit großem Aufwand repariert werden könnte, wird das kaputte Auto oft lieber ersetzt. Es hängt vom Menschen ab, dem das Auto gehört, ob er in eine Reparatur oder in eine Neuanschaffung investieren will. Oder ob er ohne Auto leben will.

Metaphern wie diese lassen sich nur bedingt aufs Menschsein übersetzen. Zumal sich der Wert eines Autos nicht mit dem eines Menschenlebens messen lässt. Auch ist ein menschlicher Körper weitaus komplexer als ein Motor. Dennoch gibt es auch bei einem kranken Menschen diesen einen Moment, diesen einen Punkt, und jemand spricht die Worte ’unheilbar krank’ aus.

Doch wann gilt ein Mensch als unheilbar krank und wer trifft diese Entscheidungen und sind sie wirklich wahr? Welche Grenze muss überschritten sein, damit wir das Therapieren aufgeben und nur noch danach trachten, Schmerzen auf ein Minimum zu reduzieren?

Körperlich-physisch lässt sich vielleicht ein klein wenig besser definieren und beobachten, wann der Punkt erreicht ist, wenn – bezogen auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse und berufliche Erfahrungen – nichts mehr gemacht werden kann. (Von Wundern mal abgesehen.)

Wie aber sieht es bei psychischen Krankheiten aus? Wann gilt jemand mit einer psychischen Einschränkung als austherapiert?

Ich frage mich, ob meine Eingeschränktheit in Sachen mentaler Belastbarkeit, die sich durchaus auch körperlich bemerkbar macht, heilbar, veränderbar ist oder ob sie zu jenen nicht mehr veränderbaren, heilbaren Dingen gehört, die ich einfach als gegeben akzeptieren muss. Einer Amputation gleich – ein Bild, das so unzutreffend gar nicht ist.

Mit ’mir mehr Mühe geben’, mit Ausdauertraining und mit ’es nur richtig wollen’, wächst zwar kein amputiertes Glied nach, aber ich kann manchmal und punktuell etwas erreichen. Dennoch gehe ich dabei immer wieder über meine Grenzen. Und es stellt sich die Frage, was damit erreicht ist.

Ist es nicht, wie gesagt, vielmehr wichtig, zu akzeptieren, dass etwas eben so ist, wie es ist?
Zu akzeptieren, dass ich das Putzen meiner kleinen Wohnung immer auf zwei Tage verteilen muss, weil ich es an einem einzigen kräftemäßig nicht schaffe.
Zu akzeptieren, dass ich nicht mehr länger als vier Stunden am Stück am PC sitzen kann, weil ich bei mehr Zeit im Sitzen Schmerzen bekomme.

Akzeptieren ist für mich so oder so die einzige Möglichkeit mit Schwierigkeiten umzugehen. Wenn ich denn nicht verbittern will. Selbst dann, wenn etwas wieder besser werden sollte. Wie bei meiner Schulter (frozen shoulder), die nach vielen Monaten Schmerzen und Unbeweglichkeit dank gezielter Physiotherapie und schmerzhaften täglichen Trainings nun langsam wieder beweglich geworden ist (zu 95% von 100% wieder hergestellt).

Manches ist heilbar, manches nicht.

Immer jetzt

Eigentlich muss man, um morgens gut und gerne aufstehen zu können und wirklich gerne und lebendig leben zu wollen, mit mehr Vehemenz an eine gute lebenswerte Welt – innen ebenso wie außen – glauben als an eine kaputte. Oder man muss wütend genug sein, sie auf den Kopf stellen zu wollen.

rote JohnannisbeerenWie auch immer: im Moment stehe ich morgens ziemlich gerne auf.

Jetzt.

Wenn ich es schaffe, den zensurierenden und nörgelnden Stimmen mein großes Jetzt entgegenzulachen, geht es mir eigentlich ganz gut. Wenn ich den grübelnden Stimmen, die mehr Fragen stellen als ich je Antworten haben werde, ein Jetzt ins Ohr flüstere, kann ich manchmal, jetzt, einfach sein. Einfach sein ist allerdings gar nicht so einfach. Nicht für mich jedenfalls.

Dennoch: Es hat in mir drin Macht gewonnen, dieses Jetzt. Es hat sich mit der Sonne, dem Wind und dem Grün der Bäume verbündet und es tut so, manchmal jedenfalls, als wäre jetzt alles gut.

Und wenn ich es dann frage, mein Jetzt, ob es denn alles wäre, was zählt, lacht es nur. Schließlich sagt es, dass wir Menschen trotz ihm nicht ohne Verantwortung unserer Mitwelt gegenüber seien. Dass die anderen Wesen in ihren Jetzt-Blasen dennoch relevant seien, verwandt, verbunden. Es sei vielmehr so, dass nicht Jetzt alles sei, sondern alles Jetzt. Alles im Jetzt gebündelt. Viele Folien, viele Dias übereinander, oder auch viele Wollschichten, ein einziges großes Gefilze.

Wir alle unentrinnbar im Jetzt verdichtet.

Wie die Johannisbeeren, die ich jetzt zu Marmelade verkochen, verdichten werde und die mir immer Winter von der Sommersonne erzählen können.

„Bist du sicher, Martinus?“ – Theaterstück mit Silvia Bervingas und Matthias Wolf

Die fiktive Tischrede der Katharina Luther, geborene von Bora, aus dem Buch Desdemona – Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen von Christine Brückner wird diesen Sommer zu Ehren des deutschweiten Lutherjahres 2017 von der Schauspielerin Silvia Bervingas Schauspiel und dem Kontrabassisten Matthias Wolf interpretiert. Laaangweilig? Im Gegenteil. Die Rede könnte nicht aktueller sein.

Folgendes schrieben die beiden Kunstschaffenden vorab in der Pressemitteilung zu ihrem Stück:

»Im Lutherjahr 2017 ist der große Reformator und Prediger in aller Munde. Seine Frau Katharina findet dagegen kaum Erwähnung. Dabei war sie maßgeblich für Luthers Erfolg und den Wohlstand der Familie verantwortlich. Aus bescheidensten Anfängen entwickelte die „entlaufene Nonne“ Katharina von Bora und spätere „Lutherin“ eine Art mittelständischen Betrieb in Wittenberg. Sie versorgte ihre fünf Kinder, Gäste, Studenten und Dienstboten. Sie betrieb ein Brau- und ein Waschhaus, eine Art Studentenwohnheim sowie eine große Landwirtschaft. Kurz: Katharina Luther war die auch heute noch aktuelle, unsichtbare, schweigende Frau hinter ihrem erfolgreichen Mann.

In ihrer fiktiven ungehaltenen Rede lässt Christine Brückner (1921-1996) die Frau des weltberühmten Predigers auch einmal zu Wort kommen. Unverblümt, aber immer getragen von großer Zuneigung, äußert sie sich hier zu ihrer Position, ihren Wünschen, Sorgen und Ansichten über Luther und die Zeit, in der sie lebt.«

[Bilder: Draufklick für groß]

 

Wir haben uns gestern Abend in Hornbach unters Publikum gemischt und sind begeistert. Nicht nur Silvias Interpretation der Katharina hat mich überzeugt, auch Matthias’ Neu-Interpretation einiger Kirchenlieder, die aus Luthers Feder stammen, trug dazu bei, dass diese Stunde in der kühlen Kirche zu einem nachhaltigen Erlebnis wurde.

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Silvia Bervingas begann mit Straßentheater, hat ihr Handwerk also von der Pike auf gelernt, und ist seit gut drei Jahrzehnten tätig in den Bereichen Schauspiel (TV und Bühne), Regie, Workshops, Dramaturgie, Lesungen u.v.m. (www.silviabervingas.de)

Matthias Wolf wandte sich nach einem klassisch ausgerichteten Studium an der Musikhochschule des Saarlandes dem Jazz zu und wurde zu einem gefragten Kontrabassisten in der Region und darüber hinaus. In der Zusammenarbeit mit Silvia Bervingas (bisher drei Produktionen) nutzt er die vielfältigen Klangmöglichkeiten des Kontrabasses und führt musikalische Einflüsse von Gregorianik bis Bach, von Jazz bis Minimal Music zusammen.

Weitere bisher feststehende Termine
23. Juni 2017 in der Christuskirche Zweibrücken-Ernstweiler
28. Juni in der Versöhnungskirche Zweibrücken
30. Juni in der Zwinglikirche Zweibrücken-Niederauerbach
17. August in der Stephanuskirche Böckweiler

Beginn jeweils um 19:00 Uhr, Eintritt jeweils 10 €

Flyer zur Veranstaltung mit Bild, Text und Daten

Herzlichen Dank, liebe Silvia und lieber Matthias, für dieses tolle Stück.  Und für das gemütliche Zusammensein danach im Waldhaus.

Viele interessierte Besucherinnen und Besucher wünsche ich euch beiden von Herzen für alle weiteren Aufführungen!

Ausgelesen #14 – Manitoba von Linus Reichlin

Endlich habe ich Reichlins neuestes Buch, Manitoba, gelesen.

Das Buch löst Sehnsucht aus, Sehnsucht nach Wurzeln und nach Ursprüngen einerseits, andererseits aber vor allem nach Ursprünglichkeit, nach mehr Natürlichkeit und mehr Zusammenhang.

Einer sehr gute Buchbesprechung – inkl. Plot/Spoiler – findet sich hier (KLICK). Trotz des Spoilers lohnt es sich auf jeden Fall, Manitoba selbst zu lesen.

Reichlin wechselt fließend die Ebenen legt Ge-Schichten auf Ge-Schichten, die mehr sind und tiefer reichen als der erste Blick offenbart. Was vordergründig wie ein Roadmovie anmutet – alternder, mittelmäßiger Autor auf der Suche nach seinen indigenen Wurzeln im den Weiten der USA – wird nach und nach zu einer ernüchternden Bilanz. Heimat und Heimatlosigkeit liegen näher beeinander als wir denken, schlussfolgere ich mehr als einmal. Rückblicke rücken auf einmal in ein anderes Licht und auch die Wahrheit ist – oder spielt – ver-rückt.

Je mehr sich Max, der Protagonist, in die Geschichten aus dem Tagebuch seiner Urgroßmutter vertieft und mit seinen eigenen Recherchen über das Leben der amerikanischen Urbevölkerung Ende des neunzehnten Jahrhunderts verwebt, desto mehr identifiziert er sich mit seinem Urgroßvater, einem Krieger aus dem Volk der Arapahoe. Er denkt über die Folgen von Einwanderung und Kolonialisierung nach. Über Bräuche, über Kulturen und darüber, ob es sich denn wirklich gelohnt hat, damals, die Indianer zu vertreiben. Wo diese früher in ihren Tipis gelebt haben, steht jetzt ein Burger King und die Menschen hier langweilen zu Tode. Wozu?

Was heute ist, wird in ein paar hundert Jahren, in ein paar tausend Jahren nicht existiert haben. Reichlins existenzphilosophischen Gedanken, die er Max denken lässt, gehen unter die Haut und letztlich bleibt die Frage, was wir alle hier eigentlich verloren haben.

Dazu passt jener kleine Filmausschnitt, den ich gestern irgendwo im Netz gesehen habe, auch aus den USA. Der letzte Schrei: Freiluftyoga mit jungen Ziegen, die zum Beispiel den Yogini über den Rücken laufen – damit die Menschen wieder einmal berührt werden, wieder mit Natur in Berührung kommen, wenigstens in Form von Tieren. So sehr ich Ziegen mag, und Tiere eh, so sehr missfällt mir, dass Tiere zu Dingen, zu Spielzeugen degradiert werden (wobei ich zum Beispiel die Aufgabe von Therapie- oder auch Blindenhunde sehr sinnvoll finde). Aber die Aussage ist unüberhörbar: Der Mensch ist Natur und will sich mit ihr verbinden. Der Dauerstress ist unmenschlich, wir brauchen Entspannung, wir brauchen Natur, wir brauchen Zusammenhänge.

Aber wir haben uns von klein auf daran gewöhnt, in einer immer künstlicheren Welt zu leben, die uns vor den Unbilden der Natur schützt. In der Wildnis, in welche sich Max für eine kurze Zeit zurückzieht, könnten die wenigsten von uns länger als ein paar Tage überleben.

Mit Reichlin frage ich mich, ob diese Entfernung von unseren Wurzeln wirklich das Ziel von Evolution sein kann. Und nein, ich glaube nicht, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist.

Dazu dieses kleine Schlusspünktchen hier:

»Das ist natürlich Ironie und Sarkasmus, aber je länger man darüber nachdenkt, desto weniger dann doch nicht. Wie viele hunderttausende, millionen Jahre Evolution, Kultur und Zivilisation waren eigentlich notwendig, um bei einem so abstrakten Konzept wie Postleitzahlen anzukommen und wie konnte das nur alles so geschehen? Ist das purer Zufall oder lief notwendigerweise alles auf Postleitzahlen hinaus? Wenn wir die Geschichte hunderttausend Jahre zurückdrehen und neu ablaufen lassen würden, würde die Menschheit wieder bei Postleitzahlen landen? Bei Post überhaupt? Oder würde irgendwas komplett anderes passieren?«

Quelle: Schöne Tweets, die man lesen sollte (I) von @noemata auf Der Lampiongarten

Fast wie Ferien

Was für wunderbare Tage mit dem Liebsten! Ich bin so dankbar.

Am Freitag Zürich. Zuerst ein kleiner Schlenker über Höngg, meinem alten Stadtteil (lange her, aber noch immer fühlt es sich ein wenig wie Heimkommen an). Von dort aus mit dem 13er-Tram an den Bahnhof. Ins Landesmuseum. Die Bilder-Ausstellung von Büne Huber, dem Patent Ochsner-Bandleader, die noch bis Ende Woche zu sehen ist, lohnt sich. Sehr!

Danach mit dem Touri-Linienboot ans Zürichhorn. Im Park spazieren und abhängen. Den Booten zuschauen. Beim Chinesen fastfooden.

Am Abend genoßen wir eins der einzigen vier Konzerte die Patent Ochsner dieses Jahr spielen. Aber was für eins! (Von den beiden besoffenen Tratschtussen ein paar Reihen hinter uns einmal abgesehen.) Unique Moments – der Titel passt zur Tournee. Das Sahnehäubchen war ein Gespräch mit der Band-Bassistin Monique, die gleichzeitig wie wir die Ausstellung besucht hat. Ein tolles kleines Gespräch über die Wirkung von Songtexten, Bildern, Metaphern und was berührt und warum. (Und ihre Warnung vor Zeckenbissen am Hallwylersee, den wir beide mögen, werde ich mir zu Herzen nehmen).

Am Samstag der Sonnenberg. Ein tolles Ziel für den Beginn eines neuen Lebensjahres. Eine wunderschöne Wanderung in die Weite, in die Höhe, durch halbwegs kühlen Wald, steil bergan.

Am Abend schließlich ein bierseliges Pizzapicknick am Rheinufer. Mit der lieben Frau Rebis, die auf ihrer Radtour durch die Nordschweiz unsere Wege kreuzte. Das erste kurze Rheinbad des Jahres. Dazu Amberbier vom Kloster Ittingen. Herz, was willst du mehr?

Die Lägern ersteigen vielleicht? Am Sonntag aber erst, weil wir am Samstag dazu zu schlapp gewesen sind. Ein erstes Lägernstück jedenfalls – zugleich unsere erste Jurahöhenweg-Etappe. Fünf Kilometer bergauf, fünf bergab, je dreihundert Höhenmeter rauf und runter – eine Rundwanderung vom feinsten. So langsam bin ich bereit für die nächste Fernwanderung!

Wenig Internet, viel Natur, viel blauer Himmel, viel Luft, viel Liebe … Tut das gut! So kann ich mich einfach am besten erholen.